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Novellen von Ludwig Bechstein
Das frühe Werk



Ludwig Bechstein


(*24.11.1801 Weimar – +14.05.1860 Meiningen)








Anmerkungen
Ludwig Bechsteins Gesamtwerk enthält in allen drei Schichten so gen. „kleine Novellen“. Von der zeitgenössischen und der späteren Kritik (Gubitz, Wasserfall, Goedecke) wurde besonders das Frühwerk geschätzt. Es umfasst drei große Sammlungen mit insgesamt 26 Texten, die in enger zeitlicher Aufeinanderfolge erschienen. Es handelt sich um die Erzählungen und Phantasiestücke von 1831 (13 Novellen in vier Bänden), die Novellen und Phantasiegemälde von 1832 (sechs Novellen in zwei Bänden) und die Novellen und Phantasieblüthen von 1835 (sieben Novellen in zwei Bänden). In der Folge sind die vollständigen Texte von sieben frühen Novellen verfügbar; die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgt dem jeweiligen Erstdruck..

Mit der Anthologie Aus Heimath und Fremde (zwei Bände 1839) als Übergang setzt auf dem Gebiet der Novelle das reife Bechstein-Werk ein; man vergleiche dazu in dieser Homepage „Novellen. Das reife Werk"). Hierher gehören Volks-Erzählungen (zwei Titel in einem Band 1853), Hainsterne. Berg- Wald- und Wander-Geschichten (vier Bände 1853) und die berühmten Hexengeschichten (1854). Zum späten Werk (vgl. „Novellen. Das späte Werk") zählen Erzählungen wie Der gute Sohn (1854), Der Pechmüller (1854), Der Riese Wuth (1856), Der Almputz. Tiroler Alpensage (1856), Eine Alpenwanderung (1858), Spiritus familiaris (1859), Der Wunderdoktor von Schneeheim (postum 1860), Das Terzl von Partschins (postum 1862), Der Zauberer von Plön (postum 1862), Ein holder Wahn (postum 1863) und Gemeiner Stadt Feinde (postum1863)

(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel)




4. Inhaltsverzeichnis: Novellen
Das frühe Werk


Ludwig Bechstein: Die Singstube. Phantasiestück
(1831, Novellen und Phantasiestücke III,3)

Ludwig Bechstein: Der Naturforscher. Ein Phantasiestück
(1831, Novellen und Phantasiestücke IV,3)


Ludwig Bechstein: Der dunkle Mime
(1832, Novellen und Phantasiegemälde I,1)


Ludwig Bechstein: Der Rabe
(1835, Novellen und Phantasieblüthen I,3)

Ludwig Bechstein: Die seligen Fräulein. Eine Sage aus Tirol
(1839,
Aus Heimath und Fremde I,1)

Ludwig Bechstein: Der Förster von Belrieth. Erzählung aus dem Werrathale
(1839, Aus Heimath und Fremde I,2)

Ludwig Bechstein: Der Pseudo-Barbarossa
(1839, Aus Heimath und Fremde II,1)


4. Novellen-Texte

Ludwig Bechstein: Die Singstube. Phantasiestück
(1831, Novellen und Phantasiestücke III,3)

In einer kleinen Stadt, in welcher ich einst eine Zeitlang recht glücklich und angenehm lebte, stand ein alterthümliches, massives Gebäude, insgemein das steinerne Haus genannt, weil es das einzige dieser Art in dem Städtchen war. Der Besitzer dieses Hauses war ein Arzt, ein bejahrter zwar, aber ein lebenslustiger, jovialer Mann, freundlich im Umgang, wohlwollend gegen Jedermann, und ein überaus angenehmer und gern gesehener Gesellschafter, dessen Vater und Großvater schon ehrenvolle Aemter in der Stadt bekleidet hatten. Nun trug man sich daselbst ganz im Stillen mit der Mähr, es sey in dem Hause des Doktors nicht so ganz richtig, einer Mähr, die nicht aus Tagen der Vorzeit zu stammen schien, denn sie war dem gemeinen Volke größtenteils unbekannt, aber die Vornehmen erzählten sich dieselbe, freilich nur ganz heimlich, um nicht für befangen und abergläubisch zu gelten, freilich niemals, ohne dazu zu setzen: Wer weiß, ob's wahr ist, ich glaube es nicht – es wird wohl nichts daran seyn – aber genug, man erzählte sich doch die Sache, und von irgend Etwas sich zu unterhalten, kann Niemand gewehrt werden, falle auch der Gegenstand in das Gebiet des Uebersinnlichen und Unheimlichen. Die Einwohner waren auch allerdings aufgeklärt genug, nicht im vollen Ernste daran zu glauben, aber wo ist der Ort, in welchem nicht irgend einmal in dem oder jenem, größern oder kleinern Zirkel, das Gespräch auf wunderbare Ereignisse kommt? wodann eine Menge Dinge erzählt werden, die das nicht ganz unangenehme Gefühl einer kleinen Furcht, eines heimlichen Schauers erregen. Wo wären auch nicht Frauen, die nicht schon einmal eines merkwürdigen Traumes, einer Ahnung, oder einer unerklärbaren Erscheinung aus ihrem, oder ihrer Angehörigen Leben sich erinnerten? Jene Sage nun, die man sich insgeheim von dem steinernen Hause in die Ohren flüsterte, war ganz einfach, und dieses Inhaltes:
Im Hause des Doktor Mälar ist eine Stube, in der es nicht geheuer seyn soll. Mehrere Gäste, Freunde Mälars und seiner Familie, die darin übernachteten, sind auf eine ganz eigene, unerklärbare Weise beunruhigt worden. Sie haben einen leisen, wunderlichen, ganz feinen Gesang gehört, mitten in der Nacht, wenn ringsum doch alles ruhig ist. Sind sie vom Bett aufgestiegen, und haben zum Fenster hinausgehorcht, ob aus der Nachbarschaft der Gesang komme, so ist alles todtenstille gewesen, und auch aus keinem Nebenzimmer ist nur der geringste Laut gekommen. Haben sie sich wieder niedergelegt, so hat es nach einer Weile wieder angefangen, anfangs leise, ganz leise, wie aus weiter Ferne klingend, dann immer näher und heller, so daß sie deutlich vernommen haben, es sey nirgend anders der Gesang, als in der Stube selbst, in der sie sich befunden. Auf die Fragen: „Wer da? Wer singt denn?" hat sich freilich niemals eine Antwort vernehmen lassen, so wenig, als sich Etwas gezeigt, wenn sie sich im Bette aufgerichtet, und in das Dunkel um sie her hineingestarrt. Zündeten sie ein Licht an, so war nichts zu sehen, und der Gesang verstummte.
Wenn nun ein solcher Gast am andern Morgen herunter kommt, und auf die Frage: ob er wohl geruht? verneinend antwortet, und erzählt, was er gehört, dann soll, wie man sagt, jedesmal der Doktor ein sehr ernstes Gesicht machen, ungläubig mit dem Kopfe schütteln, die Frau Doktorin aber leise seufzen, und dann von der Sache nicht weiter die Rede seyn; bleibt aber der Gast länger im Hause, so wird ihm am nächsten Abend ein andres Schlafzimmer angewiesen, in dem ihm dann kein unheimlicher, nächtlicher Gesang Schlaf und Träume verscheucht.
Nun ist zwar Jeder, der sich der anerkannten Gastlichkeit des Doktor Mälar freut, so diskret, nicht davon öffentlich zu reden, aber heimlich ist es doch unter die Leute gekommen. Haben nun manchmal Einige in der Gesellschaft, die davon gehört, und nicht nöthig haben, andere Rücksichten, als die allgemeinen des guten Tons gegen Mälar zu beobachten, diesen im Scherz gefragt, was es doch für eine Bewandtniß habe mit dem nächtlichen Gesang in seiner Gaststube, so hat er immer verstimmt geantwortet: „Ach, Alfanzerei (= Unsinn, sk), – ich weiß nichts davon, Geschwätz," und hat nach einer Weile die Gesellschaft nicht in der besten Laune verlassen; seit man das weiß, hütet man sich, ihn zu fragen, denn er spricht einmal nicht gern davon. –
So erzählt man sich, und wie gesagt, der Doktor Mälar, so gern er sonst Anekdoten und kleine Geschichtchen erzählte, und so gut er diese vortrug, sprach nicht gern von jener Sache, und stand keinem Frager darüber recht Rede. Er suchte und fand stets eine Ausflucht, loszukommen von einer unwillkommenen Beichte. Eben so schweigsam war seine Frau, sie war überhaupt mild und stille, und sehr würdevoll, so daß schon die Achtung gegen sie die gebildeten Frauen jener Stadt abhielt, als neugierige Fragerinnen zu erscheinen, wie lebhaft auch der Wunsch in Mancher rege war, den Schlüssel zu haben zu diesem dunkeln seltsamen Geheimniß.
Nun befindet sich nahe bei jener Stadt auf einem nicht allzuhohen Berge ein freundlicher Gesellschaftsgarten, mit einem Salon und Kegelbahnen, auch einer gut eingerichteten Wirthschaft, wo sich die Honoratioren gewöhnlich gegen Abend einfinden, so lange die schöne Jahreszeit dauert, und wo auch der Doktor Mälar stets in den Abendstunden zu finden war, wenn ihn sein Beruf nicht abhielt. Eine herrliche Aussicht auf die malerisch an einem kleinen Landsee gelegene Südseite der Stadt, auf einige benachbarte Schlösser und Ortschaften, so wie auf mehrere Burgruinen, machte allerdings diesen Punkt sehr reizend, und erwarb der neuen Anlage in der Nähe und Ferne viele Freunde.
Der Herbst spann schon seine glänzenden Fäden über abgemähte Felder, und der gegenüber, hinter der Stadt, sich steil erhebende Waldberg prangte in dem bunten schmucke, den der Oktober der Natur als letztes Feierkleid anzieht, bevor sie schlafen geht, dennoch ging man immer noch gerne auf den beliebten Berg, und so traf es sich eines Abends, daß ich mit noch einigen Freunden mich auch noch oben befand, als es schon dunkelte; auch der Doktor Mälar war erst kurz vorher von einem Gang über Land, da ihn der Weg vorüberführte, eingetreten. Draußen erhob sich aber jetzt der Herbstwind, und brachte einen feinen Regen mit, so daß Niemand Lust hatte, in diesem nach Hause zu gehen. Wir setzten uns um den großen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, und fühlten uns um so gemüthlicher und behaglicher bei gutem Bier und dampfenden Pfeifen, je ungestümer der Wind um das Berghaus sauste, und der Regen gegen die verschlossenen Läden schlug. Der Saal lief gleich in die Kegelbahn aus, die uns ganz dunkel, wie eine große Höhle, angähnte.
Es ist bekannt, daß es sich nie lieber und schöner von Geistern und Erscheinungen spricht, als Abends bei herbstlichen und winterlichen Stürmen, in einer etwas schauerlichen Situation, und doch zugleich in einem traulichen Kreise. Bald kamen auch wir auf diesen Gegenstand, und zunächst führte uns darauf eine kleine Erzählung des Doktor Mälar, die zwar damit in seinem Einklang stand, aber doch alle Empfindungen eines unheimlichen Grausens in uns Allen anregte.
„Ich wurde," erzählte der Doktor, während er eine große köstliche Dose mit römischer Mosaik herumgehen ließ: „zu einem Schäfer gerufen. Als ich hinkam, sah ich mich vergebens nach dem Patienten um, und frage die Frau: „Nun, wo ist denn Euer Mann"?
„Er ist im Felde, und hütet," antwortete die Schäferin; und ich fragte weiter, „was ihm fehle?"
„Ach, Herr Doktor, das kann ich Ihm gar nicht so recht sagen: Er ißt genug, aber mit dem Trinken will es nicht recht gehen. Es brenne ihn im Halse, spricht er, und da leckt er mir die Sahne von den Milchtöpfen, es kühle ihn, spricht er."
„Ich konnte aus dem Gerede der Frau nicht klug werden," fuhr der Doktor fort; „ging auf das Feld, wo der Schäfer hüten sollte, und fand ihn bald. Er war überaus freundlich, sah wohl aus, und wußte nicht, daß ich seinetwegen gerufen worden war; er lachte, als ich ihm den Puls fühlte, und sagte, er wisse von keiner Krankheit, nur der Hals sey ihm immer dürr und trocken."
„Was trinkt Ihr denn?" fragte ich. „Nichts, Herr Doktor," gab er zur Antwort: „ich kann nicht trinken, ich kann kein Getränk ersehen."
„Ich erschrak. Nicht weit vom Ort, wo wir sprachen, floß eine Quelle; ich sagte ihm, er solle mir den Gefallen thun, und mit mir hingehen, und trinken, aber er verzerrte auf eigne Weise das Gesicht, klapperte mit den Zähnen, und rief: „Nein, Herr Doktor! Nein, das bin ich nicht im Stande."
„Ich sagte zu ihm: „Hört, guter Mann, Ihr seyd krank, Ihr müßt nach Hause gehen." Er lachte aber dazu, und fragte, „wer denn die Schaafe hüten solle?" Auf meine Frage, seit wie lange er nichts getrunken habe, gab er vier Wochen an, in welcher Zeit er sich die Sahne, geronnene Milch, Pflaumenmuß u.dgl. um so besser hatte schmecken lassen."
„Hierauf verließ ich ihn, holte einige handfeste Männer, ließ einen derselben eine Flasche voll Bier mitnehmen, und verfügte mich wieder zu dem Schäfer; wie ich diesem ein Glas Bier bot, äußerte er den heftigsten Widerwillen dagegen."
Ich sah nun meine traurige Vermuthung bestätigt, und ließ ihn von meinen Begleitern nach Hause führen. Er sträubte sich heftig, und schimpfte mich einen verrückten Doktor, der die Gesunden kuriren wolle, und die Kranken sterben lasse; dann weinte er wie ein Kind, daß er seine liebe Heerde verlassen müsse. Zu Hause ließ ich ihn wohl bewachen, und schon am nächsten Tage brach, wie ich vorhergesehen, die Wasserscheu in ihrer fürchterlichen Heftigkeit bei ihm aus. Nach sieben qualvollen Tagen starb er hin, alle angewandten Rettungsversuchen waren fruchtlos."
Diese Erzählung brachte das Gespräch auf psychische Abirrungen, auf Antipathie, es wurde gestritten, ob die Hydrophobie eine Krankheit der Seele oder des Körpers sey, und von diesem Thema kamen wir nur so von ungefähr auf die intellektuelle Welt, und es nahm ein sehr geschätzter Freund des Doktor Mälar das Wort, und sagte zu ihm: „Lieber Doktor, wir sind hier unter uns Freunden, lauter vernünftige Männer, von denen keiner an Ammenmährchen glaubt, keiner von abergläubischen Vorurtheilen befangen ist, seyn Sie daher offenherzig, entdecken Sie uns, was ist an dem Mährchen, mit dem man sich von Ihrem Hause trägt? Stammt es aus alter Zeit, oder gehört es der neuen an?"
Die Mienen des Arztes veränderten sich, man sah, es machte keinen angenehmen Eindruck auf ihn, sich daran erinnert zu sehen. Er wurde ernst, und sagte still vor sich hin: „Es ist eben ein Mährchen, nichts weiter."
„Nein, nein, erlauben Sie mir, dieß zu bezweifeln," fuhr der Freund Mälars fort: „Ich sehe es Ihnen an, es hat diese Sage irgend einen dunkeln Grund, erzählen Sie uns die Geschichte, wir können jetzt doch noch nicht nach Hause gehen."
Der Doktor nahm aus der Mosaikdose eine starke Prise, und blickte uns der Reihe nach, halb freundlich, halb unwillig an.
Die zwei Bekannte, die außer dem Doktor und seinem Freund, mit mir noch die Gesellschaft ausmachten, baten: „Erzählen Sie, bester Doktor!" und auch ich stimmte in diese Bitte um so lieber mit ein, als ich mich längst gesehnt hatte, Näheres über dieses Gerücht zu erfahren, da dergleichen für mich, als angehenden Dichter von Erzählungen und Phantasiestücken, von doppeltem Interesse seyn mußte.
Der Doktor Mälar reichte wieder seine Dose herum, und nahm das Wort: „Ich will Ihren Wunsch erfüllen, meine Herren, aber unter der Bedingung, daß dann niemals wieder unter uns die Rede von dem sey, was ich Ihnen heute erzähle. Sie begreifen leicht, daß einem vorurtheilsfreien Mann nichts unlieber seyn kann, als irgend eine Erscheinung in der Natur unerklärbar zu lassen, obgleich diese eine Menge von Räthseln darbietet, die noch lange Jahre der gründlichen Auflösung entgegenharren, ich erinnere nur an die Erscheinungen des Magnetismus, des Nordlichts, des Galvanismus und dergleichen mehr. Ich bin kein sogenannter Gefühlsmensch, der sich in unverstandenen Ahnungen, mystischen Träumereien und dunkeln Begriffen gefällt, ich liebe Licht, in der Wissenschaft, wie im Leben, und kann der Rockenphilosophie nicht huldigen. Und auch jetzt erzähle ich Ihnen nur, was ich als Thatsache verbürgen kann, und lasse das, was sich an diese knüpfen soll, billig an seinen Ort gestellt."
„Als ich mich im zweiten Jahr meiner ärztlichen Praxis verheirathet hatte, kam gerade das benachbarte Bad in große Aufnahme, und mir wurde das Glück, die Stelle des zweiten Brunnenarztes zu erhalten. Als solcher mußte ich während der Saison im Badeorte selbst wohnen, was mir bald einen sehr erwünschten Wirkungskreis und schätzbare Bekanntschaften verschaffte."
„Unter den zahlreichen, zum Theil hohen Gästen, welche die anerkannte Heilkraft des Brunnens sowohl, als die Lieblichkeit der romantischen Umgebungen des Badeortes, so wie die ausgezeichnete Humanität der fürstlichen Familie dort versammelt und gefesselt hielt, glänzte als erster Schönheitstern eine junge Contessa aus Mailand, Adelaide Manfroni. Ihr ganzes Wesen hatte in der That etwas Hinreissendes, Unwiderstehliches; auf wem einmal ihre dunkeln Augen voll Hoheit und Milde geruht hatten, der vergaß nicht so bald den tiefen Eindruck, den dieser Blick auf sein Herz gemacht. Ich bin jetzt ein bejahrter Mann, aber lebhaft steht sie mir noch vor Augen, und wahrlich, es gehörten Grundsätze dazu, nicht durch ihre bloße äußere Erscheinung zu sträflichen Wünschen verleitet zu werden, wem nun vollends das Glück ihrer Unterhaltung zu Theil wurde, der mußte ergriffen werden von der Fülle des unendlichen Liebreizes, der sie wie eine Glorie umfloß. Die Reize der übrigen weiblichen Badegäste verblichen vor ihr, wie die Sterne vor der nahenden Sonne, und Contessa Manfroni war von Seiten derselben so sehr ein Gegenstand des Neides, wie von Seiten der Männerwelt der der höchsten Bewunderung. Die Verheiratheten verwünschten entweder ihre Bande, oder vergaßen sie, und die Garçons seufzten und schmachteten nach einem zärtlichen Blick der engelschönen Adelaide. Ihre Begleitung bestand aus einer Kammerfrau, einem Kammerdiener, und zwei weiblichen Domestiquen, gewöhnlich erschien sie auf ihren Spaziergängen nur von der Kammerfrau begleitet."
„Die zahllosen Huldigungen schienen auf ihr Inneres keinen besondern Eindruck zu machen, sie nahm sie mit holder Freundlichkeit hin, wie einen gewohnten Tribut, ohne Zeichen der Dankbarkeit abzulegen, und ohne Einem oder dem Andern ihrer Anbeter irgend die mindeste Freiheit zu gestatten; aber nur zuweilen in ihrer Nähe seyn zu dürfen, sie sprechen zu hören, ihr bezauberndes Lächeln zu sehen, reichte für diese hin, um sie fest in den magischen Kreis zu bannen, den die fremde Wundererscheinung um sich zog."
„Das Adelaide nicht tanzte, nicht tanzen durfte wegen ihrer leidenden Gesundheit, brachte die jungen Herren fast zur Verzweiflung, und es belustigte mich ungemein, wenn zuweilen Der oder Jener ganz heimlich und im Vertrauen mir schmeichelte: „O bester, liebster Doktor, erlauben Sie doch nur einmal der göttlichen Manfroni, an einem der schönen Bälle Antheil zu nehmen!" Aber so sind die Herren – dabei warf der Doktor Mälar einen satyrischen Blick auf mich und einen meiner jungen Freunde: – „wenn nur ihrer unersättlichen Tanzlust gefröhnt wird, sind sie es gar wohl zufrieden, wenn ein Mädchen Gesundheit und Jugendblüthe opfert! Doch weiter:
„Nachdem die schöne, allgefeierte Italienerin schon zwei Wochen das Bad gebraucht, und es noch keinem ihrer Trabanten geglückt war, ihr Herz schneller schlagen zu machen, kam ein Graf, Edgar von Leitzen an, ein junger Mann, dessen blühende, kräftige Gestalt allenfalls, was Männerschönheit anlangt, ein würdige Seitenbild zu Adelaidens wahrhaft idealen Formen abgab. Auch er sah sie, auch er entbrannt, und – was nun die Stürme des Neides der Männerwelt, den Triumph des weiblichen Geschlechts erregte, er konnte stolz, wie Cäsar, in Bezug auf AdelaideManfroni das: Ich kam, sah, siegte, aussprechen, aber das siegte, wie ich wohl zu bemerken bitte, nur im edelsten Sinne."
„Adelaide erglühte in einer zärtlichen, innigen Liebe gegen den Grafen Edgar. Wenn man diese beiden Menschen nebeneinander sah, mußte man sich gestehen, daß die Natur sie erkoren zu haben scheine, ihre vollendete schöpferische Meisterschaft an ihnen zu bewähren, und ihnen den Urtypus der höchsten irdischen Schönheit auf die edlen Stirnen zu drücken; es war auch darüber nur eine Stimme, denn selbst der bitterste Neid mußte wider willig einstimmen in das allgemeine Lob, wollte er sich nicht in nackter Blöße darstellen. Wie zwei Göttergestalten erschienen Edgar und Adelaide. Man flüsterte schon sich heimlich zu, sie würden sich in der freundlichen, romantisch gelegenen Kirche des Badeortes trauen lassen, sie erwarteten nur beiderseits noch Briefe aus der Heimath, allein hierin war man im großen Irrthum, wenn auch Beide nicht genug Gebieter ihrer warmen Gefühle waren, daß nicht ihre innige gegenseitige Zuneigung offenkundig geworden wäre. Demungeachtet fanden, das weiß ich gewiß, keine heimlichen Zusammenkünfte statt, keine Bestellungen, ja, wie ich mich zu behaupten getraue, nicht einmal zu einer Erklärung war es zwischen Beiden gekommen, und – ich muß jetzt es sagen, was ich erst später erfuhr, es war nicht Liebe, was der Graf gegen Adelaiden empfand, es war eben nur eine seelenvolle geistige, freilich so hochgesteigerte Zuneigung, daß man sie bei andern Verhältnissen jedenfalls auch Liebe genannt hätte, ach, und bei Adelaiden war sie es, war eine heilige, schöne Flamme, die ihr Rosenroth über des Mädchens Wonnegestalt goß, und sie zum irdischen Seraph verklärte."
„Denken Sie, meine Herren," unterbrach Mälar den Fluß seiner Erzählung lächelnd: "denken Sie, wie schön die Manfroni gewesen seyn muß, da die bloße Erinnerung an sie, mich, nach acht und zwanzig Jahren, noch fast zum Schwärmer macht; mich, der ich doch nicht in ihren Fesseln schmachtete, denn ich hatte ja meine liebe junge Frau, und meine Tochter Emilie, damals erst ein Jahr alt, ich genoß des reinsten häuslichen Glücks, und sündlich wäre es gewesen, hätte ich vor fremden Göttern anbeten wollen." –
„Der Graf von Leitzen war ein wackerer junger Mann, man durfte ihn nur einigermaßen kennen lernen, um ihn hochzuachten, und liebzugewinnen, ein edles, unverdorbenes Herz, ein biederer Charakter und gediegene Kenntnisse zeichneten ihn vortheilhaft aus, und dennoch, mit Wehmuth sage ich es, dennoch fehlte seinem Biedersinn die Vollendung, wie Sie bald hören sollen."
„Adelaide hatte eine Stimme, die sich mit der der größten Sängerin messen konnte, umfangreich, glockenrein, mit einem Wort, bezaubernd, wie ihr ganzes Wesen, alles an ihr war Harmonie. Ich wage nicht eine allzukühne Behauptung, wenn ich sage, daß unter tausend schönen und gebildeten Mädchen wohl kaum Eine gefunden werden mag, die ihr gleich käme. Man wußte, daß Adelaide singe, allein sie durfte es kaum wagen; durch frühere allzuheftige Anstrengung hatte ihre Brust gelitten, und ich hatte ihr es streng untersagt; Sie schätzte mich, sie achtete meinen Rath, sie hatte willig meinen ärztlichen Vorschriften Folge geleistet. Nur selten hörte man Nachts eine kurze Strophe, aber dann war es, als seyen die Nachtigallen Paradieses herabgeschwebt, und strömten den zauberischen Wohllaut ihrer Kehlen in das Dunkel. Als ich sie deßhalb gewarnt hatte, unterließ sie auch dieses, aber – was sie standhaft, und auf meine Verordnung sich beziehend, bisher streng verweigert hatte, das vermochte sie den Bitten Edgars nicht abzuschlagen, denen sich freilich die Bitten aller Bekannten, wie ein ungeheurer Kometenschweif, anschloßen. Sie sang, ich erfuhr es, als es vorüber war, und sie alle Hörer mit Entzücken, mit Begeisterung erfüllt hatte, und zagte für sie. Doch hatte dieser Versuch außer einer kleinen Schwäche keine nachtheiligen Folgen, und das bethörte, liebeglühende Mädchen glaubte sich schon für stärker, als es war."
„Es kam ein hoher festlicher Tag, der Geburtstag der allverehrten Fürstin, ein glänzender Ball sollte ihn mit feiern und verherrlichen helfen. Adelaide erhielt vom Hof eine Karte, und Edgar war es wieder, der mit sanften Schmeichelworten das Versprechen von ihr erbettelte, den Ball zu besuchen. Sie fragte mich um Rath, ich widerrieth es, allein eine mächtigere Stimme, als meine warnende, sprach in ihrem Herzen, sie bestand darauf, hinzugehen, und gelobte, nur wenig zu tanzen. Solche Gelöbnisse kennen wir. Ich fürchtete Alles."
„Adelaide tanzte, sie tanzte, wie sie gesungen hatte, mit bezaubernder Anmuth, mit himmlischer Grazie; wenn sie mit Edgar durch den Salon flog, hinschwebend wie eine Sylphide, staunte alles, war alles Auge, und des Beifalls Gelispel flog von Munde zu Munde."
„Einmal stand sie vor mir, hochathmend, aber bleich, der schöne Busen flog unter dem verhüllenden Atlas, ich flüsterte ihr leise ins Ohr: „Schonung, verehrteste Contessa, ruhen Sie, ich bitte Sie dringend!"
„O nur noch diesen einzigen herrlichen Tanz zu Ende, bester Doktor," antwortete sie: „dann will ich ausruhen; und der Graf, Ihr Tänzer, warf einen unwilligen Blick auf mich, drückte ihr die Hand, und dort flogen sie hin."
„Ich saß im Nebenzimmer am Büffet, da vernehme ich plötzlich ein Stimmengetöse, ein Drängen, und höre laut meinen Namen und den meines Herrn Collegen rufen; wie ich aufsprang vom Stuhle, stürzte mir ein Herr athemlos entgegen, rufend: "Geschwind, lieber Doktor, helfen Sie! die italienische Signora liegt in Ohnmacht!"
„Ich eile in den Saal, da hatte man Adelaiden bereits aufgerichtet und auf eine Sessel gebracht; weiß, wie ein Allabasterbild saß sie da, geschlossen die Augen, in denen der Strahl himmlischen Liebreizes wohnte, bleich die Lippen, die so schöne Worte oft gelispelt, matt herabhängend die vollen weißen Arme, die so eben noch den Mann umfaßt, dem jeder Pulsschlag des reinen jungfräulichen Herzens galt."
„Noch hatte der Tod die Himmelsblüthe nicht geknickt, sie athmete stöhnend auf, als ich aus einem Flacon mit Naphtha ihre Stirn einrieb, und sie wurde sogleich in ein Bette gebracht."
Hier nahm der Doktor Mälar wieder eine Prise, und horchte nach dem Wetter, das tobte aber noch fort, und er blickte uns wieder auf seine eigene Weise an, und sagte: „Wie ich merke, habe ich recht aufmerksame Zuhörer an Ihnen, meine Herren, wenn ich nur Ihre Erwartung nicht täusche."
„O gewiß nicht, wir sind Alle sehr gespannt auf den Ausgang dieser Geschichte," riefen wir. „Sie hat ja mehrfaches Interesse, weil sie in unsrer Nähe vorgefallen ist, uns Sie selbst hinein verflochten sind."
Der Doktor Mälar neigte verbindlich sein Haupt, reichte mit dem Wort: Beliebt? die Dose an seinen Nachbar, der sie dann herumgehen ließ, und fuhr in seiner Erzählung fort:
„Was ich mit banger Seele gefürchtet hatte, geschah; Adelaide erkrankte sehr schwer, ihrer Jugend, und ich darf es sagen, meinem redlichesten Bemühen, gelang es, sie zu retten.
Unrettbar aber wäre sie verloren gewesen, hätte sie erfahren, was ich als tiefes Geheimniß ihr verbarg, obgleich es im ganzen Bade offenkundig war."
„Die Huldigungen des Grafen Edgar von Leitzen, der er der schönen Adelaide Manfroni darbrachte, waren die Frucht großen und unverzeihlichen Leichtsinnes. Er war gebunden, er hatte eine Braut. Ob er diese liebte, ob es nur ein Band war, das Convenienz geknüpft, und er darum sich für unbeschränkter hielt, das habe ich nicht erfahren; genug, am Tage nach jenem, das Vergnügen so unangenehm störenden Vorfall auf dem Ball, wo ich den Grafen in einem Zustand verließ, der an Verzweiflung gränzte, empfing er einen Brief, der ihn nach Hause berief. Sein Vater gebot ihm dringend Eile, seine Braut, eine reiche Erbin, war krank geworden, und verlangte sehnsüchtig nach dem Bräutigam, sie wollte sich, war ihr Begehren, auf dem Bette mit ihm trauen lassen, um als seine Gattin zu sterben."
„Dies alles entdeckte mir der Graf, als er mich beschwor, ihn Abschied nehmen zu lassen von Adalaiden, Vergebung von ihr zu erstehen, ihr ein ewiges Lebewohl zu sagen. Eine solche Gemüthserschütterung hätte der Contessa das Leben gekostet, ich mußte sein Gesuch unerbittlich ablehnen. Nie sah ich einen Menschen in einem solchen jammervollen Gemüthszustande; ich begriff ihn kaum, wie er bat und flehte, Thränen in den Augen, die Hände ringend, verstört gen Himmel blickend."
„Wenn Contessa stirbt," rief er aus: „dann folge ich ihr in der Viertelstunde, in der ich die Nachricht erhalte!"
„Wenn Sie wünschen, daß sie lebe, Herr Graf," sagte ich im ernsten Tone: „so ersparen Sie der Kranken diesen Abschied. Lassen Sie mich zu Ihnen reden, wie ein Freund. Sie haben, wie ich nicht ohne Grund muthmaße, eine Wunde geschlagen, die Sie nicht heilen können, Sie haben eine Hoffnung erregt, die Sie nicht erfüllen können, es wird, auch wenn Adelaide jetzt genesen sollte, ein tiefer Schmerz an ihrem Leben zehren. O Herr Graf, Sie haben nicht wohl gethan, den Schmerz und den Kampf zu tragen in dieses Herz, das bisher ein Heiligthum des seligsten Friedens war."
„O mein Gott!" seufzte er. „Sie haben Recht! O Himmel, ich kann, ich kann aber diese Ketten nicht sprengen, ohne mich ewig unglücklich zu machen, ohne den Zorn meines Vaters auf mich zu laden, ohne meiner Braut, die mich grenzenlos liebt, das Herz zu brechen."
„Nun, so verblute wenigstens nur ein Herz, sey es auch das edelste, das beste," sprach ich bewegt. „Sehen Sie, Herr Graf, ein edler Mann zieht die Erfüllung seiner heiligen Pflichten den Wünschen seiner Leidenschaft vor, reisen Sie glücklich, ich will Adelaiden Ihre letzten Grüße bringen, ich will sie zu trösten und zu beruhigen suchen."
„In Schmerz und Wehmuth aufgelöst, umarmte mich der junge Graf. „Grüßen Sie, Doktor! Grüßen Sie!" schluchzte er an meinem Halse, und stürzte aus der Thüre. Nach einer Stunde brachte mir ein Lackei eine Dose und ein Billet, dessen Inhalt ich aber nicht enthüllen darf. Die Dose ist mir ein werthes Andenken geblieben, der Graf hat sie mit aus Rom gebracht, es ist diese, meine Herren."
Bei diesen Worten schnupfte der Doktor Mälar, und ließ uns die herrliche Mosaikdose bewundern. Wie sie durch unsere Hände gegangen war, stellte er sie wieder neben sich, und redete also weiter:
„Schonend enthüllte ich Adelaiden, deren Herz in Liebe gegen den Grafen ganz aufgelöst war, die in ihren Fieberphantasien seinen Namen mit glühendem Verlangen nannte, seine Abreise, brachte ihr seine Grüße, sagte ihr, wie weh es ihm gethan, so schnell abreisen zu müssen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, und verhehlte ihr nicht, daß nur die Rücksicht auf ihre Gesundheit mich bewogen habe, jede Abschiedsscene zu verweigern."
„Grausamer Doktor!" seufzte sie, und eine Thräne perlte über ihre bleiche Wange. „Was lag an meinem Leben, wenn er einen Wunsch hatte, dessen Erfüllung es kostete?"
„O diese unendliche Liebe, wie bewegte sie mich, wie grollte ich im Herzen dem Grafen, daß er den Frieden dieses Engels gestört? Sollte man nicht die Frage richten an das Schicksal: Warum müssen sich Seelen finden, die feurig und glühend ineinander überströmen, die, wie einem ewigen Urquell entflossen, wieder vereint zurückzukehren trachten in die heilige Lebensurne? Warum müssen sie sich finden, und sich lieben, gleichwie wenn sie sich schon gekannt hätten auf schönern Sternen, in einem frühern Leben voll Paradiesesunschuld und himmlischen Friedens? und müssen hier getrennt bleiben von einander, nur in stiller flammender Sehnsucht offenbarend den verwandten Ursprung? – Aber auf solche Fragen bleibt das Schicksal die Antwort schuldig."
„Adelaidens Siechthum zog sich in die Länge, sie konnte die Reise in die Heimath nicht wagen, die Badezeit ging allmälig vorüber, ein Gast nach dem andern verlor sich. Die Contessa hatte meine Frau kennen lernen, beide hatten Wohlgefallen an einander gefunden, und sie überraschte uns mit der Frage, ob wir sie in unserm Hause aufnehmen wollten, daß sie doch Menschen um sich habe, denen sie vertrauen könne?"
„An Raum fehlte es nicht in unserm Hause, der Antrag war zu ehrenvoll und in so freundliche Bitten gekleidet, als daß wir ihn hätten ablehnen sollen; nach kurzem Berathen genehmigten wir ihn, nur ihre Dienerschaft war uns zuviel. Und das engelgute Geschöpf lohnte uns zu Liebe ihre Diener reichlich ab, behielt nur ein Mädchen, und sandte ihren trauernden treuen Kammerdiener mit Briefen in ihre ferne Heimath. Die Kammerfrau und das andere Mädchen zerfloßen in Thränen, als sie Abschied nahmen von der hochverehrten sanften Herrin."
„Nun wohnte denn die Contessa Manfroni bei uns, es war, als sey sie ein Glied der Familie, so lieb, so gütig nahm sie sich, und meine kleine Emilie war ihre Lust und ihr Leben. Stundenlang konnte sie sich mit dem Kinde beschäftigen. Da war keine Spur von Stolz auf ihre hohe Geburt, wie denn überhaupt – dieß beiläufig gefragt, meine Herren, der italienische Edle, habe er auch Fürstenrang, die Art des Stolzes nicht kennt, die einen großen Theil unseres Adels aufbläht, sey sein Stammbaum auch ein noch so junges Reis, sein Verdienst, wie das seiner Vorfahren noch so unbedeutend oder nichtig, und sein Sockel noch so schmächtig und löcherig. Die Humanität wohnt immer bei wahrer Größe, und ich hatte oft Gelegenheit zu bemerken, daß Fürsten mit hohem innern Reichthum gütig und liebevoll sich herabließen zu dem geringsten ihrer Unterthanen, und dafür gesegnet wurden aus treuem Herzen, daß die, die dem Throne nahe standen, wie Spiegel die Sonnenstrahlen des wahren Edelsinnes, die von jenem ausgingen, zurückstrahlten, daß aber, je tiefer man herabstieg, je dunkler dieses Licht wurde, bis es sich auf der Stufe der Emporkömmlinge in Nacht verlor, aber mit einem andern Vergleich: Erst Purpur, dann gewöhnlicher Sammt, dann Seide, dann Mousselin, Kattun, dann grobes Sacktuch. Doch weiter, aber zuvor, meine Herren, eine Prise." – Die Dose heilt ihren Umgang, und Mälar fuhr fort:
„Meine Patientin war schon wieder so weit hergestellt, daß sie es wagen konnte, zuweilen ein wenig zu singen; am liebsten that sie dieses Nachts, und es machte einen wundervollen zauberischen Eindruck, die klaren sanften Töne zu hören, die sie hervorzubringen im Stande war, es war gar nicht wie Menschenstimme, und mochte doch auch nicht wohl mit etwas andrem verglichen werden; ich sah ein, daß diese wunderbare Hervorbringung nur in einem organischen Fehler der Stimmritze liegen könne, wie das gar nicht selten bei recht ausgezeichneten Sängerinnen der Fall ist. Adelaide sang keine Worte, es war nur ein Hinaufsteigen und Hinabfluten auf der Skala, aber in unermessenem Umfang, ihre Seele schien in Töne verwandelt, herauszuschweben aus der schönen Hülle, denn wie Adelaide war, so war ihr Gesang; ich rieth zwar immer, sich nicht anzustrengen, aber sie versicherte mit milder Freundlichkeit, es strenge sie gar nicht an, sie singe ja nicht überlaut, es sey ihr höchstes Vergnügen, sie könne nicht davon lassen, ja sie wünschte singend zu sterben."
„Es war um diese Zeit, später Herbst, und vor dem nächsten Frühjahr nun an eine Heimreise der Contessa Manfroni gar nicht zu denken, als ich eines Tages über Land geritten war, und gegen Abend erst nach Hause kam. Wie ich durch die Rathsgasse reite, sehe ich das Zimmer Adelaidens hell erleuchtet, und in meinem Hause eine unruhige Bewegung, Schatten streifen an den Gardinen hin, Lichter erscheinen in den Stuben, und verschwinden wieder, und der Gedanke, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen bei mir, fiel mir schwer aufs Herz, ich war noch ein junger Mann, noch nicht im Besitz der Ruhe, die vor allen der Arzt sich zu eigen machen muß, um der Besonnenste zu seyn auch bei den schrecklichsten und erschütterndsten Vorfällen; eine solche Ruhe giebt aber nur die Zeit, Erfahrung, und ein gutes Bewußtseyn. Als ich mein Pferd in den Stall geführt hatte, und nun in die Hausflur trat, kam mir meine Frau mit verweinten Augen entgegen, und rief: "Gottlob, daß Du da bist, ich wollte schon nach dem Doktor Wehner schicken. Unsre Gräfin ist sehr, sehr krank geworden! O Gott, wenn sie uns nur nicht stirbt!"
„Sey ruhig, mein Kind," tröstete ich sie, und eilte zu der Kranken, nach der Ursache forschend, die einen so plötzlichen Rückfall herbeigeführt. Da erfuhr ich denn zu meinem großen Schreck, daß eine Freundin Adelaidens, die mit dem Grafen Edgar von Leitzen in einer Stadt wohnte, nicht wissend, wie nahe dieser dem Herzen der Contessa gestanden, dieser unter anderm als Neuigkeit geschrieben, wie sie auch einem festlichen Balle beigewohnt habe, der bei dem Genesungsfest der reichen Gräfin Maien gegeben worden sey, welches Fest zugleich der Vermählungstag der Genannten mit dem schönen Grafen Edgar von Leitzen gewesen sey."
„So war unvorhergesehen der Blitzstrahl gekommen, den ich so sorglich von der Armen abzuleiten gesucht. Sie lag in Krämpfen, ein Blutsturz kam, schmerzvoll gab ich jede Hoffnung auf, ohne doch zu versäumen, alles Mögliche aufzubieten, sie zu retten. Und noch einmal dämmerte ein Hoffnungsstrahl, sie hatte auch die unendliche Qual niedergekämpft, aber die tiefste Schwäche blieb zurück, sie konnte kaum ein Glied bewegen. Ihre Augen schimmerten wie verklärt, sie hatte etwas wahrhaft Heiliges in ihrem Wesen. Die Wangen ganz bleich,, wie die Stirne, auf denen die dunkle Nacht der Locken ruhte, wie eine sterbende Martyrin war sie anzuschauen. So dauerte ihr Zustand einige Wochen. "Ich sterbe bald, ich will sterben," lispelte sie oft leise zu meiner Frau, die selten von ihrem Lager kam, und drückte ihre Hand mit schwacher Kraft. "Ich werde auf Ihrem friedlichen Kirchhof ruhen, fern von der Heimath, und bald vergessen seyn; o es muß sich kühl und schön hier schlafen."
„Als sie sich nur einigermaßen stärker fühlte, bat sie, daß man sie allein lassen solle des Nachts, und kein Licht mehr brennen, es raube ihr den Schlummer. Ich ließ es zu, aber meine Frau mußte im Nebenzimmer ruhen, und die Thüre ließ ich ausheben, und statt dieser nur einen dichten Vorhang anbringen; nun mochte wol der gereizte Zustand, in dem sich die Kranke befand, wunderbare Erscheinungen vor ihre Seele führen, sie sprach oft im Schlafe, aber nur leise, und in ihrer heimatlichen Sprache, die meine Frau freilich nicht verstand, ja sie sang sogar im Schlafe."
„In einer Nacht sang sie ebenfalls wieder, und lauter und melodischer, denn zuvor, und meine Frau hörte mit banger Besorgniß zu, wollte sie aber doch nicht erwecken, plötzlich stockte der Gesang, ein Husten hemmte ihn, ein banges Stöhnen; meine Frau sprang vom Lager, und trat mit Licht in das Zimmer der Kranken, guter Gott, da quollen die warmen Wellen von Adelaidens Herzblut über die weisse Decke, meine Frau schellte mir, noch einmal blickte das arme Mädchen sie an, wollte sprechen, und konnte nicht, und die seelenvollen Augen brachen; ich kam zu spät."
Der Doktor Mälar schwieg. Wir sahen, daß die Erinnerung an die unglückliche Contessa Manfroni ihn mächtig ergriffen hatte, und daß trotz eines angenommenen Scheines von Kaltsinn, trotz seiner vorhinigen Aeußerung, er sey kein Gefühlsmensch, doch ein wahres, warmes und tiefes Gefühl in ihm wohne. Und so soll es auch seyn bei einem Arzt. Er sey kein Schwärmer, kein Mystiker, aber er bewahre sich die rege Theilnahme am Menschenwohl, er zeige sie, und übe sie, und Vertrauen und Liebe werden ihn dankbar dafür belohnen. mag auch irgend eine philosophische Schule die Gefühle uns wegphilosophiren wollen, andere Namen für sie aussinnen, sie psychische Vermögen u. drgl. nennen, sie bleiben in die Menschenbrust gelegt von einer höhern Macht, die doch vielleicht, wenn es die Philosophen nicht ungütig nehmen wollen, dieß zu äußern, einen etwas schärfern Blick hat, wie sie.
Der Doktor Mälar drehte die Mosaikdose rasch in seinen Händen, sah gegen die Decke, und schwieg noch immer, wir aber blickten ihn erwartungsvoll an, keiner wollte die Meditation stören, in der er so eben versunken schien. Endlich nahm er das Wort: vWie viel Uhr mag es wol seyn, meine Herren? Es muß schon spät seyn, ich denke, wir gehen. Der Sturm scheint nachgelassen zu haben."
„Nun – Herr Doktor – das Ende der Erzählung?" fragte ich.
„Ich bin zu Ende, meine Herren," antwortete er, seinen Stuhl zurückschiebend und aufstehend, „doch – noch eins." Er zog unter den vielen Ringen, die er trug, einen ab, und reichte ihn dem Nächstsitzenden.
„Dieser Ring ist von ihr, betrachten Sie ihn, er ward mir zum Andenken."
Es war ein feingearbeiteter Goldring mit einem Brillant, innen stand Adelaide.
„Nun aber, die Bewandtniß mit dem Singen in der Stube?" fragte der Freund des Doktors.
Mälar lächelte sarkastisch. „Zufällig," sprach er: „ist kein Jurist unter uns, aber wir Alle wissen doch soviel, daß Weiberzeugniß kein Zeugniß ist, und – leider giebt es auch unter den Männern Individuen, an denen sich die Natur bei der Bildung versehen, und ihnen Weiberseelen verliehen zu haben scheint. Gute treuherzige Fraubasenseelen, die manchmal gern ein Traumbüchlein hätten, wenn der Incubus auf ihnen herumgeritten ist; diese unterschreiben gläubig den Ausspruch: Es giebt im Himmel und auf Erden manche Dinge, von denen sich unsere Philosophie nichts träumen läßt – er ist der Markstein ihres Denkvermögens, über ihn hinaus wagen sich ihre schüchternen Gedanken nicht. Solche nun, und ihnen gemüthverwandte Weiber haben die Contessa noch singen hören wollen, als dieselbe längst ruhte. Mir wird niemand weder zutrauen, noch zumuthen, es zu glauben, und nun, meine Herren, wenn ich bitten darf, kein Wort mehr über diese Sache, weder heute, noch jemals."
Mälar schwieg, präsentirte uns noch einmal seinen, von Rosenöl durchdufteten Tabak, und wir gingen zusammen den Berg hinunter. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Herbstnacht lag recht kühl und schaurig über der erstorbenen Flur; den Himmel deckte ein einförmiges düstres Nachtgrau; der See lag wie ein großes dunkles Auge vor uns, und seine Wellen rauschten, vom Nordwestwind getrieben, gegen das östliche Ufer, an welchem wir, größtentheils schweigend, hinschritten. Als wir durch die kleine Seepforte in die Stadt gekommen waren, und einander gute Nacht zuriefen, schlug es schon zehn Uhr.

In derselben Stadt, wo der Doktor Mälar wohnte, befindet sich eine nicht unbedeutende Saline, und es war daselbst ein Soolbad eingerichtet worden, welches in einer kleinen Reihe von Jahren seine heilende Kraft an vielen Kranken bewährte, und durch den Umstand, daß es als Nachkur von denen gebraucht werden konnte, die in dem benachbarten Badeorte den Brunnen tranken, und durch die schöne freundliche Umgebung einen Vorzug vor manchen andern Anstalten derselben Art genoß. Die Badegäste wohnten gewöhnlich bei Privatleuten, und der bessere Theil der Einwohner bemühte sich, durch Zuvorkommenheit, Freundlichkeit und Unterhaltung dieser Fremden den Aufenthalt in einer kleinen Stadt, die nicht so mannichfaltigen Wechsel der Vergnügungen und Genüsse, wie eine große, bieten konnte, möglichst angenehm zu machen, und ich, dort selbst ein Fremder, bekenne gern, nicht nur, daß es sehr vielen Auswärtigen, selbst aus sehr hohem Stande, dort recht wohl und gemüthlich zu Muthe geworden ist, sondern auch, daß Wohlwollen, Geselligkeit und ächte Biederkeit dort recht eigenthümlich zu Hause sind, wie denn überhaupt, man spotte über kleine Städte, so viel man wolle, in solchen die genannten Tugenden weit öfter anzutreffen sind, wie in großen, in denen dagegen oft eine Kleinstädterei zu Tage gelegt wird, die in Erstaunen setzt, und in Ungewißheit läßt, ob sie zu belachen, oder zu beweinen sey.
Der Winter war vergangen, Lenz und Sommer kamen und der letztere brachte dem Soolbad des Städtchens wieder manchen achtbaren Gast. Auf jenem Berghaus über dem See, dessen Anlagen unter sorglicher Pflege immer schöner gediehen, fand sich oft ein Zusammenfluß der schönen Welt, ja sogar von benachbarten Orten kamen die Bewohner auf Nachmittagbesuche zuweilen herüber, die ganze Anlage mit ihrer herrlichen Aussicht war zu schön, und bot so mannichfache Reize, daß man ihrer nicht sobald müde wurde. Da brachte an einem heitern Sonntagnachmittag auch der Doktor Mälar einen Fremden mit hinauf. An das, was uns im vorigen Herbst der Doktor hier oben erzählte, dachte unter jenen Zuhörern ich wohl noch am meisten, es war niemals wieder davon die Rede gewesen.
Der fremde Herr, der mit dem Doktor Mälar kam, schien ein angehender Funfziger, sein Gesicht war sehr bleich, sein Haar begann, sich grau zu färben, seine Kleidung war einfach, aber fein, seine Züge waren edel, in seiner ganzen Haltung lag etwas Imponirendes und Würdevolles; Mälar stellte ihn den Vorstehern der Gesellschaft und seinen Freunden als den Grafen Eitel von Zarndeg, einen neuen Badegast aus * * * vor, der in seinem, des Doktors, Hause sein Logis genommen.
Es war mir gelungen, die schätzbare Freundschaft Mälars zu gewinnen, nachdem ihr ein näheres Bekanntwerden vorangegangen war, und während ich ihm einmal nahe stand, und sein Gast den Rücken wandte, warf mir der Doktor einen bedeutsamen, vielsagenden Blick zu, indem er nach dem Grafen hinsah, ich deutete den Blick als eine Freudenäußerung, daß Mälar einen so hohen Gast habe, oder daß er mich aufmerksam machen solle auf die edle Gestalt des Fremden, der Doktor hatte aber etwas ganz anderes damit sagen wollen.
Der Graf war sehr ernst und still, vielleicht drückte ihn das harmlose Leben der Bewohner einer Provinzialstadt, vielleicht war ihm Alles, was er sah, zu klein und zu kleinlich, er hatte wol ganz andere Aussichten gesehen, und fand es wunderlich, daß diese Leute sich so sehr an der ergötzen konnten, die sich hier darbot, oder war der Wein nicht nach seinem Geschmack, oder verstimmte ihn Krankheit, wer konnte es wissen? Er verließ nach einer Stunde mit dem Doktor den Berggarten. Es schien, als hätten sich Beide schon früher gekannt. – Beide hatten nach dem Abendessen noch lange beisammen gesessen, und sich lebhaft unterhalten, und die Gebilde einer längstvergangenen Zeit wieder heraufbeschworen mit dem Zauberstabe der Erinnerung. Was sie aber gesprochen, ist mir nicht offenbart worden, wol aber nach längerer Zeit das, was ich nun erzähle.
Spät legte der Graf sich zur Ruhe; es war eine freundliche Sommernacht, der Mond schien hell auf die Häuser der kleinen Stadt, er stand so, daß er nicht in das Zimmer des Grafen Zarndeg scheinen konnte, wol aber fielen seine Strahlen auf die gegenüberstehenden Häuser und in die Straße, die sich hinabzog auf den Markt.
Der Graf war schon eingeschlummert, und es träumte ihm, er sey gestorben, und liege im offenen Sarge, und es schwebe aus einer unermeßlichen Ferne ein bleicher Schimmer näher und immer näher, und es walle um ihn her ein Klageton, der tief in seine Seele drang, die noch bei dem todten Leib im Sarge war. Und wie der Schimmer näher kam, vermochte er zu erkennen, daß es ein blasser Stern sey, der heruntersteige zu seinem Sarge, aber doch noch unendlich weit entfernt. Er sah ihn, und doch waren seine Augen zu, er hörte die wunderbaren Töne, und doch war, das war er sich deutlich im Traume bewußt, sein irdisches Gehör geschlossen. Tiefer und tiefer senkte sich der Stern, der unter dem Nachthimmel schwebte, wie unter schwarzen Wetterwolken eine schneeweiße Taube, und der Träumende dachte, der Stern werde auf ihn herabfallen, und ihn bedecken. Und recht weit herab war er schon gekommen, und hing nur noch thurmhoch über ihm, wie ein bleicher Mond, der durch dunstiges Gewölke schimmert, dabei wurde stärker der Klang, und anschwellender, und ergreifender, und das bleiche Lichtgebilde senkte sich jetzt vollends ganz herab, wurde aber nicht größer, war auch weder Stern noch Mond, war ein schneeweißes Mädchenangesicht, das kam ihm näher, und immer näher, und seine Augen sahen durch die geschlossenen Augenlieder in zwei dunkle schmachtende Augen des Gesichtes hinein, dessen Züge dem Träumenden so bekannt waren, und jetzt fühlte er auf seinen Lippen ein kalten Kuß, daß ein Schauer ihn durchdrang, und davon erwachte er. Noch war es, als wenn langsam das Traumgebilde jetzt erst verschwebe, auch tönte es noch um ihn, wie ein feiner fernherkommender wehmüthig klagender Gesang.
Er sprang vom Lager, er trat aus dem offenen Alkofen in das Wohnzimmer, sah draußen den Mondschein, und öffnete das Fenster, und legte sich luftschöpfend weit hinaus.
Die Stadt lag im tiefen Frieden, der Himmel war wolkenleer, Lindenblüthenduft durchwürzte den Aether, in dunkler Ferne grenzte ein waldiges Gebirge den Horizont gegen den Himmel ab, und auf dem höchsten der Berge schien ein großer Stern zu ruhen. Leise fächelte die Nachtluft durch das dichte Laub eines Weinstocks am Nachbarhaus, dieses und das Rauschen eines Baches, der in einem engen Kanal die Straße hinabschoß, verursachten das einzige Geräusch in der Nähe, von fern hörte man noch das Tosen des Flusses, der über ein starkes Wehr sich brausend stürzte.
Lange lag der Graf sinnend im Fenster, und dachte seines Traumes. Wol mochte die Vergangenheit mit seinen Gedanken einen ernsten Zwiesprach halten, denn er seufzte unwillkührlich laut auf.
Die Nachtluft strich jetzt stärker an ihm vorbei, und es regte sich etwas hinter ihm; die Stube war leer, wie er sich umsah; da raschelte es wieder, und er gewahrte, daß der Wind ein Bild bewege, welches an der Wand hing, von einem Flor überschleiert.
Er schlug den Flor zurück, und bebte. So viel er zu erkennen vermochte in der dämmernden Helle, so war das dasselbe Bild, das er im Traume gesehen, das ihn verscheucht von der weichen Lagerstätte, und es kreuzten sich seine Gedanken wunderbar durcheinander; er warf sich wieder auf das Bette, und schlief nach einer Weile tief und fest ein.
Am andern Morgen, als er hinabkam in Mälars Familienzimmer, sah er wo möglich noch blässer aus, als Tags vorher, aber auf die Frage der Frau Doktorin: Ob er wohl geruht habe? antwortete er mit einer freundlichen und verbindlichen Verbeugung, daher sie keinen Anstand nahm, Zimmer und Schlafgemach unvertauscht zu lassen, zumal da beides außer etwas alterthümlichen Tapeten, die geschmackvollste Einrichtung, die besten Meubels hatte.
Die Nacht kam wieder, und mit ihr wieder über den Grafen derselbe unruhige Traum, nur beengender, drückender, lastender, denn heute verschwand das küssende Bild nicht, wie er erwachte, sondern es blieb immer vor seinen Augen schweben, und auf seiner Brust lag es schwer, wie eine Zentnerlast, und dazu kam ihm im Traum die Erinnerung, daß er schon einmal davon geträumt, auch war ihm, als flüstere eine Stimme: Das mußt Du nun jedesmal träumen, bis Du wirklich gestorben bist.
Doch war er nach einer Stunde wieder in einen festen Schlaf verfallen, aber als es Morgen wurde, und er erwachte, fühlte er sich ungemein kaftlos, so daß ihn der Doktor Mälar und dessen Frau ganz besorgt anblickten, denn ein auffallend elendes Aussehen kündete in seinem Gesicht die nächtlichen Beängstigungen. Der Doktor befragte ihn nun ernstlich, und der Graf sagte: "Ich vermuthe, bester Doktor, mein Blut ist zu dick, ich habe sehr beunruhigende Träume; immer ist mir auch des nachts, als umflüstre und umtöne mich ein Gesang, und dann kommt es mir vor, als habe ich diesen Gesang schon einmal vor langen Jahren gehört."
Da seufzte wieder die Frau Doktorin leise vor sich hin, und Mälars Gesicht nahm den Ausdruck der Verwunderung an. Er schüttelte zwar mit ungläubigem Lächeln den Kopf, aber es ging ihm wunderbar darin herum, er wußte selbst nicht, ob er wache oder träume.
„Ich werde Ihnen ein anderes Schlafzimmer anweisen, Herr Graf," sagte die Frau Doktorin mit gewohnter Milde. „Vielleicht beunruhigen Sie die alterthümlichen Bilder auf den Tapeten, denn Sie müssen wissen, dieses Haus ist einmal die Wohnung eines hiesigen Burgmannes gewesen, und wir haben manches aus der alten Zeit unverändert gelassen, weil es meines Mannes Vater und Großvater auf uns vererbten."
„O ich bitte recht sehr," antwortete der kranke Graf verbindlich; „machen Sie sich deßhalb keine Incommodität; ich falle Ihnen ohnedieß zur Last. Ich habe wirklich noch kein Augenmerk auf die Tapeten gerichtet, und bin dergleichen gewohnt. Der Stammsitz meiner Familie bietet solche ehrwürdige Reliquien aus alter Väterzeit in Menge dar. Ich bestehe darauf, in dem Zimmer, wo ich einmal logirt bin, zu bleiben."
So ließ man dem Grafen seinen Willen, und es kam die dritte Nacht. Nicht ohne ein heimliches Grauen legte er sich nieder. Er befand sich noch in dem Zustand zwischen Schlaf und Wachen, als schon ein leises Tönen um ihn begann, zugleich schien eine geheimnißvolle Macht seltsam in dem Schlafzimmer zu walten. Es knisterte und raschelte, es wehte und seufzte, ein tiefes banges Athmen drang an sein Ohr, als kämpfe ein sterbendes Wesen den letzten Kampf im Zimmer. Den Grafen schüttelte es, wie Fieberschauer, wirre Gebilde der aufgeregten Einbildungskraft umflirrten ihn, es war ihm, als spinne ein ungeheurer Wurm einen festen und undurchdringlichen Cocon um ihn, daß er liegen müsse regungslos und gefesselt, wie ein Mensch, der in Starrsucht gefallen, kein Zeichen des Lebens zu geben vermag, dessen er sich doch, o mit welchen entsetzlich bangen Gefühlen, bewußt ist. Und wie er so lag, da sank wieder die bleiche Last auf ihn herab, und das Phantom seiner angstvollen Träume hing mit kaltem Schauerkuß auf seinen Lippen.
„O warum, warum so grausam strafen? Tödte mich, tödte mich, erzürnter Schatten, ohne diese Marter! Laß ab, laß ab, die Brust zerspringt mir! O des unsäglichen Schmerzes!"
Diese Ausrufungen durchglühten nur als siedende Gedanken das Gehirn des Grafen Eitel von Zarndeg, aber auszusprechen vermochte er sie nicht, und es wich auch nicht das Schreckgebild, so daß der Leidende dachte, er würde in dieser Nacht wahnsinning werden. Nach einer Weile aber hob sich das Schattenangesicht, und seine dunkeln Augen drangen wie glühende Strahlen tief, tief in das Innere des Kranken. Und denselben Lippen, die so kalt auf den seinen geruht, und die so bleich waren, schienen jetzt alle die Gesangestöne zu entströmen, die so süß und schaurig und wunderbar durch das Zimmer bebten, wie ein klingender Strom durch alle Adern des Grafen sich ergoßen, alle Nerven durchzuckten, alle Fiebern zittern machten. Es war ihm, als kreise um seine Brust ein glühender, klingender Ring, der immer schmerzlicher, immer tiefer einschneide, bis er sie ganz durchschnitten, und die Seele herausgepreßt haben würde. Darauf, in der höchsten Ermattung, kam es ihm vor, als schweige der Gesang, und als habe das Bild sich todtgesungen, und dann entquoll dem Munde des Bildes klares, purpurnes Blut, bei dessen Anblick ihm übel wurde, und jetzt wallte es in ihm selbst warm herauf vom Herzen, und der Schmerz der zermarterten Brust ließ nach, und seines eigenen Blutes rother rauchender Strom quoll über die Decken. Da schwanden des Traumes lastende Bande, und der Graf erwachte zum klaren Bewußtseyn, und fühlte in der Brust den tiefen Schmerz, und schmeckte sein Blut, und er zog an der Klingel.
Mit besorgter Miene saß am darauf folgenden Morgen der Doktor Mälar am Bette seines Gastes, und fühlte ihm den Puls, und reichte ihm ein Medikament. Am Boden zeigten sich noch einige Spuren des nächtlichen, lebenbedrohenden Unfalles. Der Kranke fühlte sich erleichtert, aber sehr geschwächt, dennoch sprach er, und bat den Arzt um etwas, was dieser nicht geneigt schien, zu gewähren.
„Sie fürchten, es werde mich zu sehr angreifen – o nein – bitte, zeigen Sie mir das verhüllte Bild," bat der Graf mit schwacher Stimme.
Mit Widerstreben erhob sich Mälar vom Stuhl, ging hinaus in die Stube, und brachte das Bild herein.
Lange weilte des Grafen Blick darauf, seine Gedanken schienen tief, tief in das Meer der Erinnerung versunken, endlich sprach er: „Sie ist's – es ist Adelaide Manfroni, wenn Sie es auch zehnmal abläugnen, Doktor. Dieses Bild möchte ich mit mir in's Grab nehmen." – – Er schwieg wieder eine lange Weile, und blickte unverwandt auf das sprechend ähnliche Gemälde jenes unglücklichen Mädchens. Ein überaus mildseliges Lächeln überflog seine bleichen Wangen.
„Warum erscheinst Du nicht so mir, Seraph? Warum so eiseskalt, mit todbringendem Kuß? O wie Du schön bist, Rose von Milano!" lispelte er kaum hörbar. Und wieder die tiefeingesunkenen Augen aufschlagend zu dem Arzte, fragte er lauter: "Sie ist hinüber? Nicht wahr? Verhehlen Sie mir es nicht, guter Mälar, ich kann diese Nachricht tragen, o ich trug schon mehr, auf dieser zerrissenen Brust lag schon gar manche schwere, schwere Last."
„Sie schläft," antwortete der Arzt mit einem wehmüthigen Lächeln. „Sie war zu gut für diese Welt."
„Sie ruhe sanft," setzte der Graf hinzu, und eine Thräne fiel aus seinem Auge auf das Bild, und dieses schien ihm sanft aus lebenstrahlenden Augen anzublicken.
„Wie ist mir denn" – ermunterte sich der Graf aus dem Nachsinnen, in welches er wieder verfallen war: „hat mir es geträumt, hat mir es jemand erzählt, oder kommt mir der Gedanke nur wie eine wunderliche Ahnung, ist Adelaide nicht bei Ihnen gestorben, lieber Mälar?"
„Nicht weiter forschen, theuerster Graf, nicht weiter," antwortete rasch der Arzt. „Wenn sie genesen sind, dann lassen sie uns wieder davon reden, heute nicht, Sie sind allzusehr ergriffen."
„O," erwiederte der Graf: „es ist in mir gar eine tiefe Ruhe, ich fühle mich weich, wie ein Kind; sonst, in Jugendtagen, hatte ich ähnliche Empfindungen, im Frühling, oder wenn ich mich recht nach meiner Heimath sehnte, diese Gefühle sind elegisch, aber süß, wie die Gefühle der ersten Liebe."
„Bitte, sprechen Sie nicht mehr, ich fürchte sonst alles; Ihr Zufall könnte sich wiederholen," bat Mälar mit Ernst.
Da schwieg der Kranke, und gab dem Doktor das Bild zurück, der es wieder hinaus in die Stube trug, und den grünen Flor darüber hüllte.
„Ewige, unerforschte Natur," sprach zu sich selbst der verständige Arzt: „wer dringt in deine Tiefen? Wird kein Sterblicher jemals den Schlüssel empfangen aus deiner Hand, der deine verhüllten Räthsel löset, und deine Hieroglyphen entziffert? Was ist Verwandtschaft der Geister, und was gehört nur in das Gebiet der Phantasie? Kein psychologisches Klügeln holt aus dem tiefen Meer der Vermuthungen die Perle der Wahrheit."
Gegen Mittag erhob sich der Kranke vom Lager, aber in das Badehaus zu gehen, war er zu schwach; heute mußte er dulden, daß seine Schlafstätte in ein andres Zimmer verlegt wurde.
Es hatte sich aber in dem Grafen von Zarndeg ein Siechthum festgesetzt, das den Wirkungen der Bäder, wie denen der Medikamente Trotz bot. Er vermochte zwar wieder auszugehen, aber er schlich umher, wie ein Schatten. Gesellschaft mied er, man sah ihn nur auf einsamen Feldwegen; die grünen freundlichen Höhen zu ersteigen, war er zu schwach, in den traulichen Hainen war es ihm zu kühl. So wandelte er eines Tages auf der schattenlosen, sonnigen Straße nach Westen hin, die am Friedhof, der eine Viertelstunde von der Stadt entfernt liegt, vorüberführt. Wie er an die niedere weiße Mauer kam, die den Gottesacker umzieht, schlich er durch ein Seitenpförtchen hinein, und wandelte zwischen den stillen Gräbern, den ernsten dunkeln Todtenkreuzen, den hellen Monumenten hin.
Aus einem neuen Grabe flogen Schaufelwürfe von Erde, Steinen und Knochenresten, der Todtengräber stand schon so tief darin, daß man ihn nicht sah, der Graf schritt vorüber, da fiel sein Blick auf einen kleinen grauen Stein, bewachsen mit Moos und Flechten, der tief eingesunken war, und kaum war noch des Grabes Spur zu erkennen, das dieser Stein einst bezeichnet. Die Schrift darauf schien vergoldet gewesen zu seyn, einige Buchstaben zeigten noch davon die matten Reste. Der Kirchhofwanderer beugte sich nieder, und las die Schrift, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust, seine Blicke flogen gen Himmel. Auf dem Stein war noch zu lesen:

Hier ruhet in Gott
Adelaide Manfroni.


Alles Uebrige hatte der Zahn der Zeit getilgt.
„Also doch hier?" sprach der Graf vor sich hin. „Wunderbar, aber des Himmels Wink. Ob sich's gut ruhet neben ihr?" – Ein Gedanke durchzuckte den Grafen. Er redete den Todtengräber an: „Hört Alter, für wen ist das Grab, das Ihr hier bereitet?"
Der Todtengräber, ein alter Greis, zog seine Mütze, und ein kahler Schädel, von wenigem Silberhaar noch umwallt, wurde sichtbar. „Für einen armen Tagelöhner," antwortete er.
„Sagt mir, Alter," fuhr jener fort: „Wenn ich Euch Geld gebe, grabt Ihr wol für jenen Mann ein andres Grab, und laßt dieses offen, aber leer?"
Der Greis sah ihn verwundert an, ein solches Gesuch war ihm noch nicht vorgekommen. Er bedachte sich eine lange Weile.
„Für wen soll denn das?" fragte er endlich, sein Haupt wieder bedeckend.
„Es wohnt ein Fremder bei dem Doktor Mälar, der ist gestorben," antwortete ihm der Graf mit einem innern Schauder. Sagt nur, wie viel Ihr haben wollt, ich gebe Euch, was Ihr fordert."
„Hm, zwei Thaler ist der Tax für ein schönes Grab," sprach der Todtengräber: „wollen Sie nun ein Trinkgeld drein geben, ih, so mags meinethalben gelten. Wenn der Mensch todt ist, da ist's all eins, wo er liegt, wenn er nur auf den Gottesacker kömmt, daß unser Einer etwas verdient. Werde bald das letzte Grab gemacht haben," fuhr der Alte geschwätzig fort: „bei mir ist das Sprüchwort zum Lügner geworden; ich habe gar vielen Andern eine Grube gegraben, und bin nicht hineingefallen."
Der Todtengräberwitz störte den im Innern tief erschütterten Grafen mächtig. Er gab ihm vieles Geld, viel mehr, als der Mann gefordert hatte.
„Noch eins," sprach er düster. „Ich sehe, Ihr grabt die alten Gräber wieder auf, ich will Euch noch mehr geben, wenn ihr mir schwört, dieses hier nicht aufzugraben, und den Stein unverrückt zu lassen."
„Meinetwegen auch," brummte der Todtengräber. „Es ist noch Platz genug, kann noch ein Paar Jahre liegen bleiben. – Ich schwöre es, und will's auch meinem Sohn sagen, daß er es hält, wenn ich todt bin."
Der Graf warf ihm noch einige Geldstücke zu, und verließ den Todtenhof. Die Sonne schien heiß, wie er nach der Stadt halbträumend zurückging. Dennoch fror ihn, und es prickelte ihm in allen Gebeinen.
„Ja, nun ist mir alles, alles klar," sprach er zu sich selbst. „Du rufst, Adelaide." Ein großer Leichenzug kam ihm aus der Stadt entgegen, voran die Schulknaben, dann der Sarg, dann der Leidtragenden lange Reihen, erst die Männer, dann in einem großen Zwischenraum auch die Weiber, diese Alle in wunderlichen weißen Mützen, und in dunkeln Trauermänteln, nun fiel es auch erst dem Grafen bei, daß er schon eine Zeitlang mit allen Glocken läuten gehört hatte. Der Zug wallte, der Gesang tönte an ihm vorüber. Deutlich vernahm er die Worte der Liederstrophe:

Gebt dem Tode seinen Raub,
Würmern ihre Habe!
Seelen werden nicht zu Staub,
Schlummern nicht im Grabe.
Hier ist gut seyn, senkt ihn ein,
Laßt die Erde rollen,
Und ihn segnen, und uns freu'n,
Daß wir sterben sollen!

„Uns freu'n, daß wir sterben sollen – " wiederholte der Graf: „Ja, ja, und bald, recht bald, dein dunkles Thor ist schon aufgethan, o säume nicht lange, Du bleicher Pförtner!"
Mit dem Reim des Todes in der Brust kam der Graf nach Hause, und – den guten Doktor Mälar traf ein trübes, unangenehmes Geschick, am folgenden Morgen riefen sich die Nachbarn in dem Städtchen die Nachricht aus den Fenstern zu: der fremde Badegast im steinernen Hause sey die vergangene Nacht in Folge eines neuen Blutsturzes gestorben.

Wieder lag der Spätherbst düster über den Fluren, als ich eines Abends von einem Spaziergang auf ein Dorf, wo ich einen befreundeten Pfarrherrn besucht, nach Hause ging, aber zuvor noch einmal einkehren wollte in dem nun auch öde werdenden Berggarten. Es war keine Gesellschaft da, die Witterung hatte diesesmal durch ihre Rauheit allen Freunden dieses Lustortes die Lust verleitet. Einsam saß ich eine Weile, und sah, wie durch Regenwolken die Strahlen der sinkenden Sonne sich mühsam Bahn zu brechen schienen, und es gelang ihnen, der Westhimmel hellte sich auf, während es gegen Osten stürmte, so daß das Waldgebirge dicht verschleiert war, ja nicht einmal das benachbarte Sommerschloß, das sonst an heitern Tagen wie ein freundlicher Edelstein im Sonnenglanze schimmert, war zu erblicken. Desto lieblicher erschien das kleine Stückchen heller Himmel, welches über dem Ruinengemäuer einer alten Burg in allen sanften Farbentönen schimmerte. Die Sonne war schon hinab, und es verschmolz sich dort das bleiche Wolkengold in brennender Purpurflamme, die auf einem grün-, blau- und violetfarbigen Grunde ruhte.
„Was ist der Spätherbst" – sprach eine Stimme in mir, die so gern laut wird, wenn ich allein, ernstem Nachdenken hingegeben, die Natur betrachte, sey es in der Maipracht der Blüthenzeit, oder beim Donnergewölk des glühenden Sommers, bei fallendem Laub, oder in ihrem stillen Schneekleide: „Was ist der Spätherbst? Eine Ruine vom Frühlings-Luftschloß; ein müder Landmann, der genug gearbeitet, und nun feiern möchte; eine Matrone, die ihr Tagewerk überblickt, und sich das Schlafhäubchen aufsetzt, um zu ruhen. Der Spätherbst ist eine kühle bleiche Polarsonne, die nur noch, für vier bis fünf Monden zum letztenmal, auf dem Erdrande steht, und zu scheinen aufhört, und nun auf lange hinabsinkt."
Noch länger vielleicht hätte ich den Faden dieser hinkenden Vergleiche fortgesponnen, wäre nicht, wie vor einem Jahr um dieselbe Zeit, der Doktor Mälar, nun mein lieber Freund, wieder zum Hinterpförtchen des Berggartens hereingetreten.
„Guten Abend! guten Abend!" rief er heiter. „Finde ich noch Gesellschaft? Das ist mir lieb. Bleiben Sie noch ein wenig? Ja, Sie bleiben noch; ich bin durstig, habe heute noch keinen Tropfen Lagerbier getrunken. Kommen Sie, gehen wir in den Saal, ich bin warm, lassen Sie sich noch einmal einschenken!"
Wir saßen wieder an dem großen Tisch, die eine Lichtkerze, die uns die Wirthin darauf setzte, verbreitete keinen sonderlich hellen Schimmer, es herrschte eine düstere Beleuchtung.
„Entsinnen Sie sich noch, werther Doktor," nahm ich nach einigen gleichgültigen Reden das Wort: „Wie wir vor einem Jahre, just um dieselbe Zeit, hier oben saßen mit noch einigen Freunden, und wie sie uns die Geschichte der Contessa Manfroni erzählten?"
Es flog ein düstrer Schatten über Mälars noch so eben recht heiter gewesenes Gesicht.
„Müssen Sie mich daran erinnern?" fragte er, und sah mich scharf an, zugleich fuhr er hastig, als müsse durchaus auf die unliebe Erinnerung eine Prise gesetzt werden, in die Tasche, und zog eine goldene Dose hervor, die er, nachdem er schnupft, und auch mir Tabak geboten, rasch zwischen den beringten Fingern umwirbelte. Er sah sich um, sah in die Düsterniß um uns hinein, und sagte: „Wir sind Beide allein, wir kennen uns genugsam, die Sache scheint Sie zu interessiren, und ich kann Ihnen heute mit einer Fortseztung dienen, wohl verstanden, nur Ihnen, Sie machen keinen Gebrauch, und erzählen hier die Geschichte keiner Seele."
Voll Staunen horchte ich auf, nichts hätte mir willkommener seyn können. Der Doktor Mälar sah eine Zeitlang in die Höhe, fort und fort die Dose drehend, dann griff er nach einem Stückchen Kreide, das zufällig auf dem Tische lag, und fragte mich: „Entsinnen Sie sich noch, wie ich vor einem Jahr, als ich hier erzählte, den Grafen, Adelaidens scheinbaren Liebhaber, nannte?"
„Edgar von Leitzen, wenn ich mich nicht irre," antwortete ich.
„Richtig, richtig," nickte Mälar: „und nun geben Sie Acht!" – Er schrieb auf den Tisch:
11 1 12 7 8 5 1 2 3 6 4 9
E D G A R L E I T Z E N.

„Nun lesen Sie nach den Zahlen," fuhr er fort, und fixirte mein Gesicht.
Ich buchstabirte, und rief dann staunend aus: „Eitel Zarndeg! Ist es möglich? Derselbe, der diesen Sommer –"
„Leider derselbe," seufzte Mälar. „Vor einem Jahre anagrammatirte ich schnell den Namen, ich wollte, da er noch lebte, ihn nicht nennen, und glaubte nicht, daß ich je wieder von ihm zu erzählen haben würde." – –
Und nun erfuhr ich, der Erzähler, das, was ich von dem Grafen bereits berichtet; er hatte dem treuen Arzte alles vertraut, alles gesagt, und dieser schloß seine Erzählung mit den Worten: "Ich ließ ihn neben dem Hügel einsenken, wo Adelaidens modernde Gebeine ruhten, in dem Grabe, das er sich selbst gekauft. Wenn Sie Lust haben, nachzudenken über den räthselhaften Zusammenhang, thun Sie es, ich für mein Theil muß gestehen, ich denke nicht gern daran. Das Gefühl der menschlichen beschränkten Natur drängt sich mir zu mächtig auf. Was ist unser Wissen? Stückwerk, wie schon die heilige Schrift sagt. Mir thut es in der Seele weh, mich selbst in einem gewissen Befangenseyn erblicken zu müssen, aber wo ist Licht zu finden?"
Der Doktor Mälar schwieg, und schnupfte. Dann drückte er an einer Feder der goldenen Dose, ein doppelter Boden wurde sichtbar, innen ruhten ineinander geschlungen zwei Locken, und in den Boden war des Grafen Name eingravirt. „Theure Andenken an zwei Menschen, die sich liebten, und einsam verbluten mußten, zwei Menschen, die engelselig schon hienieden geworden wären, hätte sie Vereinigung beglückt. – Doch still, das ist ja nicht mit Gewißheit zu behaupten."
„Lassen Sie uns gehen, Freund," sagte der Doktor, „und kommen Sie morgen zu mir, ich will Ihnen etwas mittheilen, das Ihnen vielleicht noch einigen Aufschluß giebt."
Es war schon recht finster, wie wir aus dem Berghaus heraustraten. Arm in Arm gingen wir durch die Anlagen, und am Ufer des murmelnden Sees, wie damals, mit ernstem Schweigen hin.
Am folgenden Tage ging ich zu dem Doktor, er winkte mir, ihm hinaufzufolgen, und so sah ich das verhängnißvolle Zimmer mit dem Alkoven, wo Adelaide verschied, wo Eitels Augen brachen. An der Wand hing ihr verschleiertes Bild, und offen sey es bekannt, nie sah ich ein holderes Gesicht auf todter Leinwand. Aus jedem Zuge sprach Seelenadel und herzinnige Güte. Nur zu wenig Farbe schmückte die Wangen, aber der Maler war treu gewesen.
Während ich still bewundernd vor dem Bilde stand, schloß der Doktor ein Pult auf, öffnete ein Fach, und nahm Papiere heraus.
„Einige Briefe" – sagte er: „aber nur für Ihre Augen, morgen muß ich sie wiederhaben." Ich dankte dem Gefälligen, und ging.
Wenn ich nun diese Briefe hier mittheile, so möge den Verdacht einer großen Indiscretion die Erklärung entfernen, daß nirgend ein wahrer Name genannt ist, daß unterdessen bereits mehrere Jahre verflossen sind, während welcher auch mein würdiger Mälar sein Ruheplätzchen auf dem Friedhof jener Stadt gefunden, und daß die Sage von der Singstube längst verschollen ist, denn nach dem Tode des Grafen soll der unheimliche Gesang auf immer verstummt seyn.

I.
Das Billet des Grafen Eitel Zarndeg an den Brunnenarzt Mälar

Bad ***, den 18. August 18**.
Wenn Sie, werthester Freund, diese Zeilen und das beikommende kleine Andenken, welches ich mit Güte aufznehmen bitte, empfangen, habe ich schon dem freundlichen Bade *** Lebewohl gesagt, und bin auf dem Wege nach der Heimath.
Wie strafbar ich auch erscheinen möge in Ihren Augen, so werden Sie mir doch Ihr Mitleid nicht versagen, wenn ich den Versuch gewagt, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, einen Versuch, den ich mündlich zu unternehmen, nicht im Stande war. Und dennoch kann ich es nur unvollständig, indem ich so Manches, was Ihnen vollen Aufschluß geben würde, aus Familienrücksichten unenthüllt lassen muß, auch drängt die Zeit. Erfahren Sie denn nur so viel: Nicht die Krankheit meiner Braut, und ihr sehnsüchtiges Verlangen allein rufen mich so dringend von hier. Mein Vater enthüllte mir ein Geheimniß, das mich in die größeste Verwunderung setzte, das mich aus allen erträumten Himmeln stößt, das strafbar meine Neigung zu der himmlischen Adelaide macht, von welcher Neigung mein Vater Kunde erhielt, und doch, ich fühle es tief, doch wird diese Neigung nie ersterben, nie die Flamme erlöschen in meiner Brust, bis der Tod mich abruft.
Theurer Mälar, wie gern vertraute ich Ihnen Alles, aber – es ist meines Vaters Geheimniß, ich muß es heiligbewahren. – Meine Gedanken glühen wirr durcheinander, ich weiß kaum, was ich schreibe. Ihrem Ausspruch treu, will ich handeln: Ein edler Mann zieht die Erfüllung seiner heiligen Pflichten den Wünschen seiner Leidenschaft vor.
O grüßen, trösten Sie Adelaiden, sie wird ewig in meinem Herzen leben, sie, die mir nahe ist, und doch so furchtbar fern; hätte ich sie lieber nie gesehen. Wenn sie mich geliebt hat, so ist ihr Friede dahin – ach, und auch mein Friede.
Vergeben Sie diese irren Ausbrüche meines Schmerzes, er ist so groß, daß ihn Worte nicht schildern, Gedanken nicht fassen. – Leben Sie wohl und glücklich im Kreise Ihrer Theuern, mir schenken Sie Ihr Mitgefühl, und zuweilen eine Erinnerung.

Eitel, Graf von und zu Zarndeg.

II.
Die Gräfin Adelaide Manfroni an eine Freundin in Trient.
Unvollendet nach dem Hinscheiden Adelaidens noch unversiegelt und ohne Adresse in deren Nachlaß gefunden, und in italienischer Sprache geschrieben.

*** am 29. Oktober 18**
Ich habe kaum noch Kraft, Dir zu schreiben, die Hand erzittert, welche die Feder hält, und meine Blicke, von Thränen verdunkelt, irren düster über das Blatt, welches, ich fühle es, zum letztenmale Dir, meine theuerste, süßeste Freunding, Kunde giebt von meinem verblühten Daseyn. Schnell habe ich ihn ausgeträumt, den schönsten Traum meines Lebens, und wie ich erwachte, war rings um mich eine tiefe Nacht.
O welche Kluft zwischen dem, was ich Dir schrieb in meinem letzten Brief, und was ich Dir heute schreibe. Rufe in deinem Gedächtniß die Erinnerung zurück an jenen Jubel, an jene aufjauchzende Seligkeit, die in jeder Zeile meines Briefes athmeten, und fühle, fühle es ganz, daß alles nur ein Traum, ein Irrthum, eine grausame Täuschung war, und weine mir eine Thräne nach, denn nur droben siehst Du mich wieder.
O wie liebte ich ihn, den schönen, herrlichen Mann, das Ideal meiner Mädchenträume, wie innig fühlte ich mich zu ihm hingezogen! Wie die Nachbarsaite sanft mitbebt, wenn eine andere erklingt, so bebte meine Seele, wenn er sprach, und das Selbstempfundene erhielt erst durch ihn Gehalt und Weihe. Wie die Flamme sich schwesterlich zur Flamme neigt, so zog es mich zu ihm, ihn zu mir, unsere Seelen floßen ineinander. Mein Leben gehörte ihm, meine Gedanken waren nur bei ihm, ich liebt ihn unaussprechlich. Die andern Männer, die sich um meine Gunst bewarben, wie klein und gering erschienen sie mir gegen ihn, wie Pagoden gegen den Apoll von Belvedere, wie Irrlichter gegen den Arkturus.
O wie wurde ich betrogen, o wie lodert die Gluth der Schaam und des Zornes auf meinen Wangen auf, die so lange schon keine andere Röthe schmückte, kaum trage ich die Entwürdigung – doch, bald werde ich ausgelitten haben.
Dieser Mann, der mir die glühendsten Huldigungen darbrachte, der zwar nie von Liebe sprach, dem aber Liebe und Anbetung aus jedem Blicke strahlten, der selig war in meiner Nähe, der tief in mein Inneres blickte, der ein so hohes edles Gemüth offenbarte, dieser Mann, der die Seele meiner Gedanken war, von dem ich eine Erklärung durch sein ganzes Benehmen zu hoffen berechtigt war, eine Erklärung, die unser beiderseitiges Lebensglück zu gründen vermocht hätte, war schon – höre es, meine tausendfachgeliebte Freundin, und fluche ihm mit mir – war schon durch andere Bande an eine Braut gefesselt! – Nein, fluche ihm nicht, aber mich, mich beweine!
Ihm zu Liebe verlachte ich den Rath meines treuen redlichen Arztes, ich sang, ich tanzte, und opferte meine ohnehin kaum erneute Gesundheit. Und als ich leidend lag, tröstete mich der Gedanke, daß ich doch ihn erfreut, daß ich für ihn auch den Tod gern erleiden würde.
Da brachte mir unverhofft Mälar, mein Arzt, die Nachricht, daß der Graf plötzlich habe abreisen müssen, brachte mir seine Abschiedgrüße, sein Lebewohl. Aus Sorgfalt für mich hatte Mälar dem Grafen den mündlichen Abschied verweigert. Die Ursache dieser schnellen Abreise erfuhr ich nicht. Noch war ich voll Hoffnung, der Graf würde mir schreiben, ich täuschte mich, meine Hoffnung, meine Sehnsucht sollten schrecklich vernichtet werden.
Meine Gemüthsstimmung war nicht geeignet, zur Genesung meines Körpers mitzuwirken, ich durfte die Reise in die Heimath und zu Dir, meine Treue, nicht wagen; ich zog in das Haus meines freundlichen Arztes, der mit seiner Frau und einem kleinen engelholden Kinde, das Emilie heißt, in diesem Städtchen, ohnfern dem Bade *** wohnt, und ein gemüthliches Stillleben führt; da bin ich, so fern meiner Heimath, so fern von den Freundinnen und Bekannten, und verblühe und welke hin, eine einsame Lilie in einem stillen Thale. Was meine Lebensblüthe vollends knickte, war die Nachricht einer Freundin, daß der Graf in ***, wo diese Freundin lebt, seine Vermählung mit einer reichen Erbin gefeiert habe. – Es brach mein Herz.
O, so schändlich verrathen, so betrogen um Liebe und Hoffnung und Leben, und Alles; was verbrach ich, daß Solches mich treffen mußte? – – Soll ich fluchen ihm und seiner Liebe? Sollen meine Verwünschungen wie Gespenster um seine Freuden flattern? – Er wird leben in der Fülle des Glücks, ich werde sterben in der Fülle des Grams, soll mein Geist ihn quälen und martern, wenn ich gestorben bin? O zurück, zurück in die Nacht der Seele, die euch gebar, ihr wilden Träume meiner Verzweiflung, er steht ja rein da, er brach mir ja kein Gelübde, ich war eine wahngläubige Thörin, daß ich seine freundliche Zuneigung für Liebe nahm! O warum habe ich auch keine Mutter mehr, an ihrem Busen ausweinen meinen glühenden unendlichen Schmerz, zu weinen, bis ich keine Thränen mehr hätte? Bald, bald werde ich wieder eine Mutter haben, bald werde ich bei ihr, der Seligverklärten seyn, wo getäuschte Liebe nicht weint, wo Hoffnung nicht trügt, wo Herzen nicht verbluten. – Du hast sie gekannt, die Gute, Herrliche, auch ihr Leben drückte ein tiefer Gram, den sie mir nie enthüllte, es sollte kein Schmerz mein Jugendleben verkümmern, ihr Tod war mein erster Schmerz.
Ich bin bestimmt, nur großes Weh zu tragen, aber ich glaube, das Schicksal hat sich an meiner Kraft verrechnet, ich werde früher unterliegen, als es müde wird, auf mich einzustürmen.
Die Feder entsinkt fast meiner Hand – ich kann sie nicht mehr halten – meine Kraft schwindet zusehends hin, o – wärst Du doch bei mir, meine liebste Freundin! So allein – so schmerzlich allein – – –

III.
Der alte Graf von Zarndeg an seinen Sohn.
(Aus dem Nachlaß des Letztern.)
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(*) Der weggelassene Eingang; enthaltend die Aufforderung zur Heimkehr, und die Nachricht von der Krankheit der Braut des jungen Grafen)

Und nun doch zu Dir ein schwerernstes Wort, und gebe der Allmächtige, daß es nicht zu spät Dich ereile. Ich erfuhr von sicherer Hand, Du flattertest in jenem Bade um eine gewisse Adelaide Manfroni, eine italienische Gräfin. Glaube nicht, es folge nur eine spießbürgerliche Bußpredigt von zu haltender Treue gegen deine Braut, o wär' es nur das, nicht eine Zeile schriebe ich darum, aber es gilt eine ernstere Warnung. – Wie jenes Mädchen auch ihre Stellung gegen Dich genommen, wie auch dein Verhältnis zu ihr sey, und sey sie rein und schuldlos wie ein Engel, sey sie eine listige, lasterhafte Buhlerin, fliehe sie, ich befehle es Dir bei meinem höchsten Zorn, fliehe sie auf der Stelle, reisse Dich los aus dem Netz des Verderbens, oder mein Fluch soll Dir nachdonnern, nie sollst Du wieder vor mein Auge treten.
Du hast ein Recht, nach den Gründen dieser Härte zu fragen, die Du nicht an mir gewohnt bist, denn Du bist ein freier mündiger Mann, ich will Dir diese Gründe sagen, ob ich gleich dabei wühlen muß in meinem Innern, obgleich mein Herz sich wendet bei der Erinnerung an eine unerhörte Schandthat. Deine Mutter, verflucht sey ihr Andenken, Du weißt – wunderbar, wie ich diese Worte schreibe, zuckt plötzlich ein Blitz nieder, und ein prasselnder Donner folgt ihm, als habe der Himmel ein Mißfallen daran; mag seyn, er hätte das zu andern Zeiten äußern können – Du weißt, daß ich nie von ihr sprach, hat mich furchtbar betrogen. Wir wohnten am Rhein in einem herrlichen Schloß, Reichthum und Ehre schmückten unser Leben, wir hatten Dich, unsere höchste Wonne, da kam der Geist der Hölle in der Gestalt eines italienischen Conte in unser Haus; gastlich hegte ich die Schlange an meinem Busen, vier Monden bleib er bei uns, und zum Danke verführte er mein Weib. Die Elenden flohen, ich war beschimpft vor dem ganzen Gau, meine Feinde jubelten. Ich sparte meine Schätze nicht, ich sandte treue Diener nach den vier Himmelsgegenden; einen, der spähen sollte bis nach Amerika; einen, der Italien durchziehen sollte, bis an seine südlichen Enden, zwei nach andern Richtungen hin; ich zog mich in die Schweiz mit Dir zurück, kaufte eine alte Burg, gab Dich in eine Anstalt, und brütete Rache. Aus Italien kam mir nach langem Harren sichere Kunde. Ich eilte hin, ich fand meinen Vertrauten, er hatte sie gefunden, und scharf im Auge behalten. Sie bewohnten eine reizende Villa am Lago magiore, nahe bei Arona. Wie ein grimmiger Leopard umschlich ich ihren Wohnsitz, endlich – sie ergingen sich im Park, und die Treulose liebkoste eine Säugling – trat ich ihnen entgegen, wie ein Geist der Rache. Sie sank zitternd in die Knie, jeder Laut erstarb ihr, auch er erbebte, stumm reichte ich ihm eine Pistole, und zählte sechs Schritte, da knallt es hinter mir, und die Kugel pfeift durch mein Haar, und reißt mir den Hut vom Kopfe; der Schurke wollte mich meuchelmorden, rasch wandte ich mich, und meine Kugel flog ihm durch das Gehirn. Wie eine Statue kniete sie noch, und hielt das Kind empor, ich mochte mich mit ihrem Blute nicht besudeln, ich überließ sie ihrem Schicksal, und floh. Vor zwei Jahren habe ich erfahren, sie sey in ein Kloster gegangen, habe daselbst ein frommes und sehr heiliges Leben geführt, und sey auch darin gottseliglich verstorben. Ein sehr heiliges Leben, hahaha! Ihre Tochter gilt für eine reiche Erbin, es ist Adelaide Manfroni, sie führt den Namen jenes Buben, und Du – weißt nun, wonach Du Dich zu achten.

Dein treuer Vater
Julius, Graf v. u. z. Zarndeg.

Als ich diese Briefe gelesen, brachte ich sie dem Doktor Mälar zurück. – Nur noch eine Frage, bat ich ihr: "War der junge Graf glücklich?" "Nicht glücklich, seine Gemahlin starb nach einer zu frühen Niederkunft mit einem todten Kinde," antwortete Mälar: "er reiste umher, uns suchte Ruhe. Jetzt hat er sie gefunden." –
Bald darauf sagte ich der kleinen Stadt und ihren lieben Bewohnern ein wehmüthiges Lebewohl. (193-266)


Ludwig Bechstein: Der Naturforscher. Ein Phantasiestück
(1831, Novellen und Phantasiestücke IV,3, mit Abbildung)

„Also Du kommst, ich erwarte Dich zuverläßig! Das grüne, freundliche Dachstübchen mit der entzückenden Aussicht ist schon für Dich in Stand gesetzt; ich weiß, Ihr Poeten liebt das Hohe, sollte sichs auch nur auf Dachstuben erstrecken. Richte Dich ein, wo möglich ein paar Wochen, noch lieber, Monate bei mir zu bleiben, wir wollen ein Götterleben führen, Du, meine Schwester Luise, und ich, wir wollen ein Kleeblatt der Herzen bilden! O komme doch ja, mein Herzensfreund, der mir so lange fern gewesen, ich sehne mich so warm, so innig nach dir. Manches wirst Du verändert finden; manches sonderbar und seltsam, aber immer noch das alte, treue Herz, voll Bruderliebe zu Dir! Es erwartet Dich mit offnen Armen

Dein
August Dielke."

So schloß der Brief eines Freundes an mich, eines Freundes, den ich seit den Universitätsjahren nicht wieder gesehen, mit dem ich aber in jener harmlosen Zeit einen innigen Seelenbund geschlossen; aber wie es zu gehen pflegt im Leben, übt erst das Philisterium seine Macht aus über uns, dann tritt Einer nach dem Andern fernab von den vormaligen Geliebten, und nur wenige bleiben treu, nur wenigen vergönnen Zeit, Raum und Verhältnisse, das alte Band festgeknüpft, und durch Besuch oder freundlichen Briefwechsel eine seelenvolle Verständigung zu erhalten. Vor allen anderen Freunden dachte ich aber am liebsten und öftersten an Dielke, mit dem ich so ganz ein Herz und eine Seele gewesen war, zu dem mich gleiches Studium, gleiches Alter und nahe Verwandschaft der Gesinnungen und Denkungsart, wie ihn zu mir, gezogen.
Viel Seltsames war in dem Charakter meines Freundes, was ihn Andern entfremdete, mich aber um so lieber gewinnen ließ, daher er sich auch desto inniger an mich anschloß. Ein phantastisch-kecker Humor, eine tolle Laune zeichneten ihn besonders aus, und mit Begierde ergriff er jeden Gegenstand, an dem er beides üben und nähren konnte, und oft gerieth er so tief in eine Idee, in eine selbst geschaffene Wunder- und Märchenwelt hinein, spielte so seltsame und wunderliche Cappriccios auf der Skala seines unerschöplichen Witzes, gerieht oft in solch excentrischen Enthusiasmus, daß es kaum möglich war, dem Ueberfluge seiner Gedanken zu folgen, und mir manches Mal ganz bange wurde, er möchte was weniges überschnappen. Waren nun auch unsre Ansichten nicht immer dieselben, war ich auch weniger begabt mit Phantasie, verstand ich ihn auch nicht immer ganz, er hing doch mit ganzer Seele an mir, ich war, in Bezug auf Freundschaft, sein Damon, sein Orest, sein Jonathan, sein Alles.
Leidenschaftlich lag er dem Studium der Natur ob; mit einer Wuth, die ihn oft jedes Bedürfniß übersehen ließ, jagte er nach Naturalien; er trocknete Pflanzen, stopfte Vögel aus, skelettirte, sammelte Käfer und Schmetterlinge, Eier, hatte Eidechsen und Schlangen, Frösche und Salamander in großen Gläsern, und fütterte die angenehmen Thierlein jeden Morgen selbst. Mineralien trug er meilenweit zusammen, und hatte er nur irgend eine Seltenheit erbeutet, oder was noch gewöhnlicher war, um schweres Geld erkauft, mit Schaden eingetauscht, dann war ich jedes Mal der Erste, der seine kindlich-rührende Freude theilen mußte. Und ich theilte sie gern; ich botanisirte mit ihm, wanderte mit ihm über Berg und Thal, und gewann so mit ihm immer lieber die sanfte, herrliche Freundin, die liebevolle Freudenspenderin Natur.
Nur zu schnell schwand das Triennium, ich schied von Dielke, feste, unverbrüchliche Bruderliebe schwuren wir uns beim Abschiede, und correspondirten eine Zeit lang sehr fleißig mit einander. Günstig leuchtete über dem Freunde der Glücksstern; er erbte ein ansehnliches Vermögen, doch allmählig wurden seine Briefe seltner; ich sah nicht ohne Wehmuth das Band der Freundschaft lockerer werden, doch erhielt ich ihm immer ein herzliches Andenken, und freute mich, wenn mir ein günstiger Zufall erfreuliche Kunde von dem Fernen brachte; daß er mir nicht mehr schrieb, schien mir nach und nach minder auffallend; that doch so Mancher ein Gleiches, mit dem ich in den innigsten Verhältnissen gelebt hatte.
So waren schon fünf Jahre vergangen, als ein Brief an mich einlief; die Hand der Aufschrift schien mir bekannt, doch dachte ich nicht gleich an Dielke, und war erfreut und erstaunt zugleich, als ich, schnell öffnend, seinen Namen las. Er überging alle Entschuldigungen, womit oft zum Ueberfluß Seiten gefüllt werden, schrieb, daß er ein Gut gekauft habe, in einem freundlichen Landhause wohne, daß seine einzige Schwester ihm haushalte, daß er ganz der Natur und den Wissenschaften lebe, und daß ihm zur Glückseligkeit nichts fehle, als ein gleichgesinnter Freund.
Herzlich lud er mich ein, zu ihm zu kommen, und den Schluß seines Briefes theilte ich im Eingange dieser kleinen Erzählung mit.
Es war Sommer, die Ferien, denen Lehrer und Schüler hoffend und fröhlich entgegen sahen, in denen alles, was nur irgend kann, hinausflattert auf kleine Reisen, waren nahe, und so war mein Entschluß, der Einladung des Freundes zu folgen, schnell gefaßt. Ich ordnete meine kleinen Habseligkeiten, und trat an einem herrlichen Augustmorgen die weite Wanderung – des Freundes Wohnort lag 20 Meilen von dem Städtchen, wo ich lebte – an. Jenen Brief hatte ich nicht beantwortet, er sollte mich nicht erwarten, den Ausruf der freudigen Ueberraschung wollte ich von seinen Lippen küssen in inniger, brüderlicher Umarmung.
Und nur noch zwei Stunden waren bis zum Wohnorte des geliebten Freundes, und der heutige Abend fand mich an seinem Herzen; die Sehnsucht, die Freude beflügelten meine Schritte, doch forderte der Körper seine Rechte, und mein gesunder Appetit hieß mich in einem freundlichen Gasthause einkehren, das einladend und verheißend an der Straße lag.
An einem der weiß gescheuerten Tische saß der Wirth mit einem anderen Reisenden im Gespräch, ein hübsches Mädchen übernahm die Mühe, mich mit Trank und Speise zu versorgen, und ich legte behaglich ab, und machte mir's bequem.
„Es ist Schade um den Mann, ewig Schade, schloß der Fremde sein Gespräch mit dem Wirthe, indem er Geld für seine Zehrung hinlegte, und von dem Wirthe begleitet, die Gaststube verließ, während die artige Jungfrau mir freundlich servirte. Nach einigen an sie gerichteten Fragen, und ihrerseits höflich gegebenen Antworten trat der Wirth wieder ins Zimmer, machte sich mit Gläsern zu schaffen, schüttelte den Kopf und murmelte: „Ein närrischer Kauz." Dann sich zu mir wendend, fragte er, nach Art unterhaltender Wirthe, nach dem Ziele meiner Reise.
„Ich will nach Zehren, zu dem dortigen Gutsbesitzer," war meine Antwort.
„Zu dem?" dehnte der Wirth; „zu dem?" fiel, ein Lächeln, das ihr recht lieblich stand, unterdrückend, die hübsche Schenkin ein. „Nun?" fragte ich verwundert, ist dabei so viel Erstaunenswerthes? „O nein," antwortete der Vater, „aber – Herr Dielke ist wohl ihr Freund?"
„Allerdings," versetzte ich, und fühlte ziemliches Mißbehagen über die seltsame Art dieser Leute, die Gäste auszufragen.
„Da kennen Sie ihn ja," nahm der Wirth wieder das Wort, „o ein guter, lieber, scharmanter Herr, ein Vater der Armen, ein Menschenfreund, ein großer Gelehrter." –
„Ein heitrer Gesellschafter, ein liebenswürdiger Mann," setzte die jugendliche Hebe erröthend hinzu.
„Ein Naturforscher, der weit und breit seines Gleichen sucht," begann der Wirth wieder, „o seine Gärten, seine Sammlungen, da stecken Tausende drin."
„Wenn er nur nicht" – nahm die Tochter das Wort, und stockte wieder, als ich sie voll Erwartung, was sie an Dielke tadeln würde, etwas fest ansah.
„Jeder Mensch hat seine Eigenheiten, die muß man ihm lassen, zumal wenn sie Andern nicht schaden," sprach der Wirth, und ein Wink von ihm schloß die Rosenlippen des Töchterleins.
„Der Fremde, der vorhin wegging," fuhr der Redselige fort, „kam von Ihrem Freunde, er war auch ein Gelehrter, er – doch wer weiß, wodurch er das Mißfallen des Herrn Dielke auf sich gezogen, sie sind hinter einander gekommen und im Unfrieden geschieden."
Das Gespräch des Wirthes fing allgemach an, mich zu langweilen, ich brach auf, bezahlte, und ging; in der Hausflur stand die Wirthstochter und strickte. „Leben Sie wohl! schönes Mädchen," sagte ich zu ihr. „Leben Sie wohl, reisen Sie glücklich – und – " setzte sie lächelnd hinzu: „Hüten Sie sich, den Farbenstaub von den Flügeln eines Schmetterlings zu streifen!" Sie hüpfte fort, der Vater machte Bücklinge, und ich ging, voll Gedanken, was diese Leute wohl meinten?

Die kleine Verstimmung, die mich ergriffen, war bald vorüber, heiter zog ich die Straße, bog jetzt in einen Feldweg ein, und sah nach einer Stunde den Kirchthurm von Zehren zwischen Baumgruppen hervorragen.
Noch eine Stunde! dachte ich, und sprach es laut, und höher klopfte mein Herz. Wie wird er aussehen? Wie wird die Schwester mir, wie werde ich ihr gefallen? Des Freundes Schwester! Oft war es mir schon begegnet mit meinen Freunden, daß sie ihrer Schwester erwähnten, da hatte ich denn allemal ein kleines Herzensbündniß gehofft oder geahnt, und war jedesmal bitter getäuscht worden. Brüder sind selten ihrer Schwestern Lobredner, immer malte ich das Bild des Mädchens schöner aus, das des Freundes Schwester war, als dieser es schilderte, und immer fand ich entweder alternde Jungfrauen, oder unschöne Kinder, selten eine, die auch nur flüchtig mich hätte fesseln können, immer hatten die Brüder nur zu treu geschildert. Mein August hatte nie bei unserem frühern Zusammenleben einer Schwester erwähnt. Wahrscheinlich ist es auch so eine alte Unke, dachte ich, und dachte noch mehr, bis ich den rechten Weg verloren hatte, und in einem anmuthigen Wäldchen fortschritt, wo viele Pfade sich kreuzten, und welches mir jede Aussicht verbarg. Ich war nicht weit gegangen, so kam ein junger Forstmann auf einem Seitenpfade auf mich zu, den ich nach dem Wege fragte.
„Folgen Sie mir," sprach er freundlich, "Sie sollen Zehren bald wieder sehen. Wahrscheinlich wollen Sie dort einen Besuch abstatten?"
„Ja, ich will zu Herrn Dielke."
„Ach, Sie sind vielleicht auch ein Naturforscher, wie er?" fragte der Sohn Dianens. „O, es ist ein gelehrter, herrlicher Mann, nur daß die eine Ansicht, die ich eine fixe Idee nennen möchte –"
„Wie?" fiel ich ein, „was hat mein Freund für eine fixe Idee?"
„So, Sie wissen es nicht, nun ich will nicht davon reden, es ist auch nicht der Rede werth," antwortete der Waidmann, „sehen Sie, hier geht der Fußpfad durch die Kiefern, dort unter dem Abhange liegt Zehren, das hohe Haus mit dem neuen Dache ist das Gut, mein Weg geht hier links ab, leben Sie wohl!"
Er rief's, und entschwand in die Waldung; immer neugieriger, gespannter und unruhiger setzte ich meinen Weg fort. Die Sonne war dem Untergange nahe, im hellen Lichtschein lag das schöne Thal, durch das ein kleiner Fluß sich schlängelte; hohe Pappeln ragten empor, Alleen und Gärten verrathend; auf den Feldern waren die Garben aufgeschichtet, emsige Schnitter und Schnitterinnen arbeiteten noch, Heerdenglocken erklangen am grünen Abhange des Wäldchens; dieß, und überhaupt das fröhliche Gefühl, nun dem Freunde ganz nahe zu seyn, versetzten mich in die heiterste Stimmung, und lachend dachte ich: Was haben nur die Leute mit meinem August?
Und die Sonne ging unter, da stand ich am Thore. –
Ich ging über den Hof, der von Federvieh wimmelte, auf das Haus zu. War das nicht ein Gackern und Schnattern! Zahme und wilde Gänse, Kapgänse, türkische Enten, Truthühner, Perlhühner, Fasanen, Pfauen, Hühner mit stolzen Kuppen, andere mit langen Federlatschen an den Füßen, wandelten in patriarchalischer Eintracht unter einander, Tauben sahen friedlich und neugierig von ihrem Hause, das inmitten des Hofes auf einem Steinpfeiler stand, auf die fremde Erscheinung herab. Weiße und bunte Kaninchen huschten zwischen dem Federvieh umher, naschten von verstreuten Kohlblättern, und machten Männchen, und possierliche Sprünge. Ein zahmer Storch und ein Kranich machten lange Hälse, und ein Hofhund bellte wie rasend, und schien die Kette, die ihn festhielt, zersprengen zu wollen. In der Hausthüre trat mir eine weibliche Gestalt entgegen. O Gott, das war die Schwester! Ein runzliges, blaßgelbes Gesichtchen, verunstaltet durch ein Lächeln, das einen zahnlosen Mund in seiner größtmöglichen Breite erscheinen ließ, das ganze Wesen zwerghaft, verschüchtert, und zu allem Unglück auch verputzt, so war sie, die ich entmuthigt nach Herrn Dielke fragte.
„Herr Dielke sind auf's Feld gegangen," wisperte die mit einem feinem Stimmchen, „aber sie werden bald wieder kommen."
Es ist die Schwester nicht, dachte ich, und holte frisch Athem, Schwestern pflegen nicht von der Person des Bruders im Plural zu reden, eben setzte ich zu neuer Frage an, da rief oben auf der Gallerie eine Silberstimme: „Sphinx!"
„Fräulein!" quiekte die Gnomin, und sagte, indem sie die Treppe hinauf hinkte: „Folgen Sie mir!"
Ich folgte voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, und es fiel mir nur so nebenbei ein, daß die Kleine einen wunderlichen Taufnamen führe, der nicht gefunden wird im Gregorianischen Kalender.
„Hast Du die Parzen gefüttert?" fragte es oben wieder, ehe wir noch oben waren, und Sphinx antwortete: „Noch nicht, aber gleich; die Lachesis hat mich heute früh gar zu sehr in die Hand gekratzt, aber hier ist ein fremder Herr!"
Ich stand oben vor einer herrlichen, blühend-schönen Mädchengestalt, die mich mit holder Grazie grüßte, ich nannte meinen Namen.
„Willkommen, tausend Mal willkommen!" rief Luise, und reichte mir mit der wohlwollendsten Herzlichkeit die schneeweiße Hand.
„Kommen Sie herein, mein Bruder wird nicht lange mehr aus seyn; o wie wird er sich freuen, wie oft hat er mir von Ihnen gesprochen!"
Sie öffnete eine Thüre, in ein herrliches Zimmer traten wir, ein Fürst hätte darin wohnen können. Wandhohe Spiegel, englische und französische Kupferstiche, Vorhänge vom feinsten, blendendweißen Musselin auf Pfeilstäben; eine Standuhr, vorstellend einen antiken Tempel, Vogelbauer, die reich vergoldet waren, gewahrte mein erstauntes Auge, während Luise mich einlud, Platz auf einer Ottomane zu nehmen, die weich und elastisch die müden Glieder umschloß. Einen Augenblick ließ mich die freundliche Wirthin entschuldigend allein, ich füllte ihn mit einer Betrachtung über das Glück des Freundes, mit einer zweiten über des Mädchens himmlischen Liebreiz aus, da kam sie schon wieder, einen Kredenzteller mit zwei geschliffenen Kelchen in der einen Hand, in der andren eine phiolenähnliche Flasche tragend, aus welcher der köstlichste Tokaier in die Kelche perlte.
„Noch einmal willkommen!" sprach die mit süßer Anmuth, und hob den Pokal zum Anstoßen.
„Auf das Wohl meiner neuen, gütigen Freundin!" erwiederte ich, und wie ein Harmonikaton flog der Klang der Gläser durch das hohe Zimmer.
Sie schenkte wieder ein. „Der Freund, der Bruder soll leben," sprach ich, „sein Wohl!" erwiederte sie, und stieß an, aber ihre Stimme war bebend und leise, als überwältige sie ein Wehgefühl; im sanften Kornblumenauge schien eine Thräne zu schwimmen. Sie wendete sich ab, sie zerdrückte die Thräne, sie glaubte, ich sähe es nicht, doch der gegenüber stehende Spiegel zeigte mir, was sie verbergen wollte. Aber schnell ergriff sie ein Strickzeug, setzte sich auf einen Mahagonistuhl, und begann ein Gespräch, so anziehend und fesselnd, daß ich kaum hörte, daß der Hof sich mit Leuten füllte, daß die Schnitter heimkehrten von der Feldarbeit. Sie erzählte von ihrem Leben, von ihren Lieblingsbeschäftigungen; wahrlich, ich mußte ein ehrliches Gesicht haben, denn ein wunderbares Vertrauen gegen mich schien aufzusteigen in der reinen Brust der Jungfrau; sie sprach so ernst, so verständig, blickte so freundlich, und in ihren Blicken lag Seele, in ihren Worten lag Geist und Gemüth.
„Sie werden morgen alles sehen," sprach sie: „was sich Ihnen beschrieb, unsere Menagerie, unsere Sammlungen, unseren botanischen Garten; ich sage absichtlich unsern, denn August will, daß alles, was sein ist, auch mein seyn soll, obgleich er mir nie erlaubt, zur Erhaltung des Ganzen nur einen Pfennig beizusteuern, weil er meint, es könne ihm vielleicht einst von – sie erröthete, wahrscheinlich wollte sie sagen, von meinem künftigen Gatten, – von irgend Jemand der Vorwurf gemacht werden, er habe mein Vermögen seinem Steckenpferde geopfert, oder dieses damit gefüttert, wie er sich ausdrückt. Wäre nur seine einzige Schwäche nicht, die mich so sorgenvoll –"
Sie würde noch fortgesprochen haben, hätte nicht die kleine Dienerin ihr blasses Antlitz zur Thüre hereingesteckt, und rapportirt: „Jetzt kommen Herr Dielke, aber ich habe nicht gesagt, daß Sie Besuch haben."
„Laß nur, besorge den Abendtisch," antwortete Luise sehr sanft, und wie sich die Sphinx zurückzog, trat der Freund im leichten Strohhute, im Sommerkittel und mit heitrer Miene herein. Einen Augenblick sah er mich groß an, dann flog er mit fröhlichem Ausruf in meine Arme. Luise weidete sich, wie es schien, mit stiller Freude an unsrer Umarmung, und enteilte dann.
„Nun, setze Dich, ruhe aus, trinke und sprich, ich mache mir's bequem, thue desgleichen," sprach Dielke, indem er den Huth ablegte, und einem Kanarienvogel ein Büschchen gemeines Kreuzkraut in den Bauer steckte, und ihn liebkosend ermunterte, davon zu fressen.
Ich sah mir den Freund an, er hatte sich doch verändert. Seine Gestalt kam mir minder rüstig vor wie ehedem, sein Gesicht war mit einer zarten Blässe überzogen, die ihm einen schwärmerischen Ausdruck verlieh. Sanfter, liebevoller noch, als früher, schien er geworden zu seyn. Seine Augen blickten noch hell und lebhaft, aber es war Güte, die sich in ihm versichtbarte, jenes Sprühfeuer des überströmendsten Humors schien verlodert.
„Du wirst Vieles sehen, was Dich wundern wird, lieber Eduard," sprach er zu mir, indem er an meiner Seite Platz nahm. „Dank sey den Göttern, ich lebe erträglich; glücklich – setzte er mit einem Seufzer hinzu, – ist ja Niemand vor dem Tode. O Serapion!" rief er aus, indem er mich fest an sich drückte. „O goldne Zeit unsrer Jünglingsjahre, kehre wieder! Freund, wo sind die Wurzelmänner und Alräunchen hin, die wir uns schufen? Wo sind die Wonnetage, die seligen Stunden, in denen wir in phantastischen Träumen so glücklich waren? Hatte nicht der bucklige Rath ein wunderschönes Gartenhäuschen, an dessen Wänden Arabeske sich in Arabeske verlief, wie unsere Tollheiten? Es war doch eine schöne Zeit, als die Salamander noch lebten!" –
Die kleine Gnomin trat ein, plötzlich sprang er auf, faßte sie zierlich an der Hand, neigte sich gegen mich und sagte: „Freund, hier hast Du die Ehre, vor Dir zu sehen die holdselige Fee und Zauberprinzessin Brambilla, die Du hinlänglich aus einem supergenialen Capriccio kennen wirst, die aber jetzt im Joche der Knechtschaft lebt bis zur dritten Verwandlung, wo sie dann auffliegen wird zum Morgenstern, um dort als Peri im Gefolge der Anahid süße Himmelslieder zu singen, und sie heißt jetzt Sphinx Atropos!"
„Herr Dielke belieben zu scherzen, aber der Scherz schmerzt!" sprach die Kleine und entschlüpfte.
August!" rief bittend Luise, die jetzt eintrat, „sey doch nicht so grausam!"
Der Tisch war gedeckt im Nebenzimmer. Luise, die mir wie ein versöhnender Genius erschien, lud zur Tafel.
August führte mich hinein. Neue Gegenstände des Erstaunens bot mir dieses Zimmer dar. Es war ein Tempel der Flora. Rankende Passifloren schlangen sich in malerisch geordneten Windungen an den Wänden hin; auf Stellagen, die sich bis zur Decke zogen, standen in Scherben die herrlichsten Blumen. Da ragte hoch und stolz die Strelitzia reginae, da rankte die Gloriosa superba, da glühten in reicher Fülle Pracht-Exemplare der Amaryllis, wunderherrliche Eriken, kostbare Pelargonien standen da und dufteten, und in dem Laube der Schlingpflanzen surrten Dämmerungsfalter, und flogen gegen die Gazefenster. Und der Garten, der unten lag, sandte die süßesten Blumengrüße in Düften herauf.
Wir aßen. „Wo ist die Sphinx?" fragte August, als ein anderes Mädchen erschien und den Nachtisch auftrug.
„Sie weint," antwortete Luise mit sanften Vorwurfston.
„Habe ich sie gekränkt? o das thut mir leid," sprach Dielke wehmüthig, „arme Sphinx, ich will ihr morgen eine Freude machen." Er aß nicht mehr, stand auf, und wandelte unter den Blumen.
„Sie sollen über Alles Aufschluß erhalten," flüsterte Luise, sich zu mir biegend, der ich voll Entzücken das süße Wehen ihres Athems an meinen Wangen fühlte, und Seligkeit in ihren Augen trank.
„Ich lasse Dich allein für heute," sprach August, indem er sich zu mir wandte, "ich bin in den Abendstunden ein schlechter Gesellschafter, es wachen in meinem Herzen so viele Klänge der Wehmut auf, die Nachtigallenlieder eines verlorenen Paradieses – daß ich unfähig bin, zu unterhalten. Gute Nacht!" Er küßte mich herzlich, küßte Luisen, und ging.
„Ist August krank?" fragte ich sie, die ihm einen wehmüthigen Blick nachsandte.
„Er war es sehr," antwortete sie bewegt, „Sie sollen Alles erfahren, Sie haben ein Recht auf sein, auf mein Vertrauen. Es hat ein tiefer Schmerz in sein Leben eingeschnitten, und die Harmonie seines Innern schrecklich zerstört, hat den Leib gebeugt und den Geist verwundet. O, mein armer Bruder!" Sie drückte das Tuch an die Augen und weinte still.
Ich schwieg theilnehmend, denn ich fand keine Trostesworte. Gott, dachte ich, was muß es seyn, das diese Blüthe kräftiger Natur brechen, meinen lebensmuthigen, fröhlichen Freund so verwandeln konnte? –
Was war das? Ein Accord – noch einer – Melodie des Himmels! Auf einer Harmonika ertönte der sanfte Choral: Nun ruhen alle Wälder.
Luise stand mir nahe, ich lauschte, ich faßte ihre Hand, ich drückte sie leise, sie erwiederte den Druck, und ein Seufzer hob ihren Busen.
„Er spielt, es ist wieder Friede in seiner Seele," sprach sie, und wir lauschten, bis die Töne verklungen waren.
„Sie werden ermüdet seyn," nahm sie dann das Wort, „der Bediente soll Ihnen ihr Zimmer zeigen." Sie zog eine Klingelschnur. Gern hätte ich noch ihre Gesellschaft genossen, hätte gern noch länger mit ihr gekoset, aber durfte, konnte ich widersprechen?
Der Bediente erschien mit zwei brennenden Lichtern, sie reichte mir freundlich die Hand zur guten Nacht, ich zog sie an meine Lippen, und ging. Ueber eine lange Gallerie führte mich der Bediente, endlich öffnete er eine Thüre, ich folgte ihm in ein nicht großes, aber geschmackvoll meublirtes Zimmer, an welches ein niedliches Schlafkabinetchen stieß. Von Blumenduft war das Zimmer erfüllt, es hatte die Aussicht in den Garten, der Bediente schloß die offnen Fenster und ging, als ich seine Hülfe beim Auskleiden abgelehnt.
Ich löschte die Flamme der Alabasterampel, ich legte mich nieder, weich und kühl umfingen die schwellenden Kissen des schneeweißen Bettleins die müden Glieder. Behaglich streckte ich mich aus, aber schlafen konnte ich nicht.

Luise, und immer Luise war es, die ich dachte, und das Bild des kranken Freundes schwebte mir vor, vom Flor einer stillen Melancholie überhangen. Es wurde mir zu heiß, ich mußte noch einmal frische Luft schöpfen, ich stand auf und zog das grünseidne Rouleau, da lag der Garten in abendlicher Pracht unter mir, da stieg der Vollmond herauf, und goß mit seinem Silberlicht die Blumen, schlank und hoch ragten die Alceen mit ihren Rosenblumen empor, die Ipomöen, hoch aufrankend an Riesenstangen in pyramidalischer Form, schlummerten, aber die Violen der Nacht hauchten Duft. Wandelte dort nicht eine weiße Gestalt im Laubengange der Tapetenrosen? Jetzt trat sie aus dem Laubdunkel, jetzt bog sie sich nieder zu Blumen, die ich nicht erkennen konnte, aber mir war, als sähe ich wandeln die Tochter Linné's in der warmen, herrlichen Sommernacht, wie sie die Blüthen des Tropäolum leuchten sah mit phosphorischen Glanze; wollte Luise auch das Blumenwunder erschauen, oder belauschte die Jungfrau die Hymenäen der Kinder Flora's? – Und sie richtete sich wieder auf, und verschwand im Dunkel der Philadelphus- und Viburnumsträucher.
„War es denn wirklich Luise?" fragte ich mich, und was that sie noch so spät im Garten? Harrte vielleicht dort, wo sie verschwunden war, ein glücklicher, begünstigter Freund, und trank in der lauschigen verschwiegenen Syringenlaube an dem Honig ihrer Küsse?
Ach, lächerliche Eifersucht! was wollte ich denn? Sollte sie sich denn gleich in meine kleine Person verlieben? Ich war vom Fenster hinweggegangen, hatte das Bette gesucht, und schlummerte endlich, von wunderlichen Phantasmen umgaukelt, von Mährchenbildern umflattert, in eine noch phantastischere Traumwelt hinüber, in welcher sich das heute Erlebte mit excentrischen Ideen der regellosesten Einbildungskraft auf ergötzliche halb, halb auf drückende Weise, mischte, Da war Luise eine prächtige Atalanta, der ich nachflog, als Apollo, aber wie sie sich niederließ auf den Blüthen der amethystfarbigen Mannstreu, da hörte ich einen wehklagenden Ton, und unter uns saß die kleine Dienerin zur Todtenkopfsphinx verwandelt, und August irrte als Trauermantel zwischen den Passionsblumen und den brennend-rothen Lobelien; und wie ich der Atalanta ganz nahe war, lispelte aus dem Kelche einer Tigerlilie das schwirrende Stimmchen eines Lilienhähnchens: "Hüten Sie sich, den Farbenstaub von den Flügeln eines Schmetterlings zu streifen!" und das Schelmengesicht des Mädchens im Gasthofe hob sich in wunderlieblicher Verkleinung aus der Blume empor, und wie ich nach ihr blickte, war die Atalanta verschwunden, aber es kam ein Schröter dahergesummt, der packte mich in seine Hörner, und trug mich weit fort, in ein Chaos voll wirrer Gedanken. – –
Der herrlichste Sommermorgen war angebrochen, ich hatte lange geruht, rasch kleidete ich mich an, der Bediente erschien wieder, und sagte, daß Herr Dielke und Fräulein Luischen mich im Garten erwarteten, um unten den Kaffee einzunehmen. Er geleitete mich die Treppe hinunter, öffnete die Hinterthüre, die gleich zu dem Garten führte, deutete links einen langen Gang hinab, und ließ mich allein. Zur rechten Hand eine Reihe duftender Orangen-, Oleander-, Granat- und Jasminbäume, die ich nie in so üppiger Form und Größe gesehen, zur Linken ein Zwergobstspalier; an einer Wand des Hintergebäudes ging ich langsam den Gang hinunter, da hemmte eine neue Erscheinung meine Schritte. Das Spalier hatte ein Ende, ein Rundel zeigte sich, ich hörte Vogelstimmen pfeifen, zischen, kreischen, hörte Ketten rasseln, und stand vor einer kleinen Menagerie. Rundum hingen Ringe, und standen Käfige, an und in denen Papageien auf und ab kletterten, der blaue und rothe Aras, Sittiche aller Arten, Kakadu's und bunte Lory's plauderten und schrieen durcheinander; unter ihnen waltete mit Futterschüsselchen und Wassernäpfchen die kleine Sphinx, der ich noch immer keinen anderen Namen geben konnte. Weinerlich-freundlich bot sie guten Morgen, als sie mich erblickte, und schrie im selben Augenblicke laut auf, denn durch das Eisendrahtgitter eines Kastens fuhr ein schlanker, haariger Arm, und riß ihr das kleine Linnenschürzchen mitten von einander. Ich sahe nun, daß da unten eine Meerkatze und zwei Affen an kleinen Kettchen ihr Wesen trieben, und rasselnd mit mächtigen Sätzen in den Kästen umher sprangen.
„Das sind die drei Parzen, aber die Lachesis ist die Schlimmste," sprach Sphinx, und zeigte auf die Meerkatze.
„So, so," sagte ich, lächelnd über die seltsame Art meines Freundes, Namen für Menschen und Thiere zu wählen, und ging vollends den Gang hinab. Luise kam mir entgegen.
„Guten Morgen, Herr Langschläfer!" rief sie lachend. "Freilich, die Ermüdung der Reise entschuldigt, und wer wüßte besser, als ein Dichter, daß die Morgenstunde Gold im Munde hat?"
Zutraulich nahm sie meinen Arm und führte mich zu einer Laube, aus welcher mir August entgegentrat, in welcher nun heitere Gespräche den kleinen Kreis auf das Fröhlichste belebten, während der levantische Trank aus Luisens Hand mir zum Nektar wurde.
Wir wandelten umher im Garten, ich mußte alles sehen, mußte staunen und bewundern. Welche Fülle von Gemächern in den warmen Beeten, in den Treibhäusern, welche Mannigfaltigkeit in Farben und königlichen Formen? Vieles durfte mir nicht fremd seyn, denn ich hatte schon reiche Gärten gesehen, und war ja mit Vorliebe Botaniker, aber Manches war mir unbekannt, Manches war ich überrascht, hier zu finden, und freudig grüßte ich alte Lieblinge unter Floras herrlichen Kindern.
„Oh mein August, wie glücklich bist Du!" rief ich aus. „Ein König wandelst Du mitten in Deiner blühenden Schöpfung, und ein Engel geht Dir zur Seite."
Es war nicht fade Schmeichelei, daß ich dieses in Bezug auf Luisen sagte, ehe ich bedachte, daß es dafür genommen werden könne, hatte ich's gesprochen.
August seufzte wehmüthig lächelnd, Luise warf mir einen ernsten Blick zu, und sagte, mit dem Finger drohend: „Dichter!"
Die Sonnenstrahlen brannten, wir gingen einer schattenreichen Laube zu, die von der breitblättrigen rankenden Aristolochia Sypho gebildet wurde. Da fanden wir den Gärtner, einen freundlichen, silberhaarigen Greis, der sein grünes Lederkäppchen zog, und während ich mit Luisen vorüberging, meinen Freund anredete.
„Hierher, werther Gast," sagte die Huldin, indem sie meine Schritte in die Laube lenkte, wo ein erlesenes Frühstück unser harrte; "hier wollen wir rasten von dem kleinen Spaziergange."
„Hier bin ich immer so gern," fuhr sie fort, indem wir uns niederließen, „hier arbeite ich oft, das Laubdach der Sypho läßt keinen Sonnenstrahl durch." Sie brach ein Blatt ab, legte eine Blüthe darauf, und fragte scherzend, als sie mir Beides überreichte: „Beliebt ein Pfeifchen?" Jene Blüthe hat bekanntlich mit einer kleinen Tabakspfeife große Aehnlickeit. Ich nahm es dankend, und steckte die kleine Blüthe da, wo ihre Finger sie gebrochen, in den Mund. Wer kennt nicht verliebte Thorheit?
„Sie waren gestern Abend noch spät im Garten?" fragte ich, und sah ihr in die unschuldsvollen Augen.
„Haben Sie mich gesehen?" fragte sie unbefangen zurück. „Ja, ich habe noch eine fromme Pflicht erfüllt, – Einen Kranz gewunden um eine Todtenurne," setzte sie ernst hinzu, und August trat in die Laube.
„Freue Dich, Luise," rief er, und seine Wangen waren vom sanften Roth der reinsten Freude überhaucht: „Heute Nacht wird der Kaktus blühen!"
„Ach das ist schön, das ist herrlich!" rief Luise. „Sahen Sie schon einmal die Blüthe des Cactus grandiflorus?"
„Nein," antwortete ich, „so viel ich auch Blüthen seltner Gewächse sah, nie wurde mir diese Freude zu Theil."
„Der Gärtner, dessen besonderer Obhut ich die Pflanze anvertraut, hat mich eben davon benachrichtiget," sprach August. „Er ist gar ein erfahrener, verständiger Mann, Blumist mit Leib und Seele, und doch gründlicher Botaniker dabei, was man nicht allzuhäufig antrifft bei Gärtnern."
Luise nöthigte zum Essen, und machte die Wirthin mit bezaubernder Anmuth. Unter Erzählungen, Scherzen und Gesprächen über Naturgegenstände verging der Vormittag sehr angenehm. Eins nur fiel mir auf. Während des Frühstücks flog ein Trauermantel in die Laube, und ließ sich auf einem der vollblühenden Camellienstöcke nieder, die in einem Halbkreise auf Stellagen die Wände schmückten. "Ach, die schöne Antiopa!" rief ich, und nahte leise, sie zu fangen, aber kaum gewahrten es die Geschwister, als Beide wie aus einem Munde: „Halt!" riefen, zugleich fühlte ich mich an beiden Armen gehalten, und der Schmetterling flog davon.
„Hier ist ein Asyl, lieber Eduard," sprach August, „es darf kein Schmetterling getödtet werden!"
Ich lachte; die Frage, ob die Kohlweißlinge sich dieses glücklichen Vorrechts mit erfreuen dürften, schwebte mir auf den Lippen, aber ein bittender Blick Luisens von mir auf den Bruder, dessen Augen dem Schmetterlinge folgten, der nach einem Bosquet aufflog, – begleitet von einem leisen Händedruck, hielt meine Frage, die vielleicht verletzt hätte, zurück; ich schwieg, und die Warnung der Wirthstochter ward wach in meiner Erninnerung. Luise leitete das Gespräch schnell auf andere Gegenstände, und der Schmetterling geschah ferner keine Erwähnung.
Wir gingen in das Wohnhaus zurück, Luise verließ uns, ich bat sie, ferner Gesellschaft zu leisten. „Wenn Sie heute Mittag fasten wollen?" fragte sie, und eilte in die Küche, wo Sphinx mit einer Köchin schon um des Herdes lodernde Feuer geschäftig waltete.
August führte mich in seine Zimmer, mir seine Sammlungen zu zeigen.
Gott, welche Fülle des Reichthums, welche Schätze!
Das erste Zimmer nahm das Mineralreich ganz ein. Wo Worte und Namen finden, die kostbarsten Stufen der Erze, die glänzend geschliffenen Marmortafeln, die unzähligen seltnen Versteinerungen, die Pracht der geschliffenen und rohen Edelsteine zu beschreiben? "Kennst Du das noch? und das und jenes dort?" fragte August, und zeigte auf Mineralien, die er auf der Universität schon besessen, die ich ihm zum Theil gegeben, die wir gemeinschaftlich nach Hause getragen, und so schloß er die Zauberpforten glücklicher Erinnerungen auf, und wir wandelten wieder in den Wonnegefilden einer schönen, ach zu schnell vergangenen Zeit. Und in ein zweites Zimmer traten wir ein. Neue Herrlichkeit, neuer Ausruf der Verwunderung. In schön fournirten Glaskästen die vollständigste Konchiliensammlung. Welche Mannigfaltigkeit in Größe, Gestalt und Farbenzeichnung! Von der Riesenmuschel bis zur kleinen, kaum sichtbaren Schnecke, die sich in die Poren der Badeschwämme verbirgt, lagen die zahlreichen Gattungen systematisch geordnet vor meinen Augen. O wie spielten die Nautilusschnecken herrliche Farben! Doch zu sehr reißt Erinnerung mich hin, denke ich des Entzückens, das der Freund, der Glückliche mir bereitet. Eines muß ich nur noch anführen, was mein Erstaunen zur höchsten Höhe emporhob, es waren die Schmetterlinge, die in sechs großen Mahagonikästen die Wände eines dritten Zimmers bedeckten.
Da prangten die Horden der Ritter in aller Pracht ihrer wunderbaren Farben, der herrliche Priamus aus Amboina mit Flügeln, die wie der schwärzeste Sammet erglänzten, und in grünfunkelndem Golde glüthen; wie ein König stand der dreizehn Zoll breite Riesenschmetterling über den kleinern nicht minder prächtigen Tagfaltern, die die Namen trojanischer Helden führen, während an der Spitze der griechischen Ulysses mit den blauen Strahlen seiner dunkeln Flügel, und Menelaus standen.
Was Brasilien, was Surinam erzeugt, hier war es vereint, hier waren Schmetterlinge, die in der Gluth der tropischen Sonne geliebt und gelebt, die im Schatten rankender Banianen Nektar getrunken aus den Wunderblumen jener Zone.
Mein August war in seinem Elemente; der beredteste Cicerone, zeigte, nannte er alles, war irgend werth war einer besondern Aufmerksamkeit.
„Siehst Du hier die Helikonier?" rief er freudig aus. „Das ist Apollo, das Erato, das Amathusia, ein surinamisches Kind."
„Dieß ist die Danaidenhorde," fuhr er fort, „viel Bekanntes unter ihnen, ich will Dich nur auf die hübsche Indianerin, Eucharis, aufmerksam machen. Aber hierher den Blick zu den Nymphen, sieh hier die Io, die Iris, hier die Juliane aus Amboina!" „O Iris!" seufzte er leise, und fuhr fort mit dem freudigen Selbstgefühl, das der Bestiz dieser entomologischen Schätze ihm verlieh, und wozu ihm Kenntniß und tiefe Wissenschaft ein Recht gaben, und nannte mir auch unter den Plebejern im zweiten Kasten die schönsten; unter ihnen den goldschimmernden Ganymed, die Surinamier Cupido, Clonius und Pyretus.
Jetzt wollte er zu den Dämmerungsfaltern übergehen, da erschien der Bediente und rief uns zur Tafel. Arm in Arm gingen wir, ich fröhlich über das Glück des Freundes, August glücklich, in seiner Einsamkeit Jemand gefunden zu haben, den er mit genießen lassen konnte seine reinsten Freuden. „Du hast mir lange gefehlt, Eduard," sprach er, und drückte mir liebevoll die Hand. „Ich habe mich oft geärgert über die neugierigen Besucher. Da hören sie, daß ich ein bischen Naturgeschichte los habe, und daß mich Gottes Güte unverdienter Weise mit Segen überschüttet, daß ich mich freuen darf seiner zahllosen Wunder, und da kommen sie nun gezogen von fern und nah, gaffen meine Sammlungen an, rennen durch meinen Garten, schreien ah! ah! und sagen mir Dinge, die ich längst vergessen. Erst gestern war einer da, ich konnte nicht gleich bei ihm seyn; Luisen würdigte er keiner Unterhaltung, was thut er? Er geht in den Garten, fängt in aller Eile einen Machaon, eine Aurora und eine Aglaja, und tritt mir so, die herrlichen Schmetterlinge mit elender Grausamkeit am Hute befestigt, entgegen. Ich konnte meinen Unwillen nicht bergen, und behandelte ihn kurz. Zufällig sehe ich im Umdrehen etwas Grünes aus seiner Rocktasche gucken, und zupfe heimlich daran; denke Dir, da fördere ich eine Blüthe meiner schönen Melaleuca hypericifolia zu Tage, von der ich nur ein Exemplar ohnlängst erhalten. Empört über diese Niederträchtigkeit gehe ich rascher, und zu dem Platze, wo die Pflanze stand. Richtig, eine Blüthe ist noch daran, die andere fehlt, die Wunde ist mit Erde schmutzig gemacht, um nicht in die Augen zu fallen. „Donner!" rufe ich aus, „wo ist die Blüthe hin? Wer hat die Pflanze verletzt?"
„Fehlt Ihnen Etwas, Herr Dielke?" fragte mit einer Schaafsmiene der Unverschämte.
„Freilich fehlt Etwas!" schelte ich, meines Zornes nicht länger Meister. Die Blüthe meiner Melaleuca fehlt, und Sie haben sie in Ihrer Tasche! Gehen Sie, botanisiren Sie in des Teufels Garten, aber nicht in meinem, Sie – Seelenmörder, Sie Raubkäfer, Staphilinus fur mihi!" – Er lief wüthend aus dem Garten, unten an der Thüre bückte er sich, und setzte sich noch in den Besitz einer neuen, noch seltenen Mirabilis, die dort in der Rabatte blüthe."
August schwieg, ich merkte, daß das der Mann gewesen seyn mußte, den ich im Wirthshause an der Landstrasse getroffen, und konnte meinem Freunde nicht Unrecht geben, denn dem Gartenbesitzer, dem Blumisten, geht das abreißen einer seltenen lieben Blume durch die Seele.
August führte mich in einen kleinen Gartensalon, wo das Mahl servirt war. Luise empfing uns freundlich, und würzte das Tischgespräch mit Scherzen der Unschuld und des Frohsinns. O, dem Traurigsten mußte wohl werden in der Gesellschaft dieser lieben Menschen, wenn sein Gefühl nicht eingeschneit war und sein Herz nicht erstarrt im Froste der Misantropie.
Und rings die schöne blühende Natur! Da standen malerisch gruppirt im Salon die Lorbeer- und Myrthenbäume, da dufteten betäubend süß die Schuh langen Blüthen der Datura arborea, die ich immer der Fastuosa, die Hoffmanns Erzählung feiert, vorziehe. Da standen hundert Rosenstöcke, immer eine Art von der anderen verschieden, viele noch blühend; hinter ihnen prangten Pelargonien, über diese ragten Azaleen, Eläodendra und prächtige Ibisch-Rosen empor. – Wir hatten abgespeist. August rief nach Champagner.
„Wir wollen fröhlich mit Epernays Schaumwein das Fest des Wiedersehens feiern!" sprach er, „wir wollen den alten Bund erneuern!"
„Und ich sey, gewährt mir die Bitte,
In Eurem Bunde die Dritte!"
fiel Luise, mild wie ein Seraph, ein.
Die Flaschen kamen, knallend flog ein Kork in das Laubdach zwei hoher Mimosen, die über uns ihre Zweige verschlangen, in die Gläser perlte der Nektar, und sie klangen an einander.
„Treue Freundschaft!" riefen wir zugleich, brüderlich küßte mich August, und Luise neigte mir, frei von kokettirender Ziererei, ihre süßen Lippen zum ersten heiligen Kusse entgegen.
„Treue, ewige, unzertrennliche Freundschaft!" flüsterte ich, ganz Flamme, und küßte noch ein Mal, und die Holde zürnte nicht, ob sie auch erglühend auf den Busenflor niedersah.
August trank hastig, ich wußte von früher her, daß er diesen Wein allen andern vorzog, und dann ausgelassen lustig wurde.
„O heiliger Serapion!" rief er. „O, Luise, o Eduard, ihr Theile meiner Seele, ihr Lebensblüthen meiner Fröhlichkeit, könntet ihr doch immer um mich seyn! O Eduard, warum bist Du ein Schulpennal geworden? Ziehe zu mir, laß Deine Gymnasiastenheerde einem andern Hirten, mache Fidibus von der Grammatik, koche Dir einen Kaffee beim Feuer Deiner Autoren, hier, hier ist das Athenäum, hier wohnen die Götter; unter meinem Dache lebe, laß die Lebensfreuden, die Freuden an der alma mater Deine Selektaner seyn! Dort bist Du nur ein Lehrling unter den Lernenden, hier wirst Du ein geweihter Priester der großen Mutter werden, wie ich!"
„Willst Du mich im Ornate sehen?"
So rief er, und sprang auf und davon.
Noch ein Mal klang ich mit Luisen an. Eine recht selige Freude lag über das wunderholde Engelgesichtchen verbreitet.
„Ich freue mich kindlich," nahm sie das Wort, „wenn ich den Bruder so recht vom Herzen fröhlich sehe, er ist es selten, und war es lange nicht, das danke ich Ihnen, lieber Herr Eduard!"
„Lassen Sie das Herr weg, theure Freundin!" bat ich, indem ich ihre Hand faßte, lieber Eduard klingt weit schöner; wie selig wäre ich, wäre ich Ihnen lieb!"
„Warum sollten Sie mir nicht lieb seyn, mein Freund?" erwiederte sie, einen strahlenden Blick auf mich heftend, und ich wollte, ermuthigt und überglücklich durch ihr Huld zu ihren Füßen sinken, da trat August wieder zu uns, angethan mit einem kalamantenen Schlafrock, auf dem Haupte ein rothes burschikoses Mützchen, in der Hand eine lange Türkenpfeife.
„So bin ich recht eigentlich in meinen Seyn!" sprach der Heitere, eine neue Flasche entkorkend.
„Siehst Du auf meinem Talar die Flora Japans blühen? Das sind Aijame-Lilien, das ist Fi g'iri, die Wolkameria, das die Folei Soo, der japanesische Frauenschuh; hier rankt die Karami-Kadsura Winde und die Luftblume Katang-ging um die Notsjo, die großblumichte Bignonia."
So schilderte er begeistert, mir halb Vorder-, bald Seitentheile des schönen Schlafrockes zeigend, und ich konnte nicht genug die Gluth der Farben, die Treue der Zeichnung bewundern.
Auch mir brachte der Diener eine Pfeife; Sphinx räumte ab, und erschien bald wieder mit Tassen und Kaffee, und August hörte nicht auf, die Schwärmer und Raketen seines unerschöpflichen Witzes loszulasssen.
„Kaffee, ich preise Dich!" rief er lachend aus: „Lebensöl der zarten Frauenseelen, Panazee des Katzenjammers, Vorbau der Trunkenheit, ich will Dir ein humoristisches Epos singen! Kaffee und Champagner, welche Gegensätze; jener ein feuriger Elementargeist, ein Salamander, aber nicht ein Gluthen löschender, ein Gluthen entzündender, Du eine sanfte Undine, ein Wellenmädchen; Du ein stiller Werktag, jener ein seltner fröhlicher Festtag, eingeläutet von Harmonikaglocken der Lilienkelche! Kaffee, ich möchte Dich der freundlichen Aster vergleichen, wenn ich in Dir, Champagner, eine brennende Fackeldistel erblicke, und wenn ich einst die Rebe von Epernay auf mein Grab zu pflanzen, testamentlich verordne, so soll sie sich um die immergrüne Pyramide des Kaffeebaumes von Jemen schlingen! Eingeschenkt Luise! kredenzet den Lieblingstrank der Frauen und Mädchen, ich versorgte den Freund mit der Flamme, gieße Du in des Lebens flackernde Lampe der Bohnen von Mokka mildes Oel!"
So ging es fort, und hinauf zu der Mimosen blühenden Trauben wirbelten blaue Wölkchen des Tabacks von Puerto-Rico. Zufällig entfaltete meine Hand einen Fidibus – – –
Wie soll ich Dir, Leser, schildern, was mich mit dem tiefsten Unmuthe erfüllte? Hast Du schon einen Fidibus gedruckt gesehen? Hier ist das Fragment:

Zeichnung der fragmentarischen Fachbuch-Seite

Also ein Titelblatt von Rösels von Rosenhof herrlichen Insekten-Belustigungen, dem Schatze und der Freude aller Entomologen! Welcher Vandalismus, welche gottheillose Profanation.
Der Schreck lähmte mir die Zuge, ich hatte ja noch heute den Rösel in dem Zimmer, wo die Schmetterlinge hingen, liegen sehen. Ich mußte mich überzeugen.
„Ich komme gleich wieder," sprach ich zu August und Luisen, und eilte die Treppe hinauf, über die Gallerie, in das Zimmer, das ich offen fand, hinein. Wie ich so hastig die Thüre aufreiße, sehe ich Sphinx friedlich sitzen, die heftig zusammenschrickt.
Papierschnitzel bedecken den Tisch.
„Machen Sie diese Fidibus?" frage ich ernst, und meine Hand greift nach dem Bande von Rösel, der noch auf der alten Stelle liegt.
„Ja, antwortet sie kleinlaut; aber es ist kein schönes Papier."
Wie ich das Buch aufschlage, sehe ich auf den Kupfertafeln die Schmetterlinge – künstlich herausgeschnitten!
„Blendwerk der Hölle! Träume ich?" rufe ich wild; „wo sind die unnachahmlichen Kupfer?"
„Da, und dort, und dort," grinst Sphinx; „aber nicht alle," und sie deutet auf die prangenden Kästen.
„Was?" rufe ich, und ein Gedanke, den nur zu denken, mir heller Wahnsinn scheint, durchzuckt mein Gehirn; „was? die Schmetterlinge wären – "
„Papier," ist die ruhige Antwort der Zwergin, und das aber ihres Nachsatzes überhörend, trete ich auf einen Stuhl, und betrachte die wunderprächtige Sammlung. „O heiliger Gott, alle, alle die schönen Schmetterlinge Papier, und mit Stecknadeln angesteckt!"
„Die habe ich alle ausgeschnitten," piepte Sphinx zu mir herauf, „aber Herr Dielke haben mir es erst gewiesen."
„Daß Ihre Hand schwarz geworden wäre!" rief ich grimmig, und sprang zu einem anderen Kasten, in welchem die seltenen Ritter waren.
„Die sind doch nicht aus dem Rösel und doch, o Polhöhe der Narrheit, doch sind auch diese herrlichen Schmetterlinge gemalt!" rief ich.
„Die sind dort heraus," antwortete Sphinx; „aber ich habe unten zu thun," und sie enteilte, auf einige Quartanten zeigend.
Ich schlug die Bücher auf, und glaubte, es würde mir ein Dolch ins Herz gestoßen, es waren Clerks ewiges Pracht- und Meisterwerk: Icones Insectorum rariorum. Holm, 1759, und das königliche Werk von Esper. Da waren der Priamus, der Ulysses, da alle die seltenen Trojaner und Achiver her. Höher konnte die Barbarei nicht getrieben werden, und wie Schuppen fiel mirs nun von den Augen, was die Leute gewollt hatten mit ihren Äußerungen über August. Das war die Grille, das die fixe Idee; mein theurer heißgeliebter Freund war – wahnsinnig. Ach, da wich mein Zorn einer tiefen, unaussprechlichen Wehmuth, da starrte ich gedankenlos in das zerstörte Prachtwerk, und auf die Blätter fielen heiße, brennende Thränen.
„Wo bleibst Du denn, Eduard?" rief Augusts Stimme hinter mir, und ich fühlte mich von seinen Armen umschlungen, und er drehte mich um und sah, was ich verbergen wollte, den ungeheuern Schmerz – um ihn.
„Was Teufel ist Dir denn? Thränen? alter Herzensfreund, sprich, rede, was bewegt Dich so?"
„O August!" sprach ich gepreßt, und schloß ihn in die Arme und rang nach Worten, ihn schonend auszuhorchen. Er errieth mich.
„Ich lese im Innersten Deiner Seele," sagte er, „beruhige Dich, es ist nicht so schlimm mit mir, wie Du glaubst; komm, komm, Luise hat Dir eingeschenkt!" – Er zog mich mit sich fort, seine Worte beruhigten mich in etwas, doch wußte ich nicht, was ich von all' dem denken sollte.
Ich nahm wieder Platz an Luisens Seite, August stopfte sich eine frische Pfeife, zündete mit vielem Gleichmuth einen Rösel-Fidibus an der Flamme der Spirituslampe an, und begann sich folgendermaßen auszusprechen, während ich mit wachsendem Erstaunen, Luise mit zunehmender Besorgniß ihm zuhörte:
„Du weißt, mit welchem Enthusiasmus ich dem Studium der Entomologie mich hingab, Du hast mich oft auf meinen Jagden und Streifzügen begleitet, und manchen seltenen Käfer, manchen schönen Schmetterling dankten meine Sammlungen damals Dir; Du weißt, welche Summen ich auf Bücher über das Fach der Naturwissenschaften wendete, und mußt nun, nach dem, was du gesehen, mich wenigstens für toll halten, wofür ich auch bei vielen gelte."
„Ein Ereigniß," fuhr er fast tonlos fort, „ein schmerzliches, entsetzliches Ereigniß – ungern wecke ich daran die Erinnerung, die nur zu oft wie ein Gespenst zu mir tritt aus dem Dunkel der Vergangenheit, die den Schlaf mir stiehlt, meine Träume vergiftet, und, eine Aqua Toffana, an meinen Tagen zehrt – hat mich zu dem Schwur vermocht, keinen Schmetterling zu tödten, hat mein Nervensystem so krankhaft gestimmt, daß ich ohne Zorn und innern Krampf auch keinen von Andern tödten sehen kann."
Er schwieg, that einige Züge aus der Pfeife, blickte aufwärts, indem er sich in den Sessel zurücklehnte, und sprach weiter:
„Schmetterlinge sind Seelen in zarten Staubhüllen, ja unsterbliche Seelen! Das wußten die alten Griechen wohl, darum hatte ihre schöne und reiche Sprache nur den einen Namen für beide, darum mußten sie Symbole der Auferstehung und Unsterblichkeit werden. Holde Silphiden wallen sie dahin im flatternden Schweben, entfesselten Blüthen gleich und den Blumen verschwistert, die sie küssen, deren Farbenpracht und sinnvolle Schöne nur wunderbarer und herrlicher noch im Puppengrabe geheimnißvoll den leichten Schwingen entblühte!"
„Wahrlich, dazu schuf der Vater diese lieblichen Kinder des Lenzes und des Sommers nicht, daß der Mensch mit grausamer Hand mordend eingreife in ihr Blüthenleben, in ihr Leben voll Luft und Liebe, daß er die Psyche zwinge, zu verlassen den schönen Leib, in welchen sie einer, ach! so kurzen Seligkeit sich erfreute."
„Und weißt Du" – wandte er sich jetzt gegen mich: „ob nicht jene uralte Lehre von der Seelenwanderung dennoch wahr ist, wie sie auch bezweifelt worden? Was da lebt, muß beseelt seyn, und sollte der Lebensodem, das psychische Prinzip, der Stoff, der in höchster Potenz Gott selbst ist, der ewig und unwandelbar thätig ist nach allen Richtungen, ein urkräftiges Centralfeuer, sollte der aufhören zu seyn, wenn die Hülle zerfällt, an die er gebunden war, und kann er aufhören zu seyn? Giebt es keine Vernichtung im Ringe der Körperwelt, ist Tod und Verwerfung ewig nur ein Auflösen, eine chemische Zersetzung, eine Metamorphose des tellurischen Stoffes, der dort als Atom im Aether schwimmt, im Sonnenstrahl flimmert, dort als Pflanze aufgrünt, dort als unsichtbare Welt den Wassertropfen bevölkert, – wie sollte das lebendige Leben, wie sollte die Seele Vernichtung finden?"
„Aber," warf ich ein: „wer sagt Dir, vorausgesetzt, Deine Meinung sey die richtige, ob es nicht ein Glück ist, für die Seelen Deiner Schmetterlinge, in die Körper höher organisirter Wesen schneller einzugehen, und der Tod eine Wohlthat?"
„Wie?" rief er mit flammenden Blicken: „das kann Dein Ernst nicht seyn, ist auch nicht Dein Ernst. Die Natur geht stufenweise ihren ewig-heiligen Gang, nur der Mensch, der kalte, herzlose Räuber unterbricht sie in ihren segensreichen Wirkungen; so ohnmächtig, nicht dem kleinsten Wesen Leben aus eigener Macht zu verleihen, opfert er Leben zu Tausenden hin. Und wie Glied im Glied sich schlingt in der großen Kette der Erschaffenen, wie immer vollkommener die Geschöpfe im Bau ihrer Körper werden, der im Menschen das Abbild der Gottheit genannt wird, so auch die Seelen, die die Thiere beleben, werden vollkommener, bis sie im Menschen zum Geist aufblühen, der sich zur Gottheit erhebt, und zwischen Thier und Engel steht!"
„Und wie alle Stoffe sich in irgend einer Beziehung verwandt sind, wie sie sich anziehen und abstoßen, und getrennt, neue Verbindungen eingehen, so müssen es noch vielmehr die psychischen Kräfte seyn, ja, die Seelen sind alle verwandt, denn sie sind alle nichts, als der Odem der Allmacht, sind alle nur ein unsichtbarer Ausfluß einer ewigen, unerschöpflichen und unergründlichen Lebensquelle."
„Ja, auch Du, Doris!" rief er laut, und seine Augen sahen wieder starr und mit einem unheimlichen Ausdrucke empor: "auch Du warst ein schöner, herrlicher Silphe, auch Du lebtest ein zartes Blüthenleben, verwandt war Deine Seele den holden Wesen, die sich im Lichte baden, und Dein Geist den Engeln verwandt; und ich – ich habe Deine Seele verwundet, sie ist im Schmerze verblutet, und ich lebe noch, o, ich lebe noch!"
Dumpf und schrecklich stieß er die letzten Worte hervor, fuhr sich mit beiden Händen in das dunkle Lockenhaar, wollte aufspringen, und sank auf den Sessel in tiefe Ohnmacht zusammen.
„Das habe ich gefürchtet," rief Luise unter Thränen, und eilte ihm mit ihrem Flakon zu Hülfe; erschrocken und betäubt fand ich kaum Kraft, sie zu unterstützen.
Welch einen Schatz hatte August an dieser Schwester; wie sanft und mild, und wie besonnen war sie um ihn bemüht, sie brach nicht aus in ungebändigten Schmerz, sie holte alles herbei, was Noth that; mit Hülfe des Bediensteten trug ich den Kranken auf ein Ruhebett, und nach einer Viertelstunde schlug er unter Luisens zärtlichen Bemühungen die Augen auf. Freundlich bat mich das Mädchen, für das mein Herz, seit ich es gesehen, in glühender Neigung schlug, mich einige Stunden einsam zu unterhalten, indem August der ungestörtesten Ruhe bedürfe, und nach solchen Erschütterungen seines Gemüthes ausser ihr nicht gern Jemand um sich sähe, und ich ging, selbst tief erschüttert, von Trauer erfüllt, in den Garten.
Es war nicht Wahnsinn, was meinen August beugte, es war nicht Melancholie, denn er konnte ja heiter seyn, aber was stand ihm bevor, wenn diese Idiosynkrasie Meisterin seines Lebens wurde? Vergebens sann ich, einen Zusammenhang in seiner Idee, die Schmetterlinge aus den Büchern zu schneiden, und seinen Worten zu finden, und doch war, was er gesprochen, wenn auch nicht klar und nach philosophischen Normen entwickelt, doch auch nicht das leere Gewäsche des Wahnsinns. Er war mir unbegreiflich. Da, wie ich in einem düstern Schattengange sinnend wandle, den Akazien, Citisus- und Schneeballenbäume bilden, mit Coronillen- und Philadelphusgesträuch untermischt, da überrascht mich plötzlich auf einem kleinen Rasenplätzchen, von Trauerweiden tief überhangen, ein ernstes Monument von kararischem Marmor. Auf dem Deckel der Urne, um die ein frischer Blumenkranz hing, stand ein goldner Schmetterling. Auf der Vorderseite des Denkmals war nur das Wort Theodoren, eingegraben, die andern drei Seiten schmückten Emblemata des Todes und der Auferstehung. Trauer und Hoffnung reichten sich die Hände, über ihnen flog ein Schmetterling empor. Ich setzte mich auf eine Moosbank, vor welcher, wie rund um das Monument Xeranthemen, Gnaphalien und die Purpurköpfchen der Gomphrena globosa, der schönsten unter den Immortellen, blühten, und dachte an August und Luisen, und an die Verheißung der Letzteren, daß ich noch alles erfahren solle. Schattig und kühl war das Plätzchen, die Blätter der babylonischen Weide säuselten leise, eine Grasmücke saß im Gebüsche und sang. Luise, dachte ich, o wärst Du mein, Luise; und ich schloß die Augen, und schlief ein, und träumte von ihr. – –
In Folge des genossenen Weines war mein Nachmittagsschläfchen ein ziemlich festes und anhaltendes geworden, von einem seltsamen Nasenkitzel zum Niesen gebracht, erwachte ich und sah August und Luisen lachend vor mir stehen, der Erstere hatte mich mit einer Celosia cristata gekitzelt. Sein Gesicht war etwas verstört und bleicher als zuvor, Luise war still, heiter und mild wie immer. Wir gingen, den heutigen Vorfall nicht erwähnend, in das Haus. –
Es war acht Uhr, die Abendtafel aufgehoben, zum Gartensalon rief uns August zur Begleitung, wir folgten ihm erwartungsvoll. Da stand der alte Gärtner im Sonntagskleide, wie ein Tempelpriester vor dem Heiligthum, da öffnete er mit zitternder Hand die Thüre, da strömte uns ein Glanz von fünfzig Kerzen entgegen, Lämpchen flimmerten durch das Grün der Mimosen, auf einem Altar stand die Königin nachtblühender Blumen, die Freude des Gärtners, die Wonne Augusts, der herrliche Cactus grandiflorus!
Drei Knospen hatten die Stachelschlangen des Stammes getrieben, schon hatten die grünen, weißhaarigen Schuppenhüllen sich zu erschließen begonnen, drei herrliche Blüthensonnen waren im Aufgehen.
Stumm standen wir, versunken im Anschauen, und athmeten entzückt den feinen Vanillenduft, der das geräumige Zimmer durchwallte.
Und höher hoben sich der Kelche zahllose Goldstrahlen, und sichtbar wurde der Silberkronen Lilienweiße, nur im leisen Flüstern ward unsre Bewunderung, unser Staunen, unser Entzücken laut. Der alte Gärtner stand, und sah unverwandt auf seine holdesten Pflegekinder, er betrachtete sie mit scheuer Ehrfurcht, er hielt sein Mützchen in den gefalteten Händen, in seine Freudenthränen schimmerte der Lichtglanz, und seine bebenden Lippen schienen dem Schöpfer dieser Herrlichkeit seine kindlich-fromme Huldigung darzubringen.
„Wie schön, wie wundervoll, wie unaussprechlich herrlich!" flüsterte Luise mir zu, indem sie sich neben mich setzte.
„Die Blume ist ein verkörperter Engel, ein Meisterstück der Natur, ein Wunder der Allmacht," bemerkte August.
„Sie weckt die Ahnung des Unendlichen, sie trägt die Psyche zur ewigen Heimath empor, sie schließt eine neue Welt voll wunderbarer Geheimnisse auf," sagte ich zu den Geschwistern, und dann schwiegen wir wieder, aber durch verklärte Blicke sprachen selige Gefühle.
Hinter uns standen die dienenden Hausgenossen und Gartengehülfen, denen August den seltenen Anblick nicht mißgönnen wollte; Sphinx wandelte schweigend und geisterhaft umher, und putzte die Lichter. Allmälig entfernte sich die Dienerschaft, Luise kredenzte Wein. Leise stießen wir an, als wagten wir nicht, diese heilige Tempelstille zu entweihen; auch der alte Gärtner trank mit uns.
Die Stunden flogen; sichtbar bogen die Strahlen der Kelche sich zurück von den Kronen, die, silberne Blüthenbecher, den goldenen Reichthum der Antheren in sich schlossen. Süßer strömte aus dem tiefen Grunde des Blumenbodens der prangenden Blüthen heiliger Lebensodem als wunderbares Arom, und umfing die Sinne wie Schmeichellüftchen des Paradieses.
Sinnend sah August die Blumen, die bald die höchste Höhe ihrer unbeschreiblichen Schönheit erreicht hatten, an, und sagte dann weich und wehmüthig: „Schön seyd ihr, Blumensonnen der Nacht, aber die Sommernacht, die euch wach küßt, nimmt eure prangende Herrlichkeit auch mit hinweg; ihr blühet, um schnell zu sterben."
„Ihr könnt noch bleiben," sagte er zu Luisen und mir: „ich will jetzt gehen, jetzt, und die Erinnerung des Aufblühens mit mir hinwegtragen, vielleicht träume ich von meiner Kaktusblüthe, und einer schöneren noch, die in elysischen Gefilden lebt und blüht, der sich die Passifloren meiner Erinnerung und Wehmuth sehnsüchtig nachranken. Gute Nacht!"
Er ging, wir saßen schweigend, fernher aus seinem Zimmer drangen der Harmonika melancholisch-süße Molltöne, drang seine reine Metallstimme, und die weiche, klagende Melodie des Liedes: Wie so sanft sie ruhn.
Lange saßen wir, Luise und ich, stumm bei einander; wie ich umblickte, bemerkte ich, daß der Gärtner hinweggegangen war, daß auch Sphinx uns verlassen hatte.
Luise seufzte tief; ich ergriff ihre Hand, ich wagte, sie nach der Ursache dieses Seufzers zu fragen.
„Ich dachte an meines guten Bruders glückliche Blüthenzeit," antwortete sie, „ich dachte daran, daß seine Lebenssonne sich so früh neigt. Ich will Ihnen die traurige Geschichte erzählen, damit Sie ihn ganz begreifen; ich weiß, Sie werden ihm Ihre Theilnahme nicht versagen."
Das herrliche Mädchen ließ mir willig ihre Hand, die ich gefaßt, und begann mit dem Ausdrucke des reinsten und kindlichsten Vertrauens: „Theodore hieß die Tochter des Predigers in dem Orte, wo unsere Eltern lebten, und August faßte bald nach seiner Zurückkunft von der Universität für das Mädchen die glühendste Neigung. Denken Sie sich einen Engel, jeglichen Liebreizes voll, ein Mädchen, der auf den ersten Blick jedes Herz zufliegen mußte, voll zarter Empfindung, voll Geist und Gemüth, dabei den liebenswürdigsten, sanftesten Charakter, die Güte, die himmlische Güte selbst, denken Sie sich Theodoren so, und es ist immer nur ein schwaches Bild des holdesten weiblichen Wesens, das je die Erde trug, was Sie sich von ihr entwerfen können. Sie und ich, wir waren ein Herz und eine Seele, sie stand hoch über mir in geistiger, wie in sittlicher Ausbildung, aber sie stieg herab zu meinen Begriffen, sie zog mich hinauf zu ihrer Höhe, o wie vieles habe ich ihr zu danken! Sie erwiederte Augusts zärtliche Liebe, ich war die Vertraute ihres innigen, seelenvollen Verständnisses, ich war glücklich in der Liebe Beider. O, warum mußte so schnell dies Eden seliger Tage verblühen?"
„Eine Schwachheit, die aber ihren Grund in Theodorens engelgutem, gefühlvollem Herzen hatte, besaß die Freundin, wohl mochte auch ihr zarter Körperbau dazu beitragen; sie war allzuempfindsam, sie konnte ohne bittern Seelenschmerz kein Geschöpf leiden sehen. Schon hatte Theodorens greiser Vater unter Freudenthränen die Hand segnend auf das Haupt der Verlobten gelegt, und des Brautstandes Rosenzeit war für die glücklich Liebenden mit allen ihren wonnereichen Hoffnungen und Blüthenträumen angebrochen, als eine unglückliche Stunde wie Hagelschlag die Flur ihrer Himmelsblüthen entblätterte, und alle schönen Hoffnungen vernichtete."
Theodore war unbedeutend krank gewesen; an einem freundlichen Sommertage ging sie in Augusts und meiner Begleitung zum ersten Mal wieder aus; August war ganz Freude, ganz Glück, er lief umher in dem Wäldchen, wo wir lustwandelten, pflückte Blumen und Zweige, band uns Kränze, machte uns bald auf diese, bald auf jene kleine Naturmerkwürdigkeit aufmerksam, und wir wurden immer heiterer, immer fröhlicher. Da flog plötzlich vor uns ein schöner bunter Schmetterling auf."
„Ein Schiller! ein herrlicher Schillerfalter, der hat mir lange gefehlt!" rief August, und sprang dem schnell fortflatternden Sommervogel nach. Nicht lange, so kehrte er zurück, vorsichtig, daß er die prächtigen Farben nicht verwische, den kleinen Gefangenen in der Hand haltend.
„Das ist in unsrer Gegend gar ein seltner Gast, der fehlt meiner Sammlung lange," sagte er, und zog die Nadel, den Schmetterling zu durchstechen."
„O bitte, bitte August, tödte nicht das unschuldige, schöne Thierchen!" rief mit sanften Schmeicheltönen Theodore. Bitte laß ihn frei!"
„Nein, nein, mein trautes Bräutchen," antwortete August; „er muß meine Sammlung zieren, wo die silbergefleckte Juno aus Surinam prangt, darf die deutsche Iris nicht fehlen!" „August, eine Fehlbitte lässest Du mich heute thun?" fragte mit einer Stimme, die einen Kannibalen weich gemacht hätte, Theodore, und Thränen traten in ihre schönen Augen.
„Du bist auch allzuempfindsam, meine süße Sensitiva (= Empfindliche, sk)," erwiederte mein Bruder, das Kieselherz, und hatte kein Ohr für ihre rührende Bitte. Ich wagte gar nicht, sie zu unterstützen; denn ich wußte, daß wenn sie nichts über ihn vermochte, dies noch weit weniger mir gelang.
„Laß ihn frei, kaltherziger Mörder," rief nun die auf höchste Gereizte, und wollte ihm den Schmetterling entreißen, in dem Augenblick, als August die Nadel durch seine Brust steckte; sie fuhr nicht geschickt genug zu, die Nadel verwundete ihre zarten Finger, und des seltenen Schmetterlings Farbenstaub wischte sich von einem Flügel.
„Da hast Du ihn nun," schrie August unwillig, indem er den todtgedrückten Falter zur Erde warf, und Theodore, noch reizbarer durch die letzte Krankheit, erschreckt durch den Nadelstich und das Blut an ihrem Finger, noch mehr durch Augusts Zorn, im Innersten gekränkt durch seine Weigerung, stand, und wurde leichenblaß, zitterte, sank in meine Arme, und bekam die heftigsten Krämpfe."
„Denken Sie sich, lieber Freund, meine Angst. August, der nun sein Unrecht, ach, zu spät, einsah, warf sich verzweifelnd vor ihr nieder, ihre Vergebung erflehend; sie wehrte ihn heftig ab mit der Hand, bedeckte sich das Gesicht, weinte, stöhnte, ach, es war meines Lebens qualvollster Augenblick."
„Mit Mühe brachte ich die Kranke nach Hause. Ein Nervenfieber ergriff sie, fürchterliche Phantasieen quälten sie. August durfte ihr nicht nahen; sah sie ihn, so wurde ihr Gemüthsbewegung zur lauttobenden Wuth. Ach, was habe ich, was hat ihr alter Vater, was hat August gelitten in jener Zeit. Lassen Sie mich schnell enden. Am neunten Tage starb Theodore; ihren Vater rührte der Schlag, er folgte ihr nach vier Tagen. – –"
Kaum konnte Luise das Letzte sprechen, sie schluchzte laut, ich schwieg, tief erschüttert. Nach einer langen Pause nahm die Freundin wieder das Wort:
Augusts Schmerz war Anfangs starr; ich weinte heiße Thränen an ihrem Todtenbette; ach, mich traf ja doppelt die schwere Hand des Schicksals, ich verlor die inniggeliebte Freundin, und behielt den Bruder in einem jammernswerthen Zustande. Nachdem sich die Ausbrüche wilder Verzweiflung, in denen er seine Käfer- und Schmetterlingssammlungen zerschlug und zerstörte, in denen er einige Versuche, Hand an sich zu legen, gemacht, und oft seinen Wächtern entspringend, auf den Gottesacker lief, und sich auf ihrem Grabe niederwarf, den Himmel und den Tod, ihren seligen Geist um Vergebung anrufend, verfiel er in eine stille Melancholie, und welkte zusehends dem Grabe zu. Ich litt unbeschreiblich, mit mir sprach er immer von ihr, mich bat er, für ihn zu beten; ihren Mörder nannte er sich tausend Mal, ihre Seele sey verwandt gewesen mit der Schmetterlingsseele, ja verschwistert, er habe Beide ermordet. Unheilbar schien sein Zustand, so lange er an dem Orte blieb, wo alles ihn an sein verlorenes Paradies erinnerte. Dringend riethen die Aerzte Veränderung, und dieses Gut wurde vor zwei Jahren gekauft. Diese Angelegenheit leitete ein alter Onkel von uns, der nun auch todt ist."
„Wunderbar-heilsam wirkte hier die freundliche Natur, wirkten Beschäftigung und Zerstreuung auf den Kranken. Aber im Anfange, als er nun seine Zimmer einrichtete, seine Naturalien aufstellte, irrten ihn die leeren Schmetterlingskästen. Neue zu fangen, hätte ihm das Leben gekostet; er konnte kein Thier tödten sehen seit jenem Unglücksvorfall, und kann es noch nicht; da setzte er sich hin im stillen Wahnsinn und schnitt die Falter aus seinen Prachtwerken."
Sphinx, ein Findling, den meine Eltern aufgezogen, deren eigentlicher Name Sophie ist, mußte ihm helfen, und er gab ihr einen Schmetterlingsnamen, der zugleich den der tödtenden Parze führt, ihr und sein trauriges Geschäft zu bezeichnen."
„Vergebens bat ich ihn, abzulassen von diesem trostlosen Unternehmen, er lächelte still, schwieg und schnitt aus, und als ich ihm zu dringend wurde, schloß er sich mit Sphinx ein, und ihr, der Beschränkten, machte die heillose Arbeit Freude."
„Nun hat es sich zwar, Dank sey dem Höchsten! sehr mit ihm gebessert, aber kommen Momente, die ihn stark ergreifen, die ihm das Bild der Verlorenen zu lebhaft wieder vor die Seele rufen, dann giebt es wohl Rückfälle, und meine Angst um ihn ist daher namenlos. Fühlt er sich einmal recht froh, hat er Jemand, mit dem er über Naturkunde und Wissenschaften sich unterhalten kann, dann zeigt er seine Schätze, dann – denken Sie, dann vergißt er, daß seine Schmetterlinge Papier sind; daher ist es bekannt worden, und er wird gemieden von der Furcht, gesucht von der Neugierde, und als ein unheilbar Irrer betrachtet." –
Schweigend hörte ich, schweigend flossen meine Thränen um den Freund.
„O wären Sie doch recht lange bei uns," sprach Luise nun herzlich zu mir: „Sie, Sie würden ihn trösten, wenn er weint, ihn beruhigen, wenn er verzagt; er liebt Sie so sehr!"
„Und Sie, theuerste Freundin, würden Sie lange den faulen Gast ertragen, würde ich Ihnen nicht zur Last werden, und – himmlisches Mädchen, wenn ich nun bliebe in Ihrer seligen Nähe, wenn nun lauter und lauter ein Gefühl für Sie in meinem Herzen spräche, das Ihre Tugend, Ihre Anmuth, Ihr süßer Liebreiz entzündet, lassen Sie mich es aussprechen in dieser schönen, feierlichen Stunde, Luise, wenn ich mehr als ruhige Freundschaft für Sie fühlte, wie würden sie den Armen, Unbemittelten, Titellosen, der nichts hat, als etwa sein Bischen Wissen und sein Bischen Kunst, wie würden Sie – "
„Stille," fiel sie freundlich lächelnd ein, und drückte mir ihre Flaumenhand auf den Mund. "Stille, setzen Sie sich nicht herab, Sie haben ein reiches Herz, der Freund meines Bruders wird ewig mein Freund, wird mein Bruder seyn, und für Verkanntwerden sey ihm nicht bange!"
„O göttliche Freundin!" rief ich entzückt, und schloß sie in die Arme, und heiß und süß brannte ihr kussiger Mund auf dem meinen.
Nahe war Mitternacht, trübe flimmerten die Lämpchen in den schlummernden Mimosenbäumen. Wundervoll entfaltet standen nun die drei Kaktussonnen in ihrer herrlichsten Blüthenglorie. Tief hinab in des Blumenbodens grünen Grund konnten wir schauen, wie in ein enthülltes, süßes Geheimniß. Meinen Arm gelegt um Luisens Alabasternacken, tändelnd mit dem weichen Gelock ihres vollen braunen Haares, haltend am hochklopfenden Herzen ihre rechte Hand in meiner linken, stand ich vor den Blumen, stillselig und stillbetrachtend.
So schnell wie dieses Nachtkindes Strahlenblüthen hatte sich meine Liebe erschlossen, und Luisens Herz bürgte mir für eine schönere Dauer. Hoffnung leuchtete ja hell im Grunde des Silberkelches.
Und heißer, inniger drückte ich das bebende Mädchen an mein glühendes Herz; der Kaktusblüthen Perubalsamduft, – gemischt mit dem Arom, das den schneeweißen Blüthen der baumartigen Datura entströmte, mit dem Wohlgeruch des gefüllten Jasminum Sambac, mit dem Düftestrom, den von Magnolien- und Orangenbäumen der laue West aus dem Garten herein trug, – wiegte meine Sinne in eine süße Betäubung, ich wollte Luisen nicht mehr aus meinen Armen lassen. Horch, da klang über uns ein wunderbarer Ton, wie ein Lufthauch über einen Schlüssel. Wir blickten empor, aus den Blättern eines schönen Baumes schien es zu kommen.
„Ach," rief Luise, "das ist die Hernandia sonora, die tönende Hernandie. Mein Bruder hat sie noch nicht lange, es ist die reife Nuß, die diesen Laut von sich giebt, wenn Luftzug sie berührt. Uns sey der Ton ein Ruf des Scheidens, es ist schon spät, sehen Sie die blühende Kaktus sich noch einmal an, morgen finden Sie die Blüthe nicht mehr."
„Morgen," rief ich ihr zu:
„Morgen liebe, was bis heute
„Nie der Liebe sich gefreut,
„Was sich stets der Liebe weihte,
„Liebe morgen, wie bis heut!"
„Nur noch einen kleinen Gang durch den Garten, Geliebte," bat ich sie, und sie reichte mir schweigend den Arm.
Hell und herrlich strahlte Selene, Thau funkelte an den Blättern und Blumen, heiliges Schweigen lag über Flur und Hain.
Da schlossen wir innig und fest der Herzen Bund, da unter den Pinien und Laburnumbäumchen schwuren wir uns ewige Liebe, und die Blätter säuselten, und die Blumen des Gartens, unsrer Gelübde stille Zeugen, nickten halbträumend uns zu.
Stillweinend lag Luise an meiner Brust, als wir, ohne daß wir es gewollt hatten, an Theodorens Urne standen. Da knieten wir nieder auf den Stufen des Monuments, da beteten wir um eine frohe glückliche Zukunft, beteten für des Bruders Wohl und Genesung, und fest umschlungen blickten wir hinauf zu den Sternen, zu den geahneten Wohnsitzen der seligen Geister.
Reiner und himmlischer Gefühle voll gingen wir dem Hause zu; noch ein minutenlanger Kuß, noch ein "Schlaf wohl, Geliebter! Träume süß, Geliebte!" und Luise verschwand in ihr Zimmer.
Und wieder stand ich einsam am Fenster meiner Stube, und blickte hinaus in die duftige Sommernacht, in die Mondscheinpracht und in den Garten unter mir, voll Blumen und Thauglanz, und überdachte mein Schicksal. Hätte ich gestern geahnet, was heute geschah? So kommt oft unverhofft das Glück mit der günstigen Stunde, und mir hatte sie heute das Höchste gebracht, hatte, eine Himmelsblume, der Liebe Silberkelch erschlossen, und mich daraus mit Nektar getränkt.
Am anderen Tage bekannte ich August meine Liebe zu Luisen, er schloß mich freudig in die Arme, er rief die Schwester, küßte und segnete uns. – –
Uns so that ich denn, wie August gesagt, ich gab meine magre Collaboratorstelle am ***r Gymansium auf, und zog nach Zehren, wo bald Luise meine glückliche Gattin wurde. Wir tragen den Bruder auf den Händen, er wird immer heiterer, und wir hegen die freudige Hoffnung, ihn bald von allen Wunden geheilt zu sehen, die ein trübes Geschick ihm schlug.
Sphinx heißt wieder Sophie, aber sie ist noch nicht anders geworden, sie übt sich, die Physiognomien der drei Parzen in der Menagerie zu silhouettiren.
Willst Du mich nun, vielgeliebter Leser, in meinem Glücke besuchen, willst Du unsre Sammlungen, unsre Menagerie, unsern herrlichen Garten sehen, so bist du freundlich eingeladen, aber brich im Garten keine Blume, hüte Dich, in Augusts Gegenwart, aus zarter Schonung, den Farbenstaub von den Flügeln eines Schmetterlings zu streifen. – (191-252)


Ludwig Bechstein: Der Rabe
(1835,
Novellen und Phantasieblüthen I,3)

1.
In dem stolzen Schlosse, das sich in der alten Stadt Merseburg hochprangend auf gründbekleidetem Felsengrunde über der tief unten dahinrauschenden Saale erhebt, regte sich ein lautes fröhliches Leben. Zu dem reichen und edlen Bischof Merseburgs, Thilo von Trotha, waren zwei seiner liebsten Freunde, der Bischof von Naumburg und der von Meißen, mit einer großen Anzahl von Rittern und Reissigen auf einen freundschaftlichen Besuch gekommen, wie es die Sitte früherer Zeiten, die den Stand der geistlichen Fürsten dem der weltlichen gleich oder noch höher stellte, erheischte. Den Dienst der Kirche versahen Capläne und Diakone, und nur an den höchsten Festtagen erschien der Bischof selbst, die heiligen/ Aemter der Kirche verwaltend, und auch dann meist in einem Aufzug, der glänzender und prangender war, als es die ernste Würde der Religion erheischte. Der Bischof Thilo war ein hoher, herrlicher Mann, sein feuriges Auge strahlte Muth und Ernst und Würde, er schien zu einem Kriegshelden, nicht zu einem Priester geboren. – Gesattelt standen im geräumigen Schloßhofe die Rosse, gehalten von bunt gekleideten Troßbuben, und eine Schaar von Jägern, mit langen Spießen, tüchtigen Armbrüsten, und kurzen Jagdmessern bewehrt, harrte nur des Augenblicks, wo die geistlichen Herren erscheinen würden, um in den Wald zum fröhlichen Waidwerk zu ziehen. Am Thore drängte sich eine Menge müßigen Volkes, das neugierig herbeigelaufen war, die fremden Gäste mit ihrem glänzenden Gefolge zu sehen. Und jetzt ertönte lauter Hörnerschall, und aus dem Schloß traen zwölf Edelknaben, auf ihren seidnen Gewändern waren prangende Wappen eingestickt, ihnen folgten die hohen Gäste, in deren Mitte der Bischof Thilo, stolz wie ein König. Dann kamen die Ritter, dann eine Schaar von Falkonirern, Kämmerern und Hofdienern, so daß im Schloßhofe ein sehr buntes und bewegliches Bild sich dem Auge/ des Beschauers darstellte. Schon saßen die Herren Alle zur Jagd gerüstet auf den muthig schnaubenden und wiehernden Rossen, als es dem Bischof Thilo einfiel, sich und seine Gäste noch ein Mal durch einen kräftigen Trunk zur Jagd zu stärken, und er rief seinen greisen Kämmerer: „Johannes! bringe uns noch einen Becher gewürzten Weines!“
Der alte Diener eilte so schnell es seine sinkenden Kräfte zuließen, das Verlangen des Gebieters zu erfüllen, er brachte die silbene Kanne mit dem heißen, süß duftenden Getränke, und füllte den großen, goldnen Pikal und reichte ihn mit zitternder Hand dem Gebieter, der ihn erst dem Bischof von Meißen, dann dem von Naumburg bot, dann wieder füllen ließ, um selbst zu trinken, aber wie der Greis zum zweiten Male den Becher dem Herrn reichte, stieß von ungefähr der Jäger Ullrich den Kämmerer und Mundschenken, indem er an diesem sich vorbeidrängte, daß der heiße Wein überfloß und dem Bischof auf der Hand brannte, und ihm das köstliche Gewand befleckte. „Ungeschickter, tölpelhafter Hund!“ schrie der Bischof im Gesicht über und über zornroth, schlug dem Kämmerer den Becher aus der Hand, daß er zur Erde fiel, schwang die Peit/sche, versetzte erst dem Kämmerer einen Hieb, und schlug dann auf den Jäger Ullrich so unbarmherzig los, daß sich alle Umstehenden entsetzten, und dieser sich winselnd wie ein Wurm im Staube krümmte, denn der Bischof war ein überaus zorniger Mann, und übte meist mit eigner Hand an seinen Untergebenen oder auch an Andern das Strafgericht, selbst für kleine Vergehungen aus. Sein züchtigender Arm hätte vielleicht so bald nicht geruht, hätte ihn nicht der Bischof von Meißen bittend und zuredend gehalten. Dann jagte er davon, das Gefolge schloß sich an, und das Volk, erschreckt durch jenen Ausbruch des Zornes, gab eilig Raum und ließ die Gewaltigen an sich vorübersprengen.
Nachgaffend standen im Schloßhofe die zurückgebliebenen Diener. Den alten zitternden Johannes hielt seine Enkelin Elsbeth, ein blühendes, liebliches Mädchen von funfzehn Jahren, weinend umfangen, sie hatte unter den Zuschauern gestanden und den Schlag gesehen, den ihr Großvater von dem zornigen Herrn empfangen und ihn mitgefühlt.
„Weine nicht, weine nur nicht, Du gutes liebes Kind,“ sprach der Alte; „es schmerzt nicht mehr. Sei ruhig, Elsbeth!“ Wie er so sprach, ging der/ Jäger Ullrich, der zurückgeblieben war, zu den Beiden, seine Augen flammten, seine Züge waren bleich, über die linke Wange lief ein blaurother Streif, die Peitsche hatte sie getroffen.
Zähneknirschend fuhr er den Alten an: „Ich will verdammt sein, wenn ich Dir diese Schläge vergesse, Hans!“
„Was willst Du?“ fragte ihn der Greis. „Bin ich Schuld daran? Hast Du mich nicht gestoßen, daß ich den Wein verschütten mußte und selbst leiden durch Deine Unvorsicht?“
„Schwatze nur, schwatze nur, Alter!“ zankte Ullrich. „Du konntest Dich in Acht nehmen. Du hast es mit Fleiß gethan. Du hast schon lange einen Grimm auf mich, aber warte nur, das Stündlein wird schon kommen, in dem ich Dir die heutige Züchtigung gleich mache.“
„Pfui über Dich, Du frecher, niederträchtiger Knecht!“ zürnte nun auch erbittert Johannes. „Einen alten Mann willst Du beleidigen, und eine Strafe an ihm rächen, die Du, wenn auch nicht verdient, doch selbst verschuldet. Thue, was Du willst, ich stehe in Gottes Hand, und die hält er schirmend über den Gerechten. Komm, mein Kind,/ laß uns hineingehen, höre die Reden eines bösen Buben nicht mehr an.“ –
Er ging mit dem stillweinenden Mägdlein hinein in das Haus, Ullrich schoß ihm aber aus rollenden Augen giftige Blicke nach. Ueber ihm auf einer Eiche, die im Schloßhof stand, schrie der zahme Rabe des Bischofs dreimal sein Krah! Krah! und Ullrich sah hinauf auf den Baum; das Gechrei des Vogels schien ihm Rache! Rache! zu lauten, und sein Zorn über die erlittene Strafe verwandelte sich in den tödtlichsten Haß gegen den biedern alten Mann, der mit Willen kein Kind betrübte, und durch sein ganzes langes Leben redlich und treu erfunden worden war. –

2.
Jagdgetümmel durchtobte den Wald, er sich in weiter Ausdehnung, mannigfaltig von kleien Flüssen durchschnitten, und von grünen Wiesen untrbrochen, bis nach Leipzig, wo er den Namen des alten Rosenthales führt, auch jetzt noch hinzieht, obgleich er in jener Zeit weit größer war. Die geistlichen/ Herren mit ihrem zahlreichen Gefolge erlegten manches Stück Wild, das die flinken Hunde aus dem stillen Lager aufgescheucht, und überließen sich mit voller Lust ihrem blutigen und grausamen Vergnügen. Da traf sich’s, daß ein überaus stattlicher Edelhirsch aufgetrieben wurde, dem der Bischof auf seinem flüchtigen Roß nachsetzte, von seinen beiden Freunden begleitet; schon hatte er den gefiederten Pfeil auf die köstliche Armbrust gelegt, schon zielte er und wollte, ein geübter Schütze, den Hirsch im Reiten erlegen, als dieser zusammenbrach, ehe noch der Bischof geschossen, und von einer andern Seite her der Jäger Werner aus dem Gebüsch trat, mit abgeschossener Wehr und freudigem Gesicht, das aber alsbald die bleiche Frabe des Schrecks überzog, als er den Bischof gewahrte. Dieser donnerte wüthend: „Frecher Knecht! Schossest Du den Hirsch?“ –
Und wie der Jäger mit emporgehobenen Händen flehend auf die Knie sank und ein Schrei des Schrecks dem Munde Aller entfuhr, die zugegen waren, da hatte der Bischof schon sein Geschoß auf den Jäger gerichtet, hatte schon den tödtlichen Pfeil abgesendet und blutend sank der unglückliche Schütze zusammen./
„Thilo! Thilo!“ sprach da sehr ernst der Bischof von Naumburg, „dieses Blut wird der Herr von Euch wiederfordern am Tage des Gerichts. Ihr seid ein harter jähzorniger Mann, und ich scheide mich von Euch und Eurer Freundschaft. Es möchte Euch ein Gelüsten ankommen, auch mich zu erschlagen, wenn ich ein Wild erlegte, das Ihr fällen wollen!“
Der Bischof von Merseburg wurde sehr bleich im Gesicht und dann wieder glühend roth, doch sprach er kein Wort und sah nur mit wildem Blick auf den Sprecher, und seine Lippen zitterten. Der Bischof von Naumburg aber stieß in sein elfenbeinernes Jagdhorn und alsbald sammelten sich um ihn seine rRtter und Jäger und sein ganzes Gefolge und mit den Worten: „Lebt wohl, Thilo, habt Dank für Eure Gastfreundschaft, die wir fürder nicht in Anspruch nehmen!“ sprengte er davon und die Seinen Alle ihm nach. Thilo von Trotha aer stand starr, wie eine Bildsäule und bewegte die Lippen, als wenn er reden wolle, die Hände, als wenn er nach dem Schwerte greifen wolle. Da umfaßte ihn Gerhardt, der Bischof von Meißen, und sprach zu ihm: „Beruhigt Euch, faßt Euch, kommt zu Euch, werther Freund! laßt ihn ziehen, den strengen Richter,/ und sühnt durch Gebet und Fasten und reiche Seelenmessen den Tod des Jägers.“
„Diesen Schimpf, diesen unerhörten bittern Schimpf,“ steiß Thilo hervor, „mir angethan vor meinen Mannen und Knechten, will ich blutig rächen!“
„Nicht also, Thilo,“ redete Gerhardt weiter. „Nehmt die Demüthigung in Demuth hin, und denkt, daß Ihr sie verschuldet habt durch Euern übereilten Zorn, der Euch so oft übermannt und Euern Ruhm verdunkelt und Eure Ehre befleckt und Euern heiligen Stand schändet!“
Der Bischof von Meißen war Thilo’s treuester, ältester unf bester Freund, er durfte frei und ohne Scheu mit ihm reden. Und wie Thilo finster auf seine Rede schwieg, da nahm er ihn, sie waren Beide von ihren Rossen gestiegen, am Arm und ging mit ihm allein eine Strecke durch das Gebüsch und über eine schöne Wiese hin, und sprach zu ihm mit ernsten, aber treugemeinten Worten:
„Ihr müßt Euern Jähzorn bezwingen, Thilo, Ihr dürft nicht richten und rächen jeden kleinen Fehl mit Geißelhieben, Wunden oder Tod. Ihr dürft nicht vergessen, daß Ihr ein Diener dessen seid, der/ Duldung und Sanftmuth, Liebe und Milde, Versöhnlichkeit und Barmherzigkeit lehrt. Der die Feinde zu lieben, den Beleidigern wohlzuthun gebietet, Ihr dürft nicht vergessen, daß Ihr einen Richter und Rächer über Euch habt, dessen Langmuth wir nicht versuchen sollen.“
Thilo seufzte tief. „Ich fühle,“ sprach er, „ich fühle die Wahrheit Eurer Worte, o, ich fühle, daß ich ein schwerer Sünder bin. Meine Heftigkeit reizt mich zur Uebereilung, meine wilde Hitze zum Verbrechen hin. O könnte ich mit meinem Leben das des Jägers erhalten!“
„Sorgt mindestens für sein Weib und seine Kinder, denen Eure That den Versorger raubte,“ rieth Gerhardt, und Thilo zeigte sich zu jeder Sühne bereit, die ihm leicht wurde in einer Zeit, wo noch die Herren über Leib und Leben ihrer Diener gebieten konnten, in einer Zeit, die an grausamen und empörenden Handlungen der Willkür und der rohen Gewaltthätigkeit weit reicher war, als die, in welcher wir leben, wo weise und gerechte Gesetze auch den Willen des Mächtigen einschränken, daß er die Gebote der Menschlichkeit nicht mit Füßen treten darf.
Gar Vieles redeten die Beiden noch zusammen/ und Thilo von Trotha gelobte in die Hand des Freundes Mäßigung seines Jähzorns, Milde gegen seine Diener, und daß er auch mit dem Bischof von Naumburg, der ihn auf beleidigende und kränkende Art verlassen, keine Fehde beginnen wolle. Er sah ein, welch einen treuen und wahren Freund er an dem Meißner Bischof habe; denn darin besteht das Wesen treuer Freundschaft nicht, daß sie sich von dem Fehlenden und Irrenden unter Vorwürfen abwendet, und ihn verläßt, wie der Naumburger Bischof Thilo that, sondern daß sie einen solchen wie hier Gebhardt mit ernster Ermahnung und redlicher Warnung, auf den bessern Pfad zu leiten sucht.
Und als einige Tage nach diesem Vorfalle Gerhardt wieder nach Meißen zog, und ihn Thilo von Trotha bis Leipzig begleitete, wechselten die beiden Freunde zum Zeichen steter uind unwandelbarer Treue ihre Ringe, und gelobten sich nie von denselben zu trennen, sich bei deren Anblick immer an einander zu erinnern, und Thilo versprach noch besonders, so oft er den Ring ansehe, wolle er seines Versprechens eingedenk sein, sich in seiner Heftigkeit zu mäßigen und nie mehr in der Ueberwallung seines Zornes eine Strafe zu verhängen, oder selbst zu vollziehen;/ und beruhigter trennte sich der Freund von dem Merseburger Bischof.

3.
Eine lange Zeit verging, und der Bischof wurde nicht mehr so oft heftig und jähzornig, wie sonst; und wenn er noch bisweilen aufbrauste, wenn etwas geschah, was seinen Unwillen erregte, so hütete er sich doch, mit Grausamkeit zu strafen: des Jägers Hinterlassene wurden so versorgt, daß sie den Vater nicht so sehr vermißt haben würden, wenn sich mit Geld und Gaben der harte Verlust einer geliebten Person ersetzen ließe. Ein steinernes Kreuz im Walde bezeichnete den Ort, wo er, ein schuldloses Opfer blinder Willkühr und rasender Leidenschaft, gefallen war. Aber in dem Herzen des Jägers Ullrich kochte die Rache gegen den alten treuen Kämmerer noch fort, und so oft er den Schloßraben sah, oder sein Geschrei hörte, erinnerte er sich jenes Tages und fluchte im Innern, daß er noch keine Gelegenheit gehabt, den Alten empfindlich zu kränken, der, wenn seine Dienstgeschäfte besorgt waren, sein einziges Glück in/ der Gesellschaft seiner Enkelin Elisabeth fand, die ihn wahrhaft kindlich liebte und pflegte, und ihm die Tage seines Alters zu erheitern strebte, dafür war sie aber auch sein Kleinod, sein einziger Liebling und er für ihre Zufriedenheit, wie für ihr Wohl eifrig besorgt. –
Der Bischof hatte jenen Vorfall auf dem Schloßhof lange vergessen und Ullrich, der sich mit ängstlichem Fleiß um die Zufriedenheit seines Gebieters mühte, war ihm einer der liebsten seiner Diener. Unter andern hab sich Ullrich damit ab, den Raben, der dem Bischof viel Vergnügen machte, einzelne Worte aussprechen zu lehren, was ihm auch zu vieler Zufriedenheit des Bischofs gelang; der Rabe durfte nun in dem Zimmer des Herrn aus- und einspazieren, und dieser lachte herzlich, als er aus dem Schnabel des Vogels zum ersten Male die Namen Thilo! Trotha! Maria! Joseph! deutlich und oft wiederholt aussprechen hörte. Der Rabe hatte auf einem alten Thurme sein Nest, zu welchem ohne Gefahr Niemand kommen konnte, aber die meiste Zeit des Tages war er im Schlosse oder unten auf dem Schloßhof und belustigte Alt und Jung durch sein Geplauder. In dieser Zeit trug sich’s zu, daß der Bischof ein Kleinod vermißte, welches mit Edel/steinen besetzt war, und das er auf dem Tische in seinem Zimmer hatte liegen lassen. Vergebens suchte er darnach, vergebens rief er seine Diener und unter ihnen auch den alten Kämmerer, ließ sie suchen, und forschte, ob irgend einer das Kleinod veruntreut, allein wie sehr er auch schalt und tobte und sich überaus zornig geberdete, es war und blieb verschwunden.
Der Bischof besaß auch einen kleinen Krystallspiegel, mit dem er sich oft ergötzte, indem er ihn am Fenster gegen die Gegend hielt, deren Bild lieblich und rein, schöner wie das schönste Gemälde, sich verkleinert in ihm abspielte. Auch dieser Spiegel war von hohem Wert, denn sein Rand war mit kostbaren Edelsteienn besetzt, und die Einfassung war von Gold. An einem schönen sonnigen Morgen wollte der Bischof hineinsehen, siehe, da fehlte auch der kleine Krystallspiegel. Der alte Kämmerer Johannes trat mit dem Frühtrunk zu dem Herrn, und erschrack sichtlich, als dieser ihn mit zornfunkelnden Blicken ansah.
„Es muß ein Dieb um mich sein,“ tobte der Bischof: „jetzt fehlt auch mein Krystall! Wehe dem Frechen, wenn ich ihn entdecke, er soll an den ersten/ besten Pfeiler im Schloßhof gehenkt werden, ehe er die Sonne zum zweiten Male aufgehen sieht!“
„O Herr, o Herr,“ stammelte der zitternde Alte: „Verflucht soll die Hand sein, die sich ausstreckt nach Eurem Gut! Aber Eurer Diener keiner wird es wagen, wir haben sie Alle geprüft, und Alle treu befunden. Doch so es Euch gefällt, will ich sie Alle herein rufen.“
„Nein – laß es nur“ – sprach finster der Bischof. „Sage nur, daß ich den Krystall verloren, und dem, der mir ihn wieder bringt, den vollen Werth in Gold zuwiegen wolle – Vielleicht lockt die Gier nach dem Gelde den Dieb.“
Traurig und bekümmert ging der Greis. Der Jäger Ullrich begegnete ihm und blickte ihn fest und finster an, der Alte seufzte, als er an seinem Feinde vorüber ging. Ullrich ging hinein zu dem zornigen Herrn.
„Man hat mir auch meinen Krystallspiegel gestohlen, Ullrich,“ redete der Bischof ihn an. „Nicht möglich, Hochwürdigster,“ entgegnete der Jäger.
„Und doch ist’s also, aber Gnade Gott dem Dieb, wenn wir ihn entdecken.“
„Kommt doch außer mir und Johannes kaum/ Einer auf Euer Zimmer,“ fuhr Ullrich fort, „und was mich betrifft, so kann ich euch mit tausend heiligen Eiden – “
„Laß die Betheurungen“ – sprach der Bischof ernst, „ich kenne Dich, Du bist treu, auch mein alter Johannes ist treu, auf Euch ruht kein Verdacht.“
„Der Alte bedarf ja auch weder Gut, noch Geld; er hat ja genug, er müßte es für seine Enkelin Elsbeth zusammenscharren, in die er ganz vernarrt ist, und die er herausputzt, wie eine Edeldame,“ sprach Ullrich.
„So?“ fragte der Bischof gedehnt, und seine Stirn furchte sich auf’s Neue.
„Das Alter kargt gern und ist insgemein geizig,“ setzte Ullrich seine Rede fort: „doch gegen seine Enkelin scheint es der alte Kämmerer nicht zu sein, sie trägt schöne goldne Ringlein an ihren Fingern, und bunte Ketten und Perlenschnüre um den Hals, wie ein Fräulein, und die Dirne ist doch noch gar jung, noch ein halbes Kind.“
„Meinetwegen,“ erwiederte Thilo von Trotha: „mache Deinem Geplauder ein Ende! Ich bleibe dabei, mein Johannes ist treu, aber wir werden den/ Dieb schon noch herausbringen, und dann wehe diesem!“
Der Jäger nahm einiges Geräthe, das er für den Herrn in Ordnung bringen wollte, aus dem Zimmer mit, und entfernte sich. Als er auf den Vorsaal kam, hörte er eine fremde Stimme vernehmlich rufen: „Ullrich! Ullrich!“ Wie er sich umsah, war es der Rabe, der auf ihn zuhüpfte und ihn mit Geschrei zu mahnen schien, ihm sein Futter zu geben.
„Närrischer Kerl!“ redete Ullrich den Vogel an: „wer hat Dir denn meinen Namen gelehrt?“
„Ullrich! Thilo! Trotha!“ rief der geschwätzige Rabe.
„Ei, ei, der Bischof? Du bist doch ein kluges Thier,“ fuhr der Jäger fort, und er sah den gelehrigen Vogel lange an. Da kam in seinen bösen Sinn ein schrecklicher, verbrecherischer Gedanke. „Warte, warte, alter Hans,“ murmelte er vor sich hin, und dann rief er den Raben: „Markus komm, wenn Du artig bist, sollst Du frisches Wildpret haben.“ Er ging; kreischend hüpfte der Rabe hinter ihm drein.

4.
Der Bischof Thilo von Trotha schrieb an seinen Freund, den bischof Gerhardt in Meißen: „Euer Ring hat Wunder gethan, und wie ein freundlicher Talisman besänftigend auf mein sonst so heftiges Gemüth gewirkt. Seit ich ihn am Finger trage, habe ich mich nicht wieder einer so sündlichen Uebereilung schuldig gemacht, und kein Vergehen im Augenblick des Zorns und ohne genaue Untersuchung bestraft oder bestrafen lassen. Bald werde ich aber ein strenges Richteramt verwalten müssen, ich habe einen Hausdieb; seit kurzer zeit vermisse ich mehrere Sachen von Werth, unter andern auch meinen Krystall, den Ihr kennt. Sonst hatte ich sehr treue Diener, es scheint sich jetzt geändert zu haben. Doch bitte ich Gott, daß ermich vor falchem Verdacht bewahre, und mich nicht einen Unschuldigen kränken lasse. Euer Ring erinnert mich stets an mein einstiges Vergehen gegen den armen Werner und ist mir werther, wie der köstlichste Schatz, nie will ich mich von ihm trennen. Gott wird mir vergeben um meiner Reue und meiner Besserung willen. Sucht mich bald wieder heim, mein edler getreuer Freund,/ es wird Euch mit offnen Armen empfangen Euer Trotha.“
Aber an demselben Tage, an welchem Gerhardt diesen freundlichen Brief zu seiner großen Freude empfing, sollte sich im Schloß zu Merseburg etwas ereignen, was im Gemüth des Bischofs alle schlummernden Furien seines Zorns, seiner Wuth erweckte.
Als Thilo das Bette verlassen und sich angekleidet hatte, griff er nach dem Kästchen, in welchem er jedes Mal vor Schlafengehen sorglich den Ring aufbewahrte, – es lag geöffnet auf seinem Tische, und der Ring, der theure kostbare Ring, war nicht mehr darin.
Vergebens wäre der Versuch, den Grimm des Bischofs zu schildern. Er tobte, wie ein wildes Thier und die Säle und Gallerien des Schlosses hallten wieder von seinem fürchterlichen Geschrei. „Ich will ein schreckliches Gericht halten über den Räuber!“ donnerte er, und befahl, daß sich die ganze Dienerschaft in dem großen Saal versammeln solle. Zitternd und zagend, obgleich mit gutem Gewissen, erschienen Alle, unter ihnen auch Johannes und Ullrich. Und es ging ein ängstliches Flüstern durch den Saal, aus dem Geflüster folgte eine tiefe Stille. –/
Der Bischof trat ein mit einem wilden schrecklich düstern Gesicht, auf dem Fuße folgte ihm mit entblößtem Richtschwerdt der Scharfrichter.
Und der Bischof sprach zu den Dienern: „Mir ist das Liebste gestohlen, was ich besessen, mein Ring, ein Geschenk meines besten Freundes. Hat einer unter Euch, von einem bösen Geiste verblendet, die That gewagt, und stürzt er mir reuevoll zu Füßen und giebt mir den Ring zurück, so schwöre ich bei dem allmächtigen Gott, ich will es an ihm nicht rächen, ich will ihn ungehindert ziehen lassen aus meinem Dienst und ihn nicht verfolgen.“
Der Bischof schwieg, prüfend überflog sein Auge die Reihe der bleichen Gesichter, unbeweglich standen Alle, über Thilo’s Gesicht zuckte es, wie Wetterleuchten, drohend und furchtbar. Und er nahm wieder das Wort: „Weiß Einer unter Euch den Thäter und hehlt er ihn und entdecken wir das, so muß er sterben, gleich dem Verbrecher, will er aber den Namen des Räubers nennen, so will ich ihn belohnen mit dem Viertheil all meiner Habe, und er soll edel werden und mein Freund sein durch alle Zeit!“ – Aber es blieb still, todtenstill im Saale, Niemand regte sich./
„Unter Euch muß der Dieb sein!“ donnerte wüthend der Bischof. „Gesteht, oder ich lasse Euch Allen die Köpfe abschlagen, Einem nach dem Andern!“
Da erhob sich ein lautes Weinen und ein Geheul des Jammers unter den Dienern, und sie fielen Alle auf die Kniee und hoben flehend die Hände empor, und der zornige Herr stand dort, und übersah sie mit vernichtendem Blicke, und rief: „Ruhe, Ruhe, jetzt frage ich Euch nicht mehr, ich frage den Himmel.“
Und er stand still und in sich gekehrt, als bete er lautlos, und alle Diener beteten mit in der Angst ihres Herzens, und es war im Saal wieder eine tiefe Stille. Wie nun der Bischof seine Augen emporhob, als suche er zu lesen an dem ewigen Firmament, da rief plötzlich im Saal eine Stimme ganz vernehmlich: „Thilo! Thilo! Hans! Dieb! Hans! Dieb!“ und es war als führe ein tödtender blitz in die Versammlung. Oben auf einem Pfeiler der Credenzghalle saß der Rabe, schlug mit den Flügeln, und schrie noch ein Mal: „Hans! Dieb!“
Und des Bischofs Flammenblick schoß hin wie ein Pfeil auf den alten Kämmerer, und alle Blicke flogen ihm nach, und von allen Lippen flüsterte es er/schrocken: „Hans? Dieb? Hans der Dieb? Und Ullrich sprach halblaut: „da habt Ihr’s, der Markus – ja, das ist ein gescheiter Kerl, der wird zugesehen haben!“
„Hast Du’s gehört, grauer frecher Sünder?“ schrie der Bischof, und der Kämmerer wurde kreideweiß im Gesicht, und er konnte kein Wort hervorbringen. „Das ist ein Fingerzeig von oben, damit nicht unschuldiges But vergossen werde! Durch die unvernünftige Creatur offenbart der Herr, der Allsehende, die Wahrheit, und bringt das Verborgene an das Licht. Sprach nicht einst die Eselin Bileams und speiste nicht ein Rabe den Propheten? Gott sei gelobt, Du aber verrätherischer, undankbarer Hund, Du mußt sterben“!
„Um Gottes Barmherzigkeit willen, hochwürdigster Herr!“ rief der zitternde Greis: „ich bin unschuldig!“
„Unschuldig? heuchlerischer Bube! augenblicklich giebst Du den Ring zurück! wo ist er, wo hast Du ihn?“
„Herr – ach Herr – ich habe ihn nicht – bei Gott!“ stammelte der Greis.
„Bindet ihn! Führt ihn in den Thurm! Wir/ wollen ihn schon zum Geständniß bringen!“ gebot, und rief der Bischof und der jammernde Greis wurde gefesselt abgeführt; mit leichterem Herzen, daß das drohende Ungewitter über einem Einzelnen ausgebrochen, gingen die Diener aus dem Saale. Wenige glaubten an Johannes Unschuld, heftig grollend verfügte sich der Bischof in seine Gemächer, Ullrich war der Letzte, der aus dem Saale ging. Er sah hinauf zu dem Raben und der Rabe sah zu ihm herab, und Ullrich sagte: „Brav gemacht, Markus, brav mein gescheiter Bursche.“ Aber wie er aus dem Saal ging, rief der Rabe: „Ullrich! Ullrich!“ Und es war dem Jäger, als klänge der Ton warnend und vorwurfsvoll und es fuhr ein Schauer durch sein böses Herz und seine Kniee zitterten, als er die steinerne Schneckentreppe hinabstieg, wie die Kniee eines Verbrechers, der zum Gericht geführt wird.

5.
Der Bischof von Merseburg war gut bewandert in der heiligen Schrift, aber des Spruchs: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet, verdammt/ nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt, war er nicht eingedenk, sonst hätte er nicht durch eine grausamblutige That seinen edlen Namen befleckt auf ewige Zeiten.
Vergebens flehte der alte treue Kämmerer um Erbarmen, als er aufs Neue vor den Herrn geführt worden war. „Denkt meiner Treue, Herr Bischof,“ sprach er weinend,: „und denkt meiner Jahre. Euerm Vater habe ich 15 Jahre gedient, und Euch bin ich von Eurer Kindheit an ergeben gewesen, ich habe Euch auf diesen Armen getragen, die in Euerm Dienst alt und schwch geworden sind! Seht mein graues Haar an, könnt Ihr glauben, daß ich mein Alter entehren würde durch schnöden Diebstahl?“
Wie der Greis noch flehend zu den Füßen des harten Gebieters lag, wurde die Thüre mit Gewalt aufgerissen, und herein flog mit einem Gesicht, das Thränen übertrömten, seine Enkelin Elsbeth und fiel dem Großvater laut weinend um den Hals, und sank hin zu den Füßen des Bischofs und blickte zu ihm auf mit den schönen frommen Augen und den Zügen voll Unschuld und namenlosen Schmerzes, aber sprechen konnte sie nicht.
„O Herr, hochwürdiger Herr! laßt Euch rühren/ durch die Thränen dieses Kindes, das eine älternlose Waise ist, denn ich habe mein Weib und alle meine Kinder begraben, und diese meine Enkelin ist mir allein geblieben, meines Alters Freude, und mein Trost, o Herr, habt Erbarmen! So wahr Gott Mensch geworden ist, und für uns gestorben und wieder auferstanden, so wahr habe ich Euch nicht eines Hellers Werth veruntreut!“
„Schweig!“ zürnte der Bischof: „und hinweg mit der Dirne! Fort! Für sie wirst Du mir die Kleiode entwendet haben.“
„Allmächtiger Gott,“ stöhnte Elsbeth und sank halb ohnmächtig neben dem knieenden Greise nieder und dieser rief: „Laßt unsere Stuben und Kammern durchsuchen, Herr, und ich will des Todes sein, wenn etwas gefunden wird, was Euer Eigenthum.“
„Auch das,“ rief Thilo und er winkte einigen Dienern zu gehen. Ullrich war unter ihnen. „Diesen nicht, Herr!“ flehte Johannes: „Dieser ist mein Teufel!“
„Schreibt mir der Knecht vor?“ grollte Thilo, und er rief Jenen nicht zurück. Eifrig suchten die Knechte, sie durchwühlten des Greises Geräth, sie brachen seine Truhen auf, sie zerzerrten mit ihren/ rohen Händen Elsbeths Kleider und ihren Schmuck und schleppten den kleinen Reichthum der Beiden vor den Bischof. Aber da war nichts darunter, was nicht wohl erworbenes Eigenthum gewesen wäre. Zuletzt brachte noch ein Knecht einen kleinen aus Elfenbein künstlich geschnitzen Becher, und wie der Bischof diesen erblickte, wurde er über und über roth, und schrie: „das ist ja mein Jagdbecher, der mir schon so lange fehlt! Ha, Schurke! – Wo fandet Ihr ihn?“ fragte er die Diener.
„Unterm Bett lag er, ganz bestaubt!“ antwortete der Knecht, aber Johannes rief: „Lüge schändliche Lüge! Nie kam dieses Becherlein in meine Stube! Die Höllle hat sich verschworen gegen mich Unglücklichen, o Gott im Himmel! Offenbare Du doch meine Unschuld!“
„Lästerst Du noch den Herrn, der durch des Raben Mund Deine Schuld offenbart?“ zürnte der Bischof. „Fort mit dem Verbrecher, auf der Folter wird er schon sich auf den Ort besinnen, wo der Ring liegt. Und die winselnde Dirne peitscht aus dem Schloß!“
„Gott! Gott!“ seufzte da tief der Greis und die Knechte führten ihn hinaus, und seine Enkelin stützte/ ihn, aber keiner der Knechte that ihr etwas zu Leide, denn sie war mild und gut, und Manchen jammerte der Greis und das arme unglückliche Mädchen. Nur Einer triumphirte im Herzen, das war Ullrich.
Und die Quaalen der Folter begannen. Von Schmerzen überwältigt, gestand Johannes, bekannte er sich als den Entwender, fragte man ihn dann, wo der Ring sei, so konnte er es doch nicht sagen, denn er hatte ihn nicht, und der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig. Und immer grimmiger wurde der Bischof, und es war Niemand da, der vermocht hätte, seinen Zorn zu besänftigen.
Und wie der nächste Morgen sich röthete, wie die Wolken auf das Schloß einen blutrothen Schimmer warfen und die Wellen der Saale ihn zurückspiegelten, da bereitete sich im Schloßhofe ein blutiges Schauspiel vor, zu dem des Volkes neugierige Menge strömte. Zum Tod war der Kämmerer verurtheilt, und die Knechte errichteten schon ein kleines Gerüst, denn öffentlich und zum abschreckenden Beispiel sollte die Hinrichtung vor sich gehen. Bischof Thilo hatte die Blutrichter berufen, aber da ihm selbst die oberste Gerichtsbarkeit zustand, da seine Heftigkeit auf das furchtbarste erwacht war, wie hät/ten die Richter, Untergebene des Bischofs, es wagen dürfen, anderer Meinung zu sein, als ihr strenger Vorsitzer, selbst wenn ihr Urtheil nicht dadurch befangen und verblendet gewesen wäre, daß der alte gequälte Greis den Raub eingestanden?
Schon mehr dem Tode, als dem Leben angehörend, wurde Johannes auf das Blutgerüst geführt, um das sich das Volk in dichten Massen drängte. Die Diener des Bischofs standen alle im Hofe; in manches Auge trat eine Thräne des Mitleids, als der Greis dem Schaffot zuwankte; Andere, die nicht so mild gesinnt waren, stießen Verwünschungen aus über den, wie sie meinten, verstockten Sünder, der noch im hohen Alter von Geiz und Habsucht verblendet, eine niedrige That begangen. Seine Enkelin ging zitternd und weinend neben dem Greise her, sie leitete seine Schritte, sie stützte ihn, ach, kaum hatte sie selbst Kraft zu dem schweren Gange. An einem Fenster des Schlosses stand der Bischof. Viele Blicke richteten sich nach ihm, Viele hofften, er werde noch das Wort der Gnade aussprechen, aber sein Herz war versteinert und gehärtet von einer unseligen Leidenschaft./
Und eine ängstliche Stille begann zu herrschen im Volke, als nun näher der furchtbare Augenblick kam, und der Greis faßte seine gebrochene Kraft zusammen, und hob beide Arme hoch empor und rief laut aus, daß es alle hörten:
„So wahr ein Gott lebt droben in dem Himmel, und so wahr ich selig zu werden hoffe, so wahr bin ich unschuldig, und sterbe unschuldig! Aber der Herr wird es an den Tag bringen, der Herr wird mich rechtfertigen! Gott sei meiner Seele gnädig!“
Und wie Alles noch schwieg, und glaubte, der Greis werde noch weiter reden, da rief plötzlich von dem Eichbaum im Schloßhofe der Rabe: „Ullrich! Ullrich!“ und die Leichtsinnigen im Volk lachten, aber der Jäger, der unter den Hofdienern stand, ward leichenblaß und zitterte, und schlich sich hinweg, bis ins Innerste erschüttert und das Haupt des unglücklichen Johannes fiel. Mitleidige Arme trugen die in Ohnmacht liegende Elsbeth in ihr Kämmerlein. Wie der Bischof das Schwert blinken sah in der Hand des Scharfrichters, wandte er grausend den Blick ab, wie er sein Herz abgewendet von der Milde, aber auch von ihm wandte sich der Blick der himm/lischen Gnade ab, und er konnte nicht wieder froh werden.

6.

Als sich die Sonne dieses Tages zum Untergange neigte und der Bischof Thilo in seinem Zimmer allein stand, und mit düstern Blicken hinaus auf die weite Ebene blickte, sah er auf der Straße, die von Leipzig nach Merseburg führt, ein helles Flimmern und Funkeln, und vermuthete, daß es Ritter seien; in diesem Augenblicke trat ein Diener ein, welcher einen Besuch des Bischofs von Meißen anmeldete, und berichtete, daß derselbe schon im Anzuge sei. Mit einem leisen Seufzer vernahm Thilo diese Nachricht, die ihn, wäre sein Herz ruhig gewesen, mit inniger Freude erfüllt haben wurde, auch gedachte er mit innerlichem Verdruß des Ringes, der durch den Tod des Greises doch nicht wieder herbeigebracht worden war.
Wie der wackere Gerhardt einritt in das Thor von Merseburg und den Domberg hinauf, sah er schon aus der Dienerschaft, daß sich hier etwas Außer/gewöhnliches zugetragen haben müsse. Nicht mehr, wie sonst, trat ihm im Schloßhofe mit tiefer Reverenz der silberhaarige Kämmerer Johannes entgegen, und hielt ihm mit freundlichem Lächeln den Steigbügel; Ewald, ein anderer, junger Diener, versah das Geschäft.
„Nun?“ fragte diesen Gerhardt, „wo ist denn unser alter guter Hans? Er ist doch nicht krank, oder gar gestorben?“
Der junge Diener hatte den alten Johannes lieb gehabt. Er seufzte und ein Paar helle Thränen traten ihm in’s Auge.
„Was ist’s denn, was fehlt Euch denn?“ fragte Gerhardt weiter: „Ihr kommt mir Alle bestürzt und wunderlich vor. Euer Herr ist doch nicht krank?“
Der junge Diener schüttelte schweigend das Haupt und sein Gesicht verkündete einen tiefen innern Schmerz.
„Nun, was hast Du? Was geht hier vor?“ drang der Bischof in ihn, „kannst Du nicht reden?“
„Der alte Johannes,“ stammelte Ewald, „ist – heute – –„
„Ist gestorben?“ unterbrach ihn Gerhardt: „der/ gute Alte! Nun Gott schenke ihm eine fröhliche Auferstehung!“
„Ist heute enthauptet worden!“ sprach der Diener und wandte weinend sein Gesicht abwärts.
„Enthauptet?“ fragte Gerhardt bestürzt. „Um Gottes willen und weswegen denn?“
„Wegen des Ringes, hochwürdigster Herr,“ antwortete Jener, „er soll ihn entwendet haben.“
„Welchen Ring? – Eines Ringes wegen? Unerhört!“ rief der Meißner Bischof aus: „Was muß ich hören! o Thilo! Thilo!“
Gerhardt war unter diesem Gespräch in das Schloß und die Treppe hinauf gegangen, und Thilo tratihm eben grüßend entgegen, und wollte ihn küssend an seinen busen drücken, aber Gerhardt hielt ihn von sich.
„Dann erst den Kuß zum Gruß,“ sprach er ernst: „wenn das dunkle Räthsel sich löst, das mir aufgegeben wurde beim Eintritt in diese Hallen. Ich komme nach dem Ringe zu fragen.“
Zorngluth überzog das Gesicht Thilo’s. „Ein elender Bösewicht, ein undankbarer Knecht stahl mir den Ring,“ sprach er, „er hat heute die verdiente Strafe empfangen.“/
„Und wo ist der Ring?“ forschte Gerhardt.
„Der Räuber gab ihn nicht heraus, er schied mit einer Lüge aus der Welt, er behauptete sterbend, unschuldig zu sein.“
„Mit einer Lüge sterben wenige Menschen,“ sprach Gerhardt düster. „Bekannte er freiwillig?“
„Auf der Folter.“ entgegnete Thilo eben so düster: „aber laßt uns nicht von dem Elenden reden.“
Gerhardt winkte das Gefolge, das ihm in das Zimmer nachgetreten war, und die Leute des Bischofs Thilo hinaus, und als sie gegangen waren, trat er näher zu dem verdüsterten Freund, und sprach mit bewegter Stimme: „Thilo! Thilo! Ihr habt Euer Versprechen vergessen, Euer Gelübde gebrochen, ich fürchte, Ihr habt unschuldiges Blut vergießen lassen. Wehe Euch! Als ich Euern Brief erhielt, freute ich mich innig, aber bald darauf befiel mich eine große Bangigkeit, eine quälende Sorge, und ich mußte immer an euch denken, da beschloß ich Euerm Wunsche zu willfahren und Euch heimzuschen. Ich über-nachtete bei meinem Freunde, dem Bischof von Wurzen, und als er mich heute früh bis nahe an Leipzig begleitete, und ich von ihm Abschied nahm, und wir/ uns noch einmal die Hände drückten, seht, da zersprang Euer Ring in zwei Hälften, da habt Ihr sie!“
Thilo von Trotha stand in tiefes Schweigen versunken, seine Gedanken schienen irre zu gehen in dem trostlosen Gefilde peinigender Selbstanklage. „Er hätte mein Gold, meine Edelsteine stehlen können, ich hätte ihn nicht richten lassen,“ sprach er nach einer langen Pause. „Er hätte in den Dom brechen mögen und vom Altare die heiligen Gefäße hinwegnehmen, ich hätte nicht zu Gericht gesessen über ihn, aber er nahm mir den Ring, mein liebstes, theuerstes Kleinod.“
„Die Strafe war zu hart, wenn er ihn nahm (= selbst wenn er ihn genommen hätte, sk),“ entgegnete Gerhardt, „aber Thilo, wenn er nun den Ring nicht nahm, wenn nun wieder unschuldiges Blut gegen Euch zum Himmel schreit?“
„Hört mich und dann urtheilt,“ sprach Thilo, und erzählte nun den ganzen Hergang der traurigen Geschichte, wie er schon früher Kostbarkeiten vermißt, wie endlich der Ring gefehlt, wie er den Himmel im Stillen angerufen, den Frevel zu enthüllen, und wie in diesem Augenblick der Herr durch den Raben geredet, und den Thäter geoffenbart./
„Unglücklicher, verblendeter Mann!“ rief Gerhardt und schlug jammernd die Hände zusammen: „Das ist nicht die Stimme des guten Geistes gewesen, der Ihr gefolgt seid in der unsinnigen Verblendung Eurer Leidenschaft, das ist ein böser Geist gewesen, der um Euere Seele das Netz des Verderbens gesponnen; o Gott schütze euch vor Verzweiflung, Du guter armer Johannes, Du treuer Knecht, so mußtest Du enden, das war der Lohn für ein langes redliches Leben, das Du geopfert hast einem grausamen Tyrannen!“
Thilo stand wie vernichtet. Sein Freund erschien ihm wie ein zürnender Prophet, der gekommen, das Unglück herauf zu beschwören durch düstere Weissagung und den Jammer in das Haus zu rufen durch seine Wehklage um den Gerichteten.
„Ich will in den Dom gehen und beten,“ fuhr Gerhardt fort. „Bleibt zurück, armer Freund, laßt mich allein gehen. Meine Gedanken verdammen Euch, aber mein Herz weint um Euch, Thilo. Der Herr wolle uns erleuchten.“
Er ging. Thilo blieb einsam in seinem Zimmer zurück, er trat an das Fenster, blickte hinaus in die dämmernde Nacht; Nebel hüllten die Gegend ein,/ die dem Strom entstiegen. Es war todtenstill um ihn her. Vor seinem Geiste stand Johannes und der Henker mit dem blitzenden Schwerte.

7.
Im Dome war es sehr düster. Vor dem Hochaltare brannte die ewige Lampe, in einer Seitencapelle bei einem Heiligenbilde flammte ein Licht, und vor dem Betaltare lag eine in dunkle Trauergewänder tief verhüllte Gestalt, weinend und betend. Der Bischof kniete nieder auf den Stufen des Hochaltars, und es trat eine tiefe grauenvolle Stille ein. Dann vernahm der Bischof Worte, und blickte um, und sah, wie die stille Beterin, die sich ganz allein glaubte im Hause des Herrn, ihr Angeicht, das so weiß war, wie der Marmor des Curcifixes, emporhob aus den dunkeln wallenden Schleiern, und die Hände zum Himmel erhebend, ihren namenlosen Jammer ausstöhnte in klagenden, flehenden Worten.
„Frommer Greis, der durch Schmerz und Blut zum Himmel eingegangen ist, heiliger Märtyrer Johannes, bitte am Throne Gottes für Dein Kindes/kind!“ sprach sie. „Die Welt ist ihm zu einer Wüste geworden und sein Tag hat sich in Nacht verwandelt, o laß mich schlafen gehen! O himmlischer Vater, nimm Dein Kind zu Dir, denn es hat keinen Führer mehr auf Erden, und die Blumen seiner Freuden hat der Sturm geknickt, und es ist Thränenthau auf sie gefallen, so heiß, daß sie daran verwelkt sind! Gott, Allmächtiger, Allwissender, Allgerechter! Offenbare Johannes Unschuld, diesen Tag noch laß mich erleben an dem sein Name gereinigt dasteht vor den Augen alles Volkes und dann rufe mich, daß ich ihm die Kunde hinüberbringe in das himmlische Paradies! Und gieb mir Kraft, o Herr, daß ich sie trage die Last des Kummers, die auf meiner Seele liegt! Bitte für mich, Maria, all’ Ihr Heiligen, bittet für mich!“
Die Beterin konnte nicht weiter reden, sie weinte laut und rang die Hände, und neigte tiefer und tiefer das kummerschwere Haupt, endlich sah Gerhardt, daß sie besinnungslos umsank. Daß sie eine Verwandte des armen Johannes sei, ahnte er aus ihren Worten, es war Elsbeth. Er stand eilig auf und hob die Ohnmächtige empor, sie kam wieder zu sich, sie erbebte, als sie einen fremden Mann neben sich/ sah, aber Gerhardt sprach mit milden Worten zu ihr: „Fürchte Dich nicht, Du armes unglückliches Kind; ich habe Dein Gebet gehört, ich bin ein Diener des ewigen Hern, ich kenne Deinen Schmerz, beruhige Dich! Die Wege Gottes sind dunkel und wunderbar und unerforschlich, aber er führt Alles herrlich hinaus. Mir sagt es mein ahnender Geist: kommen wird der Tag, an welchem der Greis Johannes gerechtfertigt erscheinen wird. Dir aber, arme verlassene Waise, möge Trost und Friede werden.
„Jetzt folge mir, Du bist krank, Du darfst nicht länger in diesen düstern Mauern verweilen. Wo wohnst Du?“
„Bei einer Muhme unten vor dem Thor,“ weinte die Jungfrau, und wandenden Schrittes folgte sie dem Bischof aus dem Dom. Draußen wollte sie sich hinunterwenden zur Stadt, aber Gerhardt sprach: „Nicht unbegleitet darfst Du hinabgehen, folge mir in den Schloßhof, ein Diener soll Dir hinunterleuchten.“
„Nicht um alle Schätze der Welt,“ rief Elsbeth unter Thränen: „ich will die Stätte nicht wieder betreten, wo mein frommer Großvater verblutete.“
„So harre hier, ich sende Dir einen Diener./ Die Nacht ist finster, Du bist schwach, ich will es, da Du harrest. Schlafe, schlafe, armes Kind, und Gott möge Dich stärken!“
Gerhardt ging in das Schloß, er rief nach den Dienern, Ullrich war der erste, der seinen Ruf vernahm und sich vor ihn stellte, mit kriechender Unterwürfigkeit.
„Draußen an dem Dome steht eine Jungfrau, nimm eine Leuchte und begleite sie in die Stadt bis an ihre Wohnung,“ gebot er dem Diener, und dieser eilte, dem Befehle zu gehorchen.
Als er mit der Leuchte hinaustrat auf den Domhof, sah er die verhüllte Gestalt stehen, und diese ging nur vor ihm her ohne sich umzublicken. So wandelten sie den Domberg hinunter und bogen dann um die Straßenecke und gingen noch tiefer hinab nach dem Thore, und durch dieses hinaus in die Vorstadt, dort blieb an einem Häuschen die Jungfrau stehen und zog die Klingel und Ullrich trat näher zu ihr. Da sah er in Elsbeths todtenbleiches Gesicht, und sie sprach leise:
„Ich danke Dir, Ullrich.“ Er aber rief zornig aus:
„Du bist es? Dir hab’ ich leuchten müssen, ich,/ des Bischofs Diener, einer unehrlichen Dirne? Verflucht!“ Aber Elsbeth hörte ihn nicht, sie war hineingeschlüpft durch die niedrige Thüre, und riegelte hinter sich zu. Murrend und grollend kehrte er um, der Weg führte ihn an einer alten kleinen Capelle vorüber, der Sturm erhob sich, sein Licht verlöschte, der nahe Strom rauschte dumpf; es war Ulrich, als könne er an dem alten Bethäuschen gar nicht vorüber kommen.
„Ein böser, unheilvoller Tag,“ sprach er düster zu sich selbst: „er will gar nicht enden. Wenn es doch erst Morgen wäre, daß man sagen könnte, gestern starb der alte Johannes, oder übermorgen, und dann acht Tage, und vier Wochen und endlich Jahr und Tag, und die ganze Geschichte wäre vergessen. Mir ist so angst und bang, als hätte ich den Ring, und ich habe ihn doch nicht – nein, ich habe ihn nicht, und ob ihn der Alte hatte, das weiß ich nicht – hu, wie schauerlich ist die Nacht!“
Auf der Capelle saß ein Leichhuhn (= ein Kauz, sk), und schrie. Ullrich schauderte zusammen, nahe dabei war auch ein Kirchhof. Ullrich dachte an den Raben, wie er das Käuzlein schreien körte. „Rufst Du auch Ullrich! Ullrich?“ fuhr er zu sprechen fort: „wie der/ dumme Rabe? Wer ihm nur das gelehrt hat! Ich nicht – ich habe ihn nichts gelehrt, gar nichts!Wer sagt, daß ich ihm etwas gelehrt hätte?“
Es war todtenstill um Ullrich her, Niemand redete außer ihm, in ihm aber sprach eine schreckliche Stimme, die sich nicht beschwichtigen lassen wollte – die Stimme eines bösen, vorwurfsvollen Gewissens. – Er schlich zitternd und bebend durch die Nacht hinauf in das Schloß.

8.
Auf dem Schlosse zu Merseburg wurde es immer stiller; die fröhlichen Gastmähler, die lauten lustigen Jagden, das Getümmel in Höfen und Hallen, Alles nahm allmählig ein Ende. Der Bischof war nicht mehr der Mann, der er sonst gewesen war, er wurde immer düsterer uind verschlossener, und gab sich mehr den geistlichen Uebungen hin, oft lag er Stunden lang im Dome im Gebet, oft wandelte er einsam in den Wald, oder durchschlich den Kreuzgang und die Gänge des Schlosses. Auch die Gäste blieben weg, da keine Einladungen mehr ergingen,/ und die, die ungeladen kamen, keine Zerstreuung mehr fanden.
Auch der Jäger Ullrich hatte keine Ruhe mehr, er konnte Keinem in’s Gesicht sehen, und fuhr zusammen, wenn nur irgendwo von ungefähr etwas rauschte. Alle andern Diener fürchteten sich vor seinem heimtückischen und verstörten Aussehen und wichen ihm aus, wo sie konnten.
Da wo jetzt der Schloßgarten in Merseburg ist, war vor Zeiten ein düstres Tannenwäldchen, durch welches aber auch schon Wege gehauen waren, doch verirrte sich selten ein Spaziergänger dorthin. Der Bischof betrat den melancholischen Hain fast nie, so lange er noch froh, genußsüchtig und lebenslustig war, jetzt fiel es ihm ein, sich dort einsam zu ergehen, und er führte seinen Entschluß aus. Ohne des Pfades sonderlich zu achten, schlich er in tiefen Gedanken durch den Tannenhain, und verfolgte seinen einsamen Weg. Plötzlich hörte er seine Namen rufen: „Thilo! Thilo!“ und sah empor. Sein Rbe war ihm nachgeflogen, und flatterte jetzt auf seine Schulter, zugleich vernahm er aber seitwärts einen Schrei und erblickte eine Frauengestalt, die ihr Gesicht verhüllt hatte und heftig zu weinen schien. Sie/ Lag auf den Knien an einem Hügel, der mit Moos ü+berwachsen war und auf dem ein kleines hölzernes Kreuz stand, an welchem ein frischer Immergrünkranz hing. „Ein Grab? und hier? fragte Thilo verwundert, „wer ist’s, der hier in ungeweihter Erde ruht?“ – Er sah auf das jammernde Weib, er schwieg eine lange Zeit – endlich fragte er laut: „Wer seid Ihr, und weß ist das Grab, an welchem Ihr weint?“
Da hob sich langsam eine Hand aus den Schleiern, und schob diese zurück, und Elisabeths einst so holde und unschuldvolle Züge, die jetzt der bittre Gram entstellte, und die Wangen, die einst so rosenroth waren, und jetzt so schneebleich, und sie preßte ihre Thränen zurück und sprach mit dumpfem schmerzlichem Ton: „Der hier ruhet, das ist Johannes, Euer Kämmerer, und ich bin seine Enkelin, und ich kniee hier jeden Tag, und rufe Gott an, daß er meines Großvaters Unschuld offenbare, und wenn das geschehen ist, will ich gern sterben, denn mit dem, der hier schläft, ist mein Erdenglück hingemordet worden.“
Der Bischof hörte sie erschüttert an, dann schlug er beide Hände vor das Gesicht, und eilte raschen/ Schrittes von dannen, als habe er einen Geist gesehen, und er sah sich nicht um, und sein Rabe flog kreischend von Tanne zu Tanne, ihn begleitend, und rief: „Thilo! Thilo! Trotha!“ und dem Bischof war es, als riefe die Stimme aus dem Grabe des Kämmerers. –
In der Nacht, die diesem Tag folgte, wälzte sich, wie öfter geschah, der Bischof unruhig auf seinem Lager umher, und der Schlummer floh ihn lange. Endlich fand er den Schlaf, aber da kam ein schwerer Traum über ihn, und quälte ihn. Es träumte ihm, er sei gestorben und seine Seele sitze in dem Tannenhain auf dem Grabe des alten Johannes, und könne dort nicht weg, wie gern sie auch wolle, denn wenn sie sich erhob, davon zu fliegen, so wuchsen aus dem Grabe zwei Arme, die breiteten sich aus, und hielten sie fest, daß sie sich abängstigte im vergeblichen Mühen. Dann kam der Rabe geflogen, und hatte in seinem Schnabel den Ring, den ließ er auf das Grab des Kämmerers fallen, da öffneten sich die Arme und ließen die Seele frei.
Und wieder war es dem Bischof, er wandle durch den Dom, aber doch sei er schon lange gestorben,/ und er sah ein metallenes Kenotaph, das war ihm errichtet, und er las darauf seinen Namen und den Tag seines Todes, aber wunderbar war dabei, daß auf dem Monumente nicht sein Wappenwar, sondern ein anderes, vor dem er sich sehr entsetzte, nämlich auf dem Schilde war sein Rabe abgebildet, der hatte, wie er zuvor gesehen, den verhängnißvollen Ring im Schnabel, und über dem Schilde hoben sich des gerichteten Kämmerer Arme empor. Schaudernd wandte er sich hineg von dem Kenotaph und ging aus dem Dome in das Schloß, aber überall, wohin er blickte, sah er jenes Wappen, so daß er in quälender Unruhe nicht wußte, wohin er sich wenden sollte; in den Gemächern, über den Thüren, außen über den Pforten und an den Mauern stand drohend und an jene unselige That mahnend, bald gemalt, bald in Stein gehauen, das schreckliche Wappen da, und da war dem Bischof, als könne das Wappen reden, und erzähle von Jahrhundert zu Jahrhundert der Nachwelt von ihm und seiner übereilten Rache. Endlich erwachte er, ganz matt und unwohl, und als der das Lager verlassen hatte, entwarf er auf ein Pergament das Wappen, genau so, wie er es im Traum gesehen, und bebte aufs Neue, wie er/ die Zeichnung vollendet hatte, und barg sie unter seine Schriften.

9.
Es kam der Tag der Kirchweihe, der immer als ein großes Fest im Merseburger Schloß begangen wurde. War es auch dem verdüsterten Bischof nicht wie Festlust, so durfte er doch dieses Mal nicht unterlassen, Gäste zu laden, und so unterbrach dann einmal Geräusch und Getümmel die trübe Stille, die lange im Schlosse heimisch geworden war. Der biedere Gerhardt von Meißen kam auch wieder mit einem ansehnlichen Gefolge von Rittern und geistlichen Herren gezogen, ihm schloß sich der Bischof von Wurzen an, von Naumburg kam ebenfalls der Bischof wieder, denn der Groll, den Thilo einst gegen ihn gefaßt, war längst vergessen. Viele Ritter und Edle aus dem Sachsenlande und aus Thüringen stellten sich ein, und es war lange Zeit nicht so glänzend in Merseburg hergegangen, wie jetzt, auch zogen eine Menge Krämer, Gaukler, Sänger und Spielleute nach der Stadt, denn es war ja das/ schönste aller Volksfeste. Doch schien es, als wolle der Himmel das Fest nicht durch heitere Witterung begünstigen, denn am Vorabend erhob sich ein gewaltiger Sturm und brauste um das Schloß und den hochgelegenen Dom, daß es war, als wolle er die Grundfesten der steinernen Gebäude erschüttern, und ihre Dachungen hinunterschleudern in den Strom, der heftig angeschwollen und aus seinen Ufern gereten, wie ein breiter wildwogender See die Ebene überfluthete.
In der Stadt warf der Sturm Schornsteine ein, deckte Dächer ab und entwurzelte manchen Baum in Flur und Wald, und auf dem Schlosse weckte um Mitternacht ein fürchterliches Geprassel die schlummernden Bewohner. Das Dach des Thurmes war eingestürzt, auf welchem Markus, der Rabe, sein Nest hatte; kreischend, wie um ein Hochgericht, flog seine Brut um den Thurm. Der Hausvogt gab Befehl, den Thurm bald wieder zu decken.
An der festlich geschmückten und reich besetzten Tafel saßen die edlen Herren geistlichen und weltlichen Standes, die Bischöfe und Grafen, und unten in den Hallen und auf dem Hofe tummelte sich mü/ßiges Volk und die Schaaren der fremden Diener umher.
Bischof Thilo schien im heitern Gespräch mit seinen Freunden den Kummer vergessen zu haben, der ihn heimlich drückte, so wie die Erinnerung an seinen beuruhigenden Traum; die Becher kreiseten fröhnlich umher, und mancher Trinkspruch durchschallte den geräumigen Speisesaal; dazu spielten die Musikanten wacker auf, und keiner der Gäste dachte daran, daß sich etwas ereignen könne, was die Heiterkeit auf immer vom Angseicht ihres gütigen Wirths verbannen würde. Und doch geschah dies.
Das Volk im Hofe, das hinaufgaffte auf den Thurm, auf welchem die Dachdecker saßen, gewahrte jetzt, daß diese sich erstaunt einander etwas zeigten, und der Meister rief hinunter und winkte, und hielt ein glänzendes Ding in seiner Hand, das hellblendend funkelte, da gerade durch zerrissenes Gewölk ein Sonnenstrahl darauf fiel, was es aber war, vermochte man nicht zu erkennen, denn der Thurm war sehr hoch.
Ewald, der junge Diener des Bischofs, stieg eilend die Leiter hinan, und wie er oben war, sahen die Leute unten, daß er die Hände zusammenschlug,/ als vernehme er die Kunde eines Unglücks, oder als setze ihn etwas in das höchste Erstaunen, und er nahm aus den Händen des Meisters Einiges in Empfang und stieg wieder hinunter, wo sich bald die Menge des Volkes und der Diener um ihn drängte. Auch Ullrich war unter ihnen.
„Was hast Du, was gab’s da droben?“ fragte dieser, aber Ewald war todtenbleich geworden und zitterte, und in seinen Augen standen Thränen; aber was er mit hinabgebracht von der hohen Zinne des Thurmes, das trug und hielt er verdeckt, und zeigte es Keinem, auch antwortete er nicht auf alle die Fragen, die seine Freunde an ihn richteten, sondern er ging durch ihre Reihen, hinein in das Schloß und die Treppe hinauf, und die Diener drängten ihm neugierig nach, Allen voran aber Ullrich, den es verdroß, daß Ewald ihm nicht antwortete, und er schalt und rief: „Seht nur den dummen Fant, thut er doch, als habe er ein Elsterauge gefunden, und sei unsichtbar. Sehr nur den Narren, ich glaube, er will hinein zu den Herren und sich oben an die Tafel setzen.“
Auf dem Vorsaale aber saß der Rabe des Bischofs, und schrie mit heiserer Stimme sein eintöniges/ „Ullrich! Ullrich!“ und der Jäger mußte wieder an die vergangene Zeit denken, und es fuhr ihm ein Schauer über den ganzen Körper.
Ewald ging gerade zu in den Speisesaal, wo die Herren fröhlich beisammen saßen, und schritt mit seinem blassen Gesicht auf Thilo zu, der ihn verwundert ansah und ausrief: „Was bringst Du, Ewald? Eine frohe Botschaft kündet uns Dein Gesicht nicht an!“
Ewald kniete vor dem Bischof nieder. „Ich bringe Euch etwas, was Euch sehr theuer war, Hochwürdigster Herr,“ sprach er, und reichte dem Bischof hin, was er trug. Dieser nahm es und war hocherstaunt. Es war sein Kleinod, sein Krystallspiegel – sein Ring. Schweigend starrte der Bischof auf die Kostbarkeiten, sie erinnerten ihn allzulebhaft an seine Grausamkeit; jetzt, jetzt mußte sich’s entscheiden, ob Johannes unschuldig war.
„Und woher bringst Du das?“ fragte er Ewald – während schon die Priester und Ritter aufmerksam wurden auf das, was sich hier begab.
„Die Dachdecker fanden Alles oben auf dem Thurme – im Nest des Raben,“ antwortee der junge Diener, und jetzt überzog Leichenblässe des Bi/schofs Gesicht, er wankte nach einer Thüre hin, winkte mit der Hand wie abwherend, daß Niemand ihm folgend solle, und trat in sein Zimmer; aber der Tag um ihn schien sich plötzlich in Nacht zu verwandeln, es klang ihm in den Ohren, wie Posaunenschall des Weltgerichts, der hohe kräftige Mann brach zusammen wie ein Eichbaum, den der Orkan aus der Erde reißt. Die Freunde hörten den Fall, sie eilten nach, hoben Thilo auf und brachten ihn mit der Hülfe des Arztes und stärkender Arzneien wieder zu sich. Aber wie schrecklich war das Bewußtsein, zu welchem er wieder erwachte! Wie fürchterlich mahnte der Ring, den er noch krampfhaft fest in seiner Hand hielt, ihn an seine Schuld. Und Gerhardt, als er den Ring erblickte und aus Ewalds Mund es vernahm, wo er gefunden worden, rief aus: „Mir hat es geahnt, daß es noch offenbar werden würde, daß der Greis unschuldig gerichtet worden! Armer Thilo!“
Der Bischof von Merseburg lag mit verhülltem Gesicht auf seinem Bette, er sprach kein Wort, aber es wogte und tobte in seiner Burst und er fühlte die Angst eines Verbrechers, dem das Todesurtheil verkündet wird, und Keinem, der zu ihm sprach mit/ aufrichtenden Worten des Trostes, antwortete er, und Keinen schien er zu kennen von den vielen Freunden, die ihn umstanden. –
Das fröhliche Fest nahmn ein trauriges Ende; in eine schwere Krankheit verfiel der Bischof und die Gäste zogen von dannen Einer nach dem Andern, nur der treue Gerhardt blieb bei dem Freunde. Bald war es wieder sehr öde im Schloß zu Merseburg, und alles Geräusch verstummte, und jeder Laut der Freude; aber im Dunkel der stillen Nacht hörte man oft den Bischof in seinem Gemach jammern und weinen, und dazwischen die Stimme Gerhardts, der ihm zusprach mit Worten des Trostes und der Liebe.

10.
Schnell verbreitete sich im Volke die Kunde von der Auffindung der Kleinodien, und daß der arme Johannes unschuldig gestorben sei, und sie drang auch zu seiner Enkelin Elisabeth, die noch still und eingezogen in dem kleinen Häuschen der Vorstadt bei ihrer Verwandtin lebte. Da wurde das fromme Mädchen himmlischer Empfindungen voll, sie jauchzte/ und weinte in ihrer Freude, sie legte ihre Trauergewänder ab, und schmückte sich seit langer Zeit wieder zum ersten Male, und ging in Begleitung ihrer Muhme in den Dom; dort warf sie sich wieder nieder vor demselben Heiligenbilde, vor welchem sie damals gekniet, und pries Gott unter heißen Freundenthränen für seine Gnade. Und wieder, wie damals traf es sich, daß auch der Bischof Gerhardt im Dome für seinen erkrankten Freund betete, und er erkannte die Jungfrau wieder, und weilte, bis sie ihr Gebet geendet hatte.
Und wie sie an ihm vorüberging, erkannte sie auch ihn, und sank vor ihm nieder, und stammelte: Eure Verheißung ist wahr geworden, hochwürdigster Herr! Gekommen ist der Tag, an welchem der Greis Johannes gerechtfertigt erscheint! Gelobt sei Gott!“
„Preise den Herrn aus der Fülle Deiner Seele,“ sagte Gerhardt gerührt. „Wandle stets vor Gott, und sei fromm!“ Er legte die Hände auf Elisabeths Haupt. „Der Herr segne Dich und behüte Dich, er hebe sein Antlitz über Dich und gebe Dir seinen Frieden!“ sprach er sehr mild. Elisabeth zog den Saum seines Gewandes an ihre Lippen, und/ erhob sich. Wie sie aus dem Dome trat, war der Himmel, der vorher sehr düster gewesen, ganz blau geworden und die Sonne schien und es war, als strahle sie ein neues Leben mit zauberischem Lächeln an, und als feire die Natur das Freudenfest ihres frommen kindlichen Herzens mit.
Ihre Muhme wollte hinab in die Stdt gehen, aber Elisabeth hielt sie am Arme zurück und sagte: „Komm, komm mit mir zu des Großvaters Grabe, wo ich so oft zum Herrn gefleht, daß er Johannes Unschuld offenbare. Nun ist’s geschehen, nun will ich dort auch dankend beten.“

Und die beiden Frauen wandelten über den Schloßhof und die Diener und Dienerinnen grüßten sie freundlich, in jedem Gesichte schien sich die Freude auszudrücken, daß des Greises Unschuld an den Tag gekommen. Und Elisabeth kniete lange an Johannes Grabe, und weinte heftig und betete inbrünstig, und in ihre Seele kam nach dem Gebet ein himmlischer Friede, eine süße Beruhigung.
Nicht solchen Glückes theilhaftig wurde der Bischof Thilo von Trotha. Er quälte sich ab auf seinem Krankenlager mit fürchterlichen Phantasien, und/ sah sich in schrecklichen Träumen allen rächenden Dämonen Preis gegeben.
Und wie er endlich durch der Aerzte unermüdete Sorgfalt, durch des Freundes treue Pfelge genas, da zeigte er seine tiefe Reue auf eine Weise, die deutlich erkennen ließ, wie sie ihm Ernst sei. Er entäußerte sich seines alten Wappens, und nahm ein neues an, ganz so, wie er es in jenem Träume gesehen, und damals auf das Pergament gezeichnet hatte. Einen Raben setzte er in sein Wappenschild, der einen Ring im Schnabel trug, zum Andenken, daß der Rabe den Ring entwendet, und über dem Schilde hoben sich zwei Arme und Hände, zum Zeichen daß nicht vergebens der alte Kämmerer seine Unschuld betheuert, und gott angerufen habe, ihn zu rechtfertigen vor den Augen der Welt. Ueberall ließ Thilo sein altes Wappen abbrechen, und an dessen Stelle das neuerwählte anbringen, im Dome, im Schlosse und außen an der Mauer, damit es überall verkündend, erinnernd und warnend stehe. Und eine Stiftung machte der Bischof, daß zum Andenken jener That, die ihm das Glück seines Lebens kostete, ihn um die Ruhe seines Alters betrog, fort und fort im Schlosse ein Rabe gehalten werden sollte,/ ein lebendiger Zeuge seiner Schuld, wie seiner Reue, ein lebendiges Denkmal für den gerichteten Johannes; auch ließ Thilo dessen Gebeine ausgraben, und in geweihter Erde beisetzen. Aber der Rabe durfte dem Bischof nicht wieder vor die Augen gebracht werden. –
Und es war nur fast wieder ein Jahr vergangen seit der Entdeckung, während welcher Zeit der Bischof mehr und mehr sich abhärmte und abzehrte, daß er nur noch ein Schatten von dem schien, was er einst gewesen. Sein Haar war schnell grau geworden, seine Züge eingefallen, und die einst vollen und frischen Wangen jetzt hohl und bleich.
Und wie der Bischof krank und schwach umher schlich, so war auch der Jäger Ullrich schnell gealtert und verzehrte sich sichtlich in einem Siechthum, gegen welches der Arzt kein Medicament fand. Tief liegende Augen, unstät nach allen Richtungen hin irrend, starrten aus seinem erdfahlen Gesicht, und gebückt schlich er an seine Geschäfte.
Eines Tages wandelte er in finstern Gedanken durch die nahe Waldung, mit seiner Armbrust bewehrt, und achtete kaum des Weges, plötzlich erschreckte ihn der Ruf:/
„Ullrich! Ullrich!“ – Es war Marcus, der vernachläßigt und unbeachtet noch freier, wie früher, umherflog, und jetzt im Walde den bekannten einstigen Lehrer sah. Er saß auf dem Steinkreuz, das grau und mit Moos bewachsen, die Stelle bezeichnete, wo einst der Bischof den Jäger Werner in seinem Jähzorn erschossen.
Wild blickte Ullrich auf den Raben: „Du sollst mich nicht mehr necken!“ schrie er, legte einen Pfeil auf die Armbrust, zielte, drückte ab, und getroffen und in Todeskampf flatternd, sank der Rabe von dem steinernen Kreuze.
Der Jäger hob ihn auf und würgte ihn vollends. „Bist Du topdt, Bestie?“ rief er zähneknirschend aus. „Vermaledeiter Schreier, Du wirst mich nicht mehr erschrecken!“ Da fuhr Ullrich plötzlich zusammen, er sah einen Schatten auf dem grünen Rasen sich bewegen, der Bischof stand plötzlich hinter ihm, und es loderte in Thilo die alte Gluth des Zorns auf.
„Ullrich!“ zürnte er: „frecher Knecht, was that Dir der Rabe?“ und er hob den Stab auf mit dem elfenbeinernen Knopf, den er oft zu tragen pflegte, und Ullrich sank hin zu den Füßen des Bischofs und flehte: „Gnade! Gnade! ich will Alles bekennen!/ Erschießt mich nur nicht, wie den Werner an jenem Tag, an dem Ihr mich ohne Ursache peitschtet!“
Angst und Verzweiflung lagen auf Ullrichs Gesicht, seine Gedanken verwirrten sich, er sprach wie im Fieber.
„Bekenne, was Du zu bekennen hast, Schurke!“ donnerte der Bischof, mehr und mehr erglühend, und stand wieder vor dem Elenden, wie ein Blutrichter.
„Ich bin Schuld gewesen an Johannes Tode!“ heulte Ullrich. „Ich lehrte den Raben die Worte Hans und Dieb heimlich, weil ich den Kämmerer haßte bis auf den Tod.“
„Ungeheuer! teuflisches Ungeheuer!“ schrie Thilo auflodernd im höchsten, fürchterlichsten Grimm. „So verdamme Dich Got, daß Du auf meine Seele die schwere Blutschuld gebracht! So fahre hin in Deinen Sünden, und sei verflucht bis in alle Ewigkeit, und wenn der Herr allen Sündern vergiebt am Tage des Gerichts, so stoße er Dich allein in das Reich der Finsterniß!“
Ullrich krümmte sich in Todesangst zu Thilo’s Füßen, und wimmerte: „Erbarmung! Vergebung!“
„Keine Vergebung, Du Teufel!“ schrie der Bischof und hob den schweren Stab auf und wollte/ Ullrich erschlagen, da fühlte er sich am Arm gehalten, und es sprach eine sanfte Frauenstimme neben ihm: „Haltet ein, Thilo! Ich sage Vergebung! Ihr dürft den Unglückseligen nicht richten.“
Des Bischofs Arm sank mit dem Stabe, auch seine Blicke sanken verwirrt zu Boden. Es war Elsbeth, die vor ihm stand, schön wie ein seliger Engel, die Blicke verklärt von einer unnennbaren Reinheit. Sie schien eine Heilige, herabgestiegen aus des Himmels Räumen, Frieden und Versöhnung in die Welt zu bringen. Ullrich vermochte nicht empor zu blicken, er barg sein Gesicht in das Waldgras.
„Geht nach Hause, Thilo!“ sprach Elsbeth mild aber ernst. „Geht und betet, daß Euch Gott vergebe, wie ich es thue. Der Geist meines Großvaters zürnt Euch nicht mehr. Und auch diesem hier,“ sie deutete auf Ullrich, „vergebe ich nach dem Willen Gottes; was wollt Ihr ihn richten, da ihn Gott gefunden und gefordert hat vor seinen Richterstuhl?“
Der Bischof sprach kein Wort. Er bog sich hinab, er wollte Ullrich aufrichten, aber
Ullrich war todt. Der Bischof ritt erschüttert aus dem Walde. Elsbeth nahm den todten Raben und verschwand im Gebüsch,/ sie trug den Leichnam des Vogels in das Tannenwäldchen zum Grabe ihres Großvaters.
Nicht lange darauf wurde Elsbeth eine Nonne, und um dieselbe Zeit ist auch der Bischof von Merseburg, Thilo von Trotha, gestorben. (99-160)

 

Ludwig Bechstein: Der dunkle Mime
(1832, Novellen und Phantasiegemälde I,1)

1.
Das Jahr legte seine Kränze ab, einen nach dem andern, und die Fluren verödeten; die Felder waren abgeärntet und die matte Novembersonne, welche frühlings-freundlich lächeln wollte, und es doch nicht vermochte, beschien nur trauernde Gefilde. Auf einem Spaziergang in der Nähe einer kleinen Residenzstadt, der jetzt fast ganz verlassen war, erging sich ein junger Mann, wie es schien, in ernstes Nachsinnen versunken. Seine Blicke flogen bald aufwärts zu den fast entlaubten Bäumen und zu den Wolken, die raschen Flugs am Himmel hineilten, bald weilten sie am Boden, der mit abgefallenen Blättern überdeckt war. Man hätte ihn für einen Dichter halten können, er sprach zuweilen laut, und noch dazu in Versen. Von Zeit zu Zeit blickte er in ein geschriebenes Buch, las, und sprach dann weiter, indem er beide Hände sammt dem Buch auf den Rücken legte. Mit flammenden Blicken und einer Begeisterung, die für den Ort, wo der junge Schauspieler Arno die Rolle des Faust von Klingemann memorirte, kaum nöthig schienen, sprach er die Worte:

„Du lebst! Ha denn – jetzt fühl' ich mich auch leben!
Erstanden bin ich aus der alten Nacht;
Mein eignes Herz hast Du mir neu gegeben,
Durch dich ist meine Flamme angefacht;
Den Himmel brauch' ich nicht mehr zu erstreben,
Die Erde glüht ringsum in Liebespracht!
-- – – – – –
Ein neuer Frühling blüht in allen Zweigen,
Die Nachtigallen jubeln ihren Chor,
Wie sich die Blüthen liebend zu mir neigen!" –

Und wirklich schien, als der feurige Jüngling begeistert umherblickte, ein Zauber seine Worte wahr zu machen. Der Sonnenball stand rothglühend auf einem Hügel, die feurigen Strahlen überloderten Himmel und Land, und malten die Waldung mit flammendem Gold. Das rothe Laub der Bäume schien zu brennen, und als ein Windstoß die Zweige schüttelte, schien ein Feuerregen von oben herabzustürzen, und seine Riesenfunken glichen lichtglänzenden Sonnenblumen. Arno stand staunend und betrachtete das schöne Schauspiel, das die Natur, noch im Ersterben freundlich und freigebig, hier spendete; aber schnell verschwand der Glanz, die Sonne sank, der Purpur verdämmerte; noch glühten die laublosen Wipfel, dann war alles vorbei, und am nordwestlichen Horizont trieb der Herbststurm, der jetzt heftiger in dem dürren Laub rauschte, eine dunkelgraue Wolkenwand herauf.
Arno schob sein Buch in die Tasche, und wandte sich wieder dem Städtchen zu, das in der Entfernung einer halben Stunde vor ihm lag. Er hatte Zeit, ehe er es erreichte, seinen Betrachtungen nachzuhängen, und Zeit zu einem Selbstgespräch, in welchem er sich die Bilder seiner jüngsten Vergangenheit vorüberführte.
„Heroine!" sprach er: „Du, meine göttliche Heroine, mein Ideal, mein Abgott! Erst seit ich Dich kennen lernte, fühle ich, was leben heißt, fühle ich, daß es ein Glück gibt und eine Seligkeit – in Deinen Armen! Ja: "Erstanden bin ich aus der alten Nacht!" Du, Du, Dein Lächeln, Dein Liebreiz, Deine Liebe, – das war der Zauberstab, der mich auferweckte, der Schöpferodem, der mich neu belebte! Heroine, göttliches Weib – nicht weiß ich, ob Frau, ob Jungfrau, aber ganz Weib! Dich muß ich erringen, Du mußt mein seyn! – Wie preise ich mein Loos, eine Bahn betreten zu haben, auf der ich Dich fand, Lichtengel! Strahlend im Glanze Deiner überirdischen Schönheit standest Du vor mir, und wie Schuppen fiel es von meinen Augen, und ich verließ das Irrlicht, dem ich in phantastischen Wahnträumen nachtaumelte, und wandte mich flammend dem flammenden Liebessterne zu!" –
Eine andere Gestalt, als die der ersten Liebhaberin, welche nun seit zwei Wochen bei der Truppe des Directors Venuto Engagement angenommen hatte, trat jetzt vor Arno's inneres Auge, und er redete weiter mit sich selbst: "Franziska weint, Franziska härmt sich. Armes Lamm! – Eine gute Seele ist Franziska, lieb und innig; ja, ich glaube wirklich, ich habe mich glücklich geträumt, als ich mit der sanften Schwärmerin schwärmte, ehe ich noch wußte, was glühende Flammenliebe ist, ehe der Stern Heroine in meine Geistesdämmerung leuchtete. Franziska wird bald Ersatz finden und mich vergessen, und meine Schwüre. – Hab' ich ihr denn auch etwas geschworen? Kaum erinnere ich mich deß, und wäre es auch, nun so wird sie meine Schwüre für das nehmen, was sie waren, übereilte Betheuerungen in einer momentanen Wallung – ja, für nichts weiter! Und doch, ihr Blick, so still, so leidend, so vorwurfsvoll für mich, obgleich noch kein Vorwurf über ihre Lippen ging, die ich früher – so selig küßte! – Wie mich die Proben zum Faust martern! Daß auch sie, just sie die Käthe spielen muß! Wie sie sich an mich drängte in der Vergiftungsscene, wie schmelzend zärtlich sie noch heute die Worte sprach: „Ach Faust – warum nicht mehr so lieb?" Und dazu waren ihr helle Thränen in die Augen getreten. Arme Franziska – warum kannst Du keine Heroine seyn?"
Arno war erst seit einem halben Jahr ein Priester Thalia's und ein sehr treuer. Reine Liebe und Begeisterung für die Kunst hatten ihn dieser zugeführt, und sein Talent, unterstützt von einem vortheilhaften Aeußeren, noch mehr aber durch angestrengten Fleiß, hatten ihn schnell über die Mittelmäßigkeit hoch erhoben; daß er nicht bei einer stehenden Bühne engagirt war, war Schicksalslaune, die selten ermüdet, den Jüngern jeder Kunst irdische Dornen in sattsamer Menge in den himmlischen Lorbeer zu flechten – aber daher, daß Arno der Zeit nach noch ein Neuling war, seine jugendlich übersprühende Begeisterung, seine unbesorgte Hingebung an ein Weib, das, von der Natur verschwenderisch mit den lockendsten Reizen ausgestattet, frühzeitig gelernt hatte, den Werth dieser Reize klug und hoch angeschlagen zu berechnen.
Der Abendhimmel hing ganz düster über der Stadt, nach welcher jetzt Arno seine Schritte verdoppelte, denn schon hallten die Glockenschläge der sechsten Stunde seinem Ohr vorüber: es war die Zeit, an welcher er gewohnt war, an freien Abenden die Göttin seiner Gedanken zu besuchen. Er wollte durch das Thor schreiten, als er plötzlich hinter sich ein prasselnd-rollendes Getöse vernahm, und erschreckt zur Seite sprang. Mit ungewöhnlicher Schnelle kam ein Wagen heran, und fuhr wie im Flug an Arno vorüber; vier große, scwarze Rosse zogen ihn, und helle Funken entsprühten den Steinen unter ihrem lauten Hufschlag. Trotz dem rauhen Herbstabend war die Chaise zurückgeschlagen, und der Reisende, der in ihr saß, starr und reglos wie eine Bildsäule, schien die Einflüsse der Witterung nicht zu beachten. Ehe der lahme Thorwächter aus seinem Stübchen mit einer Handlaterne hinkte, sich Brücken- und Pflastergeld auszubitten, war der Wagen längst in die Stadt hinein, und auch Arno hörte nicht mehr, daß der alte Invalide ärgerlich brummte, indem er hoch leuchtend emporsah und kein Fuhrwerk mehr erblickte: „Nun, Gott straf' mich, die fahren ja wie der helle, lichte Teufel!"
Am rothen Drachen, dem besuchtesten Gasthof der Residenz, schien die Chaise zu halten; Arno hatte nicht weiter Acht auf sie, sondern bog in eine Seitenstraße ein, und ging, heiße Liebessehnsucht im Herzen, der Wohnung Heroinens zu.

2.
Mit einem bewunderswerthen Geschmack hatte Heroine die Zimmer ihrer Wohnung in kurzer Zeit eingerichtet, so daß der Vermiether sein Eigenthum kaum wieder erkannte, als die gütige gegen alle Menschen freundliche Künstlerin diesem ihr Arrangement zeigte. Im grünen Zimmer brannte jetzt die glänzende Astrallampe, mit freundlicher Helle die Eleganz beleuchtend, die sich auf das kleinste Geräth erstreckte. Die Fenstergardinen waren herabgelassen, die schön gesteckten Vorhänge bildeten eine Tempeldrapperie, auf dem Ofen, der dem Zimmer eine behagliche Wärme mittheilte, duftete köstliches Parfüm, und in der Theemaschine sang die Undine ihr geheimnißvolles Lied. Alles war heiter und freundlich, nur die königliche Herrin nicht; der Einsamkeit und ihrer Laune überlassen, hatte ihr schönes Gesicht jenen anmuthstrahlenden und Herzen fesselnden Liebreiz verloren, der doch sonst und für immer seinenThron darin aufgeschlagen zu haben schien. Eine heftige Ungeduld, die im Steigen war, wie eine finstere Wetterwolke, bewegte die Brust der Künsterin, wie ein Sturm das wogende Meer. Bald trat Heroine zum Fenster, lüftete die Gardine, lauschte, ob sie nicht nahende Tritte vernehme; dann blätterte sie Bücher auf, sah hinein, ohne zu lesen, legte sie wieder hin, griff auf der Guitarre einige Accorde, und fand alle Saiten verstimmt, dann nahm sie auf der Ottomane Platz und warf sich in eine reizende, malerische Attitüde, allein sie hielt es nicht lange darin an, und schellte endlich heftig ihrem Mädchen. Lisette kam.
„Ist die Magd toll, Lisette, so fürchterlich einzufeuern? Wahrhaftig eine Gluth hat sie angeschürt, in der Hölle kann es nicht heißer seyn!"
„„Es liegt kein Holz mehr im Ofen, Demoiselle! Anne hat auch nicht mehr eingelegt, als –""
„Still!" unterbrach mit dem Tone einer Königin Heroine die Dienerin. „Wer redet, wenn ich rede? Alles Feuer heraus! Alles! sage ich!"
Lisette ging. Heroine wehte sich mit duftendem Tuch Kühlung zu: Sie wußte nicht, oder sie wollte nicht wissen, daß es das Feuer der Unruhe war, welches sie so durchglühte. Und sie lauschte wieder mit ängstlich klopfenden Pulsen, da schallten nahende Tritte, da ward die Hausthüre geöffnet und ein Männertritt auf der Treppe hörbar.
„Endlich!" rief Heroine mit unwilligem Ton, warf sich auf die Ottomane und nahm die Rolle der Helene in die Hand, die auf dem Tisch lag. Lisette trat meldend ein: „Herr Arno!"
„Herein!" antwortete Heroine düster, sonst hatte sie „willkommen" gesagt. Arno kam; er nahte ihr mit Zärtlichkeit, er wollte ihre Hand küssen, sie entzog sie ihm, und rief abwehrend: „Hinweg!" Arno glaubte, sie wolle im Scherz mit ihm die Rolle einüben, und antwortete auf dieses Stichwort mit den Worten des Dichters: „Ist's möglich – Gott des Himmels!" – da riß ihn aber Heroine gleich aus seinem Irrthum, denn schneidend kalt sagte sie: „Ich bitte sehr, Herr Arno, keine Komödienpossen, ich bin dazu nicht im Mindesten aufgelegt!"

Vor diesen Worten erbebte Arno sichtbarlich und rang eine Weile nach Worten, bis er mit schmerzlichem Ton ausrief: „Sie zürnen mir, Heroine? Heroine, Du zürnst?!"
„Soll ich nicht?" erwiederte sie etwas milder: „wenn ich mich so auffallend vernachlässigt sehe?"
„Wie?" fragte Arno, und statt der Antwort deutete Heroine nach der Uhr, die schon ein Viertel auf Sieben zeigte.
„O ich Glücklicher!" jubelte der Jüngling, und bedeckte ihre Hand mit glühenden Küssen, und sie ließ ihm willig ihre Hand und er preßte seine Lippen auf den vollen, weichen Arm,
und auf die Schultern, blendend wie Alabaster, und das üppige Weib umschlang ihn, drückte ihn fest an sich, und flötete, indem ihre Lippen die seinen suchten: „Sünder! Sieh', so muß man Dich strafen! Wer Dich nur recht empfindlich strafen könnte, aber ich habe Dich so lieb, o so lieb!"
Arno schwelgte in Heroinens Gluthküssen eine lange Weile, dann erhob sie sich, ihm Thee zu bieten, dabei richtete sich ihr Auge, ohne daß Arno es gewahrte, der liebeglühend auf der Ottomane ruhte, mit lauerndem Blick nach der Uhr: die schlug halb Sieben.
Beide tranken unter zärtlichem Gekose und mit aller Tändelei, die Liebe liebt, dann hielten sie sich wieder umschlungen, und Heroine fragte küssend, mit einem thränenfeuchten, unaussprechlichen Blick: „Liebst Du mich auch treu, mein Arno? Und wirst Du mich immer lieben?"
„Treu, und ewig, ewig!" antwortete der Jüngling. „Aber Du, Heroine? Du Huldin, welche an überirdischem Reiz die Göttin der Liebe beschämt, Du, die jeder anbeten muß, der Dich erblickt, wirst Du mich auch immer lieben, mich so treu lieben, wie ich Dich?"
„O mein Arno! wie weh thut diese Frage! Dich allein liebe ich, dich allein werde ich ewig lieben, ich schwöre es Dir bei dem ewigen Himmel, bei allem, was heilig ist, ich schwöre es dir bei der Liebe selbst, die ewig und heilig und von Gott ist! Nicht wahr, mein Arno, Gott ist die Liebe, und die in der Liebe bleiben, die bleiben in ihm, und darum sind wir so götterselig?"
Arno küßte sie mit Entzücken. Er hielt in Heroinen eine Welt, nein, einen ganzen Himmel umfangen, und fühlte sich ein Gott. Die Uhr schlug drei Viertel.
Arno hatte einen Diamantring, ein Andenken von seiner verstorbenen Mutter, das ihm lieb und heilig war. Er zog ihn ab, und steckte ihn an Heroinens Finger. „Trage diesen Ring, Heroine," sprach er, „als ein Pfand meiner Treue, als eine Erinnerung an diese Stunde, an Deine Liebesschwüre!"
„O nein, mein Arno – wie soll ich, wie kann ich – nicht doch – nimm den Ring zurück!" bat Heroine, und dabei umschlang sie ihn wieder heftig und küßte ihn, und Thränen perlten aus ihren Wunderaugen, denen zauberische Gluth entstrahlte. „O Arno, mein Arno! Dank, heißen, innigen Dank! O daß diese Stunde, diese wonneschöne Stunde, die mich so selig macht, so schnell verrauscht! Aber morgen, Arno, morgen wieder! Nicht wahr? Arno, gib mir den Gutenachtkuß!"
„Soll ich schon scheiden?" klagte der Entflammte, und hing wieder lange an ihrem Munde; da schlug die Uhr sieben, und er fühlte, daß Heroine im Innern zusammenschrak, auch drängte sie ihn sanft von sich.
„Nicht so stürmisch, nicht so heftig, Geliebter!" lispelte sie, und sah ihn verlangend an, und zog ihn wieder in ihre Arme. „Sieh', ich muß heute den Zirkel der Hofmarschallin besuchen, ich habe zugesagt; drei Viertel auf acht schickt sie den Wagen, und Du – hast mich fast im Négligée gefunden! Also, Verzeihung, Geliebter, und gute Nacht! Wie glücklich wäre ich bei Dir gewesen!"
Ein bitteres Gefühl regte sich in Arno's Herzen, dachte er sich seine Geliebte in jenem Zirkel, den der eben nicht im Rufe der Tugend stehende Fürst besuchte, wo er ihr im Geist huldigen sah von den Kavalieren und Officiren, vielleicht von dem Fürsten selbst. Er sprach leise und wehmüthig sein gute Nacht; noch eine Umarmung, noch eine Ueberzahl heißer Küsse, und dann schied er und schlug mechanisch den Weg nach dem rothen Drachen ein: seine Gedanken alle, sein Herz, seine Seele waren bei Heroinen zurückgeblieben.
Diese hatte sich wieder auf die Ottomane geworfen und ließ die Steine des Rings funkeln und Farben strahlen.
„Fürwahr ein recht lieber Junge der Arno," sprach sie: „nur noch so blöde, so unerfahren, und dabei so über und über verliebt! Wie nur ein Mensch so verliebt seyn kann, ich begreife es nicht! Er glaubt an mich, wie an eine Heilige, und bildet sich wirklich ein, er sey mein Auserwählter! Thorheit der Jugend! Ja du bist eine Thorheit, aber doch schön!" Heroine schellte. Lisette trat ein. „Hast Du ihn spedirt?" fragte sie lächelnd und vertraulich das Mädchen. Diese bejahte und erwiederte lachend: „Sie müssen ihm heute nicht hold begegnet seyn, er zog ein Gesicht, wie die Katze, wenn es donnert."
„Es ist Zeit, Lisette, daß ich Toilette mache," sprach Heroine, und die geschäftige Dienerin umflatterte die Herrin, wie eine Grazie die Göttin von Paphos. Und in der That das Costüm, welches Heroine anlegte, war so griechisch, so verlockend, daß, wäre sie damit in den Zirkel der Hofmarschallin gefahren, Verwunderung und Tadel ihr im reichen Maaße zu Theil geworden wären, zufällig aber hielt an diesem Abend die Hofmarschallin gar keinen Zirkel und Heroine erwartete keinen Wagen. –
Sie öffnete die Thüre eines Kabinets und befahl Lisetten, den Prachtlüstre anzuzünden, der darin hing. Auf einem kleinen Tischchen, das mit einem blendend weißen Tuch überdeckt war, standen auf Krystalltellern die feinsten und ausgesuchtesten Confitüren. Das Kabinet war roth drapirt, und purpurseidene Gardinen verhüllten Heroinens Bette.
Die Geschmückte trat vor den Spiegel: sie war zufrieden mit Lisettens Kunst; sie durfte so vor einen König treten. Jetzt schlug die Uhr Acht. Mit dem Schlag ging die Hausthüre auf. „Leuchte, Lisette! leuchte!" rief die Künstlerin, und die Dienerin flog hinaus. Ein Mann, in einen Mantel gehüllt, kam herauf; er trug etwas. Als er den Mantel von einander schlug, zeigte sich die fürstliche Livrée; er setzte vor Lisetten einen Korb mit Champagnerflaschen nieder, und gab in ihre Hände ein kleines versiegeltes Paket, worauf er sich entfernte. Lisette trug das Empfangene zur Herrin hinein, Heroine hieß ihr den Korb in das Kabinet stellen, und entsiegelte das Päcktchen. Ein elegantes Kästchen ließ einen noch werthvolleren Inhalt vermuthen. Ein reicher Schmuck von Perlen, Ohrglocken und Ringen strahlte ihr entgegen, und sie rezitirte, entzückt betrachtend, aus Klingemanns Faust: „Boten der Liebe sollst Du mir senden!" Staunend und in Verwunderung ausbrechend betrachtete jetzt auch Lisette die kostbare Gabe, da ward unten die Thüre wieder geöffnet und die Dienerin enteilte mit dem Armleuchter, einem hohen Gast mit tiefster Unterthänigkeit entgegen zu knixen. Heroine nahm die Guitarre in den Arm, und warf sich wieder in die früher versuchte malerische Attitüde. Ein kleiner Mann mit zartgelocktem und gepudertem Haar, einem unschönen, pockennarbigen Gesicht, und von einiger Wohlbeleibtheit trat ungemeldet ein; er trug einen Ueberrock und hohe Reiterstiefeln. Heroine flog aus ihrer plastischen Situation und neigte sich bis zur Erde.
„O bitte, bitte sehr, meine Gute, keine Komplimente!" rief Fürst Wollmar, und führte mit Galanterie die Hand der Schauspielerin zum Munde. "Wo die Schönheit thront, fallen Kronen in den Staub!"
Der Fürst liebte es in Sentenzen zu sprechen; er hatte gefunden, daß darin etwas Imponirendes liege.
„Wie reizend Heroine heute ist!" fuhr er fort. „Wenn Schönheit sich in Anmuth kleidet, siegt sie über Menschen und Götter."
„Ew. (Euer) Durchlaucht! Mein huldvollgnädigster Fürst" – stammelte Heroine erglühend und in scheinbarer Befangenheit: „Darf ich Ew. Durchlaucht unterthänigst ersuchen, sich nieder zu lassen?"
„Was sage ich?" fragte Fürst Wollmar. „Meine göttliche Heroine wird an Ergebung sterben! Titel und Würden sind bunte Flitter!" Er knüpfte den Oberrock auf und fuhr fort: „Sieh, Heroine, ich trage keinen Stern mit zu Dir. Sterne bleichen, wo die Sonne leuchtet!"
„O, wie gnädig!" rief Heroine. „Und wie soll ich meinen Dank stammeln, mein angebeteter Fürst, für diesen Himmel voll Güte?" sie zeigte auf den Schmuck, der Fürst aber schlug sie schäkernd auf den Zeigefinger, und sagte: „Keinen Dank stammeln, himmlische Heroine, keinen Dank! Dank in Worten ist eine Münze, mit der die Menschen Freundlichkeit bezahlen. Ich bin kein Geldmäkler, Heroine, ich handle nur auf Tausch, ich will Erwiederung der Freundlichkeit!" – Und Heroine sank in seine Arme.
Bald umfing Beide das lauschige stille Kabinet. Die Champagnerflaschen knallten, in die Kelche perlte der Schaumwein, und Wollmar und Heroine ließen die Liebe leben. „Die Liebe lebe, und das Leben liebe!" sprach der Fürst. Heroine glühte, heiß verlangend weilten Wollmars Blicke auf ihr, der Wein durchloderte die Herzen mit seinen Begeisterungsflammen, das köstliche Confekt winkte einladend, auch die seidnen Gardinen schienen zu winken, – dem beglückten Fürsten winkte noch mehr.

3.
Die große Gaststube im rothen Drachen war an diesem Abend überaus zahlreich besucht. Es war der Ort, wo sich die Honoratioren der Bürgerklasse in der kleinen Residenz einzufinden pflegten, um den Abend bei einem Glas Bier zu verplaudern, daher war die Gesellschaft immer bunt gemischt. Gelehrte und Kaufleute, so wie gebildete, wohlhabende Handwerker fanden sich hier zusammen, und jetzt, da durch die anwesende Schauspielertruppe ein neues Leben angeregt war, und die meisten Künstler sich auch dort einfanden, war die Unterhaltung doppelt belebt. Selbst die älteren Schüler des Gymnasiums überschritten jetzt kühn und keck das Gesetz des strengen Schuldirektors, das allen Gasthausbesuch den Schülern untersagte, und gingen in den Drachen, getrieben von jener Neigung und Liebe zur Kunst und zu allem Idealen, die so mächtig in jungen Seelen glüht, und übersahen die ärgerlichen und mißbilligenden Blicke ihrer pedantischen Professoren, deren ganzer Lebenszweck kein anderer schien, als des Tages über die Jugend mit dem griechischen und römischen Alterthum zu traktiren und Abends sich selbst mit genüglichem Lagerbier bescheiden zu vergnügen.
Oben an einer Tafel saß der Schauspieldirektor Venuto, italienischer Abkunft zwar, doch in früher Jugend nach Deutschland gekommen. Hätte es gegolten, der Gemeinheit einen Repräsentanten zu verschaffen, so wäre Venuto der geeignete Mann dazu gewesen. Seine Nase glühte wie Kupfer in Feuer, und wie alle Sinne des verlebten Mannes auf das Höchste abgestumpft waren, so auch sein Geruchsinn. Tabak reizte Venuto nicht mehr, er schnupfte – kaustischen Salmiakgeist, der mit einigen Tropfen Bergamotöl wohlriechend gemacht war, den er in die hohle Hand goß und mit Wohlbehagen in die Nase schlürfte.
Neben dem Direktor saß der Schauspieler Böhme, der die Intrigants, Bösewichter und Tyrannen spielte, eine häßliche Figur mit pechschwarzem Wirrhaar und einem stechenden Blick, der unheimlich nach allen Seiten hinfunkelte, daß man sich recht vor ihm entsetzen konnte; solches war aber unnöthig, denn dieser Blick war nur ein angewöhnter, und Herr Böhme war im Leben weder ein Intrigant, noch ein Bösewicht, noch ein Tyrann, sondern ein ziemlich beschränktes Subjekt, früher als Deklamator umhergezogen, und aus Gefahr, dabei zu verhungern, Schauspieler geworden. Die übrige Tischgesellschaft bestand aus dem größten Theil der andern Mitglieder und aus jungen Leuten, die das Theater liebten und die lebensfrohe, burschikose Weise der Künstler; jugendliche Enthusiasten, die sich auf den Brettern eine bunte Zauberwelt träumen, und sich aller Orten gern an Künstler anschließen; Leute, aus denen auch in der Regel alle Bühnenhelden, groß oder klein hervorgehen.
Zwischen die äußerst lebhaft über Kunst und Theater, über neue Stücke, über Schiller, Iffland, Kotzebue, geführte Conversation trat als Deus ex machina der hinkende Souffleur in seiner zweiten Potenz, nämlich als Zettelträger, reichte fast an jeden Tisch einen Zettel hin, und nun summte laut und leise die neue Lektüre von vielen Lippen. Auf dem Zettel aber stand mit gar großer Fraktur:

Doctor Johann Faust's Leben, Thaten und Höllenfahrt . Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen; von August Klingemann.

„Das ist schön, das ist herrlich! Da muß ich hinein! Das muß ich sehen!" jubelten die Selektaner, und die Bürger sprachen unter einander: Hm, hm, das muß ein schönes Stück seyn, da wollen wir auch hinein, Gevatter, und die Weiberchen mitnehmen!" Der Conrector aber murrte vor sich hin: „Dumme, abgeschmackte Possen. Quantum est in rebus inane!"
Ein Fremder trat in die Gaststube, ein hoher stattlicher Mann mit ernstem und halblistigem Blick. Er fand noch einen Platz ohnweit der Künstlertafel, an einem kleinen Seitentischchen, der Kellner stellte ihm eine Kerze hin, aber der Fremde löschte sie aus, und blieb so ruhig im Schatten sitzen.
„Also Faust!" rief, den Zettel in der Hand, der junge Stimmer, einer der Kunstenthusiasten, der bei den Schauspielern saß, und überflog die Personen: „Doctor Johann Faust – Herr Arno. – Käthe, sein Weib – Demoiselle Franziska Bertram. Diether – hm, Wagner – hm – Helene – Demoiselle Heroine. – Ah! Respekt! Ein Fremder – Herr Böhme. – Erster Student – Venuto – und so weiter. Gut besetzt!" – „Geben Sie Faust oft?" rief er zu Venuto hinauf.
„Weder oft noch gern!" antwortete dieser.
„Haben Sie noch keine besondern Erfahrungen gemacht dabei?" fragte der Theaterfreund lauernd.
„Gewiß ist Ihnen die wunderliche Sage nicht unbekannt, mit der sich über das Trauerspiel Faust das Volk trägt, die muthmaßlich neu ist, und doch klingt, als sey sie schaurig aus dem Grabe entschlafener Jahrhunderte heraufgestiegen!"
Venuto verzog das Gesicht, und die übrigen Tischgäste riefen durch einander: „Welche Sage? Erzählen Sie! Was ist's mit dem Faust?" – Die Schüler umstellten den Tisch, selbst der Fremde schien aufmerksam auf das Gespräch zu werden, und da von Erzählen die Rede war, wurden auch die Bürgersleute stiller, und hörten zu. Der Sprecher aber, ein angehender Jurist, vor Kurzem erst von der Universität zurück, begann: „Die Sage ist ganz kurz, meine Herren! Es geht die Rede, daß schon oft, wenn Faust da oder dort gegeben worden, sich auf der Bühne ein unbekannter Mann gezeigt habe, der nicht darauf gehörte, ein dunkler Mime, den Niemand ansehen könne ohne geheimen Schauer, der die Spielenden mit Graus und Schreck erfüllt und oft große Verwirrung angerichtet habe, sodann aber hinweggeschwunden sey, und Niemand hätte erfahren, wohin."
„Und wer sollte das gewesen seyn?" fragte der Selektanerprimus, der schon einen stattlichen Bart trug. Da rollte Böhme, der dem Frager gegenüber saß, seine Augäpfel ganz in die linke Seite, sah mit diesem grassen Blick den Primus an, und sprach im dumpfen Baß: „Der Teufel!" – Und der bärtige Primus erbebte.
Der Fremde aber hinten im Schatten neigte sein Haupt, man wußte nicht, nickte er Böhmen Beifall, oder machte ihn die Müdigkeit entschlummern.
Venuto schlürfte eine sehr starke Salmiakprise und rief dann: „Ja, meine Herren! weiß's der Teufel, einen Haken hat die Sache, einen verfluchten Haken! Habe ich gleich den dunklen Mimen noch nicht gesehen, so ist mir doch, – hole mich der und jener – mit dieser Faustkomödie ganz verfluchtes Zeug arrivirt! Hören Sie zu!"
Noch stiller wurde es, enger rückten die Gäste zusammen, und mehr als ein Pst! Pst! bedeutete die Kellner, nicht mit den Gläsern zu klappern; die Thüre der anstoßenden Billardstube, wo sich die Ladendiener amüsirten, wurde zugemacht. Der Rektor aber trank sein Glas aus, und sprach zu dem Konrektor bedeutsam: „Herr Confrater! Odi profanum vulgus et arceo!" Darauf trank auch der Conrektor sein noch volles Glas in einem großen Zuge leer und antwortete mit Horaz: „Sapientia prima stultitia caruisse!" Hierauf schritten die Scholarchen selbander von dannen.
„Das erstemal, als ich Faust geben ließ" hob Venuto an: es war in einer Mittelstadt, war es gedrängt voll, und ich freute mich der schönen Einnahme. Meine Frau, die an der Kasse saß, blieb gewöhnlich am Eingang bis nach Anfang des zweiten Akts; dieses Mal blieb sie, weil immer noch Leute, vornehmlich Kinder und Paradiesvögel nachkamen, bis nach Beginn des dritten. Ich sitze als Student auf dem Theater und rufe mein: „Der Teufel soll mich holen!" einmal über das andere; da höre ich plötzlich ein Gekreisch, und das schien mir die Stimme meiner Frau zu seyn. Ich blicke seitwärts, die Polizeidiener, zur Aufsicht und Wache von mir bezahlt, standen hinter dem Menschentroß und glotzten mit dummen Gesichtern auf das Theater, nur langsam drehten sie die langen Hälse. Ein Getümmel entstand, das Publikum wurde unruhig, auch hinter die Coulissen verbreitete sich der Lärm, und ich sah, daß man meine Frau ohnmächtig durch den Bretterverschlag trug. Ich ließ die Gardine fallen, stürzte auf die Leute ein, schrie: „Was gibts! Was giebt es denn?" Da klang mir das Donnerwort entgegen; „Seyn Sie ruhig, Herr Direktor, es ist nichts – es hat nur ein fremder Kerl die Kasse gestohlen!"
Die Zuhörer brachen in ein helles Gelächter aus, und Venuto sprach, Salmiakgeist schnupfend: „Ja, ja, die Herren haben gut lachen. Wer damals nicht lachte war ich. – Doch weiter: Vor zwei Jahren gab ich wieder Faust, an einem andern Ort. Ich war mit dem Provisor in der Apotheke, wo ich meinen Salmiak kaufte, ziemlich gut bekannt worden; er war auch ein Theaterfreund, und schwatzte mir, als die Rede auf Faust kam, viel vor von schönen, effectvollen Feuern, die er bereiten könne, und die ungemein dazu beitragen würden, das Schauspiel des lichterlohen Höllenrachens zu erhöhen, und ich bestelle und kaufe von ihm für schweres Geld eine solche Mischung, die ich auf Treue und Glauben nahm, und vorher nicht probirte. Bis nun der entscheidende Augenblick kam – alles vorher aber gut gegangen – wo sich die Bühne verwandelt, zündete ich die Mischung an, erwartend, daß sie über alles eine grausenvolle Helle verbreiten sollte; statt dessen brannte sie nur wie ein Irrlichtflämmchen, Faust und der Teufel balgten sich auf der Bühne herum, ich mochte vor Wuth des Teufels werden, ließ tüchtig blitzen und donnern, und endlich, da ich sah, daß es nichts war mit meiner Hölle, den Vorhang fallen. Jetzt fiel nicht einmal der Vorhang ganz herab, sondern blieb acht Fuß über dem Boden hängen. Das Publikum lachte, pfiff, trommelte und stellte sich wie toll. Ich sprang wüthend hervor und zerrte am Vorhang, Faust und der Teufel kamen wieder aus der feuerlosen Hölle und hingen sich daran, seinem Kasten entstieg der Soufleur und zerrte mit am Vorhang, bis dieser plötzlich oben ganz abriß, wir alle zu Boden taumelten, und die herabfallende Gardine uns bedeckte."
Wieder lachten die Zuhörer wie die Kobolde; ein neuer Gast trat ein, es war Arno.
„Ha, unser Faust!" riefen die Schauspieler, und rückten zusammen, um ihm Platz zu machen. Er schien verdüstert und setzte sich still; Venuto aber fuhr fort: "Als ich am andern Tag den Provisor mit Vorwürfen überhäufen wollte, lachte er mich aus, wie Sie jetzt, meine Herren, und sagte, ich sey selbst schuld, ich habe das Pulver feucht werden lassen."
Es war Essenszeit; die Bürger, die mehr erwartet hatten von der Erzählung, erhoben sich, um nicht daheim von ihren Weibern die Hölle heiß gemacht zu bekommen, wie sie solches ohne alle chemische Mischung zu bewerkstelligen verstehen; bald kam die Rede wieder auf andere Gegenstände, und allgemach wurde es immer leerer. Auch die Gymnasiasten gingen, und selbst mehre von den Künstlern, zuletzt waren nur noch Venuto, Arno und Böhme beisammen, und hinten im Schatten schien bei seiner Flasche Wein der Fremde eingeschlafen. Der Direktor ließ sich eine neue Flasche Bier bringen nebst einigem Rum, den er in den Gerstentrank goß, um doch einen Geschmack zu haben. Das Gespräch der Viere kam auf die Aktrizen, und von diesem auf die Neuengagirten, auf Heroine besonders.
„Wir werden ein Wunder von göttlichem Spiel von ihr als Helene sehen," sagte Arno, Venuto aber zuckte die Achseln, schlürfte Salmiak und warf hin: „Sie wird nicht lange bei mir seyn, das sage ich Euch. Sie kostet, sie prätentirt zu viel, hole sie mit all' ihrer Kunst der und jener! Wenn wir hier weg sind, und gewisse Protektionen aufhören, mag sie zum Teufel gehen!"
„Schämt Euch Venuto, schmutziger Hund!" rief Arno erzürnt aus: „Redet Ihr so von Euren besten Leuten hinter ihrem Rücken, was sollen wir von Euch gewärtigen?" Böhme sprach nichts, aber er stach mit seinen Blicken nach Venuto, wie ein Scorpion mit dem gekrümmten Schweif sticht.
„Ihr werdet mich nicht meistern, beim schwarzen Satan!" rief Venuto wild, und schenkte – sich in der Hast vergreifend, aus der Rumflasche, statt aus der Bierflasche in sein Glas.
Da das Gespräch so laut wurde, schien hinten der Fremde zu erwachen, erhob sich, und stand plötzlich groß neben den Sprechenden.
„Sie sind der Direktor Venuto?" fragte er, zu diesem gewandt, und fuhr fort, ohne Antwort abzuwarten: „Ich bin der Schauspieler Schwarz, und wollte Sie morgen heimsuchen, freue mich, heute schon das Vergnügen zu haben. Sie müssen mir einige Gastrollen erlauben!"
In dem ganzen Wesen des Fremden lag eine so gewaltig imponirende Kraft und eine so kecke Sicherheit, daß er schon damit fast das Kleeblatt der Anwesenden verblüffte, und nur verlegen brachte Venuto die Worte heraus: „Sehr erfreut, bitte Platz zu nehmen – Ihr Rollenfach, wenn ich fragen darf?"
„Mörder – Bluthunde – Tyrannen – große und kleine Bösewichter und dergleichen," antwortete Schwarz in abgemessenen Pausen, mit einem Ton, bei welchem es die Zuhörer eiskalt überfuhr.
Böhme warf einen seiner scheelsten Blicke auf den Fremden, und der Brodneid begann schon in ihm zu kochen.
„Und in was möchten Sie am liebsten auftreten, mein Herr Schwarz?" fragte wieder Venuto.
„Sie geben morgen Faust," erwiderte der Gefragte; „je nun, da möchte ich gern den Fremden spielen, das ist immer meine Forcerolle, Herr Direktor!"
„Um Vergebung, den habe ich!" rief Böhme, und sah mit einem wilden Teufelsgesicht und rollendem Auge zu Schwarz, der noch stand, auf; der aber erwiederte nichts, sondern starrte den Sprecher nur an, und dieser schlug plötzlich verwirrt die Augen nieder, denn er sah sein eigenes Gesicht, wie er es hundertmal im Spiegel gesehen hatte, wenn er den dämonischen Blick probirt.
Venuto war in Verlegenheit und schnupfte zum öftern, dann fragte er: „Haben Sie auch Familie, werthester Herr Schwarz?"
Der Fremde lächelte ironisch. „Nur eine alte Großmutter!" erwiederte er.
„Wo haben Sie Engagement – wenn ich fragen darf?" fuhr Venuto fort, und noch höhnischer wurde das Lächeln in dem scharfmarkirten Gesicht des Fremden.
„Ich spiele bald da, bald dort," gegenredete er: Wenn ich auch nicht ungebunden lebe, so gehört es doch zu meinen Grundsätzen, nie Engagement anzunehmen."
„Sehr precär, Herr Schwarz, sehr precär!" sprach darauf Venuto: „auf Gastspiel zu reisen. Ich zum Beispiel muß Ihnen mit Bedauern erklären, daß ich nicht im Stande bin, sie auftreten zu lassen."
Schwarz schlug eine schneidende Lache auf, legte vertraulich seine Hand auf Venuto's Schulter, und sprach leicht hin: „Guter Direktor, Sie müssen mich spielen lassen! Hören Sie? Sie müssen!"
Das letzte „Sie müssen!" sprach er mit einem furchtbaren Tone, daß Venuto zusammen schauderte, und die Stelle, wo des Fremden Hand eine Minute lang gelegen hatte, fühlte er eiskalt. „Morgen" – stammelte er, aufstehend: „morgen, Herr Schwarz, beehren Sie mich! Werden ja sehen, werden sehen!"
Arno und Böhme folgten dem Beispiel Venutos, und schickten sich zum Nachhausegehen an, sie sagten Schwarz gute Nacht. Vor dem Hause trennten sich ihre Wege: Venuto und Böhme gingen noch eine Strecke mit einander.
„Was dünkt Euch, Venuto, von diesem Schwarz?" fragte Böhme. „Der Kerl hat den Teufel im Leib!"
„Er muß auf der Bühne eine gute Figur machen," antwortete Venuto, und Böhme fiel rasch ein: „Figur hin, Figur her! Mache ich etwa keine Figur? Donner und Doria! Das sage ich Euch, Direktor: laßt Ihr den Schwarz in einer meiner Parthien auftreten, so sind wir geschiedene Leute! Verstanden! Ihr kennt unsern Kontrakt! Er heißt Schwarz, ich aber habe von Euch schwarz auf weiß, und damit basta! Gute Nacht!"
Er ging, ohne daß ihm Venuto geantwortet, grimmig murmelte dieser zwischen den Zähnen: „Hol dich der Teufel, der die Kontrakte erfunden hat, und die Kapricen und alle schwere Noth, die einen armen Schauspieldirektor zu Grunde richten! – "
Nicht lange wandelte Arno einsam seine Straße. Der Schein einer Laterne ließ in dem Mann, der ihn einholte, den Fremden erkennen.
„Wie," sprach er ihn an: „logiren Sie nicht im Drachen, Herr Schwarz?"
„Ja," scholl die dumpfe Antwort: „ich wohne dort, aber ich muß mir noch eine kleine Bewegung machen."
„So lieben Sie die Nacht?" fragte Arno. – „Ich liebe nichts!" antwortete der Fremde: „aber die Nacht mag ich wohl leiden. Wissen Sie warum?"
„Nun?" fragte Arno gespannt, und traute seinen Ohren kaum, als er aus des Fremden Mund den von heißerem Gelächter begleiteten Gemeinplatz vernahm: „Weil in der Nacht alle Katzen grau sind!" Er hatte diese Antwort nicht erwartet, und schwieg, aber Schwarz nahm das Wort wieder und fragte: „Sie nannten vorhin die Schauspielerin Heroine? Sie kennen sie?"
„Ich kenne sie, und achte sie hoch!" sagte Arno. – „Gratulire!" lachte Schwarz. – „Herr, wie soll ich das verstehen, Ihr Ton –?"
„„Ist ein Mißton in Ihren Ohren! –""
„Heroine ist ein himmlisches Wesen!"
„„Habe nicht die Ehre, mit dergleichen Wesen bekannt zu seyn; ich sage Ihnen nur, Heroine ist –"" Hier neigte sich Schwarz an Arnos Ohr, und flüsterte ein verworfenes Wort hinein.
„Herr, Sie sind ein Lügner!" donnerte Arno empört.
„Manchmal!" höhnte Schwarz: „jetzt nicht!" – Arno rief: „Ich fordre sie!" „„Zu Dienst! Wann?"" „Morgen früh sieben Uhr! Pistolen!" „„Wo?"" „Im Lerchenbrühl, Lustwald, eine halbe Stunde von hier!" „„Sekundanten?"" „Unnütz." „„Bon.""
Mit dem letzten Ruf war Schwarz von Arno's Seite hinweg, dieser wußte nicht, wohin? Aufgeregt im höchsten Grad, Erbitterung und kochenden Grimm im Herzen, langte er in seiner Wohnng an, wollte schreiben, an Heroine, an seine Verwandten, wollte einiges ordnen, aber er vermochte von allen diesem nichts; er warf sich aufs Lager, aber lange floh ihn der Schlaf, und als er kam, brachte er wilde verworrene Traumbilder mit, in denen ihn die Masken aus Klingemanns Faust umschwirrten, und mit schrillenden Stimmen ihm zuriefen:

Um Mitternacht geht erst der Kehraus an!
-- – – – – –
Die Milzsucht sticht ihn! – –
-- – – Hui! Auf Wiedersehn! –

4.
Der Herbstmorgen dämmerte düster herauf. In den Mantel gehüllt, die Pistolen in der Tasche, ging Arno dem Lerchenbrühl zu. Die Gefühle, die in ihm wogten, waren nicht minder düster wie der Morgen, und seine Gedanken nicht minder flüchtig, wie die Nebelwolken, die dem Fluß entstiegen, und entweder vom frischen Windhauch erfaßt und vernichtet wurden, oder schnell emporgetrieben, sich mit größern Massen vereinten. Eine farblose, trübe Herbstlandschaft schien Arno das ganze Leben, alle Freudensterne, die ihm früher gestrahlt, dünkten ihm erloschen, und eine grausame Schicksalsnacht warf die Tempeltrümmer seines Glücks über ihn, daß er unter der Last erlag. Wie grauenvoll ernst war der Gang, den er heut angetreten; es konnte ja sein Todesgang werden. Er wollte kämpfen gegen einen Unbekannten, der es gewagt mit frechem Hohn die Ehre seiner Geliebten anzutasten – sein Wort war für Arno ein Donnerwort gewesen, dessen zermalmende Schwere noch immer nachrollte, und dem Donner folgte wieder ein furchtbarer Gedankenblitz: Wenn nun der Fremde doch Recht hätte?
„Nein! Nein! Und abermal Nein!" rief Arno, der die feuchte Waldung schon erreicht hatte, laut aus, und ein gellendes „Nein!" höhnte wiederhallend seinen Ruf.
Schwarz trat zu ihm, und grüßte mit spöttischer Höflichkeit. Arnos Zorn erwachte wieder.
„Noch ein Mal," rief er, und zog die Waffen hervor: „wollen Sie widerrrufen?"
„Ich widerrief noch nie!" sprach Schwarz ernst und fest. „Wohlan denn, wählen Sie, die Pistolen sind geladen! – Wie viel Schritte?" fragte Arno.
„Sieben!" sprach Schwarz, und wählte lächelnd eine Pistole. „Wir schießen à tempo! Zählen Sie drei!" rief Arno, indem er sieben Schritte abmaß, und sich in Positur stellte.
„Ich hasse die drei!" erwiederte Schwarz. „Sie als Beleidigter haben den ersten Schuß, ich den zweiten. Zielen sie gut!"
Arno schwieg. Ein leises Zittern, das immer heftiger wurde, durchbebte ihn. Schwarz stand wie ein Erzbild, starr und steinern. Arno sprach leise den Namen Heroine aus, sich zu ermuthigen, er schlug auf Schwarz an, er zielte, bis er fühlte, daß sein Arm mehr und mehr zitterte; der Schuß krachte, und hallte wie ein seltsames Gelächter im Walde. Schwarz stand unversehrt; eine Nebelkrähe, die auf einem Baum über ihm gesessen, flatterte verblutend am Boden.
„Viel zu hoch!" sprach Schwarz, streckte den Arm aus, und schoß in die Luft.
„Kein Gauckelspiel!" rief Arno heftig. „Ich will von Ihnen keine Schonung. Noch einmal! Und à tempo! Ich zähle!"
Die Pistolen waren schnell geladen und ausgetauscht. Die Kämpfer traten auf ihre Mensur. „Eins – zwei – drei!" rief Arno, und drückte ab, sein Gewehr versagte, des Gegners Kugel riß ihm den Hut vom Kopf. Wüthend warf Arno die Pistole zu Boden.
Schwarz sprach besänftigend: „Lassen Sie es gut seyn. Sie haben nicht kaltes Blut genug. Ein andermal, wenn es Ihnen beliebt!" Er reichte ihm mit einer Verbeugung seine Waffe.
„Der Teufel mag kaltes Blut haben!" knirschte Arno.
„Auch der hat heißes!" antwortete Schwarz mit demselben Ton, mit dem er gestern dem Direktor das: „Sie müssen" gesagt, und darauf schritt er tief in die Waldung hinein.
Verstimmt und von den bittersten Gefühlen gemartert, schlug Arno den Rückweg ein. Wie so ganz anders war seine Stimmung heute Morgen gegen die gestern Abend, wo er seelenruhig diesen Pfad gewandelt, seine Rolle memorirt, und an Heroine gedacht hatte. An Heroine! Und heute hatte er für sie bluten wollen, heute hatte er sein Leben eingesetzt für ihre Ehre. Dieser Gedanke gab ihm wieder ein freudiges Bewußtseyn, und nahm dem Stachel sein Gift, den des Fremden verläumderische Rede in die Brust des Liebenden gesenkt.
Um 10 Uhr war die Hauptprobe zu Faust angesagt. Arnos Weg führte ihn an Venuto's Wohnung vorbei; er ging hinauf, und fand Böhme bei dem Direktor, und beide in heftigem Wortstreit, den sein Eintritt auch keineswegs unterbrach. Böhme hatte seinen Kontrakt in der einen Hand, und mit der andern schlug er darauf, und rief: „Schwarz auf weiß, Venuto! Schwarz auf weiß! Wollt ihr den Schwarz spielen lassen, so beliebt die hier festgesetzte Summe der Contravenienz (= Entschädigung bei Vertragsbruch, sk) zu zahlen, so wie meine seit drei Wochen rückständige Gage, dann schnüre ich meinen Bündel, und Ihr könnt" –
„Leben ohne Euch, kann ich!" unterbrach ihn Venuto verächtlich. „Ich glaube, Böhme, Ihr habt heute früh schon Branntwein getrunken! Geht heim und schlaft noch eine Stunde, daß Ihr in der Hauptprobe fein nüchtern seyd, denn wenn Ihr so holpert, wie gestern – so lasse ich den Schwarz spielen, trotz Eurem Lärm und Pochen, gebe Euch Euer Geld, und jage Euch sammt euerm Kontrakt zum Teufel!"
„Was wollt Ihr, Arno?" wandte sich Venuto zu diesem, als Böhme Flüche durch die Zähne murmelnd, und die Augen grimmig rollend, seinen Abzug nahm.
„Ich wollt Euch nur guten Morgen sagen, da ich just vorbeiging. Was habt Ihr mit Böhme?"
„Der Narr, der einfältige!" polterte Venuto. „Will mir Vorschriften machen; will mich meistern! Ist mir noch kein Gedanke in den Sinn gekommen, dem Schwarz Gastrollen zu geben, kommt schon der Böhme, und lärmt und schreit, als ob ein Theater abbrenne! Ihn werde ich fragen, ihn!"
„Böhme hat vielleicht Unrecht," erwiderte Arno, „doch kann ich Euch nicht bergen, Venuto, daß ich den Wunsch mit ihm theile, daß Schwarz unter uns nicht auftrete."
„Was habt Ihr zu wünschen?" schnaubte Venuto grob den jungen Künstler an: "wollt Ihr auch Euch um ungelegte Eier bekümmern? Ich sage: Er soll nicht spielen, wenn ich aber sage: Er soll spielen, was gehts Euch an? Pech und Schwefel! Böhme hat hier noch eher zu reden, als Ihr, Ihr habt gar nicht zu reden, sein Rollenfach ist nicht das Eure! Verstanden? Jetzt geht, ich muß aufs Schloß zum Fürsten, und den Zettel hinauftragen."
Unwillig schied Arno, und Venuto warf sich in einen goldgestickten Rock; Schuhe mit platirten Schnallen, seidne Strümpfe und Beinkleider hatte er schon an, er hing nur noch einen Staatsdegen um, nahm das Chapeaubashütlein unter den Arm, und legte in eine grüne Mappe die zwei auf rothen Atlas sauber gedruckten Zettel für Fürst Wollmar und die Prinzessin.
Arno ging zu Heroine, ihr vor der Probe noch einen kleinen Morgenbesuch abzustatten, zu fragen, wie sie sich gestern bei der Hofmarschallin unterhalten, überhaupt, sie nur zu sehen, neue Kraft, neuen Lebensmuth aus ihrem holdseligen Anblick zu trinken.
Als er ihre Hausthüre aufklinkte, trat er bestützt zurück. Ein stattlicher Herr, elegant gekleidet, kam ihm aus der Flur entgegen, und das war kein anderer, als der Schauspieler Schwarz. Dieser grüßte flüchtig, und eilte nicht so schnell an ihm vorüber, daß von Arno ein hämisches Lächeln in den Zügen des Fremden hätte unbemerkt bleiben können. Tausend Fragen jagten sich in des Jünglings Gehirn. Schwarz mußte bei Heroine gewesen sein, es wohnte außer den Wirthsleuten Niemand im Hause; bei ihr also, die er so schamlos verläumdet! Arno stürmte die Treppe hinan, glühend, aufgeregt, fast zornbebend. Er fand Heroinen sehr heiter, ihr Gesicht strahlte von einem neuen Triumphe; daß es das war, was sie so heiter machte, wußte Arno freilich nicht, ahnete es auch nicht, als sie ihn zärtlich an sich drückte, und „guten Morgen, mein Einziger!" mit melodischer Stimme sprach.
„Du scheinst nicht fröhlich!" scherzte Heroine, und strich ihm über die düstere Stirn. „Wärst du doch eher gekommen, ich hatte sehr angenehmen Besuch, einen fremden Künstler, Herrn Schwarz, o, ein liebenswerther, schöner Mann, voll Talent und Geist, voll Scharfsinn und Witz, voll Welt- und Menschenkenntniß!"
Arno stand wie versteinert. Solches Lob fremden Verdienstes, selbst wenn es ein gerechtes, verwundet schmerzlich die Eigenliebe, und durch des Jünglings Gehirn fieberte der wilde Gedanke: „Ha, wenn seine Menschenkenntniß sich hier bewährte!"
„Du kennst wohl diesen Schwarz von früher her?" fragte Arno; „denn unmöglich kann er länger als eine Viertelstunde bei dir gewesen seyn, und unmöglich in dieser alle die glänzenden Eigenschaften vor Dir entwickelt haben, die dein begeistertes Lob verkündet!"
„Hu, was für ein bitteres Gesicht Du machst!" rief Heroine mit Lachen, und drehte Arno vor den Spiegel. „Ich glaube gar, die Eifersucht regt sich schon? Süßer Herzensschatz, damit verschone mich! Wie sprach gestern Fürst Wollmar bei der Hofmarschallin? Liebenswürdigkeit ist ein Blitz, der Herzen mit Gedankenschnelle entzündet, sprach er."
„So?" dehnte Arno, „und ist das so eben Deinem Herzen von der Liebenswürdigkeit des Schwarz widerfahren?"
„Herr Arno!" schmollte Heroine: „Sie sind heute so ungenießbar wie fader, fadenziehender Champagner." – Dann lächelte sie wieder, als Arno nur mit einem Seufzer antwortete, und umfing ihn, und flüsterte: „Darum soll ein Fläschchen frischer Aï den Verstimmten erheitern!" Die Circe zog Arno in das rothe Kabinet, und sprach unter Küssen: „Merkst Du denn gar nicht, daß ich scherzte?" – Sie schenkte mit Grazie ein, und rief erglühend: „Stoß' an, der Feuergeist soll leben! Sieh, heute bin ich deine Feuerbraut, und will ein Netz von Flammen um Dich weben!"
„Heroine!" sprach Arno ernst: „Ich habe Grund diesen Schwarz in tiefster Seele zu hassen, zu verabscheuen, wüßtest du, was ich weiß, du würdest mit mir gleich denken!"
„Vielleicht nur Vorurtheil, mein Arno!" sprach Heroine leicht hin. „Ich sah heute Herrn Schwarz zum ersten Mal, er empfahl sich auf das Artigste meiner Gunst, er wird hier Gastrollen annehmen."
„Es werden ihm keine geboten, noch bewilligt!" widersprach Arno.
„So?" fragte Heroine stolz und unmuthig. „Und warum nicht? Er wird spielen, und er soll spielen! Ich will, daß er spiele!"
„Vor solcher Protektion wird der Direktor freilich die Segel streichen müssen," entgegnete Arno bitter. „Er wird dann nur den Böhme verlieren, und – mich!"
„Ei, Drohung mit Abschied sogar?" fragte Heroine fast verhöhnend. „Eine Drohung ist nur eine Knabenfaust! spricht Fürst Wollmar."
„Adieu, Heroine!" erwiderte Arno, und ging. Sie flog ihm nach, sie schmeichelte, liebkoste, küßte, bis sein bitterer Groll besiegt ward von all der Honigsüße ihrer bezaubernden Anmuth, und er blieb und begleitete sie, da es Zeit war, in die Hauptprobe des Faust.

5.
Gleich einer Völkerwanderung sah man die Bewohner der Residenz schon nach halb fünf, noch mehr aber nach fünf Uhr, zum Theater strömen. Die Ridiküls der Damen strotzten von Strickzeugen, um der Langeweile, von Tüchern, um etwaiger Rührung, und von Backwerk, um dem gewissen Hunger kräftig zu begegnen.
Arm in Arm, und gassenbreit sich führend, zog die Classis Prima und Selekta dem Musentempel zu, und summte halblaut, da lautes Singen verboten, im Vorgefühl der Theaterfreuden, das Studentenlied:

Mihi est propositum
In taberna mori!

Die Handwerker machten eine Stunde früher Feierabend, um mit ihren Weibern in aller Bequemlichkeit das angenehme Spektakel einer Höllenfahrt anzusehen.
Die fürstliche Loge war erleuchtet, doppelte Wachen besetzten die Thüren. Der alten bona Mater, welche an der Kasse saß, standen zwei rüstige Grenadiere wachsam zur Seite, das hatte Venuto so bestellt, damit nicht wieder ein unbekannter Kerl die Kasse entführe; die Lampen wurden angezündet; Kopf an Kopf drängte sich; auf dem Paradies krachten schon die Bretter, und es drohte mit einem schmählichen Fall. Die Musiker der fürstlichen Kapelle waren auch schon da, und die Geiger stimmten.
Der junge Jurist Stimmer und der bärtige Selektanerprimus saßen neben einander, dicht vor der fürstlichen Loge; da rief mit einem Male der Primus halblaut: „Ecce quam bonum! Weltuntergang! Sehen sie, Herr Stimmer, dort aus der letzten Loge strecken sich zwei Nasen von nicht gemeiner Größe, die unserm Rektor und Conrektor angehören! Odi profanum vulgus et arceo!"
Stimmer lachte, und durch die Schülerreihen flüsterte die unerhörte Mähr, und alles staunte, denn nie seit Schülergedenken waren Conrektor und Rektor im Schauspielhaus erblickt worden. „Ich bin nur neugierig," flüsterte der Primus: „ob nichts passirt, ob nicht etwa der Teufel ein Ei in die Wirthschaft legt?"
„Ich auch," erwiderte Stimmer, „geben Sie nur recht genau Acht, vielleicht sehen wir etwas von dem dunklen Mimen!"
„Das wäre ein Höllengaudium!" sprach der Primus, und strich den Schnauzbart.
„In der That, ein solches wär' es," antwortete Stimmer. Da unterbrach der Eintritt des Fürsten mit der Prinzessin in die Loge ihr Gespräch, und die Ouvertüre zu Mozarts Don Juan brauste mit ihren erschütternden, markdurchbebenden Posaunenstößen und Fanfaren aus dem Orchester auf. –
Von einer Unruhe gepeinigt, von welcher er sich keine Rechenschaft geben konnte, trieb sich Venuto, bereits im Studenten-Costüm, auf dem Theater und hinter den Coulissen umher, und war gegen seine Gewohnheit freundlich. „Kinder!" sprach er zu den Schauspielern in der Garderobe: „Kinder, gebt mir heute ja recht Acht, daß Alles gut geht! Mir liegt's wie ein Stein auf dem Herzen. Draußen geht kein Apfel mehr zur Erde. Gott schütze uns nur vor Feuerlärm!"
Arno ging im Costüm auf der Bühne umher, und erbebte, als ihm plötzlich hold und schön, wie ein Engel, Franziska in ihrem einfachen Gewand als Fausts Hausfrau, Käthe, entgegentrat, ihn wehmuthsvoll schmerzlich anblickte, und dann von ihm hinwegsah.
„Franziska zürnt mir!" sprach er sanft, und wollte ihre Hand fassen. Sie zog sich rasch zurück.
„Seyn Sie gut, Franziska!" flüsterte er: „Ihr Zürnen thut mir weh!"
„Sie haben mir noch weher gethan!" erwiderte sie, und die Hand, in der sie bereits die Lampe hielt, zitterte.
„Könnte ich wieder gut machen!" sprach er nicht ohne Rührung und Mitleid.
„Nie! nie! lassen Sie mich!" entgegnete Franziska.
Ein halb unterdrücktes häßliches Gelächter unterbrach die Scene. Heroine–Helene war aus der Garderobe getreten, üppig geschmückt, ein reizendes Bild der Sinnenlust, und sah mit Blicken, in denen Hohn und Höllenflammen glühten, auf Arno. Dieser erschrack, eilte von Franziska hinweg und auf Heroine zu. Sie sah ihn mit einem stechenden Blick an, und rauschte dann kalt in ihrem feuerrothen Gewand an ihm vorüber. Draußen ging die Ouvertüre zu Ende; die auf der Bühne nicht Beschäftigten verließen diese. Käthe stand mit Diether in der Coulisse, hinter ihnen Wagner mit seiner Lampe. Der Soufleur klingelte einmal, zweimal, die Gardine flog auf, das Stück begann.
Arno trat zu Venuto, der, selbst das Amt des Inspicianten ausübend, seine Augen nach allen Seiten, nach allen Winkeln hinrichtete, um jeder Unordnung, jeder Störung zu begegnen; Venuto bot ihm seine Rumflasche, aber Arno trank nicht, dafür streckte sich eine rothgemalte Hand zwischen Beiden nach der Flasche aus, die Böhme gehörte, und mit den Augen grimmig schielend, that er einen guten Zug.
Die Frazze, in die er sein Gesicht verwandelt hatte, sah wahrhaft fürchterlich aus, und doch in der Nähe betrachtet wieder sehr lächerlich.
„Ihr seyd ein spaßhafter Teufel!" sprach Venuto, während Arno in die Tiefe der Bühne blickte, und da sah er Heroine stehen, im angelegentlichen Gespräch mit – mit – ja, es war Schwarz, kein Andrer. Von Unmuth und Eifersucht gestachelt, stürmte er auf Venuto mit der Frage ein: „Habt Ihr Schwarz heraufkommen lassen?" aber statt der Antwort trampelte Venuto auf den Brettern, den Gang eines Nahenden nachzuahmen, und drehte Arno nach der Bühne, auf welcher so eben Käthe ausrief: „Das ist der Gang des Faust! – Er ist's! er ist's!" und Arno-Faust trat auf.
Angestrengten Auges starrten Stimmer und der bärtige Primus auf die Bühne, als diese von tiefer Nacht überhüllt war, und dem wilden Faust der geheimnißvolle Fremde sich zeigte, nur sichtbar werdend, wann ein Blitz Licht in die Nacht flammte. Und mochte es nun Augentäuschung seyn, oder ein Blendwerk der aufgeregten Phantasie, als eben wieder ein Blitz, dem ein heftiger Donnerschlag folgte, die Bühne momentan erleuchtete, erschracken Stimmer und der Primus, stießen sich bebend an, und flüsterten aus einem Munde: „Ich habe außer Faust – zwei gesehen!" Ueber ihnen in der Loge aber hörten sie den Fürsten Wollmar zu seiner Prinzessin Tochter sagen: „Sahst du den Mann im Hintergrund, mein Kind? Das soll der Teufel seyn. Der Teufel aber ist ein Hirngespinst, und Himmel oder Hölle trägt in sich der Mensch!"
„Habt Ihr den Schwarz heraufkommen lassen? Habt Ihr ihn gesehen?" bestürmte wieder fragend Arno den Direktor, als er mit Böhme abgegangen war; und als Venuto verneinte, sprach Böhme: „Weiß der Teufel, Venuto, mir ist, als wenn ich ihn gesehen, oder doch gefühlt hätte, mir war, als ich draußen stand, als stehe einer riesengroß hinter mir, lege mir die bleischweren Hände auf die Schultern, und drücke mich nieder, und dieser eine sey der Schwarz, oder – der Schwarze!"
„Ihr scheint bereits wieder schwarz zu seyn (= blau, betrunken zu sein, sk), Böhme!" erwiderte Venuto, und machte die Pantomime des Trinkens. „Nehmt Euch nur zusammen, sonst will ich Euch morgen den schwarzen Staar auf eine Weise stechen, die Euch –"
„Hölle und Teufel!" brauste Arno auf: „Seht doch dorthin!" Er zeigte nach dem Hintergrund, wo Heroinens rothes Kleid leuchtete, die sich eben aus der Umarmung eines Mannes loszuringen schien, der wie ein Schatten hinter einer Courtine (= Vorhang, sk) verschwand. Venuto aber sagte, auf die Bühne zeigend, zu Arno: „Paßt Ihr auf, und seht dorthin, und merket auf Euer Stichwort, wenn Ihr Wehe! zu schreien habt!"
„Ja – ja – Ihr habt Recht, ich habe Wehe! zu schreien!" sprach Arno mit fürchterlicher Kälte.
Der erste Akt war vorüber. In der Zwischenzeit, nachdem er sich schnell umgekleidet, suchte Arno Heroinen; er wollte sie mit Vorwürfen bestürmen, aber sie war nicht in der Damengarderobe, nicht hinter den Coulissen, nicht in dem tiefen Hintergrund; sein Groll, sein Unmuth wuchs, und als er von seinem fruchtlosen Irrgang zurückkam, schellte der Souffleur, der Vorhang ging auf, und Arno-Faust trat wild auf, wie es der Dichter vorschrieb, und sprach mit einer Wahrheit und Erregtheit des Gefühls den Monolog:

Nehmt Ihr mich auf, Ihr wilden Felsenklüfte,
Mit meinem Unmuth – ha! mit meinem Groll!"

daß ihm der lauteste Beifall des Publikums allseitig zurauschte.
Kaum hatte der Monolog begonnen, als der tödtlichste Schreck den Direktor Venuto erschütterte, denn ein Comparse rief ihn eiligst in die Garderobe, und dort lag Böhme langgestreckt am Boden, ob trunken, ohnmächtig oder todt, wußte man nicht, er regte kein Glied, und schien vom Schlag getroffen, oder vom Starrkrampf befallen.
Hölle und Teufel!" tobte Venuto, und rief: Böhme! Böhme!" und rüttelte an dem Hingesunkenen – es war vergebens. Ich bin unglücklich, ich bin verloren!" rief der Direktor wild, wenn ich jetzt das Stück schließen muß! Ich bin beschimpft! Das Publikum wird wüthend, und Niemand kommt mir wieder in das Theater! Heiliger Himmel! schaff' mir einen Teufel!"
Lieblich klang von draußen herein das Tönen des Kuhreihens in die Verwirrung, aber von den milden Alphornklängen erwachte Böhme so wenig, wie von Venuto's Flüchen und wilden Ausrufen. Die Nachricht von Böhme's Unfall verbreitete sich schnell unter den Spielenden, und fast alle drängten sich in das Zimmer, während Arno seinen langen Monolog fortspielte. Zum zweitenmal tönte der Kuhreihen.
O Macht des Himmels, steh mir bei!" rief Venuto: Noch sechszehn Zeilen, und die Stimme muß aus der Höhle tönen! Sprach nicht Arno von Schwarz? Hat Keiner einen Fremden gesehen? Nur Schwarz allein könnte heute mein Retter werden!"
Alle sahen einander an.
Einen Fremden? Welchen Fremden? Was für ein Schwarz? Wir sahen Niemand!" fragten und sprachen sie durcheinander, und Venuto stürzte verzweifelt hinaus, um den Vorhang fallen zu lassen, und keuchte: Hat mir's doch geahnt! Hab' ich mir's doch gleich gedacht! Das ist des Teufels Wirrwarr!"
Wohin?" rief da neben ihm, ihn aufhaltend, Heroine. Wohin? Was wollen Sie thun?"
Gardine fallen lassen! Alles ist aus – Böhme – todt!" erwiderte Venuto, und Angstschweiß überperlte sein Gesicht, und grub Furchen in den Zinnober.

Schwing Dich im Sturm hervor!"

donnerte auf der Bühne Fausts Stimme:

Denn immer wilder glühen meine Schmerzen,
Es brennt mein Herz nach einem zweiten Herzen!"

Dem Direktor wollten die Kniee brechen, das Stichwort war gefallen – eine fürchterliche Pause entstand – alles blieb todtenstill – jetzt, jetzt mußte die Gardine sinken, aber Heroine hielt mit Manneskraft den Bebenden, Vorwärtsstrebenden, Vernichteten zurück – und mit einem Male rollte es wie Donner aus eines Löwen Mund aus der dunkeln Höhle:

Fluch und Verderben! Wer stürmet hernieder!
Ungestümer, was willst Du schon wieder?" –

Ha! Himmel! Wer?" sprach Venuto leise, tief aufathmend. Welche Stimme! Wer ist's, der mich rettet, der mir das Leben wiedergiebt?"
Schwarz ist's," flüsterte Heroine, auf mein Bitten hat er Böhme's Rolle übernommen!" Sie entzog sich den Dankesäußerungen des entzückten Direktors, der nun wieder grimmig nach der Garderobe stürzte, um Böhme, falls er sich erholte, mit Verwünschungen zu überschütten.
Arno ergrauste. Das war nicht Böhme's gewohnte Stimme, das war kein Ruf aus einem bekannten Mund, so dumpf und schrecklich, so voll und furchtbar klang er, ein Dämonenruf aus den Untiefen der Finsterniß. Auch viele der Zuschauer erbebten vor dieser Stimme erschütterndem Metallklang, noch mehr aber als sie sich veränderte, und mit schneidendem Hohn und den Worten:

„Meine Schlange verstand sich aufs Weib!"

die Rede schloß.
Als Arno von der Bühne stürzte, die verwandelt wurde, sah er, wie Böhme nach der Tiefe schritt, aber furchtbares Entsetzen erfaßte ihn, als zwei Augenblicke später ihm Böhme aus der Garderobe entgegenwankte, matt und ächzend, auf einen Comparsen gestützt, hinter ihm Venuto, murrend wie ein vergrollendes Ungewitter, und ungewöhnlich schnaubend, weil er zu heftig geschnupft, und ihm einiger Salmiakgeist in den Hals gekommen.
„Was ist das?" rief Arno. „Dort geht Böhme hinweg aus der Höhle, und hier tritt er mir entgegen? Hier hat der Teufel die Hand im Spiel!"
„Oder den ganzen Leib!" stöhnte Böhme, und verbarg die Augäpfel ganz, daß man nur das Weiße sah, „ich – bin halb todt – mich umfing Nacht – ich sah – mich selbst – noch schwindelt mir – ich kann nicht spielen – bringt mich heim!"
„Euer Spiel ist auch nicht von Nöthen!" sprach Venuto. „Ihr habt bei mir ausgespielt, und ich trumpfe Euch mit der Schellneune, auf der der Teufel abgebildet ist, und ein Theater in der Kralle hat. Zu ihm könnt Ihr gehen!"
„Aber sagt mir nur um Alles in der Welt –" fragte Arno.
„Hinaus!" rief der Direktor ihm barsch zu. „Wollt Ihr aufpassen! Wagner spricht schon, gleich wird Euer Stichwort kommen!" Unmuthig eilte Arno in die Coulissen, und fand in seiner Verstimmung ganz den Ton, in dem er spielen mußte. Vergebens erschöpfte Franziska–Käthe im Geist ihrer Rolle alle ihre Liebenswürdigkeit und holde Sanftmuth. Seine Worte, seine Gestalt waren nur da, alle seine Gedanken waren weggeflogen nach einem sinnebethörenden Bilde – bis der Vorhang fiel.
Wie Arno die Bühne verließ, betrat sie Schwarz, Heroine am Arme führend, und zärtlich mit ihr kosend. Fürchterlich unheimlich glühte des Gastspielers Blick in der wilden Maske des Fremden, und fürchterlich-schön war Heroine–Helena. Traulich bog sie sich zu dem schnell gewordenen Anbeter, und er flüsterte: „Wann, meine holde Dämonoide? Wann darf ich so kühn seyn?"
„Ihnen," erwiderte sie mit Gluthblicken: „ist meine Thüre nie verschlossen. Nach dem Theater – halb zehn, zehn Uhr; ich finde an Spielabenden vor Mitternacht nie den Schlaf. Das Spiel, und zumal Rollen wie die heutige, regen mich mächtig auf."
Venuto kam mit den übrigen Studenten, sich zu ordnen; Heroine eilte die Souteraintreppe hinab, um dann mittelst der Versenkung emporzusteigen. Arno sah sie, wollte sie anreden, aber sie war zu schnell, und er durfte nicht folgen, da er gleich während des Studenten-Chores mit Wagner auftreten mußte. Eine Hölle von Zerrissenheit und widerwärtigen Gefühlen brannte in seinem Busen, und er wünschte tausendmal das Stück zu Ende. Der dritte Akt begann. –
Alle Zuschauer, die dem Dichter nachfühlten, ergriff wunderbarmächtig das Spiel des Fremden, und viele, die Böhme kannten und sein Spiel, flüsterten einander zu, daß dieser heute sich selbst übertreffe, daß er so gut noch nie gespielt; der Selektanerprimus aber stieß seinen Nachbar an, und sagte ganz leise: „Beim Pluto und dem ganzen Tartarus, das ist der lederne Böhme nicht, der immer die Augen verdreht wie ein gestochenes Kalb. Das ist ein Andrer – vielleicht gar –" Stimmer bejahte nickend, und über ihnen sprach Fürst Wollmar zur Prinzessin: „In der That, dieser Mann ist vom Geist seiner Rolle ganz durchdrungen. Wie berechnet ist sein einfaches Spiel! Auf Einfachheit beruht die wahre Größe."
Arno fühlte sich gemartert mit diesem Schwarz zu spielen, dessen Ueberlegenheit auch in Spiel und Mimik ihn bedrückte, allein es war hier nichts zu ändern. Und wie wunderbar es sich treffen mußte, daß er, wie Faust in der Dichtung den Fremden, so in der Wirklichkeit diesen als Nebenbuhler hassen mußte, und gern hätte er mit den vorgeschriebenen Meucheldolchstößen sich für immer von dem Verhaßten befreit.
Die Verwandlung erfolgte, Helene stieg empor, eine Rosenlaube wölbte sich über der reizenden Schlummernden, und rothe Lampen streuten magischen Schimmer auf das wunderschöne Weib. Ein freudiges „Ah!" säuselte aus Parket und Parterre herauf zur Bühne, und Fürst Wollmar sprach halb für sich, halb zur Prinzessin: „Welche göttliche Gestalt! Wie anziehend sie der ideale Anzug macht! So, mein Kind, so pflegt die Sünde mit süßen Zaubereien zu verlocken!" Arno aber betrachtete entflammt die geliebte Armida, und wußte nicht, als er die Worte ausrief:

„Ist diese Brust, ist dieses Herz noch mein?
Zerfließt nicht alles schnell wie Zauberschein?"

ob er auf sein Herz oder auf das ihre deuten sollte, an dem er noch vor Kurzem so seligträumend geruht. –
Als der Vorhang gefallen war, und lauter Applaus seinem gelungenem Spiel zu Theil ward, und Heroine sich vom Lager erhob, hielt er ihre Hand fest, und fragte sie, im Innern zitternd: „Heroine, ist diese Brust, ist dieses Herz noch mein?" – Und sie lächelte ihm freudig zu, wie man mit einem Kinde lächelt, und lispelte:
„Dein, mein Arno, Dein, nur laß mich jetzt, ich muß mich verstellen! Aber ewig Dein!" Sie entzog ihm ihre Hand und enteilte; und aus einer Coulisse trat Schwarz zu ihm heran, und spottete mit satanischer Frivolität:

„War nicht die Rede hier von Ewigkeit?
Die wird nicht währen über Mitternacht. –
Wenn's zwölfe brummt, ruf ich Euch ab zum Tanze!"

„Herr!" fuhr Arno auf, aber Schwarz schlug eine höhnische Lache auf, und sagte ironisch:
„Laß das doch gut seyn, wackrer Kamerad!
Wir sind ja Feuerbrüder! Theilen wir!
Kein Trojabrand der Zwietracht flamme mehr
Um eine falsche Helena – wie die!"

„Der Teufel soll mit ihnen theilen, Herr!" zürnte Arno, und Schwarz erwiderte grinsend und heimlich: „Das thut er auch bisweilen!" Arno wollte wieder antworten, aber der Souffleur schellte zum erstenmale, und die Feinde traten einander gegenüber in ihre mimischen Positionen.
Als Schwarz nach seiner Scene abgegangen war, warf sich Venuto entzückt an seine Brust und jubelte: „Bei allen Teufeln, Schwarz! ich engagire Euch, Ihr spielt wie ein Gott!" Er hatte es aber kaum gesagt, als er auch, wie von einem Wetterstrahl getroffen, zu Boden taumelte, und mit dröhnenden Schritten ging Schwarz von ihm.
„Was – war das?" sprach angstvoll leise, indem er sich aufraffte, Venuto, und ein Gedanke, den er kaum auszudenken wagte, machte das Blut in seinen Adern gefrieren.
Indeß hatte Arno mit Heroinen die Scenen voll Gluth und Entflammung, und gewahrte nicht, als sie abgegangen war, und er an Käthe denkend die Worte sprach:
„Und ich hab' sie doch wahrhaft nie geliebt!"
daß Franziska in der Coulisse stand, und ihn so lange und so sehnsuchtsvoll anblickte, bis ihr die Augen voll Thränen standen, und sein Bild in dem feuchten Flor verzitterte.
Franziska war schön, wie eine Lilie; sie hatte nur sehr wenig Roth aufgelegt, und das weiße Kleid und die Myrthenkrone schmückten sie fast reizender, als Heroinen ihr funkelndes Diadem, ihr goldblitzendes Flammenkleid.
In der Vergiftungsscene gab sie mit vollem Gefühl das innigliebende, zärtliche, treue Weib, und Arno–Faust ganz den mit Gott und sich zerfallenen wilden Frevler. Er fühlte mit innerem Groll, wie viel bittere Wahrheit ihm ein spottender Zufall in den Becher der Kunst am heutigen Abend mischte, und bald flammte sein Gefühl zu Heroinen hin, bald zog ihn wieder Franziska's sanfter Reiz, ihre holde Weiblichkeit, gekleidet in wehmuthvollen Schmerz, und auf dem Haupt den Kranz der Erinnerung an süße Freuden, mächtig, ja fast unwiderstehlich an, und unbewußt preßte er Franziska–Käthe, als sie sich in seine Arme warf, inniger an die Brust, als eben nöthig. Da gellte Helenens „Wehe! Wehe!" und aus dem Bilde der Erscheinung flog der Blitzstrahl eines Blickes in seine Brust, der wie Höllenfeuer brannte, eines Blickes, der nicht geeignet war, neue Liebe zu werben, alte zu fesseln. – Als Arno abging, gewahrte er wieder, daß Schwarz und Heroine im freundlichsten Gespräch beisammen standen, und die Flamme wilder Eifersucht loderte auf's Neue in ihm auf, aber ein leises spottendes Gelächter, in das Helene ausbrach, und in welches Schwarz einstimmte, löschte diese Flamme, weckte aber dafür in seiner Brust den verzehrenden Groll, und er schwur sich zu, noch heute Abend eine bestimmte Erklärung von Heroinen über ihr beleidigendes Benehmen gegen ihn zu fordern, und heute noch oder morgen früh sich mit Schwarz über den Mantel zu schießen.
Andere Flammen als diese, die Arno durchloderten, waren in einem andern Innern rege. Fürst Wollmar lehnte sich während des Zwischenaktes, als alle Damenkinnbacken sich in arbeitende Bewegung setzten, und auch die Prinzessin sich mit einem mäßigen Stück Kuchen vergnügte, an die Sammtpolster im Hintergrunde seiner Loge, blinzelte die Augen zu, schwelgte in reizenden Phantasiebildern, und sprach zu sich selbst: „Fürwahr, Eva war ein kluges Weib, daß sie die Schönheit mit aus dem Paradiese nahm, und sie auf ihre Töchter vererbte. Diese Heroine könnte einen Gott bezaubern! Schönheit ist werth, daß wir sie vergöttern! – Heute ist Heroine eine Sonne, die Flammen und Liebreiz zugleich ausstrahlt. Aber auch der Mond ist schön, wenn er unter leichtem Wolkenschleier hinwallt. Heroine soll mir heute noch Mond seyn; überraschen will ich sie. Ueberraschung ist eine Mutter ungehoffter Lust!"
„Ob nur nicht noch etwas passirt?" fragte der Primus sich und Stimmer, und war voller Erwartung. Sein Blick flog nach der düstern Eckloge; Rektor und Conrektor hatten sich einen oder zwei Krüge Bier kommen lassen und labten sich auf bescheidene Weise, daß es die Leute nicht sehr sahen.
Der fünfte Akt begann mit seinen Schauerscenen, seinen Knalleffekten und Höllenjubel. Arno–Faust spielte seine Rolle treu mit der wildesten Aufgeregtheit. Die Zuschauer zitterten vor grauenvoller Lust, die gespannteste Erwartung fesselte jeden Blick, und bannte selbst den lauten Odemzug in der Brust fest. Todtenstille herrschte in dem übervollen Haus. Rascher hüpften die Pulse.
Faust rang mit Helena um den Brautkuß, die Larve sank, aber wie nun Faust zurücktaumelte vor dem grinsenden Todtenschädel, da gellte zugleich in die Donner und die Dissonanzen der Musik ein lauter Schrei, und alles wandte sich rückwärts. Da sah man den Fürsten, seine ohnmächtige Tochter im Arm haltend, mit der Hand beschwichtigend zu dem Publikum hinabwinken; Hofdamen und Kammerfrauen eilten in die Loge; ein dumpfes Getöse entstand durch Theilnahme und Fragen, und alle Aufmerksamkeit auf das Spiel war vorbei. Der Fürst verschwand, die adeligen Logen wurden leer.
Zum Glück gestattete das Stück hier eine lange Pause, aber Venuto lief fluchend hinter den Coulissen auf und ab, schlürfte Salmiak in die Nase, und rief: „Das ist das letztemal, daß ich Faust gebe, das sey hoch geschworen!"
„Was sagte ich?" fragte triumphirend der Primus, und strich sich wohlbehaglich den Bart. Es wurde ruhiger im Theater, die letzte Scene begann, aber wie gut Arno, wie gut Schwarz auch spielten, der Eindruck ging verloren, die Weiber schwatzten, bedauerten die Prinzessin, packten die Strickzeuge ein, und als nun der schönste Brillantfeuerregen zu der Höllenfahrt und all dem Spektakel herabbrauste, und der Vorhang fiel, vergaßen, über der Eile fortzukommen, die Zuschauer fast den Beifall, nur die Gymnasiasten thaten sich rühmlich mit Klatschen hervor, und als der Primus gewahrte, daß Rektor und Conrektor fort waren, rief er mit der Grundgewalt seiner noch jungen Baßstimme: „Arno heraus! Fremder heraus! Heroine heraus!" und Selekta und Prima, nebst einer Abtheilung Sekundaner stimmten in den Donnerruf ein, es erschien aber Niemand, als Venuto im schlichten Oberrock, neigte sich und sprach: „Meine verehrten Herren erlauben mir, im Namen der Gerufenen zu danken, welche sich sämmtlich schon hinwegbegeben haben!"
„Da müssen sie ja auf Faust's Mantel geflogen seyn," murrte der Primus, und folgte der Schaar seiner Kameraden. Stimmer schlug den Weg nach dem goldenen Drachen ein, und sprach zu sich selbst: „Sonderbar – doch eine Störung, und eine auffallende dazu. Ist unsere Prinzessin so nervenschwach? Ihre Ohnmacht hat den ganzen Schluß verdorben; es hat doch in der That mit dem Faust einen Hacken. Und warum spielte denn auf einmal ein Fremder, ohne daß es angekündigt wurde? Hm, hm, hm." –

6.
Heroine hatte sich mit Lisettens Hülfe rasch umgekleidet, und saß in einem lichtseidenen Gewand auf der Ottomane, mit aufgeregten Gefühlen und zitternder Erwartung des neuen Freundes harrend. Der Zufall hatte ihr das Album in die Hände gespielt, das sie seit lange führte. Sie ließ die Blätter durch ihre zarten Finger gleiten, an denen Arno's Ring und noch andere Ringe blitzten. Es standen viele Männer in dem Stammbuch, und manch geheimnißvolles Zeichen, nur der Besitzerin verständlich, erinnerte diese an manche Stunde der Lust, an manche Liebesnacht. Da fiel ihr auch ein Blatt in die Hand, das roth geschrieben war, und ein Schauer überrieselte Heroine, es ging von der Schrift ein seltsames Leuchten aus, auf dem Blatt standen aber als Tafel der Erinnerung die Worte Ariost's:

„La fede unqua debbe esser corotta.
Odata ad un solo, o data insieme a mille;
Senza giurare e segno altro più espresso
Basti una volta, che s'abbia promesso *)."

*) Nach Gries Uebersetzung:
Die Treue darf verletzt sich nimmer zeigen,
Ob Einem sie, ob Tausenden gehört;
Auch ohne Schwur und Zeichen beizufügen
Muß schon das Wort für allemal genügen.

Und darunter stand der Name Notturno. Heroine wandte die Blicke von diesem Blatt rasch hinweg, und barg es unter die andern; und jetzt hörte sie Trittte, und schob die Blätter alle zur Seite. Lisette war nicht im Vorzimmer, und ein Andrer, als Heroine erwartete, stürmte rasch in das Zimmer: Arno.
„Sie, Arno?" rief Heroine, und vergaß ihr Lächeln auf die Wangen zu rufen.
„Ich, Heroine!" antwortete er gepreßt. „Sie erwarten mich nicht, Sie erwarten andern Besuch! Ich bin betrogen, fürchterlich betrogen! Aber Rache will ich nehmen an dem Frechen, der mir ein Herz stahl, das noch gestern mit den heiligsten Schwüren der Liebe sich meinem Herzen verlobte! Fluch meiner Liebe! Fluch meiner Verblendung! O Heroine! Du warst mein Abgott, mein Leben, mein Alles! War ich dir denn so wenig, war meine innige, feurige Liebe zu Dir so wenig, daß Du sie so leichtfertig verschleudern konntest – an diesen Schwarz?!"
Heroine richtete sich mit imponirender Majestät auf. „Arno!" sprach sie mit tiefer Stimme: "Sie sind frei! Vertrauen ist der Liebe Fundament, das brechen Sie mir; wir sind geschieden! Arno – wie ich Sie geliebt – das weiß der ewige Himmel, Sie nicht! Ein Wort von mir, und Sie flehen um meine Vergebung; Ein Wort, und Sie nehmen die entehrenden Beleidigungen zurück, – aber nein! es bleibe unausgesprochen; wer mir nicht vertraut ist meiner Liebe nicht werth!"
Arno stand bestürzt. So konnte die Lüge, die Heuchelei nicht reden. Und wie zauberschön war Heroine in dieser Würde der gekränkten Unschuld, und wie leuchteten noch hinter den Wolken des Zorns die strahlenden Augensonnen der Huld! Er stürzte zu ihren Füßen, und rief leidenschaftlich: „Heroine! Sprich das Wort aus, das mir neues Leben gibt! Bei aller Macht der Liebe, sprich es aus! Ich will Dich anbeten, wenn das Wort Dich reinigt, ich will –"
„Keine Betheuerung, keine Scene!" sprach Heroine. „Stehen Sie auf, Arno. Ein Vertrauender ist im Glauben selig, ein Zweifelnder auch im Schauen verdammt. Arno! Ich vergebe!" rief sie mit lockendem Ton, und erhob ihn. „Arno, aufbrausender, heftiger Mensch, ich möchte Dir zürnen können! Ich will Dir das Wort sagen, daß Du wieder gut wirst, aber wirst Du dann auch recht gut seyn?"
„O Heroine! Du machst mich zum Kinde!" erwiderte Arno, und preßte Küsse auf ihre Hand, und sah seinen, jetzt ihren Ring, und mußte an seine selige Mutter denken. Heroine aber blickte ihn mit zauberischem Lächeln an, und sprach mit allem Wohllaut ihrer Stimme, in der sich mit dem sanften Vorwurf die innigste Herzlichkeit vermählte: „Arno! Der Mann, den Du aus tiefster Seele hassest, dem Du nicht einmal eine armselige Gastrolle gönnen wolltest, den Deine Gedanken verfolgen, den Du als Nebenbuhler vertilgen möchtest, Schwarz, dieser Schwarz – ist mein Bruder! –"
Heroine erwartete nichts Minderes, als daß Arno jetzt reuig an ihre Brust sinken sollte, und hob schon die Arme, ihn zu umfangen, aber er trat hinweg von ihr, starrte sie mit wilden Blicken an, und rief laut: „Ha, Lügnerin! Schmachvolle Lügnerin! jetzt kenne ich Dich! So wisse denn, was Schwarz – Dein Bruder! – von Dir sagte!" Und schonungslos donnerte er ihr ein Wort zu, dessen Mißklang in ihre Seele
schnitt, wie ein scharfer Dolch, und mit einem unartikulirten wilden Schrei sank sie auf die Ottomane zurück, ächzte, stöhnte, und hoch auf wogten ihres Busens ungestüme Wellen. Sie schloß die Augen auf zwei Augenblicke, aber als sie sie wieder aufschlug, glühte aus ihnen versengende Höllenflamme, sie sprang auf, einer Furie gleich. Noch immer stand Arno zürnend dort, und seine Blicke brannten auf ihr, und seine Seele, zerrissen vom namenlosen Schmerz der Enttäuschung, weidete sich an ihrer Qual.
Schon wollte Heroine eindonnern auf Arno mit all der Heftigkeit und dem betäubenden Geschrei eines in Wuth gebrachten Weibes, als die Thüre aufging, und – der Fürst eintrat. Arno wich scheu zur Seite, Heroine, in wilder Leidenschaft kaum noch ihrer Sinne mächtig, stürzte zu Wollmars Füßen, und jammerte: „Euer Durchlaucht! Rettung! Hülfe! Ich bin beschimpft – entehrt – dieser Mensch – wahnsinnig! o mein Fürst, mein hoher Herr!" – Sie sank in Ohnmacht.

Einen finstern Blick schoß der Fürst auf Arno uns sprach: „Wer sind Sie? Was wollen Sie? Entfernen Sie sich jetzt – ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen für jede Kränkung, die sie dieser Dame angethan!"
„Diese Dame, Euer Durchlaucht," erwiderte Arno schneidend: „war meine Geliebte. Ich wußte nicht, daß sie so hohe Beschützer hat, und glaubte ein Recht zu haben, hier zu seyn. Was zwischen uns vorging, geht keinen Dritten an, wäre er auch der Mächtigste!"
„Ihre Geliebte?" sprach der Fürst verächtlich, und hob die tiefathmende, sich erholende Heroine auf. „Wenn Treue feil wird, biete ich nicht mehr darauf." Er ließ die Künstlerin auf die Ottomane gleiten, und fragte: „Ist das wahr, Heroine? War das Dein Geliebter? Theilte er mit mir? Waren meine Gaben noch zu geringer Lohn? Theilst Du an Fürsten wie an Bettler gleich verschwenderisch Deine üppigen Liebesmahle aus?" –
Heroine schlug die Hände vor die Augen, Arno stand vernichtet von den Worten Wollmars, und heftiger lohte sein Zorn auf. – Also auch dieser, auch dieser – !

Die Uhr schlug eilf, und ein Wagen rollte in die Straße und hielt vor dem Haus. Heroinens Gesicht war schneebleich geworden, ihre Augen sanken tief ein, fast glich ihr Antlitz der furchtbaren Todtenlarve, die sie heute als Helena dem entflammten Faust gezeigt, und als ein Dämon der Hölle erschien sie Arno auch jetzt. Er blieb immer noch, und Fürst Wollmar stand mit untergeschlagenen Armen vor ihr, und seiner Augen furchtbarer Richterblick ruhte durchbohrend auf ihr. Da war es, als ob ein Sturmstoß die Thüre gewaltsam aufreisse, und zu den beiden zornigen Männern schien noch ein Dritter sich gesellen zu wollen; er stand auf dem Vorsaal, sichtbar nur in dämmernden Umrissen, in einen Mantel gehüllt, eine hohe Gestalt, ganz so, wie heute im Faust in der Wetternacht der dunkle Mime erschienen. Er trat in das Zimmer. Heroine schrack auf.
„Gesellschaft!" höhnte Schwarz, wild auf Arno und den Fürsten blickend. „Hat meine Heroine zum Schutz oder zur Unterhaltung Freunde gebeten?"
„Seine Heroine?" grollte Wollmar, aber Arno trat zu dem düstern Gast, und fragte auch: „Im Namen der Wahrheit, Herr! sind Sie Heroinens Bruder?"
Schwarz sah den Frager fixirend an, dann antwortete er kurz: „Ja!"
„Dann –" wollte Arno weiter reden, aber Schwarz bewegte die Hand gegen ihn, und das Wort erstarb ihm im Munde:
„Heroine!" rief Schwarz, und als sie ihm nicht antwortete, faßte er sie am Arm, bog sich über sie, und rief noch einmal mit schrecklicher Betonung: „Heroine, kennst Du mich?!"
Da suchte sie ihn von sich zu stoßen, und kreischte gellend: „Notturno!"
„Du sagst es, ich bin's!" sprach der Mime: „Kennst Du mich nun, verworfene Buhlerin? Du warst an mich gefesselt durch Schwüre, die noch kein Sterblicher zu brechen wagte, Du brachst sie mit triumphirendem Frevelmuth, und dafür bist Du nun doppelt mein! Denkst Du des Marchese Furio, mit dem Du in Vizenza schwelgtest, und ihm Treue gelobtest für Zeit und Ewigkeit? Der war ich! Denkst Du des Düc de Clermont, der Dich dem Marchese entführte, dann in Paris Dich unterhielt, dem Du ewige Liebe mit tausend Eiden gelobtest? Der war ich! Dort sahst Du den Mimen Notturno, und Dein Herz entbrannte für ihn in wilder Gluth, Du entflohst dem Düc und warfst Dich in meine Arme. Denkst Du der Mitternacht, wo wir so feurig glühten, wo der flammenrothe Schaumwein Dich begeisterte, wo wir den Blutbund schloßen, und Du Dich mir zuschwurst – mir und keinem Andern? Doch auch diesen Bund brachst Du, frech sündigend, und die Sünden sind nun meine Triumphe, und Du bist mein, Heroine! Komm!!"
Dieses Komm! rollte wie Donner aus dem Mund des dunklen Mimen; Heroine lag starr auf den weichen Polstern, starr und vernichtet. Eisiges Grausen ergoß sich durch Wollmars, durch Arnos Adern; beide standen wie gefesselt. Und jetzt erlosch die Astrallampe. Wie Phosphorleuchten glühte auf dem Tisch das Blatt mit der Blutschrift und dem Namen Notturno, und durch das Gemach zuckte es wie eine blaue Flamme, wimmerte es wie ein Todesseufzer. Der dunkle Mime aber nahte Heroinen, faßte, erhob sie, schlug seinen Mantel um sie, und führte sie hinaus, man hörte aber keinen Tritt, nur ein dumpfes Rauschen, und es fiel etwas klingend zu Boden; gleich darauf brauste unten ein Wagen durch die Straße, und es war, als ließe sich aus weiter Ferne die Stimme eines heulenden Weibes vernehmen.
Arno war betäubt auf einen Stuhl gesunken, Fürst Wollmar fror, und hüllte sich in seinen Mantel. Er sprach bebend: „Wenn das ein Traum ist, träume ich sonderbar und lebhaft; wenn es kein Traum ist, könnte es wahnwitzig machen! – Tiefer als der Abgrund der Hölle ist der Abgrund in eines Weibes Herzen, doch auf der Spiegelglätte seiner Heuchelei malt sich der Himmel täuschend ab." – Hastigen Schrittes enteilte der Fürst.
Arno ermunterte sich aus seiner Betäubung erst, als Lisette mit Licht eingetreten war, und ihn bestürzt nach ihrer Herrin fragte.
„Sie ist fort – fort –" sprach er: „frage mich nicht, wohin? Ich weiß es – nicht!"
Am Boden blitzte etwas, Lisette hob es auf, hastig griff Arno darnach: „Mein Ring, der Ring meiner guten Mutter!" rief er freudig, und küßte das Kleinod. „Deine Herrin wird nicht wieder kehren!" sprach er zu der Dienerin: „Was sie hinterließ, nimm als Dein Erbtheil – gute Nacht!"

Am Morgen des nächsten Tages liefen seltsame und unerhörte Neuigkeiten in der Residenz vom Mund zu Mund, die man sich jedoch nur leise und heimlich zuflüsterte. Auf den Gesichtern der Schauspieler, die durch die Straßen eilten, las man theils Freude, theils Bestürzung.
Venuto hatte sehr früh ein Schreiben vom Geheimsekretär des Fürsten erhalten, folgenden Inhalts:
„Im Namen Sr. Durchlaucht, unsers regierenden Fürsten und Herrn, wird dem Schauspieldirektor Venuto die Weisung ertheilt, mit seiner Truppe binnen zweimal vierundzwanzig Stunden die Fürstliche Residenz zu verlassen; seine Durchlaucht wollen die Gnade haben, alle von der Gesellschaft bis dato etwa bei Bürgern und Einwohnern gewirkten Schulden zu decken, und stellen anbei zu diesem Behuf und zur Entschädigung die Summe von tausend Gulden zur Verfügung des Direktors."
gez.
„Ottmar, Geh. Sekretär."
Venuto war überrascht, doch nicht unangenehm, das Geld heilte die Wunde, die der anscheinend harte Befehl schlug, aber wie ein Wetterschlag trafen ihn die Nachrichten, mit welchen Böhme in hämischer Schadenfreude zu ihm eilte: „Gestern lachtet Ihr, und höhntet mich, Venuto, heute komme ich daran! Wißt ihr schon die Neuigkeiten? Der Fürst läßt sein Theater abbrechen, ein Stich! Euer Gastspieler von gestern hat sich skissirt, und spielt Euch nicht mehr auf. Zwei! Euer schöner Lockvogel, Heroine, ist zum Teufel – mit ihm! Drei! Franziska ist gestern Abend krank geworden! Vier! Arno hat ein hitziges Fieber! Fünf! Und Böhme erinnert Euch an Eure gestrigen Grobheiten, bittet sich seine Gage aus, und geht! Trumpf! Schellenneune!"
Venuto antwortete keine Silbe. Er legte einige Geldrollen vor Böhme hin, warf ihm zerrissen ihren Kontrakt vor die Füße, und zeigte nach der Thüre. Böhme rollte die Augäpfel
von einem Winkel in den andern mit großer Geschwindigkeit, schob das Geld in die Tasche, und schied ohne Dank.
In zwei Tagen waren außer den beiden Erkrankten keine Schauspieler mehr in der Stadt, zum großen Mißbehagen der Gymnasiasten, wie zur großen Freude ihrer Lehrer, denn noch nie hatten die Schüler schlechtere Ausarbeitungen gebracht.
Arno sah und sprach Franziska, als beide genesen. Er fand in ihr immer noch das sanfte, liebevolle Herz, und zum Vergeben so geneigt. Reuig kehrte er in ihre Arme zurück; sie ward sein Weib, und war, was schöne Schauspielerinnen so selten sind, ihrem Gatten, den sie beglückte, treu.
Ueber den unbekannten dunkeln Mimen sprach man in Wollmars Residenz noch lange, und trug sich mit mährchenhaften Sagen. Wie oft auch in spätern Jahren wieder wandernde Truppen dort spielten, niemals durfte, auf hohen Befehl, weder Faust von Klingemann, noch ein anderer, aufgeführt werden. (1-96)


Ludwig Bechstein: Die seligen Fräulein. Eine Sage aus Tirol (1839, Aus Heimath und Fremde I,1)

Frau Kienz aus Lengenfeld im Oetzthal verließ ihr kleines Haus, und stieg bergan. Sie trug einen Korb voll frisches Brod, eine Flasche Kirschwasser, und stützte sich auf einen schlanken Alpenstock. Am Gürtel hing ein Rosenkranz. Außerdem trug Frau Kienz noch den kleinen Franz, einen frischen Buben, der nur erst vier Monate alt war. Der Vater sollte ihn einmal küssen. Der Vater aber wohnte hoch auf dem Gebirge in einer kleinen Sennhütte, und hütete das Vieh; deshalb hatte Frau Kienz einen weiten und beschwerlichen Weg. Wäre sie eine Fremdlingin gewesen in diesem Thale, eine stolze reisende Engländerin etwa, oder eine gefühlvolle deutsche Dichterin, so würde sie mehr als ein be/wunderndes O und Ach ausgerufen haben, und noch öfter ausruhend stehen geblieben sein, als Frau Kienz es that, und zufolge ihrer Last thun mußte. Wie entzücken diese wilden Bergparadiese, wie erheben sie die Seele! Tief unten das Thal mit seinen leuchtenden Wiesen, seinen zahlreichen einzeln liegenden Bauernhäusern, die bald zu Punkten werden, je höher der Alpenwandrer steigt; dann die schönen dunkelgrünen Wälder, und hoch über den Wäldern die Felsenregionen mit glänzenden Matten und einer Wunderfülle herrlicher Alpenblumen; endlich höher noch die starre Oede kahler Granitmassen, wo treuloses Gerölle verwitterten Gesteins den Fuß des Wandrers straucheln macht, wo das niedrige Krummholz nicht mehr wächst, wo kaum noch die Eisnelke ihre einsamen Blüthen treibt. Und über diesen noch in hoher furchtbarer Erhabenheit die Region des ewigen Schnees, überragt von gigantischen Fernern, von Gletscherwänden begrenzt, und von Eisbächen bewässert, die von Felswand zu Felswand niederstürzen, wachsend, schäumend, brausend, donnernd, die von ferne gesehen, reinen/ unbeweglichen Silberfäden gleichen, in der Nähe aber mit ihren stäubenden gewaltigen Massen und ihrem Donnerfall den Beschauer im tiefsten Mark erschüttern.
Frau Kienz war schon recht hoch gestiegen; sie achtete nicht auf den mühsam zu wandelnden Pfad, die Hoffnung und die Freude gaben ihr Muth und Kraft. Sie dachte sich schon oben bei ihrem Manne, dem muntern Josel, wie er sich freuen und den Franzl herzen würde. Der Franzl war ein gar zu lieber Bube, und wenn er lachte, war es der Mutter, als ob sich der Himmel aufthue und ein
Engel sie holdselig grüße. Ihr Pfad wurde eng und gefährlich, aber sie wußte den Alpenstock gut zu führen, und glitt nicht aus. Jetzt war sie einer kleinen Kapelle nahe, die am Wege stand. Fromme Hände hatten das Muttergottesbild mit Alpenblumen geschmückt, und am Gitter hing ein frischer Kranz von Rhododendron. Der kleine Franzl schlummerte und Frau Kienz stand still, stellte leise ihren Tragkorb an den Weg, hob den Franzl heraus, der von der Be/wegung erwachte, und zu schreien begann. Da setzte sich die Frau auf eine Felsbank nahe bei der Kapelle, öffnete ihr Mieder und stillte mit Mutterlust das Kind, Franzl trank und schlief bald wieder ein. Frau Kienz legte den geliebten Schläfer sanft in das duftige Moos am Weg, aus dem die zarten Blüthchen der Möhringia zu Tausenden auf den vielfach gegliederten Fäden ihrer Stengel hervorsproßten, und nun nestelte sie ihren Rosenkranz vom Gürtel, und knieete auf dem Betschemel vor der kleinen Kapelle nieder. Sie sprach mit frommen Gedanken, selbst voll Mutterseligkeit, das Ave: „Gegrüßet seist Du Maria, voller Gnaden! Der Herr ist mit Dir! Du bist gebenedeiet unter den Weibern, und gebenedeiet ist die Frucht Deines Leibes, Jesus Christus! Heilige Maria, bitt für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unsers Absterbens! Amen.“ Und hierauf betete sie noch lange fort. Rings um sie her war tiefe Stille, nur die wilde Achen brauste aus dem Thale dumpf herauf. Der Knabe schlief./
Eine dunkle Bergwand, Morin genannt, senkt sich steil, abschüssig in das Thal der Achen hinab, und gipfelt sich in schauriger Größe himmelan. Oben ist eine kleine Matte, so von Felsen eingegrenzt, daß noch kein weidendes Rind, kein kühner Alpenjäger sie betrat, ein Asyl der schlanken Gemsen. Ueber dieser Matte hängen wieder zerklüftete Felsen nieder, auf deren Scheitel ewiger Schnee, ewiges Eis ruht.
Hoch über der dunkeln Morin schwebten langsam in geheimnißvollen Kreisen drei Lämmergeier. Einer von ihnen richtete seine blitzenden Augen zur Tiefe, nach der Stelle, wo Frau Kienz betete, und richtete auch seinen Flug tiefer und immer tiefer, schnell wie ein sausender Pfeil; dann als er nur noch thurmhoch über der Bergkapelle schwebte, zog er wieder einen großen Kreis, ehe er sich niedersenkte und zog immer enger den Kreis, und schoß den Blitz seiner Augen voraus nach dem schlafenden Kindlein. Und die Mutter betete fort, alle die Vaterunser, Glauben, Psalter, und fügte zu jedem englischen Gruß ein Geheim/niß, und war schon beim fünften Gesetz, und endete, und zeichnete sich mit dem Zeichen des Kreuzes, da hörte sie mächtigrauschenden Flügelschlag, sah sich erschrocken um nach dem Kind, und sah das Kind nicht mehr, und es flog ein Schatten über die Kapelle, wie ein Wolkenschatten. Frau Kienz sank mit einem Angstschrei zu Boden, sie hatte aufgeblickt, hoch über ihr schwebte der Geier mit dem Kind, hoch und immer höher in die blaue Luft, und das herzzerreissende Angstgeschrei der unglücklichen Mutter flog ihm nach und schallte hundertfach von den Felsen. Erst wurde ihr schwarz vor den Augen, als sie so in unsäglicher Angst dem Geier nachblickte, und sie warf sich wehklagend nieder, dann sah sie wieder hinauf, und erblickte kaum noch den grausamen Räuber, es war ihr, als umschwebten ihn noch zwei andere, und ihr Schmerz fand nur stammelnde Worte, abgerissene Klagelaute, wie ihr Herz zerrissen war.
„Habt ihr ihn – meinen Franzl, meine Lust – mein Leben – o ewiger Herrgott! Ihr wil/den Teufelsgespenster des Gebirgs – habt ihr ihn hinaufgeholt? O Gott, o Gott! Was thue ich, was fange ich an! Armer, armer, armer Franzl! Arme Mutter! Mein einziges liebes Kind! Was wird der Josel sagen? Soll ich vollends zur Alm hinauf? Soll ich mich nicht lieber hinunterstürzen in die Achen! O heilige Mutter Gottes!“
So klagte hier die Mutter; über der starren Morin aber wurde der Lämmergeier unsichtbar.
Endlich warf sich die verzweifelnde Frau vor dem wunderthätigen Gnadenbilde nieder, und flehte laut aufjammernd: „O heilige Maria! Willst Du Gebenedeite nicht auch für mich ein Wunder thun? Das wäre freilich ein rechtes Wunder. Ein Wunder über alle Wunder, wenn ich mein Kindlein lebendig wiedersähe! Aber Dir ist nichts unmöglich, Mutter Gottes! bitte bei Gott und Deinem Sohne für meinen Sohn! Wenn er noch lebt, der Franzl, so kann er die Fürbitte wohl brauchen! Und wenn du es willst, Maria, so lebt er noch, und wenn es Dein gnadenreicher/ Wille ist, daß ich ihn wieder haben soll, so tragen ihn die Engel wieder aus der himmelhohen Bergeshöhe zu mir. Amen, mein Heiland! Amen, Maria! Ich will hinauf zum Josel, vielleicht schlägt er mich todt, auch gut, so komme ich zu meinem Kind, wenn mein Kind nicht zu mir kommen soll. Amen!“
Nach solchem verwirrten schmerzlichen Gebet raffte sich Frau Kienz auf, und setzte ihre Wanderung weinend fort. Sie sah dabei mehr zum Himmel auf, als auf den Weg, denn sie meinte immer, der Geier müsse noch da oben in den blauen Lüften schweben, und das Kindlein säuberlich wieder herunter tragen, so stark war ihr Glaube. –
In das Oetzthal und seine stillen romantischen Seitenthäler sank schon der Abend, auf den Bergen aber weilte noch freundlich das reine Licht. Die Hirten jodelten laut, und jauchzten einander von Berg zu Berg, von Alm zu Alm die wohlbekannten Grüße zu. Das Alpenvieh ward wieder nach den Sennhütten getrieben, die melodi/schen Glocken klangen, das erhabene Schweigen dieser freien Höhen schien mit dem sinkenden Tag feierlicher zu werden, die fernen Gletscher schmückten sich schon mit dem zaubervollen Rosenkleid, und prangend, aber kalt, standen sie, die Alpenrosen des Todes.
Die Hütte Josels stand einsam mitten auf grasreicher Alpentrifft. Sonst hatte Frau Kienz geschäftig darin gewaltet, und ihre fleißige Hand hatte manchen riesengroßen Alpenkäse oben geschaffen. Als aber das letzte Mal das Vieh hinaufgetrieben wurde, war die Frau des Hirten noch zu schwach zur Folge, und es mußte eine andere Sennerin als Magd mit hinauf.
Der muntre Josel stand auf einem Felsenvorsprung, und jodelte lustig in das Abendroth, während die Herde langsam die gewohnte Richtung nach der Hütte einschlug. Er sah hinüber auf die Platte über der Morin, gewahrte dort ein Rudel muntrer Gemsen, und bekämpfte still die erwachte Schützenlust, denn dort hinüber trug kein Stutz (= Jagdgewehr, sk), dort fanden die überall feindlich ver/folgten Thiere eine heilige Freistatt, um so heiliger, als der Glaube des Volks dorthin den Aufenthalt dreier schützenden Genien versetzte. Dort, und allein dort wandelte auch noch in ruhiger Majestät der Steinbock, und trug voll Stolz sein riesiges Gehörn.
Wie der Josel so hinübersah, gewahrte er über den Fernern und Kogeln, die noch hoch über die Morin emporragten, im Abendblau einen leuchtenden Punkt, der näher und näher kam. Josel sah scharf hin, und bald entdeckte sein geübtes Auge, daß es ein Geier der größten Art war, welcher seinen Flug nach der Alme nahm. Wie der Geier sich noch tiefer senkte, dachte Josel bei sich selbst: „Verdammt, hätte ich doch den Stutz nicht in der Hütte gelassen, und könnte diesem sakrischen (= verfluchten, sk) Kerl eins auf die Platte brennen; die verfluchte Brut frißt vollends alle jungen Gemsen weg, daß einem armen Wilderer kaum noch etwas übrig bleibt. Hat dieser Satan nicht wieder ein junges Thier in den Klauen? Ja, weiß Gott! Er hat sein Abendbrod schon geholt, und will/ es vermuthlich hier verschmausen. O hätt' ich doch den Stutz!“
Während Josel solche vergebliche Seufzer nach dem in der Hütte heimlich verborgenen Jagdgewehr ausstieß – denn die Hirten dürfen keine Gemsen birschen (= jagen, sk), und thun es nur heimlich – flog der Geier immer tiefer, und Josel schrie: „Jesus Maria, Joseph! Das ist ja kein Wild – um aller Heiligen Willen, das ist ja ein Kind! ein Kind!“
Nur etwa funfzig Gänge von Josel saß der Lämmergeier, und schien die Beute zu betrachten. Er neigte den Kopf mit den großen gelben Augensternen herüber und hinüber, öffnete den scharfen Krummschnabel und stieß ein gellendes widriges Geschrei aus. Dann schien er einmal mit dem scharfen Schnabel in die Beute zu hacken, und Josels Herz klopfte hörbar. Er lief dem Geier näher, er fasste einen starken Stein, klingend saußte der Stein nach dem Raubvogel und dieser flog auf. Die Beute blieb am Boden, Josel rannte hin, und griff mit einer Hast danach, als/ wollte er sie selbst rauben. Der Lämmergeier aber umkreiste mit Gekreisch die Matte, immer höher steigend, und schwebte dann ruhig, ohne nur einmal mit den Flügeln zu schlagen, zur Morin hinüber.
Josel betrachtete das Kind, und brach in Ausrufe der Verwunderung aus. „Heiliger Joseph! Ein Kind, wahrhaftig ein Kind! O Wunder Gottes! Es lebt noch, es ist unversehrt, die Fänge des Unthiers haben es nicht getroffen, aber wie sind die Lacken und Lappen zerfetzt, in die es gewickelt war! Du armer Schelm! Wem bist du denn? Mein Gott, wie wird sich deine Mutter grämen! Armes Lamm! So hoch in der Luft! Die Bäcklein sind blitzblau und das Näschen blutet. Großer Schöpfer!“
Josel lief mit dem Kind, was er laufen konnte, nach der Sennhütte zu, und rief so laut er konnte: „Mierle! Mierle!“ so hieß die Sennerin. Mierle kam herbei und empfing den Fund. Sie legte das Kind hin, molk rasch eine Kuh, flößte dem halberstarrten Kleinen Milch ein, und/ wusch es mit der Milch. Nach einer Weile regte sich's , ächzte, und bald darauf schrie es auch, zu Josels und Mierles unaussprechlicher Freude. Mierle suchte es zu beschwichtigen, und legte es, als es wieder schlief in ihr ärmliches Bett, das freilich nur aus einer Unterlage von Heu und wenigen Decken auf einem harten Brettergestell bestand, während Josel sich das frugale Abendbrot schmecken ließ./
Mit dem letzten Strahl des sinkenden Tages erreichte Frau Kienz die Matte, so schmerzenreich und schmerzensmatt, wie nie eine Mutter. Ihr graute vor dem Augenblick, in welchem sie vor ihren Mann treten sollte, und allein. Ihr war, als sei sie im weiten Raume der Schöpfung allein, wie sie hier oben auf klippenvoller schwindelnder Höhe zwischen verkrüppelten Bäumen, mit der schweigenden Natur und ihrem Himmelschreienden Schmerz allein war. Wie ein Schatten schlich sie über die Matte, langsam und abgehärmt, und Centnergewichte schienen an ihren Füßen zu hängen./
Endlich öffnete sie langsam die Thüre, und mit einem freudigen: „Grüß Dich Gott, Frau!“ sprang Josel auf, und schrak zurück vor ihrem bleichen Gesicht, ihren thränenden Augen. „Was ist’s? Was ist Dir geschehen?“ fragte er bestürzt; aber sie blieb ihm die Antwort schuldig, sie breitete die Arme aus, und sank matt und weinend an seine Brust.
„Frau, wo hast Du den Franzl? Hast Du ihn nicht mehr? Ist er todt?“ fragte, von einer bangen Ahnung befallen, Josel, und das Schweigen der Frau bestätigte seine Frage.
„Ich bitte Dich, rede!“ bat der Mann, und die Frau entwand sich schluchzend seinem Arm und stammelte: „Erst heute, liebes Josele! Auf dem Weg – betete ich, und hatte den Franzl hingelegt, auf einmal war er weg – ein Geier – hatte ihn – und flog mit ihm fort.“
„Ein Geier!“ schrie Josel laut auf: „Ei daß Dich der Geier – ! Jesus Maria Joseph! Frau, ist's denn wahr? Potz Geier! Mierle! Mierle!/
Die arme Frau Kienz sah ihren Mann bestürzt an, denn er gebehrdete sich ganz anders, als sie erwartet hatte, er verzog seine heitre Miene nicht zur traurigen, er schien vielmehr das Lachen zu verbeißen, und sah nach der Thüre der Kammer, wo die Milchgefäße standen, und wo die Magd ihr Lager hatte. Da trat das Mierle herein in seiner kurzen Jacke und seinen Leinwandhosen, wie alle Tyroler Sennerinnen tragen, und trug auf ihren Armen das Kind. Der Frau Kienz aber schwanden fast die Sinne, und sie wußte nicht, ob sie wache oder träume, lebe oder gestorben sei, mindestens glaubte sie im Himmel zu sein. „Mein Kind, unser Kind, unser Franzl!“ Das war alles, was sie sprach, während sie das Kleine dem Mierle abnahm, und es herzte, dann lachte und weinte sie zugleich, und rief: „Gelobt sei Jesus Christus und seine gebenedeite Mutter!“ Der Josel aber sagte Amen dazu, und das Mierle sagte auch Amen.
Mittlerweile war es draußen Nacht geworden, und die Sterne leuchteten hell über der Berggi/gantenwelt, die hier schlief, ein wunderbares Chaos von blühenden und todten Massen; auch die fernen Eiswände und ungeheuren Schneefelder leuchteten wie Mondschein, mit einem seltsamen und geisterhaften Licht. Um manche der hochragenden Bergzacken und Eisthürme schwebte silbernes Gewölk. – Aus der Alpenhütte schwebte zwei glücklicher Herzen feuriges Dankgebet.

Nach diesem Ereigniß waren zwanzig Jahre vergangen. Der Hirte Josel und seine Frau lebten beide noch, kräftige Bergnaturen, denen Keiner das halbe Jahrhundert ansah, welches sie bereits verlebt. So oft der König Lenz seinen Einzug in die Thäler und auf die Höhen Tyrols durch lautbrüllende Lawinendonner verkündigte, so oft das Alpenvieh auf die Berge getrieben wurde, versäumte jenes Ehepaar niemals bei der alten Bergkapelle zu knieen, und dem wunderthätigen Marienbild irgend ein Dankopfer seiner frommen Herzen über jenes hohe Wunder der Rettung seines ersten Sohnes darzubringen, war es auch nur/ ein Blumenkranz, eine geweihte Kerze, ein Band, und dergleichen. Hing doch auch neben dem Bilde ein zierliches kleines Wickelkind von rothem Wachs unter Glas, und auf einer Votiftafel mochte jeglicher Wandrer jene wundersame Geschichte lesen, die Namen und Datum beglaubigte.
Süßer, seliger Glaube! Dein frommer Kinderblick ist immer aufwärts gerichtet, oben das Heil wissend, von oben das Heil hoffend. Dir wird jeder glückliche Zufall zum Engel des Herrn, und Gottes helfende Vaterhand scheint dir sichtbarlich nahe. Du glaubst an Mittler zwischen Gott und dir, einfaches Hirtenvolk, eine Heilige aber nennst du nicht, und findest sie nicht in deinem Kalender, welches die größte Mittlerin ist zwischen Gott und den Menschen, eine Heilige, in deren Schoos du dein Dasein hinbringst in stiller Abgeschiedenheit von der Außenwelt, die ewige, herrliche Natur!
Von dieser Schutzgöttin gekräftigt, war der Sohn des Hirten Josel der schönste Bursche im ganzen Oetzthal, von Oetz bis zu dem armen/ Vent, dahinter in unzugänglichen Schluchten der Achenbach sein Bette wühlt, darüber der Hohenachtferner und der Hochjochferner ihre majestätischen Gletscherwände erheben, starr, einsam und unermeßlich erhaben. –
Franz war ein Hirte, wie sein Vater; Vater und Mutter aber hatten nicht unterlassen, ihm sein wunderbares Schicksal, das ihn als Säugling betroffen, oft zu erzählen. Die Mutter zeigte ihm die Stelle am Bergpfad, wo sie ihn hingelegt, der Vater zeigte ihm die Stelle auf der Alm, wo der Geier ihn abgesetzt, und hatte den merkwürdigen Ort mit einem Stein gezeichnet. Schon als Knabe hatte Franz oft geäußert: „Was hilft es mir, daß ich als kleines Kind so hoch oben war, vielleicht auf der Platte über der Morin? Jetzt möchte ich dort sein! Jetzt möchte ich hin!“ Solche thörichte Wünsche hatten ihm dann jedesmal Vater und Mutter verwiesen.
Der Knabe war zum Jüngling erwachsen, und hatte oft mit guten Gespanen (= Freunden, sk) die weiten Bergreviere durchstrichen, hatte in heimlicher und gefahrvoller Jagd manche Gemse geschossen, und/ seinen Hut mit den glänzenden Federn des selbsterlegten Schildhahns geschmückt. Sein Lebenselement die Höhen, kam er nur wenig herab in das Dorf, fehlte oft bei den sonntäglichen Festen, Tänzen und Trinkgelagen, bei dem kurzweiligen Kegelwerfen, aber niemals beim Scheibenschießen und beim Ringkampf. Die Liebe hatte ihn noch nicht beschlichen, er war gleichgültig gegen die Dirnen des Dorfes, und wenn er mit andern in der Nacht des Ostermontags fenstern ging, von den Dirnen bunte Eier zu sammeln, so that er es eben mehr des Scherzes wegen, als aus Herzenstrieb, und beneidete die Gaselbuben nicht, die neben den Eiern noch süßern Lohn von ihren Liebhaberinnen empfingen.
Eines Tages wandelte Franz den Almensteig zur Hochalm hinan, und blickte sehnsüchtig an der Morin hinauf; er sah wieder einige Lämmergeier um die Firnen schweben, und dachte bei sich selbst: Könntet ihr mich doch jetzt dort hinauftragen, wo in einem Zauberschloß die seligen Fräulein wohnen! Wer weiß, ob nicht eine Solche/ es war, die damals mich raubte, als ich ein Kind war, und mich zu dem Vater trug. Ist mir doch immer, als sei ich bestimmt, jene Stellen zu betreten, die noch keines Menschen Fuß betrat, und ich will sie betreten. Ja, ich will es wagen! Heimlich will ich mich mit allem, was ich brauche, versehen, will Keinem sagen, was ich vorhabe; es muß mir glücken!
Diese kühnen Gedanken machten den Jüngling sehr froh, er stieß ein jauchzendes Freudengeschrei an der Stelle aus, wo einst seine Mutter ein Jammergeschrei um ihn ausgestoßen hatte, und die Felsen, noch eben so willig, wie vor zwanzig Jahren, hallten den Jubel wieder. Franz zog seinen Hut, als er an der Wegkapelle vorbeiging, schlug ein Kreuz, und dann sang er wieder in lustiger Schnader-Hüpferl-Melodie:

„Auf dem Berg steht a Gemserl,
Luegt herunter ins Thal,
Und da schießt der Herr Förster,
Und trifft's nit amal!/

 „Frische Bub’n auf den Almen, –
die haben guet'n Muth,
Und ziel'n nach dem Gamserl,
Und treffen's a guet!“

 Sein helles Jodeln hallte noch lange durch den Bergwald, in welchem der Almensteig emporzog, tausendfach umblüht von Alpenveilchen, den schönsten Steinbrecharten und dem rostfarbigen Rhododendron, das aus den Felsklippen hervorwucherte.
Auf der Hochalm stand Franz, tief unter sich sah er die Sennhütte liegen, wo seine Aeltern hausten, und noch gar manche andre Hütte, manchen Trieb, wo mehrere Hütten beisammen standen. Eine unermessliche Aussicht breitete sich unter ihm aus, aber der Sohn der Berge hatte kein Auge für die längstgewohnte Pracht, Er sah hinüber nach der Platte über der Morin, die immer noch tausend Fuß höher zu liegen schien, als sein dermaliger Standpunkt. Scharfe Felsenkanten, eine über der andern, senkten sich schroff abschüssig in das Achenthal und das Grün jener Hochmatte/ grenzte an den ewigen Schnee. Zahlreiche Wasserfälle wälzten ihr flüssiges Silber den Thälern zu, darunter die Kaskade in der Nähe von Umhausen die gewaltigste und herrlichste.
Unverwandt schaute Franz hinüber zur Morin. Wie magnetisch zog es ihn hinüber, und alle die Mährlein und Sagen, die seine Knabenjahre umtönt, traten frisch und lebendig vor seine Seele, er sah sich schon im Geist da drüben auf dem gefeiten Land, sah sich begrüßt von dem Zauberschwesterkleeblatt, das dort wohnen sollte.
An einem Sonntage im Monat Juli begann Franz seine Wanderung. Er wählte die Nacht zum Ausmarsch, und als die Aurora des schönen Sommermorgens die Gletscher röthete und das Leben der Thäler wach rief, stand schon der kecke Jüngling in der Tracht eines Gemsenschützen auf hohem Grat, dem schärfsten Auge im Thal entrückt, zog das Sturmband seiner Pelzkappe fester um das Kinn, schnallte die Steigeisen an die starken Schuhe, that einen guten Zug Tyroler Landweines aus der Feldflasche, und klomm mit/ Hülfe des gestachelten Alpenstockes weiter empor, zu einer Höhe, und auf Pfaden, vor denen selbst dem Schwindelfreien grausen mochte, nur nicht dem kühnen Alpenjäger, den eine unerklärliche Macht bewog, sich allein auf diese so gefahrvolle Bahn zu wagen. Wohlgemuth schmückte er seinen Hut mit Edelweiß und dem duftenden Speik, und stieg immer höher.
Endlich war er so hoch, daß er nach seiner Meinung dem höchsten Rand der Morin gleich stand; rund um ihn her war die Oede einer Wüste gelagert, nur der einförmige Ruf des Schneehuhns durchtönte bisweilen die furchtbare Wildniß. Graue Felsmassen stiegen rings empor, und senkten sich in gähnende Spalten, in denen auf ewigem Eis der Tod lauerte, denn aus ihnen war keine Erlösung, und wer da hinabfiel, mußte trostlos verschmachten, wenn er lebendig hinunter kam. Oft mußte über schmale Felsenrücken der kühne Kletterer auf Händen und Füßen kriechen, über verwittertes Gestein, das bei jedem Fußtritt, bei jeder Berührung sich löste, und mit krachendem Lärm/ in unabsehbare Tiefen rollte. Oft mußte Franz auf schmalem Vorsprung einer Felswand hinschreiten, zur Linken den starren, steilen, überhängenden Fels, zur Rechten den tiefen, gähnenden Abgrund. Aber der Jüngling betrog den lauernden Tod, leicht und stark und gewandt schwang er den kräftigen Leib um die Kanten und Zacken der Felswand, setzte den Fuß, ja oft nur eine einzige Spitze des Steigeisens rasch und behend auf das treulose Gestein, einer leichten flüchtigen Gemse gleich, und gewann immer wieder sicheren Boden.
Stets nach der Sonne sich richtend, mußte Franz nun bald auf jene Platte, das Ziel seiner heißen Wünsche, gelangen, und gönnte sich, nach so unendlicher Anstrengung, eine kurze Rast. Sein Blick konnte Länder überfliegen, und die Aussicht auf die Bergwelt um, neben und unter ihm war so unermeßlich groß und herrlich, daß sie keine Feder schildern kann. Wie plötzlich erstarrte Wogen eines wilden Meeres stieg bis zur unendlichen Ferne eine beschneite Bergzacke über/ der anderen empor, in wundersamen Farben leuchtend, weiß und blau und grün, und dazwischen dunkelgraue Felskolosse, von Schnee entblößt, die einsam ragenden Wächter des Hochgebirgs, uralte Fürsten, deren Häupter die Blitze mit flammenden Zackendiademen schmücken.
Schon stand die Sonne im Mittag, und Franz gedachte vorsichtig eine Stelle auszuwählen, wo er die Nacht zubringen könne; denn wollte er sein Ziel weiter verfolgen, so war an Rückkehr für diesen Tag nicht zu denken. Aber noch mehr als eine Prüfung schien ein neidisches Geschick ihm aufzubewahren, ehe er das Heiligthum, das geheimnißvolle und räthselhafte, betreten sollte; denn plötzlich sah der Wandrer seinen Fuß durch einen Gletscher gehemmt, der sich breit und groß zwischen dem Felsenthale herabschob. Blendend prallten die Sonnenstrahlen von dem reinen Krystall des smaragdgrünen Eises ab, und wie Kanonendonner krachten die gewaltigen Massen; über dem Gletscher lag ein unabsehbares Schneefeld, dem Wandrer gegenüber aber thürmte sich eine Eis/wand empor, die alles weitere Fortdringen ganz unmöglich zu machen schien. Da stand Franz zum erstenmal bestürzt und sann zagend auf Rath.
Doch nicht lange besann sich der Mühsal-Gewohnte. Er schnallte die Steigeisen fester, stieß den Stachel des Alpenstockes prüfend in das feste Gletscher-Eis, schöpfte von dem Wasser, das unter der Eismasse hervorrieselte, träufelte einige Tropfen Rum hinein, und trank; dann trat er neu gestärkt die Wandrung an.
Und schon hatte er fast ganz die furchtbare Eisfläche theils überschritten, theils übersprungen, als ein neues Schreckniß ihn bedrohte. Ein dichter Nebel bildete sich, und die nahen Felsmassen verschwanden in dem Dust, jeder Schritt drohte jetzt den Tod. Den Nebel begleitete eine schreckliche Kälte. Franz empfahl seine Seele der Fürbitte der Heiligen, seinen Leib hoffte er nicht mehr zu retten. Dennoch drang er weiter vor, das Aeußerste wagend, und endlich fand er wieder sichern Boden, aber seine Kraft war erschöpft, er/ sank auf den nackten Fels, betäubt, zitternd, und raffte sich dennoch wieder auf, denn längeres Verweilen hätte den unvermeidlichen Tod herbeigeführt. Zwischen zwei riesigen Felswänden zog sich eine Schlucht, so schmal, daß kaum ein Mensch hindurch konnte; Franz drängte sich durch, und wie er an das Ende dieses Felsenganges gelangte, wurde es heller vor seinem Blick, die Wolke blieb hinter ihm, er sah wieder Berge, blickte wieder in eine unendliche Ferne, und siehe, fast senkrecht unter ihm, gegen dreihundert Fuß tief, lag eine lachende grüne Alpenmatte, auf welcher keine Sennhütte stand, auf welcher sein scharfes Auge ganze Heerden von Gemsen entdeckte. Dieß mußte die Platte über der Morin sein, und Franz sah nun bedauernd, daß er zu hoch gestiegen war. Aber nicht lange sollte er sich des Anblicks freuen: wie Moses vom Nebogipfel das ersehnte Canaan erschaute, doch es nicht betrat, so schien auch dem Alpensteiger nicht vergönnt, sein ersehntes und gelobtes Land zu betreten, vielmehr schien ihn der Herr begraben zu wollen, heimlich, daß Nie/mand sein Grab erführe, denn die Wolken senkten sich herab, wie ein bleicher dichter Vorhang, und verhüllten das Alpenparadies, und von neuem zagte der Jüngling. Hinunter mußte er, aber das war schwer. Und jetzt wurde der Nebel zu Schnee, der sich in dichten Flocken niederschlug, dazu peitschte ein scharfer heftiger Wind Schnee und Hagel dem Einsamen in den Nacken. Franz vermochte nicht mehr, sich aufrecht zu erhalten. Er kauerte sich nieder, und beschloß, in Gottes Namen hinabzurutschen, zurück konnte er nicht. Der Sturm heulte, das Eis des nahen Gletschers krachte, eine Lawine donnerte, wandelnde Steine saußten über den Kopf des Verlornen hinweg; er schickte einen Stoßseufzer zum heiligen Franziskus, seinem Patron, und schoß pfeilschnell die steil abschüssige Wand hinunter. Hören und Sehen verging ihm, ein heller blendender Lichtschein schien ihm zur Rechten und zur Linken zu schweben, endlich verging ihm auch das Athemholen – seine Pulse stockten, einem Todten gleich lag er unten am Rande der Hochmatte./
Aus felsigem Geklüft aber erhoben sich mit Geschrei drei Lämmergeier, und umkreisten den seltenen Besucher ihres unzugänglichen Reviers, den ohnmächtigen Gast. –
Wundersamer Schimmer durchfloß die Zaubergrotte hinter der Morin. Hohe Pfeiler ragten zur Decke hinan, alle aus Eis, krystallklar und durchsichtig, blau, roth, goldfarbig und grün in allen Nüancen. Von der Decke hingen glänzende Zacken nieder, vom Boden wuchsen fremdartige Blumen empor, und aus den Wänden sproßten Alpenrosen von solcher Art, wie kein Hochland Europa's sie erzeugt, sondern wie sie den ewigen Himalaya umgürten. Milde Wärme, ein sanfter Aushauch der Mutter Erde, war in der geräumigen Grotte verbreitet, und süßer Wohlgeruch erfüllte sie ganz. Auf einem Lager von weichem Moos, das über und über bestreut war mit noch weicherem, silberblüthigem Edelweiß und balsamduftenden keltischen Narden lag Franz, noch be/wußtlos schlummernd, leise athmend, doch ohne Schmerz. Sein Lager aber war umstanden von drei Gestalten, engelgleich und engelschön, mit zarter menschlicher Bildung, drei Jungfrauen von idealem Liebreiz. Sie betrachteten den Schläfer mit Wohlgefallen, winkten einander heimlich und verstohlen lächelnd zu, und schienen das Erwachen des Jünglings erwarten zu wollen.
Endlich regte sich Franz und schlug die Augen auf; erst glaubte er noch zu träumen, und als er sich vom Gegentheil überzeugte, als er die wunderbare, nie geschaute und nie geahnte Pracht der Umgebung erblickte, als er nun zumal die holden Feenschwestern stehen sah, meinte er, gestorben zu sein, und die Heiligen vor sich zu sehen.
„Lebe ich?“ fragte er halblaut, und versuchte sich aufzurichten, was ihm auch ohne Schmerz gelang, und da wurde er zu seiner Verwunderung von einer der Jungfrauen angeredet – nicht von der Schönsten, denn an Schönheit glich eine der andern, dazu an unvergleichlicher Schönheit. So/ sprach eine der Schönen: „Du lebst, Franziskus! Du bist der erste Sterbliche, den wir in unsrer Wohnung begrüßen. Du siehst in uns die Jungfrauen, welche von den Thalbewohnern die drei seligen Fräulein genannt werden. Wir lieben die Menschen, und schützen sie, und behüten sie vor Gefahren. Wir haben auch Dich behütet, heute, und einst, da Du, ein zartes Kind noch, vom Tode bedroht warst, damals als ein Geier Dich Deiner Mutter raubte. Wir überwältigten ihn, und in Geiergestalt trug ich Dich zur Alme, wo Dein Vater hütete. Aber wie wir den Menschen gut und hülfreich sind, wenn ihnen Gefahren drohen, so sind wir auch den Thieren hülfreich, denen der grausame Mensch den Tod droht, an deren Mord er selbst sein Leben setzt. Sieh Dein Gewehr an, Franziskus! Hier liegt es zersplittert. Wir sind die Schirmgöttinnen der Gemsen, wie Dir vielleicht schon die Sage meldete; in unserm Revier schleicht das tückische Gespenst des Mordes nicht umher! Bei uns wohnt der Friede!“
Auf diese Anrede hatte Franz ganz und gar/ keine Antwort, denn nun glaubte er erst zu träumen, nun war er ja in der übernatürlichen Welt, die er zu betreten so sehnsuchtsvoll gewünscht, derentwegen er ausgezogen war, und nun, als er den phantastischen Wunsch erfüllt sah, schien ihm die Erfüllung ein desto tieferes Räthsel.
So sprach die Zweite der seligen Fräulein: „Du bist unser Gast, Franziskus; meine Schwestern Mira und Alma, und ich, die ich Klara geheißen bin, werden Dich freundlich verpflegen, und wenn Du wieder hinunter wünschest, in Deine Heimath, zu Deinen Aeltern, denen wir dich nicht rauben wollen, so werden wir Dir Pfade zeigen, die minder rauh und gefahrvoll sind, als die, welche Du gingst, um zu uns zu gelangen.“ Hierauf nahm die zarte Alma das Wort, und sagte: „Es soll Dir wohlgefallen bei uns, Franziskus! Wir werden Dir unsern Garten zeigen und unsre Heerden, unsre Grotten und unsre Schätze; Du sollst die Speisen kosten, die wir bereiten, Milch und Butter von unsern Heerden, denn Du mußt wissen, daß wir gar/ fleißige Almerinnen sind, und einen Ueberfluß von allem haben, was wir zur Wirthschaft brauchen! Und so sei uns willkommen!“ Mit diesen Worten trat Alma dem Erstaunten näher, umfing ihn sanft, und drückte einen warmen Kuß auf seinen Mund; diesem schwesterlichen Beispiel folgte Klara, küßte den Jüngling, und lispelte gleichfalls: „Sei uns willkommen.“ Auch Mira that, wie sie, küßte ihn und sprach: „Sei uns willkommen!“
Solche Begrüßung ließ sich nun Franz ganz gern gefallen. Er fühlte mit Entzücken den warmen Athem dieser Huldinnen seine Wangen umspielen, und zitterte vor Lust und süßer Befangenheit zugleich. Es bemächtigte sich seiner das namenlose Wonnegefühl der Liebe. War sein Herz bis jetzt eine kalte Region gewesen, so zog nun in dasselbe der blühendste Fühling ein, und der seligste Traum des Lebens trat in zauberhafter Erfüllung lebendig vor ihn hin, und er nahm sich vor, ihn auszuträumen, so es der Wille des Schicksals sei, das, so schien es, mit Götterhänden sein Loos griff, seine Bahn ihm bestimmte./
Die drei wunderlieblichen Wirthinnen führten ihren Gast in eine kleinere Grotte, die sie zu seinem Gemach bestimmten, und in welcher er alles fand, was er bedurfte, um schöner zu erscheinen, als in dem rauhen Gemsjägerkleid. Diese Grotte war nicht mit Eis dekorirt, sondern mit buntem funkelndem Gestein; eine klare Quelle ergoß sich aus der Felswand in ein Becken aus Amethyst, und aus den Ritzen der glänzenden Felswände drängten sich der Alpenflora schönste und seltenste Kinder. Leise harmonische Klänge zitterten durch die weiten Räume des Grottenlabyrinthes, ohne daß zu ersehen war, von wo aus die klingenden Tonwellen strömten. Die Feenschwestern umgaukelten ihren Gast wie Genien des Lichtes; sie führten ihn durch die Gänge ihrer geheimnißvollen Felsenwohnung auf und ab, sie neckten ihn, küßten ihn, sangen ihm lustige Bergreihen vor, brachten ihm Blumen und Früchte, und pflegten ihn mit unbeschreiblicher Huld und Güte. So verging der Tag sehr schnell für Franz, der nicht mehr wußte, ob es auf/ Erden Tag oder Nacht sei, und ob er sein eigenes Dasein noch für ein irdisches zu halten habe. War es doch Göttertrank und Götterspeise, was ihm vorgesetzt wurde, und waren doch seine Wirthinnen so himmlisch schön und engelfreundlich, daß er gar wohl der Erde vergessen konnte, und sie, wie sich selbst, gern vergaß.
In linder lauer Mondnacht trat er mit Alma, Mira und Clara heraus auf die Matte, blickte erstaunt umher, sah den Vollmond in herrlicher Pracht am Himmel stehen, und sah die Bergwelt zauberhaft beleuchtet, schlummernd, wie es schien; das Gebirg' hob seine leuchtenden Kronen zum tiefen Blau des Himmels empor, und still, wie der silberne Trabant, schien auch der Erdball die Nacht zu durchwallen, und mit sanftem Schimmer hinauf zu grüßen zu der unermeßlichen Sternenwelt.
Franz schwelgte in Seligkeit, er tanzte auf mondbeglänzter Matte mit den drei seligen Fräulein, er fühlte sich von ihren Armen umschlungen, von ihren Händen geleitet, von ihren Lippen ge/küßt; so wurde der Abend heiter vertändelt, und die Nacht küssend und liebselig zugebracht, und der Rosenkuß des Morgens wieder heiter begrüßt. Franz sah die Heerden der muntern Gemsen, die noch nie der Knall einer Jagdflinte erschreckt hatte; er sah hier alte langbärtige Steinböcke, die aus den Händen der seligen Fräulein ihre Nahrung empfingen, und im heitersten Genuß ging der zweite Tag vorüber.
Es war in der That ein seliges Leben bei den seligen Fräulein, die schöner waren als alle übrigen Fräulein der ganzen Welt, und Franz wäre es am Ende zufrieden gewesen, bis an sein seliges Ende bei ihnen zu weilen; aber wie alle Herrlichkeit ihr Ende findet, so auch die seine. Nachdem er drei Tage und drei Nächte glücklich wie ein Gott auf der gefeiten Hochmatte verlebt hatte, nahten ihm die Schwestern mit traurigen Mienen, und Mira nahm das Wort: „Geliebter Franziskus! Auch Unsterbliche sind an Gesetze gebunden, deren sie nicht spotten dürfen. So ist es auch uns nicht länger vergönnt, Dich bei uns/ zu sehen; und unpaßlich müssen wir selbst Dich an das Scheiden mahnen. Aber wenn Du uns lieb gewonnen hast, so werden wir Dich wieder sehen!“
Hierauf sagte Alma zu dem erstaunten Franz, dem das Ende der gehabten unendlichen Lust viel zu bald und unerwartet kam: „Immer zur Zeit des Vollmonds, theurer Franziskus, ist dir vergönnt, uns auf drei Tage zu besuchen, und zwar sollst Du nicht wieder Dein Leben daran setzen, sondern wir wollen Dir einen leichtern Weg zeigen, auf dem Du uns nahen kannst.“ Nun sprach noch Klara mit wehmüthiger und ernster Stimme: „Merke wohl auf, liebwerthester Franziskus, was ich Dir zu sagen habe. So es wahr ist, was Du uns in diesen drei Tagen so liebevoll versichert und sogar zugeschworen, nämlich, daß Du uns liebtest, daß wir Dir lieber und Deinem Herzen theurer seien, als alle Mädchen auf der ganzen Erde, so wird es Dir leicht werden, die drei Bedingungen zu erfüllen, ohne deren Ausführung Du nicht nur uns nimmermehr/ wiedersehen, sondern auch außerdem sehr unglücklich werden würdest, ja, eine doppelte Uebertretung müßten wir sogar mit dem Tode strafen!“
Bei dieser Einleitung wurde es dem Franziskus etwas schaurig zu Muthe, und er hörte nicht ohne Zittern die fernere Rede der trauervollen Klara an.
„Zum Ersten,“ sprach diese, „bedinge ich für mich und meine Schwestern, daß Du niemals, zu keiner Zeit und Stunde irgend einer lebendigen Seele sagst, daß Du bei den drei seligen Fräulein über der Morin gewesen, und ihre Liebe genossen; weder Deinem Vater, noch Deiner Mutter, weder Geschwistern, noch Verwandten, weder Laien noch Geistlichen. Auch nicht beichten darfst Du dieses große Geheimniß, weder jetzt noch dereinst. Dieses gelobe mir bei deiner Seele, die verloren sei, wenn Du Deinen Eid brichst!“
Franz gelobte, und nahm sich auch fest vor, sein Gelübde zu halten, denn so viel Lust und Scherz und Kurzweil er in Gesellschaft der wunderbaren Jungfrauen gehabt, so kam es ihm jetzt/ doch vor, als sei mit ihnen eigentlich nicht zu scherzen.
Sodann sprach wieder Mira: „Zum Andern bedinge ich für mich und meine Schwestern, daß Du niemals, zu keiner Zeit und Stunde, Dir gelüsten läßt, ein Thier zu verfolgen oder wohl gar schießen, das unter unserm besondern Schutze steht; weder Steinbock noch Gemse, weder Schneehuhn noch Schildhahn. Wir hassen den Mord, und würden auch den Mörder hassen müssen, den wir jetzt lieben, ja lieben, Du guter, geliebter, theurer Freund! Das gelobe mir zu halten!“
Dem armen Franz traten Thränen in die Augen, so rührte ihn die milde Sprache der milden Bergfei (= Fee, sk), und er gelobte ihr, und gab in seinem Herzen aller Jagdlust und Jagdfreude Valet.
Nun begann auch noch die dritte der Fräulein, die reizende Alma, und sagte: „Zum Dritten beding' ich für mich und meine Schwestern, daß Du niemals, zu keiner Zeit und Stunde irgend/ einem Menschen den Weg zeigst, den Du hierher genommen hast und gekommen bist, noch den andern Weg, auf dem du künftig zu uns gelangen wirst; auch daß Du, wenn Du uns ferner besuchst, sorgsam darauf achtest, daß kein Auge Dir folge, und Deinen Schritten nachspähe. Daß Niemand entdecke, wohin Du gehst, Niemand lauernd Deiner Zurückkunft harre. Solches alles wirst Du mir gewißlich gern geloben, mein Franziskus!“ Franz versprach, was Alma und ihre Schwestern verlangten. Er würde noch mehr versprochen haben, und selbst Unmögliches, so wunderbar wirkte der Zauber ihrer Schönheit und ihres namenlosen Liebreizes auf ihn. Dann küßten den Selbstseligen die drei seligen Fräulein, eine nach der andern, und dann sprachen sie wieder: „Ein Versprechen nehmen wir Dir nicht ab, in dem sichern Glauben, daß Du das unbeschworen haltest, nämlich das: uns treu zu sein, und so lange Dir vergönnt ist, uns zu nahen, unsrer Liebe theilhaftig zu sein, keiner Dirne Deines Volkes von Liebe zu reden, noch Kuß und Handschlag ihr/ zu geben, oder von ihr zu nehmen. Dieß wirst Du nicht! Du wirst unsre Liebe weder vertauschen, noch sie täuschen.“
Franz glaubte dasselbe, und ward nun tief hinabgeführt in die Felsengänge, bis an einen senkrechten Stollen, über welchem eine krystallene, erleuchtete Gondel hing. Da hinein stiegen alle vier, und sanft schwebte das Schifflein tiefer und immer tiefer. Da sah Franz das reichste Geäder der Berge, und tausendfach spiegelte sich in den bunten Krystallen der Schein der Lichter, in wechselnder und blendender Regenbogenfarbenpracht. Endlich stand das Schifflein in einer kleinen Grotte still, der Abschied war nah. „Merke die Stelle wohl, zu welcher Du ausgehst!“ sagte Mira, „denn durch diese führt Dich künftig Dein Pfad wieder zu uns.“ „Wenn Du wieder kommst,“ sprach Alma: „so schlage an diese tönende Stalaktitensäule, dann holen wir Dich hinauf.“ Klara sagte gar nichts mehr, als: „lebe wohl, lebe wohl, Franziskus!“ und fiel ihm um den Hals, und herzte und küßte ihn; so thaten/ auch die andern beiden, dann stiegen sie wieder in ihr Schifflein, das flog empor; hell leuchteten noch die Flämmchen, den Krystall durchschimmernd, bis alles zu einem einzigen schönen Sterne ward, der kleiner und kleiner wurde, und endlich in unermeßlicher Höhe stehen blieb.
Jetzt erst sah Franz sich um, und nahm wahr, daß Tageslicht durch eine Felsenspalte fiel, auch hörte er ein starkes Brausen, er sagte seinem schönen Glück mit einem Seufzer „Lebe wohl,“ und drängte sich durch das Geklüft. Ein rauschender Bach stürzte am Fels vorbei, der hoch aufragte. Franz wußte gar nicht, wo er war, nur das sahe er, daß er sich in einem tiefen Thale befinde. Er merkte sich die Kluft, und kletterte auf einen nahe liegenden Felsblock, sich etwas freier umzusehen, und siehe, da sah er ziemlich hoch über sich die wohlbekannte kleine Kapelle am Alpensteig, und wußte nun, daß er im Thale der Achen, und dicht am Fuß der hohen Morin sich befinde. Es war ihm aber nicht anders, als habe er in einem tiefen Schlaf gelegen, und darin einen/ wunderbaren und sehr räthselhaften Traum gehabt. Er hatte seine alten Kleider wieder an, die durch die Reise und die Rutschparthie von der Felswand sehr gelitten hatten, seine Steigeisen hingen noch an zerrissenen Riemen an den Füßen. Er schnallte sie ab, und ging nach Lengenfeld zu, ohne Stutz, ohne Beute, nichts brachte er mit von seiner seltsamen Excursion, als schöne Erinnerungen, die er Niemand vertrauen durfte. –
Der muntere und lebensfrohe Franz war der wunderlichste und tiefsinnigste Bursche im ganzen Oetzthal geworden. Weder daheim im älterlichen Haus, noch in den geselligen Kreisen des Dorfes schien es ihm zu behagen, er nahm an keinem Tanz Theil, so wenig wie am Scheibenschießen. Mit seinen Gespanen auf die Gemsjagd zu gehen, fiel ihm gar nicht mehr ein, und er war doch sonst der eifrigste Jäger. Wenn er auf der Alme sich befand, war auch nichts mit ihm anzufangen, denn dann saß oder stand er fast immer gedanken/voll auf einer Stelle, und sah nach der Morin hinüber, wie verzaubert, und in der That, seine Aeltern glaubten fast, er sei behext, im Dorfe aber glaubten das die Leute nicht fast, sondern ganz. Franz aber kümmerte sich weder um den Glauben, noch um das
Reden der Leute. Er sah mit heißer Sehnsucht dem Tag oder vielmehr der Nacht entgegen, an welcher die Mondscheibe gefüllt über dem Oetzthalerferner stehen würde. Und die Tage vergingen, und die Zeit des Vollmonds war da. Als der Abend nahte, ging auch Franz schon dem Lauf der rauschenden Achen entgegen, voll Sehnsucht, wieder so lieblich zu träumen. Oft schaute er sich um, ob Keiner ihm folge, kein Auge ihm nachblicke, aber er war allein, kein Wandrer begegnete ihm auf dem einsamen Pfad; er erreichte die Morin, er fand den Felseneingang in die Schlucht, fand alles, wie er es verlassen, oben schimmerte der Stern. Die Stalaktitensäule tönte hell von seinem Anschlag, und der Stern sank nieder, wurde größer, wurde strahlender, wurde zur Krystallgondel, darin die/ seligen Fräulein saßen, jubelnd ihren auserwählten Liebling begrüßten; – und aufwärts zu den seligen Höhen schwebte der Glückliche. Droben blieb er drei Tage und drei Nächte, und kam dann auf demselben geheimnißvollen Weg wieder zurück.
So trieb er es lange, und war glücklich durch diese wunderbare Genossenschaft mit Wesen, die dem Geschlechte der Sterblichen nicht angehörten, und nur deren äußerliche Bildung und Gestaltung in herrlicher Verklärung und idealem Liebreiz trugen. Aber je mehr der Beglückte theilhaft wurde eines so hohen und seltnen Glücks, und eines so wahrhaft überirdischen zumal, je mehr starb er dem irdischen Leben ab, und es konnte nicht anders sein. Seine Wangen wurden bleich, der Glanz seiner Augen erlosch, und Angst und Sorge für sein Leben erfüllte die Brust seiner Aeltern. Die Mutter erschöpfte sich in tausend Fragen ihrer ängstlichen Besorgniß, auf welche alle sie keine genügende Antwort erhielt. Vergebens bat, weinte, schmeichelte sie, und der/ Vater schalt, und zürnte dem trägen träumerischen Sohn, der so verstockt war, daß er niemals sagen wollte, wohin er ging, wenn die Zeit kam, da er gewohnt war, in den Berg zu gehen. Frau Kienz aber war klüger wie ihr Mann; sie hatte wohl gemerkt, daß er allemal am Tag des Vollmonds sich entfernte. Als diese Zeit wieder herbeikam, machte sie sich zeitig auf den Weg, eilte den Alpenpfad hinan, wo die Kapelle stand, und wo man einen guten Theil des Thalgrunds übersehen konnte, dort betete sie wieder andächtig zur wunderthätigen Mutter Gottes, und bat, diese möchte doch abermals ein Wunder an dem Franz thun, und ihn andern Menschen wieder ähnlich machen. Von Zeit zu Zeit spähte sie durch den Thalgrund, ob nicht etwa der Franz komme.
Diesem ging es zu Haus gar übel. Josel sagte kurz weg: „Junge, wenn Du noch einmal fortgehst, und über Nacht aus dem Hause bleibst, so laß Dich nur gar nicht wieder vor mir sehen, sonst nehme ich, Gott straf mich, die erste beste Axt und schlage Dir den Schädel ein!“ Darauf/ erwiederte Franz: „Schlag immer zu, Vater!“ und weiter nichts, und als der Abend kam, nahm er seinen Stock und ging fort, und mit dem Gedanken ging er fort, wenn es nicht anders sein solle, lieber gar nicht heimzukehren. Nur um der Mutter Willen that es ihm leid, so scheiden zu sollen, doch sie war abwesend, und er durfte auch nicht säumen, wollte er vor Einbruch der Nacht an Ort und Stelle sein.
Dem Josel aber reute sein hartes Wort, und als er den Franz fortgehen sah, schlich er ihm leise nach, und ganz von Weitem. Frau Kienz aber stand oben hinter der Kapelle versteckt, und sah den Franz kommen, und sah, wie er bald vom Weg ablenkte, an der Achen hinschritt, und hinter Buschwerk endlich verschwand. Er hatte heute so große Eile gehabt, daß er sich gar nicht umgesehen und hatte nun schon die Felskluft erreicht, hatte sich schon durch den schmalen Eingang gedrängt, glaubte sich schon ganz nahe seinem Glück, da hörte er die Stimme seiner Mutter rufen: „Franz! Franz! Franz!“ und so wie/ er diesen Ruf vernahm, hörte er auch hoch über sich ein rollendes Getöse, wie Donner, und drängte sich zurück in die Felsenspalte. Da prasselte es nieder, als wolle der Berg bersten, Stein auf Stein, und war ein Krachen und Donnern, daß ihm das Hören fast verging, sehen konnte er ohnedieß nichts; dennoch drang durch das furchtbare Getöse die gellende Stimme seiner Mutter. Betäubt, halb ohnmächtig lehnte Franz sein Haupt an den kalten Fels, wünschend, daß ihn die Steine begraben haben möchten, denn das begriff und faßte er, so sehr er auch außer aller Fassung war, daß nun sein Glück begraben sei, und schwarz, wie die Nacht in der Felsenhöhle, erschien ihm das Leben. Da seine Mutter wiederholt rief, und immer näher rief, die ihn todt glaubte, denn sie hatte den Steindonner im Berg gehört, so kroch er matt heraus, und fand seine beiden Aeltern. Die Mutter jauchzte, als sie den Sohn lebend sah, aber der Vater fluchte über diese Gänge und schrie: „Gott verdamme Dich, Bube! So ist es wahr, was die Leute sagen, so suchst und hast/ Du Umgang mit den Teufelinnen in diesem verfluchten und vermaledeiten Berg! Und hast Deine Seligkeit und Dein ewiges Heil an sie verkauft!“
Da ward Franz ganz wüthend und schrie: „Den Teufel habe ich verkauft! Verflucht sei Eure Neugier! Verflucht Euer Rufen; Was rennt Ihr mir nach? Was kümmert Ihr Euch um mich! Ja, ich war glücklich! Ja, ich hatte Umgang mit den seligen Fräulein, und war selbst selig, und bin nun der unseligste Mensch, denn verschlossen ist der Berg, und ich finde nimmer den Weg zu meinem Glück!“ „Gelobt seist Du, Maria!“ betete im Stillen Frau Kienz, und Josel schwieg ganz bestürzt, da der Sohn so tobte. Hierauf gingen sie alle drei mit einander nach Hause, und Keines sprach ein Wort, und Franz sprach gar kein Wort mehr, weder diesen Abend, noch den folgenden Tag, und es wurde immer schlimmer mit ihm. Der Pfarrer wurde gerufen, und redete ihm liebreich zu und sagte, Franz solle ihm beichten, und er wolle ihn dann aller Sünden ledig sprechen,/ aber Franz hatte keine Lust zu beichten, und überhaupt zu nichts auf der Welt mehr Lust. Er ging noch einige Mal ganz still zur Morin, aber immer vergeblich. Er war und blieb ausgeschlossen von seinem Glück, und so wurde er auch verschlossen – in sich selbst, und so tiefsinnig, daß jeder fürchtete, er werde sich ein Leid anthun, da ihm doch einmal schon das größte Herzeleid angethan war.
So hatte nun der alte Josel seinen Willen. Franz blieb daheim, und träumte in kummervoller Unthätigkeit seine schönen Jugendtage hin. Das ganze Dorf wußte seine Geschichte. Ein Theil der Bekannten bemitleideten ihn, das waren die Wenigsten; ein andrer Theil gönnte ihm von ganzem Herzen sein Unglück, und sah es als eine Strafe Gottes an, die über den verhängt sei, der es gewagt, glücklicher sein zu wollen, wie Andere, und das waren die Meisten, die so dachten, denn in den Augen vieler Menschen ist eines Menschen Glück sein größtes Vergehen, und gänzlich unverzeihlich./

Es kam die Zeit des Herbstes, wo die Almenhütten wieder leer wurden, wo man das Vieh in die Thäler trieb, wo auf den grünen Bergscheiteln und Bergrücken der Winter durch seine Quartiermacher, rauhe Stürme, hinwegfegen ließ allen eiteln Laub- und Blumenschmuck, womit der freundliche Sommer seine Wohnungen ausziert. Senner, Sennerinnen und Alpenvieh und der ganze Vorrath angefertigter Alpenkäse kamen von oben herab, die Hütten blieben unverschlossen und nichts blieb darin als einiges Holz zum Feueranmachen für die Jäger, die in winterlicher Zeit die Matten besteigen, um Gemse und Schildhahn zu erlegen.
Einige Bursche kamen in Josels Haus in Lengenfeld zum Besuch, denn Josel hatte auch eine hübsche Tochter. Es wurde mancherlei besprochen, unter anderm auch eine Gemsenjagd. Franz saß lange antheillos in der Ecke, einem Blödsinnigen gleich. Die Bursche verabredeten Tag und Stunde, wann es fort gehen sollte; – da stieg Franz ganz leise auf, und langte vom/ Kannrück (= Wandbord, sk) seine Steigeisen herunter, nahm Pfriemen und Pechdrath, besserte die zerrissenen Riemen aus, und schlug in seine Schuhe neue Nägel.
„Willst Du auch mit, Franzl?“ fragten ihn die Bursche, und Franz nickte schmerzlich lächelnd und antwortete: „Ja, wenn mir einer einen Stutz leiht, will ich wohl mit.“
Ueber diese Rede, seit lange die erste wieder aus seinem Munde, freuten sich Alle, und dem Franz wurde ein Stutz versprochen, und sein Habit ausgebessert.
Und der Tag kam, oder vielmehr die Nacht, in welcher die jungen Jagdgesellen auszogen. Franz reichte seinen Aeltern und Geschwistern still die Hand und drückte sie heftig, als wollte er sagen: Vergebt mir das Leid, das Euch durch mich widerfahren, es soll fürder nicht mehr geschehen. Der Mutter war recht bang um den Franz, und sie glaubte, er werde die Beschwerde der Gemsenjagd kaum ertragen, denn er war schwach und kränklich zeither gewesen. Sie sagte/ zu den Andern, die kamen und den Franz abholten: „Habt Acht auf ihn, daß ihm kein Unglück zustößt!“ Die Bursche versprachen das, und so gingen sie mit einander fort. Der alte Josel rief ihnen noch den landesüblichen Gruß nach: „Zeit lassen!“ Die Bergzinnen umwob ein trüber Dunstflor, doch diesen durchdrangen die Jäger, und sahen dann blauen Aether, glühende Gipfel, blendenden Schnee, die untere Welt aber entschwand ihrem Blick, das Leichentuch des Nebels hüllte diese ein. Franz blieb einmal auf einem hohen Rain stehen, und sah nach Lengenfeld hinab, er sah es nicht, die Heimath war seinem Auge entrückt. Er wandte sich ruhig um, und stieg seinen Gefährten nach. Diese hatten denselben Weg eingeschlagen, den er damals gegangen war, als er sein Glück suchte. Seine Gefährten waren allzumal kecke und geübte Bergsteiger, keine Mühsal scheuend und keine Gefahr, selbst nicht den Tod, wenn es galt, eine Gemse oder einige zu erjagen.
In einer bereits verlassenen Sennhütte machten/ sie Mittag. Ein lustiges Feuer flackerte auf dem Heerd, Geräth zum Kochen fand sich vor, Wasser lieferte eine etwas tiefer sprudelnde Quelle, und bald brodelten und schmorten kleine Griesklöße in der Pfanne, als leckeres Mahl von den rüstigen Waidgängern verzehrt. Sodann ging es weiter in eine höhere Region. Frischer Schnee auf dem steilen Abhang des Berges machte das Steigen schwer, ließ aber auch ein Bild der Hoffnung auf Jagdglück sichtbar werden, nämlich ganz frische Fährten mehrerer Gemsen.
Höher stiegen die Schützen, sich vereinzelnd, einer nach dem andern stellte sich an. Franz stieg am Höchsten. Er achtete nicht darauf, daß die Gespane ihm zuriefen: „Zeit lassen! Franzl! Bleib hier! Du scheuchst die Thiere!“ – Ihr Ruf verhallte, Franz kletterte rastlos weiter. Da vernahm er plötzlich einen pfeifenden Ton, und sah, wie eine Gemse, ihn erblickend, hinter einer Felsenscharte verschwand. Ihr nach eilte der Kecke. Er überkletterte die kleine Wand, er sah auf einer kleinen Platte ein Rudel fliehender Gemsen, die/ sich zerstreuten, und einer von ihnen eilte er nach. Das gescheuchte Thier klimmte höher und höher. Der Jäger achtete nicht mehr des Pfades; grenzenlose wilde Jagdgier, die so lange in seinem Busen geschlummert hatte und nun erwacht war, ließ ihn alles vergessen, sein Selbst, sein Schicksal, und so setzte er mit Hülfe des Alpenstockes über Kluft und Spalt dieser öden Felsenwüste, über nacktes Gestein, auf dem der Wind kaum ein Schneekorn duldete, von dem das Eisen des Stocks abglitt, und dann wieder über verwitterten Schiefer, der unter jeder Berührung zerbröckelte, und kam der Gemse näher und immer näher. Endlich konnte das gejagte Thier nicht weiter, es stellte sich, es sah mit seinen frommen Augen herab auf den grausamen Schützen, als wolle es ihn um Barmherzigkeit anflehen, und dieser, nur Augen habend für das Wild, sah gar nicht, daß er dicht an dem Rand eines mehr als hundert Klafter tiefen Abgrundes stand. Franz legte an, da gellte der ängstliche Ruf einer wehklagenden Menschenstimme durch die Einsamkeit, aber der/ Schütze achtete nicht sonderlich darauf, hatte er doch bisher auf nichts geachtet, und meinte, es rufe ein Schneehuhn so kläglich. Er spannte den Hahn, der Schuß krachte. Da umleuchtete den Jäger ein furchtbar heller Blitz, und ein Donner erschütterte das Gebirge, und rollte von Felswand zu Felswand majestätisch und gewaltig hin. Die Gemse aber war nicht getroffen von dem Blei des Jägers. Sie stand noch ruhig auf dem Felsengrat, vor ihr aber schwebten glanzumgeben die seligen Fräulein, zornig blickend und dabei schön, wie die Walküren der nordischen Göttermythe. Sie hoben die Hände gegen den Frevler, sie schwebten ihm näher, er trat zurück, treulos wich unter seinem Fuß das Gestein, und beide Hände vor die Augen schlagend, geblendet von dem Glanz und dem Grauen der Erscheinung, stürzte er rücklings in den tiefen Abgrund, und ward von nachrollenden Steinen begraben. –
Die Gemsenjäger kehrten alle heim, aber vergebens fragten Josel und seine Frau und die Kinder nach Franz. Die Gespane hatten ihn ver/loren, und er war verloren, und kein Mensch fand ihn wieder.
Um die graue Felsenstirne der Bergwand Morin schweben immer noch von Zeit zu Zeit in Lämmergeiergestalt die drei seligen Fräulein und von dem unseligen Jüngling lebt noch die Sage im Dorf Lengenfeld und im ganzen Oetzthal. (1-59)

Ludwig Bechstein: Der Förster von Belrieth. Erzählung aus dem Werrathale (1839, Aus Heimath und Fremde I,2)

1.
„Und ich will es ihm gedenken und seiner Eva, daß beide an mich denken sollen! Nicht selig sterben will ich, wenn ich es ihnen nicht gedenke, bei dem hellen Tag und der höllischen Finsterniß!“
So schwur und fluchte die alte rothäugige Frau Holleborn, Häuslerin in dem Meiningenschen Dorfe Belrieth, mit einem Gluth- und Giftblick auf das gegenüberstehende stattliche Bauernhaus, worin der reiche Bauer Großthaler wohnte, und in welches so eben der schmucke junge Revierförster Fritz Burkart einschritt, ohne einen Blick auf die Lehmhütte der Alten zu werfen. Dieser war es, dem ihr Segen galt
.
In der kleinen Stube ging die Tochter der Alten umher und suchte vergeblich die Thränen zu unterdrücken, die aus ihren Augen stürzten, auch suchte sie einige Sachen zusammen, die sie in ein Bündelchen packte.
Die Alte schlug das Fensterlein heftig zu, und wandte sich zu ihrer Tochter: „Ja, heule nur; Du hast's auch Ursach! Siehst Du Deinen lieben Fritz, wie er dort drüben hineinschleicht; wie der Fuchs ins Taubenhaus, und die Gans läßt er sitzen! Pfui, über den lügnerischen Gauch! Die Gicht in seine Glieder und das Spill[*]) in seinen Leib! Unglück auf seinen Weg und Elend in sein Haus!“
„Hört auf mit Euern Verwünschungen, Mutter!“ mahnte Jette ernst. „Es ist sündlich, seinen Mitmenschen so etwas zu wünschen, und wäre es der ärgste Feind!“ – Ach, und Fritz, setzte sie in Gedanken hinzu: ist nicht mein Feind, obgleich er feindlich gegen mich handelt.
„Ja, Du mußt ihm die Stange halten, Du mußt seine Parthie nehmen!“ eiferte Frau Holleborn. „Du mußt Deiner Mutter gute Lehren geben! Ei, daß Dich doch gleich Der und Jener holte, Du ungerathene Dirne, von der man Schimpf und Schande hat.“
„So? Schande von mir?“ fragte Jette, nun auch erbittert. „Wer weiß?“ fuhr sie fort: „Der Fritz wäre mir treu geblieben, aber Ihr, Mutter! Ihr seid es, die ihn vertrieben hat durch ihr häßliches Wesen, Ihr seid es, mit der die Schande aus- und eingeht in unser Haus! Ihr habt ihm keine Ruhe gelassen, daß er Euch hat sollen böse Praktiken und Jägerkunststücklein lehren, da hat er sich von mir gewandt und vielleicht geglaubt, was das ganze Dort sagt und glaubt, daß Ihr eine alte gefährliche Hexe wäret!“
„Das redet der Teufel aus Dir!“ schrie die Alte. „Ich, eine Hexe? Verflucht sei, wer das sagt! Hat er das gesagt, so soll ihm der Satan das Licht halten. O, ich wünsche, ich könnte hexen, ich wollte ihn – nun warte nur, es ist noch nicht aller Tage Abend – ich will ihm doch eins anhängen!“
„Thut es nicht, Mutter! Thut mir zu Liebe ihm nichts zum Haß, ich bitte Euch!“ rief Jette – aber die erboßte Alte hörte sie nicht an, sondern ging zur Thüre hinaus. Jette trat an das Fensterlein der Hütte, blickte traurig durch des zum Theil mit Papier verklebten Fensters erblindete Scheiben hinüber nach Großthalers Haus, und seufzte im Stillen: „Recht hat er nicht gethan an mir, das weiß Gott, aber ich kann ihn nicht hassen, ich kann nicht. Wenn er nur glücklich wird, der Fritz, dann will ich ruhig sein. Mit meiner Mutter hätte er doch keine ruhige Stunde gehabt, es hätte nicht gut gethan, aber freilich, wenn wir allein hätten wohnen können, da wäre ich glücklich gewesen, sehr glücklich. Nun – es hat nicht sein sollen!“
Das arme Mädchen weinte ihrem gehofften und nun dahin geschwundenen Liebesglück noch einige Thränen nach, und sagte dann: „es ist gut, daß ich in Dienst gehe, so sehe ich ihn nicht mehr. Es thäte mir doch gar zu wehe und drückte mir am Ende das Herz ab.“
Ja wohl thut Gram der Liebe weh, und Untreue ist ein heimtückischer Schütze, der sein Geschoß auf Herzen abdrückt, und sie oft zum Tode trifft. –
Im Nachbarshause saß Burkarts Fritz, und plauderte wohlgemuth mit seiner Braut, der Jungfrau Eva Großthaler, von der Hochzeit und von der nächsten Kirchweih, die nicht mehr fern war, denn schon falbten die Blätter, und jene Waldungen, welche die heitern Berghöhen des freundlichen Thales der Werra krönen, standen im buntfarbigen Laubschmuck. Der Vater des holden Dorfkindes saß im Lehnstuhl, und schmauchte mit aller Behaglichkeit eines reichen Bauers, der eine gute Aernte gehalten hat, sein Pfeifchen Portorico; einen Tabak, der auf den vaterländischen Fluren Wasungens dem Schooß der Erde entsproßte, in einer Bremer Fabrik veredelt, und von da in geduldiges Papier verpackt, mit dem amerikanischen Taufnamen versehen, in die liebe Heimath zurückgekehrt war, ohne das meerumfluthete Eiland Porto-Rico nur von fern erblickt zu haben.
Da trat drüben aus dem kleinen Häuslein die Jungfer Jette Holleborn, ein Bündelchen in der Hand, und ging still ihres Weges.
„Siehst Du, Fritz, dort geht Dein alter Schatz!“ scherzte Evchen. „Sie hat sich auf dem Spittel verdingt, und tritt heute an. Es ist doch gar kein häßliches Mädchen!“
Fritz verschloß der Spötterin die Rosenlippen mit einem Kuß, und in die Stube trat Evchens Mutter mit einem großen Korbe voll Aepfel, und sagte: „Da seht einmal, wie einen die Gottesgabe anlacht. Diese Bursche müssen delikate Hochzeitkuchen abgeben. Ja, Herr Schwiegersohn, wir wollen unserem Mädchen eine Hochzeit ausrichten, die sich gewaschen haben soll, da soll es anders pfeifen, als wenn Er da drüben die Jette genommen hätte, wie Er erst Willens gehabt hat!“
„Laß es doch gut sein, Alte, und prahle nicht!“ nahm Vater Großthaler das Wort. „Welcher junge Waidmann geht nicht einmal auf falscher Fährte, nicht wahr, mein guter Herr Burkart?“
„Freilich, freilich,“ antwortete der Förster, etwas verlegen. „doch die da drüben hat mich nicht lange am Leitseil gehabt, und die mich jetzt so zärtlich umgarnt, wird mich schon fester in ihrem Liebesnetz zu halten wissen.“
„Nehme er sich nur in Acht, Herr Schwiegersohn,“ warnte die Mutter: „daß Ihm die alte Wetterhexe da drüben keinen Tort anthut, weil Er nichts mehr mit ihrer Tochter zu thun haben will, denn sie ist ein böser Drache und kann Teufelskünste. Jetzt blüht der rothe Dosten und der weiße Dorant, da stecke Er von beiden ein Büschel in seine Jagdtasche, und trage es bei sich, das ist gut gegen das Hexenpack, da können sie Einem nichts anhaben.“
Fritz Burkart lächelte ungläubig, küßte sein Evchen auf den rothen Mund und die weiße Stirn, die er immer lieber bei sich haben wollte, als Dosten und Dorant, dann nahm er Abschied von dem hübschen Bräutchen und den freundlichen Alten, und beging sein Revier, theils um Holzdieben aufzulauern, theils um ein Reh oder einen Spießer zu schießen, damit beim Hochzeitschmaus auf Vater Großthalers Tisch der Wildpretbraten neben der fetten Gans und den Spiegelkarpfen aus den Maßfelder Teichen nicht fehle.
In dem herrlichen Laubwald blühte brauner Dosten genug, und oben auf den grasreichen Plänen des Bergrückens stand auch der weiße Andorn in Menge, aber der verliebte Jäger dachte an das Röslein, das er bald pflücken sollte, und ließ Origanum und Marrubium ungepflückt.

2.
An einem Dienstage Vormittag bereitete sich in Belrieth etwas Festliches vor, denn fast alle Einwohner waren entweder ganz auf der Straße, oder doch theilweise, nämlich mit den Köpfen, die sie zu dem Fenster so weit als möglich herausstreckten. Vor Großthalers Thür hatte sich zahlreiche Jugend versammelt; von dem Kirchthurm tönte das Geläute einer Glocke, und in die Kirche gingen Männer im Sonntagsstaat, welche Violinen und Posaunen trugen, die Musikanten des Dorfes; in das Haus des reichen Großthaler aber gingen schöngeputzte Männer und Weiber, Bursche und Brautjungfern, die alle den Förster Burkart und seine Eva in die Kirche zur Trauung begleiten wollten.
Aus der Dachluke des Häusleins der Frau Holleborn streckte sich das grimmige Gesicht der als Hexe verschrienen Einwohnerin. Hätte sie übernatürliche Kräfte besessen, so wäre jetzt Großthalers Haus in Flammen aufgegangen; hätte sie den bösen Blick gehabt, so hätte Krankheit und Pein Alle befallen, die in das Nachbarhaus gingen, so aber hatte sie nur ohnmächtigen Zorn und stille Wuth, und Worte der Verwünschung, nicht Thaten des Verderbens.
„Es ist gut, daß die Jette aus dem Hause ist, und drüben im Spittel dient, sonst hätte ich heute wieder meine Noth mit dem Mensch, das dem lügnerischen und falschen Grünrock immer noch nicht gram werden kann, ob er sie gleich hat sitzen lassen,“ murrte sie vor sich hin. „Aber ihr zum Trotz und ihm zum Schaden will ich nun probiren, was mir meine Mutter gelehrt hat, ich will hexen, weil ich doch einmal eine Hexe sein soll, obgleich, Gott sei’s gedankt, jetzt in der Schule gelehrt wird, daß es keine Hexen mehr giebt, und die hohe Obrigkeit so gescheit ist, eine arme alte Frau, die rothe Augen hat, nicht mehr verbrennen zu lassen. Ich bin in meinem Leben keine Hexe gewesen, und Gott verdamme Jeden, der das denkt, glaubt oder sagt, aber ich habe manchmal ein bischen Sympathie gebraucht, und ich glaube an die Sympathie und Antipathie, das kann mir Niemand wehren, und geht auch der hohen Obrigkeit nichts an.“
Die Alte nahm ein rostiges Schloß von einer Kiste, die in ihrer Bodenkammer stand, besah es genau und murmelte: „Ja, ja, du bist ein Erbschloß (= ein altes, geerbtes Schloss, sk) und wirst zu brauchen sein, die Großmutter selig hat dich schon vor ihre Lade gelegt, in der sie die Nachtmahlskleider (= die guten Kleidungsstücke, sk) aufhob, die nun alle, seit wir so heruntergekommen, in den Händen der Juden (= gegen Bargeld versetzt worden, sk) sind!“
Frau Holleborn hätte vielleicht noch länger mit sich und dem Erbschloß gesprochen, und sich in die schmerzliche Erinnerung früherer Wohlhabenheit verloren, aber jetzt wurde mit allen Glocken zusammengeschlagen, ein Zeichen, daß der Brautzug beginne. Und so war es in der That. Festlich und herrlich geschmückt, gefolgt von Aeltern, Verwandten und Freunden, trat das schönste Brautpaar, das seit lange in Belrieth die Kirchfahrt gehalten, aus dem Hause. Es war ein herrliches Herbstwetter und die Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Glocken klangen ganz hell, die Musikanten standen auf dem Thurm und posaunten zu den Schalllöchern heraus; der Schulmeister begann auf der Orgel ein heitres Vorspiel, und die armen Kinder folgten fröhlich mit großen Kuchenstücken, die ihnen im Hochzeitshaus gespendet worden waren, dem langen Zuge nach. Drüben an den Häusern hin aber huschte wie ein Schatten mit einem theilnahmlosen Gesicht, in einem zerlumpten dunkeln Mantel, die Frau Holleborn, und drängte sich auch mit den andern neugierigen Leuten in die Kirche. Sie setzte sich gleich nahe am Eingang in einen Betstuhl, und kümmerte sich nicht darum, daß ihre Nachbarin ein wenig von ihr hinwegrückte.
Ein Hochzeitlied war gesungen; das Brautpaar stand vor dem Altar, der Pfarrer hatte eine lange Traurede gehalten, und schritt nun zu dem Ritual der Copulation. Er nahm die alte neuaufgelegte Kirchen-Agende Herzogs Bernhard I. von Meiningen, und las die Trauformel. Schon hatte der Bräutigam ein lautes Ja gesprochen, und der Geistliche wandte sich zu der Braut: „Desgleichen frage ich Euch, Eva Großthalerin, wollet Ihr gegenwärtigen Friedrich Burkart zum ehelichen Gemahl haben, ihn lieben, ehren, ihm folgig und gehorsam sein, auch ihn nicht verlassen Euer Lebenlang?“
Da, wie alles todtstill in der Kirche war, und auf das Ja der zitternden Braut lauschte, hörte man in dem Augenblick, wie sie das Ja sprach, einen hellen seltsamen Ton, wie wenn ein Schloß zugeschnappt würde, so daß sich manche Leute befremdet umsahen, doch blieb alles ruhig und hörte die sehr lange Vermahnung, die die Agende sonst vorschrieb, bis zum Vater Unser und zum Segen mit an. Dann wurde noch ein Liedervers gesungen, welchen Posaunen und Pauken auf dem Chor mit ihren erhebenden Klängen begleiteten; das Volk aber, das neugierig zugeschaut, strömte aus der Kirche; darunter war auch die Frau Holleborn, die mit hastigem Schritt, die welken Lippen im unhörbaren Selbstgespräch schnell bewegend, ihrer Wohnung zueilte, ohne sich weiter nach dem stattlichen Brautzug umzusehen, der ihr nachkam, auch ohne Jemand zu grüßen oder anzureden; des Dankes auf einen Gruß war sie ohnedieß überhoben, da sie von Niemand gegrüßt wurde. Heftig schlug die Alte, in ihrer Wohnung angekommen, die kleine Hausthür hinter sich zu.
Drüben in Großthalers Haus ging es nun überaus lustig und hoch her; die Brautleute waren ganz glücklich, auch die Aeltern waren glücklich, die Gäste aber allzumal froh und fröhlich, denn die Tafel war gut besetzt und reichlich. Es gab starkes Bier aus der Stadt und auch Wein, so viel nur einer trinken wollte. Von Kuchen war ein ganzes Gebirge aufgeschichtet, davon fleißig abgetragen wurde. Die Musikanten spielten hellauf, und die Bursche, die anfingen, ein wenig betrunken zu werden, juchheiten laut. Manches Vivat hoch! schallte vollstimmig aus Großthalers Haus, und als es Abend geworden, manches Lied. Dann aber wurde es hell im Wirthshaussaal, und immer heller. Viele Lichter wurden dort angezündet. Und aus Großthalers Haus traten die Spielleute, und spielten einen lustigen Marsch. Ihnen folgten Braut und Bräutigam, und alle Gäste, Paar an Paar, je ein Männlein und ein Fräulein. Hinterdrein wimmelte eine schaulustige Menge. Wie da getanzt wurde, das war eine Lust mit anzusehen. Viele hübsche Jägerbursche aus der ganzen Umgegend, Fritz Burkarts gute Freunde, waren zum Tanz da, und schwangen rüstig in raschen deutschen Walzern Belrieths rothwangige Dirnen, daß die Bauernbursche fast neidisch wurden und an Prügel dachten, doch lief der Tanz diesesmal ohne Prügel ab, und wurden letztere auf die nahe Kirmeß verschoben.
Als es nun recht Nacht war, und nur um das Wirthshaus her, und um
Großthalers Haus ein heller Lichtschein leuchtete, schlich es wieder wie ein Schatten aus dem Häuslein der Frau Holleborn, und nahte leisen Trittes dem Ziehbrunnen, der ganz im Dunkeln lag. Heute Abend holte Niemand mehr Wasser. Dreimal umging die wankende dunkle Gestalt den Mauerrand des Brunnens auf weichen Socken, unhörbaren Trittes; dann fuhr eine Hand aus der Mantelhülle über den Brunnenrand, und gleich darauf klang das Wasser in der Tiefe, als sei ein Stein hinabgefallen. Dann verschwand die Gestalt in den tiefen Schatten der Nacht. –

3.
Der Förster Burkart stand mit finstern Mienen vor seiner jungen Frau, etwa sechs Wochen nach der Hochzeit. Eva weinte. „Sage mir nur um Gottes Willen, was Du hast, und was ich Dir gethan habe, daß Du so kaltsinnig gegen mich geworden?“ fragte er. „Hast Du mich nicht lieb gehabt über alle Maßen sehr, hast du mir nicht tausendmal zugeschworen, Du wollest mich ewig lieben? Hast Du vergessen Deinen heiligen Eid am Altar?“
Eva weinte und erwiederte auf diese Fragen nichts, worauf ihr Mann fortfuhr: „Du antwortest nicht einmal Deinem Mann? Seit wann bist du so verstockt geworden? Eva, mach mich nicht wild! Ich bin gut, aber wenn ich einmal böse werde, dann hört alle Gutheit auf, das sage ich Dir. Rede Weib!“ fuhr er heftig werdend fort. „Ich will wissen, was Dir im Kopfe steckt! Warum ich kein freundliches Gesicht mehr sehe, warum ich kaum einen guten Morgengruß bekomme, warum ich schlechter behandelt werde, als mein Caro? Habe ich Dir etwas gethan, so sage es, und ich will suchen, es wieder gut zu machen, aber dieses muckische, tückische Wesen leide ich nicht, das schwöre ich Dir zu bei dem allmächtigen Gott!“ – Burkart schlug dabei mit der Faust auf den Tisch, daß die Scheiben klirrten, Eva schrak zusammen, aber sie antwortete nicht, und wollte die Stube verlassen. Da ergriff sie Burkart beim Arm, hielt sie fest, und donnerte: „Weib, du redest, oder du gehst nicht lebendig aus der Stube! Glaubst Du, ich könne Deinen Starrsinn nicht zwingen? Rede, oder ich erschieße Dich und mich dazu!“
Und schon erhob der Jäger – die wilde, doch nicht ernstlich gemeinte Drohung fortsetzend – das Gewehr, und es war ihm, als müsse er den Hahn spannen, und als flüstre ein Geist der Hölle ihm zu: „Gieb Feuer!“ und er spannte auch wirklich den Hahn, denn der Zorn machte ihn ganz wüthend, da ward Eva kreideweiß im Gesicht, und rief: „Herr Jesus! Du willst mich erschießen, Fritz! Nun so schieße zu, denn glücklich werden wir doch nun und nimmermehr mit einander, und mir ist, seit ich Dich zum Manne habe, das Leben zur Last und zur Qual. Warum? Das frage ich mich selbst vergeblich, und muß mir die Antwort darauf schuldig bleiben, also auch Dir, und wenn Du noch so wild darüber wirst. Ich kann Dich nun einmal nicht mehr leiden, Fritz, obgleich Du die ganze Zeit gut gegen mich warst, und mir nichts zu Leide gethan hast. Gott weiß, was daran schuld ist!“
Eva schwieg und drückte die Hände gegen die von Thränen überströmenden Augen. Ihr Mann sah sie mit einem zornigen Blick an, und sagte: „Ich lobe Deinen Freimuth! Du bist doch ein aufrichtiges Geschöpf, und sagst mir, was ich längst schon gemerkt, fast vom Tag nach der Trauung an. Und ist es mir gegen Dich doch kaum anders gegangen. Der Teufel muß uns ein Ei in die Wirthschaft gelegt haben! Du bist ganz anders geworden als Frau, wie du als Mädchen gewesen! Wo ist nun die Liebe hin, und meine schöne Hoffnung auf Glück? Fort, aus den Augen, wie eine verschneite Fährte; mir graut vor der Zukunft.“
Der Förster hielt seine Frau schon lange nicht mehr, und hielt sie auch nicht, als sie jetzt, ohne/ weiter etwas zu sagen, die Stube verließ. Er nahm sein Gewehr auf die Schulter, klopfte wehmüthig seinen Hund auf den Rücken und sagte: „Komm Caro, wir wollen zum Wald gehen, dort ist uns beiden wohler, als hier in dem dumpfen Haus, wo der Unfriede wohnt, und des Teufels Unkraut wuchert.“
So gingen sie beide in das nahe Revier, der Förster und der Hund. Der Caro sprang munter über die Aecker, sich mit der niedern Jagd der Feldmäuse vergnügend, während seinem Herrn alle Munterkeit verging. Dieser blieb nur einmal am Waldesrande stehen, und sah auf das schöne Thal, dessen Wiesen noch so grün leuchteten, dessen Dörfer alle, so weit er sie sah, Belrieth, Einhausen, Ober- und Untermaßfeld, mit den blitzenden Teichen, und weiter drüben Ellingshausen, vom milden Abendschein, wie von einem Friedensarm umschlungen, da lagen, und in ehrwürdigstolzer Pracht die Riesentrümmer der berühmten Wallfahrtkirche Grimmenthal, die nun ganz verschwunden ist, und davor der alte tausend/jährige Lindengreis, der noch immer steht und Wallfahrt und Kirche, alte und neue Zeit überdauert.
„Ach Gott!“ seufzte der Jäger; „da unten scheint der Friede zu wohnen, aber in meinem Hause und in meinem Herzen wohnt er nicht. Kann sich auch Liebe in Haß verkehren? Statt zu wachsen, wie eine Edeltanne, geht unser häusliches Glück ein, wie ein junges Bäumchen, dem der rechte Boden fehlt; der rechte Boden aber ist die Liebe, der fehlt uns. Ja wohl, ja wohl, der Wald unsrer Freuden ist schlecht bestanden, weil das Glück so unbeständig ist. Es ist ein Windbruch hineingekommen, darum geht es mit uns in die Brüche, und ich schleiche durch den Forst, wie ein Kümmerer (= schwach entwickelter Rehbock oder Hirsch, sk), mit bekümmertem Herzen, das aller Liebe abstirbt und Valet sagen muß. Ja, am Ende werde ich ganz verenden, und auf ewig Valet sagen. Oder wie wäre es, wenn ich vor dem Verenden wechselte (= weggehen, wie mehrfach im Vortext: Jägersprache, sk), und ohne Valet ginge? Das ist ein neuer Gedanke, vor dem ich fast erschrecke; und doch gefällt er mir, und ich führe ihn aus, wenn es nicht anders wird daheim, denn ich will lieber in die weite Welt gehen, als in der Hölle sein.“ –
Nach diesen Worten ging der junge Jäger in den Wald, da begegnete ihm ein altes Weib, schwer gebückt unter einer Tracht dürren Holzes, worunter auch einiges grüne, das gestohlen war; der Förster sah scharf nach dem Korb, denn es war schon düster geworden, da gewahrte er, daß es die Frau Holleborn war; sie sagte kein Wort, und er sagte auch keins; sie gingen ohne Gruß und Dank an einander vorüber. Der Förster dachte bei sich selbst: „Hätte ich die arme Jette genommen, und wäre nur ihre Mutter nicht gewesen, ich wäre vielleicht glücklicher als jetzt mit der reichen Frau, die mich nicht mehr lieb hat. Sollte das Sprichwort an mir eintreffen: Untreu schlägt ihren eignen Herrn? Die Jette war gut! Ach Gott!“ – Die alte Frau Holleborn aber plauderte auch mit sich selbst, indem sie den Berg hinabging, oft ausruhend und ihre Last stützend.
„Geh Du nur hin, Du hast Dein Theil!“ sprach sie halblaut. „Du siehst schon ziemlich blaß aus. Rosen wachsen nicht mehr in Deinem Gesicht, aber Spinnenkraut. Du hast den Kreuzenzian in Deinem Garten, und den Kreuzdorn im Stiefel. Dein Tränklein ist Bitterklee, und Wermuth Dein Zugemüse! Du hast die Schlangenwurz im Gewissen, und das Scorpionkraut im Herzen. Auf Deinem Geldsack wächst des Teufels Abbiß, und der Stechapfel liegt unter Deinem Kopfkissen. Geh in den Wald, oder aus dem Wald, so nehme Dein Glück ein Ende bald! Zur Morgenstund und zur Abendzeit sei Dein Schritt verflucht und vermaledeit!“ –
Es ging der ganze Winter vorüber, und es wurde bekannt in Belrieth, daß der Förster Burkart mit seiner Frau ganz unglücklich lebe, daß keines das andre ersehen könne, daß ein unbegreiflicher Haß ihre Herzen und ihre Seelen scheide; die Aeltern der Frau grämten sich, und es gab im Hause des Försters Vorwürfe genug und trübe Stunden genug; aber die Vorwürfe halfen nichts, denn der Haß, wo er einmal eine Wohnung bezieht, ist ein schlimmer Miethsmann, der sich nicht ausbieten läßt, und lieber den Eigenthümer, die Liebe, aus dem Hause treibt, wie ein Fuchs, der den geduldigen Dachs bellend aus dem warmen Bau jagt. Ein wilder Jäger ist der Haß, der kriegverkündend mit Geheul und Halloh über das Gebirge zieht. – Des Zwiespaltes zwischen den jungen Gatten freute sich Niemand im Dorfe mehr, als die alte Frau Holleborn. Eines Frühlingstages ging der Förster Burkart zu Holze, und – kam nicht wieder heim. Vergebens ward er gesucht, nach ihm geforscht. Er war in die weite Welt gegangen; der Haß hatte ihn ausgebissen. – 

4.
Jette Holleborn, die Hospitalmagd im Grimmenthal, ging Pfingsten nach Belrieth zum Maientanz. Unterwegs dachte sie an allerlei, und auch an eine vergangene glücklichere Zeit, da sie sich mit Fritz Burkart in muntern Pfingstreigen gedreht, und mehr gehofft hatte, als ihr die spätere Zeit erfüllt, die meist ein schlechter Bankier ist, und die Anweisungen nicht acceptirt, welche Jugend und Hoffnung ausstellten. Sie hatte gehört, daß man von dem Förster nichts mehr höre, sie wußte, was alle Leute wußten, aber sie freute sich nicht, vielmehr betrübte sie sich von Herzen darüber, und so sah sie gar nicht aus, wie Eine, die zum Tanz geht.
Als sie nun das Dorf erreicht hatte, und unter das niedere Dach ihrer mütterlichen Wohnung eintreten wollte, blickte sie hinüber nach Großthalers Haus, da sah sie Burkarts verlassene Frau am Fenster, und dachte bei sich selbst: „Guter Gott, die ist nun auch nicht mehr, wie ich, hat aber mehr Schande, wie ich. Fritz, Fritz, Du brichst alle Deine Schwüre! Ich glaube, wenn ich seine Frau gewesen wäre, und er hätte mich so verlassen, ich hätte es nicht überlebt – aber ich glaube auch, wenn ich seine Frau geworden wäre, er hätte mich nicht so verlassen!“ Mit diesen Gedanken betrat Jette das Haus.

Die alte Frau Holleborn war sehr schwach und hinfällig geworden, aber sie hatte doch einen/ magern Kuchen auf den Tisch gestellt, und einen dünnen Möhrenkaffee gekocht, und empfing ihre Tochter freundlicher, als sie dieselbe entlassen hatte, denn es war Jettens erster Besuch, die weder zur Kirmse, noch zu Weihnachten, noch zu Ostern herübergekommen war.
„Nun, Jette, weißt Du schon die Neuigkeiten da drüben?“ fragte die Alte listig und lauernd bei der ersten Tasse.
„Das ist leider Gottes nichts Neues mehr, Mutter,“ antwortee die Gefragte.
„Oho, mein liebes Kind. Das kannst Du kaum schon da drüben auf Deinem Spital erfahren haben. Morgen fahren Großthalers in die Stadt, allwo die Burkartin von ihrem Mann von wegen böslicher Verlassung geschieden wird!“ gegenredete Frau Holleborn.
„Geschieden? So schnell?“ fragte Jette.
„Schnell?“ fragte die Alte zurück. „Ei, Du liebes Herrgottchen! Ist er denn nicht dreimal hintereinander in Zeitungen und Wochenblättchen zur Rückkehr aufgefordert worden, und hat sich/ nicht gestellt? Aber ihr da drüben geschieht es recht. Ich gönne es ihr vom Grund meiner Seele. Weißt Du auch, wer schuld daran ist, daß die beiden Leute die Antipathie gegen einander bekommen haben?“
„Ich will es nicht wissen, Mutter,“ erwiederte Jette streng: „Ich weiß ohnehin mehr, als mir lieb ist. Es muß ja Aergerniß kommen, sagt die Schrift, aber wehe dem, durch welchen Aergerniß kommt, ihm wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist!“
„I, Du Rabenkind,“ eiferte die Alte: „Wünschest Du Deiner Mutter das gebrannte Herzeleid, und Mühlsteine an den Hals?“
„Euch?“ fragte Jette mit großen Augen. „Fühlt Ihr Euch getroffen? Mein’ ich Euch? Habt Ihr die Antipathie zu Wege gebracht?“
„Ei, warum nicht gar? Ich meine ja nur so; sei doch nicht gleich so bärbeißig Jettle! Trink, da habe ich Dir wieder eingeschenkt!“ begütigte die Alte – dann, als die Tochter trank, fuhr sie/ fort zu berichten: „Siehst Du, die alten Großthalers dringen hauptsächlich auf die Scheidung. Die Ev soll wieder heirathen. Die Alten haben ein Aug’ auf unsern jungen Herrn Pfarrer, der sie bisweilen besucht, und tröstet. Nun, ich denke, die Ev wird nicht untröstlich sein.“
Das Gespräch währte noch eine Weile, dann brach Jette auf, eine Muhme zu besuchen, und dann auf den Tanzboden zu gehen, wo der Baß schon schnarrte, von dessen Grundtönen getraen, die heisern Violinenklänge und die einer verstimmten Flöte jubilirend schwebten.
Die Frau Holleborn sah ihrer Tochter nach, und murrte: „Keinen Dank, keinen Dank, und ich muß mich ordentlich vor ihr fürchten; da geh einer hin; das hat man davon, wenn man Kinder groß zieht! Ihr zu Liebe habe ich die Sünde gethan, und nun da sie sich freuen sollte, daß das Band zerrissen ist, thut sie gegen mich so apart. Todt ärgern möchte ich mich, und aus der Haut fahren vor Grimm, wie eine Otter, wüßt ich nur gleich, wo dann weiter hin!“ –/
Am andern Morgen, als sich Jette anzog, um wieder fortzugehen, spannte drüben wirklich Großthalers Knecht die Pferde vor den Korbwagen, den die Exförsterin mit ihren Aeltern bestieg. Eva sagte im Einsteigen: „Ich
thue euch heute den Willen, und willige in die Scheidung, aber von einer neuen Heirath schweigt mir ja still! Ich habe in der ersten ein Haar gefunden. Ich hasse die Männer, ja die ganze Welt, und mir selbst bin ich verhaßt und spinnefeind. Ich weiß nicht, wozu erst die Ceremonien in der Stadt; ich bin geschieden, und bleibe geschieden, geschieden von meinem Glück und aller Hoffnung, da scheide Gott die Noth, denn die Herren in der Stadt, ob sie mich scheiden oder binden, können mein Schicksal um kein Haar besser machen.“

„Dort fahren sie hin!“ sagte Jette gedankenvoll zu sich selbst. „Ob es wohl möglich ist, daß meine Mutter? – Es wäre schrecklich, wenn gottlose Künste das vermöchten, denn da müßte man ja irre werden an dem lieben Herr Gott, wenn er dem Teufel so viel Gewalt und Spiel/raum ließe über der Menschen Glück und Leben! Aber ich will doch der Sache auf den Grund kommen.“
„Sagt mir doch einmal ernstlich, Mutter,“ begann sie zu der eben Eintretenden: „Habt Ihr wirklich etwas Heimliches praktizirt, gegen die Försterleute, um sie uneinig zu machen, und was?“
„Ja, ich habe etwas Heimliches praktizirt, wenn Du es doch einmal wissen willst; obgleich Du es nicht haben wolltest, so habe ich es Dir zum Trotz gethan, um Dich an dem falschen Mann zu rächen;“ erwiederte die Alte.
„Mutter, Mutter, wenn Ihr das nur vor Gott verantworten könnt!“ rief Jette erbleichend aus. „Hat Eure Uebelthat diese Frucht der Zwietracht getragen, so komme die Schuld davon auf Euch, nicht auf mich, denn ich habe es nicht gewollt, das weiß Gott, und ich wasche meine Hände in Unschuld! Aber was, das sagt mir, was habt Ihr gethan?“
„Das will ich nun einmal bleiben lassen,/ Dir zu sagen, Du undankbares Ding!“ zürnte Frau Holleborn. „Geh, packe Dich hinüber auf Deinen Spittel, und bekümmre Dich nicht um das, was ich thue und gethan habe! Ich habe es gethan, und damit gut, oder auch nicht gut, und ob es gleich Dir zu Liebe geschehen ist, so mag es nun Dir zum Leid geschehen sein!“
„Möge das Leid nicht über Euch kommen, und Euch die Sterbestunde erschweren, das ist alles, was ich wünschen kann, und damit sage ich Adieu. Lebt wohl, kann ich nicht sagen, denn mit einem so bösen Gewissen könnt Ihr nicht wohl leben!“ Damit ging Jette fort, und die Alte murrte: „Was hat sie gesagt? Sterbestunde? Wäre die vielleicht nicht weit?
Ja, ja, es hat ihr geahnt, und der Tod sitzt mir schon in meinem Gebein. Es wird mit mir zu Ende gehn!“ –
Diese Prophezeihung täuschte die Frau Holleborn nicht; schon eine Woche später kam die Muhme nach Grimmenthal und bat bei dem Spitalwirth um Urlaub für die Magd, deren/ Mutter im Sterben liege, und Jette eilte mit ihr nach dem heimathlichen Dorfe. Die Alte lag auf dem ärmlichen Lager in ihrer Hütte, und ächzte todesmatt in einem fort, und es schien ihr schwer zu fallen das ungewohnte Geschäft, das Sterben. Sie war abgezehrt, wie ein Gerippe, nur noch ein Jammerbild aus Haut und Knochen. Jette pflegte ihrer so gut sie konnte. Mehr als einmal fragte die Tochter: „Mutter, soll ich Euch nicht den Herrn Pfarrer holen, verlangt Euch nicht nach dem Abendmahl? Wollt Ihr Euch nicht mit Gott versöhnen, ehe Ihr von hinnen scheidet?“ Da stöhnte die Kranke: „Jetzt nicht liebes Jettle, morgen früh, jetzt bin ich gar zu matt, ich kann nicht reden.“
Und als der Morgen kam, sagte sie, wenn die Tochter an den geistlichen Zuspruch mahnte: „Es geht wieder besser, ich fühle mich schon gestärkter, ich werde noch nicht sterben, laß es nur sein, bemühe den Herrn Pfarrer nicht.“/

 5.
Mehrere Wochen vergingen; Jette hjatte ihren Dienst verlassen, um sich ganz der Pflege ihrer Mutter zu widmen; diese lag da im lang andauernden Leidenskampf, sündlich den Tod erwartend oder doch fürchtend, und als sie so lag, und wie es schien nicht leben und nicht sterben konnte, da ging Jette endlich hin zum Pfarrer und bat ihn, er möge ihrer Mutter das Nachtmahl reichen, vielleicht, daß sie dann erlößt würde, und er möge ihr in das Gewissen reden, darauf sie noch etwas zu haben scheine, was ihr den Tod erschwere.
Der Geistliche ließ alsbald den Schulmeister rufen, und ging mit dem Sakrament und der Agende zu der Kranken. Das war gegen Abend, als die Sonne unterging.
Und als nun der Pfarrer an das Bette der Frau Holleborn trat, hielt er an dieselbe eine ernstliche Bußvermahnung; sie richtete sich mühselig im Bette auf, hörte zu und sprach dann: „Ach, Gott sei mir Sünderin gnädig! Ach, Herr/ Pfarrer – ich habe etwas zu sagen, aber allein, die Jette nur kann es hören!“

Hierauf winkte der Geistliche dem Schulmeister, daß er hinausgehe, dann sprach die Kranke matt und in großen Pausen: „Ich bekenne mich aller Sünden schuldig, und bereue alle, eine aber bereue ich am meisten, und zweifle, daß Gott sie mir vergeben kann. – Als der Förster Burkhart mit Nachbar Großthalers Evchen getraut wurde – der doch erst zu meiner Tochter ging – habe ich aus Rache – ein Kunststück probirt, das ich von meiner Mutter gehört – ich habe bei der Einsegnung ein Erbschloß zugedrückt – und es in den Dorfbrunnen geworfen – daraus ist bei Försters aller Unfriede und die Scheidung entstanden! Das quält und martert mein Herz, denn meine Tochter hat es mir nicht gedankt, und geholfen hat es uns auch nichts! – Ach Gott, wenn das Schloß da wäre, und wieder aufgeschlossen würde die alte Liebe, da könnte ich ruhig sterben.“
„Ei ei, Frau Holleborn,“ sprach auf diese Mittheilung der Pfarrer: „allerdings hat Sie/ sich einer großen Sünde schuldig gemacht durch eine That des blinden Aberglaubens in so menschenfeindlicher, ja teuflischer Absicht, doch wenn Sie nur aufrichtig jene That und mehr noch den bösen Willen, bereut, so darf ich Ihr die Vergebung Gottes verkündigen, denn an dem großen Unglück dort ist sicherlich Ihre That nicht schuld, sondern es ist eine Schickung Gottes, darum tröste Sie sich und wende Sie sich in wahrer Buße zu Gott!“
Während der Prediger nun der Alten das Abendmahl reichte und ihr tröstend zusprach, ging Jette, die das Bekenntniß ihrer Mutter schaudernd vernommen hatte, still hinaus und wandelte wie träumend, mit gesenkten Armen und wankenden Schritten zum Dorfbrunnen; dort in der Nähe lagen auch längs einer Wand die Feuerleitern und Haken. Einen solchen Haken nahm sie und fuhr damit in den Brunnen hinab, bis auf den Grund, und rührte und fischte und zog nach mehr als einem vergeblichen Versuch, ein altes Schloß heraus. Froher über diesen/ Fund, als habe ihr Einer großes Gut geschenkt, eilte sie nach Hause, als eben der Pfarrer und der Schulmeister wieder fortgingen.
„Deine Mutter jammert, meine Tochter,“ sagte der Erstere zur Jette: „daß Du sie verlassen und nicht mit ihr gebetet. Und sie will, daß Du das Schloß suchen sollst, darum thue der Sterbenden diesen letzten Willen.“
„Es ist schon gethan, Herr Pfarrer,“ erwiederte Jette und eilte in die Stube.
„Hier ist Euer Sündenschloß, Mutter!“ sagte sie.
„So sei der dreieinige Gott hochgelobt!“ ächzte die Alte. „Schließ es auf, schließ es auf im Namen Gottes!“
Wohl versuchte Jette den daran steckenden Schlüssel zu drehen, aber vergebens.
„Es geht nicht, Mutter,“ sprach sie: „das Schloß ist ganz verrostet!“
„Allmächtiger Gott! laß deine Gnade nicht verschlossen sein!“ wimmerte die Todtkranke. „Der Haß ist eingerostet, und der Rost zerfrißt das/ Eisen wie die Herzen! Warum liebte ich meine Tochter so sehr, daß ich den Haß zum Knecht meiner Liebe machte, der mich nun überwältigt? – Bestreiche das Schloß mit Oel, Jette; gieb Dir rechte Mühe! O Gott, ich leide Höllenpein, und kann nicht gehen zum Tode ein!“
Und es trat nun eine ängstliche, peinliche Stille ein in der Stube. Die Alte bewegte nur die Lippen, bald betend, bald mit sich selbst sprechend, und Jette setzte sich hin und goß Oel auf das Schloß und mühete sich lautlos, es aufzubringen. Ach, mit dem Werkzeug einer ungeheuren Frevelthat war ihr der Glaube daran in die Hand und in das Herz gekommen, und sie
dachte an ihre verblühte Liebe und an ihren Schmerz und ihre Entsagung; da geschah es, daß auch heiße Thränen auf das Schloß fielen. Die Thränen schienen kräftiger auf den Rost zu wirken, als das Oel, denn als Jette noch einmal recht heftig am Schlüssel drückte, drehte er sich – und das Schloß ging auf. Und siehe, wie sich das Schloß aufthat, thaten sich die Augen der alten Frau Holle/born zum ewigen Schlafe zu. Jette saß starr dort, sah auf das offene Schloß und auf die halbgeschlossenen Augen der Mutter, und seufzte so tief, so tief, als ob ihre eigene Seele dem fliehenden Geist der Entseelten nacheilen wollte. Doch der Schmerz kindlicher Liebe war es nicht, der aus ihr seufzte. –
Die gewesene und geschiedene Frau Förster Burkart verlöschte um diese Zeit ihr Licht und legte sich zu Bette. Sie hatte es nie gethan seit ihrer Verherathung, ohne ihr Geschick zu beseuzen, auch an diesem Abend seufzte sie, und gedachte ihres gewesenen Mannes, aber da fühlte sie sich von einem unerklärlichen Schmerz ergriffen, denn die Erinnerung an die frühere glückliche Zeit ihrer Liebe trat ihr nahe im Gewand der Wehmuth, und die Gestalt ihres Gatten, die sie immer nur im Geist so geshen, wie er zuletzt gewesen war, unlieb und unhold, sah sie jetzt mit freundlichen Zügen. Sie fragte sich ernst, die junge Verlassene, Geschiedene, ob sie nicht die Hauptschuld trage, daß ihr Gatte so kalt gegen/ sie geworden, und warum sie ihn denn so gar nicht mehr lieb haben könne, aber sie konnte sich darauf keine Antwort geben, nur das eine dachte sie: Wenn mein Fritz wiederkäme, ach, der nun nicht mehr mein Fritz ist, und vielleicht todt oder wieder verheirathet und glücklicher ist, als er mit mir war, ach, da wollte ich ihn anders lieb haben! Dann fragte sie sich wieder: „Wie komme ich nur auf diese Gedanken?“ Darauf gab ihr nun auch Niemand Antwort, aber die Gedanken blieben und verwebten sich in ihre Träume, und die ganze Nacht träumte sie von Fritz, sie habe ihn wieder, und sei glücklich, und die alte Liebe erwachte aus ihrem tiefen
Schlummer, während Eva selbst noch schlummerte. Und als der Morgen kam, war ihr erster Gedanke ein liebesehnsüchtiger, und sie weinte dem schönen Traum ihres Liebeglücks manche Thräne nach. – –
Der Abendhimmel warf seine Rosenfarben in den Spiegel des Königssees bei Berchtesgaden und schmückte die himmelanstrebenden Berggiganten mit Violenkränzen; es war still auf dem tiefen/ See, nur die Wasserfälle rauschten im Geistergeflüster über die schweigende Fluth. An einem Ufervorsprung lag ein Nachen, und tiefer in der Felsenbucht, wo sich der Kesselbach brausend aus unabsehbarer Höhe in sein zerklüftetes Felsbette stürzt, saß, mit kurzer Stutzbüchse, in der Landestracht ein junger Jäger, den Hut mit breitem Gamsbart auf dem Haupt, und sah sinnend zu dem Laubdach gewaltiger Ahornbäume empor, durch das der Himmel herablächelte. Neben ihm lag eine erlegte Gemse; neben dieser saß sein Hund. Dem jungen Jäger war es wunderbar ums Herz, als er so in dem fremden Land, in welchem er eine neue Heimath gefunden hatte, sich die Berge betrachtete. und er gedachte seiner eigentlichen Heimath; wie verschieden war das Hier und das Dort! Da wachten tausend Erinnerungen auf, da dachte er mit neuen und namenlosen Gefühlen seiner alten Liebe, da war es, als ziehe plötzlich eine wunderbare Magie ihm das Herz aus dem Busen und trage es weit über Berge und Ebenen nach dem Thale der Werra,/ wo es zuvor geliebt und gelitten, fröhlich gepulset und – geblutet hatte. Es war ihm, als seien die Bande, die er so hastig und stürmisch zerrissen hatte, wieder fest geknüpft und in seine Seele gewachsen. Und das Bild seiner verlasseneen Frau trat mild und leidend vor sein inneres Auge und sie schien ihm zu winken und zuzurufen: „Fritz, kehre wieder! Komm heim, Du wilder Jäger vom Gebirge; verlaß das hohe Bergrevier des alten Zauberkönigs Watzmann! Komm, ich harre Dein mit neuer Liebe, die kein böser Zauber wieder stören und trennen soll!“ Und als er das so dachte, und sich über ihm die Sterne entzündeten, entbrannte auch in seinem Herzen ein neuer Liebesstern, und das Heimweh ergriff ihn stark und gewaltig.
Der Jäger Burkart erhob sich vom Sitz, nahm sein Gewehr und sein Wild und stieg hinab zum Ufer, schlß den Nachen auf, und fuhr über den stillen Königssee, der schweigend in dem tiefen Schatten der senkrechten Felsenberge lag, in der Richtung nach Berchtesgaden zu, wo/ Burkart bei dem dortigen Oberförster als Gehülfe diente.
Es war aber just an demselben Abend, an welchem die alte Frau Hollenborn vertarb, und Jette das Schloß aus dem Brunnen geholt und geöffnet hatte.

6.
Und wieder war es Herbst. Die Wiesen im Werrathal standen von Zeitlosen überblüht, so daß Rosenschleier auf dem Grün zu liegen schienen. Es war des Sommers Abendröthe, die in die Thäler gesunken, wie ein Sonnenscheidekuß, der die Berghäupter auch so rosig malt. Die stillen Dörfer lagen alle im Frieden.
Da schritt ein Wanderer durch das Thal, der aus Süden kam. Er trug einen Tiroler Hut mit dem Gamsbart, und eine Bergschützenkleidung; so war er in diesr Gegend ganz fremdländisch anzuschauen. Doch rastete er lange in der Gegend von Leutersdorf, und wollte den Abend abwarten, denn er wollte nicht, daß ihn Jemand/ kenne, und ging in der Dämmerung durch Vachdorf, nach Belrieth zu.
„Ich werde hören, ob sie mich wieder lieben kann,“ sprach er zu sich. „Kann sie, dann will ich froh sein und freudig, wie ein junges Reh, das noch keinen Schuß gehört hat, und keinen grünen Rock gesehen. Kann sie nicht, dann gute Nacht, dann trag’ ich fort mein angeschossenes Herz, wieder fort nach dem baierschen Hochland, und begrabe es in die Berge, bis es ausgeschweiß’t hat. Erst aber will ich mich heimlich anstellen, und an ihrer Aeltern Haus, wo sie wieder sein wird, auf den Anstand treten und wittern, ob ich ihr wieder anständig sein werde, und das gebe Gott; ich wär es herzlich wohl zufrieden.“
In ihrer Aeltern Wohnstube saß die weiland Försterin, sehr blaß und mit schwermüthigen Gedanken. Sie dachte an ihren ehemaligen Mann. Der kommt nimmer wieder, der fragt nicht mehr nach mir! dachte sie. Ich darf gar nicht dran denken, und doch denke ich immer und immer/ daran. Er ist geschieden von mir ohne Abschied und Lebewohl, und ich war schuld daran. Und ich bin geschieden worden von ihm, daran bin ich nicht schuld! Die Aeltern wollten es; sie dachten, ich sollte wieder heirathen. Nimmermehr! O, mein Fritz, wärst Du wieder da, ich wollte gut sein, wie ein Lamm, und ich wollte Dir dienen, wie eine Magd, und Dir gehorsam sein, wie eine gute tochter. Ein böser Geist muß mich verblendet haen, daß ich meine Pflicht nich5 begriff, und meine Widerspenstigkeit nicht bezähmte. Nun, wo alles anders sein würde, nun – wird es nicht anders.
„Caro, kusch!“ sagte der Jäger leise zu seinem Hund, und dieser drückte sich dicht an den Herrn. Der Jäger aber ward einer Frauensperson ansichtig, die er nicht kannte, auch nicht erkennen konnte, da es bereits Nacht war, und rief sie an: „Höre Sie! Wohnt nicht hier ein Förster Burkart?“
Die Angerufene erschrack, denn sie kannte die Stimme, doch antwortete sie: „Nein, nicht mehr./ Er ist davongegangen. Seine vorige Frau aber trefft Ihr hier, sie wohnt wieder bei ihren Aeltern.“
„Seine vorige Frau?“ fragte verwundert der Wanderer. „Hat er denn eine Andere?“
„Das weiß ich nicht, vielleicht! Er liebt den Wechsel!“ antwortete die Sprecherin mit einem leisen Seufzer, und nun schien es auch dem Frager, als kenne er sie an der Stimme, dann fuhr sie fort: „Seine Frau hat sich scheiden lassen!“
„Scheiden lassen! Wenn sie sich nur nicht selbst geschieden hat!“ sprach dumpf der Jäger.
„Ja, wenn er sich nur nicht selbst geschieden hätte!“ versetzte jene düster. „Sie säh ihn gern wieder, und ist anders geworden. Ihr Herz ist nicht mehr verschlossen, wie ehedem.“
„Woher weiß Sie, daß ihr Herz verschlossen war?“ fragte jener auf’s Neue.
„Ich weiß es am besten,“ erwiederte die Unbekannte, und wollte gehen.
„Sie könnte mir einen Gefallen thun, wenn/ Sie nämlich will!“ nahm Burkart, der Heimgekehrte, wieder das Wort. „Geh Sie hinein zu Großthalers und sage Sie, es sei ein Fremder hier außen, der etwas zu bestellen habe an die junge Frau; sie mögen einen Augenblick herauskommen!“
„Ich will es gern thun, auch das,“ sagte die Gefällige, und ging in das Haus. Drinnen sprach sie: „Guten Abend mitsammen! Nichts für ungut, ich soll etwas bestellen.“ Dann trat sie nahe zu der Försterin und flüsterte ihr ins Ohr: „Evchen, er ist wieder da!“
„Wer? Wer?“ fragte hastig jene, ganz erschrocken, und dachte gleich an ihren Mann.
„Burkart! Er steht draußen, geht hinaus und empfangt ihn.“ Mit einem Jubelruf sprang Eva auf, eilte aus der Stube und hinaus. Die sie gerufen hatte, war Jette Hollenborn, und ging viel langsamer jener nach. Der alte Großthaler und seine Frau waren ganz verwundert.
Draußen lange Burkart und Eva einander küssend in den Armen. Jette ging still an ihnen/ vorüber, und hinüber nach ihrem kleinen Häuschen, das im Dunkel lag. Jette zündete auch kein Licht an. Sie konnte im Dunkel weine. –
Nicht lange dauerte es, so hatte Burkart eine andere Stelle wieder, nicht aber eine andere Frau, sondern seine vorige Eva, mit der er sich zum zweiten Mal in aller Stille trauen ließ. Als das Paar in die Kirche ging, stnd Jete in ihrem Stübchen, und dachte bei sich selbst: „Seid glücklich! Ich bin es, die euch glücklich macht, ihr aber wißt es nicht. So ist es eben recht: Ich habe gut gemacht, was meine Mutter böse gemacht hat; ihr wird nun auch vergeben sein. Und ich will mich wieder verdingen. Noch einmal sage ich: Seid glücklich! Das alte Schloß war sehr verrostet, aber alte Liebe rostet nicht; ich fühle das. Auch die meine rostet nicht!“ – (61-108)


*) Epilepsie.

Ludwig Bechstein: Der Pseudo-Barbarossa
(1839, Aus Heimath und Fremde II,1)

I.
Ueber dem Kifhäusergebirge lachte und leuchtete der hellste sonnigste Frühlingshimmel. Um die prächtigen Trümmer der Kaiserburg zitterten und spielten die Sonnenstrahlen, die gebrochen durch das Laub der Hasel- und Eichenbüsche drangen, welche ringsumher dem Boden entsproßt waren, auf dem einst in aller Herrlichkeit der Pracht und des Reichthums hohe Helden, reizende Frauen gewandelt. Jahrhunderte waren schon dahingeschwunden seit jenen Tagen des Glanzes und der Macht, die einst Burg Kifhausen umblüht, jetzt umglänzte die gebrochene Feste nur das holde Sonnenlicht, umblühte sie nur der Frühling, und – die Erinnerung.
Seltne Blumen und Kräuter, gesucht und gesammelt von den Heilkünstlern jener Städte und Dörfer, die in der güldnen Aue verstreut liegen, wie Sterne auf der blauen Aue des Himmelsgewölbes, wuchsen in den Ruinen. Der dunkelrothblühende Martagon zeigte stolz seine gefleckten Turbanblumen auf schlanken Stengeln, aber der Rhyzolog achtete nicht seiner schönen Blumen, sondern grub der Goldwurz nach, deren Heilkraft er schätzte. Die schöne Maiblume trieb aus lichtgrünen Blattwinkeln ihre weißen Blüthenpaare; auch diese schonte der Wurzelsammler nicht, sondern er grub aus der Tiefe die weiße, gegliederte Wurzel der Pflanze, und nannte sie mit einem mystischen Namen: Salomonssiegel.
Es war noch die Zeit, in welcher die Heilkunst in derselben Wiege schlummerte, darin sie über ein Jahrtausend gelegen, und an derselben Mutterbrust, die sie nie verlassen soll, der alma mater Natur. Die Menschen, die Aerzte glaubten noch an Ueberlieferungen und heilten nach Erfahrungen, und der Glaube wurde oft zum größten Helfer, zum Wunderarzt.
Durch die Menschheit pulste aber in jener Zeit ein großes Hoffen, das mehr oder minder mächtig in allen Jahrhunderten wiederholt sich kündet; ein hoher flammender Wunsch nach Genesung, der sich bisweilen wie ein lauter Schmerzensschrei ganzer Völker äußert, die ahnungsvoll alle einem Messias entgegenharren bis zum Ende der Tage. Solches Sehnen, solches Verlangen der Völker und Länder schlingt sich oft, ein rankender Epheu, um die Ruinen der Vorzeit, und strebt sie zu verjüngen mit Lebensfarbe und Lebensfrische, und wendet sich, will solches Bemühen nicht gelingen, immer wieder mit erneutem Muthe, einer jüngeren Vergangenheit bald, bald einer verheißungreichen Gegenwart zu.
Es war die Zeit von 1525.
Der Schlag des Hammers, mit welchem Luther seine Theses an die Kirchenthüre zu Wittenberg annagelte, hatte einen so donnergleichen Schall geweckt, daß sein Echo vernehmlich durch Deutschland und Welschland rollte. Der Schall drang bis in das innerste Mark des Volkes, des von tausend und abertausend kleinen Tyrannen geknechteten niedern Volkes der Landbebauer, und weckte in ihm die Messiashoffnung der Freiheit. Diese trat hervor, eine geharnischte, mit dem Schwert bewehrte Jungfrau, aber sie war eine fanatische Prophetin und tauchte ihr Schwert und ihre erst reine Hand in Blut. Darum wurde sie überwältigt, und rings um ihre Anhänger klirrte und schwirrte doppelt schrecklich Kette und Geisel.
In der güldnen Aue war eine Sage lebendig, hold, lockend, prophetisch; sie ging von Hütte zu Hütte, flüsterte leise von alter Zeit und altem Glanz und deutete hinauf zur Höhe des Kifhäusers, auf dem schwarz und düster wie eine riesige Denksäule der Thurm des Barbarossa, hochragend über die Trümmer der Doppelburg, in einsamer Größe stand. Das lebendige Wort der Sage verklärte mit allem Reiz des Wunderbaren und Geheimnißvollen ein altes hochherrliches Kaiserbild, weckte und nährte eine Hoffnung so seltsamer eigenthümlicher Art, eine so unglaubliche, daß sie eben dieser Eigenschaft halber vollen Glauben fand. Wie das Summen der Waldbienen klang der Sage traulicher Flüsterlaut, und sie prophezeite die Wiederkunft des Rothbartes, des mächtigen Herrschers, dessen thatenreiches Leben im fernen Osten mythisch verklungen war, und dessen dort abgeschnittenen Lebensfaden sie ebenso mythisch hier im Westen wieder angeknüpft hatte; desselben Kaisers, von dem sie verkündete, daß er im Schoos der Bergestiefe verzaubert sitze mit seinem ganzen glänzenden Hofstaat und zahlreichen Wappnern, und unermeßlichen Schätzen; desselben Befreiers, von dem ihr Lied erklang:

Einst wird er kommen im Sturme,
Wird wieder den Thron erhöhn!
Hoch vom Kifhäuser-Thurme
Wird rauschend sein Banner wehn!

Und gläubig, hoffend, blickte zur Bergeshöhe das umwohnende Volk, mochte diese in Wolkenschleiern erscheinen, oder unterm Azurbaldachin des Aethers. Immer und immer flogen die Raben um die alte Warte droben, aber die Hoffnung ließ sich nicht scheuchen von ihrem Krächzen, ihrem Flügelschlage, der an jedem Tage die Harrenden an ein langes Jahrhundert verwieß.
So kamen und gingen Jahrhunderte vorüber.
Eine neue Zeit war auf Schwanenfittigen herangerauscht, und aufs neue hoffte man, diesem Rauschen würden endlich die Raben weichen. Die prophetischen Stimmen wurden lauter und lauter, was Ahnung erst war, wurde Verlangen; was als frische unversiegbare Waldquelle in Verborgenheit murmelte, donnerte als Sturzbach; und durch die güldene Aue, durch die Grafschaften Mannsfeld, Schwarzburg, Hohenstein und ihre Nachbargebiete ergoß sich eine lautbrausende Fluth, die verheerend wuchs, und jeden Dammes zu spotten drohte. Thomas Münzer blitzte mit seinem Gideonsschwert, und donnerte mit der Kraft gewaltiger Rede, so daß die Fürsten und die Ritter zitterten, und sich erbangend fragten, was das werden solle?
Am Ausgang des Ortes Tilleda stand eine Waffenschmiede, in deren offner Werkstatt schon mit dem Beginn des Tages sich fleißige Hände rührten; vom Morgengold geröthet, blickte derKaiser Friedrich, so heißt Kifhausens alte Warte unter dem Volke in der güldenen Aue, gerade in die Werkstatt hinein, und dicht an dieser vorbei führte der Weg nach dem weitberufenen Berge. Der junge Meister, Ottmar war sein Name, stand abseit von den Gesellen, und hatte ein Ritterschwert in der Arbeit, jene aber waren beschäftigt, allerlei Waffen zu schmieden; die Bälge pfiffen und hauchten mächtig in die sprühenden, blauroth auflodernden Kohlen, das Löschwasser zischte, die Hämmer lärmten im Takt, dazu sangen die Gesellen ein Lied in welches auch der Meister einstimmte, und weiterhin durch den Ort und über die Flur schallte aus der Schmiede der lebenvolle Klang:

„Rüstig, rüstig, Eisen glühe!
Hammer poche, Funke sprühe,
Und der Arm sei nimmer müd!
Von der frühen Morgenhelle,
Rührt sich Meister und Geselle,
Schafft der wackre Waffenschmied!"

Vom nahen Bergwald schmetterten laute Frühlingssänger wetteifernd ihre Morgenlieder herab, und über den jugendlich aufsprossenden Saaten wirbelten Lerchen jubilierend ihre Hymnen, während der Gesang aus der Schmiede fortschallte:

„Harte Zeit will harte Werke!
Darum übe seine Stärke
Wem die Kraft der Herr beschied.
Waffen, Waffen, aller Arten,
Schwerter, Spieße, Hellebarten,
Schafft der wackre Waffenschmied!"

Der junge Meister schwang prüfend seine neugefertigte Klinge, und eine Röthe der Freude trat auf sein schönes Antlitz, das von Gesundheit und Lebensfrische blühte. Sein Blick flog dabei dem Dorfe zu, und blieb auf einer hochgebauten steinernen Kemnate haften, die burgähnlich, von einem breiten Wassergraben umgeben war, über den eine Zugbrücke führte. Dort wohnte der Ritter Till von Tilleda, ein finstrer wenig zugänglicher Mann mit seiner liebreizenden Tochter Engelbertha, deren Amme, die zugleich das Amt einer sorglichen Haushälterin versah, und einigen Knappen.
Der junge Schmied blickte so sehnsüchtig hinüber nach dem Ritterhaus, und dann wieder auf sein fertiges, hellpolirtes Schwert mit goldglänzendem Metallkreuz am Griff, daß er es ganz vergaß, in das Lied ferner einzustimmen, welches die Gesellen, immer munter arbeitend, zu Ende sangen:

„Schwingt den Hammer, faßt die Zange,
Und zum Stahl- und Eisenklange
Klinge drein manch heitres Lied!
Rüstig, rüstig, unermattet,
Bis der Feierabend schattet,
Schafft der wackre Waffenschmied!"

„So bist du denn fertig, mein gutes Schwert, das der grämliche Ritter bei mir bestellte, und ich trage dich hinüber in die Burg; ich bin vielleicht so glücklich, die wonneschöne Engelbertha wieder zu sehen, die so hold, so freundlich mit mir gesprochen hat!"
Also lauteten die Worte in Ottmars Selbstgespräch, während sein Auge verlangend nach dem Steinhause Tills hinüberblickte. Er wog das Schwert in der Hand, und dachte weiter: Dürfte ich dich doch behalten und dich schwingen für Engelbertha, jetzt, in bedrohlicher Zeit, wo ein wilder Geist durch die Welt geht, und die Freiheit ein blutrothes Panier schwingt. Wahrlich, es wird nicht lange dauern, so wird der Sturm auch über Tilleda brausen. Es wäre gut, wenn Ritter Till sich warnen ließe, und sich zu sichern suchte. –
Ottmar kleidete sich in sein Sonntagsgewand, und verließ mit dem Schwerte in der Hand, die Werkstatt, nachdem er jenes zuvor in die schon bereit gehaltene Scheide gesteckt.
„Hurtig, Hans!" sprach der Altgesell Wigand zum Lehrjungen: „Lauf in die Schenke, und hole uns ein Morgentrünklein! Hier ist ein Plappert, laß Dir zwei Körtling herausgeben!"
Der Junge ergriff das Geld und den gewohnten Krug und that den gewohnten Gang, während der Altgesell seinen Hammer auf dem Ambos ruhen ließ, und dem Meister nachsah, nicht ohne einiges Kopfschütteln. Dann ging die Arbeit wieder rasch und rüstig weiter.
Es währte gar nicht lange, so kam Hans mit gefülltem Kruge wieder zurück, weit schneller wie gewöhnlich, und rief schon vor der Halle: „Neuigkeiten! große Neuigkeiten!"
Ein Hammer nach dem andern hörte auf zu klopfen, der große Blasbalg pustete nur noch matt, da er nicht von frischem angezogen wurde; die Gesellen, theils durstig, theils neugierig, oder beides zugleich, bildeten einen Kreis rusiger Gestalten um den Jungen, der Altgeselle aber griff ruhig nach dem großen Kruge, und setzte zum Trunke an, Hans jedoch keuchte und deutete nach dem Barbarossathurme, indem er nur die Worte hervorbrachte. „Dort! Dort!"
„Was hat der Blasebalg, der Windsack?" fragte der Altgeselle, den Krug weiter reichend: „Was will er wieder für eine Schnurre loslassen, um überm Schwatzen mit der Arbeit zu feiern! Warte, ich werde Dir eins aufbrennen!"
Hans ließ sich von dieser Drohung nicht schrecken, sondern fuhr Worte gewinnend sort: „Er ist da! Er ist da! Er läßt sich wieder sehen!"
„Wer? Wer?" fragten die Gesellen, und hell blitzten ihre Augen aus den von Dampf und Kohlenstaub geschwärzten Gesichtern.
„Der alte Friedrich! Wer sonst! Droben auf dem Kifhäuser!" berichtete Hans.
„Lüge, daß Du kohlenschwarz wirst!" rief nach einem tüchtigen Zuge, ein andrer Geselle.
„Beim starken Schmied von Jüterbogk! Mein Rücken soll zum Ambos werden, wenn ich lüge!" vertheidigte sich Hans. „Ich sage nur, was ich gehört drinnen im Dorfe, wo Kind und Kegel zusammenläuft."
„Das wäre ja ganz verwunderlich, wenn gerade jetzt der alte Kaiser wieder käme," nahm ein dritter Gesell das Wort, scharf hinaufblickend nach der sonnenhell angestrahlten Warte, auf welcher jedoch keine Fahne wehte, wie die Sage verhieß.
„Da sollte einer nach dem Birnbaum laufen, und sehen ob er etwa blühe!" schlug der jüngste der Schmiedeknechte vor, der die Sage genau kannte und dem sie das Herz umstrickte, und wiederholte sich in Gedanken die Schlußworte der alten Weissagung, die damals mehr, denn jetzt, im Volksmunde lebte:

da wird er (der Kaiser) seines Schildes Last
hangen an den dürren Ast. –

Indem kamen schon einige Bauern an der Schmiede vorbei, die guten Morgen boten und in die Werkstatt hineinriefen: „Gebt Feierabend euerem Ambos, laßt Zange und Hammer Mittagsruhe halten! Vergönnt dem Blasebalg zu verschnaufen! Habt ihr nicht die neue Mähr gehört, daß der alte Friedrich droben erwacht ist? Hinauf! Hinauf!"
Ohne Antwort abzuwarten, eilten sie vorüber. Bald folgten andre in größrer Anzahl, hatten Karst und Rodhauen in den Händen, auch Steinhauen und Brecheisen, denn ein Theil davon waren Maurer und Steinbrecher, schwangen ihr Werkzeug und riefen: „Hohoho! Hallo! Feiertag heute! Heute brechen wir keine Steine droben, wird bald ein ganz andres Steinbrechen geben! Mauerbrechen! Kommt mit! Kommt mit! Der alte Kaiser ist auferstanden, und führt uns zum Siege gegen die Unterdrücker gemeiner Bauerschaft! Auf! Auf!"
„Na? habe ich nun gelogen?" fragte Hans, indem er lachend die elfenbeinweißen Zahnreihen zeigte, und den Krug ansetzte, der endlich mit geringer Neige an ihn gelangt war.
„Wollen wir nicht auch nachfolgen?" fragte der jüngste Gesell mit bewegter Seele. „Seht doch das ganze Dorf kommt heraus; da bringen sie schon Dreschflegel, Sensen, Mistgabeln, und schreien wie toll!"
„Wollen vorerst den Meister fragen, wenn er wiederkehrt!" antwortete der starke Wigand, und ergriff einen Haufen fertig geschmiedeten Waffenwerks, daran zwei Männer würden zu tragen gehabt haben, nahm sie wie eine leichte Welle Holz unter den Arm, und trug sie aus der Werkstatt hinweg in die Stube, denn er dachte es möchte die Menge ein Lüstchen ankommen, sich des Waffenvorraths zu bemächtigen.
„Holla ho! Jo doho!" erscholl wildes Geschrei, untermischt mit Jauchzen.
„Komm heraus! Wigand! Komm mit uns! Wir wollen den Kaiser hulden! Du sollst das Wort führen!"
„Danke, dasmal!" antwortete der Altgeselle kurz, und zog am Blasbalg, daß in erneuter Gluth die Oesse flammte, dabei stieß er einige spitze Eisenstäbe von ziemlicher Dicke in die Kohlen, die gar bald rothglühend glitzerten, zugleich gebot sein Wink den übrigen Gesellen rasch zur Arbeit zu greifen.
„Kommt mit uns! Wir wollen frei sein, wollen nicht mehr arbeiten! Feiert auch!" riefen die Bauern, dicht vor der Halle sich drängend. Andre schrieen, da schon der Lärm der Hämmer und das Rasseln und Klingen des Metalls ihre Stimmen fast übertönte: „Gieb Waffen heraus! Waffen!"
Plötzlich fuhr Wigand in jeder Hand ein glühendes Eisen mit grimmigen Gesicht auf die Menge ein, daß sie entsetzt zurückprallte, in der Meinung, der Gesell wollte sie brennen, und einige rücklings hinstürzten – und rief unter dröhnendem Gelächter: „Wollt ihr von der Schmiede, Bursche! Euch soll das Wetter! Potz Velten!"
„Das Dich Gottes Marter schände!" schrie ein wüster Bauer mit drohend erhobenen und geballten Fäusten, dessen rother Nase das eine der Eisen wirklich ein wenig allzunah gekommen war. „An Dich soll's auch noch kommen, Gauch! Schwarzer Höllenbrand!" und verlor sich dann mit der davoneilenden Schaar.
„Glaubts nicht, Brüder! glaubts nicht, daß der Kaiser Friedrich droben ist!" ermahnte Wigand seine Kameraden. „Der kommt nicht wieder; das sind Mährlein, die sich recht hübsch anhören lassen in der Lichtstube beim Spinnrad, im Kreis der lustigen Dirnen, von denen bald die, bald jene ein Neues weiß, aber am hellen Tag ereignet sich dergleichen Wunder nimmer mehr. Werdet bald hören, was für ein Vöglein droben pfeift. Daß sich keiner einfallen läßt, mit dem Bauernvolk gemeine Sache zu machen!"
Die Gesellen sahen Wigand groß an, und dieser bemühte sich, ihnen auf sehr klar anschauliche Weise begreiflich zu machen, daß ein Mensch, der vor dreihundert Jahren gestorben sei, nicht nach dreihundert Jahren leibhaftig wieder erscheinen könne.

Am Morgen dieses schönen Frühlingstages saß, wie gewöhnlich, der alternde Ritter Till mit seiner Tochter und Frau Elfrieden beim Würzsüpplein. Die Kunde, welche das Dorf durchscholl, hatte noch keinen Weg gefunden über die Zugbrücke der festen Kemnate, aber vorspukend gleichsam mußte es sich ereignen, daß die Amme durch das eine der schmalen Bogenfenster sah, und den von der Sonne flammenroth angestrahlten Thurm erblickte. „Ei seht doch!" öffnete sie verwundert den redseligen Mund: „steht doch Kaiser Friedrich wie eine Feuersäule auf dem Berge! Was hat das zu bedeuten? Gewiß, das hat etwas zu bedeuten! Wer weiß, was wir erleben?"
Engelbertha horchte hoch auf; des unbefangenen Mädchens Seele war eingesponnen in die schimmernden Goldfäden des Glaubens an Wunder, an Mähr und Sage, und mit gläubigem Gemüth, auch das Wunderbarste nicht bezweifelnd, nahm sie alles in sich auf, was die Pflegerin, die Lehrerin, die Freundin aus Erinnerungen und aus einigen, oft schon durchlesenen geschriebenen Chroniken ihr mittheilte. – Der Ritter aber sah unwirsch und ungläubig drein, und wiedersprach wie immer, so auch heute. –
„Was wird das wohl bedeuten, daß die Sonne an den alten Thurm scheint, wie sie alle Tage thut, wenn sie nicht hinter Wolken steht?" spottete er.
„So nicht wie heute, Herr Ritter, so nicht!" eiferte Elfriede, durch den Widerspruch gereizt. „O Euch wird schon noch der Glaube zu Händen kommen! Wir leben in einer merkwürdigen Zeit! Bleibt der Tag so schön und Ihr erlaubt es, so will ich mit der guten Engelbertha am Nachmittage nach dem alten Birnbaum gehen, der dort droben, unter dem Thurme steht, und an den kein Bauer die Axt zu legen wagt, und wollen sehen, ob er nicht Blätter und Blüthen treibt?"
„Wird es bleiben lassen! Und den Spaziergang werdet ihr ebenfalls bleiben lassen!" polterte Till. „Ich will nicht, daß mein Kind so fort und fort mit der Ammenmilch Deiner Albernheiten genährt werde, Elfriede! Hab' ich Dir nicht hundertmal schon verboten, mir nichts von all den abgeschmackten Mährlein zu Ohren zu bringen, nichts dergleichen vor Engelberthen auszukramen? Respektirst Du so meine Befehle? Du bist selbst der Rabe Deines alten Mährleins, ohn' Ende krächzest Du das alte Lied vom verzauberten Kaiser! Schläft er im Berge, wie die Sieben-Schläfer, so laß' ihn schlafen, wecke ihn nicht auf mit Deinem thörigten Geschwätz!"
„Vater," nahm Engelbertha mit sanftem und vorbittendem Blick das Wort: „Zürnt doch nicht allzusehr, und scheltet meine gute Elfriede darum nicht, weil sie die schönen Mährlein liebt, und daran glaubt. Man liebt ja gern was man glaubt, und glaubt gern an das, was man liebt!"
„Ei, meine Tochter, wer in aller Welt bringt Dir so viele Weisheiten bei?" erwiderte Till mit mehr Spott als Unmuth, Elfriede nahm aber sogleich das Wort, voll des festen Bewußtseins ihrer Sicherheit, und des ihr seit Jahren eingeräumten Rechtes: „Laß nur den gestrengen Vater schelten und spotten, mein Engelchen! Er meints nicht so böse. Bärbeiß frißt mich nicht! Er wird auch den Glauben nicht ändern, der einmal dem ganzen Volk ins Herz gewachsen, der eingesogen wird mit der Muttermilch, und eingesargt erst mit der Todtenlade."
„Jaja! Es ist schon recht!" sprach Till ironisch, sich fügend: „Wenn Frau Elfriede zum Reden kommt, so hat sie jedesmal gewonnen. Im Zungengefecht nehme ich's nicht auf mit ihr. Schade, daß sie kein Prädikant geworden."
Nun kam die alte Amme erst recht in Zug: „Und wäre ich ein Prädikant geworden!" erhob sie die Stimme: „so würde ich also zu dem festen und gestrengen Ritter Till von Tilleda reden: Ungläubiger, der Geister läugnet, glaubt Ihr nicht an Gott? Gott aber ist ein Geist! Glaubt Ihr nicht an Engel? Engel sind gute Geister, die ihren Herrn loben! Giebt es nun die Geister im Himmel, so giebt es solche auch auf Erden, und in der Erde; unter andern im Kifhäuser. Wer Geister läugnet, läugnet auch die Engel; wer nicht an Engel glaubt, glaubt nicht an Gott!"
„Weib! willst Du mich zum Gottesläugner machen?" zürnte Till.
„Nein, Fester, nur zum Geistergläubigen!" entgegnete beharrlich Elfriede. „Es ist wahr und bleibt wahr, daß in dem Berge dort der alte Kaiser Friedrich verzaubert sitzt."
„Laßt mich mit Frieden!" rief der alte Ritter. „Hab's schon hundertmal vernommen!"
„Manches Liebespaar wurde droben glücklich gemacht!" gab Engelbertha in den Streit, sich zu ihrer Amme haltend.
„So ist's recht, solche Dinge muß Elfriede Dir in den Kopf setzen!" schalt Till.
„Mancher Hirt sah die Wunderblume blühen, und pflückte sie, und fand den Eingang in die unterirdischen Hallen voll Pracht und Glanzes!" fuhr Elfriede fort zu belehren.
„Und manches Mädchen sah die schöne Prinzessin stehen, die freundlich winkte!" fügte Engelbertha überreden wollend hinzu.
„Zorn Gottes! endlos ist Eure Mähr, ein klappernd Mühlrad Eure Plapperzunge! Schweigt!" rief jetzt, im Ernste zürnend, der Ritter, und richtete sich vom Sessel, den er bisher ruhig eingenommen, stolz empor. „Ihr könntet tagelang so schwatzen, Weiber!" fuhr er fort: „fändet ihr den willigen Hörer. Wisset, daß jetzt eine ernstere Zeit ist, die mehr zu thun erheischt, als müssiger Verhandlungen zu pflegen über fabelhafte Dinge, die müssige Köpfe erdacht und ausgestreut. Ihr wißt es nicht, was mein Gemüth mit Sorge bedrückt! Ich habe euer Herz mit Furcht noch nicht erfüllen wollen, doch besser acht' ich, ist's ihr wißt voraus, was kommen wird, und richtet danach Euer Handeln ein, als daß es plötzlich schwer mit Centnerlast auf eure schwache Seelen fällt."
„Mein Gott, Du schreckst mich, Vater!" rief Engelbertha erbebend, und Elfriedens Redseligkeit verstummte plötzlich; erwartungsvoll, mit offnem Munde starrte sie den Gebieter an.
„Ein Geist der Unruhe gährt im Volk," fuhr Till fort. „Ein Zwietrachtteufel säet den Aufruhrsamen rings im deutschen Land. Der Bauer will nicht mehr frohnden, will nicht mehr ein eigner Mann sein, sondern frei, wie unser Einer. Der Ritterschaft erklärt die Bauernschaft den offnen Krieg; der freie Edelmann wird – vogelfrei, die Städte, stolz und trotzig auf ihre Macht, und ihre Rechte, halten zu den Bauern; die Burgen brennen, und mit Ahnenbäumen schürt der Bauer das Freudenfeuer seiner tollen Freiheit. Ueber kurz oder über lang kommt auch hierher der Schwindel, dann gilt es einen ernsten blutigen Strauß, dann könnt ihr hingehen, Euch verkriechen in die Klüfte des Kifhäusers, und Hülfsvolk bitten von dem verzauberten Kaiser Eurer Kindermährchen!"
„Um Gottes Willen, Vater, wie ängstigt mich Deine Rede!" rief das Fräulein aus, und Thränen traten in die schönen blauen Augen. „Dahin wird es ja hier nicht kommen! Unsere Bauern sind Dir mit Liebe zugetan!"
„Mit Liebe!" spottete Till. „Bethörtes Kind! Der Bauer liebt uns nie, und hat zur Liebe auch wirklich keinen Grund. Er gehorcht, und im Gehorsam ist seine Liebe schon einbedungen. Was uns der Bauer Nützliches vollbringt, das vollbringt er, weil er muß. Kommt's dahin, daß er nicht mehr muß – Valet mit uns!"
Elfriede rang in stummem bangem Schmerz die Hände, ein fürchterliches Bild der Zukunft malte ihre stets geschäftige lebhafte Phantasie ihr vor. Engelbertha sann nach, ihre kleine Hand an die blonden Locken umwallte Stirn legend, und sprach dann: „Ich wüßte einen Rath, mein lieber Vater! Wir könnten ja in eine Stadt ziehen, nach Mühlhausen, oder Nordhausen, und dort Bürger werden!"
„Wie? Bürger? Ich ein Bürger!" zürnte Till. „Solch ein Gedanke kann nur aus kindlich aberwitzigem Gehirn entspringen! Davon verstehst Du nichts mein Kind, das geht nicht. Die Tille sind ein uraltes Geschlecht."
„Jawohl, jawohl," bekräftigte Elfriede, die sich den Ritter gern wieder geneigt machen wollte. „Selbst der berühmte Eulenspiegel war ein Till!"
„Weib! reitet Dich der Satan!" schrie, auf das empfindlichste gereizt, der alte Ritter, und hätte sich gewiß in einen Strom von Zornreden ergossen, wenn er nicht durch einen Knappen unterbrochen worden wäre, der den Waffenschmied Ottmar anmeldete. Dieser folgte auf dem Fuße, trat bescheiden grüßend ein, während auf Engelberthas Wangen eine hohe Röthe der Ueberraschung flog.
„Was bringt der Meister?" fragte Till streng und übel gelaunt.
„Etwas recht Gutes, Herr, ein gutes Schwert!" antwortete Ottmar, und reichte die Klinge hin. „Ich habe alles selbst daran gethan, es ist geprobt, Ihr dürft damit in Eisen hauen, so läßt es im Metall eine tiefe Schramme zurück."
„Hm, hm, Ihr thut nach Krämerart," erwiderte der Ritter vornehm, das Schwert zur Hand nehmend, und mit geringschätzigem Blick betrachtend: „Jeder Krämer lobt seine Waare, das ist Handwerksbrauch. Das Schwert wiegt etwas leicht in meiner Hand, etwas gewichtiger hätte ich es gern gehabt."
„Ihr thut sehr Unrecht, wenn Ihr diese Waffe tadelt, fester Ritter!" entgegnete Ottmar freimüthig. „Es ist die beste Arbeit, die ich je gefertigt."
Elfriede, in deren Seele jetzt nur bange Furcht lebendig war, unterbrach das Gespräch der Männer mit der neugierigen Frage: vWas gibt es Neues im Dorfe, werther Meister?"
„Nichts Sonderliches, Frau Elfriede," erwiederte Ottmar: „Die Bauern rufen sich die Mähr zu, der Kaiser Friedrich sei erwacht aus seinem langen Schlummer im Kifhäuser, und zeige sich den Leuten; das halbe Dorf ist schon hinauf gelaufen!"
„Ists möglich, Meister?" fragte Engelbertha mit einem sehr freundlichen Blick.
„Mirakel!" schrie die Amme, doch der Ritter fuhr den Waffenschmied heftig an: „Bringt Ihr mir den Mährchenteufel auch in das Haus! Ist die Hölle losgelassen? Kaum daß ich den Weibern hier solch aberwitziges Geschwätz verbiete, so kommt ein altes Weib in Mannesgestalt herein, und wärmt den alten Kohl schon wieder auf!"
„O scheltet nicht, mein Vater!" flehte Engelbertha sanft, der Ritter aber schrie, ganz Zornflamme: „Ja, ich will schelten! Till wird endlich Toll! Fort mit Euch, Mährchenschmied! Fort mir Euerm Schwert! Das Geld will ich Euch schicken! Eure Waare ist mein – zum Fenster hinaus mit ihr! Geht hinauf, klopft an die alten Mauern, bringt mir ein Schwert, das mich gegen die Macht der Narrheit beschütze, ein Zauberschwert, daran sich der Wahnsinn abstumpft, das den Schwindel und die Tollheit in ihrem Siegeslauf aufhält. Solch ein Schwert schafft mir, und dann fordert von mir jeden Lohn, jeden! sage ich Euch, den ich gewähren kann, Ihr fordern könnt!"
Der exaltirte Ritter warf in seiner Hitze in der That Ottmars gute Klinge durch das Fenster und verließ mit raschem Schritt das Zimmer. Ganz erstaunt, befremdet, sah Ottmar sein unwirsches Treiben, während Engelbertha mit antheilvollem Schmerz auf ihn blickte. Er wollte sich entfernen, doch die Jungfrau trat ihm nahe, und aus ihren Augen sprach die stumme Bitte, nicht im Unmuth von hinnen zu gehen. Er sah das holde Mädchen befangen an, und Engelbertha sprach: „Der Vater ist verstimmt, lieber Meister, doch meint er es nicht so böse, wie es scheinen möchte. Grollt ihm nicht!"
„Wer könnte Euch eine Bitte abschlagen, edle Jungfrau!" erwiederte Ottmar. „Ich werde meinen Groll zu meistern wissen, werde gehen – doch niemals wiederkommen!"
„Nein, nein, daß thut Ihr sicher nicht, Ottmar!" rief Engelbertha hocherröthend, ein süßes jungfräuliches Erbangen goß glühenden Purpur auf ihr Antlitz, sie stand vor dem jungen Mann so reizend entfaltet, so zauberisch anlockend, wie die Wunderblume der Sage, die an Glückstagen und zu guten Stunden plötzlich auf dem Pfad der Auserkornen aufsproßt.
Elfriede hatte unbemerkt das Gemach verlassen; Ottmars langverhaltne Gefühle bekamen Ausdruck und Sprache. Er faßte Engelberthas zarte Hand, die sie nicht zurückzog, preßte sie an seine Lippen, und rief: „Jungfrau! Euch zu Liebe dulde ich alles! Euch zu Liebe arbeitete ich mit äußerstem Fleiß jene gute Waffe, Euch zu Liebe brachte ich sie selbst; Euch, Engelbertha, wollte ich sehen! O Ihr seid so gut, so lieb, so freundlich! Mein ganzes Herz hängt an Euch! Wäret Ihr doch eines Bürgers Tochter, daß ich werben dürfte um Euer Herz, Eure Hand, aber Ihr seid ein Ritterkind, ich bin ein Waffenschmied, ein Handwerker."
„Ach Ottmar!" seufzte in süßer Verwirrung das schuldlose Kind, zu dem zum erstenmal ein Mann so sprach, ein Mann, der ihr nicht gleichgültig, dem sich das unbewachte Herz in heimlicher Minne mehr und inniger ergeben, als dieses Herz sich selbst bewußt war. „Ach, Ottmar!" lispelte sie noch einmal, und ungestüm pochte das Herz, und sie fühlte sich einen seligen Moment an des Jünglings kräftige Brust gedrückt, sein Feuerkuß brannte auf ihren Lippen. Elfriede trat ein, und blieb, die Liebenden im ersten stummen Geständniß überraschend und erschreckend, selbst erschrocken stehen. Engelbertha riß sich los von Ottmars Brust und eilte an die der treuen Amme, wo sie das schöne Flammen erwachender Leidenschaft lodernde, von mächtig hervorquellenden Thränen überthauete Antlitz barg.
„Ei, ei! wenn das Herr Till gesehen!" rief strafend die Amme, doch Ottmar trat zu Engelbertha, faßte nochmals ihre Hand, und tröstete: „Erschreckt nicht, Holde! Ich bin glücklich in Eurer Gunst, Eurer theuern Zuneigung! Mein Glück, mein Hoffen ist auf Euch gebaut. Ich liebe Euch, Engelbertha, doch meine Liebe ist nicht blind, wie man der Liebe immer nachsagt, ich weiß, was dieses Himmelswort umfaßt, edle Jungfrau! Euer stolzer Vater trat mich in den Staub, Ihr hebt mich zum Himmel empor. Er warf in meinem Schwert mein Selbst hinweg, in Eurer Liebe finde ich die gute Waffe meines Muthes wieder. Euer Vater verlangt von mir ein Zauberschwert, während die Tochter mich selbst bezaubert hat, denn Minne ist die größte Zauberin, die nicht nach Pergamenten fragt und alten Ritterbriefen. Sprach nicht der Ritter, wenn ich solches Schwert ihm bringe, solle kein Lohn zu groß sein, den ich fordern könnte? Ich kenne meinen Lohn! Wohlan, ich will mein Heil suchen, mein Glück versuchen; ich will hinauf zum Berge der Mährchen und Wunder. Alles Volk erzählt sich, daß Liebenden die Geister hülfreich sind, vielleicht sind sie das auch mir, auch uns, Engelbertha! Lebt wohl, vertraut auf mich, betet für mich! Ich baue auf Euch, auf Gott und gute Geister!"
Der junge Meister sank leidenschaftlich zu Engelberthas Füßen, und diese beugte sich liebezärtlich über ihn, zitternd, weinend, und sprach unter Thränen: „Ja, thut das, lieber Ottmar! baut auf Gottes Schutz, auf mein Gebet! Ich bleibe Euch eigen!"
Noch eine rasche innige Umarmung, der alle Liebesengel segnend lächelten, dann schritt Ottmar von dannen, und Engelbertha strömte ihre Gefühle gegen die treue Pflegerin ihrer Kindheit und Jugend aus, die bang und besorglich, warnend und befürchtend rief: „Kleinod meiner Seele, was thust Du? Denke an Deinen Vater, den stolzen Ritter! Großer Gott, Du liebst, und meine Augen waren blind! Darum wähltest Du zum Spaziergang immer den Weg an Ottmars Werkstätte vorbei? Darum grüßtest Du so freundlich hinein und bliebst stehen, und ließest Dir das und jenes zeigen! Großer Gott; was soll aus dieser Liebe werden?"
„Du machst mir bange, statt mich aufzurichten!" antwortete Engelbertha. „Warum sollte ich den Mann nicht lieben, der meinem Herzen wohlgefällt? Ottmar ist brav und gut, geschickt und fleißig. Singe mir ja nicht das alte Lied vom Unterschied des Standes; stände doch darin geschrieben, um was wir besser sind durch die Geburt? Davon schweigt jede Kunde. Als ich Ottmar zuerst erblickte, fühlt' ich ihm schon mein Herz entgegenschlagen, mein Herz hat ihn geadelt, er erschien mir, wie ein junger Held, und gewiß, auch er empfand wie ich. Ohne Worte hatten unsre Herzen sich verstanden."
„Ich erstaune, liebe theure Engelbertha!" rief Elfriede mit allen Zeichen höchster Verwundrung. „Du sprichst, als seist Du Jahrelang in die Schule des kleinen schelmischen Liebesgottes gegangen, von dem die Heiden fabelten, wie ich in einem alten Buche gelesen habe!"
Engelbertha war überglüht von einer schönen Begeisterung. Die lang verhaltne Flamme der Empfindung brach gewaltsam aus; sie schoß empor, ein blendender Feuerstrahl, und malte mit den Farben des Morgenrothes des Mädchens Jugendhimmel. Es war eine magische Helle ihrer Gedanken. Die Purpurrose ihrer Liebe, wach geküßt vom Kusse des schönen Lebensfrühlings, hob ihr leuchtendes Haupt stolz und sicher, ihres Königthums sich bewußt. Engelbertha griff zur Harfe, die sie meisterhaft zu spielen verstand, und indem sie sich ganz in das Wonnemeer ihres Gefühls versenkte, begleitete sie mit selbstgefundenen Tönen das Lied, das ihrem reinen Herzen entquoll:

„Als ich ihn zuerst erblickte
Fühlt' ich wonnevollen Schmerz!
Der Gedank' an ihn entzückte
Mein in Lieb' erglüh'ndes Herz.
Und er trat mir sittig nahe,
Wie ein Heldenjüngling schön,
War er sterblich auch – ich sahe
Einen Engel vor mir stehn."

„Worte waren nicht von nöthen;
Fühlend, was er nicht gestand,
Sprach, statt seiner, mein Erröthen,
Und er sah, was ich empfand.
Ob ein Unterschied des Standes
Uns in strenge Fesseln schlug –
Liebe spottet jeden Bandes
Und sie hat des Recht und Fug."

„Liebe fragt nach keiner Krone,
Ihr genügt ein Myrthenkranz,
Sie verzichtet leicht auf Throne,
Sie begehrt nicht eitlen Glanz.
Und vor ihrem alten Rechte,
Und in ihrem Wunderreich
Giebt es Freie nicht, noch Knechte;
Alle Glücklichen sind gleich!" –


„Gott mit Dir, mein Kind, mein Kleinod!" rief Elfriede unter Thränen. „Er stärke Dich, wenn der Schmerz Dir nahe tritt, denn ohne Schmerz hat noch kein Herz geliebt. Schmerz ist der düstre Zwillingsbruder der Liebe, ein unwillkommner Wächter, ein Neider ihres Glücks, ein schadenfroher Zeuge ihrer Pein!"–
Außen an der Kemnate schritt ein grauer Pilger vorüber, hob das herabgeworfene Schwert auf, und verlor sich in das Gehölze am Fsuß des Kifhäusers.

Der Tag war flammend verglüht. Fern im Nordwest, auf dem Gigantenthrone des Harzwaldes, auf dem Brocken, ruhte noch des Tages Königin, und neigte der Welt mit dem Strahlenszepter den Abschiedsgruß, dann stieg sie herab und ward unsichtbar hinter purpurnen Wolkenvorhängen. Der Heerdenglocken Geläute zog sich heimwärts; die Schlösser und Burgen tauchten ihre Häupter in die Flammen des Abendrothes, die Wälder rauschten und flüsterten geheimnißvoll. In den mächtigen und majestätischen Trümmern der Kaiserburg auf dem Kifhäuser begann heilige tiefernste Stille zu walten. Die Abendlieder der Vögel verstummten, eines nach dem anderen; die Blumen schlossen ihre Kronen, und neigten ihre Köpfchen, in Schlummer fallend. Viele waren zertreten, die nicht wieder ihre blühenden Stengel erheben konnten zum Gruß des nächsten Tages, zertreten von dem wüsten Schwarme, der einem Phantom nachstrebend, alle Trümmerräume durchspäht und durchkrochen, und den Mann der Verheißung doch nicht gefunden hatte. Ein Theil dieser vom Götterbilde der Freiheit ganz erfüllter, doch der hohen Göttin nicht würdig zu dienen berufener Männer war nicht wieder zurückgekehrt zu seinen Wohnungen in dem friedlichen Tilleda, sondern war nach Frankenhausen gelaufen, zu dem fanatisch begeisterten Schwarme Thomas Münzers.
Durch die Ruinen irrte noch spät im Abenddämmer des Frühlingtages der Mann im Pilgergewande. Er wandelte empor zur hohen, einsam auf dem höchsten Punkt des Bergscheidels ragenden Warte, lehnte sich an das starre, graue Gemäuer, und blickte hinab in die Güldne Aue, die ergraut unter ihm lag, schon eingesponnen von des Abends Silberflören. Des Mondes erstes Viertel stieg im Osten empor, schwebte mächtig aufwärts am ungetrübten Aether, und goß in vollen Lichtströmen seinen Friedensglanz auf die schlummernde Welt. Die Kapelle, später in den Mauerring der Kaiserburg erbaut und prächtig ausgestattet, war noch nicht ganz verödet, ihr Altar prangte noch, ihre bunten Fensterscheiben waren nur zum Theil eingeworfen, das schwarze Kreuz der Wallfahrt ragte noch düster empor. Auf dem ummauerten Kirchhof lagen in Reihen die mächtigen Epitaphien frommer Pilger, und manches Andächtigen, der in der heiligen Erde des Wunderberges zu ruhen verlangte, und nur theilweise erst, war der Schmuck der Gräber von frechen Händen davon getragen. Aber kein Priester durchschritt jetzt segnend diese Räume, sie waren einzig vom Grauen bewohnt, nur an einzelnen hohen Fest- und Heiligentagen bevölkerten große Wallfahrerzüge aus Thüringen und dem Eichsfelde diese grünen sonnigen Höhen, und die Waller beteten noch gläubig an vor dem Wunderkreuze, dessen Mirakel jedoch längst verklungen und vergessen sind. Die stattliche Unterburg bot noch zahllosen Raum dar in halbeingestürzten Gemächern; es standen noch hohe Steinwände mit kühn gesprengten Fensterbogen, Thürmchen mit Zinnen, mächtige Thore; wundersam, gespenstisch, herrlich und schauerlich lag die Prachtruine im bleichen Mondlicht und in tiefschweigender Einsamkeit.
Der Nachtwandler am Thurme seufzte, und flüsterte sich zu: „Hier ist alles so still, so friedlich, und drüben über die Städte Sondershausen, Frankenhausen, Langensalza und die andern des Umkreises zieht drohend das Unwetter der schwarzen Bauern, blitzt und schlägt, und zündet. Ha! loht nicht dort in der Ferne ein Schloßbrand himmelauf? Und ich, was will ich hier, warum bin ich nicht der Fackelträger Einer? Könnte ich mir nicht einen Namen machen, ich, der arme Namenlos, ich, ein Ritterkind, das keinen Vater kennt, dem die Mutter starb, das der Vater von sich stieß? – Armer Fried! Arme Mutter! Ich bin gekommen, Dein Grab zu küssen!"
Die Empfindung des Mannes steigerte sich zur Ekstase wilden Schmerzes. Das Gefühl gänzlichen Verlassenseins fiel auf ihn mit Centnerlast, es drohte seine Sinne zu umnachten. „Thorheit der Welt!" rief er mit grimmigem Lachen: „daß sie wähnt, daß sie glaubt, ein Langentschlafener wache noch im Schooße dieses Berges; bethörtes Volk, das hofft, er werde sich erheben, und Deine Rechte schützen! Käme er heraus mit tausend und abertausend Wappnern, wie die Verheissung lautet, er würde treu den Rittern beistehen, nicht Dir. Dir thut ein Führer Noth, der Deine Sache führt, und der ist aufgewacht in Thomas Münzer, dem Propheten. Ha, ich möchte solch ein Führer sein! Ich möchte eine Burg brennen! Eine? Hunderte! Rache möcht' ich üben für den Fluch, der auf meiner Geburt lastet. Und hat nicht der Himmel selbst an mich die Aufforderung ergehen lassen, fortan nicht länger im Tagelohn eines schnöden Handwerks zu fröhnen? Fiel nicht heute vom Himmel herab aus blauer Luft ein Schwert, das noch in keines Menschen Händen lag? O Langensalza, Du sollst, so Gott will, den Fried nicht wieder sehen, den Schneider, der unter den Flicklappen geckenhafter Lustigkeit die traurige Blöße seiner Nichtigkeit zwar, aber auch seines zum Himmel aufschreienden Schmerzes tobendes Gefühl verbarg. Warum muß immer ein Theil der Menschen bevorzugt sein vom Glück, und ein Andrer um so tiefer erniedrigt! Komm heiliger Geist christlicher Freiheit, breite Deine Taubenflügel über die Welt; mache Licht, wo zuvor Nacht war, bringe den Frieden statt des Schwertes – und mir – ha! mir träumt von einer Krone!"
So fast zum Gebet werdend, und sich wieder in stolzen und hochfahrenden Ideen verwirrend durchschweiften die Gedanken des Einsamen wie ein flackerndes Irrlicht Raum und Zeit und wuchsen zuletzt zu purpurnen Flammenflügeln einer Vision.
Von Tilleda herauf stieg ein zweiter einsamer Wandrer. Er folgte dem schmalen, doch vielbetretenen Pfad durch das thaufeuchte Gebüsch des Niederholzes, und sein Tritt scheuchte das Nachtgeflügel auf. Er ging voll Liebesweh und doch auch voll Liebeshoffnung seinen stillen Gang, halb zweifelnd, halb zuversichtlich, ein an die Welt der Wunder Verwiesener, träumerischem Wähnen sich unwillkürlich gefangenen Gebender.
Sang und Sage der Alten erschienen ihm, je näher er den imposanten Trümmern der Burg Kifhausen kam, gar nicht mehr so unwahrscheinlich; die zaubervolle Mondnacht umflüsterte ihn, wie eine fabelhafte Geliebte, und umwehete ihn so wunderbar; sein Herz schlug unruhig, es zitterten Schauer durch sein Inneres, die nicht von Furcht erzeugt waren, sondern von jener Uebermacht hervorgerufen, welche der Wesenmutter Nacht über die Sterblichen verliehen ist.
Der Sinnende am Barbarossathurme hörte den am hochaufstrebenden Gemäuer wiederhallenden Tritt des Nahenden, schrak aus seinen phantastischen Träumen auf, seufzte, sich hier zu finden, und spähte jenem entgegen. „Dieser ist wohl kein Geist, kein Bote der Tiefe," sprach der Lauscher zu sich, und trat so um die östliche Ecke des Thurmes, daß er ohne gesehen zu werden, sehen konnte. Der heraufkommende, Ottmar, ging gedankenvoll seines Weges, und mehr und mehr umspann ihn die Magie der Poesie und Sage, und ein altes, längstvergessenes, in Kindheittagen gehörtes Lied erwachte in ihm, so daß er sich's laut vorsprach, als er oben auf der Bergzinne stand, und rückwärtsschauend die weitläufig über den südlichen Bergrücken verstreuten Palasttrümmer überblickte, die unter ihm lagen, wie ein versteinertes Jahrtausend, so viele Erinnerungen rankten um den ehemals hochherrlichen Kaiserbau.

Wo bleibst Du Barbarossa,
Und wann erfüllst Du Dein Wort?
Du hälst Dich im Berge verborgen
Und schlummerst in einem fort!"

„Bezaubert verharrst Du im Berge
Mit Deinem Kaiserkind!
Dir dienen geschäftige Zwerge,
Bezaubert ist all' Dein Gesind."

„Du sitzest und nickst beständig
Bei Tage, wie bei Nacht?
Wann sehen wir Dich lebendig
Aus langem Schlummer erwacht?"

„Einst wirst Du kommen im Sturme,
Wirst wieder den Thron erhöhn!
Hoch vom Kifhäuser Thurme
Wird rauschend Dein Banner wehn!"

So sprach Ottmar, vom kühlen Flügelschlag der Nacht umhaucht, und das Gefühl seiner heißen Liebe, der brennende Schmerz seiner heute erlittenen Erniedrigung, der Gedanke, so einsam auf einer verrufenen Stätte zu stehen, die in jedem Augenblick sich mit tausend geister- und spukhaften Gestalten erfüllen konnte, machte ihn zittern, doch regte die ungewohnte und eigenthümliche Situation ihn dagegen so mächtig auf, daß er mit seinem Stabe an den starren Thurm anschlug, und laut ausrief: „Wenn Du bist, so höre! Ich beschwöre Dich im Namen des dreimalheiligen Gottes! Spende mir ein Schwert, das den Wahn versteinert, das die Tollheit aufhält im Siegeslauf! Du Macht, die den Liebenden huldreich! Gewähre mir, zeige Dich mir, und ich will an Dich glauben und will Dich verkünden allem Volke, und will Deinen Namen preißen bis an das Ende meiner Tage! Gieb mir das Schwert, das Schwert!"
Der Verborgene, dem Sprecher so nahe stehend, daß er deutlich jedes seiner Worte vernahm, löste leise die Fäden, die sein Pilgerkleid festhielten, und streifte dieses ab. Nun stand er in einfach ritterlichem Hauskleid, und drückte sich ein rasch hervorgezogenes Baret von hochgelber Seide, ohne Federn, aber mit blitzenden Steinen besetzt, auf das Haupt und es glich im Mondenglanz fast einer funkelnden Krone.
Und vor Ottmar hin, der erwartungsvoll stand, trat plötzlich, wie aus der Erde emporgestiegen, die hohe Gestalt des Mannes, dessen bleiches Gesicht ein röthlicher Bart in reicher Fülle zierte; in dem Augenblicke zuckte ein meteorisches Wetterleuchten über den östlichen Himmel, und im Doppelglanz des Mondes und des Blitzes glühte das blanke Kreuz, das den Schwertgriff bildete.
Ottmar taumelte bestürzt zurück; die Geisterwelt, so schien es, öffnete ihre Flammenarme, ein Schauer überrieselte ihn; wenig fehlte, so wäre er der überraschenden Erscheinung zu Füßen gesunken, diese reichte ihm lautlos die Waffe dar.
Hastig griff Ottmar nach dem Schwerte, und die Augen zu dem Geber scheu emporrichtend, rief er halb laut: „Wer bist Du?"
„Ich bin der, den Du suchtest!" erklang im tiefen Ton die Antwort. „Ich erfülle Deinen Wunsch. Bekämpfe den Wahn! Hemme die Tollheit im Siegeslauf, wenn Du kannst!" –
„Du bist, ja Du bist der Rothbart! Du erscheinst mir, hoher Herr und Kaiser, daß ich von Dir zeuge! Ist Deine Zeit gekommen? Schlug die Stunde Deines Erwachens?" so rief Ottmar, ganz dahin gegeben dem Glauben an das Geisterhafte der Erscheinung.
„Noch nicht!" sprach die Gestalt. „Doch magst Du drunten verkünden, daß Du mich gesehen. Wann ich komme, soll mein erster Ruf an Dich ergehen, und dort – " der Sprecher deutete hinab auf die Mauerkolosse der Unterburg – „wirst Du mich wiederfinden."
Ottmar folgte dem Fingerzeig; wie sein Blick zurückkehrte nach dem Sprechenden, war er allein, und nun erst kam Furcht und Bangen überwältigend über ihn. Er eilte von der Höhe, wo der Thurm steht, hinab, seine Kraft aber schien gelähmt, die Füße versagten ihm den Dienst, er fand den Pfad, den er herauf kam, nicht wieder, er gerieth in das weitläufige Innere der Ruinen. Dort hemmte eine umgestürzte zerbrochene Säule sein Weiterschreiten, hier ein Grabstein, dort that sich ein dunkles Thor auf, und ließ in einen Gang voll Nacht blicken, dort lockte eine Wendeltreppe aufwärts, aus deren Steinfugen Gras und Kräuter sproßten. Wie eine Ermattung befiel es den Einsamen, wie mit magischer Formel benedeit, sank er in Schlummer, doch bald weckte ihn ein Tönen, das wie unterirdischer Donner klang, aber ehern, als werde tief unten die große Erfurter Domglocke angeschlagen. Ottmar fühlte sich sinken, tief, immer tiefer, er sah nun Gestalten an sich vorüberhuschen, abenteuerlicher, phantastischer, als jemals die Sage sie ihm gemalt, er sah sich wandeln an eines dunkeln Führers Hand, und bald umgab den Staunentrunkenen alle Pracht des unterirdischen Barbarossaschlosses. Mächtige spiegelnde Marmorsäulen trugen die runden Bogen des Gewölbes, eine Ueberfülle bizarrer und wunderlicher Figuren zierte die reichen Kapitäler. Auf einem Thronsessel von Elfenbein, in welches Goldarabesken eingelegt waren, saß der, der vorhin ihm erschienen war, im Halbschlummer der Verzauberung nickend, mit den Augenliedern zwinkernd, und der rothe Bart war durch den silberweißen Marmeltisch gewachsen. Neben ihm, auf goldnem Stuhl, saß die Prinzessin, ein wundersam schönes Jungfräulein, und stützte das blaßrothe Antlitz, und schlief. Rundum saßen oder lagen, ebenfalls im Zauberschlafe befangen, hohe Helden im glänzendem Waffenschmuck. In den großen und weiten Gewölben aber neben dieser Prachthalle schlummerten noch viele Tausende längs der flimmernden Wände, und in der Mitte dieser Räume standen Steintruhen voll Goldes, Silbers, voll Edelsteine und Kleinode, und an den Wänden hingen zahlreiche Waffen, Schwerter, Hämmer, Aexte, Lanzen, alles nach alter Art und glänzende Rüstungen.
Eine seltsame Helle, wie das erblichene Tageslicht bei großen Sonnenfinsternissen, machte das Alles sichtbar.
Ottmar blickte wie ein Träumender drein. Er ward wieder hinweggebracht durch düstre Gänge, in welchen helle Krystalle blitzen, Goldadern leuchteten, Karfunkelsteine glühten. Eine Binde fiel von seinen Augen, und er fand sich sitzend unter Trümmern, auf rohem Steinblock, doch hatte die Ueberdachung einer kleinen Vorhalle ihn einigermaßen geschirmt gegen die Kühle, die nach Mitternacht den Berg überschauerte. Jetzt dämmerte schon im Osten der Morgen herauf, Ottmar griff sich verwundert an die Stirn, erhob sich und seufzte: „So habe ich eine Nacht hier oben verträumt, und alles war nur ein Traum, toller Traum!"
Da klang es neben ihm wie Metall, das Schwert war durch seine Bewegung auf den Stein geglitten. „Ha! Und doch wahr, doch! Hier ist das Wahrzeichen! das Zeichen, daß es wahr ist, was ich sah und hörte! Dies Schwert! Gemahnt mich's doch an das meine, das der Ritter so trotzig höhnend verwarf! Wohlan denn, ich will der Stunde harren, da ich oder er es brauchen werden!"
So sprach Ottmar und schlug sich abwärts durch die Gebüsche. Der Morgenwind erhob sich, und umwehte den Wandrer der Frühe, wie mit klirrenden Flügeln. Es war als flüstre geheimnißvolle Melodie zum Rythmus seines gleichmäßigen Schrittes, es war, als drängen aus der Tiefe oder aus weiter Ferne, die Worte an sein Ohr:

Wen Furcht und Reue nicht quälen,
Der wandelt unversehrt.
Wen Muth und Liebe beseelen,
Bedarf kein Zauberschwert
.

Von Reblingen her zog mit der Frühe desselben Morgens ein großer revoltirender Bauernhaufe, um diejenigen, die sich mit ihnen noch nicht vereinigt, zu ihrer Genossenschaft zu zwingen. Sie jauchzten und jubelten, sangen, fanatisch entflammt, geistliche Lieder, und von Dorf zu Dorf wurde größer die Schaar, die sich nach Tilleda zu wälzte.

In der Kemnate zu Tilleda, welche an der Stelle stand, wo ehemals die Pfalz der Kaiser des Sachsenstammes gelegen war, bebten die Herzen der Bewohner, denn diesen Bewohnern nahte bedrohlich das heraufziehende Unwetter des Bauernschwarmes. Schon von weitem war das Geschrei der Schaar tosend vernehmbar, man sah die bäurischen Waffen blitzen, und hoch erhoben zeigte sich über einem rothen Tuche das Feldzeichen dieser „christlichen Verbrüderung", das Rädlein eines Pfluges.
Die Anwohner des Dorfes liefen zusammen in hellen Haufen, theils um die Schaar kommen zu sehen, theils sich mit ihr zu vereinen.
Händeringend, von Angst überwältigt und rathlos gab Elfriede alle Zeichen weiblicher Furchtsamkeit von sich. Sie raffte dieß und jenes kostbare Geräth zusammen, um es bald wieder fallen zu lassen und nach anderm zu greifen. Ihre zagende Seele dachte nur an Flucht. „Komm, traute Engelbertha, komm! Wir wollen fliehen! Jetzt sind sie noch nicht da! Noch ist's Zeit!"
„Ich fliehe nicht, ich bleibe, wo der Vater bleibt!" sprach entschieden das junge Mädchen, und ein heldenherziger Entschluß sprach aus ihren flammenden Augen.
Rasselnd, von Kopf bis zu Fuß im blanken Harnisch, trat jetzt Ritter Till ein, doch offnen Visirs:
„Rufe Alle zusammen!" befahl er dem Knappen, der ihn gewappnet hatte. „Nicht wohlfeil verkaufe ich Gut und Leben! Laßt sehen, was eine, wenn auch alte, doch tapfre Faust vermag!" – „Siehst Du Elfriede," wandte er sich zu der Jammernden: „jetzt thäte Geisterhülfe Noth!"
Ein Hornruf schmetterte draußen. Engelbertha warf sich mit Thränen in den Augen an des Vater gepanzerte Brust, der Ritter küßte die Tochter zärtlich. Ein Knappe trat ein: „Herr Ritter, die Bauern kommen in Haufen das Dorf herauf!"
„Kommen Sie? Wohlan, so komme auch ich! In Haufen sie – ich fast allein. Haltet euch stille ihr Beiden! Zeigt euch nicht am Fenster! Betet, derweil ich kämpfe! Gott sei mit mir, mit euch!"
Klirrenden Schrittes ging der Ritter, und entschloßnen Muthes, und ließ Engelbertha bei der verzagenden Elfriede. Draußen begegnete ein zweiter Knappe, mit einem Pfeil, an dem ein Brief hing, der von den Vorboten über die Zugbrücke geschossen worden. Rasch riß Till das Schreiben auf, es war unleserlich genug gekritzelt; sein Inhalt war kurz und verständlich:

Unsern willigen Dienst zuvor, ehrbarer, vester Jungherr in Christo!

Wir geben Euch zu erkennen, daß wir das Kloster Sittichenbach eingenommen haben, auf andre christliche Brüder allda zu verharren.
Darum, vester Jungherr, ist unsre Bitt an euch in christlicher Treu, wollet zu uns kommen mit andern christlichen Brüdern, dann uns mehr Adels zugeschrieben haben, zu uns noch heut mächtiglich zu kommen, und uns das heilig Evangelium und Wort Gottes und die Gerechtigkeit helfen handhaben, schützen und schirmen. Solches wollen wir Euch um Christus Willen nit bergen. Bitten schriftliche Antwort.

Hauptleut und Sammlung (= Versammlung, Gemeinschaft, sk) der Bauerschaft vor Osterhausen und zu Frankenhausen.

„Ha des Schimpfes! Fluch allen Feiglingen von Adel, die sich verbrüdern mit dem Bauerspack!" rief Till entrüstet, und schleuderte den Brief zur Erde. „Kein Bündniß, keine Verbrüderung! Jagt den Briefträger mit Schüssen fort!"
Ungern gehorchten die Knappen. Ein freundliches Wort hätte Tills Haus verschont, aber ihn auch zum Mitgenossen jener Zügellosen gemacht. Doch hatten weit größere und reichere Ritter, ja Grafen und Fürsten sogar, die Stimme der Klugheit gehört, der dringenden Nothwendigkeit sich gefügt.

Tills Stolz verschmähte es, zu thun wie Jene, die gezwungen zu den Bauern hielten, und dann zu Lügnern an ihnen wurden; er erwartete den Angriff, und dieser ließ nicht lange auf sich warten.
Bald umtoste rasendes Getümmel das feste Haus. Schüsse krachten aus einigen Wallbüchsen. Steine flogen gegen die Zugbrücke und das Thor, ein Regen von Bolzenpfeilen schmetterte gegen die Fenster.
In eine Ecke des Zimmers geschmiegt, lag Elfriede heulend am Boden, Engelbertha aber trat in des Vaters Rüstkammer, setzte sich einen leichten Helm auf, ergriff ein Schwert und eilte dem Vater zu Hülfe.
Die Ketten, welche die Zugbrücke hielten, zersprangen von wiederholten Steinwürfen, und dem Drängen und Stoßen des stürmenden Haufens wichen die eichenen, mit breiten Nägeln gefesteten Thorflügel. Zwischen das lauttobende Geschrei, den Lärm, das Gekrach, die Schüsse der Vertheidiger schallte wie ein Hohn der kirchliche Gesang im vollen Bauernchor:

„Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten Glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm Ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem Elende.
Kyrie eleison"!

Die Bauern fochten und kämpften mit Löwenmuth im Bewußtsein ihres guten Rechts und ihrer guten Sache; der bisherige Erfolg des Aufstandes war glänzend, von allen Landen kamen günstige Nachrichten. Sie bedienten sich zu Erreichung ihres Verlangens eines grausamen Mittels, aber es bot sich den Geknechteten kein andres dar.
Bald war das Haus erstürmt, der Ritter sank verwundet von einem Axthieb, Engelbertha brach ohnmächtig zusammen, die Knappen entrannen, so weit es ihnen gelang, und Till, Engelbertha und Elfriede wurden gebunden durch die siegtrunkene Menge geführt, deren Gesang des Lutherliedes fortklang; ein grausamer Widerspruch ihres grausamen Thuns:

„Du süße Liebe schenk uns deine Gunst!
Laß uns empfinden der Liebe Brunst.
Da wir uns von Herzen einander lieben,
Und im Fried auf einem Sinne blieben.
Kyrie eleison!"

Plötzlich entstand ein neues Getümmel, lautes Geschrei unterbrach den Gesang, der Haufe stob auseinander, und eine kräftige Stimme donnerte: „Gieb Raum, Gesindel! Platz für brave Leute!" Schwere Hiebe fielen auf die Widersetzlichen. Engelbertha blickte auf, und schrie laut: „Ottmar!"
Er war es, der entflammt heran stürmte, hoch sein Schwert schwingend, gefolgt von dem kräftigen Wigand und all seinen Leuten, sämmtlich wohl bewehrt; auch Hans lief mit und schrie den Bauern mit lauter Stimme zu : „Hütet euch! Um Gottes Willen, hütet euch! Der Meister hat ein Zauberschwert, hat es in voriger Nacht vom Rothbart empfangen! Was er damit anrührt, wird zur Salzsäule!"
Ottmar aber drängte sich an den Ritter heran, Wigand schleuderte mit leichter Bewegung der Arme rechts und links die Bauern zur Seite und zu Boden, die den Ritter hielten, wobei es sich traf, daß er auch jenen Rothnäsigen wieder erfaßte, der am gestrigen Tage so sehr gedroht hatte, und Ottmar rief: „Nehmet hin dieses Schwert, Herr Till auf Tilleda! Schließt Euch an uns an! Wir führen Euch und die edle Jungfrau aus den Händen dieser tollen Rotte!"
„Aus der Hand des Rothbart, des Kaisers Friedrich, hat er ein Schwert empfangen? Hütet euch! Laßt sie Alle ledig!" So ging es erst flüsternd, dann lauter von Mund zu Mund durch den erstaunten Schwarm, und das Häuflein der Befreiten sah sich schützend umringt von den rüstigen Männern, die Ottmar führte. Wigand trug eine eiserne Schürstange in den Händen, stieß sie auf einen Stein, wie eine Hellebarde, daß sie klingend dröhnte, und schrie: „Bekehret euch! Laßt Jene unangefochten ihres Weges ziehen, sonst will ich euch mit dieser Elle eins anmessen!" Die Bauern standen, stumm und verwundert gaffend, wie Mauern, dann fielen sie allzumal in das Haus, brachen ein und auf, wie es kam, plünderten und räumten, schleuderten Brandfackeln in die Gemächer, und sangen dazu, ein wilder schrecklicher Chorus:

„Du höchster Tröster in aller Noth,
Hilf, daß wir nicht fürchten Schand noch Tod!
Daß in uns die Sinne nicht verzagen,
Wenn der Feind wird das Leben verklagen!
Kyrie eleison!"

Wie betäubt, mit seinem Denken fast der Gegenwart entrückt, die Hand auf die klaffende Wunde pressend, schritt der Ritter im Kreise seiner Begleiter, beschämt, vernichtet. Sein gebrochener Stolz verursachte ihm größern Schmerz, als die zerschmetterte Schulter.
Elfriede wimmerte und heulte, und blickte rückwärts, wo Gesang und Geschrei durcheinander tobte, und dicker Dampf schon dem Dach der Kemnate entqualmte, den bald züngelnde Flammen feuerroth durchloderten. Engelbertha lohnte Ottmars Treue mit den innigen Blicken ihres heißen thränenvollen Dankes, und suchte den Vater zu stützen. Der Retter aus den rohen Händen einer zügellosen Raubrotte führte Alle den Kifhäuser empor.
Es war ihm, als müßten sie da am sichersten sein, er glaubte, es müßten sich die geräumigen, unterirdischen Hallen wiederfinden lassen, auch war der Berg und sein Trümmerschloß das einzige, was für den Moment Zuflucht gewähren konnte. Längst den Blicken Nachschauender durch die Waldung verhüllt, sandte er Wigand und die andern Gesellen zurück, sein Haus zu wahren. Er konnte dieß getrost thun, denn die Bauern fürchteten die Riesenkraft Wigands, und nicht einmal in Masse wagten sie, sich mit ihm zu messen. Zugleich brauchte Ottmar die Sorgfalt, seinen Leuten aufzutragen, sie möchten die etwa Fragenden nur dahin berichten, er habe den Ritter und die Jungfrau über den Berg nach Heringen geleitet. Hans leistete den Fliehenden noch Gesellschaft, um zu Diensten zur Hand zu sein.
Erschöpft erreichten Alle die Trümmer; die Mittagssonne brannte heiß, doch kühlte und erquickte auf dem Kamm die frische Bergluft. Von ferne drang noch wüstes Geschrei, kaum hörbar, empor.
Mit der zerrissenen Schärpe Tills ward dessen Wunde verbunden, nachdem Ottmar Blätter der heilenden Bergwürze zerquetscht, und ihren Saft aufgeträufelt hatte. Ein kleines Thurmgemach, noch ziemlich wohlerhalten, zu dem als einziger Zugang eine schmale Treppe führte, gewährte das erste Obdach. Dem verwundeten Till ward ein Lager bereitet, zu seiner Seite lag das Schwert. Hans wurde hinab in das Haus gesandt, um manches zu holen, was zur Erquickung und Bequemlichkeit dienen konnte. Ottmar ließ die Frauen bei dem Ritter allein, und stieg zur Oberburg empor, um am Fuß der Warte herabzuschauen, was die Bauernrotte wohl weiter beginnen würde. Als er da droben stand, schien ihm alles, was seit gestern begegnet, ein wunderlicher Traum. Es war ihm, als müsse die räthselhafte Erscheinung der Nacht noch einmal vor ihn treten, und ihm den Pfad seines Wandels vorzeichnen. Aber Niemand erschien und nichts unterbrach die hohe Stille des Naturfriedens auf dieser grünen, im Lenz paradiesisch schönen Höhe. Hinabblickend auf die gottgesegneten Fluren der güldnen Aue sah er, wie der Bauernschwarm Tilleda verließ, und wieder nach Sittigenbach und Osterhausen zu zog, gleichzeitig aber gewahrte er eine Reiterschaar nach jenen Orten die Richtung nehmen, und sein scharfes Auge unterschied deutlich mansfeldische Farben und das Wappen dieser Grafen im Pannerfähnlein.
Schmerz und Freude zogen durch des Jünglings Seele. Freude, daß er sein angebetetes Herzenskleinod retten durfte und konnte, Schmerz, daß diese Rettung ihm nicht früher gelungen war. Die Kunde von dem heranziehenden Bauernschwarme war erst spät in seine entfernter liegende Werkstatt gedrungen.
Ungewiß, was nur weiter zu beginnen, entschlossen, einen noch sicherern Zufluchtsort zu suchen, immer noch der Hoffnung Raum gebend, in den unterirdischen Kellern und Gewölben einen solchen zu finden, der neben vollkommener Sicherheit auch alle mögliche Bequemlichkeiten darböte, ging er zu seinen Geborgenen zurück. Ermattung hatte über alle drei ihre Schlummerflügel gebreitet. Der Ritter lag langgestreckt; ernst, ja streng war sein Antlitz zu erschauen. Engelbertha saß auf einer Steinbank, und hatte das schöne Haupt zurückgelehnt; die zarten Wimpern waren geschlossen, die Ringellocken frei um den weißen Hals und die tiefathmende Brust; eine Hand lag offen im Schooße, die andre ruhte auf dem Herzen. Elfriede kauerte am Boden, und hatte den Kopf in den Schooß geborgen.
„Sie schlummern Alle!" flüsterte sich Ottmar zu, und nahte leisen Trittes. „Schon kehrt die natürliche Röthe der Anmuth und Jugendfrische auf Engelberthas Wangen zurück, die heute der Schreck und der Schmerz gebleicht hatte. O geliebte Engelbertha! Darf ich Armer denn so sagen? Darf ich hoffen? O wie zieht es mich hin zu Dir, unwiederstehlich!"
In höchster Aufregung aller Empfindungen heißen Liebesverlangens nahte der Jüngling seiner Geretteten, er beugte sich über sie, er lauschte dem Wehen ihres Athemzugs, er hauchte einen Kuß auf ihren Mund!
Plötzlich fuhr Till empor, und schrie mit zornerstickter Stimme: „Ha Bube! Lüstet's Dich nach solchem Lohn? So treffe Dich der meine!" Die Frauen fuhren schreiend vom Schlaf auf, der Ritter hatte rasch sein Schwert ergriffen, und holte zum Hieb aus. Engelbertha warf sich in seine Arme, und rief: „Halt ein, mein Vater! lohne nicht mit Undank den Retter meines Lebens, meiner Ehre, den ich liebe!"
„Du liebst ihn? Ungerathene! Wehe Dir und mir!" rief Till mit gebrochener Kraft. „Wirft sich das Gold an das Eisen weg? Dann sei verworfen auch von mir!"
„Vater! Vater!" wimmerte Engelbertha.
„Zorn Gottes!" fuhr, seine schwindende Kraft gewaltsam sammelnd, der Ritter fort: „Ist denn in den Sternen beschlossen, daß der Pöbel mich zu seines Gleichen machen soll? Habe, Gut, Ehre raubte mir seine Frevelhand, jetzt streckt sie sich nach meines Lebens Leben aus, nach meiner Tochter! So hab' ich lang genug gelebt, und dieses Schwert, das heute mich befreite, thue mir noch den letzten, besten Dienst!"
„O haltet ein, Herr Ritter!" rief Ottmar. „Straft mich für meinen Frevel, nur bringt dieses theure Kind nicht zur Verzweiflung!"
Ein lauter Angstschrei, den plötzlich Elfriede ausstieß, lenkte jetzt Aller Blicke auf einen hohen Mann, der eingetreten war, ohne daß es die Anwesenden in ihrer Aufregung bemerkt hatten. Auf seinem Haupte leuchtete ein golddurchwirktes Baret, das bleiche ernste Gesicht umkrauste ein goldrother Bart. Engelbertha erbebte.
Der Mann trat mit Ruhe zu Till, und nahm das Schwert aus dessen Hand, während Ottmar, befangen von einem vorgefaßten Wahn, umstrickt von Wunderglauben an die alte Barbarossasage tiefehrerbietig sprach:
„Königlicher Geist dieses Berges, Du forderst das rettende Schwert zurück, das Du in voriger Nacht in meine Rechte legtest! Nimm es mit Dank, und sei uns gnädig."
Till dagegen fuhr exaltirt auf: „Wer bist Du Spuk, Popanz! Was unterfängst Du Dich, mein Schwert zu nehmen? was hinderst Du mich in Ausübung meiner gerechten Rache gegen jenen Ehrlosen?"
Der Blick des Fremden musterte die Anwesenden mit großer Ruhe, er blieb mit Antheil an Engelberthas angstbelebten Zügen hangen, mit Antheil betrachtete er Ottmar , dann blitzte sein Blick zürnend und strafend auf Till. „Dir soll ich Rede stehn? Wohlan, ich will," sprach er dumpf und ernst. „Wenn ich gesprochen habe, wirst Du verstummen, Till auf Tilleda. Ein Mährchen will ich Dir erzählen, höre zu. Es war einmal ein feiner Rittersmann, der minnete ein züchtiges Bürgerkind drüben in Heldrungen, das eine Weise war, und auf dem Schlosse diente. Die arme Maid, bethört von ihrer eignen Neigung und seiner Werbung gab ihm Gehör, und als sie nun, von dem schönhöfelnden Junker zur Mutter gemacht, an seine Schwüre und Verheißungen ihn erinnerte, verstieß er sie, hohnlachte er ihrem Schmerz, ihrer Qual, und schwur sich los von ihr, wie ein Bube. Die Arme ward hinweggetrieben, fand als eine Ehrlose, Geschändete, nirgend Aufnahme, und als endlich ihre Stunde kam, gebar sie ein Söhnlein hier – hier in einer Kellerhöhle der alten Kaiserburg. Eine mitleidige Hirtenfrau, arm wie sie, leistete ihr Hilfe. Hier ist sie, ihren Verführer verfluchend, gestorben, drüben am rothen See gruben ihr die Hirten ein Grab, dort wandert noch ihr Geist! Das sind vierzig Jahre her, Herr Till von Tilleda!"
Der Ritter stöhnte im Schmerz tief auf, und bedeckte sein Gesicht mit einer Hand. Der Erzähler fuhr streng fort: „Nicht wahr, das ist ein recht alltägliches Mährlein? eine Geschichte die leider alle Tage noch nur allzuwahr sich wieder ebenso begeben kann? Doch hört! Die Frau des Hirten wußte von der Sterbenden, wer des Söhnleins unnatürlicher Vater war, sie trug es dem Ritter in sein prächtiges Haus; er hatte jetzt ein schönes junges Weib, und war noch stolzer, wie zuvor. Sie sagte ihm alles, da tobte er, und schrie: „Wirf diese Brut den Raben hin zum Fraß, die um den Thurm des Kifhäusers fliegen, oder wenigstens suche einen andern Narren Dir, den Du mit Deinen Lügen berücken magst! Weilst Du noch einen Augenblick auf meiner Schwelle, so soll der Vogt Dich stäupen!" Das arme Weib entfloh eilend mit dem winselnden Wurm, der noch nicht einmal getauft war. Der Hirt und sein mitleidig Weib beschlossen um Gottes Willen ein Werk der Barmherzigkeit zu thun, und das Kind als das ihre aufzuziehen. Wie sie's nun wollten taufen lassen, wollte Niemand Pathe sein; da sprachen Hirt und Hirtin: „Gott sei's geklagt! So thät es Noth, wir bäten Kaiser Friedrichen zu Gevatter!" Im Augenblick trat ein Pilger des Wegs daher, sprach um einen Trunk Wasser an, und sah das Knäblein, und hörte sein Unglück. „Wohlan, mich sendet Gott," redete er zu den armen Hirten. „Ich hebe das Kind!" Und als der Pfarrer fragte, wie das Kind heißen solle, so sprach der Pilgrim: „Friederich!" Gleich nach der Taufe hing er ein uraltes wunderliches Goldstück mit einem Oehr um des Kindes Hals, und sprach zu den voll Ehrfurcht dankenden Hirten: „Dieß Kind wird einst eine Krone tragen!" Dabei leuchtete des Pilgrims Gesicht wundersam, und Hirt und Hirtin fielen vor ihm auf ihr Antlitz. Als sie sich erhoben, war er hinweggeschwunden. Diese Leute glaubten bis an ihr Lebensende, daß jener Pilgrim Friedrich der Rothbart selbst gewesen, und sagten das dem Knaben, als er erwuchs, viele hundertmal. Oft hütete der Knabe die kleine Heerde hier oben auf dem Berge, und viel Wunderbares ist ihm da begegnet. Doch es starben ihm die Pflegeeltern; mit seinem Kleinod, seinem Taufbrief als Hirtenlohn und seiner dürftigen Kleidung strich er fortan in Gemeinschaft mit seinem Ziehbruder bettelnd durch das Land. Da kamen eines Tages die Knaben an ein Ritterhaus, und Fried bettelte den Ritter an, der sein Vater war, und eben heimkehrte von einem Jagdritt. Der Ritter hieb mit der Peitsche auf ihn ein, daß er blaue Striemen in Menge davon trug, und er weinte laut, und floh, doch fluchte er dem schändlichen, nichtswürdigen Ritter nicht. Weit von der Heimathflur, in Langensalza, nahm aus Mitleid ein Schneider die Heimatlosen, Namenlosen auf, dem diente Fried lange Jahre als Junge, als Knecht, war treu und fleißig, trug sein unverdientes Unglück still, und stellte die Rache Gott anheim. Von Zeit zu Zeit pilgerte er auf den Kifhäuser und weinte auf dem Grabe seiner Mutter. Oft und öfter sah er in Träumen den Pilger erscheinen, der ihn aus der Taufe hob, und hoffte, daß er ihn noch einmal schauen werde von Angesicht zu Angesicht. Noch sah er ihn nicht, und er harrt noch seiner Zeit, die nicht lange mehr sein kann, denn schon sind Zeichen geschehen. Münzer hat sein Pannier aufgeworfen mit dem bunten Regenbogen, dem Zeichen des Friedens, der die Welt umspannen soll; ehe jedoch der Regenbogen am Himmel der Zeit schimmert, muß der Herr im Wetter vorüber wandeln, und die Frevler niederschmettern, die am Allerheiligsten gefrevelt, an ihren Brüdern. Unsrer sind eine große Zahl aus Langensalza zu Münzers Heer gestoßen. Meine Schritte aber hat der Herr hierher gelenkt, daß ich da, wo ich die Heerden einst geweidet, auf der Bergestrifft, nun mein Auge weide an seiner gerechten Rache, die ich in seine Hand gegeben. Soll ich weiter reden, Ritter Till auf Tilleda?"
Noch einmal stöhnte der Ritter auf, hob die Hände, machte stumme Zeichen der Verneinung, öffnete den Mund zu einem Ausruf, brachte ihn aber nicht hervor. Die Sprache war ihm genommen, ein Schlagfluß hatte ihn getroffen. Zurücksinkend winkte er Ottmar und Engelbertha, sich ihm zu nähern, Beide sanken vor ihm auf die Knie, und er vereinigte ihre Hände. Elfriede kniete voll Herzensangst und kreuzigte sich. Der Fremde war verschwunden. In den Armen der Tochter und ihres Geliebten verschied, ehe eine Stunde verging, der Ritter.
Wenige Tage darauf fiel jener schreckliche Schlachttag, an welchem über siebentausend Bauern und ihnen verbündete Bürger dem Racheschwert der Fürstenmacht erlagen, wodurch ihr Bündniß und ihr Aufstand in Thüringen vernichtet wurde. Thomas Münzer ward in den Kerkerthurm zu Heldrungen geworfen, ehe sein Haupt zu Mühlhausen fiel. Ottmar führte Engelbertha, des Ritters verlassne Tochter, als seine geliebte Hausfrau in seine Wohnung, und bestrebte sich, sie glücklich zu machen.
Von dem Erscheinen des Kaiser Friedrich auf dem Kifhäuser war keine Rede mehr.

II.
Zwanzig Jahre waren vergangen, seit die Aufruhrflamme des Bauernkrieges auch in dem sonst so friedlichen Gefilde der güldnen Aue ihre schnell verloderte Gluth emporgeschlagen hatte.
Im Gemüthe der Völker war aber immer noch der Trieb lebendig, der mißgeleitet jene blutrothe Blüthe hervorsprossen ließ, der Trieb nach religiöser, nach kirchlicher Freiheit, und die Kirchenverbesserungen, vielfach zu hemmen gesucht von ihren zahlreichen und mächtigen Gegnern, ging sichern, ruhigen, bedächtigen Schrittes vorwärts. Vor zwanzig Jahren hatte der Bauernkrieg in diesem Lande die Schwärmerbrandfackel geschwungen, vor zehn Jahren hatte derselbe Geist der Schwärmerei in einem andern Lande einen Schneider mit dem königlichen Purpur umkleidet, ihn auf den Thron gehoben, und sogar der Welt das unerhörte Schauspiel eines christlichen Harems geboten, aber solcher gewaltsamen Verirrungen des nach Freiheit ringenden Völkergeistes ohnerachtet, wurden immer heller die Blicke, immer geläuterter die Ansichten, und immer siegreicher schwang die Wahrheit mitten unter Meinungskämpfen und unter großen politischen Bewegungen ihre Oriflamme. Für sie erhob sich der Schmalkaldische Bund, entzündete sich der Schmalkaldische Krieg. Und Luther lebte noch.
Hoffnung regt ewig ihre Schwingen. Trotz so mannigfacher Erregung im Leben des Volkes erstarb nicht die hoffnungsreiche Sage von der einstigen Wiederkehr des Barbarossa.
Diese Sage flüsterte im Laub des Bergwaldes, im Rauschen des Windes um die hohe Warte, im Säuseln der Gräser und Blumen der Matten zu den Hirten, zu Schäfern, zu Jägern, zu Bergleuten, immer noch ganz dieselbe, die sie vor zwanzig, die sie vor hundert Jahren war. Auch die Trümmer der Kaiserburg hatten keine merkliche Veränderung erlitten. Welche Hand hätte sie antasten sollen außer dem Finger der Zeit, und dieser glitt nur leise berührend darüber hin.
Es war wieder ein wonniger und sonniger Frühlingstag, der mit seinem holden Licht die Ruinen übergoß, mit seinem freundlichen Grün den Boden schmückte, und dieses sogar aus den Mauerritzen hervorzauberte, in deren Höhlungen die Eidechse sich sonnte, um welche braunrothe Schmetterlinge flogen. Unter der Warte graseten Schafe, deren Lämmer die sonst stille Bergeinöde mit Geschrei erfüllten. Zwei Hirtenknaben saßen unter dem alten Thurme, vesperten und plauderten. Der Aeltere erzählte dem Jüngeren die alte, allbekannte Mähr vom verzauberten Kaiser Friedrich, und hatte an diesem einen sehr aufmerksamen und gläubigen Zuhörer: „Unter diesem Schloß, das zerbrochen ist, liegt noch ein Schloß gar schön und herrlich, da sitzt der Kaiser drinnen mit rothem Bart, der ist schon zweimal um den Tisch vor dem Kaiser herumgewachsen; bald auch reicht er das drittemal herum. Wenn es nun so weit ist, daß der Bart vollends herumreicht, dann wird der Kaiser heraustreten aus dem unterirdischen Schlosse, und die Burg Kifhausen neu erbauen. Dann wird er seinen Schild hängen an jenen dürren Birnbaum dort unten, und der Baum wird wieder grünen und blühen – und eben, daß er blüht, soll ein rechtes Zeichen sein von des alten Kaisers Wiederkunft. Da wird man ihn sehen auf dem Berge, und er wird den Türken bezwingen und das heilige Land erobern."
„Nun, da muß er bald kommen," versetzte der zuhörende Knabe: „denn der Baum da drunten blüht ja, das siehst Du doch!"
„Was? Was?" fragte der erste Knabe verwundert. „Weiß Gott, er blüht! Sollte das auch der rechte Baum sein?"
Der Schatten eines Menschen wurde jetzt den Knaben sichtbar, sie blickten zugleich nach dem Nahenden hin, und sahen mit großen Augen einen alten Mann mit langem grauröthlichem Barth, straffem Haar von gleicher Farbe, und in wunderlicher fremdländischer Tracht. Auf der gebräunten Brust, die er offen trug, hing ein goldner Schaupfennig. In einer Hand hielt er einen weißen Stab, in der andern eine blaue Blume. Zur Seite hing ihm ein starkes Schwert.
„Wer ist das?" fragte ängstlich der jüngere Knabe. „Still! still!" flüsterte der Aeltere.
Der alte Mann, dessen Mienen in sich gekehrt und kummervoll erschienen, wandelte fast unhörbaren Trittes am Thurme vorüber, und lenkte seine Schritte nach der Unterburg, so daß er bald den Augen der Knaben entschwand.
„Da ists nicht geheuer! Wir wollen heimtreiben!" sprach aufstehend der ältere Hirtenknabe; sein Gefährte folgte, sie pfiffen dem Hund, die Heerde zog abwärts, der Thalebene zu, und nach einer Stunde ging in Tilleda von Haus zu Haus die Mähr, daß der alte Birnbaum blühe, und Kaiser Friedrich über die Berghalde wandelnd erblickt worden sei, und erregte Staunen, Bewunderung, Hoffnung, Zweifel, Wiederspruch und Bestätigung.
Der folgende Tag war der Vorabend des Himmelfahrtfestes. Herrlich glühte sein Morgen empor und beleuchtete den frühlingsgrünen Kifhäuser mit sonniger Pracht. In der Waffenschmiede vor Tilleda erwachte rührige Thätigkeit. Die Oesse glühte und sprühte, die Bälge fauchten. Der wohlhabende Meister Ottmar saß im Kreise seiner Lieben, der treuen Hausfrau Engelbertha, die immer noch ein schönes Weib war und in ihrem Gesicht den Ausdruck jener Kindlichkeit des Gemüthes trug, die ein Erbtheil reiner Seelen ist – und der Kinder, die sie ihm geboren, beim Frühmahl. Ihr Gespräch galt der neuen Kunde, denn an der Schmiede hatten die Hirtenknaben zuerst Ottmars Kindern erzählt, was sie gesehen, und es wurden Erinnerungen an die Vergangenheit wach, die mächtig bewegten. Ein altes Mütterchen, welches auf der Ofenbank saß, horchte neugierig hin, und gab Worte in das Gespräch, die bezeugten, daß sie an die Wahrheit der Nachricht fest glaube. Es war die alte treue Elfriede.
Jetzt schallte von fern her ein Gesang, der immer näher kam, doch war er bei weitem friedlicherer Art, als vor zwanzig Jahren der fanatische Frömmigkeitsausbruch empörter Bauern. Die Kinder riefen jubelnd: „Die Wallfahrer! die Wallfahrer!" und sprangen aus der Stube durch die Schmiede ins Freie. Auch Ottmar und Engelbertha folgten, und der Meister winkte den Gesellen ein wenig inne zu halten mit schmieden und hämmern, damit der Lärm die Andacht der Waller nicht störe. Die Lehre Luthers, zu der sich das ganze Volk der güldnen Aue freudig bekannte, war noch zu eng verwachsen mit dem alten Glauben, um dem Verehrung zu verweigern, was von dessen Bekennern zu Ehren des Heilandes und der Gnadenmutter Ceremonielles ausgeübt wurde.
Der Wallfahrerzug war groß. Geistliche führten ihn an mit Kreuzen, Kirchenfahnen, Rauchpfannen, Weihbecken und Quasten. Die Bewohner der Schmiede grüßten ehrerbietig, und lauschtem dem Gesang der Wallfahrer, der gar erbaulich durch den frischen Morgen schallte:
„Wir wollen zu dem Kreuz hinan;
Du Heiland gingst viel rauhere Bahn!
Ora pro nobis!"

„Du Gottessohn der auferstand,
Du Sieger, der den Drachen band,
Ora pro nobis!"

„Wir all' sind Sünder, Herr vor Dir!
An Deinem Kreuze beten wir:
Ora pro nobis!"

„O Heiland, durch Dein Himmelsthor,
Führ' uns zu Dir, zu Dir empor!
Ora pro nobis!"

„Ich muß, ich muß hinauf, theures Weib," sprach Ottmar leise zu seiner Hausfrau, als Beide in die Wohnstube zurückgekehrt waren. „Ich muß sehen, was an dem Gerücht ist, und ob Er vielleicht wieder zum Vorschein gekommen, der damals so spurlos verschwand?"
„Mein Herz ist bang um ihn!" antwortete Engelbertha. „Es ist recht, gehe hinauf, doch gehe nicht allein, nimm die Gesellen mit, und waffnet euch, morgen ist ja Feiertag, und da heute die Himmelfahrtsnacht, so strömt ohnehin das Volk gern auf den Berg. Wenn Du vielleicht die Nacht droben bleibst, und es ereignet sich etwas Sonderliches, so sende mir einen Boten hinunter, daß ich Nachricht von Dir empfange."

Droben in der öden und einsamen Bergkapelle, die nur an wenigen Tagen des Jahres noch andächtige Beter in sich versammelt sah, deren einstige Pracht mehr und mehr verfiel, saß ein abenteuerlicher Mann mit verwirrtem Haar, und mit irrem Blick. Er hatte auf dem Schooße ein abgeschabtes Mäntelchen von rother Wolle, und nähte eilfertig daran, bisweilen ruhte jedoch seine Hand und seine Auge starrte trübe vor sich hin. Ein verglimmendes Feuer trieb noch kräuselnde Rauchwölkchen empor, durch welche die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster brachen, hell schienen. Rankendes Gezweig draußen stehender Bäume warf spielende, schwankende Schatten in das nicht allzugroße, jetzt unheimliche Gotteshaus, darin ernst das schwarze Wunderkreuz über dem Altar stand.
„So, noch einen Hasenschwanz, dann sind wir fertig!" plauderte irre der räthselhafte Mann vor sich hin. „Einen Stich noch, dann Faden ab! Gott sahe alles an, was er gemacht hatte, und es war alles sehr gut. Auch ich bin höchst zufrieden. Was fehlt diesem Purpurmantel? Hasenschwänzlein statt Hermelinverbrämung – Alles eins. Die Krone her, die Krone! Freilich, Deine glänzte reicher, Bockhold, Du glücklicher Schneider, der zum König ward! Doch blutig hast Du büßen müssen, während mir zu entweichen gelang. Und mir gebührte doch auch eine Krone! Sie ward mir ja verheißen! Mein Scepter ist der schlanke Wanderstecken, daran man sich doch stützen und halten kann. Das hat vor manchem Kaiser- und Königsscepter er voraus. Nun fehlt nur noch ein Reichsapfel, dann habe ich die Kleinodien beisammen! Wo find' ich den, wo find' ich den?" – – „Ha dort! dort grinzt ein bleicher Todtenkopf im Winkel! Komm hervor! Bist du auch morsch und wacklich, wie das Reich?"
Der Fremdling erhob sich, hing sich das Mäntelchen um, setzte sich eine von Flittergold und Pappe gefertigte Krone auf, stützte sich auf den Stab, und ergriff den Schädel. „Haha! Nun ist der Kaiser fertig!" fuhr er fort im lauten Selbstgespräch. „Nun schelte mir einer die Schneider! Aus Schneidern können Könige und Kaiser werden, wenn aber Kaiser und Könige schneidern sollten – o weh! Die zerschneiden ganze Länder und balgen sich um die Flicklappen. Das ist eigentlich sehr lustig – wenn es nur nicht auch wieder sehr traurig wäre! Armer Fried! Wo ist denn nur Dein Reich, Dein Schloß, Deine Herrlichkeit? Da liegts – zerfallen, ach und zerfallen bin ich selbst mit der Welt, mit mir – eine wandelnde Trümmer, jaja!"
Das Feuer war zu einem Aschenhäufchen verglommen; der phantastische Mann vernahm Geräusch, Stimmen, Lieder.
„Kommen sie endlich! endlich! meine Unterthanen und wollen mir huldigen!" rief er mit einem Blick voll Freude, dann aber überkam ihn wieder eine bange Scheu; und er barg sich in einem seitwärts stehenden vergitterten, gothisch verzierten Beichtstuhl von Eichenholz, daß Niemand ihn sehen sollte.
Der Zug der Wallfahrer wimmelte in die Kapelle. Eilig säuberten fromme Hände das Kirchlein und bereiteten es vor zum morgenden Feierdienst. Grüne Maien, unterwegs der Waldung entwandt, bedeckten bald den Boden, wölbten sich zu Bogen, und Kränze von den Händen der Mädchen gewunden, wurden überall aufgehangen.
Bald stand das schwarze Kreuz vom lebendigen lichten Grün umkleidet. Die Frauen und Jungfrauen sangen während ihrer Arbeit:

„Schmückt die heilige Kapelle
Mit der Frühlingsblumen Reiz!
Schlinget grüne Maienkränze
Um das wunderthätige Kreuz!"

Als das Kreuz geschmückt war, fielen Alle auf ihre Knie, und es sangen die Männer:

„Wir wandern und wallen
Von nah und von fern!
Danklieder erschallen
Am Kreuze des Herrn."

Dann begann der weibliche Chor wieder mit hellen und sanften Stimmen:

„Morgen ist ein Tag der Freude
Feierlieder klingen nur.
Festlich schmückte sich die Erde,
Da der Herr gen Himmel fuhr."

worauf Alle im vollen Chor sangen:

„Wir hoffen zu finden
Und hoffen so gern
Vergebung der Sünden
Am Kreuze des Herrn."

Dann betete ein Priester und weihte gleichsam für den morgenden Gottesdienst und das Meßopfer das Kirchlein wieder ein. Kruzifix und Kirchenfahnen wurden befestigt, aufgestellt, und die Waller zerstreuten sich in Gruppen auf dem Berge und in den ehrwürdigen Ruinen, theils sich des wonnevollen Lenztages zu erfeuen, theils Anstalten für das Uebernachten an bequemen Stellen zu treffen. Bald war ein mannichfaltiges buntes Menschengewimmel auf dem Berge zu erblicken; zu den Wallfahrern gesellten sich theils Neugierige aus Tilleda, welche nach dem wiedererstandenen Kaiser Friedrich sich umschauen wollten, theils andere Bewohner der Nachbardörfer, welche die Himmelfahrtnacht und den Festmorgen bei lodernden Freudenfeuern auf dem Berge zubringen wollten. Solches zu thun, waren sie seit lange gewohnt, und diese fortgeerbte Gewohnheit mochte wohl im grünen Boden der deutschen Vorzeit wurzeln.
Unter den Gekommenen waren nun auch Ottmar und zwei seiner Söhne, von achtzehn und sechzehn Jahren, die gebeten hatten, den Vater begleiten zu dürfen, und ein Theil der rüstigen Gesellen. Sie durchstrichen vereint die Ruinen, fragten und wurden gefragt; Niemand hatte den Rothbart gesehen. Endlich nahten sie der Kapelle, und kamen eben dazu, als ein Mönch, welcher mit Wallfahreranzug gekommen war, sich dem Beichtstuhl nahte, weil ein junges Weib aus dieser Schaar zu beichten Verlangen trug. Entsetzt, und sich bekreuzigend, prallte der Mönch zurück, als er den Sitz schon eingenommen fand von einer Gestalt, die wunderlich und schrecklich anzuschauen war; mit einem Schrei enteilte das Weib aus der Kirche, und rief draußen Allen, die es hören wollten, zu, was sie erblickt hatte. Der Pfaffe aber ward zornig, denn er wähnte, es hätten die Gegner des christkatholischen Glaubens diesem zum Hohn äffend ein Fratzenbild geputzt, und wollte schon ein Anathema gegen die frevelnden Ketzer donnern, als zur Steigerung seines Erstaunens jetzt der Waffenschmied aus Tilleda hinzutrat, den schlummernd Sitzenden sah, und die Hände emporhebend ausrief: „Er ist's! er ist's, der Barbarossa!"
Schon rief indeß draußen das Volk, auf Berg und Ruine verstreut, sich laut die Neuigkeit zu, daß ein Todter in der Kapelle sitze, und Alles wimmelte herbei; bald war von Schauenden das ganze Kirchlein erfüllt, und Alle betrachteten den wunderlichen Mann. Sein Haar war struppig und verwirrt, sein Antlitz bleich und verwittert, sein Aufputz höchst abenteuerlich, doch verfehlte gerade dieses nicht die Wirkung eines gewissen ehrfurchtvollen Schauers, dessen sich keiner erwehren konnte. Jetzt bewegte er sich, jetzt schlug er die grau bewimperten Augen auf, sah blinzelnd umher, und seiner Hand entrollte der Schädel, den er als Reichsapfel hielt, und zerschellte auf dem Steinboden. Niemand wagte ihn anzureden; Alle fragten nur flüsternd, bang befangen: „Wer ist der Mann? Wo kam er her? Er scheint nicht zu hören, nicht zu sehen! Was soll man davon denken?"
„Er ists, der gestern uns erschien!" bestätigten die Hirtenknaben, die ihre Heerde den Hunden zur Bewachung überlassen hatten, und die allgemeine Neugier jetzt doppelt theilten. Endlich trat Ottmar, der angesehendste und wohlhabendste Mann in Tilleda, zugleich Dorfschultheiß, der Erscheinung näher, und redete sie an: „Mit Gunst wer seid Ihr, wunderbarer alter Mann? Was habt Ihr hier zu suchen?"
Der Alte hob die Hand empor, und blickte blinzelnd die Menge an, die gaffend ihn umstand, und seufzte tief; dann sprach er in abgebrochenen Sätzen, wie noch in den Fesseln des Schlafes, doch rhythmisch fast, und mit einer sanften, eindringlichen und schmerzlichen Stimme: „Ich habe – lange geschlafen, und länger noch – geträumt. Ich habe die Zeit – erwartet – die Zeit hat lange gesäumt. Ich habe – der Zeit vertrauet – die Zeit – hielt mir nicht Wort! Darob mein Haar ergrauet und meine Kraft verdorrt. – Doch einst wird wieder – grünen der alte kräftige Baum. Wann sich die Zeiten erfüllen – erfüllt sich mein Königstraum!" –
Schweigen des Todes lagerte sich über die dichtgeschaarte Menge, als der Alte so sprach, und ein Schauer durchbebte die Herzen der Hörer allzumal; dann aber, als er schwieg, riefen einige Jünglinge mit stürmischer Freude: „Heil dem Rothbart! Heil dem Kaiser! Heil Friedrich! Heil!" und da durchzuckte es den Alten, als habe zündend in sein Herz ein Blitz der Verjüngung geschlagen, er trat kräftig aus der gothischen, mit Schnitzwerk verzierten Beichtzelle, darin er zu erblicken war wie ein altes Kaiserbild auf dem Thronsessel, und sprach mit Stolz und mit erhobner Stimme: „Ja, ich bin's! Ihr sagt es, und es ist wahr! Ich bin's, ich bin Friedrich, der Rothbart. Mein Banner soll wehen von der Warte! Mein Heerhorn soll über die güldne Aue schmettern, meines Schildes Last will ich hangen an des Birnbaums dürren Ast. Das Reich will ich mir gewinnen! Sei mir gegrüßt mein Volk! mein liebes, theures, treues deutsches Volk. Bald, bald ist die Zeit der Noth herum, und es schlägt die Stunde Deiner Freiheit!"
Freudiger Zuruf unterbrach diese Rede, und wollte kein Ende nehmen. Jetzt richtete sich des Kaisers Blick fest auf Ottmar, eine dunkle trübe Erinnerung durchzuckte sein Gehirn – er schien Ottmar zu erkennen, und auch dieser las, wie von einem Grabstein in den leidenden Zügen, im irren Blick des Fremden die Schrift, die von dessen Vergangenheit zeugte, und erkannte ihn. Hell trat das Bild einer Zeit, die auf sein Leben so einflußreich gewesen war, vor seine Augen, die zwanzig Jahre, die zwischen dem Heute und dem Damals lagen, schienen kaum so viele Tage zu sein.
Zu ruhigem Gespräch war jedoch jetzt keine Zeit vergönnt. Der durch die Freude auf erwartete Festlust, so wie durch die unerwartete plötzlich wie ein Wunder vom Himmel herabgestiegene Erfüllung einer alten festgeglaubten Weissagung tumultuarisch aufgeregte Volkshaufen schrie, jauchzte, jubelte, daß es durch alle Klüfte hallte, und führte in Triumph den Fremdling aus der engen Kapelle in den Ruinenraum, wo jenes noch leidlich erhaltene Thurmgemach, darin Till einst starb, mit frischen Tannenzweigen austapezirt, und wohin nun alles was die Dorfbewohner zu ihrer Verköstigung mitgebracht hatten, dem Alten als Opfergabe dargelegt wurde.

Ottmar hielt sich mit seinen Söhnen immer nahe bei dem Manne, noch wußte er nicht, was er aus ihm machen sollte, denn ob er gleich die feste Ueberzeugung hatte, daß es derselbe Unbekannte war, der vor zwanzig Jahren ihm das Schwert unter so eigenthümlichen Verhältnissen dargereicht, so war jener doch damals gleich räthselhaft verschwunden, wie er gekommen; ja es hatte geschienen, als sei er ein Rachegeist der Unterwelt, heraufgesandt, die Seele des ergrauten Sünders abzufordern. Und nun das unerwartete Erscheinen dieses jetzt stark gealterten Mannes abermals, scheinbar verwirrt im Bewußtsein, und doch bewußt, es war zu hoch für Ottmars Gedanken, diese Räthsel zu lösen, und er beschloß weise, deren Lösung der Zeit anheimzustellen.
Rasch verstrich der Tag, unter dem Jubel des immer mehr sich aus den Thälern ansammelnden Volkes; es wurde geschmaust, getanzt, gesungen. Große Holzstöße wurden aufgeschichtet, der größte vor der alten Warte, ja kühne Bursche erkletterten den nicht hohen Thurm und zogen an Stricken mächtige Reissigbündel hinauf zur Zinne, die sie droben auf Querstangen legten. Das ganze Volksfest schien einen orgiastischen Charakter annehmen zu wollen. Kaum war die Sonne hinterm Harzgebirge hinab, als Fackelschein hin und her über den Bergrücken irrte, und so wie die Dämmerung über die güldne Aue ihren Friedensschleier bereitete, schlug auf dem Kifhäuser eine Riesenlohe empor, so hoch, wie noch nie, und kündete der ganzen Umgegend, ja fernen Ländern Ungewöhnliches. Der Thurm war von weitem anzuschauen, wie eine glühende Metallsäule, und als nun die Flamme wachsend emporloderte, und auch droben das Holz ergriff, da stand er mit einer Feuerkrone, mit einer Gluthglorie, daß Alle staunten, die in Nähe und Ferne dieses Anblicks froh wurden.
Die aber, welche dieses Freudenfeuer entzündet, wollten es zum Freiheitsfeuer machen, riefen hundertmal: „Heil dem Rothbart! Heil dem besten Kaiser!" und sangen tumultuarisch:

„Das ist die rechte Himmelfahrt,
Wann Freiheit neu geboren ward!
Herr Gott im Himmel sei gepreißt!
Die Freiheit ist Dein Sohn und Geist.

„Die Völker haben lang geharrt,
O Retter, Deiner Gegenwart!
Nun stehst Du auf, nun bist Du da!
Gelobt sei Gott! Hallelujah!" –

Auch in den Ruinen entzündete sich wunderbare Lichtfülle, und sie standen flammengeröthet, prachtvoll da, ein überaus erhabener Anblick. Magisch kontrastierte das lichte erbleichende Grün des jungen Laubwaldes mit dem Schein der Kerzen, dem Abglanz der Flammenlohe. Aus der Kapelle schimmerte matte Helle durch die bunten Scheiben. Die Wallfahrer hatten sich größtentheils abgesondert von den Umwohnern, und sangen eine Hymne zur Kreuzesnacht. Melodisch entquoll der reine Tönestrom, schön und würdig wallte er auf Flügeln des Gebetes himmelan, und der Freiheitjubel um die Warte war zu fern, den frommen Gesang zu stören, der also lautete:

„O Crux! lignum triumphale!
Mundi vera salus, vale!
Inter ligna nullum tale
Fronde, flore, germine!
Medicina christiana
Salva sanos, aegros sana.
Quod nos valet vis humana
Sit in tuo nomine! *)"

*) Heiliges Kreuz! Triumpheszeichen!
Heil der Welt, dem wir uns neigen,
Welch ein Baum ist Deinesgleichen
So an Blüthe, Frucht und Schaft?
Du, dem wir Genesung danken:
Glück den Heilen, Heil den Kranken
Wirkt – wo Menschenkräfte wanken –
Deines hohen Namens Kraft.

So begrüßte hier tiefinnerliche Andacht, dort gewaltig nach Außen brechende Freude die herannahende Mitternacht, die Nacht des Zaubers und der Wunder. Mehr oder minder war alles Volk von einem Taumel ergriffen. Fort und fort wurde die himmelanlodernde Flamme genährt, umtost, umjubelt. Liebende fanden sich zu Liebenden, durchgingen die thaufeuchten Gebüsche in der linden Mainacht, koseten und küßten.
Ihnen blühte die Wunderblume auf Erden, ihnen glühte der Glücksstern am Himmel. Noch Andre, die schätzegierig nach dem gebenedeiten Kraute suchten, fanden es nimmer, wie sie auch spürten, spähten, furchten und gruben. Wieder Andern fiel es ein, daß sie im Ausbruch ihrer maßlosen Freude eigentlich Den vergeßen, Dem sie galt, und sie suchten ihn nun in allen Räumen des Wunsderschlosses – er war verschwunden.

Ottmar hatte in jener Zeit seines jungen Glücks, als er Engelbertha, das sanfte, liebevolle, sich kindlich ihm anschmiegende, und kein anderes Glück als ihn ersehnende Wesen sein eigen nennen durfte, oft den Berg bestiegen, oft noch nach jenem Unbekannten umgeschaut, und war zugleich neuer Erscheinungen gewärtig gewesen. Doch weder war ihm Jener, den er suchte, wieder erschienen, noch war ihm sonst Außergewöhnliches begegnet. Seine innige Verbindung mit Engelbertha fand keine Hindernisse. Ritter Till hatte keine Verwandten in der Gegend, er selbst war kein Eingeborener, sondern hatte sich in Tilleda jene Kemnate gekauft, die einst zur alten Kaiserpfalz gehörte, und das einzige Ueberbleibsel war, das noch von jener zeugte. Jetzt war auch diese verwüstet, bis auf die Grundmauern. Ottmar fand keinen Grund, das Haus wieder aufzubauen, und benutzte nur die geräumigen Keller zur Aufbewahrung seiner Kohlenvorräthe. Die treue Elfriede aber hatte Ottmar und Engelbertha ein wichtiges Geheimniß anvertraut. Sie wußte, daß in einem der Gewölbe eine schmale eiserne Thüre sich befand; den Schlüssel dazu hatte der Ritter Till stets an einer Kette getragen; bei dem Ueberfall legte er, wie er sich wappnen ließ, diese Kette ab, und verließ eilig sein Gemach. Elfriede lief während des ängstigenden Stürmens der Burg von einem Zimmer in das andere, und entdeckte den Schlüssel, den sie hastig an sich riß. Am Trauungstage gab sie ihn redlich in Engelbertha's Hände zurück. Da gleich nach jenem Ueberfall der Graf von Mannsfeld mit seinen Rittern die Bauernrotte, welche diese Gegend beunruhigte, zu Paaren trieb, und ihrer gegen Zweihundert niederhauen ließ, da ferner bald darauf die große Vertilgungsschlacht bei Frankenhausen geschlagen wurde, so blieben von dem bäurischen Raubgesindel die Trümmer von Tills Hause undurchsucht, und Ottmar fand in den Kellern nicht nur noch manches nutzbare Gut, sondern er fand auch jene, in einer Mauerecke angebrachte kleine Thüre, die zu einem Gang führte, in welchem eine Eisentruhe stand, die an Geschmeide und Geld gar einen schönen Brautschatz für Engelbertha enthielt. Der Gang war verschüttet, Ottmar machte aber seinen damaligen Altgesellen, den starken Wigand, zum Vertrauten, und grub mit ihm durch den Schutt. Manche Strecken fanden sie ganz von solchem frei, an andern Stellen war der Schacht wieder eingestürzt, immer mehr aber wurde Beiden zur Gewißheit, daß dieser sich lang hinstreckende Gang am Ende bis in die Tiefen der Kaiserburg auf dem Kifhäuser führen müsse; dieß regte zum angestrengtesten Eifer an, und mancher kleine Fund an Waffen, Geräthen, Bruchstücken, zum Theil von edeln Metallen, bestätigte immer mehr, daß zwischen der Kaiserburg auf der Höhe und der Kaiserpfalz in der Thalebene eine geheime Verbindung durch diesen Gang statt gefunden habe, gerade so, wie die Sage von der benachbarten Rothenburg und dem Orte Kelbra berichtet, wo der Gang in ein Nonnenkloster geführt haben soll. Ottmar teilte redlich das Gefundene mit Wigand, ja er gönnte ihm gern den besten Antheil, da dessen athletische Kräfte das Werk mächtig förderten. Indessen gehörte dennoch die Arbeit einiger Jahre dazu, bis des Ganges Ende gefunden, und dieser gangbar wieder hergestellt war, und wirklich mündete er in einem tiefen Kellergewölbe der Unterburg aus. Zu diesem, das ohnehin schwer zugänglich war, merkte sich nun Ottmar genau den Eingang, und suchte ihn durch Steine und Buschwerk zu verhüllen. Innen im Gewölbe brachte er eine eiserne Thüre an, die durch einen Druck auf eine Feder sich in das Gemäuer zurückschob. Doch nur der Kundige fand den Punkt, wo der Drücker aus der Mauer ragte. Außerdem war die Thüre fest und schwer, und nicht zu öffnen. Zugleich brauchte Ottmar noch die Vorsicht, ihr einen grauen Ueberzug von Sand und Mörtel zu geben, und in diesen scheinbare Fugen einzuzeichnen, so daß die Mauer selbst hell beleuchtet, doch ein Ganzes zu bilden schien.
Die Funde der Arbeitsamen und was Ottmar sonst noch Wigand schenkte, der das Geheimniß des Ganges zu bewahren sich eidlich verpflichtete, gründeten des wackren Altgesellen Glück und eignen Heerd. Er zog nach Reblingen und lebte dort noch lange, stets mit dem frühern Meister innig befreundet.
Als Ottmar in des Fremdlings Nähe getreten war, sagte ihm sein Herz, er besonders müsse sich des Unglücklichen, denn als einen solchen mußte er ihn immer mehr erkennen, annehmen; auch hoffte er von ihm Näheres zu erfahren über dessen seltsame und irre Wanderschaft. Daher sprach er zu dem Ermatteten, als schon der Abend die Burg umschattete, und das gaffende Volk sich verstreute: "Gehet mit mir, mein Herr und König! Führet mich hinab in Euer unterirdisches Schloß, auf daß wir Geld und Gut, Waffen und Fahnen heraufholen."
„Ja – ja – Du hast Recht! Das wollen wir!" rief der Geisteskranke aus. Ottmar sandte seine Söhne hinab zur Mutter und flüsterte ihnen Anordnungen zu. Er selbst entzündete das Licht einer Blendlaterne, schlich mit Fried durch die Büsche und hatte ihn bald und ohne Aufsehen in das tiefe Gewölbe geführt. Willig, wider Erwarten, folgte der Fremdling nach, dessen gestörter Einbildungskraft ein Wunder vorschwebte, das sich mit ihm begebe. „Du bist doch der Schmied von Jüterbogk, der des Kaisers Rosse beschlägt, und wir holen jetzt die Rosse herauf, und rücken gegen den Feind?" –
Ottmar bestätigte, reizte nicht durch Widerspruch, und führte durch den Gang, der eine halbe Stunde weit sich erstreckte, den seltsamen Gast von dannen. Wie willenlos folgte dieser, oft mit sich selbst sprechend, und es war aus seinen Reden zu vernehmen, daß seine Gedanken und Ideen sich in ganz andern und fernen Regionen ergingen.
„Münster, sie haben Dich ein Monstrum gescholten! Weil der Schneiderknecht Dein König wurde, ein König über Israel, ein König der Gerechtigkeit! Wie schön war sein Aufzug, wie herrlich glänzte seine Krone, wenn er zu Gericht saß auf offnem Markt! Wie wundersam, o Johann von Leiden, war Dein großes Abendmahl, da Du zwei und vierzig hundert Mann speistest an offenen Tischen, und mit Deiner schönsten Königin die weißen Brode brachst, und sie darreichest mit den Worten: Nehmet hin und esset, und verkündiget den Tod des Herrn – und als dann das viertausendstimmige Gloria in Excelsis zum Himmel aufrauschte! Und Johann der König wollte ausziehen, und das ganze Reich einnehmen. – Er hat es nicht gethan – es war nicht sein, nicht ihm bestimmt. Nicht ihm – einem Andern!"
„Deine Apostel gingen hin in alle Welt, Dein Reich zu verkünden. Ein Theil ward in Kerker geworfen und grausam gepeinigt, ein Theil ward verhöhnt und gesteinigt, und ehe sie ihre Sendung erfüllt, ward Münster den Feinden überantwortet, starbst Du martervollen Tod, gezwickt mit glühenden Zangen, und Dein Leichnam wurde zum Abscheu aufgehangen hoch am Thurm der Stiftskirche, in einem eisernen Käfig. Es ist nicht gut, ein Prophet sein. Auch Münzer nahm ein blutiges Ende." –
„Aber was hatte ich verbrochen, da ich ruhig nach der Heimat kehrte? Da ließ der Rath zu Langenfelde mich greifen, und ich sollte gerichtet werden, wie jene zweiundvierzig Bürger, weil ich wie sie, zur Bauerschaft gehalten, und sollte das bekennen. Ich bekannte nichts, und sie marterten mich, bis mir die Sinne vergingen. Oh! Oh!"
Der voranschreitende Ottmar horchte aufmerksam auf diese seltsamen Selbstgespräche, aus denen sich die Vergangenheit seines Begleiters mehr und mehr erschloß, und fühlte mit ihm tiefes Mitleid. Er führte ihn aus dem Kohlenkeller heraus und in seine friedliche Wohnung, wo er ihm Wein und Speisen duch die sorgsame Hausfrau vorsetzen ließ. Die Kinder ruhten bereits, auch Elfriede schlummerte. Der alte Mann gebehrdete sich wunderlich genug. Er verlangte hinweg, er sprach: „Hier ist nicht mein Reich, nicht mein Hofhalt. Gewiß, ihr habt Arges gegen mich im Sinne, ich soll wieder ein Gefangener sein. Ich bin aber froh, daß ich erlöst bin."

„Und wo waret Ihr denn gefangen?" fragte Ottmar freundlich; darauf flüsterte der Alte geheimnißvoll. „Siehst Du, mein lieber Schmied und Waffenträger, ich bin da gewesen und dort, viel Jahre lang bin ich umhergereist, und nie zum Ziel gekommen. In das Henneberger Land trug mich mein flüchtiger Fuß, als ich dem Kerker zu Langensalza entronnen. Dort waren heimliche Wiedertäufer, zu denen gesellte ich mich und hielt mich still. Doch sagte ich Manchem, daß ich dereinst noch auf meinem Haupte eine Krone tragen werde, und das ward dem Fürsten Wilhelm hinterbracht. Da wurde ich abermals gefangen und in den Kerker zu Schleusingen geworfen. Da lag ich lange Zeit, bis meine Unschuld an den Tag kam, denn es konnte mir nichts Böses bewiesen werden. Nun wollten sie mich frei lassen, ich sprach aber: „Ich sitze unter der Erde, dahin ich mich verzaubert habe, und harre der Zeit, da ich hervorgehen werde. So habe ich jahrelang gesessen, gehofft, geträumt, bis vor Kurzem die Stimme an mich erging: „Mache Dich auf, gürte Deine Lenden, und wandre." Da hat des Herrn Hand mich hierher geleitet. Nun laß mich fort! Laß mich in meine Kaiserburg. Morgen wenn es tagt, soll die Fahne vom Thurme wehen!"
„So sei es, doch schlummert zuvor ein wenig!" sprach Ottmar, und suchte es dem Alten bequem zu machen. Nach manchem Weigern ließ Fried es geschehen, und entschlief bald darauf.
„Was es mit diesem Armen werden soll, weiß ich nicht!" sprach Ottmar zu seiner Hausfrau, als er mit ihr nun auch die späte Ruhe suchte. Sie seufzte, ein schmerzliches Wehgefühl erfüllte ihre Brust, darüber, daß es überhaupt möglich für den Geist des Menschen, also umnachtet werden zu können, und der grausamen tyrannischen Macht des Wahnsinns zu verfallen, und darüber, daß der Unglückliche sie so nahe anging.
Als der Morgen des schönen Festtages, etwas später, wie gewöhnlich, die Gatten weckte, war ihr seltsamer Gast nicht mehr in ihrem Hause. Mit Aurorens erstem Kuß hatte er sich aufgemacht und war durch das Fenster entflohen. Der Geist, der in ihm die Macht hatte, füllte ihn mit Jünglingskräften, und trug ihn wie auf den Flügeln der Morgenröthe wieder in das Kifhäuserschloß.

Der Himmelfahrtmorgen sank wie ein Bote der Himmelsliebe an der Erde bräutliches, von Jugend- und Frühlingsfreude klopfendes Herz. Alles ringsum in der ganzen Natur grünte, blühte, athmete und hauchte Maienwonne, und es schien nicht blos der Festmorgen einer kirchlichen Dank- und Freudenbegehung, sondern die lenzfrische Welt schien mit stummem, aber doch beredtem Mund einzustimmen in den Jubelrythmus der Christenheit. Auch der Frühling ist ein allbeglückender Messias, Palmen streuen sich auf seinen Weg, und es tönt ihm, dem hohen König, ein millionenstimmiges Hosianna aller Erschaffenen. Der Frühling ist der verzauberte Kaiser der Sage, der sich im unterirdischen Krystallschloß birgt, bis seine Zeit erfüllt ist. Still sitzt er im Halbschlummer träumerisch befangen, sein silberner Bart ist der Reif. Bisweilen, wenn warme Sonnenblicke die beschneite Erde anlächeln, sendet er seine Boten herauf zu den grauen Warten der Bäume und Felsen, und läßt fragen, ob die Raben noch fliegen? Und wenn sie noch fliegen, schlummert er fort. Aber es kommt die Zeit, wo sie nicht mehr um die dürren Wipfel auf beschneiter Berghalde flattern, sondern sich in die knospenden Wälder bergen, und da tritt der Kaiser heraus mit seinen Wappnern, da grünen die Bäume, denn an den dürren Ast hängt der Frühling die Blätter- und Blumenlast seines Schildes. Warme Dünste dringen unsichtbar aus dem Boden, unterirdische Geister des Kampfes, die Sonnenstrahlen sind ihre spitzen Lanzen, West- und Südwinde sind ihre Kampfrosse, und sie schlagen mit den Wappnern des Winters, mit Schnee und Eis, die große Vertilgungsschlacht. Da rinnen, wie Blutströme, die Bäche von den Bergen zu Thal, da geht ein mächtiges Wogen und Rauschen durch die Natur; von den Hochwarten wehen weiß und grün die siegkündenden Standarten, und der verjüngte Kaiser gewinnt sich wieder sein altes Reich, und bringt Freude, Freiheit, Friede und Glück in die Welt, die ihm freudig huldigt, dem Erstandenen, dem Caesar redivivus, dem Frühling, der sein heiliges Land erobert.
Fried, der sich den Rothbart nannte, und sich für den Rothbart hielt, saß am frühen Morgen schon wieder in der Bergkapelle, und empfing die jubelvollen Grüße des Volkes, das ihn umwimmelte. Bis in sein gealtertes Herz drang der belebende, verjüngende Pfeil des Frühlingssonnenstrahles, und entzündete es zu neuer Lust. Wunderbar und phantastisch war er anzuschauen; den alten gothischen Betstuhl hatte er in die Nähe des Altars rücken lassen, und da saß er nun darin, fast wie steinern. Aber um und um war das braune Holz des Stuhles grün umhangen; Maiglöckchen dufteten aus den Kränzen, und junger Feldthymian. Von der jauchzenden Menge getragen, ward er aus der Kapelle geführt, und dieses Getöse, diese geräuschvollen Huldigungen stiegen ihm wie Weindünste in das schwache Haupt, und machten ihm Geist und Sinne trunken und er sprach nun zu dem Volke draußen im Ruinenraum, während die Wallfahrer ihren Gottesdienst in der Kapelle feierlich begingen, von einer erhöhten Stelle: „Bald kommt die Zeit, meine Treuen, wo wir das alte Reich erneuern, und das heilige Land aus der Heiden Hand befreien. Noch aber ziemet uns Schweigen, bald wird die Hülfe sich zeigen, und ein Heer sonder Gleichen strömt zu mir aus allen Reichen. Noch harren wir auf die Gesandten, aus Baiern und andern Landen, die uns gute Kundschaft bringen, dann laßt das Banner uns schwingen, dann laßt uns triumphiren und lobiglich regieren. Indessen, ihr treuen Unterthanen, erhebt die Schwerter, erhebt die Fahnen, verkündet es allen Frommen, daß der Rothbart ist wieder gekommen!"
Tumultuarischer Zuruf unterbrach den Sprecher, so dröhnend, daß das alte Gemäuer zitterte, und die Jünglinge trugen den Alten im Triumph auf dem ganzen Berg umher. Es wurde beschlossen, am morgenden Tage mit vereinter Kraft eine Wohnstätte an passenden Stellen in die Burg zu bauen, und es bildete sich eine Schaar, die den Kaiser schützen und bewachen wollte. Zu dem Ende liefen Einige hinab, um Ottmar seinen ganzen Waffenvorrath abzukaufen. –
Dieser hatte das vorausgesehen, und alles Waffengeräth verborgen. Er sagte, daß er seine Vorräthe an den Grafen von Schwarzburg verkauft habe, und warnte freundlich die bethörten Enthusiasten, aber diese zogen mißvergnügt ab, und suchten sich anderweit zu versehen.
Wie der in das ruhige Wasser geworfene Stein immer größere Wellenringe veranlaßt, so flog die neue Nachricht unglaublich schnell rings durch das blühende, mit Städten und Dörfern reich bebaute Land, und erregte überall Staunen, Neugier, Freude, doch auch hier und da Besorgniß.
Von Dorf zu Dorf lief die Mähr, einem Lauffeuer gleich, und die halbe Bevölkerung, bereits aufmerksam gemacht durch das Flammenzeichen, das wie ein Nothfeuer auf dem Kifhäuser die Himmelfahrtsnacht durchglänzt hatte, machte sich auf nach dem thüringischen Mährchenberge. Den katholischen Wallern wurde bange, als sie gewahrten, daß von Viertelstunde zu Viertelstunde die Schaaren des Volkes sich mehrten. Sie fürchteten, es möge die Erregung einen Gegenstand suchen, kriegerischen Muth daran zu üben, und sich fanatisch gegen ihren Zug wenden. Als daher die Messe vorüber war, und sie ihre Andacht zum Kreuz nochmals verrichtet hatten, zogen sie still und geräuschlos von dannen nach ihrer Heimath, dem Eichsfelde zu, verkündeten aber in Frankenhausen, wohin sie zunächst gelangten, und in Sondershausen die Erscheinung eines Mannes auf dem Kifhäuser, der sich für den wiedererstandenen Rothbart ausgebe, und von dem Volke, das ihm schaarenweise zuströme, für diesen gehalten werde,
In Frankenhausen waren gerade der schwarzburgische Landvogt und der Kanzleiverwalter in Geschäften ihres Herrn, des Grafen Günther, anwesend, und es kam ihnen solche Nachricht für die Ruhe des Landes sehr bedenklich vor. Der Landvogt ließ daher am andern Tage seine Diener satteln, und ritt mit ziemlichem bewaffnetem Gefolge auf den Kifhäuser.
Fried hatte die Nacht auf grünem Laublager zugebracht, beschirmt und behütet von treuen Wächtern. Der Duft wohlriechender Blumen und Kräuter, mit denen sein Lager bestreut war, hatte betäubend auf ihn gewirkt, und in einem phantastischen Traumreich traten Blumengeister huldigend vor ihn hin. Der Schafthalm umrauschte ihn mit einem Wald schlanker grüner Lanzen, das Helmkraut zog als Hülfsvolk schaarenweise mit seinen Blätterspeeren vom rothen See heran; Zwergbirken harrten auf seine Winke, sie diensteifrig und windschnell zu vollziehen. Das Zigeunerkraut schlug die Zimbelblume als Handpauke und tanzte, eine braune Schöne, zu Ehren des Königs. Die Haselnuß rührte als Wünschelgerte an die Felsenwand, und es trat Goldwurz, Silberkraut und Eisenhut mit Metallschätzen beladen, aus dem neueröffneten Schacht. Die Bergmünze bot sich zum Schatzmeister an, das Judenkraut, sonst auch Hexenkraut genannt, wollte dem Kaiser Vorschüsse leisten gegen mäßige Zinsen. Auch hohe und niedrige Geistlichkeit brachte Huldigungen dar. Bischofmützen verneigten sich, und Karthäusernelken segneten. Waldglocken läuteten, das Gnadenkraut that sich auf, und die Pflanze: Heil aller Welt flocht sich, ein Ehrenpreißkranz, um das Kaiserhaupt. Himmelskerzen stellten sich als flammende Kandelaber auf, und zarte sonnengoldblüthige Engelblumen sangen dem Kaiser das Gloria. Es war ein bethörendes, verwirrendes Säuseln und Flüstern, Flirren und Flattern; aus den Schaaren der Huldigenden tauchten Narrenkolben, und verhöhnend wackelte der Geißbart, zeigte sich Ziegendill. Die Blume Pickelhäring nickte spaßhaft und neckisch aus dem Waldesdunkel, und das Bockspeterlein schien heimlich über den Triumphzug zu lächeln, den der Kaiser mit seinem Hofstaat hielt. Aus dem Boden kroch als schwarze Ringelnatter die Tollwurz und schnellte sich springend nach dem Kaiser, daß er erwachend ängstlich aufschrie, und nicht wieder schlafen mochte, weil ihm vor der schwarzen Schlange bangte. Mit trüben Blicken sah er, allmählich zur Besinnung kommend, sich um, und mußte sich auf sich selbst erst besinnen.
Viele Männer standen in einer spätern Stunde um den Rothbart her, unter ihnen waren auch Ottmar, dessen Söhne, der alte, immer noch starke Wigand, auch Meister Hans, der Schmied aus Kelbra, weiland Ottmars Lehrknabe, und hörten ihm zu, wie er sich vieler Königreiche und Kaiserthümer rühmte, und das Ausbleiben seiner Boten beklagte, da wurde der Kreis plötzlich zertrennt von Gewappneten, die stracklich aus dem Walde hervorschritten, wo sie die Rosse angebunden hatten, und der schwarzburgische Landvogt trat herrisch zu Fried und fragte: „Bist Du der Kaiser, der in diesem Berge geschlafen hat, und nunmehr herauf verrückt worden ist?"
Der Gefragte sah den Frager groß und starr und verwunderungsvoll an.
„Verrückt?" fragte er zurück. „Was ist verrückt, guter Mann? Mir ward viel verrückt in meinem Leben – o ja."
„Ein Landfahrer bist Du, ein landschädlicher Volksaufwiegler! Ich, der Landvogt unsers gnädigen Grafen Günther von Schwarzburg verhafte Dich in dessen Namen! – Und ihr Leute, was wollt ihr bei diesem Menschen? Warum verlaßt ihr eure Arbeit und Geschäfte? Geht heim, und wiedersetzt euch ja nicht dem Gesetz."
„Wer stört die kurze Ruhe der Majestät!" rief Fried mit auflodernder Heftigkeit, und griff an sein Schwert: „Wer stört den Frieden dieser Burg, in welcher der Friede wohnt? Ich bin der Friede! Heda, Trabanten! Ihr wackre Mannen, starken Säulen unsrer Macht und Herrschaft! Seht dieser Mann will Hand an unsre Majestät legen, so legt an ihn die Hand – bindet ihn und seine Schaar, die friedestörend mit der Zunge scheltend unsere Schloß bestürmt!"
Die Gewappneten zogen ihre Schwerter, das bestürzte Volk umher wagte keine Hand zu regen, Furcht und Scheu vor der Strenge des Gesetzes schüchterte es ein, und die Begeisterung der Himmelfahrtnacht war davon geflogen, wie der Rausch einer Orgie.
„Ihr fürchtet euch! Ihr greift sie nicht?" rief Fried entrüstet. „Treulose! Ihr knietet vor mir und nanntet mich euren Kaiser! Ihr rieft mir Heil, und haltet doch das Unheil nicht von mir ab, gehorcht nicht meinem kaiserlichen Wort?"
„Du bist kein Kaiser!" sprach laut, daß Alle es hörten, der Landvogt. „Deine Majestät hat ihren Thron im Tollhaus! Ein Volksverführer bist Du, und so fasse und verhafte ich Dich."
Fried schlug ein schallendes Gelächter auf, als er sich gefangen sah, und kein Arm sich erhob, ihn zu befreien. Wie heller Wahnwitz blitzte es aus seinen graubewimperten Augen, und er begann zu singen:

„Heisa! lustig, lustig, lustig!
Vor der Narrheit kniet die Welt.
Ihre Throne baut die Narrheit
Unters weite Himmelszelt.
Junge Narren, alte Narren
Sind auf Erden bunt gesellt,
Davon jeder seinen Sparren
Für den schönsten Sparren hält."

„Heisa, lustig, lustig, lustig!
Heute will ich Kaiser sein,
Wär' ich aber nun ein Kaiser,
Und die Welt voll Narren mein,
Ei dann würd' ich bald gescheidter,
Will kein Narrenkaiser sein.
Lieber werd' ich wieder Schneider,
Heute groß und morgen klein."

Unterm Singen führten die Knechte ihren Gefangenen in das Walddickigt hinein, wo sie bald die Straße gewannen, die nach Frankenhausen lief.
Ottmar näherte sich bescheidentlich dem Landvogt, und sagte ihm einige aufklärende Worte, denen er die Bitte um Schonung des Unglücklichen hinzufügte.
Der versammelten Menge war das, was vor ihren Augen sich sichtlich begab, wie eine Traumerscheinung. Die sie gehabt, gingen nach Hause, aber Andre kamen in Haufen und suchten den verlornen Kaiser. Bei Tag und Nacht wurde der Bergrücken nicht leer.
Das überall vergrößernde Gerücht trug sogar zu den Ohren des Kurfürsten von Sachsen, den weit wichtigere und höhere Interessen in jener bewegten Zeit beschäftigten die Kunde von der Erscheinung des wiedererstandenen Barbarossa, und daß viele Tausende ihm und dem Kifhäuser zuströmten. Eine solche Bewegung dicht an den Grenzen des Sachsenlandes konnte nicht gleichgültig lassen, und er gebot seinem Kämmerer, Hans von Ponikau, deshalb anfragend an den Grafen von Schwarzburg zu schreiben. Graf Günther antwortete im beruhigenden Sinn, und ließ dem Kurfürsten kund thun, was ihm von dem seltsamen Pseudo-Barbarossa bekannt geworden war, und wie das Gerücht entstanden. „Sie (der Landvogt und der Kanzleiverwalter) haben also denselben mit sich nach Frankenhausen geführt, und ihn Uns am folgenden Tage nach Sondershausen gebracht. Da geben wir ihm die Kost, und er gehet an unserm Hofe herum frei und lebendig; denn es ist ein armer wahnsinniger Mensch, ohne Falschheit und Betrug, der nichts redet oder thut, das schädlich oder gefährlich wäre. Wir wollen dato mit dem Amtmann von Langensalza, der eben bei uns zu thun hat, sprechen, und für den armen Menschen bitten, ihn sein Lebelang mit Essen, Trinken und einer Wohnung zu versorgen, oder Wir wollen ihn selbst, um Gotteswillen das Almosen reichen. Dieß und so viel ist Uns von der Sache bewußt."
Die milde und gütevolle Gesinnung des Grafen Günther von Schwarzburg fand aber mächtige Hindernisse ihrer Ausführung; einmal wollte der gestrenge Amtmann von Langensalza nichts von Fried wissen, da dieser ein ausgemachter Landfahrer und Sektirer sei, einer der Aufwiegler vom Bauernkriege her, und damals nur mit Noth der Hinrichtung entgangen; auch habe er sich lange in Münster gehalten bei der Wiedertäuferischen Unruhe in jener Stadt, und sei dann da und dort zu Gefängniß angenommen worden, unter andern auch im Lande Henneberg. Anderntheils brachen nach einigen Tagen ruhigen Verhaltens wieder Stolz und Hoffnung mächtig hervor in dem Irren, und man sah sich genöthigt, ihn strenger zu halten. Er wurde bald darauf von Sondershausen nach Schloß Heldrungen in den Thurm gebracht.
Da lag er, seinen Träumen, seinen trüben Erinnerungen hingegeben. Wenn er die Augen aufschlug, fiel sein Auge auf eine Schrift an der Wand, mit Kohle geschrieben, die lautete: „Also ging Jeremia in die Grube und Kerker, und lag lange Zeit daselbst!" – und unter der Schrift stand mit großen Buchstaben: Thomas Münzer. Darüber sann und dachte Fried lange nach, und es vergingen ihm in tiefer Abgeschiedenheit Frühling und Sommer, Herbst und Winter.

Bis in den Kerkerthurm drangen die Schmeichellüftchen eines neuen Lenzes, und fächelten die bleichen Wangen des armen alten Gefangenen. Das Herz war ihm matt und trübe, und er hoffte auf ein neues Auferstehen. Ein Singen und Klingen umwallte ihn süß und lieblich, er wähnte die Wallfahrerhymnen zu vernehmen, träumte auf dem Kifhäuserschloß zu sitzen und war sehr müde. „Singt nur, ihr Pilger, singt!" sprach er leise vor sich hin. „Singt dem armen Namenlos ein Schlummerlied. Am Fuß des Kreuzes schläft sich's sanft und süß. Der Schlaf ist der wahre Friedensengel. – Auch ich bin müde. Horch! Wer singt da! Meine Mutter! Sie kommt, ich sehe sie – sie singt ihr altes Kind in Schlaf. Horch, Horch!"

„Schlafe, schlafe Du altes Kind!
Ueber den Berg her weht der Wind,
Um den Kifhäuser fliegen die Raben,
Drunter da liegt der Kaiser begraben,
Und schläft! – bsch! bsch!
Schlaf auch, Du altes Kind!"

Mir wird so hell – mein ganzes Leben lichtet sich. O meine arme Mutter! Und der Pilger, der mich aus der Taufe hob, der mir die Krone prophezeite – es muß der Teufel gewesen sein, der mir die hoffärthigste Hoffnung einband. Ottmar meinte es gut, und Tills Tochter – wäre ich doch bei ihnen geblieben! Aber ich mußte mein Schicksal erfüllen!" – –
„Ist nicht Himmelfahrt heute? Bin ich nicht der auferstandene Kaiser? O warum haltet ihr mich? Gebt Freiheit! Freiheit! Laßt mich los! – Gute Vasallen, bringt mich zur Ruhe, geht nach Hause, meine Krieger. Ihr habt doch ein nach Hause? Fried hatte nie eins! Horch! Barbarossa schlägt auf sein dröhnendes Schild. der alte Kaiser steigt herauf mit seiner Tochter, mit seinem Hofe; er verzeiht mir, daß ich mich für ihn gehalten, er reicht mir die Hand, und es umwallt mich das Feierlied der Unterirdischen. Wie schön sie singen! Ich stimme ein:

„Friede, Friede sei aller Welt!
Friede unter dem Sternenzelt!
Unter dem Wasser, am Meeresstrand,
Ueber den Bergen, unter dem Land!
Freude sei und Friede gesellt!
Friede, Friede umarme die Welt!"

Und friedlich entschlummerte der Müde, um auf Erden nicht wieder zu erwachen.
An demselben Himmelfahrtstage wandelte Engelbertha mit ihrem jüngsten Kinde, von ihrem treuredlichen Gatten begleitet, ungetrübten häuslichen Glückes froh, nach den Ruinen der Kaiserburg. Beide ergingen sich im Garten der Erinnerung und dachten mit Wehmuth auch des Unglücklichen, dessen Lebensstern in eine freudenlose Wüste gefallen war, wo er umirrend sich nimmer auf richtige Bahn fand. –
Lange Jahre hörte das Gespräch vom wiedererstandenen Kaiser unter den Umwohnern der güldenen Aue nicht auf. Die Sage selbst war der Barbarossa, der sich verjüngt hatte, und nun wieder fortlebte im Munde des Volkes, sein Reich behauptend. Was in die Gegenwart so anregend getreten, und doch auch wieder so zauberhaft schnell dem Auge des Volkes entrückt war, wurde ein regenerirter Mythus und die scheinbare Erfüllung verklang bald, sehr bald wieder zur Verheissung, die immer noch in der Tradition lebendig ist.

Immer noch vom alten Kaiser
Spricht der Sagen-Märchen-Mund;
Immer noch auf dem Kifhäuser
Thut sich Zauberwalten kund.
Was dem Volk zum Eigenthume
Ward – Verständige – nehmt ihm nie!
Laßt ihm seine Wunderblume,
Laßt ihm seine Poesie.


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  Impressum   Letzte Änderung: 7. Februar 2011