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Arbeitsstelle
Hamburgisches Wörterbucharchiv


1. Gegenstand und Aufgaben
2. Geschichte
3. Stand der Arbeiten
4. Perspektiven


1. Gegenstand und Aufgaben

Im Hamburgischen Wörterbucharchiv ist niederdeutsches Wort- und Spruchgut aus acht Jahrhunderten gesammelt. Die in Hamburger Quellen überlieferte mittelniederdeutsche Schriftsprache, die Verkehrssprache der Hanse, ist ebenso berücksichtigt wie die in späteren Jahrhunderten vielfach bezeugte literarische Mundart, die sich stärker am ortstypischen gesprochenen Niederdeutsch orientiert, sowie - in neuerer Zeit mittels Fragebogen und in direkten Befragungen erhoben - das gesprochene ortstypische Niederdeutsch selbst. Wichtiges Material haben darüber hinaus frühere dem Niederdeutschen Hamburgs verpflichtete Lexikographen beigesteuert (u.a. Michael Richey 1743 und 1755, Georg Nicolaus Bärmann um 1840, Christoph Walther um 1890). Damit liegt eine umfangreiche Sammlung von knapp einer Million Belegzetteln vor, die die historische Entwicklung des hamburgischen niederdeutschen Wortschatzes, seine regionale Differenzierung (Ortsmundarten) und vielfach auch seine sozialen und funktionalen Bindungen bezeugen. Mit dieser Sammlung sind folgende Aufgaben verbunden:
a) Die Arbeitsstelle gibt Auskünfte zur Sprach- und Kulturgeschichte Hamburgs. Unter Anleitung und Aufsicht erhalten Forscher auch direkten Zugang zum Material. In den vergangenen Jahrzehnten sind zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten unter Zuhilfenahme des Wörterbucharchivs entstanden. Auskünfte ergehen gleichenmaßen an Laien. Häufige Anfragen zielen auf Bedeutung und Etymologie einzelner Wörter (besonders Namenwörter) sowie auf volkstümliches Sprachgut.
b) Auf der Basis des gesammelten Materials wird das Hamburgische Wörterbuch erstellt. Das Werk ist auf vier Bände angelegt und erscheint sukzessive in einzelnen Lieferungen. Bisher sind der erste Band (A - E) und vier Lieferungen des zweiten Bandes publiziert. Das Wörterbuch erklärt den Wortgebrauch unter Berücksichtigung historischer, regionaler, sozialer und funktionaler Aspekte, es bietet - wo immer möglich - Satzbeispiele für einzelne Gebrauchsweisen, es verzeichnet Redensarten, Spruchgut, volkstümliche Reime und liefert Informationen zu kulturellen Gegebenheiten, soweit sie niederdeutsch benannt sind. Es ist Forschungsinstrument und Nachschlagewerk zugleich.

2. Geschichte

Die Arbeitsstelle wurde 1917 von Conrad Borchling und Agathe Lasch begründet und insbesondere von Frau Lasch außerordentlich gefördert. Frau Lasch selbst verzettelte ein nachgelassenes Wörterbuchmanuskript des Sprachforschers Christoph Walther und wertete zahlreiche historische Quellen aus, sie warb in Zeitungen und Zeitschriften für öffentliches Interesse an dem geplanten großen Hamburgischen Wörterbuch, führte Fragebogenerhebungen durch und befragte Informanten im direkten Gespräch. Daß sie 1934 als Jüdin aus dem Staatsdienst ausscheiden mußte, war der Beginn einer menschlichen Tragödie (Frau Lasch wurde 1942 in einem KZ ermordet), bedeutete zugleich einen unersetzbaren Verlust für die Arbeitsstelle. Der Nachfolger, Hans Teske, war nur wenige Jahre tätig; er wurde gleich zu Beginn des Krieges zur Wehrmacht eingezogen und blieb vermißt. Als freie wissenschaftliche Mitarbeiterin führte Käthe Scheel die Arbeiten unter schwierigen Bedingungen fort, bis das Material bei Beginn des Bombenkrieges aus Sicherheitsgründen in ein Bergwerk ausgelagert wurde. Erst 1952, als Käthe Scheel offiziell die Leitung der Arbeitstelle übertragen bekam und Hans Kuhn und Ulrich Pretzel die Herausgeberschaft des Wörterbuchs übernahmen, konnte systematisch weitergearbeitet werden. 1956 begann die Publikation des von Käthe Scheel bearbeiteten Wörterbuchs. Nach dem altersbedingten Ausscheiden Frau Scheels wurde Ende 1977 Jürgen Meier Leiter der Arbeitsstelle und - zusammen mit Dieter Möhn - Herausgeber des Wörterbuchs. Bemühungen um eine zusätzliche wissenschaftliche Kraft für die Bearbeitung des Wörterbuchs hatten 1988 Erfolg: die Arbeitsstelle erhielt im Tausch mit einer studentischen Hilfskraftstelle und einem Anteil an einer Archivkraftstelle eine halbe Stelle Wissenschaftliche(r) Mitarbeiter(in). Diese Stelle ist mit Jürgen Ruge besetzt. Für Archivarbeiten und Textverarbeitung am PC steht Elke von der Heide dem Wörterbuch mit einem Drittel ihrer Arbeitskraft zur Verfügung; zwei Drittel ihrer Arbeitszeit kommen anderen Wörterbuch-Arbeitsstellen zugute. Als studentische Hilfskraft ist zur Zeit Peter Bünning beim Hamburgischen Wörterbuch tätig.

3. Stand der Arbeiten

Die Umstellung der Textverarbeitung auf PC mit dem Ziel, die drucktechnische Herstellung zu vereinfachen, hat die erwünschte Wirkung (Zeit- und Kostenersparnis) bisher kaum gehabt. Nach erfolgreichem Abschluß der wegen des komplizierten Druckbildes langwierigen technischen Abstimmung mit dem Verlag hat dieser sich jetzt von seiner Druckerei getrennt; Druckarbeiten werden per Fremdauftrag erledigt. Dies hat zunächst einmal Wartezeiten zur Folge gehabt und macht nun eine neuerliche drucktechnische Abstimmung erforderlich. Die seit langem ausgearbeitete 13. Lieferung des Wörterbuchs konnte deshalb bisher nicht veröffentlicht werden.
So ist im Berichtszeitraum 1992-1994 nur eine, die 12. Lieferung erschienen. Die 13. Lieferung befindet sich zur Zeit im Druck. Die Ausarbeitungen sind viel weiter fortgeschritten. Abgeschlossen sind die 14. und die 16. Lieferung (die letztere endet beim Stichwort "Keven"). Die 15. Lieferung ist zu drei Vierteln ausgearbeitet, sie wird im Frühjahr 1995 abgeschlossen sein. Damit wäre dann die halbe Alphabetstrecke annähernd bewältigt.
Sorge bereitet nach wie vor der für jede Lieferung erforderliche Druckkostenzuschuß von bisher DM 3.300.-. Eine neue Kalkulation des ab 1995 auch unter neuer Leitung stehenden Verlages dürfte eher eine höhere Summe ausweisen. Ausreichende Mittel stehen bisher nur für die im Druck befindliche 13. Lieferung zur Verfügung. Für jede weitere Lieferung müssen Gelder bei Drittmittelgebern noch erst eingeworben werden. Die Situation ist gänzlich unbefriedigend. Bemühungen um langfristige finanzielle Lösungen waren bisher aber vergeblich.

4. Perspektiven

Ziel ist es nach wie vor, das Wörterbuch auf schnellstmöglichem Wege zum Abschluß zu bringen. Die Ausarbeitung von Artikeln und Arbeiten im Zusammenhang mit der Publikation haben absoluten Vorrang. Eine Auffüllung des Archivbestandes erfolgt nur noch in Ausnahmefällen, etwa wenn einschlägiges neues Quellenmaterial auftaucht. Bei der derzeitigen Ausstattung der Arbeitsstelle mit Personal ist es aber nicht möglich, mehr als eineinhalb Lieferungen pro Jahr druckfertig zu machen.

Prof. Dr. Jürgen Meier, November 1994