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Arbeitsstelle
Mittelniederdeutsches Wörterbuch
1. Gegenstand, Aufgaben
2. Geschichte
3. Arbeitsergebnisse, Zielperspektiven
4. Zentrale Auskunftsstelle für das Mittelniederdeutsche
Das Mittelniederdeutsche war bis in die Neuzeit bestimmendes sprachliches Medium regionaler und überregionaler Kultur im nördlichen Europa, nicht zuletzt als Verkehrs- und Geschäftssprache der Hanse. Eine Vielzahl überlieferter Quellentexte aus weitgestreuten Anwendungsbereichen dokumentiert die zentrale Rolle, die der mittelniederdeutschen Sprache vom 13. bis 17. Jahrhundert zukam.
Seit 1923 werden in der Hamburger Arbeitsstelle die mittelniederdeutschen Quellen systematisch erfaßt und ihr Wortschatz dokumentiert. Auf diese Weise ist eine einzigartige Belegsammlung mit über einer Million Belegzetteln entstanden, die den Wortschatz unter zeitlichen, regionalen, sozialen und funktionalen Aspekten erschließt. Die Arbeitsstelle - es existiert keine vergleichbare Institution - hat zwei zentrale Aufgaben:
1. Sie fungiert als nationale und internationale Auskunftsstelle für Nachfragen zur mittelniederdeutschen Sprache und Kultur, insbesondere im Zusammenhang mit der Hanse. Angesichts der Bedeutung der mittelniederdeutschen Sprache für die europäische Sprach- und Kulturgeschichte erreichen das Archiv regelmäßig Anfragen aus dem In- und Ausland (z. B. Niederlande, Skandinavien, GUS, USA), die sich auf die Klärung einzelner Wortbedeutungen und -formen, auf den Nachweis von Verwendungsweisen und auf die sprachliche Charakterisierung einzelner Quellen beziehen. Die Repräsentanz der Belegsammlung verleiht der Arbeitsstelle die Funktion einer zentralen Institution im internationalen Verbund.
2. Sie publiziert ein Wörterbuch der mittelniederdeutschen Sprache, das als Grundlagenwerk und Forschungsinstrument für zahlreiche Bedarfe dient. Dafür wird ein auf drei Bände angelegtes Handwörterbuch des Mittelniederdeutschen erarbeitet, das bislang zu etwa zwei Dritteln des erwarteten Gesamtumfangs erscheinen konnte. Der Bearbeitungsstand des Wörterbuchs ist relativ weit fortgeschritten: Bd. 1 (A-F/V) ist abgeschlossen, mit 11 Lieferungen liegen mehr als zwei Drittel der zweiten (G-R), mit 5 Lieferungen etwa die Hälfte des dritten Bandes (S-W) vor. Das Werk wird die veralteten Wörterbücher des 19. Jahrhunderts ersetzen, die infolge einer Vielzahl neu entdeckter und edierter Quellen und veralteter lexikographischer Prinzipien dem heutigen Bedarf nicht mehr genügen können.
Das Wörterbuch dient vor allem drei Wissenschaftsbereichen:
- der Linguistik und Literaturwissenschaft insbesondere bei sprachhistorischen Fragestellungen;
- der Geschichtswissenschaft, der ein elementares Hilfsmittel für die Arbeit an mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen zur Verfügung gestellt wird. Ein Kernbereich ist dabei die Hanseforschung, aber auch regionalgeschichtliche Aspekte gewinnen hier zunehmend an Bedeutung;
- der Kulturgeschichte, Soziologie und Volkskunde, für die das Wörterbuch zahlreiche Beispiele auch sprachlich reflektierter Ausschnitte ihrer Arbeitsgebiete bereithält.
Darüber hinaus kann das Wörterbuch auch als Informationsquelle von landeskundlich und sprachgeschichtlich interessierten Laien genutzt werden.
Die ersten Herausgeber entschieden sich für die Konzeption eines Handwörterbuchs. Zugunsten der Erfassung möglichst vieler Belege auf beschränktem Raum wurde auf durchgängige Illustrierung mit Originalbelegstellen verzichtet. Durch verschiedene Kennzeichnungsverfahren innerhalb der Wörterbuchartikel können dennoch über die reine Bedeutungsangabe hinaus weitreichende Informationen zur räumlichen und zeitlichen Distribution, zu Grammatik und Pragmatik vermittelt werden.
Die nun bereits über 70 Jahre währende Geschichte des Mittelniederdeutschen Handwörterbuchs ist untrennbar mit der Universitätsgeschichte der niederdeutschen Philologie in Hamburg verbunden. Auf einem ersten "Mittelniederdeutschen Handwörterbuch" und weiteren Vorarbeiten Christoph Walthers beruhend, wurde 1923 der Plan zur Erstellung eines neuen mittelniederdeutschen Wörterbuchs gefaßt. Neben Conrad Borchling, dem ersten Inhaber eines Lehrstuhls für niederdeutsche Philologie in Hamburg, ist als Begründerin, Bearbeiterin und Herausgeberin des Mittelniederdeutschen Wörterbuchs vor allem Agathe Lasch zu nennen. Einer zügigen und breit angelegten Materialsammlung folgend konnte schon 1928 die erste Lieferung veröffentlicht werden, der in kurzen Abständen weitere folgten. Agathe Lasch erhielt unter dem nationalsozialistischen Regime als Jüdin Berufsverbot und wurde 1942 in einem Konzentrationslager ermordet. Als Bearbeiter trat Gerhard Cordes hinzu, so daß bis Kriegsbeginn 8 Lieferungen vorlagen.
Nach einer längeren Unterbrechung und Borchlings Tod 1946 übernahm Gerhard Cordes (Kiel) aufgrund einer Vereinbarung mit der zuständigen Hamburger Behörde die Leitung des Projekts. 1956 konnte der erste Band abgeschlossen werden. Es erfolgte eine weitgehende Teilung der lexikographischen Aufgaben: in Kiel, später Göttingen bearbeitete Gerhard Cordes weiter den zweiten Band, während in Hamburg Annemarie Hübner schließlich einen für die Buchstaben S-W angesetzten dritten begann. Beide Bearbeiter wurden für die Wörterbucharbeit nicht von ihren akademischen Pflichten entlastet, dennoch gelang es, in unbezahlter Freizeitarbeit regelmäßig weitere Lieferungen zu publizieren; die Drucklegung wurde stets durch Beihilfen der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht. Die unzureichende personelle Ausstattung des Unternehmens erschwerte zunehmend den Fortgang des Wörterbuchprojekts. Nach Gerhard Cordes' Tod im Jahr 1985 schien die Zukunft des Mittelniederdeutschen Handwörterbuchs dann völlig ungesichert.
Angesichts der bisherigen (Hamburger) Wörterbuchgeschichte, insbesondere der durch das Schicksal von Agathe Lasch herrührenden Verpflichtung, übernahm Dieter Möhn 1987 die Leitung der Arbeitsstelle mit dem Ziel, die Aufgaben einer zentralen Auskunftsstelle fortzuführen und die Publikation des lexikographischen Grundlagenwerks abzuschließen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt seit 1988 das Projekt. Bewilligt wurden, bei Überprüfung nach jeweils zwei Jahren, Mittel für eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle BAT IIa und eine studentische Hilfskraft, ab 1.1.1994 für zwei studentische Hilfskräfte. Innerhalb des germanischen Seminars kann zu einem Drittel die Stelle einer Archivangestellten für die Arbeitsstelle in Anspruch genommen werden. Von seiten der Universität Hamburg, des Fachbereichs Sprachwissenschaften und des germanischen Seminars wurden Mittel für die zeitlich begrenzte Beschäftigung studentischer Hilfskräfte zur Verfügung gestellt, auch konnte dank der Unterstützung des Fachbereichs Sprachwissenschaften eine [[section]] 24.3-Stelle für die Dauer von 2 Jahren zwischenzeitlich genutzt werden. Tatsache ist: Die Arbeitsstelle arbeitet nach wie vor ohne eine einzige feste Mitarbeiterstelle, welche die Kontinuität des Projekts und seinen Abschluß in nächster Zeit sichern könnte. Dies bildet einen derartigen Kontrast zu anderen Wörterbuchunternehmen in Deutschland, auch zu mit öffentlichen Mitteln in den neuen Bundesländern jüngst begonnenen lexikographischen Projekten, daß auswärtige Besucher und Nutzer höchst ungläubig darauf reagieren.
Der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg hat (29. März 1994) anläßlich der Diskussion über die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen in der Bürgerschaft die Position Hamburgs dokumentiert und aufgelistet, "Wat för de nedderdüütsche Sprak in Hamborg doon ward". Dort wird auch die Arbeitsstelle "Mittelniederdeutsches Wörterbuch" angeführt. Es bleibt zu hoffen, daß die seit der "Rückübernahme" des Projekts (s.o.) beantragte Mitarbeiterstelle doch noch eingerichtet wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muß die Zukunft des Projekts ungewiß sein, obwohl vor allem mit Hilfe von Drittmitteln die Arbeitsgrundlagen wiederhergestellt worden sind und die Arbeitsqualität extern bezeugt worden ist.
Nach der Wiederherstellung der Arbeitsgrundlagen - dazu gehören das 1991 als Sonderlieferung publizierte Siglen- und Abkürzungsverzeichnis (1), die Definition eines Artikelstrukturmodells als Vorgabe für die Ausarbeitung von Lieferungen (2), die Auffüllung von Quellen: 3500 Belege (3) - konnten die Lieferungen wieder aufgenommen werden.
Lieferung 24 opperschöler - överlaten wurde 1993 publiziert,
Lieferung 25 överlatiche(i)t - paschen war im Frühjahr 1994 verlagsreif ausgearbeitet und konnte 1994 erscheinen.
Mit der Ausarbeitung der Lieferung 26 wurde begonnen. Nahziel ist der Abschluß von Band II (G-R), für den noch 4 Lieferungen ausstehen.
Eine Lieferung umfaßt jeweils 1200 Stichwörter. Nach Abschluß des 2. Bandes ist ein Nachdruck des vergriffenen 1. Bandes geplant. Bei der höchst komplizierten Sprachmaterie des Mittelniederdeutschen hält die Bearbeitungsdauer von rd. 15 Monaten pro Lieferung (bezogen auf einen Autor) jeden Vergleich mit anderen lexikographischen Projekten aus. Betont sei, daß hier das historische Sprachfenster zur Kultur der Hansezeit entsteht, welches auch künftigen Generationen diesen Zugang ermöglicht.
Die Ausarbeitung von Lieferungen ist nur möglich, wenn die entsprechenden Altbestände des Archivs adäquat aufgearbeitet werden. In vielen Fällen reichen die - oft handschriftlichen - Angaben auf den Belegzetteln nicht aus, so daß erneut die Quellen eingesehen werden müssen, um ein bearbeitungsfähiges Sprachmaterial zur Verfügung zu haben. Für den Zeitraum 1.4.1992-31.3.1994 wurde die notwendige Neubearbeitung von Quellen (Kontextauffüllung) für die Buchstaben P-Q abgeschlossen, dabei mußten mehr als 30000 Belege des Altbestandes ergänzt werden. Mit der Kontextauffüllung für den Buchstaben R ist begonnen worden.
Offensichtlich hat die Wiederaufnahme der Lieferungen in der Öffentlichkeit des In- und Auslandes den Eindruck verstärkt, daß hier in Hamburg eine wohlausgestattete, kontinuierlich arbeitende, kompetente Institution für Fragen der mittelniederdeutschen Sprache existiert. Eine Folge sind die sichtlich vermehrten Anfragen zu verschiedenen Deutungsschwierigkeiten bei der Interpretation mittelniederdeutscher Texte, dabei lassen sich Anfragen von wissenschaftlichen Institutionen und interessierten Privatpersonen unterscheiden. Obwohl die Annahme der ausreichenden Personalausstattung trügt, sind die Anfragen bisher im Sinne einer Serviceleistung beantwortet worden, auch wenn, je nach Gegenstand, zuweilen ein erheblicher Zeitaufwand getragen werden mußte.Prof. Dr. Dieter Möhn