


Uni HH - Fachbereich 07 SLM - Arbeitsstellen - Arbeitsberichte 1994-1997

Die Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur (HAfdE) integriert Forschungstätigkeit mit universitärer Ausbildung. Die Basis dieser Arbeit sind die Bibliothek und das Archiv, die Zeitschrift "Exil" sowie verschiedene Forschungsprojekte.
Ende 1996 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Weiterförderung des zentralen Forschungsprojekts der HAfdE, des von Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider (alle Berlin) und mir gemeinsam betreuten "Biographischen Lexikons der verfolgten/exilierten deutschsprachigen Theaterkünstler 1933 - 1945". Wir haben infolgedessen in den zurückliegenden drei Jahren unsere Anstrengungen im wesentlichen auf die Weiterführung und den Abschluß dieses Vorhabens konzentriert. Die Federführung (Arbeitsorganisation, Datenerfassung, Erstellung der Druckfassung) liegt dabei in Hamburg.
Die Förderung durch die DFG wird Ende März 1998 auslaufen. Anschließend wird das Manuskript an den Verlag gehen. Die mit dem Projekt befaßten Mitarbeiter sind Dr. Dieter Wenk (Hamburg, DFG-gefördert), Dr. s.c. Bärbel Schrader (Berlin, DFG-gefördert) und Dr. Ingrid Maaß (HAfdE, BAT II a). Im Verlauf der nunmehr gut fünfjährigen Arbeit an dem Projekt hat sich ein weitgestreutes Netz von Kooperationspartnern im In- und Ausland herausgebildet. Dadurch wurde die Durchführung des Projekts wesentlich erleichtet.
Das "Biographische Lexikon" stellt den zweiten Teil des "Handbuchs des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 - 1945" dar.
Den ersten Teil ("Verfolgung und Exil deutschsprachiger Theaterkünstler 1933 - 1945") bildet eine Überblicksdarstellung zur Entwicklung des Exiltheaters 1933 - 1945. Dieser Band befindet sich bereits beim Verlag und wird im Frühjahr 1998 bei K. G. Saur München erscheinen.
Das Zentrum des Projekts bildet eine EDV-gestützte Datei zur Theatertätigkeit im Exil 1933 - 1945. In ihr sind die Namen von ca. 5.000 Theaterkünstlern erfaßt, die nach 1933 Deutschland verlassen mußten bzw. mit Berufsverbot, Haft oder vergleichbaren Repressionen belegt wurden. Ihre Tätigkeit ist nach Aufnahmeländern, Sparten (Sprechtheater, Musiktheater, Tanztheater, Figurentheater, Kabarett, Theaterpädagogik, Film, Rundfunk), den entsprechenden Berufsfeldern und nach Ensembles bzw. Bühnen spezifiziert. Insgesamt umfaßt die Datei z.Z. ca. 24.000 Datensätze. Die Angaben können über entsprechende Suchprogramme bzw. Indices abgefragt werden.
Die Basis der Datei bilden zum einen Recherchen in in- und ausländischen Archiven (Document Center Berlin, Bundesarchiv Berlin, Akademie der Künste Berlin, Theaterarchiv Bern, Theatermuseum Tel Aviv, Theatermuseum Amsterdam u.a. mehr), zum anderen Literaturrecherchen. Die Archivrecherchen wurden von Frau Dr. Schrader u.a. (Dr. Michael Philipp [HAfdE], Dr. Yfaat Weiß, Tel Aviv; Horst J. P. Bergmeier, Apeldoorn) durchgeführt, die Literaturrecherchen von den Mitarbeitern der HAfdE. Die Dateneingabe erfolgte durch studentische Mitarbeiter; die rd. 3.500 bislang vorliegenden Lexikonartikel wurden von Dr. Dieter Wenk verfaßt. Über Einzelaspekte des Projektes wurde verschiedentlich auf Tagungen (Paris, Wien, Berlin, Wuppertal, Konstanz) berichtet.
Einzelne Teilergebnisse liegen inzwischen in Form von Spezialstudien vor:
Michael Philipp: Nicht einmal einen Thespiskarren. Exiltheater in Shanghai 1939 - 1947. Hamburg 1996 (= Schriftenreihe des P. Walter Jacob-Archivs. Bd. 4), 214 S.
Hans Schubert/Mark Siegelberg: "Die Masken fallen" - "Fremde Erde". Zwei Dramen aus der Emigration nach Shanghai 1939 - 1947. Hrsg. von Michael Philipp u. Wilfried Seywald. Hamburg 1996 (= Schriftenreihe des P. Walter Jacob-Archivs. Bd. 5), 142 S.
Andere Studien, z.T. Examensarbeiten der am Projekt beteiligten studentischen Mitarbeiter, liegen derzeit in druckfertiger Form vor und werden noch 1997 in der "Schriftenreihe des P. Walter Jacob-Archivs" erscheinen:
Birgit Radebold: Exiltheater in der Tschechoslowakei und in Großbritannien am Beispiel von Erich Freund und Heinz Wolfgang Litten.
Annegret Lemmer: Die "Freie Deutsche Bühne" in Buenos Aires 1940 - 1965.
Horst J. P. Bergmeier: Die deutsche Kleinkunst in den Niederlanden 1933 - 1944. Eine Chronologie.
Gunda Weiland: Die "Players from Abroad".
Die Bibliothek der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur befindet sich im Carl von Ossietzky Lesesaal der gleichnamigen Staats- und Universitätsbibliothek. Sie beherbergt die umfangreichste Sammlung deutschsprachiger Exilliteratur 1933 - 1945, die an einer deutschen Universität vorhanden ist, insgesamt 18.300 Medieneinheiten. Darunter befinden sich zahlreiche Rarissima. Leiterin der Bibliothek ist Dr. Angela Graf.
Während des Berichtszeitraums wurde mit der retrospektiven Katalogisierung des Bestandes und der Eingabe in den Verbundkatalog der norddeutschen Bibliotheken (PICA) begonnen. Gegenwärtig sind rd. 9.000 Datensätze eingegeben. Es wurden 618 Personen-Normdatensätze angelegt. Die außerordentliche Anstrengung bei der EDV-gerechten Erschließung des Bestandes schlägt sich in einem deutlichen Anstieg der Benutzerzahlen und der Ausleihen nieder. Durch Unterstützung seitens des Fachbereichs Sprachwissenschaften gelang es außerdem, die ...ffnungszeiten der Bibliothek auszudehnen.
Die Erschließung des P. Walter Jacob-Archivs und der ihm zugeordneten Bestände, der Ausbau des Personalarchivs und die Erfassung des historischen Zeitungsausschnittarchivs durch EDV-gestützte Dateien wurden während des Berichtszeitraums fortgesetzt. Eine von Dr. Ingrid Maaß verfaßte Archivbeschreibung liegt druckfertig vor und wird 1997 in der "Schriftenreihe des P. Walter Jacob-Archivs" als Broschüre erscheinen.
Wie in den vergangenen Jahren auch wurde von der HAfdE während des Berichtszeitraums die Zeitschrift "Exil", eine Halbjahreszeitschrift, betreut (Texterfassung und Redaktion). Die Zeitschrift erscheint gegenwärtig im 17. Jahrgang. Sie wird von nahezu allen bedeutenden Universitäten des In- und Auslandes geführt.
Während des Berichtszeitraums verzeichnete das P. Walter Jacob-Archiv eine Reihe wertvoller Zugänge.
Von erheblicher Bedeutung ist der Archivbestand der ehemaligen Stockholmer Koordinationsstelle für deutsche Exilliteratur (Prof. Dr. Helmut Müssener). Er enthält die in Stockholm verbliebene Korrespondenz Walter A. Berendsohns sowie eine Sammlung seiner unselbständigen Schriften. Berendsohn, der Begründer der literaturwissenschaftlichen Exilforschung, war bekanntlich bis zu seiner Entlassung Professor an der Universität Hamburg. Der Bestand verstärkt die ideelle Bindung der HAfdE an die Person und das Werk Walter A. Berendsohns. Die von Stockholm nach Hamburg übertragenen Materialien umfassen außerdem eine Vielzahl originaler Manuskripte sowie Dokumente aus den verschiedenen Exilzentren.
Ein zweiter umfangreicher Bestand wurde der HAfdE von Prof. Werner Mittenzwei übertragen. Er enthält Materialien zum Exiltheater in der Sowjetunion (Fotos sowie autobiographische Aufzeichnungen von Sylta Busse, Helmut Damerius, Janos Reismann und Hermann Greid), zum Exiltheater in der Schweiz (zur Person und Tätigkeit von Jo Mihaly, Fotos von Inszenierungen des Zürcher Schauspielhauses), einen Teil des Nachlasses des SAP-Politikers Jakob Walcher, darunter umfangreiche politische Aufzeichnungen, einen Teilbestand des Nachlasses von Clément Moreau/Carl Meffert, darunter zahlreiche Holzschnitte und politische Karikaturen aus der Zeit von Moreaus argentinischem Exil, sowie Tonbänder von Interviews, die Werner Mittenzwei mit Erich Engel, Sylta Busse, Wolfgang Heinz, Clément Moreau, Hermann Scherchen u.a. geführt hat. Hinzu kommen seltene Zeitschriften aus dem Schweizer und dem argentinischen Exil, Flugblätter und andere Materialien. Insgesamt stellen diese Materialien eine beträchtliche Erweiterung unserer Sammlungsschwerpunkte zum Exiltheater und zum Exil in Südamerika dar.
Die Personalausstattung der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur (1 Hochschullehrer, 1 wiss. Mitarbeiterin [Halbtagsbeschäftigung], 1 Bibliothekarin [Halbtagsbeschäftigung], 1 Angestellte TVP [Halbtagsbeschäftigung]) ist unverändert. Zur Verstärkung der universitären Ausbildung im Bereich der Exilforschung hat der Institutsrat des Literaturwissenschaftlichen Seminars inzwischen jedoch die Zuweisung einer Assistentenstelle an die HAfdE nach dem Auslaufen der z.Z. von Frau Dr. Maaß besetzten Stelle beschlossen. Damit wird eine seit vielen Jahren bestehende Zusage erfüllt.
Hamburg, September 1997
Prof. Dr. Frithjof Trapp, Leiter der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur
Letzte Änderung: 24. Februar 1998
HTML von John King

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