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Deutsches Bibel-Archiv

Arbeitsbericht

1. Definition, Aufgaben:

Das 1931 in Hamburg gegründete Deutsche Bibel-Archiv ist eine in Deutschland einzigartige wissenschaftliche Einrichtung, die sich die Aufgabe stellt, die Wirkungsgeschichte der Bibel in Text- und Bildzeugnissen der Vergangenheit und Gegenwart im deutschsprachigen Gebiet in ihrem ganzen Umfang und allen ihren Ausformungen zu erfassen, zu dokumentieren und zu erforschen. Dem Archiv stehen insbesondere eine Sammlung von Mikroformen mittelalterlicher Bibelhandschriften, eine Spezialbibliothek der einschlägigen Quellen, Handbücher und Forschungsliteratur und eine Sondersammlung mit illustrierten Bibeln des 20. Jahrhunderts zur Verfügung. Das Archiv ist Interessenten des In- und Auslandes zugänglich, ist dem internationalen Leihverkehr angeschlossen, beantwortet schriftliche Anfragen, betreut eigene und thematisch verwandte Publikationen anderer, veranstaltet öffentliche Vorträge, Vorlesungsreihen und Ausstellungen und arbeitet mit anderen Institutionen (Instituten, Bibliotheken und kirchlichen Einrichtungen) zusammen. Räumlich und zum Teil auch organisatorisch ist das Archiv im Institut für Germanistik I der Universität, Von-Melle-Park 6, D- 20146 Hamburg, Phil 1414 untergebracht. Förderung erfährt das Archiv durch die "Gemeinschaft der Freunde des Deutschen Bibelarchivs e.V.", der dzt. ca. 140 Mitglieder angehören.

2. Geschichte

Das Deutsche Bibel-Archiv wurde in Verbindung mit der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg als ein "Forschungsinstitut zur Erfassung des biblischen Einschlags in die deutsche Kultur" gegründet und nahm seine Arbeit im Januar 1931 auf. Vorausgegangen war ein von dem späteren ersten Leiter des Archivs, Hans Vollmer, und dem damaligen Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Gustav Wahl, unterzeichneter Gründungsaufruf, den seit 1929 bedeutende Gelehrte und Politiker begrüßten, aus Hamburg u.a. Conrad Borchling, Ernst Cassirer, Werner von Melle und Erwin Panofsky.
Gedanklich fußte das Archiv auf Konrad Burchdas Idee der "nationalen Aneignung der Bibel", methodisch auf der Monographie zur Geschichte der deutschen Bibelübersetzung im Mittelalter des Hamburgers Wilhelm Walther, materiell auf der Bibelsammlung des einstigen Hauptpastors von St. Katharinen, Johann Melchior Goeze, und finanziell auf den Zuwendungen nicht zuletzt der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung. Den zentralen Forschungsgegenstand bildeten die mittelalterlichen Historienbibeln, deren Bedeutung für die Geistes- und Kulturgeschichte Vollmer frühzeitig erkannt hatte. Seine Arbeiten sind publiziert in den "Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde des Mittelalters" und in insgesamt 11 Bänden der Reihe "Bibel und deutsche Kultur", die seit 1931 erschien und in die auch die Forschungen von Kollegen und Mitarbeitern Eingang fanden. Das auf das gesamte Gebiet biblischer Wirkungsgeschichte angelegte Archiv fand in den Jahren nach 1933 keinen geeigneten Raum, um sich wie geplant zu entfalten. 1943 wurde das Archiv durch Kriegseinwirkung völlig zerstört, von den umfangreichen Sammlungen blieb nur das Publizierte. Die Spezialbibliothek konnte in den folgenden Jahren zum Teil wiederhergestellt und erneuert werden. Das Archiv fand bis 1978 Unterkunft in den Räumen der Staats- und Universitätsbibliothek, ein eigener Forschungsbetrieb fand trotz mancher Bemühungen und unter wechselnder Leitung nicht statt.
Um zukünftige Forschung anregen und in den Zusammenhang von Lehre und Ausbildung stellen zu können, wurde das Archiv 1978 aus der Staats- und Universitätsbibliothek in das Germanische Seminar der Universität Hamburg überstellt (heute: Institut für Germanistik I), wo es seither im Rahmen der personellen und finanziellen Möglichkeiten der Universität und mit Unterstützung der "Gemeinschaft der Freunde des Deutschen Bibel-Archivs e.V." wirksam ist.

3. Arbeiten, Ergebnisse:

Nach Integration des Deutschen Bibel-Archivs in das Institut für Germanistik I der Universität wurde die Bibliothek zunächst nach dem alten Signaturensystem geordnet, durch einen alphabetischen und systematischen Katalog erschlossen und weiter ausgebaut. In den vergangenen Jahren konnte der Bestand erheblich vermehrt werden. Das veraltete Signaturensystem wurde durch ein neues ersetzt, die Katalogisierung erfolgt EDV-gestützt und im Verbund mit der Bibliothek des Seminars für Germanistik I.
Die mittelalterlichen Bibelhandschriften wurden erfaßt und, soweit bisher möglich, auf Mikroformen gesammelt. Eine bedeutende Sammlung gedruckter Bibeln des 15.-18. Jahrhunderts besteht nicht und kann auch nicht erworben werden. 1999 erhielt das DBA aus dem Nachlaß seines ehemaligen Mitglieds, P. i. R. Klaus Dietrich Fricke, Göttingen-Nikolausberg, dem langjährigen Sekretär der Bibelrevisionskommission bei der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart, eine bedeutende Sammlung von Bibeln vor allem des 18. und 19. Jahrhunderts, sowie Literatur zur Bibelübersetzung und Bibeltheologie. Ebenso konnten einige wertvolle Bücher über Spenden und als Geschenke eingeworben werden.
Ein einzigartiges Dokument im DBA stellt die Sammlung illustrierter Bibeln des 20. Jahrhunderts dar, die an keinem anderen Ort mit Anspruch auf Vollständigkeit besser aufbewahrt und als Zeugnis moderner Buchkunst erforscht und verfügbar gehalten werden. Zu den bedeutenden Stücken der Sammlung zählen bislang die Illustrationszyklen von Beckmann, Corinth, Fronius, Kubin, Liebermann und Wunderlich. Die Hoffnung, in absehbarer Zeit eine wissenschaftlich zuverlässige Gesamtbibliographie vorlegen zu können, ließ sich bislang nicht erfüllen, jedoch konnte mit Hilfe der "Gemeinschaft der Freunde des DBA" Frau Maria Marten als Mitarbeiterin für dieses Projekt gewonnen werden.
In Verbindung mit dem Archiv entstand eine Bibliographie zur biblischen Wirkungsgeschichte im deutschsprachigen Gebiet. Sie wurde bis 1988 von Kirchenbibliotheksdirektor Herwarth Frhr. Von Schade betreut. Seither fehlt ein geeigneter Sachbearbeiter.
Besonderes Gewicht kommt den Publikationsreihen zu: "Naturalis historia bibliae" veröffentlicht Texte aus dem Bereich der biblischen Naturkunde der frühen Neuzeit und ergänzt die am germanischen Seminar betriebenen Forschungen zur mittelalterlichen Bibelallegorese durch neuzeitliche und protestantische Aspekte. Seit 1979 sind zwei Bände erschienen, die "Therobiblia" des Hermann Heinrich Frey und die 400 Naturembleme des Joachim Camerarius. Die Weiterführung der Reihe ist geplant, es fehlt derzeit an geeigneten Mitarbeitern.
Internationale Geltung erlangt hat das Jahrbuch des Deutschen Bibel-Archivs "Vestigia bibliae", das einen Gesamtüberblick über das Forschungsgebiet geben, Forschung dokumentieren und anregen soll. Erschienen sind bisher 21 Bände, 8 bei Friedrich Wittig in Hamburg, die folgenden bei Peter Lang in Bern. Seit dem letzten Bericht sind folgende Titel ausgeliefert worden und zum Teil schon jetzt vergriffen:

Band 17: Manya Brunzema: der Lukasaltar des Hinrik Borneman und sein Werkstattkreis. Untersuchungen zur Hamburger Malerei um 1500.
Band 18: Andrea Rapp: bücher gar húbsch gemolt. Studien zur Werkstatt Diebold Laubers am Beispiel der Prosabearbeitung von Bruder Philipps "Marienleben" in den Historienbibeln IIA und Ib.
Bände 19/20: Johannes Fournier: Das St. Pauler Evangelienwerk. Band I: Text. Band II: Untersuchungen.
Band 21: Eine glossierte Vulgata aus dem Umkreis Martin Luthers. Untersuchungen zu dem 1519 in Lyon gedruckten Exemplar in der Bibelsammlung der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Arbeitsgespräch in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart vom 20. bis 22. Februar 1997, hrsg. von Martin Brecht und Eberhard Zwink, Redaktion: Eberhard Zwink.

Große Beachtung fanden stets die öffentlichen Veranstaltungen des Archivs, Vorträge, Vorlesungsreihen, Tagungen und Ausstellungen, die seit 1979 in regelmäßigen Abständen veranstaltet wurden.
In Verbindung mit dem Fachteil Ältere deutsche Philologie (Germanistik) der Universität Trier und der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars Trier fand vom 04.-06. 09. 2000 eine internationale Tagung in der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars Trier mit mehr als 40 Teilnehmern statt, die Christoph Gerhardt gewidmet war. Thema der Tagung war die "Wirkungsgeschichte der Bibel im deutschsprachigen Mittelalter", zu der 21 Vorträge gehalten wurden. Den öffentlichen Vortrag hielt Klaus Schreiner, Bielefeld, über den "Psalter. Theologische Symbolik, frommer Gebrauch und lebensweltliche Pragmatik eines heiligen Textes in Kirche und Geschichte." Alle Vorträge werden in einem der nächsten Bände der "Vestigia bibliae" publiziert.

4. Vorhaben, Perspektiven:

Die Vorhaben des Archivs im konkreten und engeren Sinn beziehen sich auf die Materialien, die hier zusammengetragen sind und deren Sammlung im Rahmen der zur Verfügung gestellten Mittel ausgebaut und vervollständigt wird.
Derzeit entstehen in Verbindung mit dem Archiv zwei große wissenschafliche Arbeiten zu Historienbibeln (Anna-Katherina Hahn) und zur protestantischen Pflanzenallegorese (Maria Marten).
Vorarbeiten liegen vor zu einer kritischen Gesamtausgabe der Lieder Paul Gerhardts.
Vorarbeiten liegen vor zur Erfassung und Edition Hamburger Inschriften. In Verbindung mit der Herzog August-Bibliothek in Wolfenbüttel und der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart entsteht eine Dokumentation sämtlicher Illustrationen in deutschsprachigen Bibeln, die zwischen 1500 und 1750 gedruckt wurden. Die Bilder werden in Originalgröße reproduziert, thematisch beschrieben und eingeordnet, nach Text- und Kontextbezug verzeichnet. Es folgen Angaben zu Produktionstechnik (Holzschnitt, Kupferstich, etc.), über Künstler, Formschneider, Stecher, Werkstätten, Signaturen etc.

5. Personelle Perspektiven:

Dem Archiv steht bedauerlicherweise keine UT-Stelle mehr zur Verfügung. Auch ist es nicht gelungen, einen Bibliothekar aus ABM-Mitteln beschäftigen zu können. Die Arbeit wird dzt. ehrenamtlich und selbstlos von Herrn Pein sachkundig und engagiert erfüllt. Ich bin für seine wertvolle Mitarbeit sehr dankbar und wünschte ihm einen "festen" Arbeitsplatz.

Prof. Dr. Heimo Reinitzer

  Impressum   Letzte Änderung: 22. Juni 2001