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Hamburger Zentrum für
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte (HAZEMS)


1. Struktur und Aufgaben des "Hamburger Zentrum für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte
2. Forschungsverbundprogramm
3. Graduiertenkolleg "Graduiertenkollegs für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" (GKMS) des HAZEMS
4. Konferenzen, Symposien usw.
5. Im Berichtzeitraum erschienene Nummern der Arbeiten zur Mehrsprachigkeit

1. Struktur und Aufgaben des "Hamburger Zentrum für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" (HAZEMS)

Die Gründung eines "Hamburger Zentrums für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" (HAZEMS) basiert auf der "Arbeitsstelle Mehrsprachigkeit", die seit dem September 1986 als interdisziplinäre Einrichtung am Fachbereich Sprachwissenschaften gearbeitet hat (vgl. Uni hh v. April 1987). Das Gründungskonzept der "Arbeitsstelle Mehrsprachigkeit" wurde vom Fachbereich Sprachwissenschaften Anfang 1987 genehmigt. Das HAZEMS faßt die im Fachbereich Sprachwissenschaften und in anderen Fachbereichen an verschiedenen Instituten schon länger betriebene Lehre und Forschung im Bereich der Mehrsprachigkeit zusammen, ohne dadurch den integralen Zusammenhang der einzelnen Fächer mit ihren Fachbereichen aufzulösen. Die Gründung des HAZEMS erfolgt in der Absicht, den Forschungsbereich Mehrsprachigkeit - entsprechend seiner gesellschaftlichen Bedeutung - in Forschung und Lehre institutionell angemessen zu verankern. In dem "Bericht der Vizepräsidenten-Arbeitsgruppe zur Struktur- und Entwicklungsplanung der Universität" wird "Mehrsprachigkeit" ausdrücklich als ein Forschungsschwerpunkt der zukünftigen Entwicklung der Universität Hamburg genannt (S. 36). Inzwischen ist dem Antrag des HAZEMS auf Einrichtung eines Graduiertenkollegs von der DFG stattgegeben worden (Finanzvolumen für 3 Jahre ab 1.10.1990: 1,2 Mill. DM).
Das "Hamburger Zentrum für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" (HAZEMS) soll eine seinen Aufgaben entsprechende Funktion bei der notwendigen sprachlichen Integration der Europäischen Gemeinschaft übernehmen. Darüber hinaus kündigt sich die Mehrsprachigkeit in Osteuropa für die nahe Zukunft als eine wichtige Problemstellung an. Die Hauptaufgaben eines "Hamburger Zentrums für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" liegen in der Forschung. Die Forschung ihrerseits soll aber auf die Lehre in verschiedenen Fächern einwirken (forschungsbezogene Lehrveranstaltungen), auch auf speziellere Studiengänge und Studienschwerpunkte in verschiedenen Fächern innerhalb und auch außerhalb des Fachbereichs Sprachwissenschaften. Die Aufgaben des HAZEMS sind also interdisziplinär zu verstehen. Seine Tätigkeiten sollen aber auch auf die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen praktischer Probleme ausstrahlen, z.B. auf Familienberatung mehrsprachiger Familien, Sprachstandsanalysen in verschiedenen Ausbildungszusammenhängen, Sprachführer für den täglichen Gebrauch beispielsweise von Ärzten, Lehrern, Richtern usw. Eine weitere Aufgabe des Zentrums ist allgemein in der Förderung der internationalen und interkulturellen Verständigung zu sehen.
Längerfristig sollen die Forschungsergebnisse des Zentrums auch als Grundlage für Beschreibungen neuer linguistischer Berufsfelder dienen, z.B. das Berufsfeld von Linguisten, die zuverlässige Sprachstandsanlysen anfertigen; von Linguisten, die mehrsprachige Familien bei Sprachentwicklungsproblemen beraten; von Linguisten, die die Verständigung mit unterschiedlichen Sprachen in verschiedenen Institutionen untersuchen, von Linguisten, die Aufgabenbereiche und Ausbildungsanforderungen von Sprachmittlern näher beschreiben usw.
Eine wichtige Aufgabe der Zentrums ist auch, Forschungsliteratur und Forschungsergebnisse ähnlicher Projekte an anderen Orten zu sammeln und den beteiligten Wissenschaftlern sowie anderen interessierten Personen verfügbar zu machen. Eine weitere Aufgabe ist die regelmäßige Publikation von Forschungsarbeiten, wie dies bislang in der Reihe "Arbeiten zur Mehrsprachigkeit" geschehen ist.

2. Forschungsverbundprogramm

Ein Zentrum für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte soll den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, sich in interdisziplinärer, zumindest aber fächerübergreifender Weise mit den vielfältigen Problemen von Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt, ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen und Auswirkungen sowie ihren psychischen Aspekten auseinanderzusetzen. Dabei soll sowohl die individuelle wie auch die gesellschaftliche Entwicklung von Mehrsprachigkeit in den verschiedenen sprachlichen Dimensionen (phonologischen, morphologischen, syntaktischen, semantisch-lexikalischen und pragmatischen) berücksichtigt werden. Neben Fragen, die in diesem Kontext anfallen und behandelt werden, sollen aber auch Projekte bearbeitet werden, die sich etwa mit Problemen der Mehrsprachigkeit und des Sprachkontaktes im nahen und mittleren Osten, in Lateinamerika und in Afrika befassen.
Die an dem HAZEMS beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten unter linguistischen Zielsetzungen mit linguistischen Methoden, d.h. sie verbinden mit ihrer Forschungsarbeit die Erwartung, Aussagen zur Theorie der menschlichen Sprache zu machen. Bei Arbeiten zur Sprachtheorie, in denen die Sprachfähigkeit des kompetenten (einsprachigen) Muttersprachlers Ausgangspunkt der Untersuchung ist, wird jedoch im allgemeinen übersehen, daß Mehrsprachigkeit nicht nur außerhalb Europas ein ungemein weit verbreitetes Phänomen ist. Diese Tatsache dürfte erhebliche Implikationen für Fragen des Spracherwerbs und darüber hinaus sogar für die Definition des einzelsprachlichen Systems in sich bergen.
Neben der sprachwissenschaftlichen Grundlagenforschung haben alle Beteiligten ein lebhaftes Interesse an der Bewältigung aktueller praktischer Problemsetzungen, die in den unterschiedlichen geographischen Regionen und Sprachenkonstellationen im Rahmen gesellschaftlicher und individueller Mehrsprachigkeit bestehen. In diesem Zusammenhang soll das sprachtheoretisch unter Mehrsprachigkeitskonzepten entwickelte Forschungsinstrumentarium in relevanten empirischen Bereichen der Angewandten Sprachwissenwissenschaften methodologisch reflektiert für die gegebenen Problemlösungen eingesetzt werden.
Das Forschungsprogramm des HAZEMS zielt allgemein auf die wissenschaftliche Erarbeitung und Durchdringung zentraler Themen im Bereich von Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt ab, die sich wie folgt unter vier Forschungskomplexen zusammenfassen lassen:
1. Entwicklung individueller Mehrsprachigkeit
(z.B. Mehrsprachigkeit in Kindheit und Jugend, simultaner vs. sukzessiver Bilingualismus in verschiedenen sprachlichen Kombinationen, sprachliche, intellektuelle und psychische Faktoren von Mehrsprachigkeit)
2. Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit
(a) Mikrobereich gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit (z.B. Interkulturelle Kommunikation in verschiedenen Institutionen, mit und ohne Dolmetscher)
(b) Makrobereich gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit (z.B. Sprachpolitik, soziolinguistische und sprachsoziologische Untersuchungen von Minderheitensprachen)
3. Sprachsystematische Aspekte der Mehrsprachigkeit
(z.B. Kontrastivität, Typologie der Sprachen, grammatische Interferenzen)
4. Anwendungsaspekte
(z.B. Sprachstandsmessungen, Lehrmaterialienentwicklung, Corpora, Kurzgrammatiken).
Diese Forschungskomplexe werden durch die im folgenden zu umreißenden Schwerpunkte des Forschungsprogramms im einzelnen und in Teilbereichen konkret bearbeitet und durch bereits in Gang befindliche (im folgenden aufgeführte) Forschungsprojekte der einzelnen am Graduiertenkolleg beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler spezifiziert. (Die Vorhaben werden den oben genannten Forschungskomplexen der Mehrsprachigkeit in dem Klammerzusatz global zugeordnet, obwohl es in vielen Fällen Querverbindungen und Überlappungen gibt) :
Prof. Dr. Kurt Braunmüller
Typologische, areale und genetische Aspekte der Mehrsprachigkeit im deutsch-dänischen Grenzgebiet (3);
Prof. Dr. Ludwig Gerhardt
Einfluß von Verkehrssprachen auf Minoritätensprachen in Afrika (EVAMIA)(3);
Dr. Utta von Gleich
Sprachwechsel und Sprachgebrauch bei Quechua-Spanisch bilingualen Sprechern in Ayacucho/Peru (3. Phase nach 20 Jahren) (Langzeitstudie) (2a);
Bilinguale/Bikulturelle Primarschulerziehung in Lateinamerika (autochthone Sprachen als Mutter-/Erstsprachen mit Spanisch als Zweitsprache) (2b),(4);
Dr. Wilhelm Grießhaber
Schulbezogene bilinguale Sprachstandsanalyse türkischer Grundschüler (SCHUBS) (4);
Prof. Dr. Conxita Lleó:
Phonologischer Erwerb von Deutsch und Spanisch als Erstsprache(n) (PEDSES) (1),(3);
Babbling im Deutschen und Spanischen: Frühe phonologische Entwicklung monolingualer Kinder (BiDS)(1),(3);
Prof. Dr. Jürgen M. Meisel:
Deutsch und Französisch: Doppelter Erstspracherwerb (DUFDE) (1),(3);
Baskisch und Spanisch: Doppelter Erstspracherwerb (BUSDE) (1),(3);
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Els Oksaar:
The bilingual language behaviour Project (BLB) (Langzeitprojekt) (2b);
Pädolinguistisches Mehrsprachigkeitsprojekt mit zwei-, drei- und viersprachig aufgewachsenen Kindern (Langzeitprojekt) (1);
Bilinguales Schreiben- und Lesenlernen im Vorschulalter (1).
Prof. Dr. Jochen Rehbein :
Sprachliche Handlungsfähigkeit türkischer Kinder in zwei Sprachen (Langzeitstudie) (1),(2a);
Interkulturelle Kommunikation (2a).
Dr. Wilhelm Grießhaber, Prof. Dr. Jochen Rehbein:
Türkler için Almanca ders kitab/. Ûki dilli uygulamal/ Almanca. Lehrbuch Deutsch für Türken. Eine praktische Grammatik in zwei Sprachen (4);
Prof. Dr. Wilhelm Wieczerkowski:
Mehrsprachigkeit in deutschen Schulen in Nordschleswig (1),(2b);
Zum Einfluß der sprachlichen Dominanz auf Fertigkeiten in zwischensprachlichen Übertragungen (2b).
Prof. Dr. Ekkehard Wolff
Spracherwerb und Sprachselektion in afrikanischen multilingualen Kontexten (SESAMKO) (Langzeitprojekt) (1),(2a);
Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt in Niger (MUSIN) (2b).
Ziel dieser fachlich, methodisch und sprachgeographisch breit gestreuten Projekte ist es, das Phänomen "Mehrsprachigkeit" unter verschiedenen Gesichtspunkten zu untersuchen und dadurch gemeinsam kennzeichnende Merkmale und Strukturen, Auswirkungen auf Gesellschaft und Individuum sowie historische Bedingungen dieses Phänomens zu fassen, um so eine Reihe von Problemlösungen vorlegen zu können. Der innere Zusammenhalt der Spezialforschungen in der Arbeitsstelle Mehrsprachigkeit und dem angeschlossenen Graduiertenkolleg wird durch regelmäßig stattfindende Arbeits- und Projektsitzungen, Kolloquien und Vorträge hergestellt.

3. Graduiertenkolleg "Graduiertenkollegs für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" (GKMS) des HAZEMS

Durch das HAZEMS sollen Ergebnisse sowohl von Grundlagenforschung als auch angewandter Forschung in die Lehre ermöglicht werden. Das Zentrum hat im Rahmen des angebundenen "Graduiertenkollegs für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakte" Veranstaltungen vor allem im Bereich eines graduierten und postgraduierten Studiums sowie ein Programm von Ringvorlesungen, Forschungskolloquien, Symposien angeboten, insbesondere regelmäßig eine Gastprofessur pro Semester mit einer Lehrkapazität von 8 Semesterwochenstunden themenspezifischer Lehre.

Die Hochschullehrer des GKMS

Prof. Dr. Kurt Braunmüller (Skandinavistik)
Prof. Dr. Ludwig Gerhardt (Afrikanistik)
Prof. Dr. Conchita Lleo (Romanistik)
Prof. emer. Dr. Dr. h. c. mult. Els Oksaar (Allgemeine Sprachwissenschaft)
Prof. Dr. Jochen Rehbein (Germanistik/Deutsch als Fremdsprache)
Prof. Dr. Wilhelm Wieczerkowski (Psychologie)
Prof. Dr. Ekkehard Wolff (Afrikanistik)
Dr. Utta von Gleich (Allgemeine Sprachwissenschaft)
PD Dr. Wilhelm Grießhaber (Germanistik/Deutsch als Fremdsprache)
Zusätzlich wirkte Prof. Dr. Jürgen Meisel (Romanistik) als gleichberechtigter Hochschullehrer mit.

Lehre durch Gastprofessoren

Im Berichtzeitraum wurden folgende Gastprofessoren eingeworben:

Lehre durch Postgraduierte

Von den im Berichtszeitraum geförderten Postgraduierten hat Dr. Martin Haase die im Erstantrag (Absatz 4.2.) vorgesehene Möglichkeit wahrgenommen, eine Lehrveranstaltung (Strukturkurs "Baskisch") anzubieten.

4. Konferenzen, Symposien usw.

1) Kleinkonferenz zum Thema "Pragmatics and Grammar - the Discourse Component in Contrastive Typology" vom 11.-12.12.1992 (org. v. Prof. Rehbein)
Folgende Vorträge wurden gehalten: Machtelt Bolkestein: The coding of topicality in Dutch, Lachlan MacKenzie: English as a topicless language, Lourens de Vries: Topic in Papua languages, Mike Hannay: Non-restrictive apposition in English, Yaron Matras: Relative clauses in Romani and Balkan Turkish, Sebastian Eissenhauer: Relative clauses in Arabic and German, Gertrud Reershemius: Yiddish zoll - aspects of grammaticalization, Jochen Rehbein: Word order in German and Turkish, Wilhelm Grießhaber: The relational procedure, Dörte Schenk: Clause combining in German and Japanese texts.
2) Workshop zum Thema "Romani in Contact with Other Languages" vom 21.- 22.5.1993 (org. von Dr. Yaron Matras).
An der Konferenz beteiligten sich 15 Wissenschaftler aus 7 Ländern: U.S.A., Kanada, Tschechien, Großbritannien, Niederlande, Deutschland, Bulgarien. Beiträge befaßten sich mit Fragen des Lexikons des Romanes, der Morphologie, der Typologie und der Verschriftung und Standardisierung. Sprachen, die vom Romanes beeinflußt worden sind, sind ebenfalls berücksichtigt worden. Es war die erste internationale Konferenz zur Romanes-Linguistik. Die Beiträge werden im Verlag John Benjamins erscheinen.
3) Kleinkonferenz zum Thema "Sprachplanung und Sprachpolitik im Europa der 90er Jahre - mit einem Blick auf Australien" am 9.12.1993 (org. v. Prof. Rehbein).
Auf der Konferenz trugen neben WissenschaftlerInnen aus Hamburg vor: Prof. Nelde (Belgien), Prof. Labrie (Kanada), Prof. Saunders (Australien).

5. Im Berichtzeitraum erschienene Nummern der Arbeiten zur Mehrsprachigkeit

45-1992: Cuiyi Wei, Multilingualism in Boritala. A Mongolian Prefecture on China's Northwest Border.
46-1992: Virginia Zini, Narrative Structures in Interviews of Second Language Learners.
47-1992: Wolf König, Entwicklungen im Türkischen seit 1980.
48-1992: Jochen Rehbein, International Sales Talk.
44-1993: Kerstin Anders, Einflüsse der russischen Sprache bei deutschsprachigen Aussiedlern. Untersuchungen zum Sprachkontakt Deutsch-Russisch. Mit Transkriptionen aus fünf Gesprächen.
49-1993: Martina Rost-Roth, Eine Dokumentation von Unterrichtsgesprächen aus dem Bereich 'Deutsch als Fremdsprache': 'Freie Konversation'.
50-1993: Martin Haase, Le gascon des Basques. Contribution à la théorie des substrats.

Prof. Jochen Rehbein