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![]() Novellen von Ludwig Bechstein
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Mit der Anthologie Aus Heimath und Fremde (zwei Bände 1839) als Übergang setzt auf dem Gebiet der Novelle das reife Bechstein-Werk ein; man vergleiche dazu in dieser Homepage „Novellen. Das reife Werk"). Hierher gehören Volks-Erzählungen (zwei Titel in einem Band 1853), Hainsterne. Berg- Wald- und Wander-Geschichten (vier Bände 1853) und die berühmten Hexengeschichten (1854). Zum späten Werk (vgl. „Novellen. Das späte Werk") zählen Erzählungen wie Der gute Sohn (1854), Der Pechmüller (1854), Der Riese Wuth (1856), Der Almputz. Tiroler Alpensage (1856), Eine Alpenwanderung (1858), Spiritus familiaris (1859), Der Wunderdoktor von Schneeheim (postum 1860), Das Terzl von Partschins (postum 1862), Der Zauberer von Plön (postum 1862), Ein holder Wahn (postum 1863) und Gemeiner Stadt Feinde (postum1863)
(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel)
Ludwig Bechstein: Der Förster von Belrieth. Erzählung aus dem Werrathale
(1839, Aus Heimath und Fremde I,2)
Ludwig Bechstein: Der Pseudo-Barbarossa
(1839, Aus Heimath und Fremde II,1)
Hier ruhet in Gott
Adelaide Manfroni.
Alles Uebrige hatte der Zahn der Zeit getilgt.
Also doch hier?" sprach der Graf vor sich hin. Wunderbar, aber des Himmels Wink. Ob sich's gut ruhet neben ihr?" Ein Gedanke durchzuckte den Grafen. Er redete den Todtengräber an: Hört Alter, für wen ist das Grab, das Ihr hier bereitet?"
Der Todtengräber, ein alter Greis, zog seine Mütze, und ein kahler Schädel, von wenigem Silberhaar noch umwallt, wurde sichtbar. Für einen armen Tagelöhner," antwortete er.
Sagt mir, Alter," fuhr jener fort: Wenn ich Euch Geld gebe, grabt Ihr wol für jenen Mann ein andres Grab, und laßt dieses offen, aber leer?"
Der Greis sah ihn verwundert an, ein solches Gesuch war ihm noch nicht vorgekommen. Er bedachte sich eine lange Weile.
Für wen soll denn das?" fragte er endlich, sein Haupt wieder bedeckend.
Es wohnt ein Fremder bei dem Doktor Mälar, der ist gestorben," antwortete ihm der Graf mit einem innern Schauder. Sagt nur, wie viel Ihr haben wollt, ich gebe Euch, was Ihr fordert."
Hm, zwei Thaler ist der Tax für ein schönes Grab," sprach der Todtengräber: wollen Sie nun ein Trinkgeld drein geben, ih, so mags meinethalben gelten. Wenn der Mensch todt ist, da ist's all eins, wo er liegt, wenn er nur auf den Gottesacker kömmt, daß unser Einer etwas verdient. Werde bald das letzte Grab gemacht haben," fuhr der Alte geschwätzig fort: bei mir ist das Sprüchwort zum Lügner geworden; ich habe gar vielen Andern eine Grube gegraben, und bin nicht hineingefallen."
Der Todtengräberwitz störte den im Innern tief erschütterten Grafen mächtig. Er gab ihm vieles Geld, viel mehr, als der Mann gefordert hatte.
Noch eins," sprach er düster. Ich sehe, Ihr grabt die alten Gräber wieder auf, ich will Euch noch mehr geben, wenn ihr mir schwört, dieses hier nicht aufzugraben, und den Stein unverrückt zu lassen."
Meinetwegen auch," brummte der Todtengräber. Es ist noch Platz genug, kann noch ein Paar Jahre liegen bleiben. Ich schwöre es, und will's auch meinem Sohn sagen, daß er es hält, wenn ich todt bin."
Der Graf warf ihm noch einige Geldstücke zu, und verließ den Todtenhof. Die Sonne schien heiß, wie er nach der Stadt halbträumend zurückging. Dennoch fror ihn, und es prickelte ihm in allen Gebeinen.
Ja, nun ist mir alles, alles klar," sprach er zu sich selbst. Du rufst, Adelaide." Ein großer Leichenzug kam ihm aus der Stadt entgegen, voran die Schulknaben, dann der Sarg, dann der Leidtragenden lange Reihen, erst die Männer, dann in einem großen Zwischenraum auch die Weiber, diese Alle in wunderlichen weißen Mützen, und in dunkeln Trauermänteln, nun fiel es auch erst dem Grafen bei, daß er schon eine Zeitlang mit allen Glocken läuten gehört hatte. Der Zug wallte, der Gesang tönte an ihm vorüber. Deutlich vernahm er die Worte der Liederstrophe:
Gebt dem Tode seinen Raub,
Würmern ihre Habe!
Seelen werden nicht zu Staub,
Schlummern nicht im Grabe.
Hier ist gut seyn, senkt ihn ein,
Laßt die Erde rollen,
Und ihn segnen, und uns freu'n,
Daß wir sterben sollen!
Uns freu'n, daß wir sterben sollen " wiederholte der Graf: Ja, ja, und bald, recht bald, dein dunkles Thor ist schon aufgethan, o säume nicht lange, Du bleicher Pförtner!"
Mit dem Reim des Todes in der Brust kam der Graf nach Hause, und den guten Doktor Mälar traf ein trübes, unangenehmes Geschick, am folgenden Morgen riefen sich die Nachbarn in dem Städtchen die Nachricht aus den Fenstern zu: der fremde Badegast im steinernen Hause sey die vergangene Nacht in Folge eines neuen Blutsturzes gestorben.
Wieder lag der Spätherbst düster über den Fluren, als ich eines Abends von einem Spaziergang auf ein Dorf, wo ich einen befreundeten Pfarrherrn besucht, nach Hause ging, aber zuvor noch einmal einkehren wollte in dem nun auch öde werdenden Berggarten. Es war keine Gesellschaft da, die Witterung hatte diesesmal durch ihre Rauheit allen Freunden dieses Lustortes die Lust verleitet. Einsam saß ich eine Weile, und sah, wie durch Regenwolken die Strahlen der sinkenden Sonne sich mühsam Bahn zu brechen schienen, und es gelang ihnen, der Westhimmel hellte sich auf, während es gegen Osten stürmte, so daß das Waldgebirge dicht verschleiert war, ja nicht einmal das benachbarte Sommerschloß, das sonst an heitern Tagen wie ein freundlicher Edelstein im Sonnenglanze schimmert, war zu erblicken. Desto lieblicher erschien das kleine Stückchen heller Himmel, welches über dem Ruinengemäuer einer alten Burg in allen sanften Farbentönen schimmerte. Die Sonne war schon hinab, und es verschmolz sich dort das bleiche Wolkengold in brennender Purpurflamme, die auf einem grün-, blau- und violetfarbigen Grunde ruhte.
Was ist der Spätherbst" sprach eine Stimme in mir, die so gern laut wird, wenn ich allein, ernstem Nachdenken hingegeben, die Natur betrachte, sey es in der Maipracht der Blüthenzeit, oder beim Donnergewölk des glühenden Sommers, bei fallendem Laub, oder in ihrem stillen Schneekleide: Was ist der Spätherbst? Eine Ruine vom Frühlings-Luftschloß; ein müder Landmann, der genug gearbeitet, und nun feiern möchte; eine Matrone, die ihr Tagewerk überblickt, und sich das Schlafhäubchen aufsetzt, um zu ruhen. Der Spätherbst ist eine kühle bleiche Polarsonne, die nur noch, für vier bis fünf Monden zum letztenmal, auf dem Erdrande steht, und zu scheinen aufhört, und nun auf lange hinabsinkt."
Noch länger vielleicht hätte ich den Faden dieser hinkenden Vergleiche fortgesponnen, wäre nicht, wie vor einem Jahr um dieselbe Zeit, der Doktor Mälar, nun mein lieber Freund, wieder zum Hinterpförtchen des Berggartens hereingetreten.
Guten Abend! guten Abend!" rief er heiter. Finde ich noch Gesellschaft? Das ist mir lieb. Bleiben Sie noch ein wenig? Ja, Sie bleiben noch; ich bin durstig, habe heute noch keinen Tropfen Lagerbier getrunken. Kommen Sie, gehen wir in den Saal, ich bin warm, lassen Sie sich noch einmal einschenken!"
Wir saßen wieder an dem großen Tisch, die eine Lichtkerze, die uns die Wirthin darauf setzte, verbreitete keinen sonderlich hellen Schimmer, es herrschte eine düstere Beleuchtung.
Entsinnen Sie sich noch, werther Doktor," nahm ich nach einigen gleichgültigen Reden das Wort: Wie wir vor einem Jahre, just um dieselbe Zeit, hier oben saßen mit noch einigen Freunden, und wie sie uns die Geschichte der Contessa Manfroni erzählten?"
Es flog ein düstrer Schatten über Mälars noch so eben recht heiter gewesenes Gesicht.
Müssen Sie mich daran erinnern?" fragte er, und sah mich scharf an, zugleich fuhr er hastig, als müsse durchaus auf die unliebe Erinnerung eine Prise gesetzt werden, in die Tasche, und zog eine goldene Dose hervor, die er, nachdem er schnupft, und auch mir Tabak geboten, rasch zwischen den beringten Fingern umwirbelte. Er sah sich um, sah in die Düsterniß um uns hinein, und sagte: Wir sind Beide allein, wir kennen uns genugsam, die Sache scheint Sie zu interessiren, und ich kann Ihnen heute mit einer Fortseztung dienen, wohl verstanden, nur Ihnen, Sie machen keinen Gebrauch, und erzählen hier die Geschichte keiner Seele."
Voll Staunen horchte ich auf, nichts hätte mir willkommener seyn können. Der Doktor Mälar sah eine Zeitlang in die Höhe, fort und fort die Dose drehend, dann griff er nach einem Stückchen Kreide, das zufällig auf dem Tische lag, und fragte mich: Entsinnen Sie sich noch, wie ich vor einem Jahr, als ich hier erzählte, den Grafen, Adelaidens scheinbaren Liebhaber, nannte?"
Edgar von Leitzen, wenn ich mich nicht irre," antwortete ich.
Richtig, richtig," nickte Mälar: und nun geben Sie Acht!" Er schrieb auf den Tisch:
11 1 12 7 8 5 1 2 3 6 4 9
E D G A R L E I T Z E N.
Eitel, Graf von und zu Zarndeg.
II.
Die Gräfin Adelaide Manfroni an eine Freundin in Trient.
Unvollendet nach dem Hinscheiden Adelaidens noch unversiegelt und ohne Adresse in deren Nachlaß gefunden, und in italienischer Sprache geschrieben.
*** am 29. Oktober 18**
Ich habe kaum noch Kraft, Dir zu schreiben, die Hand erzittert, welche die Feder hält, und meine Blicke, von Thränen verdunkelt, irren düster über das Blatt, welches, ich fühle es, zum letztenmale Dir, meine theuerste, süßeste Freunding, Kunde giebt von meinem verblühten Daseyn. Schnell habe ich ihn ausgeträumt, den schönsten Traum meines Lebens, und wie ich erwachte, war rings um mich eine tiefe Nacht.
O welche Kluft zwischen dem, was ich Dir schrieb in meinem letzten Brief, und was ich Dir heute schreibe. Rufe in deinem Gedächtniß die Erinnerung zurück an jenen Jubel, an jene aufjauchzende Seligkeit, die in jeder Zeile meines Briefes athmeten, und fühle, fühle es ganz, daß alles nur ein Traum, ein Irrthum, eine grausame Täuschung war, und weine mir eine Thräne nach, denn nur droben siehst Du mich wieder.
O wie liebte ich ihn, den schönen, herrlichen Mann, das Ideal meiner Mädchenträume, wie innig fühlte ich mich zu ihm hingezogen! Wie die Nachbarsaite sanft mitbebt, wenn eine andere erklingt, so bebte meine Seele, wenn er sprach, und das Selbstempfundene erhielt erst durch ihn Gehalt und Weihe. Wie die Flamme sich schwesterlich zur Flamme neigt, so zog es mich zu ihm, ihn zu mir, unsere Seelen floßen ineinander. Mein Leben gehörte ihm, meine Gedanken waren nur bei ihm, ich liebt ihn unaussprechlich. Die andern Männer, die sich um meine Gunst bewarben, wie klein und gering erschienen sie mir gegen ihn, wie Pagoden gegen den Apoll von Belvedere, wie Irrlichter gegen den Arkturus.
O wie wurde ich betrogen, o wie lodert die Gluth der Schaam und des Zornes auf meinen Wangen auf, die so lange schon keine andere Röthe schmückte, kaum trage ich die Entwürdigung doch, bald werde ich ausgelitten haben.
Dieser Mann, der mir die glühendsten Huldigungen darbrachte, der zwar nie von Liebe sprach, dem aber Liebe und Anbetung aus jedem Blicke strahlten, der selig war in meiner Nähe, der tief in mein Inneres blickte, der ein so hohes edles Gemüth offenbarte, dieser Mann, der die Seele meiner Gedanken war, von dem ich eine Erklärung durch sein ganzes Benehmen zu hoffen berechtigt war, eine Erklärung, die unser beiderseitiges Lebensglück zu gründen vermocht hätte, war schon höre es, meine tausendfachgeliebte Freundin, und fluche ihm mit mir war schon durch andere Bande an eine Braut gefesselt! Nein, fluche ihm nicht, aber mich, mich beweine!
Ihm zu Liebe verlachte ich den Rath meines treuen redlichen Arztes, ich sang, ich tanzte, und opferte meine ohnehin kaum erneute Gesundheit. Und als ich leidend lag, tröstete mich der Gedanke, daß ich doch ihn erfreut, daß ich für ihn auch den Tod gern erleiden würde.
Da brachte mir unverhofft Mälar, mein Arzt, die Nachricht, daß der Graf plötzlich habe abreisen müssen, brachte mir seine Abschiedgrüße, sein Lebewohl. Aus Sorgfalt für mich hatte Mälar dem Grafen den mündlichen Abschied verweigert. Die Ursache dieser schnellen Abreise erfuhr ich nicht. Noch war ich voll Hoffnung, der Graf würde mir schreiben, ich täuschte mich, meine Hoffnung, meine Sehnsucht sollten schrecklich vernichtet werden.
Meine Gemüthsstimmung war nicht geeignet, zur Genesung meines Körpers mitzuwirken, ich durfte die Reise in die Heimath und zu Dir, meine Treue, nicht wagen; ich zog in das Haus meines freundlichen Arztes, der mit seiner Frau und einem kleinen engelholden Kinde, das Emilie heißt, in diesem Städtchen, ohnfern dem Bade *** wohnt, und ein gemüthliches Stillleben führt; da bin ich, so fern meiner Heimath, so fern von den Freundinnen und Bekannten, und verblühe und welke hin, eine einsame Lilie in einem stillen Thale. Was meine Lebensblüthe vollends knickte, war die Nachricht einer Freundin, daß der Graf in ***, wo diese Freundin lebt, seine Vermählung mit einer reichen Erbin gefeiert habe. Es brach mein Herz.
O, so schändlich verrathen, so betrogen um Liebe und Hoffnung und Leben, und Alles; was verbrach ich, daß Solches mich treffen mußte? Soll ich fluchen ihm und seiner Liebe? Sollen meine Verwünschungen wie Gespenster um seine Freuden flattern? Er wird leben in der Fülle des Glücks, ich werde sterben in der Fülle des Grams, soll mein Geist ihn quälen und martern, wenn ich gestorben bin? O zurück, zurück in die Nacht der Seele, die euch gebar, ihr wilden Träume meiner Verzweiflung, er steht ja rein da, er brach mir ja kein Gelübde, ich war eine wahngläubige Thörin, daß ich seine freundliche Zuneigung für Liebe nahm! O warum habe ich auch keine Mutter mehr, an ihrem Busen ausweinen meinen glühenden unendlichen Schmerz, zu weinen, bis ich keine Thränen mehr hätte? Bald, bald werde ich wieder eine Mutter haben, bald werde ich bei ihr, der Seligverklärten seyn, wo getäuschte Liebe nicht weint, wo Hoffnung nicht trügt, wo Herzen nicht verbluten. Du hast sie gekannt, die Gute, Herrliche, auch ihr Leben drückte ein tiefer Gram, den sie mir nie enthüllte, es sollte kein Schmerz mein Jugendleben verkümmern, ihr Tod war mein erster Schmerz.
Ich bin bestimmt, nur großes Weh zu tragen, aber ich glaube, das Schicksal hat sich an meiner Kraft verrechnet, ich werde früher unterliegen, als es müde wird, auf mich einzustürmen.
Die Feder entsinkt fast meiner Hand ich kann sie nicht mehr halten meine Kraft schwindet zusehends hin, o wärst Du doch bei mir, meine liebste Freundin! So allein so schmerzlich allein
Dein treuer Vater
Julius, Graf v. u. z. Zarndeg.
Als ich diese Briefe gelesen, brachte ich sie dem Doktor Mälar zurück. Nur noch eine Frage, bat ich ihr: "War der junge Graf glücklich?" "Nicht glücklich, seine Gemahlin starb nach einer zu frühen Niederkunft mit einem todten Kinde," antwortete Mälar: "er reiste umher, uns suchte Ruhe. Jetzt hat er sie gefunden."
Bald darauf sagte ich der kleinen Stadt und ihren lieben Bewohnern ein wehmüthiges Lebewohl. (193-266)
Ludwig Bechstein: Der Rabe
(1835, Novellen und Phantasieblüthen I,3)
1.
In dem stolzen Schlosse, das sich in der alten Stadt Merseburg hochprangend auf gründbekleidetem Felsengrunde über der tief unten dahinrauschenden Saale erhebt, regte sich ein lautes fröhliches Leben. Zu dem reichen und edlen Bischof Merseburgs, Thilo von Trotha, waren zwei seiner liebsten Freunde, der Bischof von Naumburg und der von Meißen, mit einer großen Anzahl von Rittern und Reissigen auf einen freundschaftlichen Besuch gekommen, wie es die Sitte früherer Zeiten, die den Stand der geistlichen Fürsten dem der weltlichen gleich oder noch höher stellte, erheischte. Den Dienst der Kirche versahen Capläne und Diakone, und nur an den höchsten Festtagen erschien der Bischof selbst, die heiligen/ Aemter der Kirche verwaltend, und auch dann meist in einem Aufzug, der glänzender und prangender war, als es die ernste Würde der Religion erheischte. Der Bischof Thilo war ein hoher, herrlicher Mann, sein feuriges Auge strahlte Muth und Ernst und Würde, er schien zu einem Kriegshelden, nicht zu einem Priester geboren. Gesattelt standen im geräumigen Schloßhofe die Rosse, gehalten von bunt gekleideten Troßbuben, und eine Schaar von Jägern, mit langen Spießen, tüchtigen Armbrüsten, und kurzen Jagdmessern bewehrt, harrte nur des Augenblicks, wo die geistlichen Herren erscheinen würden, um in den Wald zum fröhlichen Waidwerk zu ziehen. Am Thore drängte sich eine Menge müßigen Volkes, das neugierig herbeigelaufen war, die fremden Gäste mit ihrem glänzenden Gefolge zu sehen. Und jetzt ertönte lauter Hörnerschall, und aus dem Schloß traen zwölf Edelknaben, auf ihren seidnen Gewändern waren prangende Wappen eingestickt, ihnen folgten die hohen Gäste, in deren Mitte der Bischof Thilo, stolz wie ein König. Dann kamen die Ritter, dann eine Schaar von Falkonirern, Kämmerern und Hofdienern, so daß im Schloßhofe ein sehr buntes und bewegliches Bild sich dem Auge/ des Beschauers darstellte. Schon saßen die Herren Alle zur Jagd gerüstet auf den muthig schnaubenden und wiehernden Rossen, als es dem Bischof Thilo einfiel, sich und seine Gäste noch ein Mal durch einen kräftigen Trunk zur Jagd zu stärken, und er rief seinen greisen Kämmerer: „Johannes! bringe uns noch einen Becher gewürzten Weines!“
Der alte Diener eilte so schnell es seine sinkenden Kräfte zuließen, das Verlangen des Gebieters zu erfüllen, er brachte die silbene Kanne mit dem heißen, süß duftenden Getränke, und füllte den großen, goldnen Pikal und reichte ihn mit zitternder Hand dem Gebieter, der ihn erst dem Bischof von Meißen, dann dem von Naumburg bot, dann wieder füllen ließ, um selbst zu trinken, aber wie der Greis zum zweiten Male den Becher dem Herrn reichte, stieß von ungefähr der Jäger Ullrich den Kämmerer und Mundschenken, indem er an diesem sich vorbeidrängte, daß der heiße Wein überfloß und dem Bischof auf der Hand brannte, und ihm das köstliche Gewand befleckte. „Ungeschickter, tölpelhafter Hund!“ schrie der Bischof im Gesicht über und über zornroth, schlug dem Kämmerer den Becher aus der Hand, daß er zur Erde fiel, schwang die Peit/sche, versetzte erst dem Kämmerer einen Hieb, und schlug dann auf den Jäger Ullrich so unbarmherzig los, daß sich alle Umstehenden entsetzten, und dieser sich winselnd wie ein Wurm im Staube krümmte, denn der Bischof war ein überaus zorniger Mann, und übte meist mit eigner Hand an seinen Untergebenen oder auch an Andern das Strafgericht, selbst für kleine Vergehungen aus. Sein züchtigender Arm hätte vielleicht so bald nicht geruht, hätte ihn nicht der Bischof von Meißen bittend und zuredend gehalten. Dann jagte er davon, das Gefolge schloß sich an, und das Volk, erschreckt durch jenen Ausbruch des Zornes, gab eilig Raum und ließ die Gewaltigen an sich vorübersprengen.
Nachgaffend standen im Schloßhofe die zurückgebliebenen Diener. Den alten zitternden Johannes hielt seine Enkelin Elsbeth, ein blühendes, liebliches Mädchen von funfzehn Jahren, weinend umfangen, sie hatte unter den Zuschauern gestanden und den Schlag gesehen, den ihr Großvater von dem zornigen Herrn empfangen und ihn mitgefühlt.
„Weine nicht, weine nur nicht, Du gutes liebes Kind,“ sprach der Alte; „es schmerzt nicht mehr. Sei ruhig, Elsbeth!“ Wie er so sprach, ging der/ Jäger Ullrich, der zurückgeblieben war, zu den Beiden, seine Augen flammten, seine Züge waren bleich, über die linke Wange lief ein blaurother Streif, die Peitsche hatte sie getroffen.
Zähneknirschend fuhr er den Alten an: „Ich will verdammt sein, wenn ich Dir diese Schläge vergesse, Hans!“
„Was willst Du?“ fragte ihn der Greis. „Bin ich Schuld daran? Hast Du mich nicht gestoßen, daß ich den Wein verschütten mußte und selbst leiden durch Deine Unvorsicht?“
„Schwatze nur, schwatze nur, Alter!“ zankte Ullrich. „Du konntest Dich in Acht nehmen. Du hast es mit Fleiß gethan. Du hast schon lange einen Grimm auf mich, aber warte nur, das Stündlein wird schon kommen, in dem ich Dir die heutige Züchtigung gleich mache.“
„Pfui über Dich, Du frecher, niederträchtiger Knecht!“ zürnte nun auch erbittert Johannes. „Einen alten Mann willst Du beleidigen, und eine Strafe an ihm rächen, die Du, wenn auch nicht verdient, doch selbst verschuldet. Thue, was Du willst, ich stehe in Gottes Hand, und die hält er schirmend über den Gerechten. Komm, mein Kind,/ laß uns hineingehen, höre die Reden eines bösen Buben nicht mehr an.“
Er ging mit dem stillweinenden Mägdlein hinein in das Haus, Ullrich schoß ihm aber aus rollenden Augen giftige Blicke nach. Ueber ihm auf einer Eiche, die im Schloßhof stand, schrie der zahme Rabe des Bischofs dreimal sein Krah! Krah! und Ullrich sah hinauf auf den Baum; das Gechrei des Vogels schien ihm Rache! Rache! zu lauten, und sein Zorn über die erlittene Strafe verwandelte sich in den tödtlichsten Haß gegen den biedern alten Mann, der mit Willen kein Kind betrübte, und durch sein ganzes langes Leben redlich und treu erfunden worden war.
2.
Jagdgetümmel durchtobte den Wald, er sich in weiter Ausdehnung, mannigfaltig von kleien Flüssen durchschnitten, und von grünen Wiesen untrbrochen, bis nach Leipzig, wo er den Namen des alten Rosenthales führt, auch jetzt noch hinzieht, obgleich er in jener Zeit weit größer war. Die geistlichen/ Herren mit ihrem zahlreichen Gefolge erlegten manches Stück Wild, das die flinken Hunde aus dem stillen Lager aufgescheucht, und überließen sich mit voller Lust ihrem blutigen und grausamen Vergnügen. Da traf sich’s, daß ein überaus stattlicher Edelhirsch aufgetrieben wurde, dem der Bischof auf seinem flüchtigen Roß nachsetzte, von seinen beiden Freunden begleitet; schon hatte er den gefiederten Pfeil auf die köstliche Armbrust gelegt, schon zielte er und wollte, ein geübter Schütze, den Hirsch im Reiten erlegen, als dieser zusammenbrach, ehe noch der Bischof geschossen, und von einer andern Seite her der Jäger Werner aus dem Gebüsch trat, mit abgeschossener Wehr und freudigem Gesicht, das aber alsbald die bleiche Frabe des Schrecks überzog, als er den Bischof gewahrte. Dieser donnerte wüthend: „Frecher Knecht! Schossest Du den Hirsch?“
Und wie der Jäger mit emporgehobenen Händen flehend auf die Knie sank und ein Schrei des Schrecks dem Munde Aller entfuhr, die zugegen waren, da hatte der Bischof schon sein Geschoß auf den Jäger gerichtet, hatte schon den tödtlichen Pfeil abgesendet und blutend sank der unglückliche Schütze zusammen./
„Thilo! Thilo!“ sprach da sehr ernst der Bischof von Naumburg, „dieses Blut wird der Herr von Euch wiederfordern am Tage des Gerichts. Ihr seid ein harter jähzorniger Mann, und ich scheide mich von Euch und Eurer Freundschaft. Es möchte Euch ein Gelüsten ankommen, auch mich zu erschlagen, wenn ich ein Wild erlegte, das Ihr fällen wollen!“
Der Bischof von Merseburg wurde sehr bleich im Gesicht und dann wieder glühend roth, doch sprach er kein Wort und sah nur mit wildem Blick auf den Sprecher, und seine Lippen zitterten. Der Bischof von Naumburg aber stieß in sein elfenbeinernes Jagdhorn und alsbald sammelten sich um ihn seine rRtter und Jäger und sein ganzes Gefolge und mit den Worten: „Lebt wohl, Thilo, habt Dank für Eure Gastfreundschaft, die wir fürder nicht in Anspruch nehmen!“ sprengte er davon und die Seinen Alle ihm nach. Thilo von Trotha aer stand starr, wie eine Bildsäule und bewegte die Lippen, als wenn er reden wolle, die Hände, als wenn er nach dem Schwerte greifen wolle. Da umfaßte ihn Gerhardt, der Bischof von Meißen, und sprach zu ihm: „Beruhigt Euch, faßt Euch, kommt zu Euch, werther Freund! laßt ihn ziehen, den strengen Richter,/ und sühnt durch Gebet und Fasten und reiche Seelenmessen den Tod des Jägers.“
„Diesen Schimpf, diesen unerhörten bittern Schimpf,“ steiß Thilo hervor, „mir angethan vor meinen Mannen und Knechten, will ich blutig rächen!“
„Nicht also, Thilo,“ redete Gerhardt weiter. „Nehmt die Demüthigung in Demuth hin, und denkt, daß Ihr sie verschuldet habt durch Euern übereilten Zorn, der Euch so oft übermannt und Euern Ruhm verdunkelt und Eure Ehre befleckt und Euern heiligen Stand schändet!“
Der Bischof von Meißen war Thilo’s treuester, ältester unf bester Freund, er durfte frei und ohne Scheu mit ihm reden. Und wie Thilo finster auf seine Rede schwieg, da nahm er ihn, sie waren Beide von ihren Rossen gestiegen, am Arm und ging mit ihm allein eine Strecke durch das Gebüsch und über eine schöne Wiese hin, und sprach zu ihm mit ernsten, aber treugemeinten Worten:
„Ihr müßt Euern Jähzorn bezwingen, Thilo, Ihr dürft nicht richten und rächen jeden kleinen Fehl mit Geißelhieben, Wunden oder Tod. Ihr dürft nicht vergessen, daß Ihr ein Diener dessen seid, der/ Duldung und Sanftmuth, Liebe und Milde, Versöhnlichkeit und Barmherzigkeit lehrt. Der die Feinde zu lieben, den Beleidigern wohlzuthun gebietet, Ihr dürft nicht vergessen, daß Ihr einen Richter und Rächer über Euch habt, dessen Langmuth wir nicht versuchen sollen.“
Thilo seufzte tief. „Ich fühle,“ sprach er, „ich fühle die Wahrheit Eurer Worte, o, ich fühle, daß ich ein schwerer Sünder bin. Meine Heftigkeit reizt mich zur Uebereilung, meine wilde Hitze zum Verbrechen hin. O könnte ich mit meinem Leben das des Jägers erhalten!“
„Sorgt mindestens für sein Weib und seine Kinder, denen Eure That den Versorger raubte,“ rieth Gerhardt, und Thilo zeigte sich zu jeder Sühne bereit, die ihm leicht wurde in einer Zeit, wo noch die Herren über Leib und Leben ihrer Diener gebieten konnten, in einer Zeit, die an grausamen und empörenden Handlungen der Willkür und der rohen Gewaltthätigkeit weit reicher war, als die, in welcher wir leben, wo weise und gerechte Gesetze auch den Willen des Mächtigen einschränken, daß er die Gebote der Menschlichkeit nicht mit Füßen treten darf.
Gar Vieles redeten die Beiden noch zusammen/ und Thilo von Trotha gelobte in die Hand des Freundes Mäßigung seines Jähzorns, Milde gegen seine Diener, und daß er auch mit dem Bischof von Naumburg, der ihn auf beleidigende und kränkende Art verlassen, keine Fehde beginnen wolle. Er sah ein, welch einen treuen und wahren Freund er an dem Meißner Bischof habe; denn darin besteht das Wesen treuer Freundschaft nicht, daß sie sich von dem Fehlenden und Irrenden unter Vorwürfen abwendet, und ihn verläßt, wie der Naumburger Bischof Thilo that, sondern daß sie einen solchen wie hier Gebhardt mit ernster Ermahnung und redlicher Warnung, auf den bessern Pfad zu leiten sucht.
Und als einige Tage nach diesem Vorfalle Gerhardt wieder nach Meißen zog, und ihn Thilo von Trotha bis Leipzig begleitete, wechselten die beiden Freunde zum Zeichen steter uind unwandelbarer Treue ihre Ringe, und gelobten sich nie von denselben zu trennen, sich bei deren Anblick immer an einander zu erinnern, und Thilo versprach noch besonders, so oft er den Ring ansehe, wolle er seines Versprechens eingedenk sein, sich in seiner Heftigkeit zu mäßigen und nie mehr in der Ueberwallung seines Zornes eine Strafe zu verhängen, oder selbst zu vollziehen;/ und beruhigter trennte sich der Freund von dem Merseburger Bischof.
3.
Eine lange Zeit verging, und der Bischof wurde nicht mehr so oft heftig und jähzornig, wie sonst; und wenn er noch bisweilen aufbrauste, wenn etwas geschah, was seinen Unwillen erregte, so hütete er sich doch, mit Grausamkeit zu strafen: des Jägers Hinterlassene wurden so versorgt, daß sie den Vater nicht so sehr vermißt haben würden, wenn sich mit Geld und Gaben der harte Verlust einer geliebten Person ersetzen ließe. Ein steinernes Kreuz im Walde bezeichnete den Ort, wo er, ein schuldloses Opfer blinder Willkühr und rasender Leidenschaft, gefallen war. Aber in dem Herzen des Jägers Ullrich kochte die Rache gegen den alten treuen Kämmerer noch fort, und so oft er den Schloßraben sah, oder sein Geschrei hörte, erinnerte er sich jenes Tages und fluchte im Innern, daß er noch keine Gelegenheit gehabt, den Alten empfindlich zu kränken, der, wenn seine Dienstgeschäfte besorgt waren, sein einziges Glück in/ der Gesellschaft seiner Enkelin Elisabeth fand, die ihn wahrhaft kindlich liebte und pflegte, und ihm die Tage seines Alters zu erheitern strebte, dafür war sie aber auch sein Kleinod, sein einziger Liebling und er für ihre Zufriedenheit, wie für ihr Wohl eifrig besorgt.
Der Bischof hatte jenen Vorfall auf dem Schloßhof lange vergessen und Ullrich, der sich mit ängstlichem Fleiß um die Zufriedenheit seines Gebieters mühte, war ihm einer der liebsten seiner Diener. Unter andern hab sich Ullrich damit ab, den Raben, der dem Bischof viel Vergnügen machte, einzelne Worte aussprechen zu lehren, was ihm auch zu vieler Zufriedenheit des Bischofs gelang; der Rabe durfte nun in dem Zimmer des Herrn aus- und einspazieren, und dieser lachte herzlich, als er aus dem Schnabel des Vogels zum ersten Male die Namen Thilo! Trotha! Maria! Joseph! deutlich und oft wiederholt aussprechen hörte. Der Rabe hatte auf einem alten Thurme sein Nest, zu welchem ohne Gefahr Niemand kommen konnte, aber die meiste Zeit des Tages war er im Schlosse oder unten auf dem Schloßhof und belustigte Alt und Jung durch sein Geplauder. In dieser Zeit trug sich’s zu, daß der Bischof ein Kleinod vermißte, welches mit Edel/steinen besetzt war, und das er auf dem Tische in seinem Zimmer hatte liegen lassen. Vergebens suchte er darnach, vergebens rief er seine Diener und unter ihnen auch den alten Kämmerer, ließ sie suchen, und forschte, ob irgend einer das Kleinod veruntreut, allein wie sehr er auch schalt und tobte und sich überaus zornig geberdete, es war und blieb verschwunden.
Der Bischof besaß auch einen kleinen Krystallspiegel, mit dem er sich oft ergötzte, indem er ihn am Fenster gegen die Gegend hielt, deren Bild lieblich und rein, schöner wie das schönste Gemälde, sich verkleinert in ihm abspielte. Auch dieser Spiegel war von hohem Wert, denn sein Rand war mit kostbaren Edelsteienn besetzt, und die Einfassung war von Gold. An einem schönen sonnigen Morgen wollte der Bischof hineinsehen, siehe, da fehlte auch der kleine Krystallspiegel. Der alte Kämmerer Johannes trat mit dem Frühtrunk zu dem Herrn, und erschrack sichtlich, als dieser ihn mit zornfunkelnden Blicken ansah.
„Es muß ein Dieb um mich sein,“ tobte der Bischof: „jetzt fehlt auch mein Krystall! Wehe dem Frechen, wenn ich ihn entdecke, er soll an den ersten/ besten Pfeiler im Schloßhof gehenkt werden, ehe er die Sonne zum zweiten Male aufgehen sieht!“
„O Herr, o Herr,“ stammelte der zitternde Alte: „Verflucht soll die Hand sein, die sich ausstreckt nach Eurem Gut! Aber Eurer Diener keiner wird es wagen, wir haben sie Alle geprüft, und Alle treu befunden. Doch so es Euch gefällt, will ich sie Alle herein rufen.“
„Nein laß es nur“ sprach finster der Bischof. „Sage nur, daß ich den Krystall verloren, und dem, der mir ihn wieder bringt, den vollen Werth in Gold zuwiegen wolle Vielleicht lockt die Gier nach dem Gelde den Dieb.“
Traurig und bekümmert ging der Greis. Der Jäger Ullrich begegnete ihm und blickte ihn fest und finster an, der Alte seufzte, als er an seinem Feinde vorüber ging. Ullrich ging hinein zu dem zornigen Herrn.
„Man hat mir auch meinen Krystallspiegel gestohlen, Ullrich,“ redete der Bischof ihn an. „Nicht möglich, Hochwürdigster,“ entgegnete der Jäger.
„Und doch ist’s also, aber Gnade Gott dem Dieb, wenn wir ihn entdecken.“
„Kommt doch außer mir und Johannes kaum/ Einer auf Euer Zimmer,“ fuhr Ullrich fort, „und was mich betrifft, so kann ich euch mit tausend heiligen Eiden “
„Laß die Betheurungen“ sprach der Bischof ernst, „ich kenne Dich, Du bist treu, auch mein alter Johannes ist treu, auf Euch ruht kein Verdacht.“
„Der Alte bedarf ja auch weder Gut, noch Geld; er hat ja genug, er müßte es für seine Enkelin Elsbeth zusammenscharren, in die er ganz vernarrt ist, und die er herausputzt, wie eine Edeldame,“ sprach Ullrich.
„So?“ fragte der Bischof gedehnt, und seine Stirn furchte sich auf’s Neue.
„Das Alter kargt gern und ist insgemein geizig,“ setzte Ullrich seine Rede fort: „doch gegen seine Enkelin scheint es der alte Kämmerer nicht zu sein, sie trägt schöne goldne Ringlein an ihren Fingern, und bunte Ketten und Perlenschnüre um den Hals, wie ein Fräulein, und die Dirne ist doch noch gar jung, noch ein halbes Kind.“
„Meinetwegen,“ erwiederte Thilo von Trotha: „mache Deinem Geplauder ein Ende! Ich bleibe dabei, mein Johannes ist treu, aber wir werden den/ Dieb schon noch herausbringen, und dann wehe diesem!“
Der Jäger nahm einiges Geräthe, das er für den Herrn in Ordnung bringen wollte, aus dem Zimmer mit, und entfernte sich. Als er auf den Vorsaal kam, hörte er eine fremde Stimme vernehmlich rufen: „Ullrich! Ullrich!“ Wie er sich umsah, war es der Rabe, der auf ihn zuhüpfte und ihn mit Geschrei zu mahnen schien, ihm sein Futter zu geben.
„Närrischer Kerl!“ redete Ullrich den Vogel an: „wer hat Dir denn meinen Namen gelehrt?“
„Ullrich! Thilo! Trotha!“ rief der geschwätzige Rabe.
„Ei, ei, der Bischof? Du bist doch ein kluges Thier,“ fuhr der Jäger fort, und er sah den gelehrigen Vogel lange an. Da kam in seinen bösen Sinn ein schrecklicher, verbrecherischer Gedanke. „Warte, warte, alter Hans,“ murmelte er vor sich hin, und dann rief er den Raben: „Markus komm, wenn Du artig bist, sollst Du frisches Wildpret haben.“ Er ging; kreischend hüpfte der Rabe hinter ihm drein.
4.
Der Bischof Thilo von Trotha schrieb an seinen Freund, den bischof Gerhardt in Meißen: „Euer Ring hat Wunder gethan, und wie ein freundlicher Talisman besänftigend auf mein sonst so heftiges Gemüth gewirkt. Seit ich ihn am Finger trage, habe ich mich nicht wieder einer so sündlichen Uebereilung schuldig gemacht, und kein Vergehen im Augenblick des Zorns und ohne genaue Untersuchung bestraft oder bestrafen lassen. Bald werde ich aber ein strenges Richteramt verwalten müssen, ich habe einen Hausdieb; seit kurzer zeit vermisse ich mehrere Sachen von Werth, unter andern auch meinen Krystall, den Ihr kennt. Sonst hatte ich sehr treue Diener, es scheint sich jetzt geändert zu haben. Doch bitte ich Gott, daß ermich vor falchem Verdacht bewahre, und mich nicht einen Unschuldigen kränken lasse. Euer Ring erinnert mich stets an mein einstiges Vergehen gegen den armen Werner und ist mir werther, wie der köstlichste Schatz, nie will ich mich von ihm trennen. Gott wird mir vergeben um meiner Reue und meiner Besserung willen. Sucht mich bald wieder heim, mein edler getreuer Freund,/ es wird Euch mit offnen Armen empfangen Euer Trotha.“
Aber an demselben Tage, an welchem Gerhardt diesen freundlichen Brief zu seiner großen Freude empfing, sollte sich im Schloß zu Merseburg etwas ereignen, was im Gemüth des Bischofs alle schlummernden Furien seines Zorns, seiner Wuth erweckte.
Als Thilo das Bette verlassen und sich angekleidet hatte, griff er nach dem Kästchen, in welchem er jedes Mal vor Schlafengehen sorglich den Ring aufbewahrte, es lag geöffnet auf seinem Tische, und der Ring, der theure kostbare Ring, war nicht mehr darin.
Vergebens wäre der Versuch, den Grimm des Bischofs zu schildern. Er tobte, wie ein wildes Thier und die Säle und Gallerien des Schlosses hallten wieder von seinem fürchterlichen Geschrei. „Ich will ein schreckliches Gericht halten über den Räuber!“ donnerte er, und befahl, daß sich die ganze Dienerschaft in dem großen Saal versammeln solle. Zitternd und zagend, obgleich mit gutem Gewissen, erschienen Alle, unter ihnen auch Johannes und Ullrich. Und es ging ein ängstliches Flüstern durch den Saal, aus dem Geflüster folgte eine tiefe Stille. /
Der Bischof trat ein mit einem wilden schrecklich düstern Gesicht, auf dem Fuße folgte ihm mit entblößtem Richtschwerdt der Scharfrichter.
Und der Bischof sprach zu den Dienern: „Mir ist das Liebste gestohlen, was ich besessen, mein Ring, ein Geschenk meines besten Freundes. Hat einer unter Euch, von einem bösen Geiste verblendet, die That gewagt, und stürzt er mir reuevoll zu Füßen und giebt mir den Ring zurück, so schwöre ich bei dem allmächtigen Gott, ich will es an ihm nicht rächen, ich will ihn ungehindert ziehen lassen aus meinem Dienst und ihn nicht verfolgen.“
Der Bischof schwieg, prüfend überflog sein Auge die Reihe der bleichen Gesichter, unbeweglich standen Alle, über Thilo’s Gesicht zuckte es, wie Wetterleuchten, drohend und furchtbar. Und er nahm wieder das Wort: „Weiß Einer unter Euch den Thäter und hehlt er ihn und entdecken wir das, so muß er sterben, gleich dem Verbrecher, will er aber den Namen des Räubers nennen, so will ich ihn belohnen mit dem Viertheil all meiner Habe, und er soll edel werden und mein Freund sein durch alle Zeit!“ Aber es blieb still, todtenstill im Saale, Niemand regte sich./
„Unter Euch muß der Dieb sein!“ donnerte wüthend der Bischof. „Gesteht, oder ich lasse Euch Allen die Köpfe abschlagen, Einem nach dem Andern!“
Da erhob sich ein lautes Weinen und ein Geheul des Jammers unter den Dienern, und sie fielen Alle auf die Kniee und hoben flehend die Hände empor, und der zornige Herr stand dort, und übersah sie mit vernichtendem Blicke, und rief: „Ruhe, Ruhe, jetzt frage ich Euch nicht mehr, ich frage den Himmel.“
Und er stand still und in sich gekehrt, als bete er lautlos, und alle Diener beteten mit in der Angst ihres Herzens, und es war im Saal wieder eine tiefe Stille. Wie nun der Bischof seine Augen emporhob, als suche er zu lesen an dem ewigen Firmament, da rief plötzlich im Saal eine Stimme ganz vernehmlich: „Thilo! Thilo! Hans! Dieb! Hans! Dieb!“ und es war als führe ein tödtender blitz in die Versammlung. Oben auf einem Pfeiler der Credenzghalle saß der Rabe, schlug mit den Flügeln, und schrie noch ein Mal: „Hans! Dieb!“
Und des Bischofs Flammenblick schoß hin wie ein Pfeil auf den alten Kämmerer, und alle Blicke flogen ihm nach, und von allen Lippen flüsterte es er/schrocken: „Hans? Dieb? Hans der Dieb? Und Ullrich sprach halblaut: „da habt Ihr’s, der Markus ja, das ist ein gescheiter Kerl, der wird zugesehen haben!“
„Hast Du’s gehört, grauer frecher Sünder?“ schrie der Bischof, und der Kämmerer wurde kreideweiß im Gesicht, und er konnte kein Wort hervorbringen. „Das ist ein Fingerzeig von oben, damit nicht unschuldiges But vergossen werde! Durch die unvernünftige Creatur offenbart der Herr, der Allsehende, die Wahrheit, und bringt das Verborgene an das Licht. Sprach nicht einst die Eselin Bileams und speiste nicht ein Rabe den Propheten? Gott sei gelobt, Du aber verrätherischer, undankbarer Hund, Du mußt sterben“!
„Um Gottes Barmherzigkeit willen, hochwürdigster Herr!“ rief der zitternde Greis: „ich bin unschuldig!“
„Unschuldig? heuchlerischer Bube! augenblicklich giebst Du den Ring zurück! wo ist er, wo hast Du ihn?“
„Herr ach Herr ich habe ihn nicht bei Gott!“ stammelte der Greis.
„Bindet ihn! Führt ihn in den Thurm! Wir/ wollen ihn schon zum Geständniß bringen!“ gebot, und rief der Bischof und der jammernde Greis wurde gefesselt abgeführt; mit leichterem Herzen, daß das drohende Ungewitter über einem Einzelnen ausgebrochen, gingen die Diener aus dem Saale. Wenige glaubten an Johannes Unschuld, heftig grollend verfügte sich der Bischof in seine Gemächer, Ullrich war der Letzte, der aus dem Saale ging. Er sah hinauf zu dem Raben und der Rabe sah zu ihm herab, und Ullrich sagte: „Brav gemacht, Markus, brav mein gescheiter Bursche.“ Aber wie er aus dem Saal ging, rief der Rabe: „Ullrich! Ullrich!“ Und es war dem Jäger, als klänge der Ton warnend und vorwurfsvoll und es fuhr ein Schauer durch sein böses Herz und seine Kniee zitterten, als er die steinerne Schneckentreppe hinabstieg, wie die Kniee eines Verbrechers, der zum Gericht geführt wird.
5.
Der Bischof von Merseburg war gut bewandert in der heiligen Schrift, aber des Spruchs: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet, verdammt/ nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt, war er nicht eingedenk, sonst hätte er nicht durch eine grausamblutige That seinen edlen Namen befleckt auf ewige Zeiten.
Vergebens flehte der alte treue Kämmerer um Erbarmen, als er aufs Neue vor den Herrn geführt worden war. „Denkt meiner Treue, Herr Bischof,“ sprach er weinend,: „und denkt meiner Jahre. Euerm Vater habe ich 15 Jahre gedient, und Euch bin ich von Eurer Kindheit an ergeben gewesen, ich habe Euch auf diesen Armen getragen, die in Euerm Dienst alt und schwch geworden sind! Seht mein graues Haar an, könnt Ihr glauben, daß ich mein Alter entehren würde durch schnöden Diebstahl?“
Wie der Greis noch flehend zu den Füßen des harten Gebieters lag, wurde die Thüre mit Gewalt aufgerissen, und herein flog mit einem Gesicht, das Thränen übertrömten, seine Enkelin Elsbeth und fiel dem Großvater laut weinend um den Hals, und sank hin zu den Füßen des Bischofs und blickte zu ihm auf mit den schönen frommen Augen und den Zügen voll Unschuld und namenlosen Schmerzes, aber sprechen konnte sie nicht.
„O Herr, hochwürdiger Herr! laßt Euch rühren/ durch die Thränen dieses Kindes, das eine älternlose Waise ist, denn ich habe mein Weib und alle meine Kinder begraben, und diese meine Enkelin ist mir allein geblieben, meines Alters Freude, und mein Trost, o Herr, habt Erbarmen! So wahr Gott Mensch geworden ist, und für uns gestorben und wieder auferstanden, so wahr habe ich Euch nicht eines Hellers Werth veruntreut!“
„Schweig!“ zürnte der Bischof: „und hinweg mit der Dirne! Fort! Für sie wirst Du mir die Kleiode entwendet haben.“
„Allmächtiger Gott,“ stöhnte Elsbeth und sank halb ohnmächtig neben dem knieenden Greise nieder und dieser rief: „Laßt unsere Stuben und Kammern durchsuchen, Herr, und ich will des Todes sein, wenn etwas gefunden wird, was Euer Eigenthum.“
„Auch das,“ rief Thilo und er winkte einigen Dienern zu gehen. Ullrich war unter ihnen. „Diesen nicht, Herr!“ flehte Johannes: „Dieser ist mein Teufel!“
„Schreibt mir der Knecht vor?“ grollte Thilo, und er rief Jenen nicht zurück. Eifrig suchten die Knechte, sie durchwühlten des Greises Geräth, sie brachen seine Truhen auf, sie zerzerrten mit ihren/ rohen Händen Elsbeths Kleider und ihren Schmuck und schleppten den kleinen Reichthum der Beiden vor den Bischof. Aber da war nichts darunter, was nicht wohl erworbenes Eigenthum gewesen wäre. Zuletzt brachte noch ein Knecht einen kleinen aus Elfenbein künstlich geschnitzen Becher, und wie der Bischof diesen erblickte, wurde er über und über roth, und schrie: „das ist ja mein Jagdbecher, der mir schon so lange fehlt! Ha, Schurke! Wo fandet Ihr ihn?“ fragte er die Diener.
„Unterm Bett lag er, ganz bestaubt!“ antwortete der Knecht, aber Johannes rief: „Lüge schändliche Lüge! Nie kam dieses Becherlein in meine Stube! Die Höllle hat sich verschworen gegen mich Unglücklichen, o Gott im Himmel! Offenbare Du doch meine Unschuld!“
„Lästerst Du noch den Herrn, der durch des Raben Mund Deine Schuld offenbart?“ zürnte der Bischof. „Fort mit dem Verbrecher, auf der Folter wird er schon sich auf den Ort besinnen, wo der Ring liegt. Und die winselnde Dirne peitscht aus dem Schloß!“
„Gott! Gott!“ seufzte da tief der Greis und die Knechte führten ihn hinaus, und seine Enkelin stützte/ ihn, aber keiner der Knechte that ihr etwas zu Leide, denn sie war mild und gut, und Manchen jammerte der Greis und das arme unglückliche Mädchen. Nur Einer triumphirte im Herzen, das war Ullrich.
Und die Quaalen der Folter begannen. Von Schmerzen überwältigt, gestand Johannes, bekannte er sich als den Entwender, fragte man ihn dann, wo der Ring sei, so konnte er es doch nicht sagen, denn er hatte ihn nicht, und der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig. Und immer grimmiger wurde der Bischof, und es war Niemand da, der vermocht hätte, seinen Zorn zu besänftigen.
Und wie der nächste Morgen sich röthete, wie die Wolken auf das Schloß einen blutrothen Schimmer warfen und die Wellen der Saale ihn zurückspiegelten, da bereitete sich im Schloßhofe ein blutiges Schauspiel vor, zu dem des Volkes neugierige Menge strömte. Zum Tod war der Kämmerer verurtheilt, und die Knechte errichteten schon ein kleines Gerüst, denn öffentlich und zum abschreckenden Beispiel sollte die Hinrichtung vor sich gehen. Bischof Thilo hatte die Blutrichter berufen, aber da ihm selbst die oberste Gerichtsbarkeit zustand, da seine Heftigkeit auf das furchtbarste erwacht war, wie hät/ten die Richter, Untergebene des Bischofs, es wagen dürfen, anderer Meinung zu sein, als ihr strenger Vorsitzer, selbst wenn ihr Urtheil nicht dadurch befangen und verblendet gewesen wäre, daß der alte gequälte Greis den Raub eingestanden?
Schon mehr dem Tode, als dem Leben angehörend, wurde Johannes auf das Blutgerüst geführt, um das sich das Volk in dichten Massen drängte. Die Diener des Bischofs standen alle im Hofe; in manches Auge trat eine Thräne des Mitleids, als der Greis dem Schaffot zuwankte; Andere, die nicht so mild gesinnt waren, stießen Verwünschungen aus über den, wie sie meinten, verstockten Sünder, der noch im hohen Alter von Geiz und Habsucht verblendet, eine niedrige That begangen. Seine Enkelin ging zitternd und weinend neben dem Greise her, sie leitete seine Schritte, sie stützte ihn, ach, kaum hatte sie selbst Kraft zu dem schweren Gange. An einem Fenster des Schlosses stand der Bischof. Viele Blicke richteten sich nach ihm, Viele hofften, er werde noch das Wort der Gnade aussprechen, aber sein Herz war versteinert und gehärtet von einer unseligen Leidenschaft./
Und eine ängstliche Stille begann zu herrschen im Volke, als nun näher der furchtbare Augenblick kam, und der Greis faßte seine gebrochene Kraft zusammen, und hob beide Arme hoch empor und rief laut aus, daß es alle hörten:
„So wahr ein Gott lebt droben in dem Himmel, und so wahr ich selig zu werden hoffe, so wahr bin ich unschuldig, und sterbe unschuldig! Aber der Herr wird es an den Tag bringen, der Herr wird mich rechtfertigen! Gott sei meiner Seele gnädig!“
Und wie Alles noch schwieg, und glaubte, der Greis werde noch weiter reden, da rief plötzlich von dem Eichbaum im Schloßhofe der Rabe: „Ullrich! Ullrich!“ und die Leichtsinnigen im Volk lachten, aber der Jäger, der unter den Hofdienern stand, ward leichenblaß und zitterte, und schlich sich hinweg, bis ins Innerste erschüttert und das Haupt des unglücklichen Johannes fiel. Mitleidige Arme trugen die in Ohnmacht liegende Elsbeth in ihr Kämmerlein. Wie der Bischof das Schwert blinken sah in der Hand des Scharfrichters, wandte er grausend den Blick ab, wie er sein Herz abgewendet von der Milde, aber auch von ihm wandte sich der Blick der himm/lischen Gnade ab, und er konnte nicht wieder froh werden.
6.
Als sich die Sonne dieses Tages zum Untergange neigte und der Bischof Thilo in seinem Zimmer allein stand, und mit düstern Blicken hinaus auf die weite Ebene blickte, sah er auf der Straße, die von Leipzig nach Merseburg führt, ein helles Flimmern und Funkeln, und vermuthete, daß es Ritter seien; in diesem Augenblicke trat ein Diener ein, welcher einen Besuch des Bischofs von Meißen anmeldete, und berichtete, daß derselbe schon im Anzuge sei. Mit einem leisen Seufzer vernahm Thilo diese Nachricht, die ihn, wäre sein Herz ruhig gewesen, mit inniger Freude erfüllt haben wurde, auch gedachte er mit innerlichem Verdruß des Ringes, der durch den Tod des Greises doch nicht wieder herbeigebracht worden war.
Wie der wackere Gerhardt einritt in das Thor von Merseburg und den Domberg hinauf, sah er schon aus der Dienerschaft, daß sich hier etwas Außer/gewöhnliches zugetragen haben müsse. Nicht mehr, wie sonst, trat ihm im Schloßhofe mit tiefer Reverenz der silberhaarige Kämmerer Johannes entgegen, und hielt ihm mit freundlichem Lächeln den Steigbügel; Ewald, ein anderer, junger Diener, versah das Geschäft.
„Nun?“ fragte diesen Gerhardt, „wo ist denn unser alter guter Hans? Er ist doch nicht krank, oder gar gestorben?“
Der junge Diener hatte den alten Johannes lieb gehabt. Er seufzte und ein Paar helle Thränen traten ihm in’s Auge.
„Was ist’s denn, was fehlt Euch denn?“ fragte Gerhardt weiter: „Ihr kommt mir Alle bestürzt und wunderlich vor. Euer Herr ist doch nicht krank?“
Der junge Diener schüttelte schweigend das Haupt und sein Gesicht verkündete einen tiefen innern Schmerz.
„Nun, was hast Du? Was geht hier vor?“ drang der Bischof in ihn, „kannst Du nicht reden?“
„Der alte Johannes,“ stammelte Ewald, „ist heute „
„Ist gestorben?“ unterbrach ihn Gerhardt: „der/ gute Alte! Nun Gott schenke ihm eine fröhliche Auferstehung!“
„Ist heute enthauptet worden!“ sprach der Diener und wandte weinend sein Gesicht abwärts.
„Enthauptet?“ fragte Gerhardt bestürzt. „Um Gottes willen und weswegen denn?“
„Wegen des Ringes, hochwürdigster Herr,“ antwortete Jener, „er soll ihn entwendet haben.“
„Welchen Ring? Eines Ringes wegen? Unerhört!“ rief der Meißner Bischof aus: „Was muß ich hören! o Thilo! Thilo!“
Gerhardt war unter diesem Gespräch in das Schloß und die Treppe hinauf gegangen, und Thilo tratihm eben grüßend entgegen, und wollte ihn küssend an seinen busen drücken, aber Gerhardt hielt ihn von sich.
„Dann erst den Kuß zum Gruß,“ sprach er ernst: „wenn das dunkle Räthsel sich löst, das mir aufgegeben wurde beim Eintritt in diese Hallen. Ich komme nach dem Ringe zu fragen.“
Zorngluth überzog das Gesicht Thilo’s. „Ein elender Bösewicht, ein undankbarer Knecht stahl mir den Ring,“ sprach er, „er hat heute die verdiente Strafe empfangen.“/
„Und wo ist der Ring?“ forschte Gerhardt.
„Der Räuber gab ihn nicht heraus, er schied mit einer Lüge aus der Welt, er behauptete sterbend, unschuldig zu sein.“
„Mit einer Lüge sterben wenige Menschen,“ sprach Gerhardt düster. „Bekannte er freiwillig?“
„Auf der Folter.“ entgegnete Thilo eben so düster: „aber laßt uns nicht von dem Elenden reden.“
Gerhardt winkte das Gefolge, das ihm in das Zimmer nachgetreten war, und die Leute des Bischofs Thilo hinaus, und als sie gegangen waren, trat er näher zu dem verdüsterten Freund, und sprach mit bewegter Stimme: „Thilo! Thilo! Ihr habt Euer Versprechen vergessen, Euer Gelübde gebrochen, ich fürchte, Ihr habt unschuldiges Blut vergießen lassen. Wehe Euch! Als ich Euern Brief erhielt, freute ich mich innig, aber bald darauf befiel mich eine große Bangigkeit, eine quälende Sorge, und ich mußte immer an euch denken, da beschloß ich Euerm Wunsche zu willfahren und Euch heimzuschen. Ich über-nachtete bei meinem Freunde, dem Bischof von Wurzen, und als er mich heute früh bis nahe an Leipzig begleitete, und ich von ihm Abschied nahm, und wir/ uns noch einmal die Hände drückten, seht, da zersprang Euer Ring in zwei Hälften, da habt Ihr sie!“
Thilo von Trotha stand in tiefes Schweigen versunken, seine Gedanken schienen irre zu gehen in dem trostlosen Gefilde peinigender Selbstanklage. „Er hätte mein Gold, meine Edelsteine stehlen können, ich hätte ihn nicht richten lassen,“ sprach er nach einer langen Pause. „Er hätte in den Dom brechen mögen und vom Altare die heiligen Gefäße hinwegnehmen, ich hätte nicht zu Gericht gesessen über ihn, aber er nahm mir den Ring, mein liebstes, theuerstes Kleinod.“
„Die Strafe war zu hart, wenn er ihn nahm (= selbst wenn er ihn genommen hätte, sk),“ entgegnete Gerhardt, „aber Thilo, wenn er nun den Ring nicht nahm, wenn nun wieder unschuldiges Blut gegen Euch zum Himmel schreit?“
„Hört mich und dann urtheilt,“ sprach Thilo, und erzählte nun den ganzen Hergang der traurigen Geschichte, wie er schon früher Kostbarkeiten vermißt, wie endlich der Ring gefehlt, wie er den Himmel im Stillen angerufen, den Frevel zu enthüllen, und wie in diesem Augenblick der Herr durch den Raben geredet, und den Thäter geoffenbart./
„Unglücklicher, verblendeter Mann!“ rief Gerhardt und schlug jammernd die Hände zusammen: „Das ist nicht die Stimme des guten Geistes gewesen, der Ihr gefolgt seid in der unsinnigen Verblendung Eurer Leidenschaft, das ist ein böser Geist gewesen, der um Euere Seele das Netz des Verderbens gesponnen; o Gott schütze euch vor Verzweiflung, Du guter armer Johannes, Du treuer Knecht, so mußtest Du enden, das war der Lohn für ein langes redliches Leben, das Du geopfert hast einem grausamen Tyrannen!“
Thilo stand wie vernichtet. Sein Freund erschien ihm wie ein zürnender Prophet, der gekommen, das Unglück herauf zu beschwören durch düstere Weissagung und den Jammer in das Haus zu rufen durch seine Wehklage um den Gerichteten.
„Ich will in den Dom gehen und beten,“ fuhr Gerhardt fort. „Bleibt zurück, armer Freund, laßt mich allein gehen. Meine Gedanken verdammen Euch, aber mein Herz weint um Euch, Thilo. Der Herr wolle uns erleuchten.“
Er ging. Thilo blieb einsam in seinem Zimmer zurück, er trat an das Fenster, blickte hinaus in die dämmernde Nacht; Nebel hüllten die Gegend ein,/ die dem Strom entstiegen. Es war todtenstill um ihn her. Vor seinem Geiste stand Johannes und der Henker mit dem blitzenden Schwerte.
7.
Im Dome war es sehr düster. Vor dem Hochaltare brannte die ewige Lampe, in einer Seitencapelle bei einem Heiligenbilde flammte ein Licht, und vor dem Betaltare lag eine in dunkle Trauergewänder tief verhüllte Gestalt, weinend und betend. Der Bischof kniete nieder auf den Stufen des Hochaltars, und es trat eine tiefe grauenvolle Stille ein. Dann vernahm der Bischof Worte, und blickte um, und sah, wie die stille Beterin, die sich ganz allein glaubte im Hause des Herrn, ihr Angeicht, das so weiß war, wie der Marmor des Curcifixes, emporhob aus den dunkeln wallenden Schleiern, und die Hände zum Himmel erhebend, ihren namenlosen Jammer ausstöhnte in klagenden, flehenden Worten.
„Frommer Greis, der durch Schmerz und Blut zum Himmel eingegangen ist, heiliger Märtyrer Johannes, bitte am Throne Gottes für Dein Kindes/kind!“ sprach sie. „Die Welt ist ihm zu einer Wüste geworden und sein Tag hat sich in Nacht verwandelt, o laß mich schlafen gehen! O himmlischer Vater, nimm Dein Kind zu Dir, denn es hat keinen Führer mehr auf Erden, und die Blumen seiner Freuden hat der Sturm geknickt, und es ist Thränenthau auf sie gefallen, so heiß, daß sie daran verwelkt sind! Gott, Allmächtiger, Allwissender, Allgerechter! Offenbare Johannes Unschuld, diesen Tag noch laß mich erleben an dem sein Name gereinigt dasteht vor den Augen alles Volkes und dann rufe mich, daß ich ihm die Kunde hinüberbringe in das himmlische Paradies! Und gieb mir Kraft, o Herr, daß ich sie trage die Last des Kummers, die auf meiner Seele liegt! Bitte für mich, Maria, all’ Ihr Heiligen, bittet für mich!“
Die Beterin konnte nicht weiter reden, sie weinte laut und rang die Hände, und neigte tiefer und tiefer das kummerschwere Haupt, endlich sah Gerhardt, daß sie besinnungslos umsank. Daß sie eine Verwandte des armen Johannes sei, ahnte er aus ihren Worten, es war Elsbeth. Er stand eilig auf und hob die Ohnmächtige empor, sie kam wieder zu sich, sie erbebte, als sie einen fremden Mann neben sich/ sah, aber Gerhardt sprach mit milden Worten zu ihr: „Fürchte Dich nicht, Du armes unglückliches Kind; ich habe Dein Gebet gehört, ich bin ein Diener des ewigen Hern, ich kenne Deinen Schmerz, beruhige Dich! Die Wege Gottes sind dunkel und wunderbar und unerforschlich, aber er führt Alles herrlich hinaus. Mir sagt es mein ahnender Geist: kommen wird der Tag, an welchem der Greis Johannes gerechtfertigt erscheinen wird. Dir aber, arme verlassene Waise, möge Trost und Friede werden.
„Jetzt folge mir, Du bist krank, Du darfst nicht länger in diesen düstern Mauern verweilen. Wo wohnst Du?“
„Bei einer Muhme unten vor dem Thor,“ weinte die Jungfrau, und wandenden Schrittes folgte sie dem Bischof aus dem Dom. Draußen wollte sie sich hinunterwenden zur Stadt, aber Gerhardt sprach: „Nicht unbegleitet darfst Du hinabgehen, folge mir in den Schloßhof, ein Diener soll Dir hinunterleuchten.“
„Nicht um alle Schätze der Welt,“ rief Elsbeth unter Thränen: „ich will die Stätte nicht wieder betreten, wo mein frommer Großvater verblutete.“
„So harre hier, ich sende Dir einen Diener./ Die Nacht ist finster, Du bist schwach, ich will es, da Du harrest. Schlafe, schlafe, armes Kind, und Gott möge Dich stärken!“
Gerhardt ging in das Schloß, er rief nach den Dienern, Ullrich war der erste, der seinen Ruf vernahm und sich vor ihn stellte, mit kriechender Unterwürfigkeit.
„Draußen an dem Dome steht eine Jungfrau, nimm eine Leuchte und begleite sie in die Stadt bis an ihre Wohnung,“ gebot er dem Diener, und dieser eilte, dem Befehle zu gehorchen.
Als er mit der Leuchte hinaustrat auf den Domhof, sah er die verhüllte Gestalt stehen, und diese ging nur vor ihm her ohne sich umzublicken. So wandelten sie den Domberg hinunter und bogen dann um die Straßenecke und gingen noch tiefer hinab nach dem Thore, und durch dieses hinaus in die Vorstadt, dort blieb an einem Häuschen die Jungfrau stehen und zog die Klingel und Ullrich trat näher zu ihr. Da sah er in Elsbeths todtenbleiches Gesicht, und sie sprach leise:
„Ich danke Dir, Ullrich.“ Er aber rief zornig aus:
„Du bist es? Dir hab’ ich leuchten müssen, ich,/ des Bischofs Diener, einer unehrlichen Dirne? Verflucht!“ Aber Elsbeth hörte ihn nicht, sie war hineingeschlüpft durch die niedrige Thüre, und riegelte hinter sich zu. Murrend und grollend kehrte er um, der Weg führte ihn an einer alten kleinen Capelle vorüber, der Sturm erhob sich, sein Licht verlöschte, der nahe Strom rauschte dumpf; es war Ulrich, als könne er an dem alten Bethäuschen gar nicht vorüber kommen.
„Ein böser, unheilvoller Tag,“ sprach er düster zu sich selbst: „er will gar nicht enden. Wenn es doch erst Morgen wäre, daß man sagen könnte, gestern starb der alte Johannes, oder übermorgen, und dann acht Tage, und vier Wochen und endlich Jahr und Tag, und die ganze Geschichte wäre vergessen. Mir ist so angst und bang, als hätte ich den Ring, und ich habe ihn doch nicht nein, ich habe ihn nicht, und ob ihn der Alte hatte, das weiß ich nicht hu, wie schauerlich ist die Nacht!“
Auf der Capelle saß ein Leichhuhn (= ein Kauz, sk), und schrie. Ullrich schauderte zusammen, nahe dabei war auch ein Kirchhof. Ullrich dachte an den Raben, wie er das Käuzlein schreien körte. „Rufst Du auch Ullrich! Ullrich?“ fuhr er zu sprechen fort: „wie der/ dumme Rabe? Wer ihm nur das gelehrt hat! Ich nicht ich habe ihn nichts gelehrt, gar nichts!Wer sagt, daß ich ihm etwas gelehrt hätte?“
Es war todtenstill um Ullrich her, Niemand redete außer ihm, in ihm aber sprach eine schreckliche Stimme, die sich nicht beschwichtigen lassen wollte die Stimme eines bösen, vorwurfsvollen Gewissens. Er schlich zitternd und bebend durch die Nacht hinauf in das Schloß.
8.
Auf dem Schlosse zu Merseburg wurde es immer stiller; die fröhlichen Gastmähler, die lauten lustigen Jagden, das Getümmel in Höfen und Hallen, Alles nahm allmählig ein Ende. Der Bischof war nicht mehr der Mann, der er sonst gewesen war, er wurde immer düsterer uind verschlossener, und gab sich mehr den geistlichen Uebungen hin, oft lag er Stunden lang im Dome im Gebet, oft wandelte er einsam in den Wald, oder durchschlich den Kreuzgang und die Gänge des Schlosses. Auch die Gäste blieben weg, da keine Einladungen mehr ergingen,/ und die, die ungeladen kamen, keine Zerstreuung mehr fanden.
Auch der Jäger Ullrich hatte keine Ruhe mehr, er konnte Keinem in’s Gesicht sehen, und fuhr zusammen, wenn nur irgendwo von ungefähr etwas rauschte. Alle andern Diener fürchteten sich vor seinem heimtückischen und verstörten Aussehen und wichen ihm aus, wo sie konnten.
Da wo jetzt der Schloßgarten in Merseburg ist, war vor Zeiten ein düstres Tannenwäldchen, durch welches aber auch schon Wege gehauen waren, doch verirrte sich selten ein Spaziergänger dorthin. Der Bischof betrat den melancholischen Hain fast nie, so lange er noch froh, genußsüchtig und lebenslustig war, jetzt fiel es ihm ein, sich dort einsam zu ergehen, und er führte seinen Entschluß aus. Ohne des Pfades sonderlich zu achten, schlich er in tiefen Gedanken durch den Tannenhain, und verfolgte seinen einsamen Weg. Plötzlich hörte er seine Namen rufen: „Thilo! Thilo!“ und sah empor. Sein Rbe war ihm nachgeflogen, und flatterte jetzt auf seine Schulter, zugleich vernahm er aber seitwärts einen Schrei und erblickte eine Frauengestalt, die ihr Gesicht verhüllt hatte und heftig zu weinen schien. Sie/ Lag auf den Knien an einem Hügel, der mit Moos ü+berwachsen war und auf dem ein kleines hölzernes Kreuz stand, an welchem ein frischer Immergrünkranz hing. „Ein Grab? und hier? fragte Thilo verwundert, „wer ist’s, der hier in ungeweihter Erde ruht?“ Er sah auf das jammernde Weib, er schwieg eine lange Zeit endlich fragte er laut: „Wer seid Ihr, und weß ist das Grab, an welchem Ihr weint?“
Da hob sich langsam eine Hand aus den Schleiern, und schob diese zurück, und Elisabeths einst so holde und unschuldvolle Züge, die jetzt der bittre Gram entstellte, und die Wangen, die einst so rosenroth waren, und jetzt so schneebleich, und sie preßte ihre Thränen zurück und sprach mit dumpfem schmerzlichem Ton: „Der hier ruhet, das ist Johannes, Euer Kämmerer, und ich bin seine Enkelin, und ich kniee hier jeden Tag, und rufe Gott an, daß er meines Großvaters Unschuld offenbare, und wenn das geschehen ist, will ich gern sterben, denn mit dem, der hier schläft, ist mein Erdenglück hingemordet worden.“
Der Bischof hörte sie erschüttert an, dann schlug er beide Hände vor das Gesicht, und eilte raschen/ Schrittes von dannen, als habe er einen Geist gesehen, und er sah sich nicht um, und sein Rabe flog kreischend von Tanne zu Tanne, ihn begleitend, und rief: „Thilo! Thilo! Trotha!“ und dem Bischof war es, als riefe die Stimme aus dem Grabe des Kämmerers.
In der Nacht, die diesem Tag folgte, wälzte sich, wie öfter geschah, der Bischof unruhig auf seinem Lager umher, und der Schlummer floh ihn lange. Endlich fand er den Schlaf, aber da kam ein schwerer Traum über ihn, und quälte ihn. Es träumte ihm, er sei gestorben und seine Seele sitze in dem Tannenhain auf dem Grabe des alten Johannes, und könne dort nicht weg, wie gern sie auch wolle, denn wenn sie sich erhob, davon zu fliegen, so wuchsen aus dem Grabe zwei Arme, die breiteten sich aus, und hielten sie fest, daß sie sich abängstigte im vergeblichen Mühen. Dann kam der Rabe geflogen, und hatte in seinem Schnabel den Ring, den ließ er auf das Grab des Kämmerers fallen, da öffneten sich die Arme und ließen die Seele frei.
Und wieder war es dem Bischof, er wandle durch den Dom, aber doch sei er schon lange gestorben,/ und er sah ein metallenes Kenotaph, das war ihm errichtet, und er las darauf seinen Namen und den Tag seines Todes, aber wunderbar war dabei, daß auf dem Monumente nicht sein Wappenwar, sondern ein anderes, vor dem er sich sehr entsetzte, nämlich auf dem Schilde war sein Rabe abgebildet, der hatte, wie er zuvor gesehen, den verhängnißvollen Ring im Schnabel, und über dem Schilde hoben sich des gerichteten Kämmerer Arme empor. Schaudernd wandte er sich hineg von dem Kenotaph und ging aus dem Dome in das Schloß, aber überall, wohin er blickte, sah er jenes Wappen, so daß er in quälender Unruhe nicht wußte, wohin er sich wenden sollte; in den Gemächern, über den Thüren, außen über den Pforten und an den Mauern stand drohend und an jene unselige That mahnend, bald gemalt, bald in Stein gehauen, das schreckliche Wappen da, und da war dem Bischof, als könne das Wappen reden, und erzähle von Jahrhundert zu Jahrhundert der Nachwelt von ihm und seiner übereilten Rache. Endlich erwachte er, ganz matt und unwohl, und als der das Lager verlassen hatte, entwarf er auf ein Pergament das Wappen, genau so, wie er es im Traum gesehen, und bebte aufs Neue, wie er/ die Zeichnung vollendet hatte, und barg sie unter seine Schriften.
9.
Es kam der Tag der Kirchweihe, der immer als ein großes Fest im Merseburger Schloß begangen wurde. War es auch dem verdüsterten Bischof nicht wie Festlust, so durfte er doch dieses Mal nicht unterlassen, Gäste zu laden, und so unterbrach dann einmal Geräusch und Getümmel die trübe Stille, die lange im Schlosse heimisch geworden war. Der biedere Gerhardt von Meißen kam auch wieder mit einem ansehnlichen Gefolge von Rittern und geistlichen Herren gezogen, ihm schloß sich der Bischof von Wurzen an, von Naumburg kam ebenfalls der Bischof wieder, denn der Groll, den Thilo einst gegen ihn gefaßt, war längst vergessen. Viele Ritter und Edle aus dem Sachsenlande und aus Thüringen stellten sich ein, und es war lange Zeit nicht so glänzend in Merseburg hergegangen, wie jetzt, auch zogen eine Menge Krämer, Gaukler, Sänger und Spielleute nach der Stadt, denn es war ja das/ schönste aller Volksfeste. Doch schien es, als wolle der Himmel das Fest nicht durch heitere Witterung begünstigen, denn am Vorabend erhob sich ein gewaltiger Sturm und brauste um das Schloß und den hochgelegenen Dom, daß es war, als wolle er die Grundfesten der steinernen Gebäude erschüttern, und ihre Dachungen hinunterschleudern in den Strom, der heftig angeschwollen und aus seinen Ufern gereten, wie ein breiter wildwogender See die Ebene überfluthete.
In der Stadt warf der Sturm Schornsteine ein, deckte Dächer ab und entwurzelte manchen Baum in Flur und Wald, und auf dem Schlosse weckte um Mitternacht ein fürchterliches Geprassel die schlummernden Bewohner. Das Dach des Thurmes war eingestürzt, auf welchem Markus, der Rabe, sein Nest hatte; kreischend, wie um ein Hochgericht, flog seine Brut um den Thurm. Der Hausvogt gab Befehl, den Thurm bald wieder zu decken.
An der festlich geschmückten und reich besetzten Tafel saßen die edlen Herren geistlichen und weltlichen Standes, die Bischöfe und Grafen, und unten in den Hallen und auf dem Hofe tummelte sich mü/ßiges Volk und die Schaaren der fremden Diener umher.
Bischof Thilo schien im heitern Gespräch mit seinen Freunden den Kummer vergessen zu haben, der ihn heimlich drückte, so wie die Erinnerung an seinen beuruhigenden Traum; die Becher kreiseten fröhnlich umher, und mancher Trinkspruch durchschallte den geräumigen Speisesaal; dazu spielten die Musikanten wacker auf, und keiner der Gäste dachte daran, daß sich etwas ereignen könne, was die Heiterkeit auf immer vom Angseicht ihres gütigen Wirths verbannen würde. Und doch geschah dies.
Das Volk im Hofe, das hinaufgaffte auf den Thurm, auf welchem die Dachdecker saßen, gewahrte jetzt, daß diese sich erstaunt einander etwas zeigten, und der Meister rief hinunter und winkte, und hielt ein glänzendes Ding in seiner Hand, das hellblendend funkelte, da gerade durch zerrissenes Gewölk ein Sonnenstrahl darauf fiel, was es aber war, vermochte man nicht zu erkennen, denn der Thurm war sehr hoch.
Ewald, der junge Diener des Bischofs, stieg eilend die Leiter hinan, und wie er oben war, sahen die Leute unten, daß er die Hände zusammenschlug,/ als vernehme er die Kunde eines Unglücks, oder als setze ihn etwas in das höchste Erstaunen, und er nahm aus den Händen des Meisters Einiges in Empfang und stieg wieder hinunter, wo sich bald die Menge des Volkes und der Diener um ihn drängte. Auch Ullrich war unter ihnen.
„Was hast Du, was gab’s da droben?“ fragte dieser, aber Ewald war todtenbleich geworden und zitterte, und in seinen Augen standen Thränen; aber was er mit hinabgebracht von der hohen Zinne des Thurmes, das trug und hielt er verdeckt, und zeigte es Keinem, auch antwortete er nicht auf alle die Fragen, die seine Freunde an ihn richteten, sondern er ging durch ihre Reihen, hinein in das Schloß und die Treppe hinauf, und die Diener drängten ihm neugierig nach, Allen voran aber Ullrich, den es verdroß, daß Ewald ihm nicht antwortete, und er schalt und rief: „Seht nur den dummen Fant, thut er doch, als habe er ein Elsterauge gefunden, und sei unsichtbar. Sehr nur den Narren, ich glaube, er will hinein zu den Herren und sich oben an die Tafel setzen.“
Auf dem Vorsaale aber saß der Rabe des Bischofs, und schrie mit heiserer Stimme sein eintöniges/ „Ullrich! Ullrich!“ und der Jäger mußte wieder an die vergangene Zeit denken, und es fuhr ihm ein Schauer über den ganzen Körper.
Ewald ging gerade zu in den Speisesaal, wo die Herren fröhlich beisammen saßen, und schritt mit seinem blassen Gesicht auf Thilo zu, der ihn verwundert ansah und ausrief: „Was bringst Du, Ewald? Eine frohe Botschaft kündet uns Dein Gesicht nicht an!“
Ewald kniete vor dem Bischof nieder. „Ich bringe Euch etwas, was Euch sehr theuer war, Hochwürdigster Herr,“ sprach er, und reichte dem Bischof hin, was er trug. Dieser nahm es und war hocherstaunt. Es war sein Kleinod, sein Krystallspiegel sein Ring. Schweigend starrte der Bischof auf die Kostbarkeiten, sie erinnerten ihn allzulebhaft an seine Grausamkeit; jetzt, jetzt mußte sich’s entscheiden, ob Johannes unschuldig war.
„Und woher bringst Du das?“ fragte er Ewald während schon die Priester und Ritter aufmerksam wurden auf das, was sich hier begab.
„Die Dachdecker fanden Alles oben auf dem Thurme im Nest des Raben,“ antwortee der junge Diener, und jetzt überzog Leichenblässe des Bi/schofs Gesicht, er wankte nach einer Thüre hin, winkte mit der Hand wie abwherend, daß Niemand ihm folgend solle, und trat in sein Zimmer; aber der Tag um ihn schien sich plötzlich in Nacht zu verwandeln, es klang ihm in den Ohren, wie Posaunenschall des Weltgerichts, der hohe kräftige Mann brach zusammen wie ein Eichbaum, den der Orkan aus der Erde reißt. Die Freunde hörten den Fall, sie eilten nach, hoben Thilo auf und brachten ihn mit der Hülfe des Arztes und stärkender Arzneien wieder zu sich. Aber wie schrecklich war das Bewußtsein, zu welchem er wieder erwachte! Wie fürchterlich mahnte der Ring, den er noch krampfhaft fest in seiner Hand hielt, ihn an seine Schuld. Und Gerhardt, als er den Ring erblickte und aus Ewalds Mund es vernahm, wo er gefunden worden, rief aus: „Mir hat es geahnt, daß es noch offenbar werden würde, daß der Greis unschuldig gerichtet worden! Armer Thilo!“
Der Bischof von Merseburg lag mit verhülltem Gesicht auf seinem Bette, er sprach kein Wort, aber es wogte und tobte in seiner Burst und er fühlte die Angst eines Verbrechers, dem das Todesurtheil verkündet wird, und Keinem, der zu ihm sprach mit/ aufrichtenden Worten des Trostes, antwortete er, und Keinen schien er zu kennen von den vielen Freunden, die ihn umstanden.
Das fröhliche Fest nahmn ein trauriges Ende; in eine schwere Krankheit verfiel der Bischof und die Gäste zogen von dannen Einer nach dem Andern, nur der treue Gerhardt blieb bei dem Freunde. Bald war es wieder sehr öde im Schloß zu Merseburg, und alles Geräusch verstummte, und jeder Laut der Freude; aber im Dunkel der stillen Nacht hörte man oft den Bischof in seinem Gemach jammern und weinen, und dazwischen die Stimme Gerhardts, der ihm zusprach mit Worten des Trostes und der Liebe.
10.
Schnell verbreitete sich im Volke die Kunde von der Auffindung der Kleinodien, und daß der arme Johannes unschuldig gestorben sei, und sie drang auch zu seiner Enkelin Elisabeth, die noch still und eingezogen in dem kleinen Häuschen der Vorstadt bei ihrer Verwandtin lebte. Da wurde das fromme Mädchen himmlischer Empfindungen voll, sie jauchzte/ und weinte in ihrer Freude, sie legte ihre Trauergewänder ab, und schmückte sich seit langer Zeit wieder zum ersten Male, und ging in Begleitung ihrer Muhme in den Dom; dort warf sie sich wieder nieder vor demselben Heiligenbilde, vor welchem sie damals gekniet, und pries Gott unter heißen Freundenthränen für seine Gnade. Und wieder, wie damals traf es sich, daß auch der Bischof Gerhardt im Dome für seinen erkrankten Freund betete, und er erkannte die Jungfrau wieder, und weilte, bis sie ihr Gebet geendet hatte.
Und wie sie an ihm vorüberging, erkannte sie auch ihn, und sank vor ihm nieder, und stammelte: Eure Verheißung ist wahr geworden, hochwürdigster Herr! Gekommen ist der Tag, an welchem der Greis Johannes gerechtfertigt erscheint! Gelobt sei Gott!“
„Preise den Herrn aus der Fülle Deiner Seele,“ sagte Gerhardt gerührt. „Wandle stets vor Gott, und sei fromm!“ Er legte die Hände auf Elisabeths Haupt. „Der Herr segne Dich und behüte Dich, er hebe sein Antlitz über Dich und gebe Dir seinen Frieden!“ sprach er sehr mild. Elisabeth zog den Saum seines Gewandes an ihre Lippen, und/ erhob sich. Wie sie aus dem Dome trat, war der Himmel, der vorher sehr düster gewesen, ganz blau geworden und die Sonne schien und es war, als strahle sie ein neues Leben mit zauberischem Lächeln an, und als feire die Natur das Freudenfest ihres frommen kindlichen Herzens mit.
Ihre Muhme wollte hinab in die Stdt gehen, aber Elisabeth hielt sie am Arme zurück und sagte: „Komm, komm mit mir zu des Großvaters Grabe, wo ich so oft zum Herrn gefleht, daß er Johannes Unschuld offenbare. Nun ist’s geschehen, nun will ich dort auch dankend beten.“
Und die beiden Frauen wandelten über den Schloßhof und die Diener und Dienerinnen grüßten sie freundlich, in jedem Gesichte schien sich die Freude auszudrücken, daß des Greises Unschuld an den Tag gekommen. Und Elisabeth kniete lange an Johannes Grabe, und weinte heftig und betete inbrünstig, und in ihre Seele kam nach dem Gebet ein himmlischer Friede, eine süße Beruhigung.
Nicht solchen Glückes theilhaftig wurde der Bischof Thilo von Trotha. Er quälte sich ab auf seinem Krankenlager mit fürchterlichen Phantasien, und/ sah sich in schrecklichen Träumen allen rächenden Dämonen Preis gegeben.
Und wie er endlich durch der Aerzte unermüdete Sorgfalt, durch des Freundes treue Pfelge genas, da zeigte er seine tiefe Reue auf eine Weise, die deutlich erkennen ließ, wie sie ihm Ernst sei. Er entäußerte sich seines alten Wappens, und nahm ein neues an, ganz so, wie er es in jenem Träume gesehen, und damals auf das Pergament gezeichnet hatte. Einen Raben setzte er in sein Wappenschild, der einen Ring im Schnabel trug, zum Andenken, daß der Rabe den Ring entwendet, und über dem Schilde hoben sich zwei Arme und Hände, zum Zeichen daß nicht vergebens der alte Kämmerer seine Unschuld betheuert, und gott angerufen habe, ihn zu rechtfertigen vor den Augen der Welt. Ueberall ließ Thilo sein altes Wappen abbrechen, und an dessen Stelle das neuerwählte anbringen, im Dome, im Schlosse und außen an der Mauer, damit es überall verkündend, erinnernd und warnend stehe. Und eine Stiftung machte der Bischof, daß zum Andenken jener That, die ihm das Glück seines Lebens kostete, ihn um die Ruhe seines Alters betrog, fort und fort im Schlosse ein Rabe gehalten werden sollte,/ ein lebendiger Zeuge seiner Schuld, wie seiner Reue, ein lebendiges Denkmal für den gerichteten Johannes; auch ließ Thilo dessen Gebeine ausgraben, und in geweihter Erde beisetzen. Aber der Rabe durfte dem Bischof nicht wieder vor die Augen gebracht werden.
Und es war nur fast wieder ein Jahr vergangen seit der Entdeckung, während welcher Zeit der Bischof mehr und mehr sich abhärmte und abzehrte, daß er nur noch ein Schatten von dem schien, was er einst gewesen. Sein Haar war schnell grau geworden, seine Züge eingefallen, und die einst vollen und frischen Wangen jetzt hohl und bleich.
Und wie der Bischof krank und schwach umher schlich, so war auch der Jäger Ullrich schnell gealtert und verzehrte sich sichtlich in einem Siechthum, gegen welches der Arzt kein Medicament fand. Tief liegende Augen, unstät nach allen Richtungen hin irrend, starrten aus seinem erdfahlen Gesicht, und gebückt schlich er an seine Geschäfte.
Eines Tages wandelte er in finstern Gedanken durch die nahe Waldung, mit seiner Armbrust bewehrt, und achtete kaum des Weges, plötzlich erschreckte ihn der Ruf:/
„Ullrich! Ullrich!“ Es war Marcus, der vernachläßigt und unbeachtet noch freier, wie früher, umherflog, und jetzt im Walde den bekannten einstigen Lehrer sah. Er saß auf dem Steinkreuz, das grau und mit Moos bewachsen, die Stelle bezeichnete, wo einst der Bischof den Jäger Werner in seinem Jähzorn erschossen.
Wild blickte Ullrich auf den Raben: „Du sollst mich nicht mehr necken!“ schrie er, legte einen Pfeil auf die Armbrust, zielte, drückte ab, und getroffen und in Todeskampf flatternd, sank der Rabe von dem steinernen Kreuze.
Der Jäger hob ihn auf und würgte ihn vollends. „Bist Du topdt, Bestie?“ rief er zähneknirschend aus. „Vermaledeiter Schreier, Du wirst mich nicht mehr erschrecken!“ Da fuhr Ullrich plötzlich zusammen, er sah einen Schatten auf dem grünen Rasen sich bewegen, der Bischof stand plötzlich hinter ihm, und es loderte in Thilo die alte Gluth des Zorns auf.
„Ullrich!“ zürnte er: „frecher Knecht, was that Dir der Rabe?“ und er hob den Stab auf mit dem elfenbeinernen Knopf, den er oft zu tragen pflegte, und Ullrich sank hin zu den Füßen des Bischofs und flehte: „Gnade! Gnade! ich will Alles bekennen!/ Erschießt mich nur nicht, wie den Werner an jenem Tag, an dem Ihr mich ohne Ursache peitschtet!“
Angst und Verzweiflung lagen auf Ullrichs Gesicht, seine Gedanken verwirrten sich, er sprach wie im Fieber.
„Bekenne, was Du zu bekennen hast, Schurke!“ donnerte der Bischof, mehr und mehr erglühend, und stand wieder vor dem Elenden, wie ein Blutrichter.
„Ich bin Schuld gewesen an Johannes Tode!“ heulte Ullrich. „Ich lehrte den Raben die Worte Hans und Dieb heimlich, weil ich den Kämmerer haßte bis auf den Tod.“
„Ungeheuer! teuflisches Ungeheuer!“ schrie Thilo auflodernd im höchsten, fürchterlichsten Grimm. „So verdamme Dich Got, daß Du auf meine Seele die schwere Blutschuld gebracht! So fahre hin in Deinen Sünden, und sei verflucht bis in alle Ewigkeit, und wenn der Herr allen Sündern vergiebt am Tage des Gerichts, so stoße er Dich allein in das Reich der Finsterniß!“
Ullrich krümmte sich in Todesangst zu Thilo’s Füßen, und wimmerte: „Erbarmung! Vergebung!“
„Keine Vergebung, Du Teufel!“ schrie der Bischof und hob den schweren Stab auf und wollte/ Ullrich erschlagen, da fühlte er sich am Arm gehalten, und es sprach eine sanfte Frauenstimme neben ihm: „Haltet ein, Thilo! Ich sage Vergebung! Ihr dürft den Unglückseligen nicht richten.“
Des Bischofs Arm sank mit dem Stabe, auch seine Blicke sanken verwirrt zu Boden. Es war Elsbeth, die vor ihm stand, schön wie ein seliger Engel, die Blicke verklärt von einer unnennbaren Reinheit. Sie schien eine Heilige, herabgestiegen aus des Himmels Räumen, Frieden und Versöhnung in die Welt zu bringen. Ullrich vermochte nicht empor zu blicken, er barg sein Gesicht in das Waldgras.
„Geht nach Hause, Thilo!“ sprach Elsbeth mild aber ernst. „Geht und betet, daß Euch Gott vergebe, wie ich es thue. Der Geist meines Großvaters zürnt Euch nicht mehr. Und auch diesem hier,“ sie deutete auf Ullrich, „vergebe ich nach dem Willen Gottes; was wollt Ihr ihn richten, da ihn Gott gefunden und gefordert hat vor seinen Richterstuhl?“
Der Bischof sprach kein Wort. Er bog sich hinab, er wollte Ullrich aufrichten, aber Ullrich war todt. Der Bischof ritt erschüttert aus dem Walde. Elsbeth nahm den todten Raben und verschwand im Gebüsch,/ sie trug den Leichnam des Vogels in das Tannenwäldchen zum Grabe ihres Großvaters.
Nicht lange darauf wurde Elsbeth eine Nonne, und um dieselbe Zeit ist auch der Bischof von Merseburg, Thilo von Trotha, gestorben. (99-160)
Du lebst! Ha denn jetzt fühl' ich mich auch leben!
Erstanden bin ich aus der alten Nacht;
Mein eignes Herz hast Du mir neu gegeben,
Durch dich ist meine Flamme angefacht;
Den Himmel brauch' ich nicht mehr zu erstreben,
Die Erde glüht ringsum in Liebespracht!
--
Ein neuer Frühling blüht in allen Zweigen,
Die Nachtigallen jubeln ihren Chor,
Wie sich die Blüthen liebend zu mir neigen!"
Und wirklich schien, als der feurige Jüngling begeistert umherblickte, ein Zauber seine Worte wahr zu machen. Der Sonnenball stand rothglühend auf einem Hügel, die feurigen Strahlen überloderten Himmel und Land, und malten die Waldung mit flammendem Gold. Das rothe Laub der Bäume schien zu brennen, und als ein Windstoß die Zweige schüttelte, schien ein Feuerregen von oben herabzustürzen, und seine Riesenfunken glichen lichtglänzenden Sonnenblumen. Arno stand staunend und betrachtete das schöne Schauspiel, das die Natur, noch im Ersterben freundlich und freigebig, hier spendete; aber schnell verschwand der Glanz, die Sonne sank, der Purpur verdämmerte; noch glühten die laublosen Wipfel, dann war alles vorbei, und am nordwestlichen Horizont trieb der Herbststurm, der jetzt heftiger in dem dürren Laub rauschte, eine dunkelgraue Wolkenwand herauf.
Arno schob sein Buch in die Tasche, und wandte sich wieder dem Städtchen zu, das in der Entfernung einer halben Stunde vor ihm lag. Er hatte Zeit, ehe er es erreichte, seinen Betrachtungen nachzuhängen, und Zeit zu einem Selbstgespräch, in welchem er sich die Bilder seiner jüngsten Vergangenheit vorüberführte.
Heroine!" sprach er: Du, meine göttliche Heroine, mein Ideal, mein Abgott! Erst seit ich Dich kennen lernte, fühle ich, was leben heißt, fühle ich, daß es ein Glück gibt und eine Seligkeit in Deinen Armen! Ja: "Erstanden bin ich aus der alten Nacht!" Du, Du, Dein Lächeln, Dein Liebreiz, Deine Liebe, das war der Zauberstab, der mich auferweckte, der Schöpferodem, der mich neu belebte! Heroine, göttliches Weib nicht weiß ich, ob Frau, ob Jungfrau, aber ganz Weib! Dich muß ich erringen, Du mußt mein seyn! Wie preise ich mein Loos, eine Bahn betreten zu haben, auf der ich Dich fand, Lichtengel! Strahlend im Glanze Deiner überirdischen Schönheit standest Du vor mir, und wie Schuppen fiel es von meinen Augen, und ich verließ das Irrlicht, dem ich in phantastischen Wahnträumen nachtaumelte, und wandte mich flammend dem flammenden Liebessterne zu!"
Eine andere Gestalt, als die der ersten Liebhaberin, welche nun seit zwei Wochen bei der Truppe des Directors Venuto Engagement angenommen hatte, trat jetzt vor Arno's inneres Auge, und er redete weiter mit sich selbst: "Franziska weint, Franziska härmt sich. Armes Lamm! Eine gute Seele ist Franziska, lieb und innig; ja, ich glaube wirklich, ich habe mich glücklich geträumt, als ich mit der sanften Schwärmerin schwärmte, ehe ich noch wußte, was glühende Flammenliebe ist, ehe der Stern Heroine in meine Geistesdämmerung leuchtete. Franziska wird bald Ersatz finden und mich vergessen, und meine Schwüre. Hab' ich ihr denn auch etwas geschworen? Kaum erinnere ich mich deß, und wäre es auch, nun so wird sie meine Schwüre für das nehmen, was sie waren, übereilte Betheuerungen in einer momentanen Wallung ja, für nichts weiter! Und doch, ihr Blick, so still, so leidend, so vorwurfsvoll für mich, obgleich noch kein Vorwurf über ihre Lippen ging, die ich früher so selig küßte! Wie mich die Proben zum Faust martern! Daß auch sie, just sie die Käthe spielen muß! Wie sie sich an mich drängte in der Vergiftungsscene, wie schmelzend zärtlich sie noch heute die Worte sprach: Ach Faust warum nicht mehr so lieb?" Und dazu waren ihr helle Thränen in die Augen getreten. Arme Franziska warum kannst Du keine Heroine seyn?"
Arno war erst seit einem halben Jahr ein Priester Thalia's und ein sehr treuer. Reine Liebe und Begeisterung für die Kunst hatten ihn dieser zugeführt, und sein Talent, unterstützt von einem vortheilhaften Aeußeren, noch mehr aber durch angestrengten Fleiß, hatten ihn schnell über die Mittelmäßigkeit hoch erhoben; daß er nicht bei einer stehenden Bühne engagirt war, war Schicksalslaune, die selten ermüdet, den Jüngern jeder Kunst irdische Dornen in sattsamer Menge in den himmlischen Lorbeer zu flechten aber daher, daß Arno der Zeit nach noch ein Neuling war, seine jugendlich übersprühende Begeisterung, seine unbesorgte Hingebung an ein Weib, das, von der Natur verschwenderisch mit den lockendsten Reizen ausgestattet, frühzeitig gelernt hatte, den Werth dieser Reize klug und hoch angeschlagen zu berechnen.
Der Abendhimmel hing ganz düster über der Stadt, nach welcher jetzt Arno seine Schritte verdoppelte, denn schon hallten die Glockenschläge der sechsten Stunde seinem Ohr vorüber: es war die Zeit, an welcher er gewohnt war, an freien Abenden die Göttin seiner Gedanken zu besuchen. Er wollte durch das Thor schreiten, als er plötzlich hinter sich ein prasselnd-rollendes Getöse vernahm, und erschreckt zur Seite sprang. Mit ungewöhnlicher Schnelle kam ein Wagen heran, und fuhr wie im Flug an Arno vorüber; vier große, scwarze Rosse zogen ihn, und helle Funken entsprühten den Steinen unter ihrem lauten Hufschlag. Trotz dem rauhen Herbstabend war die Chaise zurückgeschlagen, und der Reisende, der in ihr saß, starr und reglos wie eine Bildsäule, schien die Einflüsse der Witterung nicht zu beachten. Ehe der lahme Thorwächter aus seinem Stübchen mit einer Handlaterne hinkte, sich Brücken- und Pflastergeld auszubitten, war der Wagen längst in die Stadt hinein, und auch Arno hörte nicht mehr, daß der alte Invalide ärgerlich brummte, indem er hoch leuchtend emporsah und kein Fuhrwerk mehr erblickte: „Nun, Gott straf' mich, die fahren ja wie der helle, lichte Teufel!"
Am rothen Drachen, dem besuchtesten Gasthof der Residenz, schien die Chaise zu halten; Arno hatte nicht weiter Acht auf sie, sondern bog in eine Seitenstraße ein, und ging, heiße Liebessehnsucht im Herzen, der Wohnung Heroinens zu.
2.
Mit einem bewunderswerthen Geschmack hatte Heroine die Zimmer ihrer Wohnung in kurzer Zeit eingerichtet, so daß der Vermiether sein Eigenthum kaum wieder erkannte, als die gütige gegen alle Menschen freundliche Künstlerin diesem ihr Arrangement zeigte. Im grünen Zimmer brannte jetzt die glänzende Astrallampe, mit freundlicher Helle die Eleganz beleuchtend, die sich auf das kleinste Geräth erstreckte. Die Fenstergardinen waren herabgelassen, die schön gesteckten Vorhänge bildeten eine Tempeldrapperie, auf dem Ofen, der dem Zimmer eine behagliche Wärme mittheilte, duftete köstliches Parfüm, und in der Theemaschine sang die Undine ihr geheimnißvolles Lied. Alles war heiter und freundlich, nur die königliche Herrin nicht; der Einsamkeit und ihrer Laune überlassen, hatte ihr schönes Gesicht jenen anmuthstrahlenden und Herzen fesselnden Liebreiz verloren, der doch sonst und für immer seinenThron darin aufgeschlagen zu haben schien. Eine heftige Ungeduld, die im Steigen war, wie eine finstere Wetterwolke, bewegte die Brust der Künsterin, wie ein Sturm das wogende Meer. Bald trat Heroine zum Fenster, lüftete die Gardine, lauschte, ob sie nicht nahende Tritte vernehme; dann blätterte sie Bücher auf, sah hinein, ohne zu lesen, legte sie wieder hin, griff auf der Guitarre einige Accorde, und fand alle Saiten verstimmt, dann nahm sie auf der Ottomane Platz und warf sich in eine reizende, malerische Attitüde, allein sie hielt es nicht lange darin an, und schellte endlich heftig ihrem Mädchen. Lisette kam.
Ist die Magd toll, Lisette, so fürchterlich einzufeuern? Wahrhaftig eine Gluth hat sie angeschürt, in der Hölle kann es nicht heißer seyn!"
„„Es liegt kein Holz mehr im Ofen, Demoiselle! Anne hat auch nicht mehr eingelegt, als ""
„Still!" unterbrach mit dem Tone einer Königin Heroine die Dienerin. „Wer redet, wenn ich rede? Alles Feuer heraus! Alles! sage ich!"
Lisette ging. Heroine wehte sich mit duftendem Tuch Kühlung zu: Sie wußte nicht, oder sie wollte nicht wissen, daß es das Feuer der Unruhe war, welches sie so durchglühte. Und sie lauschte wieder mit ängstlich klopfenden Pulsen, da schallten nahende Tritte, da ward die Hausthüre geöffnet und ein Männertritt auf der Treppe hörbar.
„Endlich!" rief Heroine mit unwilligem Ton, warf sich auf die Ottomane und nahm die Rolle der Helene in die Hand, die auf dem Tisch lag. Lisette trat meldend ein: „Herr Arno!"
„Herein!" antwortete Heroine düster, sonst hatte sie „willkommen" gesagt. Arno kam; er nahte ihr mit Zärtlichkeit, er wollte ihre Hand küssen, sie entzog sie ihm, und rief abwehrend: „Hinweg!" Arno glaubte, sie wolle im Scherz mit ihm die Rolle einüben, und antwortete auf dieses Stichwort mit den Worten des Dichters: „Ist's möglich Gott des Himmels!" da riß ihn aber Heroine gleich aus seinem Irrthum, denn schneidend kalt sagte sie: „Ich bitte sehr, Herr Arno, keine Komödienpossen, ich bin dazu nicht im Mindesten aufgelegt!"
Um Mitternacht geht erst der Kehraus an!
--
Die Milzsucht sticht ihn!
-- Hui! Auf Wiedersehn!
4.
Der Herbstmorgen dämmerte düster herauf. In den Mantel gehüllt, die Pistolen in der Tasche, ging Arno dem Lerchenbrühl zu. Die Gefühle, die in ihm wogten, waren nicht minder düster wie der Morgen, und seine Gedanken nicht minder flüchtig, wie die Nebelwolken, die dem Fluß entstiegen, und entweder vom frischen Windhauch erfaßt und vernichtet wurden, oder schnell emporgetrieben, sich mit größern Massen vereinten. Eine farblose, trübe Herbstlandschaft schien Arno das ganze Leben, alle Freudensterne, die ihm früher gestrahlt, dünkten ihm erloschen, und eine grausame Schicksalsnacht warf die Tempeltrümmer seines Glücks über ihn, daß er unter der Last erlag. Wie grauenvoll ernst war der Gang, den er heut angetreten; es konnte ja sein Todesgang werden. Er wollte kämpfen gegen einen Unbekannten, der es gewagt mit frechem Hohn die Ehre seiner Geliebten anzutasten sein Wort war für Arno ein Donnerwort gewesen, dessen zermalmende Schwere noch immer nachrollte, und dem Donner folgte wieder ein furchtbarer Gedankenblitz: Wenn nun der Fremde doch Recht hätte?
„Nein! Nein! Und abermal Nein!" rief Arno, der die feuchte Waldung schon erreicht hatte, laut aus, und ein gellendes „Nein!" höhnte wiederhallend seinen Ruf.
Schwarz trat zu ihm, und grüßte mit spöttischer Höflichkeit. Arnos Zorn erwachte wieder.
„Noch ein Mal," rief er, und zog die Waffen hervor: „wollen Sie widerrrufen?"
„Ich widerrief noch nie!" sprach Schwarz ernst und fest. „Wohlan denn, wählen Sie, die Pistolen sind geladen! Wie viel Schritte?" fragte Arno.
„Sieben!" sprach Schwarz, und wählte lächelnd eine Pistole. „Wir schießen à tempo! Zählen Sie drei!" rief Arno, indem er sieben Schritte abmaß, und sich in Positur stellte.
„Ich hasse die drei!" erwiederte Schwarz. „Sie als Beleidigter haben den ersten Schuß, ich den zweiten. Zielen sie gut!"
Arno schwieg. Ein leises Zittern, das immer heftiger wurde, durchbebte ihn. Schwarz stand wie ein Erzbild, starr und steinern. Arno sprach leise den Namen Heroine aus, sich zu ermuthigen, er schlug auf Schwarz an, er zielte, bis er fühlte, daß sein Arm mehr und mehr zitterte; der Schuß krachte, und hallte wie ein seltsames Gelächter im Walde. Schwarz stand unversehrt; eine Nebelkrähe, die auf einem Baum über ihm gesessen, flatterte verblutend am Boden.
„Viel zu hoch!" sprach Schwarz, streckte den Arm aus, und schoß in die Luft.
„Kein Gauckelspiel!" rief Arno heftig. „Ich will von Ihnen keine Schonung. Noch einmal! Und à tempo! Ich zähle!"
Die Pistolen waren schnell geladen und ausgetauscht. Die Kämpfer traten auf ihre Mensur. „Eins zwei drei!" rief Arno, und drückte ab, sein Gewehr versagte, des Gegners Kugel riß ihm den Hut vom Kopf. Wüthend warf Arno die Pistole zu Boden.
Schwarz sprach besänftigend: „Lassen Sie es gut seyn. Sie haben nicht kaltes Blut genug. Ein andermal, wenn es Ihnen beliebt!" Er reichte ihm mit einer Verbeugung seine Waffe.
„Der Teufel mag kaltes Blut haben!" knirschte Arno.
„Auch der hat heißes!" antwortete Schwarz mit demselben Ton, mit dem er gestern dem Direktor das: „Sie müssen" gesagt, und darauf schritt er tief in die Waldung hinein.
Verstimmt und von den bittersten Gefühlen gemartert, schlug Arno den Rückweg ein. Wie so ganz anders war seine Stimmung heute Morgen gegen die gestern Abend, wo er seelenruhig diesen Pfad gewandelt, seine Rolle memorirt, und an Heroine gedacht hatte. An Heroine! Und heute hatte er für sie bluten wollen, heute hatte er sein Leben eingesetzt für ihre Ehre. Dieser Gedanke gab ihm wieder ein freudiges Bewußtseyn, und nahm dem Stachel sein Gift, den des Fremden verläumderische Rede in die Brust des Liebenden gesenkt.
Um 10 Uhr war die Hauptprobe zu Faust angesagt. Arnos Weg führte ihn an Venuto's Wohnung vorbei; er ging hinauf, und fand Böhme bei dem Direktor, und beide in heftigem Wortstreit, den sein Eintritt auch keineswegs unterbrach. Böhme hatte seinen Kontrakt in der einen Hand, und mit der andern schlug er darauf, und rief: „Schwarz auf weiß, Venuto! Schwarz auf weiß! Wollt ihr den Schwarz spielen lassen, so beliebt die hier festgesetzte Summe der Contravenienz (= Entschädigung bei Vertragsbruch, sk) zu zahlen, so wie meine seit drei Wochen rückständige Gage, dann schnüre ich meinen Bündel, und Ihr könnt"
„Leben ohne Euch, kann ich!" unterbrach ihn Venuto verächtlich. „Ich glaube, Böhme, Ihr habt heute früh schon Branntwein getrunken! Geht heim und schlaft noch eine Stunde, daß Ihr in der Hauptprobe fein nüchtern seyd, denn wenn Ihr so holpert, wie gestern so lasse ich den Schwarz spielen, trotz Eurem Lärm und Pochen, gebe Euch Euer Geld, und jage Euch sammt euerm Kontrakt zum Teufel!"
„Was wollt Ihr, Arno?" wandte sich Venuto zu diesem, als Böhme Flüche durch die Zähne murmelnd, und die Augen grimmig rollend, seinen Abzug nahm.
„Ich wollt Euch nur guten Morgen sagen, da ich just vorbeiging. Was habt Ihr mit Böhme?"
„Der Narr, der einfältige!" polterte Venuto. „Will mir Vorschriften machen; will mich meistern! Ist mir noch kein Gedanke in den Sinn gekommen, dem Schwarz Gastrollen zu geben, kommt schon der Böhme, und lärmt und schreit, als ob ein Theater abbrenne! Ihn werde ich fragen, ihn!"
„Böhme hat vielleicht Unrecht," erwiderte Arno, „doch kann ich Euch nicht bergen, Venuto, daß ich den Wunsch mit ihm theile, daß Schwarz unter uns nicht auftrete."
„Was habt Ihr zu wünschen?" schnaubte Venuto grob den jungen Künstler an: "wollt Ihr auch Euch um ungelegte Eier bekümmern? Ich sage: Er soll nicht spielen, wenn ich aber sage: Er soll spielen, was gehts Euch an? Pech und Schwefel! Böhme hat hier noch eher zu reden, als Ihr, Ihr habt gar nicht zu reden, sein Rollenfach ist nicht das Eure! Verstanden? Jetzt geht, ich muß aufs Schloß zum Fürsten, und den Zettel hinauftragen."
Unwillig schied Arno, und Venuto warf sich in einen goldgestickten Rock; Schuhe mit platirten Schnallen, seidne Strümpfe und Beinkleider hatte er schon an, er hing nur noch einen Staatsdegen um, nahm das Chapeaubashütlein unter den Arm, und legte in eine grüne Mappe die zwei auf rothen Atlas sauber gedruckten Zettel für Fürst Wollmar und die Prinzessin.
Arno ging zu Heroine, ihr vor der Probe noch einen kleinen Morgenbesuch abzustatten, zu fragen, wie sie sich gestern bei der Hofmarschallin unterhalten, überhaupt, sie nur zu sehen, neue Kraft, neuen Lebensmuth aus ihrem holdseligen Anblick zu trinken.
Als er ihre Hausthüre aufklinkte, trat er bestützt zurück. Ein stattlicher Herr, elegant gekleidet, kam ihm aus der Flur entgegen, und das war kein anderer, als der Schauspieler Schwarz. Dieser grüßte flüchtig, und eilte nicht so schnell an ihm vorüber, daß von Arno ein hämisches Lächeln in den Zügen des Fremden hätte unbemerkt bleiben können. Tausend Fragen jagten sich in des Jünglings Gehirn. Schwarz mußte bei Heroine gewesen sein, es wohnte außer den Wirthsleuten Niemand im Hause; bei ihr also, die er so schamlos verläumdet! Arno stürmte die Treppe hinan, glühend, aufgeregt, fast zornbebend. Er fand Heroinen sehr heiter, ihr Gesicht strahlte von einem neuen Triumphe; daß es das war, was sie so heiter machte, wußte Arno freilich nicht, ahnete es auch nicht, als sie ihn zärtlich an sich drückte, und „guten Morgen, mein Einziger!" mit melodischer Stimme sprach.
„Du scheinst nicht fröhlich!" scherzte Heroine, und strich ihm über die düstere Stirn. „Wärst du doch eher gekommen, ich hatte sehr angenehmen Besuch, einen fremden Künstler, Herrn Schwarz, o, ein liebenswerther, schöner Mann, voll Talent und Geist, voll Scharfsinn und Witz, voll Welt- und Menschenkenntniß!"
Arno stand wie versteinert. Solches Lob fremden Verdienstes, selbst wenn es ein gerechtes, verwundet schmerzlich die Eigenliebe, und durch des Jünglings Gehirn fieberte der wilde Gedanke: „Ha, wenn seine Menschenkenntniß sich hier bewährte!"
„Du kennst wohl diesen Schwarz von früher her?" fragte Arno; „denn unmöglich kann er länger als eine Viertelstunde bei dir gewesen seyn, und unmöglich in dieser alle die glänzenden Eigenschaften vor Dir entwickelt haben, die dein begeistertes Lob verkündet!"
„Hu, was für ein bitteres Gesicht Du machst!" rief Heroine mit Lachen, und drehte Arno vor den Spiegel. „Ich glaube gar, die Eifersucht regt sich schon? Süßer Herzensschatz, damit verschone mich! Wie sprach gestern Fürst Wollmar bei der Hofmarschallin? Liebenswürdigkeit ist ein Blitz, der Herzen mit Gedankenschnelle entzündet, sprach er."
„So?" dehnte Arno, „und ist das so eben Deinem Herzen von der Liebenswürdigkeit des Schwarz widerfahren?"
„Herr Arno!" schmollte Heroine: „Sie sind heute so ungenießbar wie fader, fadenziehender Champagner." Dann lächelte sie wieder, als Arno nur mit einem Seufzer antwortete, und umfing ihn, und flüsterte: „Darum soll ein Fläschchen frischer Aï den Verstimmten erheitern!" Die Circe zog Arno in das rothe Kabinet, und sprach unter Küssen: „Merkst Du denn gar nicht, daß ich scherzte?" Sie schenkte mit Grazie ein, und rief erglühend: „Stoß' an, der Feuergeist soll leben! Sieh, heute bin ich deine Feuerbraut, und will ein Netz von Flammen um Dich weben!"
„Heroine!" sprach Arno ernst: „Ich habe Grund diesen Schwarz in tiefster Seele zu hassen, zu verabscheuen, wüßtest du, was ich weiß, du würdest mit mir gleich denken!"
„Vielleicht nur Vorurtheil, mein Arno!" sprach Heroine leicht hin. „Ich sah heute Herrn Schwarz zum ersten Mal, er empfahl sich auf das Artigste meiner Gunst, er wird hier Gastrollen annehmen."
„Es werden ihm keine geboten, noch bewilligt!" widersprach Arno.
„So?" fragte Heroine stolz und unmuthig. „Und warum nicht? Er wird spielen, und er soll spielen! Ich will, daß er spiele!"
„Vor solcher Protektion wird der Direktor freilich die Segel streichen müssen," entgegnete Arno bitter. „Er wird dann nur den Böhme verlieren, und mich!"
„Ei, Drohung mit Abschied sogar?" fragte Heroine fast verhöhnend. „Eine Drohung ist nur eine Knabenfaust! spricht Fürst Wollmar."
„Adieu, Heroine!" erwiderte Arno, und ging. Sie flog ihm nach, sie schmeichelte, liebkoste, küßte, bis sein bitterer Groll besiegt ward von all der Honigsüße ihrer bezaubernden Anmuth, und er blieb und begleitete sie, da es Zeit war, in die Hauptprobe des Faust.
5.
Gleich einer Völkerwanderung sah man die Bewohner der Residenz schon nach halb fünf, noch mehr aber nach fünf Uhr, zum Theater strömen. Die Ridiküls der Damen strotzten von Strickzeugen, um der Langeweile, von Tüchern, um etwaiger Rührung, und von Backwerk, um dem gewissen Hunger kräftig zu begegnen.
Arm in Arm, und gassenbreit sich führend, zog die Classis Prima und Selekta dem Musentempel zu, und summte halblaut, da lautes Singen verboten, im Vorgefühl der Theaterfreuden, das Studentenlied:
Mihi est propositum
In taberna mori!
Die Handwerker machten eine Stunde früher Feierabend, um mit ihren Weibern in aller Bequemlichkeit das angenehme Spektakel einer Höllenfahrt anzusehen.
Die fürstliche Loge war erleuchtet, doppelte Wachen besetzten die Thüren. Der alten bona Mater, welche an der Kasse saß, standen zwei rüstige Grenadiere wachsam zur Seite, das hatte Venuto so bestellt, damit nicht wieder ein unbekannter Kerl die Kasse entführe; die Lampen wurden angezündet; Kopf an Kopf drängte sich; auf dem Paradies krachten schon die Bretter, und es drohte mit einem schmählichen Fall. Die Musiker der fürstlichen Kapelle waren auch schon da, und die Geiger stimmten.
Der junge Jurist Stimmer und der bärtige Selektanerprimus saßen neben einander, dicht vor der fürstlichen Loge; da rief mit einem Male der Primus halblaut: „Ecce quam bonum! Weltuntergang! Sehen sie, Herr Stimmer, dort aus der letzten Loge strecken sich zwei Nasen von nicht gemeiner Größe, die unserm Rektor und Conrektor angehören! Odi profanum vulgus et arceo!"
Stimmer lachte, und durch die Schülerreihen flüsterte die unerhörte Mähr, und alles staunte, denn nie seit Schülergedenken waren Conrektor und Rektor im Schauspielhaus erblickt worden. „Ich bin nur neugierig," flüsterte der Primus: „ob nichts passirt, ob nicht etwa der Teufel ein Ei in die Wirthschaft legt?"
„Ich auch," erwiderte Stimmer, „geben Sie nur recht genau Acht, vielleicht sehen wir etwas von dem dunklen Mimen!"
„Das wäre ein Höllengaudium!" sprach der Primus, und strich den Schnauzbart.
„In der That, ein solches wär' es," antwortete Stimmer. Da unterbrach der Eintritt des Fürsten mit der Prinzessin in die Loge ihr Gespräch, und die Ouvertüre zu Mozarts Don Juan brauste mit ihren erschütternden, markdurchbebenden Posaunenstößen und Fanfaren aus dem Orchester auf.
Von einer Unruhe gepeinigt, von welcher er sich keine Rechenschaft geben konnte, trieb sich Venuto, bereits im Studenten-Costüm, auf dem Theater und hinter den Coulissen umher, und war gegen seine Gewohnheit freundlich. „Kinder!" sprach er zu den Schauspielern in der Garderobe: „Kinder, gebt mir heute ja recht Acht, daß Alles gut geht! Mir liegt's wie ein Stein auf dem Herzen. Draußen geht kein Apfel mehr zur Erde. Gott schütze uns nur vor Feuerlärm!"
Arno ging im Costüm auf der Bühne umher, und erbebte, als ihm plötzlich hold und schön, wie ein Engel, Franziska in ihrem einfachen Gewand als Fausts Hausfrau, Käthe, entgegentrat, ihn wehmuthsvoll schmerzlich anblickte, und dann von ihm hinwegsah.
„Franziska zürnt mir!" sprach er sanft, und wollte ihre Hand fassen. Sie zog sich rasch zurück.
„Seyn Sie gut, Franziska!" flüsterte er: „Ihr Zürnen thut mir weh!"
„Sie haben mir noch weher gethan!" erwiderte sie, und die Hand, in der sie bereits die Lampe hielt, zitterte.
„Könnte ich wieder gut machen!" sprach er nicht ohne Rührung und Mitleid.
„Nie! nie! lassen Sie mich!" entgegnete Franziska.
Ein halb unterdrücktes häßliches Gelächter unterbrach die Scene. HeroineHelene war aus der Garderobe getreten, üppig geschmückt, ein reizendes Bild der Sinnenlust, und sah mit Blicken, in denen Hohn und Höllenflammen glühten, auf Arno. Dieser erschrack, eilte von Franziska hinweg und auf Heroine zu. Sie sah ihn mit einem stechenden Blick an, und rauschte dann kalt in ihrem feuerrothen Gewand an ihm vorüber. Draußen ging die Ouvertüre zu Ende; die auf der Bühne nicht Beschäftigten verließen diese. Käthe stand mit Diether in der Coulisse, hinter ihnen Wagner mit seiner Lampe. Der Soufleur klingelte einmal, zweimal, die Gardine flog auf, das Stück begann.
Arno trat zu Venuto, der, selbst das Amt des Inspicianten ausübend, seine Augen nach allen Seiten, nach allen Winkeln hinrichtete, um jeder Unordnung, jeder Störung zu begegnen; Venuto bot ihm seine Rumflasche, aber Arno trank nicht, dafür streckte sich eine rothgemalte Hand zwischen Beiden nach der Flasche aus, die Böhme gehörte, und mit den Augen grimmig schielend, that er einen guten Zug.
Die Frazze, in die er sein Gesicht verwandelt hatte, sah wahrhaft fürchterlich aus, und doch in der Nähe betrachtet wieder sehr lächerlich.
„Ihr seyd ein spaßhafter Teufel!" sprach Venuto, während Arno in die Tiefe der Bühne blickte, und da sah er Heroine stehen, im angelegentlichen Gespräch mit mit ja, es war Schwarz, kein Andrer. Von Unmuth und Eifersucht gestachelt, stürmte er auf Venuto mit der Frage ein: „Habt Ihr Schwarz heraufkommen lassen?" aber statt der Antwort trampelte Venuto auf den Brettern, den Gang eines Nahenden nachzuahmen, und drehte Arno nach der Bühne, auf welcher so eben Käthe ausrief: „Das ist der Gang des Faust! Er ist's! er ist's!" und Arno-Faust trat auf.
Angestrengten Auges starrten Stimmer und der bärtige Primus auf die Bühne, als diese von tiefer Nacht überhüllt war, und dem wilden Faust der geheimnißvolle Fremde sich zeigte, nur sichtbar werdend, wann ein Blitz Licht in die Nacht flammte. Und mochte es nun Augentäuschung seyn, oder ein Blendwerk der aufgeregten Phantasie, als eben wieder ein Blitz, dem ein heftiger Donnerschlag folgte, die Bühne momentan erleuchtete, erschracken Stimmer und der Primus, stießen sich bebend an, und flüsterten aus einem Munde: „Ich habe außer Faust zwei gesehen!" Ueber ihnen in der Loge aber hörten sie den Fürsten Wollmar zu seiner Prinzessin Tochter sagen: „Sahst du den Mann im Hintergrund, mein Kind? Das soll der Teufel seyn. Der Teufel aber ist ein Hirngespinst, und Himmel oder Hölle trägt in sich der Mensch!"
„Habt Ihr den Schwarz heraufkommen lassen? Habt Ihr ihn gesehen?" bestürmte wieder fragend Arno den Direktor, als er mit Böhme abgegangen war; und als Venuto verneinte, sprach Böhme: „Weiß der Teufel, Venuto, mir ist, als wenn ich ihn gesehen, oder doch gefühlt hätte, mir war, als ich draußen stand, als stehe einer riesengroß hinter mir, lege mir die bleischweren Hände auf die Schultern, und drücke mich nieder, und dieser eine sey der Schwarz, oder der Schwarze!"
„Ihr scheint bereits wieder schwarz zu seyn (= blau, betrunken zu sein, sk), Böhme!" erwiderte Venuto, und machte die Pantomime des Trinkens. „Nehmt Euch nur zusammen, sonst will ich Euch morgen den schwarzen Staar auf eine Weise stechen, die Euch "
„Hölle und Teufel!" brauste Arno auf: „Seht doch dorthin!" Er zeigte nach dem Hintergrund, wo Heroinens rothes Kleid leuchtete, die sich eben aus der Umarmung eines Mannes loszuringen schien, der wie ein Schatten hinter einer Courtine (= Vorhang, sk) verschwand. Venuto aber sagte, auf die Bühne zeigend, zu Arno: „Paßt Ihr auf, und seht dorthin, und merket auf Euer Stichwort, wenn Ihr Wehe! zu schreien habt!"
„Ja ja Ihr habt Recht, ich habe Wehe! zu schreien!" sprach Arno mit fürchterlicher Kälte.
Der erste Akt war vorüber. In der Zwischenzeit, nachdem er sich schnell umgekleidet, suchte Arno Heroinen; er wollte sie mit Vorwürfen bestürmen, aber sie war nicht in der Damengarderobe, nicht hinter den Coulissen, nicht in dem tiefen Hintergrund; sein Groll, sein Unmuth wuchs, und als er von seinem fruchtlosen Irrgang zurückkam, schellte der Souffleur, der Vorhang ging auf, und Arno-Faust trat wild auf, wie es der Dichter vorschrieb, und sprach mit einer Wahrheit und Erregtheit des Gefühls den Monolog:
„Nehmt Ihr mich auf, Ihr wilden Felsenklüfte,
Mit meinem Unmuth ha! mit meinem Groll!"
daß ihm der lauteste Beifall des Publikums allseitig zurauschte.
Kaum hatte der Monolog begonnen, als der tödtlichste Schreck den Direktor Venuto erschütterte, denn ein Comparse rief ihn eiligst in die Garderobe, und dort lag Böhme langgestreckt am Boden, ob trunken, ohnmächtig oder todt, wußte man nicht, er regte kein Glied, und schien vom Schlag getroffen, oder vom Starrkrampf befallen.
„Hölle und Teufel!" tobte Venuto, und rief: „Böhme! Böhme!" und rüttelte an dem Hingesunkenen es war vergebens. „Ich bin unglücklich, ich bin verloren!" rief der Direktor wild, „wenn ich jetzt das Stück schließen muß! Ich bin beschimpft! Das Publikum wird wüthend, und Niemand kommt mir wieder in das Theater! Heiliger Himmel! schaff' mir einen Teufel!"
Lieblich klang von draußen herein das Tönen des Kuhreihens in die Verwirrung, aber von den milden Alphornklängen erwachte Böhme so wenig, wie von Venuto's Flüchen und wilden Ausrufen. Die Nachricht von Böhme's Unfall verbreitete sich schnell unter den Spielenden, und fast alle drängten sich in das Zimmer, während Arno seinen langen Monolog fortspielte. Zum zweitenmal tönte der Kuhreihen.
„O Macht des Himmels, steh mir bei!" rief Venuto: „Noch sechszehn Zeilen, und die Stimme muß aus der Höhle tönen! Sprach nicht Arno von Schwarz? Hat Keiner einen Fremden gesehen? Nur Schwarz allein könnte heute mein Retter werden!"
Alle sahen einander an. „Einen Fremden? Welchen Fremden? Was für ein Schwarz? Wir sahen Niemand!" fragten und sprachen sie durcheinander, und Venuto stürzte verzweifelt hinaus, um den Vorhang fallen zu lassen, und keuchte: „Hat mir's doch geahnt! Hab' ich mir's doch gleich gedacht! Das ist des Teufels Wirrwarr!"
„Wohin?" rief da neben ihm, ihn aufhaltend, Heroine. „Wohin? Was wollen Sie thun?"
„Gardine fallen lassen! Alles ist aus Böhme todt!" erwiderte Venuto, und Angstschweiß überperlte sein Gesicht, und grub Furchen in den Zinnober.
„Schwing Dich im Sturm hervor!"
donnerte auf der Bühne Fausts Stimme:
„Denn immer wilder glühen meine Schmerzen,
Es brennt mein Herz nach einem zweiten Herzen!"
Dem Direktor wollten die Kniee brechen, das Stichwort war gefallen eine fürchterliche Pause entstand alles blieb todtenstill jetzt, jetzt mußte die Gardine sinken, aber Heroine hielt mit Manneskraft den Bebenden, Vorwärtsstrebenden, Vernichteten zurück und mit einem Male rollte es wie Donner aus eines Löwen Mund aus der dunkeln Höhle:
„Fluch und Verderben! Wer stürmet hernieder!
Ungestümer, was willst Du schon wieder?"
„Ha! Himmel! Wer?" sprach Venuto leise, tief aufathmend. „Welche Stimme! Wer ist's, der mich rettet, der mir das Leben wiedergiebt?"
„Schwarz ist's," flüsterte Heroine, „auf mein Bitten hat er Böhme's Rolle übernommen!" Sie entzog sich den Dankesäußerungen des entzückten Direktors, der nun wieder grimmig nach der Garderobe stürzte, um Böhme, falls er sich erholte, mit Verwünschungen zu überschütten.
Arno ergrauste. Das war nicht Böhme's gewohnte Stimme, das war kein Ruf aus einem bekannten Mund, so dumpf und schrecklich, so voll und furchtbar klang er, ein Dämonenruf aus den Untiefen der Finsterniß. Auch viele der Zuschauer erbebten vor dieser Stimme erschütterndem Metallklang, noch mehr aber als sie sich veränderte, und mit schneidendem Hohn und den Worten:
„Meine Schlange verstand sich aufs Weib!"
die Rede schloß.
Als Arno von der Bühne stürzte, die verwandelt wurde, sah er, wie Böhme nach der Tiefe schritt, aber furchtbares Entsetzen erfaßte ihn, als zwei Augenblicke später ihm Böhme aus der Garderobe entgegenwankte, matt und ächzend, auf einen Comparsen gestützt, hinter ihm Venuto, murrend wie ein vergrollendes Ungewitter, und ungewöhnlich schnaubend, weil er zu heftig geschnupft, und ihm einiger Salmiakgeist in den Hals gekommen.
„Was ist das?" rief Arno. „Dort geht Böhme hinweg aus der Höhle, und hier tritt er mir entgegen? Hier hat der Teufel die Hand im Spiel!"
„Oder den ganzen Leib!" stöhnte Böhme, und verbarg die Augäpfel ganz, daß man nur das Weiße sah, „ich bin halb todt mich umfing Nacht ich sah mich selbst noch schwindelt mir ich kann nicht spielen bringt mich heim!"
„Euer Spiel ist auch nicht von Nöthen!" sprach Venuto. „Ihr habt bei mir ausgespielt, und ich trumpfe Euch mit der Schellneune, auf der der Teufel abgebildet ist, und ein Theater in der Kralle hat. Zu ihm könnt Ihr gehen!"
„Aber sagt mir nur um Alles in der Welt " fragte Arno.
„Hinaus!" rief der Direktor ihm barsch zu. „Wollt Ihr aufpassen! Wagner spricht schon, gleich wird Euer Stichwort kommen!" Unmuthig eilte Arno in die Coulissen, und fand in seiner Verstimmung ganz den Ton, in dem er spielen mußte. Vergebens erschöpfte FranziskaKäthe im Geist ihrer Rolle alle ihre Liebenswürdigkeit und holde Sanftmuth. Seine Worte, seine Gestalt waren nur da, alle seine Gedanken waren weggeflogen nach einem sinnebethörenden Bilde bis der Vorhang fiel.
Wie Arno die Bühne verließ, betrat sie Schwarz, Heroine am Arme führend, und zärtlich mit ihr kosend. Fürchterlich unheimlich glühte des Gastspielers Blick in der wilden Maske des Fremden, und fürchterlich-schön war HeroineHelena. Traulich bog sie sich zu dem schnell gewordenen Anbeter, und er flüsterte: „Wann, meine holde Dämonoide? Wann darf ich so kühn seyn?"
„Ihnen," erwiderte sie mit Gluthblicken: „ist meine Thüre nie verschlossen. Nach dem Theater halb zehn, zehn Uhr; ich finde an Spielabenden vor Mitternacht nie den Schlaf. Das Spiel, und zumal Rollen wie die heutige, regen mich mächtig auf."
Venuto kam mit den übrigen Studenten, sich zu ordnen; Heroine eilte die Souteraintreppe hinab, um dann mittelst der Versenkung emporzusteigen. Arno sah sie, wollte sie anreden, aber sie war zu schnell, und er durfte nicht folgen, da er gleich während des Studenten-Chores mit Wagner auftreten mußte. Eine Hölle von Zerrissenheit und widerwärtigen Gefühlen brannte in seinem Busen, und er wünschte tausendmal das Stück zu Ende. Der dritte Akt begann.
Alle Zuschauer, die dem Dichter nachfühlten, ergriff wunderbarmächtig das Spiel des Fremden, und viele, die Böhme kannten und sein Spiel, flüsterten einander zu, daß dieser heute sich selbst übertreffe, daß er so gut noch nie gespielt; der Selektanerprimus aber stieß seinen Nachbar an, und sagte ganz leise: „Beim Pluto und dem ganzen Tartarus, das ist der lederne Böhme nicht, der immer die Augen verdreht wie ein gestochenes Kalb. Das ist ein Andrer vielleicht gar " Stimmer bejahte nickend, und über ihnen sprach Fürst Wollmar zur Prinzessin: „In der That, dieser Mann ist vom Geist seiner Rolle ganz durchdrungen. Wie berechnet ist sein einfaches Spiel! Auf Einfachheit beruht die wahre Größe."
Arno fühlte sich gemartert mit diesem Schwarz zu spielen, dessen Ueberlegenheit auch in Spiel und Mimik ihn bedrückte, allein es war hier nichts zu ändern. Und wie wunderbar es sich treffen mußte, daß er, wie Faust in der Dichtung den Fremden, so in der Wirklichkeit diesen als Nebenbuhler hassen mußte, und gern hätte er mit den vorgeschriebenen Meucheldolchstößen sich für immer von dem Verhaßten befreit.
Die Verwandlung erfolgte, Helene stieg empor, eine Rosenlaube wölbte sich über der reizenden Schlummernden, und rothe Lampen streuten magischen Schimmer auf das wunderschöne Weib. Ein freudiges „Ah!" säuselte aus Parket und Parterre herauf zur Bühne, und Fürst Wollmar sprach halb für sich, halb zur Prinzessin: „Welche göttliche Gestalt! Wie anziehend sie der ideale Anzug macht! So, mein Kind, so pflegt die Sünde mit süßen Zaubereien zu verlocken!" Arno aber betrachtete entflammt die geliebte Armida, und wußte nicht, als er die Worte ausrief:
„Ist diese Brust, ist dieses Herz noch mein?
Zerfließt nicht alles schnell wie Zauberschein?"
ob er auf sein Herz oder auf das ihre deuten sollte, an dem er noch vor Kurzem so seligträumend geruht.
Als der Vorhang gefallen war, und lauter Applaus seinem gelungenem Spiel zu Theil ward, und Heroine sich vom Lager erhob, hielt er ihre Hand fest, und fragte sie, im Innern zitternd: „Heroine, ist diese Brust, ist dieses Herz noch mein?" Und sie lächelte ihm freudig zu, wie man mit einem Kinde lächelt, und lispelte:
„Dein, mein Arno, Dein, nur laß mich jetzt, ich muß mich verstellen! Aber ewig Dein!" Sie entzog ihm ihre Hand und enteilte; und aus einer Coulisse trat Schwarz zu ihm heran, und spottete mit satanischer Frivolität:
„War nicht die Rede hier von Ewigkeit?
Die wird nicht währen über Mitternacht.
Wenn's zwölfe brummt, ruf ich Euch ab zum Tanze!"
„Herr!" fuhr Arno auf, aber Schwarz schlug eine höhnische Lache auf, und sagte ironisch:
„Laß das doch gut seyn, wackrer Kamerad!
Wir sind ja Feuerbrüder! Theilen wir!
Kein Trojabrand der Zwietracht flamme mehr
Um eine falsche Helena wie die!"
„Der Teufel soll mit ihnen theilen, Herr!" zürnte Arno, und Schwarz erwiderte grinsend und heimlich: „Das thut er auch bisweilen!" Arno wollte wieder antworten, aber der Souffleur schellte zum erstenmale, und die Feinde traten einander gegenüber in ihre mimischen Positionen.
Als Schwarz nach seiner Scene abgegangen war, warf sich Venuto entzückt an seine Brust und jubelte: „Bei allen Teufeln, Schwarz! ich engagire Euch, Ihr spielt wie ein Gott!" Er hatte es aber kaum gesagt, als er auch, wie von einem Wetterstrahl getroffen, zu Boden taumelte, und mit dröhnenden Schritten ging Schwarz von ihm.
„Was war das?" sprach angstvoll leise, indem er sich aufraffte, Venuto, und ein Gedanke, den er kaum auszudenken wagte, machte das Blut in seinen Adern gefrieren.
Indeß hatte Arno mit Heroinen die Scenen voll Gluth und Entflammung, und gewahrte nicht, als sie abgegangen war, und er an Käthe denkend die Worte sprach:
„Und ich hab' sie doch wahrhaft nie geliebt!"
daß Franziska in der Coulisse stand, und ihn so lange und so sehnsuchtsvoll anblickte, bis ihr die Augen voll Thränen standen, und sein Bild in dem feuchten Flor verzitterte.
Franziska war schön, wie eine Lilie; sie hatte nur sehr wenig Roth aufgelegt, und das weiße Kleid und die Myrthenkrone schmückten sie fast reizender, als Heroinen ihr funkelndes Diadem, ihr goldblitzendes Flammenkleid.
In der Vergiftungsscene gab sie mit vollem Gefühl das innigliebende, zärtliche, treue Weib, und ArnoFaust ganz den mit Gott und sich zerfallenen wilden Frevler. Er fühlte mit innerem Groll, wie viel bittere Wahrheit ihm ein spottender Zufall in den Becher der Kunst am heutigen Abend mischte, und bald flammte sein Gefühl zu Heroinen hin, bald zog ihn wieder Franziska's sanfter Reiz, ihre holde Weiblichkeit, gekleidet in wehmuthvollen Schmerz, und auf dem Haupt den Kranz der Erinnerung an süße Freuden, mächtig, ja fast unwiderstehlich an, und unbewußt preßte er FranziskaKäthe, als sie sich in seine Arme warf, inniger an die Brust, als eben nöthig. Da gellte Helenens „Wehe! Wehe!" und aus dem Bilde der Erscheinung flog der Blitzstrahl eines Blickes in seine Brust, der wie Höllenfeuer brannte, eines Blickes, der nicht geeignet war, neue Liebe zu werben, alte zu fesseln. Als Arno abging, gewahrte er wieder, daß Schwarz und Heroine im freundlichsten Gespräch beisammen standen, und die Flamme wilder Eifersucht loderte auf's Neue in ihm auf, aber ein leises spottendes Gelächter, in das Helene ausbrach, und in welches Schwarz einstimmte, löschte diese Flamme, weckte aber dafür in seiner Brust den verzehrenden Groll, und er schwur sich zu, noch heute Abend eine bestimmte Erklärung von Heroinen über ihr beleidigendes Benehmen gegen ihn zu fordern, und heute noch oder morgen früh sich mit Schwarz über den Mantel zu schießen.
Andere Flammen als diese, die Arno durchloderten, waren in einem andern Innern rege. Fürst Wollmar lehnte sich während des Zwischenaktes, als alle Damenkinnbacken sich in arbeitende Bewegung setzten, und auch die Prinzessin sich mit einem mäßigen Stück Kuchen vergnügte, an die Sammtpolster im Hintergrunde seiner Loge, blinzelte die Augen zu, schwelgte in reizenden Phantasiebildern, und sprach zu sich selbst: „Fürwahr, Eva war ein kluges Weib, daß sie die Schönheit mit aus dem Paradiese nahm, und sie auf ihre Töchter vererbte. Diese Heroine könnte einen Gott bezaubern! Schönheit ist werth, daß wir sie vergöttern! Heute ist Heroine eine Sonne, die Flammen und Liebreiz zugleich ausstrahlt. Aber auch der Mond ist schön, wenn er unter leichtem Wolkenschleier hinwallt. Heroine soll mir heute noch Mond seyn; überraschen will ich sie. Ueberraschung ist eine Mutter ungehoffter Lust!"
„Ob nur nicht noch etwas passirt?" fragte der Primus sich und Stimmer, und war voller Erwartung. Sein Blick flog nach der düstern Eckloge; Rektor und Conrektor hatten sich einen oder zwei Krüge Bier kommen lassen und labten sich auf bescheidene Weise, daß es die Leute nicht sehr sahen.
Der fünfte Akt begann mit seinen Schauerscenen, seinen Knalleffekten und Höllenjubel. ArnoFaust spielte seine Rolle treu mit der wildesten Aufgeregtheit. Die Zuschauer zitterten vor grauenvoller Lust, die gespannteste Erwartung fesselte jeden Blick, und bannte selbst den lauten Odemzug in der Brust fest. Todtenstille herrschte in dem übervollen Haus. Rascher hüpften die Pulse.
Faust rang mit Helena um den Brautkuß, die Larve sank, aber wie nun Faust zurücktaumelte vor dem grinsenden Todtenschädel, da gellte zugleich in die Donner und die Dissonanzen der Musik ein lauter Schrei, und alles wandte sich rückwärts. Da sah man den Fürsten, seine ohnmächtige Tochter im Arm haltend, mit der Hand beschwichtigend zu dem Publikum hinabwinken; Hofdamen und Kammerfrauen eilten in die Loge; ein dumpfes Getöse entstand durch Theilnahme und Fragen, und alle Aufmerksamkeit auf das Spiel war vorbei. Der Fürst verschwand, die adeligen Logen wurden leer.
Zum Glück gestattete das Stück hier eine lange Pause, aber Venuto lief fluchend hinter den Coulissen auf und ab, schlürfte Salmiak in die Nase, und rief: „Das ist das letztemal, daß ich Faust gebe, das sey hoch geschworen!"
„Was sagte ich?" fragte triumphirend der Primus, und strich sich wohlbehaglich den Bart. Es wurde ruhiger im Theater, die letzte Scene begann, aber wie gut Arno, wie gut Schwarz auch spielten, der Eindruck ging verloren, die Weiber schwatzten, bedauerten die Prinzessin, packten die Strickzeuge ein, und als nun der schönste Brillantfeuerregen zu der Höllenfahrt und all dem Spektakel herabbrauste, und der Vorhang fiel, vergaßen, über der Eile fortzukommen, die Zuschauer fast den Beifall, nur die Gymnasiasten thaten sich rühmlich mit Klatschen hervor, und als der Primus gewahrte, daß Rektor und Conrektor fort waren, rief er mit der Grundgewalt seiner noch jungen Baßstimme: „Arno heraus! Fremder heraus! Heroine heraus!" und Selekta und Prima, nebst einer Abtheilung Sekundaner stimmten in den Donnerruf ein, es erschien aber Niemand, als Venuto im schlichten Oberrock, neigte sich und sprach: „Meine verehrten Herren erlauben mir, im Namen der Gerufenen zu danken, welche sich sämmtlich schon hinwegbegeben haben!"
„Da müssen sie ja auf Faust's Mantel geflogen seyn," murrte der Primus, und folgte der Schaar seiner Kameraden. Stimmer schlug den Weg nach dem goldenen Drachen ein, und sprach zu sich selbst: „Sonderbar doch eine Störung, und eine auffallende dazu. Ist unsere Prinzessin so nervenschwach? Ihre Ohnmacht hat den ganzen Schluß verdorben; es hat doch in der That mit dem Faust einen Hacken. Und warum spielte denn auf einmal ein Fremder, ohne daß es angekündigt wurde? Hm, hm, hm."
6.
Heroine hatte sich mit Lisettens Hülfe rasch umgekleidet, und saß in einem lichtseidenen Gewand auf der Ottomane, mit aufgeregten Gefühlen und zitternder Erwartung des neuen Freundes harrend. Der Zufall hatte ihr das Album in die Hände gespielt, das sie seit lange führte. Sie ließ die Blätter durch ihre zarten Finger gleiten, an denen Arno's Ring und noch andere Ringe blitzten. Es standen viele Männer in dem Stammbuch, und manch geheimnißvolles Zeichen, nur der Besitzerin verständlich, erinnerte diese an manche Stunde der Lust, an manche Liebesnacht. Da fiel ihr auch ein Blatt in die Hand, das roth geschrieben war, und ein Schauer überrieselte Heroine, es ging von der Schrift ein seltsames Leuchten aus, auf dem Blatt standen aber als Tafel der Erinnerung die Worte Ariost's:
„La fede unqua debbe esser corotta.
Odata ad un solo, o data insieme a mille;
Senza giurare e segno altro più espresso
Basti una volta, che s'abbia promesso *)."
*) Nach Gries Uebersetzung:
Die Treue darf verletzt sich nimmer zeigen,
Ob Einem sie, ob Tausenden gehört;
Auch ohne Schwur und Zeichen beizufügen
Muß schon das Wort für allemal genügen.
Und darunter stand der Name Notturno. Heroine wandte die Blicke von diesem Blatt rasch hinweg, und barg es unter die andern; und jetzt hörte sie Trittte, und schob die Blätter alle zur Seite. Lisette war nicht im Vorzimmer, und ein Andrer, als Heroine erwartete, stürmte rasch in das Zimmer: Arno.
„Sie, Arno?" rief Heroine, und vergaß ihr Lächeln auf die Wangen zu rufen.
„Ich, Heroine!" antwortete er gepreßt. „Sie erwarten mich nicht, Sie erwarten andern Besuch! Ich bin betrogen, fürchterlich betrogen! Aber Rache will ich nehmen an dem Frechen, der mir ein Herz stahl, das noch gestern mit den heiligsten Schwüren der Liebe sich meinem Herzen verlobte! Fluch meiner Liebe! Fluch meiner Verblendung! O Heroine! Du warst mein Abgott, mein Leben, mein Alles! War ich dir denn so wenig, war meine innige, feurige Liebe zu Dir so wenig, daß Du sie so leichtfertig verschleudern konntest an diesen Schwarz?!"
Heroine richtete sich mit imponirender Majestät auf. „Arno!" sprach sie mit tiefer Stimme: "Sie sind frei! Vertrauen ist der Liebe Fundament, das brechen Sie mir; wir sind geschieden! Arno wie ich Sie geliebt das weiß der ewige Himmel, Sie nicht! Ein Wort von mir, und Sie flehen um meine Vergebung; Ein Wort, und Sie nehmen die entehrenden Beleidigungen zurück, aber nein! es bleibe unausgesprochen; wer mir nicht vertraut ist meiner Liebe nicht werth!"
Arno stand bestürzt. So konnte die Lüge, die Heuchelei nicht reden. Und wie zauberschön war Heroine in dieser Würde der gekränkten Unschuld, und wie leuchteten noch hinter den Wolken des Zorns die strahlenden Augensonnen der Huld! Er stürzte zu ihren Füßen, und rief leidenschaftlich: „Heroine! Sprich das Wort aus, das mir neues Leben gibt! Bei aller Macht der Liebe, sprich es aus! Ich will Dich anbeten, wenn das Wort Dich reinigt, ich will "
„Keine Betheuerung, keine Scene!" sprach Heroine. „Stehen Sie auf, Arno. Ein Vertrauender ist im Glauben selig, ein Zweifelnder auch im Schauen verdammt. Arno! Ich vergebe!" rief sie mit lockendem Ton, und erhob ihn. „Arno, aufbrausender, heftiger Mensch, ich möchte Dir zürnen können! Ich will Dir das Wort sagen, daß Du wieder gut wirst, aber wirst Du dann auch recht gut seyn?"
„O Heroine! Du machst mich zum Kinde!" erwiderte Arno, und preßte Küsse auf ihre Hand, und sah seinen, jetzt ihren Ring, und mußte an seine selige Mutter denken. Heroine aber blickte ihn mit zauberischem Lächeln an, und sprach mit allem Wohllaut ihrer Stimme, in der sich mit dem sanften Vorwurf die innigste Herzlichkeit vermählte: „Arno! Der Mann, den Du aus tiefster Seele hassest, dem Du nicht einmal eine armselige Gastrolle gönnen wolltest, den Deine Gedanken verfolgen, den Du als Nebenbuhler vertilgen möchtest, Schwarz, dieser Schwarz ist mein Bruder! "
Heroine erwartete nichts Minderes, als daß Arno jetzt reuig an ihre Brust sinken sollte, und hob schon die Arme, ihn zu umfangen, aber er trat hinweg von ihr, starrte sie mit wilden Blicken an, und rief laut: „Ha, Lügnerin! Schmachvolle Lügnerin! jetzt kenne ich Dich! So wisse denn, was Schwarz Dein Bruder! von Dir sagte!" Und schonungslos donnerte er ihr ein Wort zu, dessen Mißklang in ihre Seele
schnitt, wie ein scharfer Dolch, und mit einem unartikulirten wilden Schrei sank sie auf die Ottomane zurück, ächzte, stöhnte, und hoch auf wogten ihres Busens ungestüme Wellen. Sie schloß die Augen auf zwei Augenblicke, aber als sie sie wieder aufschlug, glühte aus ihnen versengende Höllenflamme, sie sprang auf, einer Furie gleich. Noch immer stand Arno zürnend dort, und seine Blicke brannten auf ihr, und seine Seele, zerrissen vom namenlosen Schmerz der Enttäuschung, weidete sich an ihrer Qual.
Schon wollte Heroine eindonnern auf Arno mit all der Heftigkeit und dem betäubenden Geschrei eines in Wuth gebrachten Weibes, als die Thüre aufging, und der Fürst eintrat. Arno wich scheu zur Seite, Heroine, in wilder Leidenschaft kaum noch ihrer Sinne mächtig, stürzte zu Wollmars Füßen, und jammerte: „Euer Durchlaucht! Rettung! Hülfe! Ich bin beschimpft entehrt dieser Mensch wahnsinnig! o mein Fürst, mein hoher Herr!" Sie sank in Ohnmacht.
Ludwig Bechstein: Die seligen Fräulein. Eine Sage aus Tirol (1839, Aus Heimath und Fremde I,1)
Frau Kienz aus Lengenfeld im Oetzthal verließ ihr kleines Haus, und stieg bergan. Sie trug einen Korb voll frisches Brod, eine Flasche Kirschwasser, und stützte sich auf einen schlanken Alpenstock. Am Gürtel hing ein Rosenkranz. Außerdem trug Frau Kienz noch den kleinen Franz, einen frischen Buben, der nur erst vier Monate alt war. Der Vater sollte ihn einmal küssen. Der Vater aber wohnte hoch auf dem Gebirge in einer kleinen Sennhütte, und hütete das Vieh; deshalb hatte Frau Kienz einen weiten und beschwerlichen Weg. Wäre sie eine Fremdlingin gewesen in diesem Thale, eine stolze reisende Engländerin etwa, oder eine gefühlvolle deutsche Dichterin, so würde sie mehr als ein be/wunderndes O und Ach ausgerufen haben, und noch öfter ausruhend stehen geblieben sein, als Frau Kienz es that, und zufolge ihrer Last thun mußte. Wie entzücken diese wilden Bergparadiese, wie erheben sie die Seele! Tief unten das Thal mit seinen leuchtenden Wiesen, seinen zahlreichen einzeln liegenden Bauernhäusern, die bald zu Punkten werden, je höher der Alpenwandrer steigt; dann die schönen dunkelgrünen Wälder, und hoch über den Wäldern die Felsenregionen mit glänzenden Matten und einer Wunderfülle herrlicher Alpenblumen; endlich höher noch die starre Oede kahler Granitmassen, wo treuloses Gerölle verwitterten Gesteins den Fuß des Wandrers straucheln macht, wo das niedrige Krummholz nicht mehr wächst, wo kaum noch die Eisnelke ihre einsamen Blüthen treibt. Und über diesen noch in hoher furchtbarer Erhabenheit die Region des ewigen Schnees, überragt von gigantischen Fernern, von Gletscherwänden begrenzt, und von Eisbächen bewässert, die von Felswand zu Felswand niederstürzen, wachsend, schäumend, brausend, donnernd, die von ferne gesehen, reinen/ unbeweglichen Silberfäden gleichen, in der Nähe aber mit ihren stäubenden gewaltigen Massen und ihrem Donnerfall den Beschauer im tiefsten Mark erschüttern.
Frau Kienz war schon recht hoch gestiegen; sie achtete nicht auf den mühsam zu wandelnden Pfad, die Hoffnung und die Freude gaben ihr Muth und Kraft. Sie dachte sich schon oben bei ihrem Manne, dem muntern Josel, wie er sich freuen und den Franzl herzen würde. Der Franzl war ein gar zu lieber Bube, und wenn er lachte, war es der Mutter, als ob sich der Himmel aufthue und ein Engel sie holdselig grüße. Ihr Pfad wurde eng und gefährlich, aber sie wußte den Alpenstock gut zu führen, und glitt nicht aus. Jetzt war sie einer kleinen Kapelle nahe, die am Wege stand. Fromme Hände hatten das Muttergottesbild mit Alpenblumen geschmückt, und am Gitter hing ein frischer Kranz von Rhododendron. Der kleine Franzl schlummerte und Frau Kienz stand still, stellte leise ihren Tragkorb an den Weg, hob den Franzl heraus, der von der Be/wegung erwachte, und zu schreien begann. Da setzte sich die Frau auf eine Felsbank nahe bei der Kapelle, öffnete ihr Mieder und stillte mit Mutterlust das Kind, Franzl trank und schlief bald wieder ein. Frau Kienz legte den geliebten Schläfer sanft in das duftige Moos am Weg, aus dem die zarten Blüthchen der Möhringia zu Tausenden auf den vielfach gegliederten Fäden ihrer Stengel hervorsproßten, und nun nestelte sie ihren Rosenkranz vom Gürtel, und knieete auf dem Betschemel vor der kleinen Kapelle nieder. Sie sprach mit frommen Gedanken, selbst voll Mutterseligkeit, das Ave: „Gegrüßet seist Du Maria, voller Gnaden! Der Herr ist mit Dir! Du bist gebenedeiet unter den Weibern, und gebenedeiet ist die Frucht Deines Leibes, Jesus Christus! Heilige Maria, bitt für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unsers Absterbens! Amen.“ Und hierauf betete sie noch lange fort. Rings um sie her war tiefe Stille, nur die wilde Achen brauste aus dem Thale dumpf herauf. Der Knabe schlief./
Eine dunkle Bergwand, Morin genannt, senkt sich steil, abschüssig in das Thal der Achen hinab, und gipfelt sich in schauriger Größe himmelan. Oben ist eine kleine Matte, so von Felsen eingegrenzt, daß noch kein weidendes Rind, kein kühner Alpenjäger sie betrat, ein Asyl der schlanken Gemsen. Ueber dieser Matte hängen wieder zerklüftete Felsen nieder, auf deren Scheitel ewiger Schnee, ewiges Eis ruht.
Hoch über der dunkeln Morin schwebten langsam in geheimnißvollen Kreisen drei Lämmergeier. Einer von ihnen richtete seine blitzenden Augen zur Tiefe, nach der Stelle, wo Frau Kienz betete, und richtete auch seinen Flug tiefer und immer tiefer, schnell wie ein sausender Pfeil; dann als er nur noch thurmhoch über der Bergkapelle schwebte, zog er wieder einen großen Kreis, ehe er sich niedersenkte und zog immer enger den Kreis, und schoß den Blitz seiner Augen voraus nach dem schlafenden Kindlein. Und die Mutter betete fort, alle die Vaterunser, Glauben, Psalter, und fügte zu jedem englischen Gruß ein Geheim/niß, und war schon beim fünften Gesetz, und endete, und zeichnete sich mit dem Zeichen des Kreuzes, da hörte sie mächtigrauschenden Flügelschlag, sah sich erschrocken um nach dem Kind, und sah das Kind nicht mehr, und es flog ein Schatten über die Kapelle, wie ein Wolkenschatten. Frau Kienz sank mit einem Angstschrei zu Boden, sie hatte aufgeblickt, hoch über ihr schwebte der Geier mit dem Kind, hoch und immer höher in die blaue Luft, und das herzzerreissende Angstgeschrei der unglücklichen Mutter flog ihm nach und schallte hundertfach von den Felsen. Erst wurde ihr schwarz vor den Augen, als sie so in unsäglicher Angst dem Geier nachblickte, und sie warf sich wehklagend nieder, dann sah sie wieder hinauf, und erblickte kaum noch den grausamen Räuber, es war ihr, als umschwebten ihn noch zwei andere, und ihr Schmerz fand nur stammelnde Worte, abgerissene Klagelaute, wie ihr Herz zerrissen war.
„Habt ihr ihn meinen Franzl, meine Lust mein Leben o ewiger Herrgott! Ihr wil/den Teufelsgespenster des Gebirgs habt ihr ihn hinaufgeholt? O Gott, o Gott! Was thue ich, was fange ich an! Armer, armer, armer Franzl! Arme Mutter! Mein einziges liebes Kind! Was wird der Josel sagen? Soll ich vollends zur Alm hinauf? Soll ich mich nicht lieber hinunterstürzen in die Achen! O heilige Mutter Gottes!“
So klagte hier die Mutter; über der starren Morin aber wurde der Lämmergeier unsichtbar.
Endlich warf sich die verzweifelnde Frau vor dem wunderthätigen Gnadenbilde nieder, und flehte laut aufjammernd: „O heilige Maria! Willst Du Gebenedeite nicht auch für mich ein Wunder thun? Das wäre freilich ein rechtes Wunder. Ein Wunder über alle Wunder, wenn ich mein Kindlein lebendig wiedersähe! Aber Dir ist nichts unmöglich, Mutter Gottes! bitte bei Gott und Deinem Sohne für meinen Sohn! Wenn er noch lebt, der Franzl, so kann er die Fürbitte wohl brauchen! Und wenn du es willst, Maria, so lebt er noch, und wenn es Dein gnadenreicher/ Wille ist, daß ich ihn wieder haben soll, so tragen ihn die Engel wieder aus der himmelhohen Bergeshöhe zu mir. Amen, mein Heiland! Amen, Maria! Ich will hinauf zum Josel, vielleicht schlägt er mich todt, auch gut, so komme ich zu meinem Kind, wenn mein Kind nicht zu mir kommen soll. Amen!“
Nach solchem verwirrten schmerzlichen Gebet raffte sich Frau Kienz auf, und setzte ihre Wanderung weinend fort. Sie sah dabei mehr zum Himmel auf, als auf den Weg, denn sie meinte immer, der Geier müsse noch da oben in den blauen Lüften schweben, und das Kindlein säuberlich wieder herunter tragen, so stark war ihr Glaube.
In das Oetzthal und seine stillen romantischen Seitenthäler sank schon der Abend, auf den Bergen aber weilte noch freundlich das reine Licht. Die Hirten jodelten laut, und jauchzten einander von Berg zu Berg, von Alm zu Alm die wohlbekannten Grüße zu. Das Alpenvieh ward wieder nach den Sennhütten getrieben, die melodi/schen Glocken klangen, das erhabene Schweigen dieser freien Höhen schien mit dem sinkenden Tag feierlicher zu werden, die fernen Gletscher schmückten sich schon mit dem zaubervollen Rosenkleid, und prangend, aber kalt, standen sie, die Alpenrosen des Todes.
Die Hütte Josels stand einsam mitten auf grasreicher Alpentrifft. Sonst hatte Frau Kienz geschäftig darin gewaltet, und ihre fleißige Hand hatte manchen riesengroßen Alpenkäse oben geschaffen. Als aber das letzte Mal das Vieh hinaufgetrieben wurde, war die Frau des Hirten noch zu schwach zur Folge, und es mußte eine andere Sennerin als Magd mit hinauf.
Der muntre Josel stand auf einem Felsenvorsprung, und jodelte lustig in das Abendroth, während die Herde langsam die gewohnte Richtung nach der Hütte einschlug. Er sah hinüber auf die Platte über der Morin, gewahrte dort ein Rudel muntrer Gemsen, und bekämpfte still die erwachte Schützenlust, denn dort hinüber trug kein Stutz (= Jagdgewehr, sk), dort fanden die überall feindlich ver/folgten Thiere eine heilige Freistatt, um so heiliger, als der Glaube des Volks dorthin den Aufenthalt dreier schützenden Genien versetzte. Dort, und allein dort wandelte auch noch in ruhiger Majestät der Steinbock, und trug voll Stolz sein riesiges Gehörn.
Wie der Josel so hinübersah, gewahrte er über den Fernern und Kogeln, die noch hoch über die Morin emporragten, im Abendblau einen leuchtenden Punkt, der näher und näher kam. Josel sah scharf hin, und bald entdeckte sein geübtes Auge, daß es ein Geier der größten Art war, welcher seinen Flug nach der Alme nahm. Wie der Geier sich noch tiefer senkte, dachte Josel bei sich selbst: „Verdammt, hätte ich doch den Stutz nicht in der Hütte gelassen, und könnte diesem sakrischen (= verfluchten, sk) Kerl eins auf die Platte brennen; die verfluchte Brut frißt vollends alle jungen Gemsen weg, daß einem armen Wilderer kaum noch etwas übrig bleibt. Hat dieser Satan nicht wieder ein junges Thier in den Klauen? Ja, weiß Gott! Er hat sein Abendbrod schon geholt, und will/ es vermuthlich hier verschmausen. O hätt' ich doch den Stutz!“
Während Josel solche vergebliche Seufzer nach dem in der Hütte heimlich verborgenen Jagdgewehr ausstieß denn die Hirten dürfen keine Gemsen birschen (= jagen, sk), und thun es nur heimlich flog der Geier immer tiefer, und Josel schrie: „Jesus Maria, Joseph! Das ist ja kein Wild um aller Heiligen Willen, das ist ja ein Kind! ein Kind!“
Nur etwa funfzig Gänge von Josel saß der Lämmergeier, und schien die Beute zu betrachten. Er neigte den Kopf mit den großen gelben Augensternen herüber und hinüber, öffnete den scharfen Krummschnabel und stieß ein gellendes widriges Geschrei aus. Dann schien er einmal mit dem scharfen Schnabel in die Beute zu hacken, und Josels Herz klopfte hörbar. Er lief dem Geier näher, er fasste einen starken Stein, klingend saußte der Stein nach dem Raubvogel und dieser flog auf. Die Beute blieb am Boden, Josel rannte hin, und griff mit einer Hast danach, als/ wollte er sie selbst rauben. Der Lämmergeier aber umkreiste mit Gekreisch die Matte, immer höher steigend, und schwebte dann ruhig, ohne nur einmal mit den Flügeln zu schlagen, zur Morin hinüber.
Josel betrachtete das Kind, und brach in Ausrufe der Verwunderung aus. „Heiliger Joseph! Ein Kind, wahrhaftig ein Kind! O Wunder Gottes! Es lebt noch, es ist unversehrt, die Fänge des Unthiers haben es nicht getroffen, aber wie sind die Lacken und Lappen zerfetzt, in die es gewickelt war! Du armer Schelm! Wem bist du denn? Mein Gott, wie wird sich deine Mutter grämen! Armes Lamm! So hoch in der Luft! Die Bäcklein sind blitzblau und das Näschen blutet. Großer Schöpfer!“
Josel lief mit dem Kind, was er laufen konnte, nach der Sennhütte zu, und rief so laut er konnte: „Mierle! Mierle!“ so hieß die Sennerin. Mierle kam herbei und empfing den Fund. Sie legte das Kind hin, molk rasch eine Kuh, flößte dem halberstarrten Kleinen Milch ein, und/ wusch es mit der Milch. Nach einer Weile regte sich's , ächzte, und bald darauf schrie es auch, zu Josels und Mierles unaussprechlicher Freude. Mierle suchte es zu beschwichtigen, und legte es, als es wieder schlief in ihr ärmliches Bett, das freilich nur aus einer Unterlage von Heu und wenigen Decken auf einem harten Brettergestell bestand, während Josel sich das frugale Abendbrot schmecken ließ./
Mit dem letzten Strahl des sinkenden Tages erreichte Frau Kienz die Matte, so schmerzenreich und schmerzensmatt, wie nie eine Mutter. Ihr graute vor dem Augenblick, in welchem sie vor ihren Mann treten sollte, und allein. Ihr war, als sei sie im weiten Raume der Schöpfung allein, wie sie hier oben auf klippenvoller schwindelnder Höhe zwischen verkrüppelten Bäumen, mit der schweigenden Natur und ihrem Himmelschreienden Schmerz allein war. Wie ein Schatten schlich sie über die Matte, langsam und abgehärmt, und Centnergewichte schienen an ihren Füßen zu hängen./
Endlich öffnete sie langsam die Thüre, und mit einem freudigen: „Grüß Dich Gott, Frau!“ sprang Josel auf, und schrak zurück vor ihrem bleichen Gesicht, ihren thränenden Augen. „Was ist’s? Was ist Dir geschehen?“ fragte er bestürzt; aber sie blieb ihm die Antwort schuldig, sie breitete die Arme aus, und sank matt und weinend an seine Brust.
„Frau, wo hast Du den Franzl? Hast Du ihn nicht mehr? Ist er todt?“ fragte, von einer bangen Ahnung befallen, Josel, und das Schweigen der Frau bestätigte seine Frage.
„Ich bitte Dich, rede!“ bat der Mann, und die Frau entwand sich schluchzend seinem Arm und stammelte: „Erst heute, liebes Josele! Auf dem Weg betete ich, und hatte den Franzl hingelegt, auf einmal war er weg ein Geier hatte ihn und flog mit ihm fort.“
„Ein Geier!“ schrie Josel laut auf: „Ei daß Dich der Geier ! Jesus Maria Joseph! Frau, ist's denn wahr? Potz Geier! Mierle! Mierle!/
Die arme Frau Kienz sah ihren Mann bestürzt an, denn er gebehrdete sich ganz anders, als sie erwartet hatte, er verzog seine heitre Miene nicht zur traurigen, er schien vielmehr das Lachen zu verbeißen, und sah nach der Thüre der Kammer, wo die Milchgefäße standen, und wo die Magd ihr Lager hatte. Da trat das Mierle herein in seiner kurzen Jacke und seinen Leinwandhosen, wie alle Tyroler Sennerinnen tragen, und trug auf ihren Armen das Kind. Der Frau Kienz aber schwanden fast die Sinne, und sie wußte nicht, ob sie wache oder träume, lebe oder gestorben sei, mindestens glaubte sie im Himmel zu sein. „Mein Kind, unser Kind, unser Franzl!“ Das war alles, was sie sprach, während sie das Kleine dem Mierle abnahm, und es herzte, dann lachte und weinte sie zugleich, und rief: „Gelobt sei Jesus Christus und seine gebenedeite Mutter!“ Der Josel aber sagte Amen dazu, und das Mierle sagte auch Amen.
Mittlerweile war es draußen Nacht geworden, und die Sterne leuchteten hell über der Berggi/gantenwelt, die hier schlief, ein wunderbares Chaos von blühenden und todten Massen; auch die fernen Eiswände und ungeheuren Schneefelder leuchteten wie Mondschein, mit einem seltsamen und geisterhaften Licht. Um manche der hochragenden Bergzacken und Eisthürme schwebte silbernes Gewölk. Aus der Alpenhütte schwebte zwei glücklicher Herzen feuriges Dankgebet.
Nach diesem Ereigniß waren zwanzig Jahre vergangen. Der Hirte Josel und seine Frau lebten beide noch, kräftige Bergnaturen, denen Keiner das halbe Jahrhundert ansah, welches sie bereits verlebt. So oft der König Lenz seinen Einzug in die Thäler und auf die Höhen Tyrols durch lautbrüllende Lawinendonner verkündigte, so oft das Alpenvieh auf die Berge getrieben wurde, versäumte jenes Ehepaar niemals bei der alten Bergkapelle zu knieen, und dem wunderthätigen Marienbild irgend ein Dankopfer seiner frommen Herzen über jenes hohe Wunder der Rettung seines ersten Sohnes darzubringen, war es auch nur/ ein Blumenkranz, eine geweihte Kerze, ein Band, und dergleichen. Hing doch auch neben dem Bilde ein zierliches kleines Wickelkind von rothem Wachs unter Glas, und auf einer Votiftafel mochte jeglicher Wandrer jene wundersame Geschichte lesen, die Namen und Datum beglaubigte.
Süßer, seliger Glaube! Dein frommer Kinderblick ist immer aufwärts gerichtet, oben das Heil wissend, von oben das Heil hoffend. Dir wird jeder glückliche Zufall zum Engel des Herrn, und Gottes helfende Vaterhand scheint dir sichtbarlich nahe. Du glaubst an Mittler zwischen Gott und dir, einfaches Hirtenvolk, eine Heilige aber nennst du nicht, und findest sie nicht in deinem Kalender, welches die größte Mittlerin ist zwischen Gott und den Menschen, eine Heilige, in deren Schoos du dein Dasein hinbringst in stiller Abgeschiedenheit von der Außenwelt, die ewige, herrliche Natur!
Von dieser Schutzgöttin gekräftigt, war der Sohn des Hirten Josel der schönste Bursche im ganzen Oetzthal, von Oetz bis zu dem armen/ Vent, dahinter in unzugänglichen Schluchten der Achenbach sein Bette wühlt, darüber der Hohenachtferner und der Hochjochferner ihre majestätischen Gletscherwände erheben, starr, einsam und unermeßlich erhaben.
Franz war ein Hirte, wie sein Vater; Vater und Mutter aber hatten nicht unterlassen, ihm sein wunderbares Schicksal, das ihn als Säugling betroffen, oft zu erzählen. Die Mutter zeigte ihm die Stelle am Bergpfad, wo sie ihn hingelegt, der Vater zeigte ihm die Stelle auf der Alm, wo der Geier ihn abgesetzt, und hatte den merkwürdigen Ort mit einem Stein gezeichnet. Schon als Knabe hatte Franz oft geäußert: „Was hilft es mir, daß ich als kleines Kind so hoch oben war, vielleicht auf der Platte über der Morin? Jetzt möchte ich dort sein! Jetzt möchte ich hin!“ Solche thörichte Wünsche hatten ihm dann jedesmal Vater und Mutter verwiesen.
Der Knabe war zum Jüngling erwachsen, und hatte oft mit guten Gespanen (= Freunden, sk) die weiten Bergreviere durchstrichen, hatte in heimlicher und gefahrvoller Jagd manche Gemse geschossen, und/ seinen Hut mit den glänzenden Federn des selbsterlegten Schildhahns geschmückt. Sein Lebenselement die Höhen, kam er nur wenig herab in das Dorf, fehlte oft bei den sonntäglichen Festen, Tänzen und Trinkgelagen, bei dem kurzweiligen Kegelwerfen, aber niemals beim Scheibenschießen und beim Ringkampf. Die Liebe hatte ihn noch nicht beschlichen, er war gleichgültig gegen die Dirnen des Dorfes, und wenn er mit andern in der Nacht des Ostermontags fenstern ging, von den Dirnen bunte Eier zu sammeln, so that er es eben mehr des Scherzes wegen, als aus Herzenstrieb, und beneidete die Gaselbuben nicht, die neben den Eiern noch süßern Lohn von ihren Liebhaberinnen empfingen.
Eines Tages wandelte Franz den Almensteig zur Hochalm hinan, und blickte sehnsüchtig an der Morin hinauf; er sah wieder einige Lämmergeier um die Firnen schweben, und dachte bei sich selbst: Könntet ihr mich doch jetzt dort hinauftragen, wo in einem Zauberschloß die seligen Fräulein wohnen! Wer weiß, ob nicht eine Solche/ es war, die damals mich raubte, als ich ein Kind war, und mich zu dem Vater trug. Ist mir doch immer, als sei ich bestimmt, jene Stellen zu betreten, die noch keines Menschen Fuß betrat, und ich will sie betreten. Ja, ich will es wagen! Heimlich will ich mich mit allem, was ich brauche, versehen, will Keinem sagen, was ich vorhabe; es muß mir glücken!
Diese kühnen Gedanken machten den Jüngling sehr froh, er stieß ein jauchzendes Freudengeschrei an der Stelle aus, wo einst seine Mutter ein Jammergeschrei um ihn ausgestoßen hatte, und die Felsen, noch eben so willig, wie vor zwanzig Jahren, hallten den Jubel wieder. Franz zog seinen Hut, als er an der Wegkapelle vorbeiging, schlug ein Kreuz, und dann sang er wieder in lustiger Schnader-Hüpferl-Melodie:
„Auf dem Berg steht a Gemserl,
Luegt herunter ins Thal,
Und da schießt der Herr Förster,
Und trifft's nit amal!/
„Frische Bub’n auf den Almen,
die haben guet'n Muth,
Und ziel'n nach dem Gamserl,
Und treffen's a guet!“
Sein helles Jodeln hallte noch lange durch den Bergwald, in welchem der Almensteig emporzog, tausendfach umblüht von Alpenveilchen, den schönsten Steinbrecharten und dem rostfarbigen Rhododendron, das aus den Felsklippen hervorwucherte.
Auf der Hochalm stand Franz, tief unter sich sah er die Sennhütte liegen, wo seine Aeltern hausten, und noch gar manche andre Hütte, manchen Trieb, wo mehrere Hütten beisammen standen. Eine unermessliche Aussicht breitete sich unter ihm aus, aber der Sohn der Berge hatte kein Auge für die längstgewohnte Pracht, Er sah hinüber nach der Platte über der Morin, die immer noch tausend Fuß höher zu liegen schien, als sein dermaliger Standpunkt. Scharfe Felsenkanten, eine über der andern, senkten sich schroff abschüssig in das Achenthal und das Grün jener Hochmatte/ grenzte an den ewigen Schnee. Zahlreiche Wasserfälle wälzten ihr flüssiges Silber den Thälern zu, darunter die Kaskade in der Nähe von Umhausen die gewaltigste und herrlichste.
Unverwandt schaute Franz hinüber zur Morin. Wie magnetisch zog es ihn hinüber, und alle die Mährlein und Sagen, die seine Knabenjahre umtönt, traten frisch und lebendig vor seine Seele, er sah sich schon im Geist da drüben auf dem gefeiten Land, sah sich begrüßt von dem Zauberschwesterkleeblatt, das dort wohnen sollte.
An einem Sonntage im Monat Juli begann Franz seine Wanderung. Er wählte die Nacht zum Ausmarsch, und als die Aurora des schönen Sommermorgens die Gletscher röthete und das Leben der Thäler wach rief, stand schon der kecke Jüngling in der Tracht eines Gemsenschützen auf hohem Grat, dem schärfsten Auge im Thal entrückt, zog das Sturmband seiner Pelzkappe fester um das Kinn, schnallte die Steigeisen an die starken Schuhe, that einen guten Zug Tyroler Landweines aus der Feldflasche, und klomm mit/ Hülfe des gestachelten Alpenstockes weiter empor, zu einer Höhe, und auf Pfaden, vor denen selbst dem Schwindelfreien grausen mochte, nur nicht dem kühnen Alpenjäger, den eine unerklärliche Macht bewog, sich allein auf diese so gefahrvolle Bahn zu wagen. Wohlgemuth schmückte er seinen Hut mit Edelweiß und dem duftenden Speik, und stieg immer höher.
Endlich war er so hoch, daß er nach seiner Meinung dem höchsten Rand der Morin gleich stand; rund um ihn her war die Oede einer Wüste gelagert, nur der einförmige Ruf des Schneehuhns durchtönte bisweilen die furchtbare Wildniß. Graue Felsmassen stiegen rings empor, und senkten sich in gähnende Spalten, in denen auf ewigem Eis der Tod lauerte, denn aus ihnen war keine Erlösung, und wer da hinabfiel, mußte trostlos verschmachten, wenn er lebendig hinunter kam. Oft mußte über schmale Felsenrücken der kühne Kletterer auf Händen und Füßen kriechen, über verwittertes Gestein, das bei jedem Fußtritt, bei jeder Berührung sich löste, und mit krachendem Lärm/ in unabsehbare Tiefen rollte. Oft mußte Franz auf schmalem Vorsprung einer Felswand hinschreiten, zur Linken den starren, steilen, überhängenden Fels, zur Rechten den tiefen, gähnenden Abgrund. Aber der Jüngling betrog den lauernden Tod, leicht und stark und gewandt schwang er den kräftigen Leib um die Kanten und Zacken der Felswand, setzte den Fuß, ja oft nur eine einzige Spitze des Steigeisens rasch und behend auf das treulose Gestein, einer leichten flüchtigen Gemse gleich, und gewann immer wieder sicheren Boden.
Stets nach der Sonne sich richtend, mußte Franz nun bald auf jene Platte, das Ziel seiner heißen Wünsche, gelangen, und gönnte sich, nach so unendlicher Anstrengung, eine kurze Rast. Sein Blick konnte Länder überfliegen, und die Aussicht auf die Bergwelt um, neben und unter ihm war so unermeßlich groß und herrlich, daß sie keine Feder schildern kann. Wie plötzlich erstarrte Wogen eines wilden Meeres stieg bis zur unendlichen Ferne eine beschneite Bergzacke über/ der anderen empor, in wundersamen Farben leuchtend, weiß und blau und grün, und dazwischen dunkelgraue Felskolosse, von Schnee entblößt, die einsam ragenden Wächter des Hochgebirgs, uralte Fürsten, deren Häupter die Blitze mit flammenden Zackendiademen schmücken.
Schon stand die Sonne im Mittag, und Franz gedachte vorsichtig eine Stelle auszuwählen, wo er die Nacht zubringen könne; denn wollte er sein Ziel weiter verfolgen, so war an Rückkehr für diesen Tag nicht zu denken. Aber noch mehr als eine Prüfung schien ein neidisches Geschick ihm aufzubewahren, ehe er das Heiligthum, das geheimnißvolle und räthselhafte, betreten sollte; denn plötzlich sah der Wandrer seinen Fuß durch einen Gletscher gehemmt, der sich breit und groß zwischen dem Felsenthale herabschob. Blendend prallten die Sonnenstrahlen von dem reinen Krystall des smaragdgrünen Eises ab, und wie Kanonendonner krachten die gewaltigen Massen; über dem Gletscher lag ein unabsehbares Schneefeld, dem Wandrer gegenüber aber thürmte sich eine Eis/wand empor, die alles weitere Fortdringen ganz unmöglich zu machen schien. Da stand Franz zum erstenmal bestürzt und sann zagend auf Rath.
Doch nicht lange besann sich der Mühsal-Gewohnte. Er schnallte die Steigeisen fester, stieß den Stachel des Alpenstockes prüfend in das feste Gletscher-Eis, schöpfte von dem Wasser, das unter der Eismasse hervorrieselte, träufelte einige Tropfen Rum hinein, und trank; dann trat er neu gestärkt die Wandrung an.
Und schon hatte er fast ganz die furchtbare Eisfläche theils überschritten, theils übersprungen, als ein neues Schreckniß ihn bedrohte. Ein dichter Nebel bildete sich, und die nahen Felsmassen verschwanden in dem Dust, jeder Schritt drohte jetzt den Tod. Den Nebel begleitete eine schreckliche Kälte. Franz empfahl seine Seele der Fürbitte der Heiligen, seinen Leib hoffte er nicht mehr zu retten. Dennoch drang er weiter vor, das Aeußerste wagend, und endlich fand er wieder sichern Boden, aber seine Kraft war erschöpft, er/ sank auf den nackten Fels, betäubt, zitternd, und raffte sich dennoch wieder auf, denn längeres Verweilen hätte den unvermeidlichen Tod herbeigeführt. Zwischen zwei riesigen Felswänden zog sich eine Schlucht, so schmal, daß kaum ein Mensch hindurch konnte; Franz drängte sich durch, und wie er an das Ende dieses Felsenganges gelangte, wurde es heller vor seinem Blick, die Wolke blieb hinter ihm, er sah wieder Berge, blickte wieder in eine unendliche Ferne, und siehe, fast senkrecht unter ihm, gegen dreihundert Fuß tief, lag eine lachende grüne Alpenmatte, auf welcher keine Sennhütte stand, auf welcher sein scharfes Auge ganze Heerden von Gemsen entdeckte. Dieß mußte die Platte über der Morin sein, und Franz sah nun bedauernd, daß er zu hoch gestiegen war. Aber nicht lange sollte er sich des Anblicks freuen: wie Moses vom Nebogipfel das ersehnte Canaan erschaute, doch es nicht betrat, so schien auch dem Alpensteiger nicht vergönnt, sein ersehntes und gelobtes Land zu betreten, vielmehr schien ihn der Herr begraben zu wollen, heimlich, daß Nie/mand sein Grab erführe, denn die Wolken senkten sich herab, wie ein bleicher dichter Vorhang, und verhüllten das Alpenparadies, und von neuem zagte der Jüngling. Hinunter mußte er, aber das war schwer. Und jetzt wurde der Nebel zu Schnee, der sich in dichten Flocken niederschlug, dazu peitschte ein scharfer heftiger Wind Schnee und Hagel dem Einsamen in den Nacken. Franz vermochte nicht mehr, sich aufrecht zu erhalten. Er kauerte sich nieder, und beschloß, in Gottes Namen hinabzurutschen, zurück konnte er nicht. Der Sturm heulte, das Eis des nahen Gletschers krachte, eine Lawine donnerte, wandelnde Steine saußten über den Kopf des Verlornen hinweg; er schickte einen Stoßseufzer zum heiligen Franziskus, seinem Patron, und schoß pfeilschnell die steil abschüssige Wand hinunter. Hören und Sehen verging ihm, ein heller blendender Lichtschein schien ihm zur Rechten und zur Linken zu schweben, endlich verging ihm auch das Athemholen seine Pulse stockten, einem Todten gleich lag er unten am Rande der Hochmatte./
Aus felsigem Geklüft aber erhoben sich mit Geschrei drei Lämmergeier, und umkreisten den seltenen Besucher ihres unzugänglichen Reviers, den ohnmächtigen Gast.
Wundersamer Schimmer durchfloß die Zaubergrotte hinter der Morin. Hohe Pfeiler ragten zur Decke hinan, alle aus Eis, krystallklar und durchsichtig, blau, roth, goldfarbig und grün in allen Nüancen. Von der Decke hingen glänzende Zacken nieder, vom Boden wuchsen fremdartige Blumen empor, und aus den Wänden sproßten Alpenrosen von solcher Art, wie kein Hochland Europa's sie erzeugt, sondern wie sie den ewigen Himalaya umgürten. Milde Wärme, ein sanfter Aushauch der Mutter Erde, war in der geräumigen Grotte verbreitet, und süßer Wohlgeruch erfüllte sie ganz. Auf einem Lager von weichem Moos, das über und über bestreut war mit noch weicherem, silberblüthigem Edelweiß und balsamduftenden keltischen Narden lag Franz, noch be/wußtlos schlummernd, leise athmend, doch ohne Schmerz. Sein Lager aber war umstanden von drei Gestalten, engelgleich und engelschön, mit zarter menschlicher Bildung, drei Jungfrauen von idealem Liebreiz. Sie betrachteten den Schläfer mit Wohlgefallen, winkten einander heimlich und verstohlen lächelnd zu, und schienen das Erwachen des Jünglings erwarten zu wollen.
Endlich regte sich Franz und schlug die Augen auf; erst glaubte er noch zu träumen, und als er sich vom Gegentheil überzeugte, als er die wunderbare, nie geschaute und nie geahnte Pracht der Umgebung erblickte, als er nun zumal die holden Feenschwestern stehen sah, meinte er, gestorben zu sein, und die Heiligen vor sich zu sehen.
„Lebe ich?“ fragte er halblaut, und versuchte sich aufzurichten, was ihm auch ohne Schmerz gelang, und da wurde er zu seiner Verwunderung von einer der Jungfrauen angeredet nicht von der Schönsten, denn an Schönheit glich eine der andern, dazu an unvergleichlicher Schönheit. So/ sprach eine der Schönen: „Du lebst, Franziskus! Du bist der erste Sterbliche, den wir in unsrer Wohnung begrüßen. Du siehst in uns die Jungfrauen, welche von den Thalbewohnern die drei seligen Fräulein genannt werden. Wir lieben die Menschen, und schützen sie, und behüten sie vor Gefahren. Wir haben auch Dich behütet, heute, und einst, da Du, ein zartes Kind noch, vom Tode bedroht warst, damals als ein Geier Dich Deiner Mutter raubte. Wir überwältigten ihn, und in Geiergestalt trug ich Dich zur Alme, wo Dein Vater hütete. Aber wie wir den Menschen gut und hülfreich sind, wenn ihnen Gefahren drohen, so sind wir auch den Thieren hülfreich, denen der grausame Mensch den Tod droht, an deren Mord er selbst sein Leben setzt. Sieh Dein Gewehr an, Franziskus! Hier liegt es zersplittert. Wir sind die Schirmgöttinnen der Gemsen, wie Dir vielleicht schon die Sage meldete; in unserm Revier schleicht das tückische Gespenst des Mordes nicht umher! Bei uns wohnt der Friede!“
Auf diese Anrede hatte Franz ganz und gar/ keine Antwort, denn nun glaubte er erst zu träumen, nun war er ja in der übernatürlichen Welt, die er zu betreten so sehnsuchtsvoll gewünscht, derentwegen er ausgezogen war, und nun, als er den phantastischen Wunsch erfüllt sah, schien ihm die Erfüllung ein desto tieferes Räthsel.
So sprach die Zweite der seligen Fräulein: „Du bist unser Gast, Franziskus; meine Schwestern Mira und Alma, und ich, die ich Klara geheißen bin, werden Dich freundlich verpflegen, und wenn Du wieder hinunter wünschest, in Deine Heimath, zu Deinen Aeltern, denen wir dich nicht rauben wollen, so werden wir Dir Pfade zeigen, die minder rauh und gefahrvoll sind, als die, welche Du gingst, um zu uns zu gelangen.“ Hierauf nahm die zarte Alma das Wort, und sagte: „Es soll Dir wohlgefallen bei uns, Franziskus! Wir werden Dir unsern Garten zeigen und unsre Heerden, unsre Grotten und unsre Schätze; Du sollst die Speisen kosten, die wir bereiten, Milch und Butter von unsern Heerden, denn Du mußt wissen, daß wir gar/ fleißige Almerinnen sind, und einen Ueberfluß von allem haben, was wir zur Wirthschaft brauchen! Und so sei uns willkommen!“ Mit diesen Worten trat Alma dem Erstaunten näher, umfing ihn sanft, und drückte einen warmen Kuß auf seinen Mund; diesem schwesterlichen Beispiel folgte Klara, küßte den Jüngling, und lispelte gleichfalls: „Sei uns willkommen.“ Auch Mira that, wie sie, küßte ihn und sprach: „Sei uns willkommen!“
Solche Begrüßung ließ sich nun Franz ganz gern gefallen. Er fühlte mit Entzücken den warmen Athem dieser Huldinnen seine Wangen umspielen, und zitterte vor Lust und süßer Befangenheit zugleich. Es bemächtigte sich seiner das namenlose Wonnegefühl der Liebe. War sein Herz bis jetzt eine kalte Region gewesen, so zog nun in dasselbe der blühendste Fühling ein, und der seligste Traum des Lebens trat in zauberhafter Erfüllung lebendig vor ihn hin, und er nahm sich vor, ihn auszuträumen, so es der Wille des Schicksals sei, das, so schien es, mit Götterhänden sein Loos griff, seine Bahn ihm bestimmte./
Die drei wunderlieblichen Wirthinnen führten ihren Gast in eine kleinere Grotte, die sie zu seinem Gemach bestimmten, und in welcher er alles fand, was er bedurfte, um schöner zu erscheinen, als in dem rauhen Gemsjägerkleid. Diese Grotte war nicht mit Eis dekorirt, sondern mit buntem funkelndem Gestein; eine klare Quelle ergoß sich aus der Felswand in ein Becken aus Amethyst, und aus den Ritzen der glänzenden Felswände drängten sich der Alpenflora schönste und seltenste Kinder. Leise harmonische Klänge zitterten durch die weiten Räume des Grottenlabyrinthes, ohne daß zu ersehen war, von wo aus die klingenden Tonwellen strömten. Die Feenschwestern umgaukelten ihren Gast wie Genien des Lichtes; sie führten ihn durch die Gänge ihrer geheimnißvollen Felsenwohnung auf und ab, sie neckten ihn, küßten ihn, sangen ihm lustige Bergreihen vor, brachten ihm Blumen und Früchte, und pflegten ihn mit unbeschreiblicher Huld und Güte. So verging der Tag sehr schnell für Franz, der nicht mehr wußte, ob es auf/ Erden Tag oder Nacht sei, und ob er sein eigenes Dasein noch für ein irdisches zu halten habe. War es doch Göttertrank und Götterspeise, was ihm vorgesetzt wurde, und waren doch seine Wirthinnen so himmlisch schön und engelfreundlich, daß er gar wohl der Erde vergessen konnte, und sie, wie sich selbst, gern vergaß.
In linder lauer Mondnacht trat er mit Alma, Mira und Clara heraus auf die Matte, blickte erstaunt umher, sah den Vollmond in herrlicher Pracht am Himmel stehen, und sah die Bergwelt zauberhaft beleuchtet, schlummernd, wie es schien; das Gebirg' hob seine leuchtenden Kronen zum tiefen Blau des Himmels empor, und still, wie der silberne Trabant, schien auch der Erdball die Nacht zu durchwallen, und mit sanftem Schimmer hinauf zu grüßen zu der unermeßlichen Sternenwelt.
Franz schwelgte in Seligkeit, er tanzte auf mondbeglänzter Matte mit den drei seligen Fräulein, er fühlte sich von ihren Armen umschlungen, von ihren Händen geleitet, von ihren Lippen ge/küßt; so wurde der Abend heiter vertändelt, und die Nacht küssend und liebselig zugebracht, und der Rosenkuß des Morgens wieder heiter begrüßt. Franz sah die Heerden der muntern Gemsen, die noch nie der Knall einer Jagdflinte erschreckt hatte; er sah hier alte langbärtige Steinböcke, die aus den Händen der seligen Fräulein ihre Nahrung empfingen, und im heitersten Genuß ging der zweite Tag vorüber.
Es war in der That ein seliges Leben bei den seligen Fräulein, die schöner waren als alle übrigen Fräulein der ganzen Welt, und Franz wäre es am Ende zufrieden gewesen, bis an sein seliges Ende bei ihnen zu weilen; aber wie alle Herrlichkeit ihr Ende findet, so auch die seine. Nachdem er drei Tage und drei Nächte glücklich wie ein Gott auf der gefeiten Hochmatte verlebt hatte, nahten ihm die Schwestern mit traurigen Mienen, und Mira nahm das Wort: „Geliebter Franziskus! Auch Unsterbliche sind an Gesetze gebunden, deren sie nicht spotten dürfen. So ist es auch uns nicht länger vergönnt, Dich bei uns/ zu sehen; und unpaßlich müssen wir selbst Dich an das Scheiden mahnen. Aber wenn Du uns lieb gewonnen hast, so werden wir Dich wieder sehen!“
Hierauf sagte Alma zu dem erstaunten Franz, dem das Ende der gehabten unendlichen Lust viel zu bald und unerwartet kam: „Immer zur Zeit des Vollmonds, theurer Franziskus, ist dir vergönnt, uns auf drei Tage zu besuchen, und zwar sollst Du nicht wieder Dein Leben daran setzen, sondern wir wollen Dir einen leichtern Weg zeigen, auf dem Du uns nahen kannst.“ Nun sprach noch Klara mit wehmüthiger und ernster Stimme: „Merke wohl auf, liebwerthester Franziskus, was ich Dir zu sagen habe. So es wahr ist, was Du uns in diesen drei Tagen so liebevoll versichert und sogar zugeschworen, nämlich, daß Du uns liebtest, daß wir Dir lieber und Deinem Herzen theurer seien, als alle Mädchen auf der ganzen Erde, so wird es Dir leicht werden, die drei Bedingungen zu erfüllen, ohne deren Ausführung Du nicht nur uns nimmermehr/ wiedersehen, sondern auch außerdem sehr unglücklich werden würdest, ja, eine doppelte Uebertretung müßten wir sogar mit dem Tode strafen!“
Bei dieser Einleitung wurde es dem Franziskus etwas schaurig zu Muthe, und er hörte nicht ohne Zittern die fernere Rede der trauervollen Klara an.
„Zum Ersten,“ sprach diese, „bedinge ich für mich und meine Schwestern, daß Du niemals, zu keiner Zeit und Stunde irgend einer lebendigen Seele sagst, daß Du bei den drei seligen Fräulein über der Morin gewesen, und ihre Liebe genossen; weder Deinem Vater, noch Deiner Mutter, weder Geschwistern, noch Verwandten, weder Laien noch Geistlichen. Auch nicht beichten darfst Du dieses große Geheimniß, weder jetzt noch dereinst. Dieses gelobe mir bei deiner Seele, die verloren sei, wenn Du Deinen Eid brichst!“
Franz gelobte, und nahm sich auch fest vor, sein Gelübde zu halten, denn so viel Lust und Scherz und Kurzweil er in Gesellschaft der wunderbaren Jungfrauen gehabt, so kam es ihm jetzt/ doch vor, als sei mit ihnen eigentlich nicht zu scherzen.
Sodann sprach wieder Mira: „Zum Andern bedinge ich für mich und meine Schwestern, daß Du niemals, zu keiner Zeit und Stunde, Dir gelüsten läßt, ein Thier zu verfolgen oder wohl gar schießen, das unter unserm besondern Schutze steht; weder Steinbock noch Gemse, weder Schneehuhn noch Schildhahn. Wir hassen den Mord, und würden auch den Mörder hassen müssen, den wir jetzt lieben, ja lieben, Du guter, geliebter, theurer Freund! Das gelobe mir zu halten!“
Dem armen Franz traten Thränen in die Augen, so rührte ihn die milde Sprache der milden Bergfei (= Fee, sk), und er gelobte ihr, und gab in seinem Herzen aller Jagdlust und Jagdfreude Valet.
Nun begann auch noch die dritte der Fräulein, die reizende Alma, und sagte: „Zum Dritten beding' ich für mich und meine Schwestern, daß Du niemals, zu keiner Zeit und Stunde irgend/ einem Menschen den Weg zeigst, den Du hierher genommen hast und gekommen bist, noch den andern Weg, auf dem du künftig zu uns gelangen wirst; auch daß Du, wenn Du uns ferner besuchst, sorgsam darauf achtest, daß kein Auge Dir folge, und Deinen Schritten nachspähe. Daß Niemand entdecke, wohin Du gehst, Niemand lauernd Deiner Zurückkunft harre. Solches alles wirst Du mir gewißlich gern geloben, mein Franziskus!“ Franz versprach, was Alma und ihre Schwestern verlangten. Er würde noch mehr versprochen haben, und selbst Unmögliches, so wunderbar wirkte der Zauber ihrer Schönheit und ihres namenlosen Liebreizes auf ihn. Dann küßten den Selbstseligen die drei seligen Fräulein, eine nach der andern, und dann sprachen sie wieder: „Ein Versprechen nehmen wir Dir nicht ab, in dem sichern Glauben, daß Du das unbeschworen haltest, nämlich das: uns treu zu sein, und so lange Dir vergönnt ist, uns zu nahen, unsrer Liebe theilhaftig zu sein, keiner Dirne Deines Volkes von Liebe zu reden, noch Kuß und Handschlag ihr/ zu geben, oder von ihr zu nehmen. Dieß wirst Du nicht! Du wirst unsre Liebe weder vertauschen, noch sie täuschen.“
Franz glaubte dasselbe, und ward nun tief hinabgeführt in die Felsengänge, bis an einen senkrechten Stollen, über welchem eine krystallene, erleuchtete Gondel hing. Da hinein stiegen alle vier, und sanft schwebte das Schifflein tiefer und immer tiefer. Da sah Franz das reichste Geäder der Berge, und tausendfach spiegelte sich in den bunten Krystallen der Schein der Lichter, in wechselnder und blendender Regenbogenfarbenpracht. Endlich stand das Schifflein in einer kleinen Grotte still, der Abschied war nah. „Merke die Stelle wohl, zu welcher Du ausgehst!“ sagte Mira, „denn durch diese führt Dich künftig Dein Pfad wieder zu uns.“ „Wenn Du wieder kommst,“ sprach Alma: „so schlage an diese tönende Stalaktitensäule, dann holen wir Dich hinauf.“ Klara sagte gar nichts mehr, als: „lebe wohl, lebe wohl, Franziskus!“ und fiel ihm um den Hals, und herzte und küßte ihn; so thaten/ auch die andern beiden, dann stiegen sie wieder in ihr Schifflein, das flog empor; hell leuchteten noch die Flämmchen, den Krystall durchschimmernd, bis alles zu einem einzigen schönen Sterne ward, der kleiner und kleiner wurde, und endlich in unermeßlicher Höhe stehen blieb.
Jetzt erst sah Franz sich um, und nahm wahr, daß Tageslicht durch eine Felsenspalte fiel, auch hörte er ein starkes Brausen, er sagte seinem schönen Glück mit einem Seufzer „Lebe wohl,“ und drängte sich durch das Geklüft. Ein rauschender Bach stürzte am Fels vorbei, der hoch aufragte. Franz wußte gar nicht, wo er war, nur das sahe er, daß er sich in einem tiefen Thale befinde. Er merkte sich die Kluft, und kletterte auf einen nahe liegenden Felsblock, sich etwas freier umzusehen, und siehe, da sah er ziemlich hoch über sich die wohlbekannte kleine Kapelle am Alpensteig, und wußte nun, daß er im Thale der Achen, und dicht am Fuß der hohen Morin sich befinde. Es war ihm aber nicht anders, als habe er in einem tiefen Schlaf gelegen, und darin einen/ wunderbaren und sehr räthselhaften Traum gehabt. Er hatte seine alten Kleider wieder an, die durch die Reise und die Rutschparthie von der Felswand sehr gelitten hatten, seine Steigeisen hingen noch an zerrissenen Riemen an den Füßen. Er schnallte sie ab, und ging nach Lengenfeld zu, ohne Stutz, ohne Beute, nichts brachte er mit von seiner seltsamen Excursion, als schöne Erinnerungen, die er Niemand vertrauen durfte.
Der muntere und lebensfrohe Franz war der wunderlichste und tiefsinnigste Bursche im ganzen Oetzthal geworden. Weder daheim im älterlichen Haus, noch in den geselligen Kreisen des Dorfes schien es ihm zu behagen, er nahm an keinem Tanz Theil, so wenig wie am Scheibenschießen. Mit seinen Gespanen auf die Gemsjagd zu gehen, fiel ihm gar nicht mehr ein, und er war doch sonst der eifrigste Jäger. Wenn er auf der Alme sich befand, war auch nichts mit ihm anzufangen, denn dann saß oder stand er fast immer gedanken/voll auf einer Stelle, und sah nach der Morin hinüber, wie verzaubert, und in der That, seine Aeltern glaubten fast, er sei behext, im Dorfe aber glaubten das die Leute nicht fast, sondern ganz. Franz aber kümmerte sich weder um den Glauben, noch um das Reden der Leute. Er sah mit heißer Sehnsucht dem Tag oder vielmehr der Nacht entgegen, an welcher die Mondscheibe gefüllt über dem Oetzthalerferner stehen würde. Und die Tage vergingen, und die Zeit des Vollmonds war da. Als der Abend nahte, ging auch Franz schon dem Lauf der rauschenden Achen entgegen, voll Sehnsucht, wieder so lieblich zu träumen. Oft schaute er sich um, ob Keiner ihm folge, kein Auge ihm nachblicke, aber er war allein, kein Wandrer begegnete ihm auf dem einsamen Pfad; er erreichte die Morin, er fand den Felseneingang in die Schlucht, fand alles, wie er es verlassen, oben schimmerte der Stern. Die Stalaktitensäule tönte hell von seinem Anschlag, und der Stern sank nieder, wurde größer, wurde strahlender, wurde zur Krystallgondel, darin die/ seligen Fräulein saßen, jubelnd ihren auserwählten Liebling begrüßten; und aufwärts zu den seligen Höhen schwebte der Glückliche. Droben blieb er drei Tage und drei Nächte, und kam dann auf demselben geheimnißvollen Weg wieder zurück.
So trieb er es lange, und war glücklich durch diese wunderbare Genossenschaft mit Wesen, die dem Geschlechte der Sterblichen nicht angehörten, und nur deren äußerliche Bildung und Gestaltung in herrlicher Verklärung und idealem Liebreiz trugen. Aber je mehr der Beglückte theilhaft wurde eines so hohen und seltnen Glücks, und eines so wahrhaft überirdischen zumal, je mehr starb er dem irdischen Leben ab, und es konnte nicht anders sein. Seine Wangen wurden bleich, der Glanz seiner Augen erlosch, und Angst und Sorge für sein Leben erfüllte die Brust seiner Aeltern. Die Mutter erschöpfte sich in tausend Fragen ihrer ängstlichen Besorgniß, auf welche alle sie keine genügende Antwort erhielt. Vergebens bat, weinte, schmeichelte sie, und der/ Vater schalt, und zürnte dem trägen träumerischen Sohn, der so verstockt war, daß er niemals sagen wollte, wohin er ging, wenn die Zeit kam, da er gewohnt war, in den Berg zu gehen. Frau Kienz aber war klüger wie ihr Mann; sie hatte wohl gemerkt, daß er allemal am Tag des Vollmonds sich entfernte. Als diese Zeit wieder herbeikam, machte sie sich zeitig auf den Weg, eilte den Alpenpfad hinan, wo die Kapelle stand, und wo man einen guten Theil des Thalgrunds übersehen konnte, dort betete sie wieder andächtig zur wunderthätigen Mutter Gottes, und bat, diese möchte doch abermals ein Wunder an dem Franz thun, und ihn andern Menschen wieder ähnlich machen. Von Zeit zu Zeit spähte sie durch den Thalgrund, ob nicht etwa der Franz komme.
Diesem ging es zu Haus gar übel. Josel sagte kurz weg: „Junge, wenn Du noch einmal fortgehst, und über Nacht aus dem Hause bleibst, so laß Dich nur gar nicht wieder vor mir sehen, sonst nehme ich, Gott straf mich, die erste beste Axt und schlage Dir den Schädel ein!“ Darauf/ erwiederte Franz: „Schlag immer zu, Vater!“ und weiter nichts, und als der Abend kam, nahm er seinen Stock und ging fort, und mit dem Gedanken ging er fort, wenn es nicht anders sein solle, lieber gar nicht heimzukehren. Nur um der Mutter Willen that es ihm leid, so scheiden zu sollen, doch sie war abwesend, und er durfte auch nicht säumen, wollte er vor Einbruch der Nacht an Ort und Stelle sein.
Dem Josel aber reute sein hartes Wort, und als er den Franz fortgehen sah, schlich er ihm leise nach, und ganz von Weitem. Frau Kienz aber stand oben hinter der Kapelle versteckt, und sah den Franz kommen, und sah, wie er bald vom Weg ablenkte, an der Achen hinschritt, und hinter Buschwerk endlich verschwand. Er hatte heute so große Eile gehabt, daß er sich gar nicht umgesehen und hatte nun schon die Felskluft erreicht, hatte sich schon durch den schmalen Eingang gedrängt, glaubte sich schon ganz nahe seinem Glück, da hörte er die Stimme seiner Mutter rufen: „Franz! Franz! Franz!“ und so wie/ er diesen Ruf vernahm, hörte er auch hoch über sich ein rollendes Getöse, wie Donner, und drängte sich zurück in die Felsenspalte. Da prasselte es nieder, als wolle der Berg bersten, Stein auf Stein, und war ein Krachen und Donnern, daß ihm das Hören fast verging, sehen konnte er ohnedieß nichts; dennoch drang durch das furchtbare Getöse die gellende Stimme seiner Mutter. Betäubt, halb ohnmächtig lehnte Franz sein Haupt an den kalten Fels, wünschend, daß ihn die Steine begraben haben möchten, denn das begriff und faßte er, so sehr er auch außer aller Fassung war, daß nun sein Glück begraben sei, und schwarz, wie die Nacht in der Felsenhöhle, erschien ihm das Leben. Da seine Mutter wiederholt rief, und immer näher rief, die ihn todt glaubte, denn sie hatte den Steindonner im Berg gehört, so kroch er matt heraus, und fand seine beiden Aeltern. Die Mutter jauchzte, als sie den Sohn lebend sah, aber der Vater fluchte über diese Gänge und schrie: „Gott verdamme Dich, Bube! So ist es wahr, was die Leute sagen, so suchst und hast/ Du Umgang mit den Teufelinnen in diesem verfluchten und vermaledeiten Berg! Und hast Deine Seligkeit und Dein ewiges Heil an sie verkauft!“
Da ward Franz ganz wüthend und schrie: „Den Teufel habe ich verkauft! Verflucht sei Eure Neugier! Verflucht Euer Rufen; Was rennt Ihr mir nach? Was kümmert Ihr Euch um mich! Ja, ich war glücklich! Ja, ich hatte Umgang mit den seligen Fräulein, und war selbst selig, und bin nun der unseligste Mensch, denn verschlossen ist der Berg, und ich finde nimmer den Weg zu meinem Glück!“ „Gelobt seist Du, Maria!“ betete im Stillen Frau Kienz, und Josel schwieg ganz bestürzt, da der Sohn so tobte. Hierauf gingen sie alle drei mit einander nach Hause, und Keines sprach ein Wort, und Franz sprach gar kein Wort mehr, weder diesen Abend, noch den folgenden Tag, und es wurde immer schlimmer mit ihm. Der Pfarrer wurde gerufen, und redete ihm liebreich zu und sagte, Franz solle ihm beichten, und er wolle ihn dann aller Sünden ledig sprechen,/ aber Franz hatte keine Lust zu beichten, und überhaupt zu nichts auf der Welt mehr Lust. Er ging noch einige Mal ganz still zur Morin, aber immer vergeblich. Er war und blieb ausgeschlossen von seinem Glück, und so wurde er auch verschlossen in sich selbst, und so tiefsinnig, daß jeder fürchtete, er werde sich ein Leid anthun, da ihm doch einmal schon das größte Herzeleid angethan war.
So hatte nun der alte Josel seinen Willen. Franz blieb daheim, und träumte in kummervoller Unthätigkeit seine schönen Jugendtage hin. Das ganze Dorf wußte seine Geschichte. Ein Theil der Bekannten bemitleideten ihn, das waren die Wenigsten; ein andrer Theil gönnte ihm von ganzem Herzen sein Unglück, und sah es als eine Strafe Gottes an, die über den verhängt sei, der es gewagt, glücklicher sein zu wollen, wie Andere, und das waren die Meisten, die so dachten, denn in den Augen vieler Menschen ist eines Menschen Glück sein größtes Vergehen, und gänzlich unverzeihlich./
Es kam die Zeit des Herbstes, wo die Almenhütten wieder leer wurden, wo man das Vieh in die Thäler trieb, wo auf den grünen Bergscheiteln und Bergrücken der Winter durch seine Quartiermacher, rauhe Stürme, hinwegfegen ließ allen eiteln Laub- und Blumenschmuck, womit der freundliche Sommer seine Wohnungen ausziert. Senner, Sennerinnen und Alpenvieh und der ganze Vorrath angefertigter Alpenkäse kamen von oben herab, die Hütten blieben unverschlossen und nichts blieb darin als einiges Holz zum Feueranmachen für die Jäger, die in winterlicher Zeit die Matten besteigen, um Gemse und Schildhahn zu erlegen.
Einige Bursche kamen in Josels Haus in Lengenfeld zum Besuch, denn Josel hatte auch eine hübsche Tochter. Es wurde mancherlei besprochen, unter anderm auch eine Gemsenjagd. Franz saß lange antheillos in der Ecke, einem Blödsinnigen gleich. Die Bursche verabredeten Tag und Stunde, wann es fort gehen sollte; da stieg Franz ganz leise auf, und langte vom/ Kannrück (= Wandbord, sk) seine Steigeisen herunter, nahm Pfriemen und Pechdrath, besserte die zerrissenen Riemen aus, und schlug in seine Schuhe neue Nägel.
„Willst Du auch mit, Franzl?“ fragten ihn die Bursche, und Franz nickte schmerzlich lächelnd und antwortete: „Ja, wenn mir einer einen Stutz leiht, will ich wohl mit.“
Ueber diese Rede, seit lange die erste wieder aus seinem Munde, freuten sich Alle, und dem Franz wurde ein Stutz versprochen, und sein Habit ausgebessert.
Und der Tag kam, oder vielmehr die Nacht, in welcher die jungen Jagdgesellen auszogen. Franz reichte seinen Aeltern und Geschwistern still die Hand und drückte sie heftig, als wollte er sagen: Vergebt mir das Leid, das Euch durch mich widerfahren, es soll fürder nicht mehr geschehen. Der Mutter war recht bang um den Franz, und sie glaubte, er werde die Beschwerde der Gemsenjagd kaum ertragen, denn er war schwach und kränklich zeither gewesen. Sie sagte/ zu den Andern, die kamen und den Franz abholten: „Habt Acht auf ihn, daß ihm kein Unglück zustößt!“ Die Bursche versprachen das, und so gingen sie mit einander fort. Der alte Josel rief ihnen noch den landesüblichen Gruß nach: „Zeit lassen!“ Die Bergzinnen umwob ein trüber Dunstflor, doch diesen durchdrangen die Jäger, und sahen dann blauen Aether, glühende Gipfel, blendenden Schnee, die untere Welt aber entschwand ihrem Blick, das Leichentuch des Nebels hüllte diese ein. Franz blieb einmal auf einem hohen Rain stehen, und sah nach Lengenfeld hinab, er sah es nicht, die Heimath war seinem Auge entrückt. Er wandte sich ruhig um, und stieg seinen Gefährten nach. Diese hatten denselben Weg eingeschlagen, den er damals gegangen war, als er sein Glück suchte. Seine Gefährten waren allzumal kecke und geübte Bergsteiger, keine Mühsal scheuend und keine Gefahr, selbst nicht den Tod, wenn es galt, eine Gemse oder einige zu erjagen.
In einer bereits verlassenen Sennhütte machten/ sie Mittag. Ein lustiges Feuer flackerte auf dem Heerd, Geräth zum Kochen fand sich vor, Wasser lieferte eine etwas tiefer sprudelnde Quelle, und bald brodelten und schmorten kleine Griesklöße in der Pfanne, als leckeres Mahl von den rüstigen Waidgängern verzehrt. Sodann ging es weiter in eine höhere Region. Frischer Schnee auf dem steilen Abhang des Berges machte das Steigen schwer, ließ aber auch ein Bild der Hoffnung auf Jagdglück sichtbar werden, nämlich ganz frische Fährten mehrerer Gemsen.
Höher stiegen die Schützen, sich vereinzelnd, einer nach dem andern stellte sich an. Franz stieg am Höchsten. Er achtete nicht darauf, daß die Gespane ihm zuriefen: „Zeit lassen! Franzl! Bleib hier! Du scheuchst die Thiere!“ Ihr Ruf verhallte, Franz kletterte rastlos weiter. Da vernahm er plötzlich einen pfeifenden Ton, und sah, wie eine Gemse, ihn erblickend, hinter einer Felsenscharte verschwand. Ihr nach eilte der Kecke. Er überkletterte die kleine Wand, er sah auf einer kleinen Platte ein Rudel fliehender Gemsen, die/ sich zerstreuten, und einer von ihnen eilte er nach. Das gescheuchte Thier klimmte höher und höher. Der Jäger achtete nicht mehr des Pfades; grenzenlose wilde Jagdgier, die so lange in seinem Busen geschlummert hatte und nun erwacht war, ließ ihn alles vergessen, sein Selbst, sein Schicksal, und so setzte er mit Hülfe des Alpenstockes über Kluft und Spalt dieser öden Felsenwüste, über nacktes Gestein, auf dem der Wind kaum ein Schneekorn duldete, von dem das Eisen des Stocks abglitt, und dann wieder über verwitterten Schiefer, der unter jeder Berührung zerbröckelte, und kam der Gemse näher und immer näher. Endlich konnte das gejagte Thier nicht weiter, es stellte sich, es sah mit seinen frommen Augen herab auf den grausamen Schützen, als wolle es ihn um Barmherzigkeit anflehen, und dieser, nur Augen habend für das Wild, sah gar nicht, daß er dicht an dem Rand eines mehr als hundert Klafter tiefen Abgrundes stand. Franz legte an, da gellte der ängstliche Ruf einer wehklagenden Menschenstimme durch die Einsamkeit, aber der/ Schütze achtete nicht sonderlich darauf, hatte er doch bisher auf nichts geachtet, und meinte, es rufe ein Schneehuhn so kläglich. Er spannte den Hahn, der Schuß krachte. Da umleuchtete den Jäger ein furchtbar heller Blitz, und ein Donner erschütterte das Gebirge, und rollte von Felswand zu Felswand majestätisch und gewaltig hin. Die Gemse aber war nicht getroffen von dem Blei des Jägers. Sie stand noch ruhig auf dem Felsengrat, vor ihr aber schwebten glanzumgeben die seligen Fräulein, zornig blickend und dabei schön, wie die Walküren der nordischen Göttermythe. Sie hoben die Hände gegen den Frevler, sie schwebten ihm näher, er trat zurück, treulos wich unter seinem Fuß das Gestein, und beide Hände vor die Augen schlagend, geblendet von dem Glanz und dem Grauen der Erscheinung, stürzte er rücklings in den tiefen Abgrund, und ward von nachrollenden Steinen begraben.
Die Gemsenjäger kehrten alle heim, aber vergebens fragten Josel und seine Frau und die Kinder nach Franz. Die Gespane hatten ihn ver/loren, und er war verloren, und kein Mensch fand ihn wieder.
Um die graue Felsenstirne der Bergwand Morin schweben immer noch von Zeit zu Zeit in Lämmergeiergestalt die drei seligen Fräulein und von dem unseligen Jüngling lebt noch die Sage im Dorf Lengenfeld und im ganzen Oetzthal. (1-59)
Ludwig Bechstein: Der Förster von Belrieth. Erzählung aus dem Werrathale (1839, Aus Heimath und Fremde I,2)
1.
„Und ich will es ihm gedenken und seiner Eva, daß beide an mich denken sollen! Nicht selig sterben will ich, wenn ich es ihnen nicht gedenke, bei dem hellen Tag und der höllischen Finsterniß!“
So schwur und fluchte die alte rothäugige Frau Holleborn, Häuslerin in dem Meiningenschen Dorfe Belrieth, mit einem Gluth- und Giftblick auf das gegenüberstehende stattliche Bauernhaus, worin der reiche Bauer Großthaler wohnte, und in welches so eben der schmucke junge Revierförster Fritz Burkart einschritt, ohne einen Blick auf die Lehmhütte der Alten zu werfen. Dieser war es, dem ihr Segen galt.
In der kleinen Stube ging die Tochter der Alten umher und suchte vergeblich die Thränen zu unterdrücken, die aus ihren Augen stürzten, auch suchte sie einige Sachen zusammen, die sie in ein Bündelchen packte.
Die Alte schlug das Fensterlein heftig zu, und wandte sich zu ihrer Tochter: „Ja, heule nur; Du hast's auch Ursach! Siehst Du Deinen lieben Fritz, wie er dort drüben hineinschleicht; wie der Fuchs ins Taubenhaus, und die Gans läßt er sitzen! Pfui, über den lügnerischen Gauch! Die Gicht in seine Glieder und das Spill[*]) in seinen Leib! Unglück auf seinen Weg und Elend in sein Haus!“
„Hört auf mit Euern Verwünschungen, Mutter!“ mahnte Jette ernst. „Es ist sündlich, seinen Mitmenschen so etwas zu wünschen, und wäre es der ärgste Feind!“ Ach, und Fritz, setzte sie in Gedanken hinzu: ist nicht mein Feind, obgleich er feindlich gegen mich handelt.
„Ja, Du mußt ihm die Stange halten, Du mußt seine Parthie nehmen!“ eiferte Frau Holleborn. „Du mußt Deiner Mutter gute Lehren geben! Ei, daß Dich doch gleich Der und Jener holte, Du ungerathene Dirne, von der man Schimpf und Schande hat.“
„So? Schande von mir?“ fragte Jette, nun auch erbittert. „Wer weiß?“ fuhr sie fort: „Der Fritz wäre mir treu geblieben, aber Ihr, Mutter! Ihr seid es, die ihn vertrieben hat durch ihr häßliches Wesen, Ihr seid es, mit der die Schande aus- und eingeht in unser Haus! Ihr habt ihm keine Ruhe gelassen, daß er Euch hat sollen böse Praktiken und Jägerkunststücklein lehren, da hat er sich von mir gewandt und vielleicht geglaubt, was das ganze Dort sagt und glaubt, daß Ihr eine alte gefährliche Hexe wäret!“
„Das redet der Teufel aus Dir!“ schrie die Alte. „Ich, eine Hexe? Verflucht sei, wer das sagt! Hat er das gesagt, so soll ihm der Satan das Licht halten. O, ich wünsche, ich könnte hexen, ich wollte ihn nun warte nur, es ist noch nicht aller Tage Abend ich will ihm doch eins anhängen!“
„Thut es nicht, Mutter! Thut mir zu Liebe ihm nichts zum Haß, ich bitte Euch!“ rief Jette aber die erboßte Alte hörte sie nicht an, sondern ging zur Thüre hinaus. Jette trat an das Fensterlein der Hütte, blickte traurig durch des zum Theil mit Papier verklebten Fensters erblindete Scheiben hinüber nach Großthalers Haus, und seufzte im Stillen: „Recht hat er nicht gethan an mir, das weiß Gott, aber ich kann ihn nicht hassen, ich kann nicht. Wenn er nur glücklich wird, der Fritz, dann will ich ruhig sein. Mit meiner Mutter hätte er doch keine ruhige Stunde gehabt, es hätte nicht gut gethan, aber freilich, wenn wir allein hätten wohnen können, da wäre ich glücklich gewesen, sehr glücklich. Nun es hat nicht sein sollen!“
Das arme Mädchen weinte ihrem gehofften und nun dahin geschwundenen Liebesglück noch einige Thränen nach, und sagte dann: „es ist gut, daß ich in Dienst gehe, so sehe ich ihn nicht mehr. Es thäte mir doch gar zu wehe und drückte mir am Ende das Herz ab.“
Ja wohl thut Gram der Liebe weh, und Untreue ist ein heimtückischer Schütze, der sein Geschoß auf Herzen abdrückt, und sie oft zum Tode trifft.
Im Nachbarshause saß Burkarts Fritz, und plauderte wohlgemuth mit seiner Braut, der Jungfrau Eva Großthaler, von der Hochzeit und von der nächsten Kirchweih, die nicht mehr fern war, denn schon falbten die Blätter, und jene Waldungen, welche die heitern Berghöhen des freundlichen Thales der Werra krönen, standen im buntfarbigen Laubschmuck. Der Vater des holden Dorfkindes saß im Lehnstuhl, und schmauchte mit aller Behaglichkeit eines reichen Bauers, der eine gute Aernte gehalten hat, sein Pfeifchen Portorico; einen Tabak, der auf den vaterländischen Fluren Wasungens dem Schooß der Erde entsproßte, in einer Bremer Fabrik veredelt, und von da in geduldiges Papier verpackt, mit dem amerikanischen Taufnamen versehen, in die liebe Heimath zurückgekehrt war, ohne das meerumfluthete Eiland Porto-Rico nur von fern erblickt zu haben.
Da trat drüben aus dem kleinen Häuslein die Jungfer Jette Holleborn, ein Bündelchen in der Hand, und ging still ihres Weges.
„Siehst Du, Fritz, dort geht Dein alter Schatz!“ scherzte Evchen. „Sie hat sich auf dem Spittel verdingt, und tritt heute an. Es ist doch gar kein häßliches Mädchen!“
Fritz verschloß der Spötterin die Rosenlippen mit einem Kuß, und in die Stube trat Evchens Mutter mit einem großen Korbe voll Aepfel, und sagte: „Da seht einmal, wie einen die Gottesgabe anlacht. Diese Bursche müssen delikate Hochzeitkuchen abgeben. Ja, Herr Schwiegersohn, wir wollen unserem Mädchen eine Hochzeit ausrichten, die sich gewaschen haben soll, da soll es anders pfeifen, als wenn Er da drüben die Jette genommen hätte, wie Er erst Willens gehabt hat!“
„Laß es doch gut sein, Alte, und prahle nicht!“ nahm Vater Großthaler das Wort. „Welcher junge Waidmann geht nicht einmal auf falscher Fährte, nicht wahr, mein guter Herr Burkart?“
„Freilich, freilich,“ antwortete der Förster, etwas verlegen. „doch die da drüben hat mich nicht lange am Leitseil gehabt, und die mich jetzt so zärtlich umgarnt, wird mich schon fester in ihrem Liebesnetz zu halten wissen.“
„Nehme er sich nur in Acht, Herr Schwiegersohn,“ warnte die Mutter: „daß Ihm die alte Wetterhexe da drüben keinen Tort anthut, weil Er nichts mehr mit ihrer Tochter zu thun haben will, denn sie ist ein böser Drache und kann Teufelskünste. Jetzt blüht der rothe Dosten und der weiße Dorant, da stecke Er von beiden ein Büschel in seine Jagdtasche, und trage es bei sich, das ist gut gegen das Hexenpack, da können sie Einem nichts anhaben.“
Fritz Burkart lächelte ungläubig, küßte sein Evchen auf den rothen Mund und die weiße Stirn, die er immer lieber bei sich haben wollte, als Dosten und Dorant, dann nahm er Abschied von dem hübschen Bräutchen und den freundlichen Alten, und beging sein Revier, theils um Holzdieben aufzulauern, theils um ein Reh oder einen Spießer zu schießen, damit beim Hochzeitschmaus auf Vater Großthalers Tisch der Wildpretbraten neben der fetten Gans und den Spiegelkarpfen aus den Maßfelder Teichen nicht fehle.
In dem herrlichen Laubwald blühte brauner Dosten genug, und oben auf den grasreichen Plänen des Bergrückens stand auch der weiße Andorn in Menge, aber der verliebte Jäger dachte an das Röslein, das er bald pflücken sollte, und ließ Origanum und Marrubium ungepflückt.
2.
An einem Dienstage Vormittag bereitete sich in Belrieth etwas Festliches vor, denn fast alle Einwohner waren entweder ganz auf der Straße, oder doch theilweise, nämlich mit den Köpfen, die sie zu dem Fenster so weit als möglich herausstreckten. Vor Großthalers Thür hatte sich zahlreiche Jugend versammelt; von dem Kirchthurm tönte das Geläute einer Glocke, und in die Kirche gingen Männer im Sonntagsstaat, welche Violinen und Posaunen trugen, die Musikanten des Dorfes; in das Haus des reichen Großthaler aber gingen schöngeputzte Männer und Weiber, Bursche und Brautjungfern, die alle den Förster Burkart und seine Eva in die Kirche zur Trauung begleiten wollten.
Aus der Dachluke des Häusleins der Frau Holleborn streckte sich das grimmige Gesicht der als Hexe verschrienen Einwohnerin. Hätte sie übernatürliche Kräfte besessen, so wäre jetzt Großthalers Haus in Flammen aufgegangen; hätte sie den bösen Blick gehabt, so hätte Krankheit und Pein Alle befallen, die in das Nachbarhaus gingen, so aber hatte sie nur ohnmächtigen Zorn und stille Wuth, und Worte der Verwünschung, nicht Thaten des Verderbens.
„Es ist gut, daß die Jette aus dem Hause ist, und drüben im Spittel dient, sonst hätte ich heute wieder meine Noth mit dem Mensch, das dem lügnerischen und falschen Grünrock immer noch nicht gram werden kann, ob er sie gleich hat sitzen lassen,“ murrte sie vor sich hin. „Aber ihr zum Trotz und ihm zum Schaden will ich nun probiren, was mir meine Mutter gelehrt hat, ich will hexen, weil ich doch einmal eine Hexe sein soll, obgleich, Gott sei’s gedankt, jetzt in der Schule gelehrt wird, daß es keine Hexen mehr giebt, und die hohe Obrigkeit so gescheit ist, eine arme alte Frau, die rothe Augen hat, nicht mehr verbrennen zu lassen. Ich bin in meinem Leben keine Hexe gewesen, und Gott verdamme Jeden, der das denkt, glaubt oder sagt, aber ich habe manchmal ein bischen Sympathie gebraucht, und ich glaube an die Sympathie und Antipathie, das kann mir Niemand wehren, und geht auch der hohen Obrigkeit nichts an.“
Die Alte nahm ein rostiges Schloß von einer Kiste, die in ihrer Bodenkammer stand, besah es genau und murmelte: „Ja, ja, du bist ein Erbschloß (= ein altes, geerbtes Schloss, sk) und wirst zu brauchen sein, die Großmutter selig hat dich schon vor ihre Lade gelegt, in der sie die Nachtmahlskleider (= die guten Kleidungsstücke, sk) aufhob, die nun alle, seit wir so heruntergekommen, in den Händen der Juden (= gegen Bargeld versetzt worden, sk) sind!“
Frau Holleborn hätte vielleicht noch länger mit sich und dem Erbschloß gesprochen, und sich in die schmerzliche Erinnerung früherer Wohlhabenheit verloren, aber jetzt wurde mit allen Glocken zusammengeschlagen, ein Zeichen, daß der Brautzug beginne. Und so war es in der That. Festlich und herrlich geschmückt, gefolgt von Aeltern, Verwandten und Freunden, trat das schönste Brautpaar, das seit lange in Belrieth die Kirchfahrt gehalten, aus dem Hause. Es war ein herrliches Herbstwetter und die Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Glocken klangen ganz hell, die Musikanten standen auf dem Thurm und posaunten zu den Schalllöchern heraus; der Schulmeister begann auf der Orgel ein heitres Vorspiel, und die armen Kinder folgten fröhlich mit großen Kuchenstücken, die ihnen im Hochzeitshaus gespendet worden waren, dem langen Zuge nach. Drüben an den Häusern hin aber huschte wie ein Schatten mit einem theilnahmlosen Gesicht, in einem zerlumpten dunkeln Mantel, die Frau Holleborn, und drängte sich auch mit den andern neugierigen Leuten in die Kirche. Sie setzte sich gleich nahe am Eingang in einen Betstuhl, und kümmerte sich nicht darum, daß ihre Nachbarin ein wenig von ihr hinwegrückte.
Ein Hochzeitlied war gesungen; das Brautpaar stand vor dem Altar, der Pfarrer hatte eine lange Traurede gehalten, und schritt nun zu dem Ritual der Copulation. Er nahm die alte neuaufgelegte Kirchen-Agende Herzogs Bernhard I. von Meiningen, und las die Trauformel. Schon hatte der Bräutigam ein lautes Ja gesprochen, und der Geistliche wandte sich zu der Braut: „Desgleichen frage ich Euch, Eva Großthalerin, wollet Ihr gegenwärtigen Friedrich Burkart zum ehelichen Gemahl haben, ihn lieben, ehren, ihm folgig und gehorsam sein, auch ihn nicht verlassen Euer Lebenlang?“
Da, wie alles todtstill in der Kirche war, und auf das Ja der zitternden Braut lauschte, hörte man in dem Augenblick, wie sie das Ja sprach, einen hellen seltsamen Ton, wie wenn ein Schloß zugeschnappt würde, so daß sich manche Leute befremdet umsahen, doch blieb alles ruhig und hörte die sehr lange Vermahnung, die die Agende sonst vorschrieb, bis zum Vater Unser und zum Segen mit an. Dann wurde noch ein Liedervers gesungen, welchen Posaunen und Pauken auf dem Chor mit ihren erhebenden Klängen begleiteten; das Volk aber, das neugierig zugeschaut, strömte aus der Kirche; darunter war auch die Frau Holleborn, die mit hastigem Schritt, die welken Lippen im unhörbaren Selbstgespräch schnell bewegend, ihrer Wohnung zueilte, ohne sich weiter nach dem stattlichen Brautzug umzusehen, der ihr nachkam, auch ohne Jemand zu grüßen oder anzureden; des Dankes auf einen Gruß war sie ohnedieß überhoben, da sie von Niemand gegrüßt wurde. Heftig schlug die Alte, in ihrer Wohnung angekommen, die kleine Hausthür hinter sich zu.
Drüben in Großthalers Haus ging es nun überaus lustig und hoch her; die Brautleute waren ganz glücklich, auch die Aeltern waren glücklich, die Gäste aber allzumal froh und fröhlich, denn die Tafel war gut besetzt und reichlich. Es gab starkes Bier aus der Stadt und auch Wein, so viel nur einer trinken wollte. Von Kuchen war ein ganzes Gebirge aufgeschichtet, davon fleißig abgetragen wurde. Die Musikanten spielten hellauf, und die Bursche, die anfingen, ein wenig betrunken zu werden, juchheiten laut. Manches Vivat hoch! schallte vollstimmig aus Großthalers Haus, und als es Abend geworden, manches Lied. Dann aber wurde es hell im Wirthshaussaal, und immer heller. Viele Lichter wurden dort angezündet. Und aus Großthalers Haus traten die Spielleute, und spielten einen lustigen Marsch. Ihnen folgten Braut und Bräutigam, und alle Gäste, Paar an Paar, je ein Männlein und ein Fräulein. Hinterdrein wimmelte eine schaulustige Menge. Wie da getanzt wurde, das war eine Lust mit anzusehen. Viele hübsche Jägerbursche aus der ganzen Umgegend, Fritz Burkarts gute Freunde, waren zum Tanz da, und schwangen rüstig in raschen deutschen Walzern Belrieths rothwangige Dirnen, daß die Bauernbursche fast neidisch wurden und an Prügel dachten, doch lief der Tanz diesesmal ohne Prügel ab, und wurden letztere auf die nahe Kirmeß verschoben.
Als es nun recht Nacht war, und nur um das Wirthshaus her, und um Großthalers Haus ein heller Lichtschein leuchtete, schlich es wieder wie ein Schatten aus dem Häuslein der Frau Holleborn, und nahte leisen Trittes dem Ziehbrunnen, der ganz im Dunkeln lag. Heute Abend holte Niemand mehr Wasser. Dreimal umging die wankende dunkle Gestalt den Mauerrand des Brunnens auf weichen Socken, unhörbaren Trittes; dann fuhr eine Hand aus der Mantelhülle über den Brunnenrand, und gleich darauf klang das Wasser in der Tiefe, als sei ein Stein hinabgefallen. Dann verschwand die Gestalt in den tiefen Schatten der Nacht.
3.
Der Förster Burkart stand mit finstern Mienen vor seiner jungen Frau, etwa sechs Wochen nach der Hochzeit. Eva weinte. „Sage mir nur um Gottes Willen, was Du hast, und was ich Dir gethan habe, daß Du so kaltsinnig gegen mich geworden?“ fragte er. „Hast Du mich nicht lieb gehabt über alle Maßen sehr, hast du mir nicht tausendmal zugeschworen, Du wollest mich ewig lieben? Hast Du vergessen Deinen heiligen Eid am Altar?“
Eva weinte und erwiederte auf diese Fragen nichts, worauf ihr Mann fortfuhr: „Du antwortest nicht einmal Deinem Mann? Seit wann bist du so verstockt geworden? Eva, mach mich nicht wild! Ich bin gut, aber wenn ich einmal böse werde, dann hört alle Gutheit auf, das sage ich Dir. Rede Weib!“ fuhr er heftig werdend fort. „Ich will wissen, was Dir im Kopfe steckt! Warum ich kein freundliches Gesicht mehr sehe, warum ich kaum einen guten Morgengruß bekomme, warum ich schlechter behandelt werde, als mein Caro? Habe ich Dir etwas gethan, so sage es, und ich will suchen, es wieder gut zu machen, aber dieses muckische, tückische Wesen leide ich nicht, das schwöre ich Dir zu bei dem allmächtigen Gott!“ Burkart schlug dabei mit der Faust auf den Tisch, daß die Scheiben klirrten, Eva schrak zusammen, aber sie antwortete nicht, und wollte die Stube verlassen. Da ergriff sie Burkart beim Arm, hielt sie fest, und donnerte: „Weib, du redest, oder du gehst nicht lebendig aus der Stube! Glaubst Du, ich könne Deinen Starrsinn nicht zwingen? Rede, oder ich erschieße Dich und mich dazu!“
Und schon erhob der Jäger die wilde, doch nicht ernstlich gemeinte Drohung fortsetzend das Gewehr, und es war ihm, als müsse er den Hahn spannen, und als flüstre ein Geist der Hölle ihm zu: „Gieb Feuer!“ und er spannte auch wirklich den Hahn, denn der Zorn machte ihn ganz wüthend, da ward Eva kreideweiß im Gesicht, und rief: „Herr Jesus! Du willst mich erschießen, Fritz! Nun so schieße zu, denn glücklich werden wir doch nun und nimmermehr mit einander, und mir ist, seit ich Dich zum Manne habe, das Leben zur Last und zur Qual. Warum? Das frage ich mich selbst vergeblich, und muß mir die Antwort darauf schuldig bleiben, also auch Dir, und wenn Du noch so wild darüber wirst. Ich kann Dich nun einmal nicht mehr leiden, Fritz, obgleich Du die ganze Zeit gut gegen mich warst, und mir nichts zu Leide gethan hast. Gott weiß, was daran schuld ist!“
Eva schwieg und drückte die Hände gegen die von Thränen überströmenden Augen. Ihr Mann sah sie mit einem zornigen Blick an, und sagte: „Ich lobe Deinen Freimuth! Du bist doch ein aufrichtiges Geschöpf, und sagst mir, was ich längst schon gemerkt, fast vom Tag nach der Trauung an. Und ist es mir gegen Dich doch kaum anders gegangen. Der Teufel muß uns ein Ei in die Wirthschaft gelegt haben! Du bist ganz anders geworden als Frau, wie du als Mädchen gewesen! Wo ist nun die Liebe hin, und meine schöne Hoffnung auf Glück? Fort, aus den Augen, wie eine verschneite Fährte; mir graut vor der Zukunft.“
Der Förster hielt seine Frau schon lange nicht mehr, und hielt sie auch nicht, als sie jetzt, ohne/ weiter etwas zu sagen, die Stube verließ. Er nahm sein Gewehr auf die Schulter, klopfte wehmüthig seinen Hund auf den Rücken und sagte: „Komm Caro, wir wollen zum Wald gehen, dort ist uns beiden wohler, als hier in dem dumpfen Haus, wo der Unfriede wohnt, und des Teufels Unkraut wuchert.“
So gingen sie beide in das nahe Revier, der Förster und der Hund. Der Caro sprang munter über die Aecker, sich mit der niedern Jagd der Feldmäuse vergnügend, während seinem Herrn alle Munterkeit verging. Dieser blieb nur einmal am Waldesrande stehen, und sah auf das schöne Thal, dessen Wiesen noch so grün leuchteten, dessen Dörfer alle, so weit er sie sah, Belrieth, Einhausen, Ober- und Untermaßfeld, mit den blitzenden Teichen, und weiter drüben Ellingshausen, vom milden Abendschein, wie von einem Friedensarm umschlungen, da lagen, und in ehrwürdigstolzer Pracht die Riesentrümmer der berühmten Wallfahrtkirche Grimmenthal, die nun ganz verschwunden ist, und davor der alte tausend/jährige Lindengreis, der noch immer steht und Wallfahrt und Kirche, alte und neue Zeit überdauert.
„Ach Gott!“ seufzte der Jäger; „da unten scheint der Friede zu wohnen, aber in meinem Hause und in meinem Herzen wohnt er nicht. Kann sich auch Liebe in Haß verkehren? Statt zu wachsen, wie eine Edeltanne, geht unser häusliches Glück ein, wie ein junges Bäumchen, dem der rechte Boden fehlt; der rechte Boden aber ist die Liebe, der fehlt uns. Ja wohl, ja wohl, der Wald unsrer Freuden ist schlecht bestanden, weil das Glück so unbeständig ist. Es ist ein Windbruch hineingekommen, darum geht es mit uns in die Brüche, und ich schleiche durch den Forst, wie ein Kümmerer (= schwach entwickelter Rehbock oder Hirsch, sk), mit bekümmertem Herzen, das aller Liebe abstirbt und Valet sagen muß. Ja, am Ende werde ich ganz verenden, und auf ewig Valet sagen. Oder wie wäre es, wenn ich vor dem Verenden wechselte (= weggehen, wie mehrfach im Vortext: Jägersprache, sk), und ohne Valet ginge? Das ist ein neuer Gedanke, vor dem ich fast erschrecke; und doch gefällt er mir, und ich führe ihn aus, wenn es nicht anders wird daheim, denn ich will lieber in die weite Welt gehen, als in der Hölle sein.“
Nach diesen Worten ging der junge Jäger in den Wald, da begegnete ihm ein altes Weib, schwer gebückt unter einer Tracht dürren Holzes, worunter auch einiges grüne, das gestohlen war; der Förster sah scharf nach dem Korb, denn es war schon düster geworden, da gewahrte er, daß es die Frau Holleborn war; sie sagte kein Wort, und er sagte auch keins; sie gingen ohne Gruß und Dank an einander vorüber. Der Förster dachte bei sich selbst: „Hätte ich die arme Jette genommen, und wäre nur ihre Mutter nicht gewesen, ich wäre vielleicht glücklicher als jetzt mit der reichen Frau, die mich nicht mehr lieb hat. Sollte das Sprichwort an mir eintreffen: Untreu schlägt ihren eignen Herrn? Die Jette war gut! Ach Gott!“ Die alte Frau Holleborn aber plauderte auch mit sich selbst, indem sie den Berg hinabging, oft ausruhend und ihre Last stützend.
„Geh Du nur hin, Du hast Dein Theil!“ sprach sie halblaut. „Du siehst schon ziemlich blaß aus. Rosen wachsen nicht mehr in Deinem Gesicht, aber Spinnenkraut. Du hast den Kreuzenzian in Deinem Garten, und den Kreuzdorn im Stiefel. Dein Tränklein ist Bitterklee, und Wermuth Dein Zugemüse! Du hast die Schlangenwurz im Gewissen, und das Scorpionkraut im Herzen. Auf Deinem Geldsack wächst des Teufels Abbiß, und der Stechapfel liegt unter Deinem Kopfkissen. Geh in den Wald, oder aus dem Wald, so nehme Dein Glück ein Ende bald! Zur Morgenstund und zur Abendzeit sei Dein Schritt verflucht und vermaledeit!“
Es ging der ganze Winter vorüber, und es wurde bekannt in Belrieth, daß der Förster Burkart mit seiner Frau ganz unglücklich lebe, daß keines das andre ersehen könne, daß ein unbegreiflicher Haß ihre Herzen und ihre Seelen scheide; die Aeltern der Frau grämten sich, und es gab im Hause des Försters Vorwürfe genug und trübe Stunden genug; aber die Vorwürfe halfen nichts, denn der Haß, wo er einmal eine Wohnung bezieht, ist ein schlimmer Miethsmann, der sich nicht ausbieten läßt, und lieber den Eigenthümer, die Liebe, aus dem Hause treibt, wie ein Fuchs, der den geduldigen Dachs bellend aus dem warmen Bau jagt. Ein wilder Jäger ist der Haß, der kriegverkündend mit Geheul und Halloh über das Gebirge zieht. Des Zwiespaltes zwischen den jungen Gatten freute sich Niemand im Dorfe mehr, als die alte Frau Holleborn. Eines Frühlingstages ging der Förster Burkart zu Holze, und kam nicht wieder heim. Vergebens ward er gesucht, nach ihm geforscht. Er war in die weite Welt gegangen; der Haß hatte ihn ausgebissen.
4.
Jette Holleborn, die Hospitalmagd im Grimmenthal, ging Pfingsten nach Belrieth zum Maientanz. Unterwegs dachte sie an allerlei, und auch an eine vergangene glücklichere Zeit, da sie sich mit Fritz Burkart in muntern Pfingstreigen gedreht, und mehr gehofft hatte, als ihr die spätere Zeit erfüllt, die meist ein schlechter Bankier ist, und die Anweisungen nicht acceptirt, welche Jugend und Hoffnung ausstellten. Sie hatte gehört, daß man von dem Förster nichts mehr höre, sie wußte, was alle Leute wußten, aber sie freute sich nicht, vielmehr betrübte sie sich von Herzen darüber, und so sah sie gar nicht aus, wie Eine, die zum Tanz geht.
Als sie nun das Dorf erreicht hatte, und unter das niedere Dach ihrer mütterlichen Wohnung eintreten wollte, blickte sie hinüber nach Großthalers Haus, da sah sie Burkarts verlassene Frau am Fenster, und dachte bei sich selbst: „Guter Gott, die ist nun auch nicht mehr, wie ich, hat aber mehr Schande, wie ich. Fritz, Fritz, Du brichst alle Deine Schwüre! Ich glaube, wenn ich seine Frau gewesen wäre, und er hätte mich so verlassen, ich hätte es nicht überlebt aber ich glaube auch, wenn ich seine Frau geworden wäre, er hätte mich nicht so verlassen!“ Mit diesen Gedanken betrat Jette das Haus.
Die alte Frau Holleborn war sehr schwach und hinfällig geworden, aber sie hatte doch einen/ magern Kuchen auf den Tisch gestellt, und einen dünnen Möhrenkaffee gekocht, und empfing ihre Tochter freundlicher, als sie dieselbe entlassen hatte, denn es war Jettens erster Besuch, die weder zur Kirmse, noch zu Weihnachten, noch zu Ostern herübergekommen war.
„Nun, Jette, weißt Du schon die Neuigkeiten da drüben?“ fragte die Alte listig und lauernd bei der ersten Tasse.
„Das ist leider Gottes nichts Neues mehr, Mutter,“ antwortee die Gefragte.
„Oho, mein liebes Kind. Das kannst Du kaum schon da drüben auf Deinem Spital erfahren haben. Morgen fahren Großthalers in die Stadt, allwo die Burkartin von ihrem Mann von wegen böslicher Verlassung geschieden wird!“ gegenredete Frau Holleborn.
„Geschieden? So schnell?“ fragte Jette.
„Schnell?“ fragte die Alte zurück. „Ei, Du liebes Herrgottchen! Ist er denn nicht dreimal hintereinander in Zeitungen und Wochenblättchen zur Rückkehr aufgefordert worden, und hat sich/ nicht gestellt? Aber ihr da drüben geschieht es recht. Ich gönne es ihr vom Grund meiner Seele. Weißt Du auch, wer schuld daran ist, daß die beiden Leute die Antipathie gegen einander bekommen haben?“
„Ich will es nicht wissen, Mutter,“ erwiederte Jette streng: „Ich weiß ohnehin mehr, als mir lieb ist. Es muß ja Aergerniß kommen, sagt die Schrift, aber wehe dem, durch welchen Aergerniß kommt, ihm wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist!“
„I, Du Rabenkind,“ eiferte die Alte: „Wünschest Du Deiner Mutter das gebrannte Herzeleid, und Mühlsteine an den Hals?“
„Euch?“ fragte Jette mit großen Augen. „Fühlt Ihr Euch getroffen? Mein’ ich Euch? Habt Ihr die Antipathie zu Wege gebracht?“
„Ei, warum nicht gar? Ich meine ja nur so; sei doch nicht gleich so bärbeißig Jettle! Trink, da habe ich Dir wieder eingeschenkt!“ begütigte die Alte dann, als die Tochter trank, fuhr sie/ fort zu berichten: „Siehst Du, die alten Großthalers dringen hauptsächlich auf die Scheidung. Die Ev soll wieder heirathen. Die Alten haben ein Aug’ auf unsern jungen Herrn Pfarrer, der sie bisweilen besucht, und tröstet. Nun, ich denke, die Ev wird nicht untröstlich sein.“
Das Gespräch währte noch eine Weile, dann brach Jette auf, eine Muhme zu besuchen, und dann auf den Tanzboden zu gehen, wo der Baß schon schnarrte, von dessen Grundtönen getraen, die heisern Violinenklänge und die einer verstimmten Flöte jubilirend schwebten.
Die Frau Holleborn sah ihrer Tochter nach, und murrte: „Keinen Dank, keinen Dank, und ich muß mich ordentlich vor ihr fürchten; da geh einer hin; das hat man davon, wenn man Kinder groß zieht! Ihr zu Liebe habe ich die Sünde gethan, und nun da sie sich freuen sollte, daß das Band zerrissen ist, thut sie gegen mich so apart. Todt ärgern möchte ich mich, und aus der Haut fahren vor Grimm, wie eine Otter, wüßt ich nur gleich, wo dann weiter hin!“ /
Am andern Morgen, als sich Jette anzog, um wieder fortzugehen, spannte drüben wirklich Großthalers Knecht die Pferde vor den Korbwagen, den die Exförsterin mit ihren Aeltern bestieg. Eva sagte im Einsteigen: „Ich thue euch heute den Willen, und willige in die Scheidung, aber von einer neuen Heirath schweigt mir ja still! Ich habe in der ersten ein Haar gefunden. Ich hasse die Männer, ja die ganze Welt, und mir selbst bin ich verhaßt und spinnefeind. Ich weiß nicht, wozu erst die Ceremonien in der Stadt; ich bin geschieden, und bleibe geschieden, geschieden von meinem Glück und aller Hoffnung, da scheide Gott die Noth, denn die Herren in der Stadt, ob sie mich scheiden oder binden, können mein Schicksal um kein Haar besser machen.“
„Dort fahren sie hin!“ sagte Jette gedankenvoll zu sich selbst. „Ob es wohl möglich ist, daß meine Mutter? Es wäre schrecklich, wenn gottlose Künste das vermöchten, denn da müßte man ja irre werden an dem lieben Herr Gott, wenn er dem Teufel so viel Gewalt und Spiel/raum ließe über der Menschen Glück und Leben! Aber ich will doch der Sache auf den Grund kommen.“
„Sagt mir doch einmal ernstlich, Mutter,“ begann sie zu der eben Eintretenden: „Habt Ihr wirklich etwas Heimliches praktizirt, gegen die Försterleute, um sie uneinig zu machen, und was?“
„Ja, ich habe etwas Heimliches praktizirt, wenn Du es doch einmal wissen willst; obgleich Du es nicht haben wolltest, so habe ich es Dir zum Trotz gethan, um Dich an dem falschen Mann zu rächen;“ erwiederte die Alte.
„Mutter, Mutter, wenn Ihr das nur vor Gott verantworten könnt!“ rief Jette erbleichend aus. „Hat Eure Uebelthat diese Frucht der Zwietracht getragen, so komme die Schuld davon auf Euch, nicht auf mich, denn ich habe es nicht gewollt, das weiß Gott, und ich wasche meine Hände in Unschuld! Aber was, das sagt mir, was habt Ihr gethan?“
„Das will ich nun einmal bleiben lassen,/ Dir zu sagen, Du undankbares Ding!“ zürnte Frau Holleborn. „Geh, packe Dich hinüber auf Deinen Spittel, und bekümmre Dich nicht um das, was ich thue und gethan habe! Ich habe es gethan, und damit gut, oder auch nicht gut, und ob es gleich Dir zu Liebe geschehen ist, so mag es nun Dir zum Leid geschehen sein!“
„Möge das Leid nicht über Euch kommen, und Euch die Sterbestunde erschweren, das ist alles, was ich wünschen kann, und damit sage ich Adieu. Lebt wohl, kann ich nicht sagen, denn mit einem so bösen Gewissen könnt Ihr nicht wohl leben!“ Damit ging Jette fort, und die Alte murrte: „Was hat sie gesagt? Sterbestunde? Wäre die vielleicht nicht weit? Ja, ja, es hat ihr geahnt, und der Tod sitzt mir schon in meinem Gebein. Es wird mit mir zu Ende gehn!“
Diese Prophezeihung täuschte die Frau Holleborn nicht; schon eine Woche später kam die Muhme nach Grimmenthal und bat bei dem Spitalwirth um Urlaub für die Magd, deren/ Mutter im Sterben liege, und Jette eilte mit ihr nach dem heimathlichen Dorfe. Die Alte lag auf dem ärmlichen Lager in ihrer Hütte, und ächzte todesmatt in einem fort, und es schien ihr schwer zu fallen das ungewohnte Geschäft, das Sterben. Sie war abgezehrt, wie ein Gerippe, nur noch ein Jammerbild aus Haut und Knochen. Jette pflegte ihrer so gut sie konnte. Mehr als einmal fragte die Tochter: „Mutter, soll ich Euch nicht den Herrn Pfarrer holen, verlangt Euch nicht nach dem Abendmahl? Wollt Ihr Euch nicht mit Gott versöhnen, ehe Ihr von hinnen scheidet?“ Da stöhnte die Kranke: „Jetzt nicht liebes Jettle, morgen früh, jetzt bin ich gar zu matt, ich kann nicht reden.“
Und als der Morgen kam, sagte sie, wenn die Tochter an den geistlichen Zuspruch mahnte: „Es geht wieder besser, ich fühle mich schon gestärkter, ich werde noch nicht sterben, laß es nur sein, bemühe den Herrn Pfarrer nicht.“/
5.
Mehrere Wochen vergingen; Jette hjatte ihren Dienst verlassen, um sich ganz der Pflege ihrer Mutter zu widmen; diese lag da im lang andauernden Leidenskampf, sündlich den Tod erwartend oder doch fürchtend, und als sie so lag, und wie es schien nicht leben und nicht sterben konnte, da ging Jette endlich hin zum Pfarrer und bat ihn, er möge ihrer Mutter das Nachtmahl reichen, vielleicht, daß sie dann erlößt würde, und er möge ihr in das Gewissen reden, darauf sie noch etwas zu haben scheine, was ihr den Tod erschwere.
Der Geistliche ließ alsbald den Schulmeister rufen, und ging mit dem Sakrament und der Agende zu der Kranken. Das war gegen Abend, als die Sonne unterging.
Und als nun der Pfarrer an das Bette der Frau Holleborn trat, hielt er an dieselbe eine ernstliche Bußvermahnung; sie richtete sich mühselig im Bette auf, hörte zu und sprach dann: „Ach, Gott sei mir Sünderin gnädig! Ach, Herr/ Pfarrer ich habe etwas zu sagen, aber allein, die Jette nur kann es hören!“
Hierauf winkte der Geistliche dem Schulmeister, daß er hinausgehe, dann sprach die Kranke matt und in großen Pausen: „Ich bekenne mich aller Sünden schuldig, und bereue alle, eine aber bereue ich am meisten, und zweifle, daß Gott sie mir vergeben kann. Als der Förster Burkhart mit Nachbar Großthalers Evchen getraut wurde der doch erst zu meiner Tochter ging habe ich aus Rache ein Kunststück probirt, das ich von meiner Mutter gehört ich habe bei der Einsegnung ein Erbschloß zugedrückt und es in den Dorfbrunnen geworfen daraus ist bei Försters aller Unfriede und die Scheidung entstanden! Das quält und martert mein Herz, denn meine Tochter hat es mir nicht gedankt, und geholfen hat es uns auch nichts! Ach Gott, wenn das Schloß da wäre, und wieder aufgeschlossen würde die alte Liebe, da könnte ich ruhig sterben.“
„Ei ei, Frau Holleborn,“ sprach auf diese Mittheilung der Pfarrer: „allerdings hat Sie/ sich einer großen Sünde schuldig gemacht durch eine That des blinden Aberglaubens in so menschenfeindlicher, ja teuflischer Absicht, doch wenn Sie nur aufrichtig jene That und mehr noch den bösen Willen, bereut, so darf ich Ihr die Vergebung Gottes verkündigen, denn an dem großen Unglück dort ist sicherlich Ihre That nicht schuld, sondern es ist eine Schickung Gottes, darum tröste Sie sich und wende Sie sich in wahrer Buße zu Gott!“
Während der Prediger nun der Alten das Abendmahl reichte und ihr tröstend zusprach, ging Jette, die das Bekenntniß ihrer Mutter schaudernd vernommen hatte, still hinaus und wandelte wie träumend, mit gesenkten Armen und wankenden Schritten zum Dorfbrunnen; dort in der Nähe lagen auch längs einer Wand die Feuerleitern und Haken. Einen solchen Haken nahm sie und fuhr damit in den Brunnen hinab, bis auf den Grund, und rührte und fischte und zog nach mehr als einem vergeblichen Versuch, ein altes Schloß heraus. Froher über diesen/ Fund, als habe ihr Einer großes Gut geschenkt, eilte sie nach Hause, als eben der Pfarrer und der Schulmeister wieder fortgingen.
„Deine Mutter jammert, meine Tochter,“ sagte der Erstere zur Jette: „daß Du sie verlassen und nicht mit ihr gebetet. Und sie will, daß Du das Schloß suchen sollst, darum thue der Sterbenden diesen letzten Willen.“
„Es ist schon gethan, Herr Pfarrer,“ erwiederte Jette und eilte in die Stube.
„Hier ist Euer Sündenschloß, Mutter!“ sagte sie.
„So sei der dreieinige Gott hochgelobt!“ ächzte die Alte. „Schließ es auf, schließ es auf im Namen Gottes!“
Wohl versuchte Jette den daran steckenden Schlüssel zu drehen, aber vergebens.
„Es geht nicht, Mutter,“ sprach sie: „das Schloß ist ganz verrostet!“
„Allmächtiger Gott! laß deine Gnade nicht verschlossen sein!“ wimmerte die Todtkranke. „Der Haß ist eingerostet, und der Rost zerfrißt das/ Eisen wie die Herzen! Warum liebte ich meine Tochter so sehr, daß ich den Haß zum Knecht meiner Liebe machte, der mich nun überwältigt? Bestreiche das Schloß mit Oel, Jette; gieb Dir rechte Mühe! O Gott, ich leide Höllenpein, und kann nicht gehen zum Tode ein!“
Und es trat nun eine ängstliche, peinliche Stille ein in der Stube. Die Alte bewegte nur die Lippen, bald betend, bald mit sich selbst sprechend, und Jette setzte sich hin und goß Oel auf das Schloß und mühete sich lautlos, es aufzubringen. Ach, mit dem Werkzeug einer ungeheuren Frevelthat war ihr der Glaube daran in die Hand und in das Herz gekommen, und sie dachte an ihre verblühte Liebe und an ihren Schmerz und ihre Entsagung; da geschah es, daß auch heiße Thränen auf das Schloß fielen. Die Thränen schienen kräftiger auf den Rost zu wirken, als das Oel, denn als Jette noch einmal recht heftig am Schlüssel drückte, drehte er sich und das Schloß ging auf. Und siehe, wie sich das Schloß aufthat, thaten sich die Augen der alten Frau Holle/born zum ewigen Schlafe zu. Jette saß starr dort, sah auf das offene Schloß und auf die halbgeschlossenen Augen der Mutter, und seufzte so tief, so tief, als ob ihre eigene Seele dem fliehenden Geist der Entseelten nacheilen wollte. Doch der Schmerz kindlicher Liebe war es nicht, der aus ihr seufzte.
Die gewesene und geschiedene Frau Förster Burkart verlöschte um diese Zeit ihr Licht und legte sich zu Bette. Sie hatte es nie gethan seit ihrer Verherathung, ohne ihr Geschick zu beseuzen, auch an diesem Abend seufzte sie, und gedachte ihres gewesenen Mannes, aber da fühlte sie sich von einem unerklärlichen Schmerz ergriffen, denn die Erinnerung an die frühere glückliche Zeit ihrer Liebe trat ihr nahe im Gewand der Wehmuth, und die Gestalt ihres Gatten, die sie immer nur im Geist so geshen, wie er zuletzt gewesen war, unlieb und unhold, sah sie jetzt mit freundlichen Zügen. Sie fragte sich ernst, die junge Verlassene, Geschiedene, ob sie nicht die Hauptschuld trage, daß ihr Gatte so kalt gegen/ sie geworden, und warum sie ihn denn so gar nicht mehr lieb haben könne, aber sie konnte sich darauf keine Antwort geben, nur das eine dachte sie: Wenn mein Fritz wiederkäme, ach, der nun nicht mehr mein Fritz ist, und vielleicht todt oder wieder verheirathet und glücklicher ist, als er mit mir war, ach, da wollte ich ihn anders lieb haben! Dann fragte sie sich wieder: „Wie komme ich nur auf diese Gedanken?“ Darauf gab ihr nun auch Niemand Antwort, aber die Gedanken blieben und verwebten sich in ihre Träume, und die ganze Nacht träumte sie von Fritz, sie habe ihn wieder, und sei glücklich, und die alte Liebe erwachte aus ihrem tiefen Schlummer, während Eva selbst noch schlummerte. Und als der Morgen kam, war ihr erster Gedanke ein liebesehnsüchtiger, und sie weinte dem schönen Traum ihres Liebeglücks manche Thräne nach.
Der Abendhimmel warf seine Rosenfarben in den Spiegel des Königssees bei Berchtesgaden und schmückte die himmelanstrebenden Berggiganten mit Violenkränzen; es war still auf dem tiefen/ See, nur die Wasserfälle rauschten im Geistergeflüster über die schweigende Fluth. An einem Ufervorsprung lag ein Nachen, und tiefer in der Felsenbucht, wo sich der Kesselbach brausend aus unabsehbarer Höhe in sein zerklüftetes Felsbette stürzt, saß, mit kurzer Stutzbüchse, in der Landestracht ein junger Jäger, den Hut mit breitem Gamsbart auf dem Haupt, und sah sinnend zu dem Laubdach gewaltiger Ahornbäume empor, durch das der Himmel herablächelte. Neben ihm lag eine erlegte Gemse; neben dieser saß sein Hund. Dem jungen Jäger war es wunderbar ums Herz, als er so in dem fremden Land, in welchem er eine neue Heimath gefunden hatte, sich die Berge betrachtete. und er gedachte seiner eigentlichen Heimath; wie verschieden war das Hier und das Dort! Da wachten tausend Erinnerungen auf, da dachte er mit neuen und namenlosen Gefühlen seiner alten Liebe, da war es, als ziehe plötzlich eine wunderbare Magie ihm das Herz aus dem Busen und trage es weit über Berge und Ebenen nach dem Thale der Werra,/ wo es zuvor geliebt und gelitten, fröhlich gepulset und geblutet hatte. Es war ihm, als seien die Bande, die er so hastig und stürmisch zerrissen hatte, wieder fest geknüpft und in seine Seele gewachsen. Und das Bild seiner verlasseneen Frau trat mild und leidend vor sein inneres Auge und sie schien ihm zu winken und zuzurufen: „Fritz, kehre wieder! Komm heim, Du wilder Jäger vom Gebirge; verlaß das hohe Bergrevier des alten Zauberkönigs Watzmann! Komm, ich harre Dein mit neuer Liebe, die kein böser Zauber wieder stören und trennen soll!“ Und als er das so dachte, und sich über ihm die Sterne entzündeten, entbrannte auch in seinem Herzen ein neuer Liebesstern, und das Heimweh ergriff ihn stark und gewaltig.
Der Jäger Burkart erhob sich vom Sitz, nahm sein Gewehr und sein Wild und stieg hinab zum Ufer, schlß den Nachen auf, und fuhr über den stillen Königssee, der schweigend in dem tiefen Schatten der senkrechten Felsenberge lag, in der Richtung nach Berchtesgaden zu, wo/ Burkart bei dem dortigen Oberförster als Gehülfe diente.
Es war aber just an demselben Abend, an welchem die alte Frau Hollenborn vertarb, und Jette das Schloß aus dem Brunnen geholt und geöffnet hatte.
6.
Und wieder war es Herbst. Die Wiesen im Werrathal standen von Zeitlosen überblüht, so daß Rosenschleier auf dem Grün zu liegen schienen. Es war des Sommers Abendröthe, die in die Thäler gesunken, wie ein Sonnenscheidekuß, der die Berghäupter auch so rosig malt. Die stillen Dörfer lagen alle im Frieden.
Da schritt ein Wanderer durch das Thal, der aus Süden kam. Er trug einen Tiroler Hut mit dem Gamsbart, und eine Bergschützenkleidung; so war er in diesr Gegend ganz fremdländisch anzuschauen. Doch rastete er lange in der Gegend von Leutersdorf, und wollte den Abend abwarten, denn er wollte nicht, daß ihn Jemand/ kenne, und ging in der Dämmerung durch Vachdorf, nach Belrieth zu.
„Ich werde hören, ob sie mich wieder lieben kann,“ sprach er zu sich. „Kann sie, dann will ich froh sein und freudig, wie ein junges Reh, das noch keinen Schuß gehört hat, und keinen grünen Rock gesehen. Kann sie nicht, dann gute Nacht, dann trag’ ich fort mein angeschossenes Herz, wieder fort nach dem baierschen Hochland, und begrabe es in die Berge, bis es ausgeschweiß’t hat. Erst aber will ich mich heimlich anstellen, und an ihrer Aeltern Haus, wo sie wieder sein wird, auf den Anstand treten und wittern, ob ich ihr wieder anständig sein werde, und das gebe Gott; ich wär es herzlich wohl zufrieden.“
In ihrer Aeltern Wohnstube saß die weiland Försterin, sehr blaß und mit schwermüthigen Gedanken. Sie dachte an ihren ehemaligen Mann. Der kommt nimmer wieder, der fragt nicht mehr nach mir! dachte sie. Ich darf gar nicht dran denken, und doch denke ich immer und immer/ daran. Er ist geschieden von mir ohne Abschied und Lebewohl, und ich war schuld daran. Und ich bin geschieden worden von ihm, daran bin ich nicht schuld! Die Aeltern wollten es; sie dachten, ich sollte wieder heirathen. Nimmermehr! O, mein Fritz, wärst Du wieder da, ich wollte gut sein, wie ein Lamm, und ich wollte Dir dienen, wie eine Magd, und Dir gehorsam sein, wie eine gute tochter. Ein böser Geist muß mich verblendet haen, daß ich meine Pflicht nich5 begriff, und meine Widerspenstigkeit nicht bezähmte. Nun, wo alles anders sein würde, nun wird es nicht anders.
„Caro, kusch!“ sagte der Jäger leise zu seinem Hund, und dieser drückte sich dicht an den Herrn. Der Jäger aber ward einer Frauensperson ansichtig, die er nicht kannte, auch nicht erkennen konnte, da es bereits Nacht war, und rief sie an: „Höre Sie! Wohnt nicht hier ein Förster Burkart?“
Die Angerufene erschrack, denn sie kannte die Stimme, doch antwortete sie: „Nein, nicht mehr./ Er ist davongegangen. Seine vorige Frau aber trefft Ihr hier, sie wohnt wieder bei ihren Aeltern.“
„Seine vorige Frau?“ fragte verwundert der Wanderer. „Hat er denn eine Andere?“
„Das weiß ich nicht, vielleicht! Er liebt den Wechsel!“ antwortete die Sprecherin mit einem leisen Seufzer, und nun schien es auch dem Frager, als kenne er sie an der Stimme, dann fuhr sie fort: „Seine Frau hat sich scheiden lassen!“
„Scheiden lassen! Wenn sie sich nur nicht selbst geschieden hat!“ sprach dumpf der Jäger.
„Ja, wenn er sich nur nicht selbst geschieden hätte!“ versetzte jene düster. „Sie säh ihn gern wieder, und ist anders geworden. Ihr Herz ist nicht mehr verschlossen, wie ehedem.“
„Woher weiß Sie, daß ihr Herz verschlossen war?“ fragte jener auf’s Neue.
„Ich weiß es am besten,“ erwiederte die Unbekannte, und wollte gehen.
„Sie könnte mir einen Gefallen thun, wenn/ Sie nämlich will!“ nahm Burkart, der Heimgekehrte, wieder das Wort. „Geh Sie hinein zu Großthalers und sage Sie, es sei ein Fremder hier außen, der etwas zu bestellen habe an die junge Frau; sie mögen einen Augenblick herauskommen!“
„Ich will es gern thun, auch das,“ sagte die Gefällige, und ging in das Haus. Drinnen sprach sie: „Guten Abend mitsammen! Nichts für ungut, ich soll etwas bestellen.“ Dann trat sie nahe zu der Försterin und flüsterte ihr ins Ohr: „Evchen, er ist wieder da!“
„Wer? Wer?“ fragte hastig jene, ganz erschrocken, und dachte gleich an ihren Mann.
„Burkart! Er steht draußen, geht hinaus und empfangt ihn.“ Mit einem Jubelruf sprang Eva auf, eilte aus der Stube und hinaus. Die sie gerufen hatte, war Jette Hollenborn, und ging viel langsamer jener nach. Der alte Großthaler und seine Frau waren ganz verwundert.
Draußen lange Burkart und Eva einander küssend in den Armen. Jette ging still an ihnen/ vorüber, und hinüber nach ihrem kleinen Häuschen, das im Dunkel lag. Jette zündete auch kein Licht an. Sie konnte im Dunkel weine.
Nicht lange dauerte es, so hatte Burkart eine andere Stelle wieder, nicht aber eine andere Frau, sondern seine vorige Eva, mit der er sich zum zweiten Mal in aller Stille trauen ließ. Als das Paar in die Kirche ging, stnd Jete in ihrem Stübchen, und dachte bei sich selbst: „Seid glücklich! Ich bin es, die euch glücklich macht, ihr aber wißt es nicht. So ist es eben recht: Ich habe gut gemacht, was meine Mutter böse gemacht hat; ihr wird nun auch vergeben sein. Und ich will mich wieder verdingen. Noch einmal sage ich: Seid glücklich! Das alte Schloß war sehr verrostet, aber alte Liebe rostet nicht; ich fühle das. Auch die meine rostet nicht!“ (61-108)
Einst wird er kommen im Sturme,
Wird wieder den Thron erhöhn!
Hoch vom Kifhäuser-Thurme
Wird rauschend sein Banner wehn!
Und gläubig, hoffend, blickte zur Bergeshöhe das umwohnende Volk, mochte diese in Wolkenschleiern erscheinen, oder unterm Azurbaldachin des Aethers. Immer und immer flogen die Raben um die alte Warte droben, aber die Hoffnung ließ sich nicht scheuchen von ihrem Krächzen, ihrem Flügelschlage, der an jedem Tage die Harrenden an ein langes Jahrhundert verwieß.
So kamen und gingen Jahrhunderte vorüber.
Eine neue Zeit war auf Schwanenfittigen herangerauscht, und aufs neue hoffte man, diesem Rauschen würden endlich die Raben weichen. Die prophetischen Stimmen wurden lauter und lauter, was Ahnung erst war, wurde Verlangen; was als frische unversiegbare Waldquelle in Verborgenheit murmelte, donnerte als Sturzbach; und durch die güldene Aue, durch die Grafschaften Mannsfeld, Schwarzburg, Hohenstein und ihre Nachbargebiete ergoß sich eine lautbrausende Fluth, die verheerend wuchs, und jeden Dammes zu spotten drohte. Thomas Münzer blitzte mit seinem Gideonsschwert, und donnerte mit der Kraft gewaltiger Rede, so daß die Fürsten und die Ritter zitterten, und sich erbangend fragten, was das werden solle?
Am Ausgang des Ortes Tilleda stand eine Waffenschmiede, in deren offner Werkstatt schon mit dem Beginn des Tages sich fleißige Hände rührten; vom Morgengold geröthet, blickte derKaiser Friedrich, so heißt Kifhausens alte Warte unter dem Volke in der güldenen Aue, gerade in die Werkstatt hinein, und dicht an dieser vorbei führte der Weg nach dem weitberufenen Berge. Der junge Meister, Ottmar war sein Name, stand abseit von den Gesellen, und hatte ein Ritterschwert in der Arbeit, jene aber waren beschäftigt, allerlei Waffen zu schmieden; die Bälge pfiffen und hauchten mächtig in die sprühenden, blauroth auflodernden Kohlen, das Löschwasser zischte, die Hämmer lärmten im Takt, dazu sangen die Gesellen ein Lied in welches auch der Meister einstimmte, und weiterhin durch den Ort und über die Flur schallte aus der Schmiede der lebenvolle Klang:
„Rüstig, rüstig, Eisen glühe!
Hammer poche, Funke sprühe,
Und der Arm sei nimmer müd!
Von der frühen Morgenhelle,
Rührt sich Meister und Geselle,
Schafft der wackre Waffenschmied!"
Vom nahen Bergwald schmetterten laute Frühlingssänger wetteifernd ihre Morgenlieder herab, und über den jugendlich aufsprossenden Saaten wirbelten Lerchen jubilierend ihre Hymnen, während der Gesang aus der Schmiede fortschallte:
„Harte Zeit will harte Werke!
Darum übe seine Stärke
Wem die Kraft der Herr beschied.
Waffen, Waffen, aller Arten,
Schwerter, Spieße, Hellebarten,
Schafft der wackre Waffenschmied!"
Der junge Meister schwang prüfend seine neugefertigte Klinge, und eine Röthe der Freude trat auf sein schönes Antlitz, das von Gesundheit und Lebensfrische blühte. Sein Blick flog dabei dem Dorfe zu, und blieb auf einer hochgebauten steinernen Kemnate haften, die burgähnlich, von einem breiten Wassergraben umgeben war, über den eine Zugbrücke führte. Dort wohnte der Ritter Till von Tilleda, ein finstrer wenig zugänglicher Mann mit seiner liebreizenden Tochter Engelbertha, deren Amme, die zugleich das Amt einer sorglichen Haushälterin versah, und einigen Knappen.
Der junge Schmied blickte so sehnsüchtig hinüber nach dem Ritterhaus, und dann wieder auf sein fertiges, hellpolirtes Schwert mit goldglänzendem Metallkreuz am Griff, daß er es ganz vergaß, in das Lied ferner einzustimmen, welches die Gesellen, immer munter arbeitend, zu Ende sangen:
„Schwingt den Hammer, faßt die Zange,
Und zum Stahl- und Eisenklange
Klinge drein manch heitres Lied!
Rüstig, rüstig, unermattet,
Bis der Feierabend schattet,
Schafft der wackre Waffenschmied!"
„So bist du denn fertig, mein gutes Schwert, das der grämliche Ritter bei mir bestellte, und ich trage dich hinüber in die Burg; ich bin vielleicht so glücklich, die wonneschöne Engelbertha wieder zu sehen, die so hold, so freundlich mit mir gesprochen hat!"
Also lauteten die Worte in Ottmars Selbstgespräch, während sein Auge verlangend nach dem Steinhause Tills hinüberblickte. Er wog das Schwert in der Hand, und dachte weiter: Dürfte ich dich doch behalten und dich schwingen für Engelbertha, jetzt, in bedrohlicher Zeit, wo ein wilder Geist durch die Welt geht, und die Freiheit ein blutrothes Panier schwingt. Wahrlich, es wird nicht lange dauern, so wird der Sturm auch über Tilleda brausen. Es wäre gut, wenn Ritter Till sich warnen ließe, und sich zu sichern suchte.
Ottmar kleidete sich in sein Sonntagsgewand, und verließ mit dem Schwerte in der Hand, die Werkstatt, nachdem er jenes zuvor in die schon bereit gehaltene Scheide gesteckt.
„Hurtig, Hans!" sprach der Altgesell Wigand zum Lehrjungen: „Lauf in die Schenke, und hole uns ein Morgentrünklein! Hier ist ein Plappert, laß Dir zwei Körtling herausgeben!"
Der Junge ergriff das Geld und den gewohnten Krug und that den gewohnten Gang, während der Altgesell seinen Hammer auf dem Ambos ruhen ließ, und dem Meister nachsah, nicht ohne einiges Kopfschütteln. Dann ging die Arbeit wieder rasch und rüstig weiter.
Es währte gar nicht lange, so kam Hans mit gefülltem Kruge wieder zurück, weit schneller wie gewöhnlich, und rief schon vor der Halle: „Neuigkeiten! große Neuigkeiten!"
Ein Hammer nach dem andern hörte auf zu klopfen, der große Blasbalg pustete nur noch matt, da er nicht von frischem angezogen wurde; die Gesellen, theils durstig, theils neugierig, oder beides zugleich, bildeten einen Kreis rusiger Gestalten um den Jungen, der Altgeselle aber griff ruhig nach dem großen Kruge, und setzte zum Trunke an, Hans jedoch keuchte und deutete nach dem Barbarossathurme, indem er nur die Worte hervorbrachte. „Dort! Dort!"
„Was hat der Blasebalg, der Windsack?" fragte der Altgeselle, den Krug weiter reichend: „Was will er wieder für eine Schnurre loslassen, um überm Schwatzen mit der Arbeit zu feiern! Warte, ich werde Dir eins aufbrennen!"
Hans ließ sich von dieser Drohung nicht schrecken, sondern fuhr Worte gewinnend sort: „Er ist da! Er ist da! Er läßt sich wieder sehen!"
„Wer? Wer?" fragten die Gesellen, und hell blitzten ihre Augen aus den von Dampf und Kohlenstaub geschwärzten Gesichtern.
„Der alte Friedrich! Wer sonst! Droben auf dem Kifhäuser!" berichtete Hans.
„Lüge, daß Du kohlenschwarz wirst!" rief nach einem tüchtigen Zuge, ein andrer Geselle.
„Beim starken Schmied von Jüterbogk! Mein Rücken soll zum Ambos werden, wenn ich lüge!" vertheidigte sich Hans. „Ich sage nur, was ich gehört drinnen im Dorfe, wo Kind und Kegel zusammenläuft."
„Das wäre ja ganz verwunderlich, wenn gerade jetzt der alte Kaiser wieder käme," nahm ein dritter Gesell das Wort, scharf hinaufblickend nach der sonnenhell angestrahlten Warte, auf welcher jedoch keine Fahne wehte, wie die Sage verhieß.
„Da sollte einer nach dem Birnbaum laufen, und sehen ob er etwa blühe!" schlug der jüngste der Schmiedeknechte vor, der die Sage genau kannte und dem sie das Herz umstrickte, und wiederholte sich in Gedanken die Schlußworte der alten Weissagung, die damals mehr, denn jetzt, im Volksmunde lebte:
da wird er (der Kaiser) seines Schildes Last
hangen an den dürren Ast.
Indem kamen schon einige Bauern an der Schmiede vorbei, die guten Morgen boten und in die Werkstatt hineinriefen: „Gebt Feierabend euerem Ambos, laßt Zange und Hammer Mittagsruhe halten! Vergönnt dem Blasebalg zu verschnaufen! Habt ihr nicht die neue Mähr gehört, daß der alte Friedrich droben erwacht ist? Hinauf! Hinauf!"
Ohne Antwort abzuwarten, eilten sie vorüber. Bald folgten andre in größrer Anzahl, hatten Karst und Rodhauen in den Händen, auch Steinhauen und Brecheisen, denn ein Theil davon waren Maurer und Steinbrecher, schwangen ihr Werkzeug und riefen: „Hohoho! Hallo! Feiertag heute! Heute brechen wir keine Steine droben, wird bald ein ganz andres Steinbrechen geben! Mauerbrechen! Kommt mit! Kommt mit! Der alte Kaiser ist auferstanden, und führt uns zum Siege gegen die Unterdrücker gemeiner Bauerschaft! Auf! Auf!"
„Na? habe ich nun gelogen?" fragte Hans, indem er lachend die elfenbeinweißen Zahnreihen zeigte, und den Krug ansetzte, der endlich mit geringer Neige an ihn gelangt war.
„Wollen wir nicht auch nachfolgen?" fragte der jüngste Gesell mit bewegter Seele. „Seht doch das ganze Dorf kommt heraus; da bringen sie schon Dreschflegel, Sensen, Mistgabeln, und schreien wie toll!"
„Wollen vorerst den Meister fragen, wenn er wiederkehrt!" antwortete der starke Wigand, und ergriff einen Haufen fertig geschmiedeten Waffenwerks, daran zwei Männer würden zu tragen gehabt haben, nahm sie wie eine leichte Welle Holz unter den Arm, und trug sie aus der Werkstatt hinweg in die Stube, denn er dachte es möchte die Menge ein Lüstchen ankommen, sich des Waffenvorraths zu bemächtigen.
„Holla ho! Jo doho!" erscholl wildes Geschrei, untermischt mit Jauchzen.
„Komm heraus! Wigand! Komm mit uns! Wir wollen den Kaiser hulden! Du sollst das Wort führen!"
„Danke, dasmal!" antwortete der Altgeselle kurz, und zog am Blasbalg, daß in erneuter Gluth die Oesse flammte, dabei stieß er einige spitze Eisenstäbe von ziemlicher Dicke in die Kohlen, die gar bald rothglühend glitzerten, zugleich gebot sein Wink den übrigen Gesellen rasch zur Arbeit zu greifen.
„Kommt mit uns! Wir wollen frei sein, wollen nicht mehr arbeiten! Feiert auch!" riefen die Bauern, dicht vor der Halle sich drängend. Andre schrieen, da schon der Lärm der Hämmer und das Rasseln und Klingen des Metalls ihre Stimmen fast übertönte: „Gieb Waffen heraus! Waffen!"
Plötzlich fuhr Wigand in jeder Hand ein glühendes Eisen mit grimmigen Gesicht auf die Menge ein, daß sie entsetzt zurückprallte, in der Meinung, der Gesell wollte sie brennen, und einige rücklings hinstürzten und rief unter dröhnendem Gelächter: „Wollt ihr von der Schmiede, Bursche! Euch soll das Wetter! Potz Velten!"
„Das Dich Gottes Marter schände!" schrie ein wüster Bauer mit drohend erhobenen und geballten Fäusten, dessen rother Nase das eine der Eisen wirklich ein wenig allzunah gekommen war. „An Dich soll's auch noch kommen, Gauch! Schwarzer Höllenbrand!" und verlor sich dann mit der davoneilenden Schaar.
„Glaubts nicht, Brüder! glaubts nicht, daß der Kaiser Friedrich droben ist!" ermahnte Wigand seine Kameraden. „Der kommt nicht wieder; das sind Mährlein, die sich recht hübsch anhören lassen in der Lichtstube beim Spinnrad, im Kreis der lustigen Dirnen, von denen bald die, bald jene ein Neues weiß, aber am hellen Tag ereignet sich dergleichen Wunder nimmer mehr. Werdet bald hören, was für ein Vöglein droben pfeift. Daß sich keiner einfallen läßt, mit dem Bauernvolk gemeine Sache zu machen!"
Die Gesellen sahen Wigand groß an, und dieser bemühte sich, ihnen auf sehr klar anschauliche Weise begreiflich zu machen, daß ein Mensch, der vor dreihundert Jahren gestorben sei, nicht nach dreihundert Jahren leibhaftig wieder erscheinen könne.
„Wo bleibst Du Barbarossa,
Und wann erfüllst Du Dein Wort?
Du hälst Dich im Berge verborgen
Und schlummerst in einem fort!"
„Bezaubert verharrst Du im Berge
Mit Deinem Kaiserkind!
Dir dienen geschäftige Zwerge,
Bezaubert ist all' Dein Gesind."
„Du sitzest und nickst beständig
Bei Tage, wie bei Nacht?
Wann sehen wir Dich lebendig
Aus langem Schlummer erwacht?"
„Einst wirst Du kommen im Sturme,
Wirst wieder den Thron erhöhn!
Hoch vom Kifhäuser Thurme
Wird rauschend Dein Banner wehn!"
So sprach Ottmar, vom kühlen Flügelschlag der Nacht umhaucht, und das Gefühl seiner heißen Liebe, der brennende Schmerz seiner heute erlittenen Erniedrigung, der Gedanke, so einsam auf einer verrufenen Stätte zu stehen, die in jedem Augenblick sich mit tausend geister- und spukhaften Gestalten erfüllen konnte, machte ihn zittern, doch regte die ungewohnte und eigenthümliche Situation ihn dagegen so mächtig auf, daß er mit seinem Stabe an den starren Thurm anschlug, und laut ausrief: „Wenn Du bist, so höre! Ich beschwöre Dich im Namen des dreimalheiligen Gottes! Spende mir ein Schwert, das den Wahn versteinert, das die Tollheit aufhält im Siegeslauf! Du Macht, die den Liebenden huldreich! Gewähre mir, zeige Dich mir, und ich will an Dich glauben und will Dich verkünden allem Volke, und will Deinen Namen preißen bis an das Ende meiner Tage! Gieb mir das Schwert, das Schwert!"
Der Verborgene, dem Sprecher so nahe stehend, daß er deutlich jedes seiner Worte vernahm, löste leise die Fäden, die sein Pilgerkleid festhielten, und streifte dieses ab. Nun stand er in einfach ritterlichem Hauskleid, und drückte sich ein rasch hervorgezogenes Baret von hochgelber Seide, ohne Federn, aber mit blitzenden Steinen besetzt, auf das Haupt und es glich im Mondenglanz fast einer funkelnden Krone.
Und vor Ottmar hin, der erwartungsvoll stand, trat plötzlich, wie aus der Erde emporgestiegen, die hohe Gestalt des Mannes, dessen bleiches Gesicht ein röthlicher Bart in reicher Fülle zierte; in dem Augenblicke zuckte ein meteorisches Wetterleuchten über den östlichen Himmel, und im Doppelglanz des Mondes und des Blitzes glühte das blanke Kreuz, das den Schwertgriff bildete.
Ottmar taumelte bestürzt zurück; die Geisterwelt, so schien es, öffnete ihre Flammenarme, ein Schauer überrieselte ihn; wenig fehlte, so wäre er der überraschenden Erscheinung zu Füßen gesunken, diese reichte ihm lautlos die Waffe dar.
Hastig griff Ottmar nach dem Schwerte, und die Augen zu dem Geber scheu emporrichtend, rief er halb laut: „Wer bist Du?"
„Ich bin der, den Du suchtest!" erklang im tiefen Ton die Antwort. „Ich erfülle Deinen Wunsch. Bekämpfe den Wahn! Hemme die Tollheit im Siegeslauf, wenn Du kannst!"
„Du bist, ja Du bist der Rothbart! Du erscheinst mir, hoher Herr und Kaiser, daß ich von Dir zeuge! Ist Deine Zeit gekommen? Schlug die Stunde Deines Erwachens?" so rief Ottmar, ganz dahin gegeben dem Glauben an das Geisterhafte der Erscheinung.
„Noch nicht!" sprach die Gestalt. „Doch magst Du drunten verkünden, daß Du mich gesehen. Wann ich komme, soll mein erster Ruf an Dich ergehen, und dort " der Sprecher deutete hinab auf die Mauerkolosse der Unterburg „wirst Du mich wiederfinden."
Ottmar folgte dem Fingerzeig; wie sein Blick zurückkehrte nach dem Sprechenden, war er allein, und nun erst kam Furcht und Bangen überwältigend über ihn. Er eilte von der Höhe, wo der Thurm steht, hinab, seine Kraft aber schien gelähmt, die Füße versagten ihm den Dienst, er fand den Pfad, den er herauf kam, nicht wieder, er gerieth in das weitläufige Innere der Ruinen. Dort hemmte eine umgestürzte zerbrochene Säule sein Weiterschreiten, hier ein Grabstein, dort that sich ein dunkles Thor auf, und ließ in einen Gang voll Nacht blicken, dort lockte eine Wendeltreppe aufwärts, aus deren Steinfugen Gras und Kräuter sproßten. Wie eine Ermattung befiel es den Einsamen, wie mit magischer Formel benedeit, sank er in Schlummer, doch bald weckte ihn ein Tönen, das wie unterirdischer Donner klang, aber ehern, als werde tief unten die große Erfurter Domglocke angeschlagen. Ottmar fühlte sich sinken, tief, immer tiefer, er sah nun Gestalten an sich vorüberhuschen, abenteuerlicher, phantastischer, als jemals die Sage sie ihm gemalt, er sah sich wandeln an eines dunkeln Führers Hand, und bald umgab den Staunentrunkenen alle Pracht des unterirdischen Barbarossaschlosses. Mächtige spiegelnde Marmorsäulen trugen die runden Bogen des Gewölbes, eine Ueberfülle bizarrer und wunderlicher Figuren zierte die reichen Kapitäler. Auf einem Thronsessel von Elfenbein, in welches Goldarabesken eingelegt waren, saß der, der vorhin ihm erschienen war, im Halbschlummer der Verzauberung nickend, mit den Augenliedern zwinkernd, und der rothe Bart war durch den silberweißen Marmeltisch gewachsen. Neben ihm, auf goldnem Stuhl, saß die Prinzessin, ein wundersam schönes Jungfräulein, und stützte das blaßrothe Antlitz, und schlief. Rundum saßen oder lagen, ebenfalls im Zauberschlafe befangen, hohe Helden im glänzendem Waffenschmuck. In den großen und weiten Gewölben aber neben dieser Prachthalle schlummerten noch viele Tausende längs der flimmernden Wände, und in der Mitte dieser Räume standen Steintruhen voll Goldes, Silbers, voll Edelsteine und Kleinode, und an den Wänden hingen zahlreiche Waffen, Schwerter, Hämmer, Aexte, Lanzen, alles nach alter Art und glänzende Rüstungen.
Eine seltsame Helle, wie das erblichene Tageslicht bei großen Sonnenfinsternissen, machte das Alles sichtbar.
Ottmar blickte wie ein Träumender drein. Er ward wieder hinweggebracht durch düstre Gänge, in welchen helle Krystalle blitzen, Goldadern leuchteten, Karfunkelsteine glühten. Eine Binde fiel von seinen Augen, und er fand sich sitzend unter Trümmern, auf rohem Steinblock, doch hatte die Ueberdachung einer kleinen Vorhalle ihn einigermaßen geschirmt gegen die Kühle, die nach Mitternacht den Berg überschauerte. Jetzt dämmerte schon im Osten der Morgen herauf, Ottmar griff sich verwundert an die Stirn, erhob sich und seufzte: „So habe ich eine Nacht hier oben verträumt, und alles war nur ein Traum, toller Traum!"
Da klang es neben ihm wie Metall, das Schwert war durch seine Bewegung auf den Stein geglitten. „Ha! Und doch wahr, doch! Hier ist das Wahrzeichen! das Zeichen, daß es wahr ist, was ich sah und hörte! Dies Schwert! Gemahnt mich's doch an das meine, das der Ritter so trotzig höhnend verwarf! Wohlan denn, ich will der Stunde harren, da ich oder er es brauchen werden!"
So sprach Ottmar und schlug sich abwärts durch die Gebüsche. Der Morgenwind erhob sich, und umwehte den Wandrer der Frühe, wie mit klirrenden Flügeln. Es war als flüstre geheimnißvolle Melodie zum Rythmus seines gleichmäßigen Schrittes, es war, als drängen aus der Tiefe oder aus weiter Ferne, die Worte an sein Ohr:
Wen Furcht und Reue nicht quälen,
Der wandelt unversehrt.
Wen Muth und Liebe beseelen,
Bedarf kein Zauberschwert.
Von Reblingen her zog mit der Frühe desselben Morgens ein großer revoltirender Bauernhaufe, um diejenigen, die sich mit ihnen noch nicht vereinigt, zu ihrer Genossenschaft zu zwingen. Sie jauchzten und jubelten, sangen, fanatisch entflammt, geistliche Lieder, und von Dorf zu Dorf wurde größer die Schaar, die sich nach Tilleda zu wälzte.
In der Kemnate zu Tilleda, welche an der Stelle stand, wo ehemals die Pfalz der Kaiser des Sachsenstammes gelegen war, bebten die Herzen der Bewohner, denn diesen Bewohnern nahte bedrohlich das heraufziehende Unwetter des Bauernschwarmes. Schon von weitem war das Geschrei der Schaar tosend vernehmbar, man sah die bäurischen Waffen blitzen, und hoch erhoben zeigte sich über einem rothen Tuche das Feldzeichen dieser „christlichen Verbrüderung", das Rädlein eines Pfluges.
Die Anwohner des Dorfes liefen zusammen in hellen Haufen, theils um die Schaar kommen zu sehen, theils sich mit ihr zu vereinen.
Händeringend, von Angst überwältigt und rathlos gab Elfriede alle Zeichen weiblicher Furchtsamkeit von sich. Sie raffte dieß und jenes kostbare Geräth zusammen, um es bald wieder fallen zu lassen und nach anderm zu greifen. Ihre zagende Seele dachte nur an Flucht. „Komm, traute Engelbertha, komm! Wir wollen fliehen! Jetzt sind sie noch nicht da! Noch ist's Zeit!"
„Ich fliehe nicht, ich bleibe, wo der Vater bleibt!" sprach entschieden das junge Mädchen, und ein heldenherziger Entschluß sprach aus ihren flammenden Augen.
Rasselnd, von Kopf bis zu Fuß im blanken Harnisch, trat jetzt Ritter Till ein, doch offnen Visirs:
„Rufe Alle zusammen!" befahl er dem Knappen, der ihn gewappnet hatte. „Nicht wohlfeil verkaufe ich Gut und Leben! Laßt sehen, was eine, wenn auch alte, doch tapfre Faust vermag!" „Siehst Du Elfriede," wandte er sich zu der Jammernden: „jetzt thäte Geisterhülfe Noth!"
Ein Hornruf schmetterte draußen. Engelbertha warf sich mit Thränen in den Augen an des Vater gepanzerte Brust, der Ritter küßte die Tochter zärtlich. Ein Knappe trat ein: „Herr Ritter, die Bauern kommen in Haufen das Dorf herauf!"
„Kommen Sie? Wohlan, so komme auch ich! In Haufen sie ich fast allein. Haltet euch stille ihr Beiden! Zeigt euch nicht am Fenster! Betet, derweil ich kämpfe! Gott sei mit mir, mit euch!"
Klirrenden Schrittes ging der Ritter, und entschloßnen Muthes, und ließ Engelbertha bei der verzagenden Elfriede. Draußen begegnete ein zweiter Knappe, mit einem Pfeil, an dem ein Brief hing, der von den Vorboten über die Zugbrücke geschossen worden. Rasch riß Till das Schreiben auf, es war unleserlich genug gekritzelt; sein Inhalt war kurz und verständlich:
Unsern willigen Dienst zuvor, ehrbarer, vester Jungherr in Christo!
Wir geben Euch zu erkennen, daß wir das Kloster Sittichenbach eingenommen haben, auf andre christliche Brüder allda zu verharren.
Darum, vester Jungherr, ist unsre Bitt an euch in christlicher Treu, wollet zu uns kommen mit andern christlichen Brüdern, dann uns mehr Adels zugeschrieben haben, zu uns noch heut mächtiglich zu kommen, und uns das heilig Evangelium und Wort Gottes und die Gerechtigkeit helfen handhaben, schützen und schirmen. Solches wollen wir Euch um Christus Willen nit bergen. Bitten schriftliche Antwort.
Hauptleut und Sammlung (= Versammlung, Gemeinschaft, sk) der Bauerschaft vor Osterhausen und zu Frankenhausen.
„Ha des Schimpfes! Fluch allen Feiglingen von Adel, die sich verbrüdern mit dem Bauerspack!" rief Till entrüstet, und schleuderte den Brief zur Erde. „Kein Bündniß, keine Verbrüderung! Jagt den Briefträger mit Schüssen fort!"
Ungern gehorchten die Knappen. Ein freundliches Wort hätte Tills Haus verschont, aber ihn auch zum Mitgenossen jener Zügellosen gemacht. Doch hatten weit größere und reichere Ritter, ja Grafen und Fürsten sogar, die Stimme der Klugheit gehört, der dringenden Nothwendigkeit sich gefügt.
Tills Stolz verschmähte es, zu thun wie Jene, die gezwungen zu den Bauern hielten, und dann zu Lügnern an ihnen wurden; er erwartete den Angriff, und dieser ließ nicht lange auf sich warten.
Bald umtoste rasendes Getümmel das feste Haus. Schüsse krachten aus einigen Wallbüchsen. Steine flogen gegen die Zugbrücke und das Thor, ein Regen von Bolzenpfeilen schmetterte gegen die Fenster.
In eine Ecke des Zimmers geschmiegt, lag Elfriede heulend am Boden, Engelbertha aber trat in des Vaters Rüstkammer, setzte sich einen leichten Helm auf, ergriff ein Schwert und eilte dem Vater zu Hülfe.
Die Ketten, welche die Zugbrücke hielten, zersprangen von wiederholten Steinwürfen, und dem Drängen und Stoßen des stürmenden Haufens wichen die eichenen, mit breiten Nägeln gefesteten Thorflügel. Zwischen das lauttobende Geschrei, den Lärm, das Gekrach, die Schüsse der Vertheidiger schallte wie ein Hohn der kirchliche Gesang im vollen Bauernchor:
„Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten Glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm Ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem Elende.
Kyrie eleison"!
Die Bauern fochten und kämpften mit Löwenmuth im Bewußtsein ihres guten Rechts und ihrer guten Sache; der bisherige Erfolg des Aufstandes war glänzend, von allen Landen kamen günstige Nachrichten. Sie bedienten sich zu Erreichung ihres Verlangens eines grausamen Mittels, aber es bot sich den Geknechteten kein andres dar.
Bald war das Haus erstürmt, der Ritter sank verwundet von einem Axthieb, Engelbertha brach ohnmächtig zusammen, die Knappen entrannen, so weit es ihnen gelang, und Till, Engelbertha und Elfriede wurden gebunden durch die siegtrunkene Menge geführt, deren Gesang des Lutherliedes fortklang; ein grausamer Widerspruch ihres grausamen Thuns:
Plötzlich entstand ein neues Getümmel, lautes Geschrei unterbrach den Gesang, der Haufe stob auseinander, und eine kräftige Stimme donnerte: „Gieb Raum, Gesindel! Platz für brave Leute!" Schwere Hiebe fielen auf die Widersetzlichen. Engelbertha blickte auf, und schrie laut: „Ottmar!"
Er war es, der entflammt heran stürmte, hoch sein Schwert schwingend, gefolgt von dem kräftigen Wigand und all seinen Leuten, sämmtlich wohl bewehrt; auch Hans lief mit und schrie den Bauern mit lauter Stimme zu : „Hütet euch! Um Gottes Willen, hütet euch! Der Meister hat ein Zauberschwert, hat es in voriger Nacht vom Rothbart empfangen! Was er damit anrührt, wird zur Salzsäule!"
Ottmar aber drängte sich an den Ritter heran, Wigand schleuderte mit leichter Bewegung der Arme rechts und links die Bauern zur Seite und zu Boden, die den Ritter hielten, wobei es sich traf, daß er auch jenen Rothnäsigen wieder erfaßte, der am gestrigen Tage so sehr gedroht hatte, und Ottmar rief: „Nehmet hin dieses Schwert, Herr Till auf Tilleda! Schließt Euch an uns an! Wir führen Euch und die edle Jungfrau aus den Händen dieser tollen Rotte!"
„Aus der Hand des Rothbart, des Kaisers Friedrich, hat er ein Schwert empfangen? Hütet euch! Laßt sie Alle ledig!" So ging es erst flüsternd, dann lauter von Mund zu Mund durch den erstaunten Schwarm, und das Häuflein der Befreiten sah sich schützend umringt von den rüstigen Männern, die Ottmar führte. Wigand trug eine eiserne Schürstange in den Händen, stieß sie auf einen Stein, wie eine Hellebarde, daß sie klingend dröhnte, und schrie: „Bekehret euch! Laßt Jene unangefochten ihres Weges ziehen, sonst will ich euch mit dieser Elle eins anmessen!" Die Bauern standen, stumm und verwundert gaffend, wie Mauern, dann fielen sie allzumal in das Haus, brachen ein und auf, wie es kam, plünderten und räumten, schleuderten Brandfackeln in die Gemächer, und sangen dazu, ein wilder schrecklicher Chorus:
„Du höchster Tröster in aller Noth,
Hilf, daß wir nicht fürchten Schand noch Tod!
Daß in uns die Sinne nicht verzagen,
Wenn der Feind wird das Leben verklagen!
Kyrie eleison!"
Wie betäubt, mit seinem Denken fast der Gegenwart entrückt, die Hand auf die klaffende Wunde pressend, schritt der Ritter im Kreise seiner Begleiter, beschämt, vernichtet. Sein gebrochener Stolz verursachte ihm größern Schmerz, als die zerschmetterte Schulter.
Elfriede wimmerte und heulte, und blickte rückwärts, wo Gesang und Geschrei durcheinander tobte, und dicker Dampf schon dem Dach der Kemnate entqualmte, den bald züngelnde Flammen feuerroth durchloderten. Engelbertha lohnte Ottmars Treue mit den innigen Blicken ihres heißen thränenvollen Dankes, und suchte den Vater zu stützen. Der Retter aus den rohen Händen einer zügellosen Raubrotte führte Alle den Kifhäuser empor.
Es war ihm, als müßten sie da am sichersten sein, er glaubte, es müßten sich die geräumigen, unterirdischen Hallen wiederfinden lassen, auch war der Berg und sein Trümmerschloß das einzige, was für den Moment Zuflucht gewähren konnte. Längst den Blicken Nachschauender durch die Waldung verhüllt, sandte er Wigand und die andern Gesellen zurück, sein Haus zu wahren. Er konnte dieß getrost thun, denn die Bauern fürchteten die Riesenkraft Wigands, und nicht einmal in Masse wagten sie, sich mit ihm zu messen. Zugleich brauchte Ottmar die Sorgfalt, seinen Leuten aufzutragen, sie möchten die etwa Fragenden nur dahin berichten, er habe den Ritter und die Jungfrau über den Berg nach Heringen geleitet. Hans leistete den Fliehenden noch Gesellschaft, um zu Diensten zur Hand zu sein.
Erschöpft erreichten Alle die Trümmer; die Mittagssonne brannte heiß, doch kühlte und erquickte auf dem Kamm die frische Bergluft. Von ferne drang noch wüstes Geschrei, kaum hörbar, empor.
Mit der zerrissenen Schärpe Tills ward dessen Wunde verbunden, nachdem Ottmar Blätter der heilenden Bergwürze zerquetscht, und ihren Saft aufgeträufelt hatte. Ein kleines Thurmgemach, noch ziemlich wohlerhalten, zu dem als einziger Zugang eine schmale Treppe führte, gewährte das erste Obdach. Dem verwundeten Till ward ein Lager bereitet, zu seiner Seite lag das Schwert. Hans wurde hinab in das Haus gesandt, um manches zu holen, was zur Erquickung und Bequemlichkeit dienen konnte. Ottmar ließ die Frauen bei dem Ritter allein, und stieg zur Oberburg empor, um am Fuß der Warte herabzuschauen, was die Bauernrotte wohl weiter beginnen würde. Als er da droben stand, schien ihm alles, was seit gestern begegnet, ein wunderlicher Traum. Es war ihm, als müsse die räthselhafte Erscheinung der Nacht noch einmal vor ihn treten, und ihm den Pfad seines Wandels vorzeichnen. Aber Niemand erschien und nichts unterbrach die hohe Stille des Naturfriedens auf dieser grünen, im Lenz paradiesisch schönen Höhe. Hinabblickend auf die gottgesegneten Fluren der güldnen Aue sah er, wie der Bauernschwarm Tilleda verließ, und wieder nach Sittigenbach und Osterhausen zu zog, gleichzeitig aber gewahrte er eine Reiterschaar nach jenen Orten die Richtung nehmen, und sein scharfes Auge unterschied deutlich mansfeldische Farben und das Wappen dieser Grafen im Pannerfähnlein.
Schmerz und Freude zogen durch des Jünglings Seele. Freude, daß er sein angebetetes Herzenskleinod retten durfte und konnte, Schmerz, daß diese Rettung ihm nicht früher gelungen war. Die Kunde von dem heranziehenden Bauernschwarme war erst spät in seine entfernter liegende Werkstatt gedrungen.
Ungewiß, was nur weiter zu beginnen, entschlossen, einen noch sicherern Zufluchtsort zu suchen, immer noch der Hoffnung Raum gebend, in den unterirdischen Kellern und Gewölben einen solchen zu finden, der neben vollkommener Sicherheit auch alle mögliche Bequemlichkeiten darböte, ging er zu seinen Geborgenen zurück. Ermattung hatte über alle drei ihre Schlummerflügel gebreitet. Der Ritter lag langgestreckt; ernst, ja streng war sein Antlitz zu erschauen. Engelbertha saß auf einer Steinbank, und hatte das schöne Haupt zurückgelehnt; die zarten Wimpern waren geschlossen, die Ringellocken frei um den weißen Hals und die tiefathmende Brust; eine Hand lag offen im Schooße, die andre ruhte auf dem Herzen. Elfriede kauerte am Boden, und hatte den Kopf in den Schooß geborgen.
„Sie schlummern Alle!" flüsterte sich Ottmar zu, und nahte leisen Trittes. „Schon kehrt die natürliche Röthe der Anmuth und Jugendfrische auf Engelberthas Wangen zurück, die heute der Schreck und der Schmerz gebleicht hatte. O geliebte Engelbertha! Darf ich Armer denn so sagen? Darf ich hoffen? O wie zieht es mich hin zu Dir, unwiederstehlich!"
In höchster Aufregung aller Empfindungen heißen Liebesverlangens nahte der Jüngling seiner Geretteten, er beugte sich über sie, er lauschte dem Wehen ihres Athemzugs, er hauchte einen Kuß auf ihren Mund!
Plötzlich fuhr Till empor, und schrie mit zornerstickter Stimme: „Ha Bube! Lüstet's Dich nach solchem Lohn? So treffe Dich der meine!" Die Frauen fuhren schreiend vom Schlaf auf, der Ritter hatte rasch sein Schwert ergriffen, und holte zum Hieb aus. Engelbertha warf sich in seine Arme, und rief: „Halt ein, mein Vater! lohne nicht mit Undank den Retter meines Lebens, meiner Ehre, den ich liebe!"
„Du liebst ihn? Ungerathene! Wehe Dir und mir!" rief Till mit gebrochener Kraft. „Wirft sich das Gold an das Eisen weg? Dann sei verworfen auch von mir!"
„Vater! Vater!" wimmerte Engelbertha.
„Zorn Gottes!" fuhr, seine schwindende Kraft gewaltsam sammelnd, der Ritter fort: „Ist denn in den Sternen beschlossen, daß der Pöbel mich zu seines Gleichen machen soll? Habe, Gut, Ehre raubte mir seine Frevelhand, jetzt streckt sie sich nach meines Lebens Leben aus, nach meiner Tochter! So hab' ich lang genug gelebt, und dieses Schwert, das heute mich befreite, thue mir noch den letzten, besten Dienst!"
„O haltet ein, Herr Ritter!" rief Ottmar. „Straft mich für meinen Frevel, nur bringt dieses theure Kind nicht zur Verzweiflung!"
Ein lauter Angstschrei, den plötzlich Elfriede ausstieß, lenkte jetzt Aller Blicke auf einen hohen Mann, der eingetreten war, ohne daß es die Anwesenden in ihrer Aufregung bemerkt hatten. Auf seinem Haupte leuchtete ein golddurchwirktes Baret, das bleiche ernste Gesicht umkrauste ein goldrother Bart. Engelbertha erbebte.
Der Mann trat mit Ruhe zu Till, und nahm das Schwert aus dessen Hand, während Ottmar, befangen von einem vorgefaßten Wahn, umstrickt von Wunderglauben an die alte Barbarossasage tiefehrerbietig sprach:
„Königlicher Geist dieses Berges, Du forderst das rettende Schwert zurück, das Du in voriger Nacht in meine Rechte legtest! Nimm es mit Dank, und sei uns gnädig."
Till dagegen fuhr exaltirt auf: „Wer bist Du Spuk, Popanz! Was unterfängst Du Dich, mein Schwert zu nehmen? was hinderst Du mich in Ausübung meiner gerechten Rache gegen jenen Ehrlosen?"
Der Blick des Fremden musterte die Anwesenden mit großer Ruhe, er blieb mit Antheil an Engelberthas angstbelebten Zügen hangen, mit Antheil betrachtete er Ottmar , dann blitzte sein Blick zürnend und strafend auf Till. „Dir soll ich Rede stehn? Wohlan, ich will," sprach er dumpf und ernst. „Wenn ich gesprochen habe, wirst Du verstummen, Till auf Tilleda. Ein Mährchen will ich Dir erzählen, höre zu. Es war einmal ein feiner Rittersmann, der minnete ein züchtiges Bürgerkind drüben in Heldrungen, das eine Weise war, und auf dem Schlosse diente. Die arme Maid, bethört von ihrer eignen Neigung und seiner Werbung gab ihm Gehör, und als sie nun, von dem schönhöfelnden Junker zur Mutter gemacht, an seine Schwüre und Verheißungen ihn erinnerte, verstieß er sie, hohnlachte er ihrem Schmerz, ihrer Qual, und schwur sich los von ihr, wie ein Bube. Die Arme ward hinweggetrieben, fand als eine Ehrlose, Geschändete, nirgend Aufnahme, und als endlich ihre Stunde kam, gebar sie ein Söhnlein hier hier in einer Kellerhöhle der alten Kaiserburg. Eine mitleidige Hirtenfrau, arm wie sie, leistete ihr Hilfe. Hier ist sie, ihren Verführer verfluchend, gestorben, drüben am rothen See gruben ihr die Hirten ein Grab, dort wandert noch ihr Geist! Das sind vierzig Jahre her, Herr Till von Tilleda!"
Der Ritter stöhnte im Schmerz tief auf, und bedeckte sein Gesicht mit einer Hand. Der Erzähler fuhr streng fort: „Nicht wahr, das ist ein recht alltägliches Mährlein? eine Geschichte die leider alle Tage noch nur allzuwahr sich wieder ebenso begeben kann? Doch hört! Die Frau des Hirten wußte von der Sterbenden, wer des Söhnleins unnatürlicher Vater war, sie trug es dem Ritter in sein prächtiges Haus; er hatte jetzt ein schönes junges Weib, und war noch stolzer, wie zuvor. Sie sagte ihm alles, da tobte er, und schrie: „Wirf diese Brut den Raben hin zum Fraß, die um den Thurm des Kifhäusers fliegen, oder wenigstens suche einen andern Narren Dir, den Du mit Deinen Lügen berücken magst! Weilst Du noch einen Augenblick auf meiner Schwelle, so soll der Vogt Dich stäupen!" Das arme Weib entfloh eilend mit dem winselnden Wurm, der noch nicht einmal getauft war. Der Hirt und sein mitleidig Weib beschlossen um Gottes Willen ein Werk der Barmherzigkeit zu thun, und das Kind als das ihre aufzuziehen. Wie sie's nun wollten taufen lassen, wollte Niemand Pathe sein; da sprachen Hirt und Hirtin: „Gott sei's geklagt! So thät es Noth, wir bäten Kaiser Friedrichen zu Gevatter!" Im Augenblick trat ein Pilger des Wegs daher, sprach um einen Trunk Wasser an, und sah das Knäblein, und hörte sein Unglück. „Wohlan, mich sendet Gott," redete er zu den armen Hirten. „Ich hebe das Kind!" Und als der Pfarrer fragte, wie das Kind heißen solle, so sprach der Pilgrim: „Friederich!" Gleich nach der Taufe hing er ein uraltes wunderliches Goldstück mit einem Oehr um des Kindes Hals, und sprach zu den voll Ehrfurcht dankenden Hirten: „Dieß Kind wird einst eine Krone tragen!" Dabei leuchtete des Pilgrims Gesicht wundersam, und Hirt und Hirtin fielen vor ihm auf ihr Antlitz. Als sie sich erhoben, war er hinweggeschwunden. Diese Leute glaubten bis an ihr Lebensende, daß jener Pilgrim Friedrich der Rothbart selbst gewesen, und sagten das dem Knaben, als er erwuchs, viele hundertmal. Oft hütete der Knabe die kleine Heerde hier oben auf dem Berge, und viel Wunderbares ist ihm da begegnet. Doch es starben ihm die Pflegeeltern; mit seinem Kleinod, seinem Taufbrief als Hirtenlohn und seiner dürftigen Kleidung strich er fortan in Gemeinschaft mit seinem Ziehbruder bettelnd durch das Land. Da kamen eines Tages die Knaben an ein Ritterhaus, und Fried bettelte den Ritter an, der sein Vater war, und eben heimkehrte von einem Jagdritt. Der Ritter hieb mit der Peitsche auf ihn ein, daß er blaue Striemen in Menge davon trug, und er weinte laut, und floh, doch fluchte er dem schändlichen, nichtswürdigen Ritter nicht. Weit von der Heimathflur, in Langensalza, nahm aus Mitleid ein Schneider die Heimatlosen, Namenlosen auf, dem diente Fried lange Jahre als Junge, als Knecht, war treu und fleißig, trug sein unverdientes Unglück still, und stellte die Rache Gott anheim. Von Zeit zu Zeit pilgerte er auf den Kifhäuser und weinte auf dem Grabe seiner Mutter. Oft und öfter sah er in Träumen den Pilger erscheinen, der ihn aus der Taufe hob, und hoffte, daß er ihn noch einmal schauen werde von Angesicht zu Angesicht. Noch sah er ihn nicht, und er harrt noch seiner Zeit, die nicht lange mehr sein kann, denn schon sind Zeichen geschehen. Münzer hat sein Pannier aufgeworfen mit dem bunten Regenbogen, dem Zeichen des Friedens, der die Welt umspannen soll; ehe jedoch der Regenbogen am Himmel der Zeit schimmert, muß der Herr im Wetter vorüber wandeln, und die Frevler niederschmettern, die am Allerheiligsten gefrevelt, an ihren Brüdern. Unsrer sind eine große Zahl aus Langensalza zu Münzers Heer gestoßen. Meine Schritte aber hat der Herr hierher gelenkt, daß ich da, wo ich die Heerden einst geweidet, auf der Bergestrifft, nun mein Auge weide an seiner gerechten Rache, die ich in seine Hand gegeben. Soll ich weiter reden, Ritter Till auf Tilleda?"
Noch einmal stöhnte der Ritter auf, hob die Hände, machte stumme Zeichen der Verneinung, öffnete den Mund zu einem Ausruf, brachte ihn aber nicht hervor. Die Sprache war ihm genommen, ein Schlagfluß hatte ihn getroffen. Zurücksinkend winkte er Ottmar und Engelbertha, sich ihm zu nähern, Beide sanken vor ihm auf die Knie, und er vereinigte ihre Hände. Elfriede kniete voll Herzensangst und kreuzigte sich. Der Fremde war verschwunden. In den Armen der Tochter und ihres Geliebten verschied, ehe eine Stunde verging, der Ritter.
Wenige Tage darauf fiel jener schreckliche Schlachttag, an welchem über siebentausend Bauern und ihnen verbündete Bürger dem Racheschwert der Fürstenmacht erlagen, wodurch ihr Bündniß und ihr Aufstand in Thüringen vernichtet wurde. Thomas Münzer ward in den Kerkerthurm zu Heldrungen geworfen, ehe sein Haupt zu Mühlhausen fiel. Ottmar führte Engelbertha, des Ritters verlassne Tochter, als seine geliebte Hausfrau in seine Wohnung, und bestrebte sich, sie glücklich zu machen.
Von dem Erscheinen des Kaiser Friedrich auf dem Kifhäuser war keine Rede mehr.
„Ich muß, ich muß hinauf, theures Weib," sprach Ottmar leise zu seiner Hausfrau, als Beide in die Wohnstube zurückgekehrt waren. „Ich muß sehen, was an dem Gerücht ist, und ob Er vielleicht wieder zum Vorschein gekommen, der damals so spurlos verschwand?"
„Mein Herz ist bang um ihn!" antwortete Engelbertha. „Es ist recht, gehe hinauf, doch gehe nicht allein, nimm die Gesellen mit, und waffnet euch, morgen ist ja Feiertag, und da heute die Himmelfahrtsnacht, so strömt ohnehin das Volk gern auf den Berg. Wenn Du vielleicht die Nacht droben bleibst, und es ereignet sich etwas Sonderliches, so sende mir einen Boten hinunter, daß ich Nachricht von Dir empfange."
Droben in der öden und einsamen Bergkapelle, die nur an wenigen Tagen des Jahres noch andächtige Beter in sich versammelt sah, deren einstige Pracht mehr und mehr verfiel, saß ein abenteuerlicher Mann mit verwirrtem Haar, und mit irrem Blick. Er hatte auf dem Schooße ein abgeschabtes Mäntelchen von rother Wolle, und nähte eilfertig daran, bisweilen ruhte jedoch seine Hand und seine Auge starrte trübe vor sich hin. Ein verglimmendes Feuer trieb noch kräuselnde Rauchwölkchen empor, durch welche die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster brachen, hell schienen. Rankendes Gezweig draußen stehender Bäume warf spielende, schwankende Schatten in das nicht allzugroße, jetzt unheimliche Gotteshaus, darin ernst das schwarze Wunderkreuz über dem Altar stand.
„So, noch einen Hasenschwanz, dann sind wir fertig!" plauderte irre der räthselhafte Mann vor sich hin. „Einen Stich noch, dann Faden ab! Gott sahe alles an, was er gemacht hatte, und es war alles sehr gut. Auch ich bin höchst zufrieden. Was fehlt diesem Purpurmantel? Hasenschwänzlein statt Hermelinverbrämung Alles eins. Die Krone her, die Krone! Freilich, Deine glänzte reicher, Bockhold, Du glücklicher Schneider, der zum König ward! Doch blutig hast Du büßen müssen, während mir zu entweichen gelang. Und mir gebührte doch auch eine Krone! Sie ward mir ja verheißen! Mein Scepter ist der schlanke Wanderstecken, daran man sich doch stützen und halten kann. Das hat vor manchem Kaiser- und Königsscepter er voraus. Nun fehlt nur noch ein Reichsapfel, dann habe ich die Kleinodien beisammen! Wo find' ich den, wo find' ich den?" „Ha dort! dort grinzt ein bleicher Todtenkopf im Winkel! Komm hervor! Bist du auch morsch und wacklich, wie das Reich?"
Der Fremdling erhob sich, hing sich das Mäntelchen um, setzte sich eine von Flittergold und Pappe gefertigte Krone auf, stützte sich auf den Stab, und ergriff den Schädel. „Haha! Nun ist der Kaiser fertig!" fuhr er fort im lauten Selbstgespräch. „Nun schelte mir einer die Schneider! Aus Schneidern können Könige und Kaiser werden, wenn aber Kaiser und Könige schneidern sollten o weh! Die zerschneiden ganze Länder und balgen sich um die Flicklappen. Das ist eigentlich sehr lustig wenn es nur nicht auch wieder sehr traurig wäre! Armer Fried! Wo ist denn nur Dein Reich, Dein Schloß, Deine Herrlichkeit? Da liegts zerfallen, ach und zerfallen bin ich selbst mit der Welt, mit mir eine wandelnde Trümmer, jaja!"
Das Feuer war zu einem Aschenhäufchen verglommen; der phantastische Mann vernahm Geräusch, Stimmen, Lieder.
„Kommen sie endlich! endlich! meine Unterthanen und wollen mir huldigen!" rief er mit einem Blick voll Freude, dann aber überkam ihn wieder eine bange Scheu; und er barg sich in einem seitwärts stehenden vergitterten, gothisch verzierten Beichtstuhl von Eichenholz, daß Niemand ihn sehen sollte.
Der Zug der Wallfahrer wimmelte in die Kapelle. Eilig säuberten fromme Hände das Kirchlein und bereiteten es vor zum morgenden Feierdienst. Grüne Maien, unterwegs der Waldung entwandt, bedeckten bald den Boden, wölbten sich zu Bogen, und Kränze von den Händen der Mädchen gewunden, wurden überall aufgehangen.
Bald stand das schwarze Kreuz vom lebendigen lichten Grün umkleidet. Die Frauen und Jungfrauen sangen während ihrer Arbeit:
„Schmückt die heilige Kapelle
Mit der Frühlingsblumen Reiz!
Schlinget grüne Maienkränze
Um das wunderthätige Kreuz!"
Als das Kreuz geschmückt war, fielen Alle auf ihre Knie, und es sangen die Männer:
„Wir wandern und wallen
Von nah und von fern!
Danklieder erschallen
Am Kreuze des Herrn."
Dann begann der weibliche Chor wieder mit hellen und sanften Stimmen:
„Morgen ist ein Tag der Freude
Feierlieder klingen nur.
Festlich schmückte sich die Erde,
Da der Herr gen Himmel fuhr."
worauf Alle im vollen Chor sangen:
„Wir hoffen zu finden
Und hoffen so gern
Vergebung der Sünden
Am Kreuze des Herrn."
Dann betete ein Priester und weihte gleichsam für den morgenden Gottesdienst und das Meßopfer das Kirchlein wieder ein. Kruzifix und Kirchenfahnen wurden befestigt, aufgestellt, und die Waller zerstreuten sich in Gruppen auf dem Berge und in den ehrwürdigen Ruinen, theils sich des wonnevollen Lenztages zu erfeuen, theils Anstalten für das Uebernachten an bequemen Stellen zu treffen. Bald war ein mannichfaltiges buntes Menschengewimmel auf dem Berge zu erblicken; zu den Wallfahrern gesellten sich theils Neugierige aus Tilleda, welche nach dem wiedererstandenen Kaiser Friedrich sich umschauen wollten, theils andere Bewohner der Nachbardörfer, welche die Himmelfahrtnacht und den Festmorgen bei lodernden Freudenfeuern auf dem Berge zubringen wollten. Solches zu thun, waren sie seit lange gewohnt, und diese fortgeerbte Gewohnheit mochte wohl im grünen Boden der deutschen Vorzeit wurzeln.
Unter den Gekommenen waren nun auch Ottmar und zwei seiner Söhne, von achtzehn und sechzehn Jahren, die gebeten hatten, den Vater begleiten zu dürfen, und ein Theil der rüstigen Gesellen. Sie durchstrichen vereint die Ruinen, fragten und wurden gefragt; Niemand hatte den Rothbart gesehen. Endlich nahten sie der Kapelle, und kamen eben dazu, als ein Mönch, welcher mit Wallfahreranzug gekommen war, sich dem Beichtstuhl nahte, weil ein junges Weib aus dieser Schaar zu beichten Verlangen trug. Entsetzt, und sich bekreuzigend, prallte der Mönch zurück, als er den Sitz schon eingenommen fand von einer Gestalt, die wunderlich und schrecklich anzuschauen war; mit einem Schrei enteilte das Weib aus der Kirche, und rief draußen Allen, die es hören wollten, zu, was sie erblickt hatte. Der Pfaffe aber ward zornig, denn er wähnte, es hätten die Gegner des christkatholischen Glaubens diesem zum Hohn äffend ein Fratzenbild geputzt, und wollte schon ein Anathema gegen die frevelnden Ketzer donnern, als zur Steigerung seines Erstaunens jetzt der Waffenschmied aus Tilleda hinzutrat, den schlummernd Sitzenden sah, und die Hände emporhebend ausrief: „Er ist's! er ist's, der Barbarossa!"
Schon rief indeß draußen das Volk, auf Berg und Ruine verstreut, sich laut die Neuigkeit zu, daß ein Todter in der Kapelle sitze, und Alles wimmelte herbei; bald war von Schauenden das ganze Kirchlein erfüllt, und Alle betrachteten den wunderlichen Mann. Sein Haar war struppig und verwirrt, sein Antlitz bleich und verwittert, sein Aufputz höchst abenteuerlich, doch verfehlte gerade dieses nicht die Wirkung eines gewissen ehrfurchtvollen Schauers, dessen sich keiner erwehren konnte. Jetzt bewegte er sich, jetzt schlug er die grau bewimperten Augen auf, sah blinzelnd umher, und seiner Hand entrollte der Schädel, den er als Reichsapfel hielt, und zerschellte auf dem Steinboden. Niemand wagte ihn anzureden; Alle fragten nur flüsternd, bang befangen: „Wer ist der Mann? Wo kam er her? Er scheint nicht zu hören, nicht zu sehen! Was soll man davon denken?"
„Er ists, der gestern uns erschien!" bestätigten die Hirtenknaben, die ihre Heerde den Hunden zur Bewachung überlassen hatten, und die allgemeine Neugier jetzt doppelt theilten. Endlich trat Ottmar, der angesehendste und wohlhabendste Mann in Tilleda, zugleich Dorfschultheiß, der Erscheinung näher, und redete sie an: „Mit Gunst wer seid Ihr, wunderbarer alter Mann? Was habt Ihr hier zu suchen?"
Der Alte hob die Hand empor, und blickte blinzelnd die Menge an, die gaffend ihn umstand, und seufzte tief; dann sprach er in abgebrochenen Sätzen, wie noch in den Fesseln des Schlafes, doch rhythmisch fast, und mit einer sanften, eindringlichen und schmerzlichen Stimme: „Ich habe lange geschlafen, und länger noch geträumt. Ich habe die Zeit erwartet die Zeit hat lange gesäumt. Ich habe der Zeit vertrauet die Zeit hielt mir nicht Wort! Darob mein Haar ergrauet und meine Kraft verdorrt. Doch einst wird wieder grünen der alte kräftige Baum. Wann sich die Zeiten erfüllen erfüllt sich mein Königstraum!"
Schweigen des Todes lagerte sich über die dichtgeschaarte Menge, als der Alte so sprach, und ein Schauer durchbebte die Herzen der Hörer allzumal; dann aber, als er schwieg, riefen einige Jünglinge mit stürmischer Freude: „Heil dem Rothbart! Heil dem Kaiser! Heil Friedrich! Heil!" und da durchzuckte es den Alten, als habe zündend in sein Herz ein Blitz der Verjüngung geschlagen, er trat kräftig aus der gothischen, mit Schnitzwerk verzierten Beichtzelle, darin er zu erblicken war wie ein altes Kaiserbild auf dem Thronsessel, und sprach mit Stolz und mit erhobner Stimme: „Ja, ich bin's! Ihr sagt es, und es ist wahr! Ich bin's, ich bin Friedrich, der Rothbart. Mein Banner soll wehen von der Warte! Mein Heerhorn soll über die güldne Aue schmettern, meines Schildes Last will ich hangen an des Birnbaums dürren Ast. Das Reich will ich mir gewinnen! Sei mir gegrüßt mein Volk! mein liebes, theures, treues deutsches Volk. Bald, bald ist die Zeit der Noth herum, und es schlägt die Stunde Deiner Freiheit!"
Freudiger Zuruf unterbrach diese Rede, und wollte kein Ende nehmen. Jetzt richtete sich des Kaisers Blick fest auf Ottmar, eine dunkle trübe Erinnerung durchzuckte sein Gehirn er schien Ottmar zu erkennen, und auch dieser las, wie von einem Grabstein in den leidenden Zügen, im irren Blick des Fremden die Schrift, die von dessen Vergangenheit zeugte, und erkannte ihn. Hell trat das Bild einer Zeit, die auf sein Leben so einflußreich gewesen war, vor seine Augen, die zwanzig Jahre, die zwischen dem Heute und dem Damals lagen, schienen kaum so viele Tage zu sein.
Zu ruhigem Gespräch war jedoch jetzt keine Zeit vergönnt. Der durch die Freude auf erwartete Festlust, so wie durch die unerwartete plötzlich wie ein Wunder vom Himmel herabgestiegene Erfüllung einer alten festgeglaubten Weissagung tumultuarisch aufgeregte Volkshaufen schrie, jauchzte, jubelte, daß es durch alle Klüfte hallte, und führte in Triumph den Fremdling aus der engen Kapelle in den Ruinenraum, wo jenes noch leidlich erhaltene Thurmgemach, darin Till einst starb, mit frischen Tannenzweigen austapezirt, und wohin nun alles was die Dorfbewohner zu ihrer Verköstigung mitgebracht hatten, dem Alten als Opfergabe dargelegt wurde.
Ottmar hielt sich mit seinen Söhnen immer nahe bei dem Manne, noch wußte er nicht, was er aus ihm machen sollte, denn ob er gleich die feste Ueberzeugung hatte, daß es derselbe Unbekannte war, der vor zwanzig Jahren ihm das Schwert unter so eigenthümlichen Verhältnissen dargereicht, so war jener doch damals gleich räthselhaft verschwunden, wie er gekommen; ja es hatte geschienen, als sei er ein Rachegeist der Unterwelt, heraufgesandt, die Seele des ergrauten Sünders abzufordern. Und nun das unerwartete Erscheinen dieses jetzt stark gealterten Mannes abermals, scheinbar verwirrt im Bewußtsein, und doch bewußt, es war zu hoch für Ottmars Gedanken, diese Räthsel zu lösen, und er beschloß weise, deren Lösung der Zeit anheimzustellen.
Rasch verstrich der Tag, unter dem Jubel des immer mehr sich aus den Thälern ansammelnden Volkes; es wurde geschmaust, getanzt, gesungen. Große Holzstöße wurden aufgeschichtet, der größte vor der alten Warte, ja kühne Bursche erkletterten den nicht hohen Thurm und zogen an Stricken mächtige Reissigbündel hinauf zur Zinne, die sie droben auf Querstangen legten. Das ganze Volksfest schien einen orgiastischen Charakter annehmen zu wollen. Kaum war die Sonne hinterm Harzgebirge hinab, als Fackelschein hin und her über den Bergrücken irrte, und so wie die Dämmerung über die güldne Aue ihren Friedensschleier bereitete, schlug auf dem Kifhäuser eine Riesenlohe empor, so hoch, wie noch nie, und kündete der ganzen Umgegend, ja fernen Ländern Ungewöhnliches. Der Thurm war von weitem anzuschauen, wie eine glühende Metallsäule, und als nun die Flamme wachsend emporloderte, und auch droben das Holz ergriff, da stand er mit einer Feuerkrone, mit einer Gluthglorie, daß Alle staunten, die in Nähe und Ferne dieses Anblicks froh wurden.
Die aber, welche dieses Freudenfeuer entzündet, wollten es zum Freiheitsfeuer machen, riefen hundertmal: „Heil dem Rothbart! Heil dem besten Kaiser!" und sangen tumultuarisch:
„Das ist die rechte Himmelfahrt,
Wann Freiheit neu geboren ward!
Herr Gott im Himmel sei gepreißt!
Die Freiheit ist Dein Sohn und Geist.
„Die Völker haben lang geharrt,
O Retter, Deiner Gegenwart!
Nun stehst Du auf, nun bist Du da!
Gelobt sei Gott! Hallelujah!"
Auch in den Ruinen entzündete sich wunderbare Lichtfülle, und sie standen flammengeröthet, prachtvoll da, ein überaus erhabener Anblick. Magisch kontrastierte das lichte erbleichende Grün des jungen Laubwaldes mit dem Schein der Kerzen, dem Abglanz der Flammenlohe. Aus der Kapelle schimmerte matte Helle durch die bunten Scheiben. Die Wallfahrer hatten sich größtentheils abgesondert von den Umwohnern, und sangen eine Hymne zur Kreuzesnacht. Melodisch entquoll der reine Tönestrom, schön und würdig wallte er auf Flügeln des Gebetes himmelan, und der Freiheitjubel um die Warte war zu fern, den frommen Gesang zu stören, der also lautete:
„O Crux! lignum triumphale!
Mundi vera salus, vale!
Inter ligna nullum tale
Fronde, flore, germine!
Medicina christiana
Salva sanos, aegros sana.
Quod nos valet vis humana
Sit in tuo nomine! *)"
*) Heiliges Kreuz! Triumpheszeichen!
Heil der Welt, dem wir uns neigen,
Welch ein Baum ist Deinesgleichen
So an Blüthe, Frucht und Schaft?
Du, dem wir Genesung danken:
Glück den Heilen, Heil den Kranken
Wirkt wo Menschenkräfte wanken
Deines hohen Namens Kraft.
„Heisa! lustig, lustig, lustig!
Vor der Narrheit kniet die Welt.
Ihre Throne baut die Narrheit
Unters weite Himmelszelt.
Junge Narren, alte Narren
Sind auf Erden bunt gesellt,
Davon jeder seinen Sparren
Für den schönsten Sparren hält."
„Heisa, lustig, lustig, lustig!
Heute will ich Kaiser sein,
Wär' ich aber nun ein Kaiser,
Und die Welt voll Narren mein,
Ei dann würd' ich bald gescheidter,
Will kein Narrenkaiser sein.
Lieber werd' ich wieder Schneider,
Heute groß und morgen klein."
Bis in den Kerkerthurm drangen die Schmeichellüftchen eines neuen Lenzes, und fächelten die bleichen Wangen des armen alten Gefangenen. Das Herz war ihm matt und trübe, und er hoffte auf ein neues Auferstehen. Ein Singen und Klingen umwallte ihn süß und lieblich, er wähnte die Wallfahrerhymnen zu vernehmen, träumte auf dem Kifhäuserschloß zu sitzen und war sehr müde. „Singt nur, ihr Pilger, singt!" sprach er leise vor sich hin. „Singt dem armen Namenlos ein Schlummerlied. Am Fuß des Kreuzes schläft sich's sanft und süß. Der Schlaf ist der wahre Friedensengel. Auch ich bin müde. Horch! Wer singt da! Meine Mutter! Sie kommt, ich sehe sie sie singt ihr altes Kind in Schlaf. Horch, Horch!"
„Schlafe, schlafe Du altes Kind!
Ueber den Berg her weht der Wind,
Um den Kifhäuser fliegen die Raben,
Drunter da liegt der Kaiser begraben,
Und schläft! bsch! bsch!
Schlaf auch, Du altes Kind!"
Mir wird so hell mein ganzes Leben lichtet sich. O meine arme Mutter! Und der Pilger, der mich aus der Taufe hob, der mir die Krone prophezeite es muß der Teufel gewesen sein, der mir die hoffärthigste Hoffnung einband. Ottmar meinte es gut, und Tills Tochter wäre ich doch bei ihnen geblieben! Aber ich mußte mein Schicksal erfüllen!"
„Ist nicht Himmelfahrt heute? Bin ich nicht der auferstandene Kaiser? O warum haltet ihr mich? Gebt Freiheit! Freiheit! Laßt mich los! Gute Vasallen, bringt mich zur Ruhe, geht nach Hause, meine Krieger. Ihr habt doch ein nach Hause? Fried hatte nie eins! Horch! Barbarossa schlägt auf sein dröhnendes Schild. der alte Kaiser steigt herauf mit seiner Tochter, mit seinem Hofe; er verzeiht mir, daß ich mich für ihn gehalten, er reicht mir die Hand, und es umwallt mich das Feierlied der Unterirdischen. Wie schön sie singen! Ich stimme ein:
„Friede, Friede sei aller Welt!
Friede unter dem Sternenzelt!
Unter dem Wasser, am Meeresstrand,
Ueber den Bergen, unter dem Land!
Freude sei und Friede gesellt!
Friede, Friede umarme die Welt!"
Und friedlich entschlummerte der Müde, um auf Erden nicht wieder zu erwachen.
An demselben Himmelfahrtstage wandelte Engelbertha mit ihrem jüngsten Kinde, von ihrem treuredlichen Gatten begleitet, ungetrübten häuslichen Glückes froh, nach den Ruinen der Kaiserburg. Beide ergingen sich im Garten der Erinnerung und dachten mit Wehmuth auch des Unglücklichen, dessen Lebensstern in eine freudenlose Wüste gefallen war, wo er umirrend sich nimmer auf richtige Bahn fand.
Lange Jahre hörte das Gespräch vom wiedererstandenen Kaiser unter den Umwohnern der güldenen Aue nicht auf. Die Sage selbst war der Barbarossa, der sich verjüngt hatte, und nun wieder fortlebte im Munde des Volkes, sein Reich behauptend. Was in die Gegenwart so anregend getreten, und doch auch wieder so zauberhaft schnell dem Auge des Volkes entrückt war, wurde ein regenerirter Mythus und die scheinbare Erfüllung verklang bald, sehr bald wieder zur Verheissung, die immer noch in der Tradition lebendig ist.
Immer noch vom alten Kaiser
Spricht der Sagen-Märchen-Mund;
Immer noch auf dem Kifhäuser
Thut sich Zauberwalten kund.
Was dem Volk zum Eigenthume
Ward Verständige nehmt ihm nie!
Laßt ihm seine Wunderblume,
Laßt ihm seine Poesie.
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| Impressum | Letzte Änderung: 7. Februar 2011 |