| | Geschichte der Slavistik in Hamburg Die Bedeutung der Slavistik wurde in Hamburg erst relativ spät erkannt, obwohl allein die geopolitische Lage der Stadt und die daraus resultierenden Schiffahrts- und Handelsbeziehungen einen enormen praktisch-aktuellen Impuls in dieser Richtung hätten darstellen sollen. So existierte bereits seit 1872 die Ost-Sibirische Handels-Gesellschaft, und insbesondere der Spirituosenhandel mit den östlichen Nachbarn machte die rein praktische Auseinandersetzung mit im Grunde slavistischen Problemstellungen unumgänglich. Später kam ein ähnlicher Impuls aus der wissenschaftlich-historischen Richtung, als nämlich erkannt wurde, daß die besonders in der Osteuropa betreffenden Geschichtsschreibung vorhandenen Lücken ein ernstes wissenschaftliches, wirtschaftliches und politisches Hindernis darstellten. Von wissenschaftlicher Seite her setzten sich besonders die Indogermanisten für eine Entwicklung der Slavistik ein (vgl. dazu Karl Krumbachers Denkschrift "Der Kulturwert des Slavischen und die slavische Philologie in Deutschland"). 1914 wirkte jedoch hauptsächlich das wirtschaftliche Argument, als die Hansestadt dem vier Jahre vorher gegründeten Kolonialinstitut am 18. März eine Professur für die Kultur und Geschichte Rußlands bewilligte. Die Berufung des zwar nicht habilitierten, aber lehrerfahrenen Richard Salomon (1884-1966) erwies sich als außerordentlich gewinnbringend für die junge Wissenschaft, da Salomon sein Forschungsgebiet nicht etwa auf das Russische Reich beschränken, sondern vielmehr auf das gesamte Osteuropa ausdehnen wollte. Dies schlug sich 1917 in der Umbenennung seiner Wirkungsstätte in "Osteuropäisches Seminar" nieder. Bevor es allerdings dazu kam, ruhte die wissenschaftliche Arbeit bedingt durch Salomons Einberufung zum Heeresdienst (1914-1916) geraume Zeit. Erst 1915/16 konnte er wirklich das Seminar eröffnen. Dies wurde durch einen großzügigen Etat und einen aktiven Schriftenaustausch mit Rußland begünstigt. Zwei spätere Rußlandreisen Salomons (1925, 1929) und ein Besuch von von D.N. Egorov in Hamburg (1928) förderten es weiter, und mit Fritz T. Epstein konnte ein sachkundiger Betreuer gefunden werden, wobei sich die Personalsuche problematisch gestaltete. Wegen des Krieges konnte kein Russischlektor russischer Nationalität angestellt werden. Trotzdem gelang es, für diese Aufgabe zumindest einen früher im Hamburger Schuldienst tätigen baltischen Lehrer zu gewinnen und auch einen Polnischlektor ausfindig zu machen. Als 1919 endlich die Universität Hamburg gegründet wurde, hatte die Slavistik dort sofort einen gesicherten Stand. Sie wurde Promotionsfach, 1961 dann auch Magisterfach. Trotzdem war die Zahl der Hörer der Veranstaltungen anfangs eher gering, was sich im Nachwuchs- und Assistentenmangel niederschlug und auch aus der geringen Zahl der slavistischen Dissertationen bis Anfang der 50er Jahre (fünf) hervorgeht. Erst 1926 kam der oben schon erwähnte F.T. Epstein nach Hamburg. Nachdiem dieser 1931 nach Frankfurt gegangen war, konnte Eberhard Tangl (1897-1979) für die Arbeit an der Universität Hamburg gewonnen werden. Er übernahm die Übungen im Altkirchenslavischen, Russischen sowie Serbokroatischen und legte damit den Grundstein für den slavistischen Lehrbetrieb. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte für die Slavistik gravierende Folgen. 1933 wurde Salomon die Verwaltung des Seminars entzogen. Ein Jahr später war er gezwungen, seine akademische Tätigkeit völlig einzustellen. weitere drei Jahre später emigrierte er in die USA. Seine Professur wurde zugunsten einer Professur für Wehrkunde eingespart. Das Osteuropäische Seminar selbst wurde in eine Abteilung des Historischen Seminars umgewandelt. Diese Regelung blieb selbst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges erhalten und brachte eine dauerhafte Trennung der osteuropäischen Geschichte von der Slavistik mit sich. Während 1946 erneut ein Slavisches Seminar geschaffen wurde, konnte erst 1967 ein Ordinariat für - überdies moderne - osteuropäische Geschichte erwirkt werden, welches mit K. D. Grothusen (1928-1994) besetzt wurde. Damit wurde entgegen allen Bemühungen Salomons der praktisch-aktuelle Aspekt der Wissenschaftsdisziplin institutionalisiert, der wissenschaftlich-historische jedoch aus dem Mittelpunkt der Betrachtung ausgeblendet. Nach der Umhabilitierung von Friedrich Wilhelm Neumann (1899-1979) nach Hamburg und der Erteilung von Lehraufträgen an Holm Bielfeldt (1907-1987) eröffnete ersterer am 5.6.1946 mit seinem Vortrag "Stand und Aufgaben der deutschen Slavistik" das neue Slavische Seminar. Neumanns Konzept beinhaltete die Vorstellung von der Slavistik als umfassender Kulturwissenschaft, die gleichberechtigt neben Anglistik und Romanistik zu stehen und Verbindung zu anderen Wissenschaften, wie Germanistik, Pychologie oder Kunstgeschichte, zu halten hatte. Nachdem 1943 im Luftangriff auf Hamburg ein Großteil des gesammelten bibliographischen Materials vernichtet worden war, wurde erneut mit dem Aufbau einer Bibliothek begonnen. Trotz aller Anstrengungen konnte erst 1952 ein Ordinariat für Slavistik durchgesetzt werden, das 1953 von Vsevolod Setchkareff (*1914) übernommen wurde. Er richtete den neuen Lehrstuhl wesentlich stärker auf das Russische und die Literatur aus. Außerdem setzte er sich für eine Zulassung des Russischen im Gymnasial- und Lehramtsexamen ein. So erteilte er u.a. an Hamburger Schulen Russischunterricht. Gleichzeitig mit Setchkareffs Berufung wurde ein Lektorat für Polnisch erwirkt. Bereits seit 1949 wurde auch Bulgarisch unterrichtet. Diese Aspekte bilden den Grundstein auch für eine quantitative Entwicklung der Slavistik in Hamburg. Diese positive Entwicklung erfuhr jedoch durch Setchkareffs Weggang an die Harvard University eine jähe Unterbrechung. Das Ordinariat wurde erst am 1.4. 1959 durch Dietrich Gerhardt (*1911) erneut besetzt. Die Zahl der Lektorate erhöhte sich auf fünf. Neben zwei russischen existierten damit ein polnisches, ein tschechoslovakisches und auch ein serbokroatisches Lektorat. Durch Lehraufträge und Gastvorträge wurde der Unterricht des Bulgarischen und des Slovenischen gesichert. Nach der Pensionierung von E.Tangl (1965), der 1949 von Neumann die Leitung des Slavischen Seminars übernommen hatte, konnte dessen Stelle als Ordinariat weitergeführt werden. Es wurde von Johannes Schröpfer (1909-1996) übernommen, der von 1964 bis 1972 die "Zeitschrift für den Russischunterricht" herausgab und betreute. Als Nachfolger Johannes Schröpfers wurden Christiaan Alphonsus van den Berk (1975), Daniel Weiss (1982-1988) und Volkmar Lehmann (seit 1991) berufen; als Nachfolger Dietrich Gerhardts Wolf Schmid (seit 1978). Wissenschaftlicher Oberrat Dr. Alois Schmücker (*1932) vertrat bis zu seinem Tod im Jahre 1996 mit großer Autorität das Kirchenslavische, aber auch die ältere und neuere russische Literatur. Frau Professor Irena Nowikowa (*1919) unterrichtete, wie auch Herr Professor Günther Kratzel (*1925), zunächst im Rahmen eines Lektorats russische Sprache und Literatur. Frau Nowikowa wurde 1984 pensioniert. Herr Professor Kratzel verlegte seine Lehrtätigkeit später bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1987 auf die slavische Geistesgeschichte. Die Bibliotheksausstattung wuchs bis heute auf über 75.000 Bestände an; die Zahl der Hörer betrug seit Beginn der 70er Jahre etwa 250 (vgl. D. Gerhardt: Die Slavistik in Hamburg bis 1973, in: Materialien zur Geschichte der Slavistik in Deutschland. Teil 1. Berlin 1982, S. 117-133) und ist seit Anfang der 80er Jahre einschließlich der Magistranden und Doktoranden auf etwa 400 gestiegen. Text: Peter Hill |