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Hamburger Arbeitsstelle des Goethe-Wörterbuchs
1. Gegenstand, Ziele
2. Zur Geschichte
3. Organisation der Wörterbucharbeit
4. Weitere Aufgaben
5. Publikationsstand
6. Lehrangebot
Mit dem Goethe-Wörterbuch, das seit 1966 kontinuierlich in Lieferungen erscheint, wird ein langgehegter Wunsch der Germanistik erfüllt. Auf das Gesamtwerk des Dichters, Übersetzers, Kritikers, Naturforschers, Staatsbeamten und Privatmannes Goethe bezogen, strebt das Wörterbuch Vollständigkeit in der Erfassung der Wörter (gut 90.000) wie auch in deren Bedeutungsbeschreibung an. Der spezifischen Aufgabe, das Individuelle und Besondere des Goetheschen Sprachgebrauchs herauszuarbeiten, dient eine offene, nuancierende Beschreibungsmethodik in Verbindung mit reichhaltigen Textzitaten und Stellenbelegen. Die auf die jeweiligen Kontexte, Motivationen und Intentionen des Gebrauchs gerichtete Interpretation führt über die Wortsemantik oft hinaus auf kommunikativ-pragmatische Aspekte wie Emotionalität, Attitüde, Wertung oder Appell, die mit der aktuellen Redesituation, der jeweiligen Autor- oder Figurenperspektive und mit der Orientierung auf Leser und Publikum zusammenhängen. Für ein besseres Verständnis des Wortgebrauchs sorgen gelegentliche Hinweise auf zeitgeschichtliche oder literarische Bezüge, auf spezielle Bildungsinhalte oder Begriffssysteme. Bei gewichtigen Wörtern informiert meist ein Vorspann etwa über die Schwerpunkte und Verschiebungen des Gebrauchs. Am Schluß des Artikels machen Verweise auf zugehörige Wortbildungen und sinnverwandte Wörter auf Strukturen im Wortschatz aufmerksam.
Als umfassendes Instrument zum präzisen Textverständnis dient das Goethe-Wörterbuch zunächst Interpreten, Kommentatoren und Übersetzern. Mit der lexikographischen Darstellung dieser hochentwickelten, nahezu alle Bereiche des kulturellen, wissenschaftlichen und politisch-gesellschaftlichen Lebens der Zeit reflektierenden Individualsprache wird zugleich eine der wichtigsten Epochen der deutschen Sprachgeschichte, der Übergang zum modernen Deutsch, repräsentativ veranschaulicht. Aufgrund der Dichte der semantischen Beschreibung erschließt das Wörterbuch zudem weitgehend die Lebens-, Sach- und Begriffswelt des Autors und seiner Zeit und eröffnet damit Auswertungsmöglichkeiten für eine Reihe weiterer historischer Disziplinen.

Der Zusammenhang von Dichtung und Leben kann am Beispiel des Stichworts Freiheitsbaum verdeutlicht werden. Zu dem Gegenstand gibt es eine Federzeichnung Goethes auf der (durchscheinenden) Rückseite seines Briefes an die Herders vom 16. Oktober 1792 aus Luxemburg, wohin er über Verdun und Longwy auf dem von heftigem Regen begleiteten Rückzug der alliierten Interventionstruppen gelangt war. Der mit Jakobinermütze und (Trikolore-)Bändern geschmückte Baum trägt die Schilder "Cette terre est libre" und "Chemin de Paris". Im Brief heißt es: "Aus der mehr historischen und topographischen als allegorischen Rückseite werden Ew. Liebden zu erkennen geruhen, was für Aspecten am Himmel und für Conjuncturen auf der Erde gegenwärtig merkwürdig sind." Man sieht links die untergehende Sonne mit der Bourbonenlilie, rechts die Mondsichel offenbar mit dem Reichsadler. Von Westen her peitscht Regen, so daß der Freiheitsbaum wohl zugleich die politische Grenze und die Wetterscheide markiert. Goethe verarbeitete das Thema der Französischen Revolution dann u.a. in der Komödie Der Bürgergeneral (1793), worin der Agitator Schnaps die Revolution auf dem Dorfe einzuführen versucht und von der Errichtung des Freiheitsbaums träumt, und in dem Epos Hermann und Dorothea (1798), wo der Ausdruck Bäume der Freiheit gewählt ist.
Das Goethe-Wörterbuch wurde 1946, im Zuge der Rückbesinnung auf humanistische Traditionen, durch den klassischen Philologen und Goethe-Forscher Prof. Dr. Wolfgang Schadewaldt an der damaligen Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin begründet. Es entstanden Arbeitsstellen in Berlin (1947) mit Außenstelle Leipzig (1948), in Hamburg (1947 unter Prof. Dr. Ulrich Pretzel) und in Tübingen (1951). Sie hatten anteilig zunächst die langwierige Stichwort-Exzerption auf der Grundlage der 143bändigen Weimarer Ausgabe und ergänzender Editionen zu leisten; dabei übernahm die Berliner Arbeitsstelle die Abteilungen "Werke" und "Tagebücher", die Hamburger die "Briefe" und "Amtlichen Schriften", die Tübinger die "Naturwissenschaftlichen Schriften" und die "Gespräche". Über das so allmählich auf ca. 3,3 Mio. Exzerpte erweiterte Belegarchiv verfügt inzwischen jede der Arbeitsstellen vollständig. Nach vorbereitenden Wortmonographien, Modellartikeln und Einzelwerk-Wörterbüchern (z.B. zum Werther und - unvollendet - zum Götz) stand die Konzeption des Gesamtwerk-Wörterbuchs 1966 in den Grundzügen fest (vgl. Wolfgang Schadewaldts Einführung zu Bd. 1). Konzeptionelle und organisatorische Initiativen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, seit 1961 Trägerin der Hamburger Arbeitsstelle, brachten zu Beginn der 80er Jahre dann noch eine erhebliche Temposteigerung der Arbeiten. Dies ist ab Band 2 an der günstigeren Umfangsrelation erkennbar, erreicht vor allem durch sparsamere Belegdokumentation zugunsten expliziter Bedeutungsangaben.
Es ist im Rückblick erfreulich festzustellen, daß die Zusammenarbeit der drei Arbeitsstellen in der Exzerptions- wie in der Publikationsphase selbst in den Zeiten der Ost-West-Spaltung nie ernsthaft gestört war, so daß das Goethe-Wörterbuch - wie wenige andere wissenschaftliche Langzeitunternehmen - als eine gesamtdeutsche kulturelle Klammer funktionierte.
Die insgesamt 17 wissenschaftlichen Angestellten (Sollbestand) der drei Arbeitsstellen legen nach festen Richtlinien alle 10 Monate dem Verlag (W. Kohlhammer, Stuttgart) den Umfang einer Wörterbuchlieferung vor. (Durch Abgabe einheitlicher Druckvorlagen auf Diskette konnten die Druckkostenzuschüsse inzwischen erheblich gesenkt werden.) Pro Lieferung sind 40.000 Belege lexikographisch zu verarbeiten. Individuelle Interessen werden bei der Verteilung der Stichwort-Partien nach Möglichkeit berücksichtigt.
Ein wichtiger Garant für die anerkannt hohe Qualität des Goethe-Wörterbuchs ist die zweimalige Kritik eines jeden Artikels, einmal arbeitsstellenintern, zum anderen schriftlich durch eine externe Arbeitsstelle. Die jeweils redigierende Stelle sorgt für eine letzte mehr formale Abstimmung.
Die redaktionelle Verantwortung für eine Lieferung wechselt im Turnus zwischen den Arbeitsstellen. Etwa alle drei Jahre treffen sich die Mitarbeiter aller Arbeitsstellen zur Klärung konzeptioneller, methodischer und organisatorischer Probleme. Diese Redaktionskonferenzen haben vor allem die Funktion, das Rahmenkonzept des Wörterbuchs durch Einzelregelungen auszufüllen und gegebenenfalls Veränderungen vorzubereiten. Das nächste Treffen dieser Art ist für Mai 1994 in Hamburg vorgesehen.
An der Hamburger Arbeitsstelle sind fünf Wissenschaftler(innen) beschäftigt: Dr. Armin Giese, Gertrude Harlass, Priv.-Doz. Dr. Georg Objartel (Arbeitsstellenleiter), Elke Umbach, Dr. Dorothea Weiss-Schäfer (Halbstelle), ferner eine Verwaltungsangestellte (Juliane Kootz, halbtags) sowie vier studentische Hilfskräfte. Die Arbeitsstelle wird im Rahmen des Bund-Länder-Abkommens ("Akademienprogramm") je zur Hälfte aus Mitteln des Bundes und des Hochschulamtes der Behörde für Wissenschaft und Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert.
Herausgeber des Goethe-Wörterbuchs sind die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und die Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Den bei den Akademien eingerichteten, speziellen Kommissionen obliegt die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens. Vorsitzender der Göttinger Kommission ist seit 1977 Prof. Dr. Karl Robert Mandelkow (Hamburg).
Als ein Arbeitsinstrument von selbständigem Wert ist das Belegarchiv anzusprechen, zumal im Wörterbuch nur eine Auswahl der Belege präsentiert werden kann. Das Archivmaterial ist für die gesamte Alphabetstrecke durch eine Wortliste erschlossen, die ab dem Buchstaben F auch die quantitative Verteilung der Belege auf die einzelnen Textabteilungen (s. Abschnitt 2) aufzeigt. Ergänzend dazu gibt es eine rückläufig sortierte Wortliste, die alle linkserweiternden Wortbildungen im Zusammenhang bietet. Das Archiv steht mitsamt den Hilfsmitteln der Forschung zur Verfügung, sei es für eigene Ermittlungen, sei es für Auskünfte und Nachweise durch die Arbeitsstelle. Auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Materials insbesondere von literatur- und sprachwissenschaftlicher Seite kann nur nachdrücklich hingewiesen werden. Darüber hinaus erreichen die Arbeitsstelle laufend Anfragen aus der interessierten Öffentlichkeit, z.B. zum genauen Wortlaut und Fundort von Zitaten.Im Berichtszeitraum erschienen drei Lieferungen des dritten Bandes:- 3. Lieferung. Erdgeschichte - erreichbar, 1992 (Hamburger Anteile: Erdgeschichte - Erdhügel, erdig - Erdrinde, Erdrund - Erdtiefe, Erdvergleichung - Erdzunge, erfahren - Erfahrungswissenschaft, erfinden - Erfindungsvermögen, Erinnerer - erkecken, erregbar - erreichbar),
- 4. Lieferung. Erreichbarkeit - Fabel, 1993 (Hamburger Anteile: Erreichbarkeit - Erreichung, erscherzen - erschmeicheln, erstausgesprochen - erstprojektiert, erwachsen - erwartungsvoll, erwehren - erweiten, Experienda - Experimentierer),
- 5. Lieferung. Fabelbild - Feindseligkeit, 1993 (Hamburger Anteile: Fackel - Fackelzug, falsch - falsus, Färbchen - Farbvergleichung, Faß - fast, Faszikel - Faultier, Feier - Feigheit, feind - Feindseligkeit).
Zum Druck befördert wurden außerdem die Lieferungen 6 und 7, Lieferung 8 wurde in Arbeit genommen.
Sommersemester '93- Seminar Ia: Einführung in das Studium der Linguistik (Georg Objartel).
Es ist geplant, künftig etwa alle zwei Semester eine Lehrveranstaltung im Bereich der Ergänzungsseminare anzubieten, insbesondere zu den Themen Lexikologie, Lexikographie, historische Semantik, Sprachgeschichte des 18./19. Jahrhunderts, Sprache Goethes.Priv.-Doz. Dr. Georg Objartel