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Arbeitsstelle für
Graphische Literatur (ArGL)


1. Ringvorlesungen
2. Ausstellung
3. Tagung
4. Publikationen und Vorträge
4.1.1. Berichte, Artikel und Aufsätze
4.1.2. Rezensionen
4.2.1. Vorlesungsreihen
4.2.2. Einzelvorträge

Der folgende Arbeitsbericht der Arbeitsstelle für Graphische Literatur für den Zeitraum April 1992 bis März 1994 ist der erste dieser Art, den die ArGL seit ihrer Überführung aus dem zeitlich befristeten Projektstatus in den Status einer ordentlichen Arbeitsstelle im Januar 1993 abzugeben hat. Vielfalt der aufgeführten Aktivitäten und erkennbare Schwerpunktsetzung in der Forschungstätigkeit stehen darin als Beleg einer phantasievollen und leistungsfähigen Zusammenarbeit. Es sei daran erinnert, daß es sich im Rahmen der ArGL um die Kooperation einer in dieser Zusammensetzung ungewöhnlichen Gruppe von WissenschaftlerInnen handelt: Aus der studentischen Initiative, die das Projekt vor knapp fünf Jahren auf den Weg gebracht hat, ist durch die Unterstützung der verantwortlichen Hochschullehrer und ihre Mitarbeit an den ursprünglichen und den diesen folgenden Forschungsvorhaben inzwischen eine Gruppe von Mitarbeitern geworden, die vom Professor bis zum Examenskandidaten alle Niveaus akademischer Forschung repräsentiert. Ohne dieses Fundament wäre die Durchführung einer Darstellung und Diskussion der Arbeitsergebnisse der ArGL, wie sie z.B. im Rahmen der Internationalen Tagung "Ästhetik des Comic" im Jahr 1994 erfolgt ist, nicht möglich gewesen.
Nachdem auch die verwaltungsjuristischen Bedenken gegen eine so neuartige, kooperative Organisation akademischer Forschung nunmehr ausgeräumt zu sein scheinen, bleibt zum Abschluß dieser Einleitung unseres Berichts der Hinweis auf einen bemerkenswerten und bedenklichen Mangel: Vom Aufbau der Spezialbibliothek und des Archivs zur Geschichte der Comics, zusammengefaßt unter dem Namen "Bédéthek", kann aus zwei Jahren wenig Neues berichtet werden. Die Erschließung des nachwievor großzügig gespendeten Materials, insbesondere von Dokumenten aus Autorenagenturen und Verlagen, sowie die Katalogisierung der vorhandenen Bestände an Comicliteratur ist durch die MitarbeiterInnen auch unter erheblichem Einsatz ihrer Freizeit nicht zu bewerkstelligen. Diese Stagnation beeinträchtigt alle übrige Arbeit insofern, als nicht ersatzweise auf diese Literatur an anderen, besser organisierten Standorten zurückgegriffen werden kann. Alle künftigen Vorhaben werden immer mehr unter dem Vorbehalt stehen, daß diesem Problem Abhilfe geschaffen wird.

1. Ringvorlesungen

Die Ringvorlesungen "Perspektiven der Comic-Forschung" und "Comic als Medium", die die ArGL in den Sommersemestern 1992 und 1993 im Allgemeinen Vorlesungswesen der Universität Hamburg veranstaltet hat, dienten im wesentlichen der Vorstellung der in der ArGL entwickelten Forschungskonzepte sowie der Sammlung und Bündelung bereits vorliegender Arbeiten zum Thema.
Ausgehend von der Feststellung, daß es im deutschsprachigen Raum bis dato keinerlei breiter angelegte und vor allem interdisziplinär ausgerichtete Untersuchungen zur Ausdrucksform Comic gegeben hat, erschien es den Organisatoren vorrangig, die begrifflichen und methodologischen Essentials zu klären, die jedem spezifizierten Diskurs über Comic (soweit er sich als wissenschaftlich versteht) zugrunde liegen sollten: Wie funktioniert das Zeichensystem? Wie läßt sich der besondere Charakter der Text-Bild-Interaktion im Comic beschreiben, und wie unterscheidet sich diese von Repräsentationsverfahren, die z.B. der Schriftliteratur und der Bildenden Kunst, aber auch anderen Text-Bild-Medien wie Bildergeschichte, Film oder (moderner) Zeitung zugrundeliegen? Anders, als das vermutlich noch in den 70er Jahren der Fall gewesen wäre, war unter den ReferentInnen ein erfreulicher Konsens festzustellen, Comic überhaupt als eigenständige Ausdrucksform zu begreifen, deren performatives Potential demjenigen anderer ästhetischer Systeme nicht zwangsläufig nachsteht: Vielmehr zeigt sich jetzt, wie die Rede vom "restringierten Code der Comics" eher auf jene methodischen Verengungen zurückzuführen ist, die die Fächerstruktur an deutschen Universitäten mit sich bringt, als auf eine objektive Formdefizienz. So hatte z.B. die Literaturlinguistik die "Sprache" des Comic in Gestalt seiner schriftsprachlichen Anteile (etwa in Sprechblasen und Blocktexten) analysiert und zutreffend festgestellt, daß die Ausdrucksbreite im Vergleich zu Prosa- oder Lyriktexten regelhaft verknappt sei. Demgegenüber erinnerten sowohl die Vertreter narrationstheoretischer als auch linguistischer oder semiotischer Ansätze daran, daß sich die Repräsentationsleistungen von Comics nur in der Zusammenschau von Schrift- und Bild-Zeichen und deren gegenseitiger Durchdringung erschließen. Der Angelpunkt einer Comic-Semiotik scheint sogar in der weitgehenden Transformation klassischer Signifikant-Signifikat-Relationen zu bestehen, in deren Zuge z.B. Buchstabenkonturen semantisch aufgeladen und Bilder zu Textsegmenten werden. Das Ergebnis ist eine kontrollierte Flexibilisierung der Prinzipien zur Signifikantenverkettung (Sequentialität / Simultaneität) u.d.h. die Auflösung der kunsttheoretisch teils ja bis heute kanonischen Gleichungen "Schrift = sequentiell = arbiträr" und "Bild = simultan = ikonisch".
Man war sich darüber einig, daß diese Prozesse systematisch analysierbar sind und die Comic-Rezeption eine erlernbare und anderen Kulturtechniken (hinsichtlich Komplexität der Welterschließung) durchaus vergleichbare kommunikative Kompetenz darstellt. Das bedeutete allerdings nicht, daß die Maximalforderung einiger Referenten aus der ArGL, die Rede von Schrift- und Bild-Zeichen für den Comic ganz zu verabschieden und durch ein integriertes Modell "Comic-Zeichen" zu ersetzen, auf allgemeine Zustimmung gestoßen wäre. Darin spiegelte sich ein grundlegender Dissens über die Frage, inwieweit der modernisierungsinhärente Wahrnehmungswandel in einen allgemeinen semiotischen Umbau mündet oder lediglich in eine Verbreiterung der Medienperipherie, oder anders gesagt: Inwieweit die vom Comic abgeforderten Kommunikationskompetenzen nicht letztlich sogar paradigmatisch die in der Moderne so radikal umgestülpten individuellen und kollektiven Lebenspraxen reflektieren oder sie eben nur akzidentiell begleiten.

2. Ausstellung

Etwa 180 Exponate aus den Beständen der Bédéthek der ArGL und der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky sowie aus privaten Leihgaben präsentierte die ArGL im Rahmen der Ausstellung "Der Comic - ein Medium im XX. Jahrhundert" vom 18. Mai bis 14. Juni 1993 im Foyer der SUB. Der interessierten Öffentlichkeit wurde so Aufschluß gegeben über die Ergebnisse der Forschungsarbeit in der ArGL, aber auch ein Eindruck vermittelt von der Vielfalt des in der Bédéthek erschlossenen Materials.
Formale Voraussetzungen des Mediums in der Geschichte des Zeitungswesens besonders der U.S.A. im vorigen Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf die Produktionsverhältnisse der neuen Ausdrucksform wurden in der Präsentation Beispielen für den Wahrnehmungswandel am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gegenüberstellt.
Gezeigt werden sollte, wie die Erfahrung von 'Bewegung' in einer komplizierter gewordenen Wirklichkeit herkömmliche kulturelle Ausdrucksformen vielfach vor grundsätzliche Probleme gestellt und einen Medienwechsel nach sich gezogen hat, in dessen Frühphase die Entstehung des Comic um 1895 fällt.
Der abschließende dritte Teil der Ausstellung hatte in der Gegenüberstellung des Comic mit scheinbar verwandten Formen wie z.B. Film oder Bildergeschichte zum Thema, Unterschiede plakativ herauszustellen und verbreitete Vorurteile (Stichwort: Comic = 'Film auf Papier') anschaulich auf ihren Ursprung zurückzubringen: die Unkenntnis.

3. Tagung

Die Tagung "Ästhetik des Comic" wurde als Fachtagung mit ReferentInnen aus dem In- und Ausland vom 24. bis 27. März 1994 von der ArGL veranstaltet. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte die Tagung mit Finanzmitteln im Umfang von ca. DM 20 000.
Ziel der Tagung war, einen Beitrag zur ästhetischen Theoriebildung im Bereich und am Gegenstand des Comic zu leisten und zu diesem Zweck spezifische Merkmale des Erzählens, wie sie Zeichensystem und Darstellungsverfahren des Comic bedingen, im Zusammenhang zu behandeln. Darüber hinaus standen Entstehung und Entwicklung des Comic im historischen Kontext des Kultur- und Medienwandels in der Moderne im allgemeinen zur Debatte.
Dieser Zielsetzung entsprechend war die Tagung thematisch nach drei Schwerpunkten gegliedert, nämlich: "Comic als Erzählform", "Comic als Zeichensystem", "Comic als Ausdruck der Moderne". Diese Schwerpunkte bestimmten die Referatsthemen und anschließenden Diskussionen an jeweils einem Tag.
Die - durchweg gut besuchten - öffentlichen Abendvorträge dienten der Darstellung der Tagungsthemen gegenüber einem größeren Publikum, als dies im Rahmen der kolloquialen Veranstaltungen zu erreichen war.
Die Tagung wurde im Rahmen einer ausführlichen Zusammenfassung ihrer Ergebnisse von abschließend allen TeilnehmerInnen als Erfolg gewürdigt und vor allem im Hinblick auf Möglichkeiten zur Forschungskooperation als grundlegend eingeschätzt.
Insgesamt hatte die Tagung 45 TeilnehmerInnen. Als ReferentInnen waren geladen aus dem Ausland: D. Barbieri (Bologna), G. Cuccolini (Mantua), P. Lefèvre (Bruxelles), C. Moliterni (Paris), O.K. Werckmeister (Evanston/Chicago); aus dem Inland: F. Breithaupt (Berlin), K. Clausberg (Lüneburg), D. Dath (Freiburg), H. Holländer (Aachen), K. Hoffmann-Curtius (Tübingen), H. Mehrtens (Braunschweig), G. Seeßlen (Pforzen), S. Wenk (Berlin und Oldenburg).
Ein Dokumentation der Tagung mit allen Referaten und Vorträgen sowie den Ergebnissen der einzelnen Diskussionen ist zur Zeit in Vorbereitung und erscheint Sommer 1995 in der Edition b + k, Marburg / Hagen.

4. Publikationen und Vorträge

4.1.1. Berichte, Artikel und Aufsätze

4.1.2. Rezensionen

4.2.1. Vorlesungsreihen

4.2.2. Einzelvorträge

Prof. Dr. Günther Dammann, Jenz Balzer, Ole Frahm