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Inhaltsangaben zu:
Novellen von Ludwig Bechstein
Das späte Werk
Ludwig Bechstein
(*24.11.1801 Weimar +14.05.1860 Meiningen)
Ludwig Bechsteins Gesamtwerk enthält in allen drei Schichten so gen. kleine Novellen. Von der zeitgenössischen und der späteren Kritik (Gubitz, Wasserfall) wurde besonders das Frühwerk geschätzt. Es umfasst drei große Novellen-Sammlungen mit insgesamt 26 Novellen, die in enger zeitlicher Aufeinanderfolge erschienen. Es handelt sich um die Erzählungen und Phantasiestücke von 1831 (13 Novellen in 4 Bänden), die Novellen und Phantasiegemälde von 1832 (6 Novellen in 2 Bänden) und die Novellen und Phantasieblüthen von 1835 (7 Novellen in 2 Bänden). Mit der Anthologie Aus Heimath und Fremde (2 Bände 1839) als Übergang setzt auf dem Gebiet der Novelle das reife Bechstein-Werk ein. Hierher gehören Volks-Erzählungen (2 Titel in einem Band 1853), Hainsterne. Berg- Wald- und Wander-Geschichten (4 Bände 1853) und die berühmten Hexengeschichten (1854). Zum späten Werk gehören zumeist heitere Erzählungen wie Der gute Sohn (1854), Der Pechmüller (1854), Der Riese Wuth (1856), Der Almputz. Tiroler Alpensage (1856), Eine Alpenwanderung (1858), Spiritus familiaris (1859), Der Wunderdoktor von Schneeheim (1860), Das Terzl von Partschins (postum 1862), Der Zauberer von Plön (1862), Ein holder Wahn (1863) und Gemeiner Stadt Feinde (1863)
(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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Novellen Das späte Werk
4.3.1. Inhaltsangabe zu: Der Riese Wuth. Alpensage
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. 2. Jg. Düsseldorf (Arnz und Comp.) 1858, S. 121-126
Ausführliche einleitende Informationen gelten den mythologischen Gestalten der so genannten seligen Fräulein und ihrer Königin, der Flachsgöttin Hulda, sowie ihren angestammten Feinden, den Bergriesen. Dann folgt die Beschreibung der geographischen Gegebenheiten rund um die drei Seen, die im Inntal liegen: der Heider-, der Graun- und der Reschen-See. An einem schönen Frühlingsmorgen zieht eine Gruppe junger Mädchen aus Reschen auf die Felder zum Flachsjäten. Plötzlich sehen sie aus der Richtung ihres Dorfes drei selige Fräulein eilig heranschweben, und im Vorübergleiten bitten die nebelweißen Gestalten: Haltet auf! Haltet auf! Da steht auch schon ein Riese auf den Bergen über ihnen, im Gebiet der Reschenscheideck. Er tritt zu den zitternden Dirndln und fragt mit furchterregender Gebärde, wo die Saligen hingeflohen sind. Da fassen sich die Dörflerinnen, und die beherzteste von ihnen, Creszenz, verwickelt den Gegner in ein langes Gespräch über ihre tägliche Arbeit, die mit dem Flachs zu tun hat. Tatsächlich kann sie den Riesen eine Zeit aufhalten, und als es ihm zuviel wird mit Leinsaat und Flachsbau, tritt Nottburgel (Notburga) vor, spricht vom Blühen, Ernten und Bündeln der Frucht und verwirrt den Suchenden noch mehr. Es nützt ihm auch nichts, dass er seine Suchfrage ständig wiederholt, vielmehr übernimmt die sanfte Resi es, ihm die Einzelheiten des Röstens, Wässerns und Nachröstens von Flachs zu erläutern, bis der Riese einen Wutanfall bekommt. Doch erholen sich die jungen Retterinnen schnell, Afra springt ein und schafft den Sprung zu den Details des Stauchens,Trocknens und Brechens, ja kann sogar noch das Schwingen und Bürsten des Flachses kurz erwähnen, bevor der Riese erneut in seine zornige Frage ausbricht. Jetzt versucht die kecke Nasi (Anastasia), die Situation in den Griff zu bekommen. Sie schmeichelt dem goldigen Ries' und hält ihm dabei ihren Rosenkranz entgegen, was den gewaltigen Mann zwingt, einige Schritte zurückzutreten. Stasi vollendet das Werk; sie wirft ihren Kameradinnen vor, dem gnädigen Herrn Ries' immer seine Frage nach dem Verbleib der Saligen nicht beantwortet zu haben. Die Zornfalten des Riesen glätten sich, er droht der Schmeichlerin sogar mit einem Kuss. Doch die entwickelt geschickt aus dem Thema Salige einen unendlichen Sermon zum Spinnen, Weben und Bleichen von Flachs, wobei sie nicht aufhört, dem Gegner zu schmeicheln; ihr Meisterstück ist der Vergleich des Riesen mit jenem Herrn Kules, von dem ihr der Schulmeister erzählt hat. Doch als sie ein wenig zu lange beim Bleichen, Wenden und wieder Bleichen des Flachses hängenbleibt, bricht erneut die Wut des Herrn Wuth aus; er stampft, dass die Berge zittern und bedrängt die Sakra-Malefiz-Dirndlen mit seiner immergleichen Frage. Das ist die Stunde der unerschrockenen Walburgel. Ein letztes Mal muss sich der Riese über den Unterschied von feiner Leinwand und Werggarn, Sack- und Atlas-Drell, Batist und Baras belehren lassen, schließlich ist gar die Rede vom Unterschied zwischen Manns-Hemden und Weibsleut-Hemden, Ober- und Unterhemden, Tag- und Nachthemden usw. Der Riese hält es nicht aus: Er tritt eine Spur in den Fels, die noch heute zu sehen sein soll, schnaubt seine Wuhuhuth heraus, dass alle Gebirglerinnen in Ohnmacht fallen, und stürmt davon. Die seligen Fräulein sind derweil längst in ihrem Kristallpalast in Sicherheit. Sie haben den Reschener Mädchen ihre Hilfe reichlich gelohnt: Über ein Jahr waren alle glücklich verheiratet, und ihre Brautkränze blieben frisch und grün bis in ihr hohes Alter.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.2. Inhaltsangabe zu: Der Almputz. Tiroler Alpensage
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. 2. Jg. Düsseldorf (Arnz und Comp.) 1858, S. 49-56
Am Ende eines Alpentals mit dem Namen die Dux, das einen Seitenzweig des Zillertals bildet, liegt das einsame Dorf Hinterdux. In einem der nur zehn Häuser erzählt eine Großmutter ihrer Enkelin Vronel und deren Verlobtem Alois die Geschichte vom Almputz. Die beiden jungen Leute hören mit einer Mischung aus Skepsis und Faszination von dem bösen Gaul, dessen Eiterbeulen einen teuflischen Gestank ausströmen und der, wo er sich niederlässt, die umgebende Natur verdorren oder gefrieren lässt. Die Ahnl ist sicher, dass er viele der Jäger und Wilderer auf dem Gewissen hat, die nicht aus den Bergen zurückgekommen sind. Alois fragt, wie man diesem Höllenputz beikommen könne, aber die Großmutter weiß nur, dass der, der die Gegend von der Plage befreien will, etwas Gleißendes, Reißendes und Beißendes bei sich tragen müsse. Da blinzelt die Vronel ihrem Alois zu, und der junge Mann versteht, dass sie die Heldentat von ihm erwartet. Er lässt sich von der Geliebten erklären, dass er seine neuen Jackenknöpfe als das Gleißende, sein Taschentuch als das Reißende und seine eigenen Zähne als das Beißende mitnehmen soll, und geht dann nachdenklich in die hereinbrechende Mondnacht hinaus. Er holt sich bei seiner Nachbarin, der Wirtin, ein großes Glas Enzian zum Aufwärmen und nimmt von zu Hause Brot und Braten und auch einen Rosenkranz mit. Während Alois sein Gewehr überprüft, schlägt es vom Kirchturm Mitternacht, und so wandert er hinaus, um über der Hinterdux in den ewigen Schnee aufzusteigen.
Als die erste Morgenröte ihn umflammt, steht er gerade vor der Hütte des Melkers und seiner Tochter Nasi, die ihn freudig begrüßen. Der junge Jäger berichtet, er ziehe aus, um den Almputz zu erschießen, und Anastasia schreit entsetzt auf. Alois wird unsicher angesichts der Angst, die sie um ihn hat. Die schöne Almerin liebt ihn wirklich, sie kann gar nicht verstehen, dass Veronika den Liebsten in den sicheren Tod geschickt hat. Doch reißt sich der Jäger los und steigt weiter zu Berg, bis er an ein altes Bergkreuz kommt, wo er betend niederkniet. Dort spricht ihn ein altes graues Männchen an und klagt ihm seine Not. Alois lädt den Kleinen zum Frühstück ein, und der greift kräftig zu. Dann verrät Alois dem Gefährten sein Geheimnis, und der Bergeist erklärt ihm, was das wahre schützende Gleißende, Reißende und Beißende ist. Zur nächsten Mitternacht soll er sich unter der gefrorenen Wand gegenüber einfinden und sein Glück versuchen. Dann ist der Geist plötzlich verschwunden.
Wieder dämmert der Morgen herauf, und murrend kehrt Alois nach Hause zurück. Hätte er nicht selbst darauf kommen können, dass er den Säbel und Wachtel, seinen treuen Hund, für das Unternehmen brauchte? Erneut bricht er im letzten Tageslicht in die Berge auf, diesmal hat der Mond einen regenbogenfarbenen Hof. Hinter den letzten Almhütten wird der Blick frei auf die Eismassen der gefrorenen Wand. Vier gewaltige Wasserfälle stäuben im Licht des Mondes über den Gletscher herab. Im Tal schlägt es Mitternacht, und Wachtel schmiegt sich ängstlich an seinen Herrn.
Da bewegt sich etwas am Fuß der grünlich schimmernden Wand und kommt nachtschwarz und feuerschnaubend auf sie zu: der Almputz. Alois steht wie gelähmt, und der furchtbare Gaul kommt ihm so nah, dass er die Hitze spüren kann, die von ihm ausgeht. Schreckliche Drohungen hört der Jäger den Geist ausstoßen, und er begreift, dass nur das rechte Gleißende, Reißende und Beißende sein Leben schützt. Dann fällt donnernd das zerklüftete Eis der mondbeschienenen Wand in sich zusammen, und Alois verliert die Besinnung.
Auf einer Bergwiese kommt er zu sich, wo das graue Männlein sich um ihn bemüht. Der kleine Helfer drückt ihm den Stutzen in die Hand und dreht ihn so, dass er auf die Hütte des Melkers zulaufen muss, dann ist er wieder verschwunden. In diesem Augenblick bezieht sich der Himmel, und es fängt an zu regnen. Alois beschließt, in der Melkerhütte um Nachtquartier zu bitten. Was genau er der Nasi und ihrem Vater erzählt hat, ist nicht überliefert. Aber dass der tüchtige Jäger die Vronel freigab und mit Anastasia sehr glücklich wurde, ist verbürgt.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.3. Inhaltsangabe zu: Tannenee. Tiroler Sage
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. Düsseldorf (Arnz & Comp.) 2. Jg. o.J. (1858), S. 160-161
An der Stelle, wo jetzt der Ötztalferner über seine Gletscher emporragt, lag früher die blühende Alpenstadt Tannenee. Da ist noch gute Zeit, und das Städtchen hält, wie sein Name besagt, einen treuen Bund mit den weiten Tannenwäldern seiner Umgebung und den Tieren, die darin wohnen. Doch dann kommt eine andere Zeit. Der im Einklang mit der Natur erworbene Reichtum beginnt die Menschen von Tannenee gierig zu machen, in ihrem Streben nach immer größerem Gewinn schlagen sie die Wälder und schießen wahllos nach deren Bewohnern. Stolz kleiden sie sich in Gold und Seide und beschließen endlich, wie die Babylonier einen Turm zu bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reichen soll. In diesen Turm, der die Stadt bald wie ein Berg überragt, hängen sie die größte Glocke, die es je gegeben hat. Aber sie soll nur für die Reichen läuten, dem armen Volk jedoch, das die Gebühren dafür nicht zahlen kann, wird nicht nachgeläutet, weder den neugeborenen Kindern noch den Verstorbenen.
Da bricht ein Viehsterben herein und bringt eine große Hungersnot mit sich. Es gibt immer mehr arme Menschen, die bettelnd an den Türen der Reichen liegen, aber diese verschließen ihre Herzen und lassen die Armen verhungern. Dann kommt ein Menschensterben über das Gebirge, und in einem anhaltenen Unwetter schneien die Berge so zu, dass die Landbewohner aus Angst vor Lawinen Zuflucht in dem durch seine Wälder geschützten Tannenee suchen. Aber wieder vertreiben die Städter die Unglücklichen oder lassen sie auf ihrer Schwelle erfrieren. Da senden die Armen einen Fluch über die Stadt, und in einer Mitternachtsstunde beginnt der Schneesturm, der sich nicht wieder legt, als bis das stolze Tannenee ganz überschneit und mit Eis überzogen ist. Nur der Klang der gewaltigen Glocke dringt in sechs Mitternächten noch schaurig aus der Tiefe, seitdem ruht die Stadt still unter ihrem erstarrten Riesenturm, und den nennt man heute den Ötztalferner.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.4. Inhaltsangabe zu: Eine Alpenwanderung. Erzählung
In: Die Maje. Ein Volksblatt für Alt und Jung im deutschen Vaterlande. Hg. von W. O. von Horn. Wiesbaden 1858, 1. Jg., S. 136-148
In dem kleinen Dorf Fend im Ötztal kommt ein seltsam gekleideter Engländer mit einem Führer und viel Gepäck in das Wirtshaus und fragt nach einem Nachtquartier. Dieser Master Wilkins hat eine anstrengende Irrfahrt hinter sich, von der er radebrechend berichtet. Trotzdem entwickelt er für den nächsten Morgen anspruchsvolle Wanderpläne. Aber keiner der anwesenden Bauern ist trotz der versprochenen guten Bezahlung bereit, ihn über den gefährlichen Gebatsch-Ferner zu führen. Erst als der gut ausgerüstete Fremde droht, den Weg allein zu machen, entschließt sich der nicht mehr junge, aber rüstige Ferdinand Plattner, für einen hohen Betrag auf dem Großteil des Weges sein Bergführer zu sein. Im morgendlichen Alpenglühen brechen der Plattner Standl und sein Passagier zu ihrer Bergtour über den Rofner Hof zum Vernagt-Ferner auf. Interessiert vernimmt der abwechselnd auf Kompass, Karte und die jeweils gewiesene Naturerscheinung schauende Wilkins, dass dieser Gletscher von Zeit zu Zeit in das Ötztal hinunterwandert und dort großen Schaden anrichtet. Nach drei Stunden Aufstieg und einem kleinen Frühstück erreichen die beiden Wanderer die Baumgrenze. Der Engländer ist bester Laune, fragt viel und schreibt die Antworten in sein Notizbuch. Nach weiterem beschwerlichem Marsch durch das Eismeer zeigt zwar die Kompassnadel nicht mehr die erwarteten Werte, doch tröstet sich Wilkins mit dem von Meerfahrten bekannten Phänomen der Abweichung. Als das Dorf, dem Wilkins zustrebt, bereits im Grunde des vor ihm liegenden Tals sichtbar ist, trennt sich der Führer wie vereinbart von seinem Patschaschier. Der einsame Wanderer träumt im Absteigen von dem gedruckten Reisebericht, in dem er den neu entdeckten Verbindungsweg in das Langtauferer Tal einer erstaunten Fachwelt vorstellen wird. Doch als er nach beschwerlichem Weg den ihm gewiesenen Ort erreicht, ist es nicht das ersehnte Langtaufers. Zornig steigt er weiter und weiter ab und sitzt schließlich vor einer Brotzeit im Gasthaus Unser lieben Frauen im Schnalstertal, dessen Wirt ihn jedoch nicht davon überzeugen kann, dass er das Langtauferer Tal verfehlt hat. Erschöpft und traurig langt Master Wilkins im Abendlicht bei der ehemaligen Kartause Allen Engelberg an. Hier erklärt ihm ein weiterer Wirt, dass der Fender Führer recht daran getan hat, ihn nicht über den lebensgefährlichen Gebatsch-Ferner, sondern in das schöne Schnalstertal zu bringen. Doch der Engländer bleibt dabei: Er wird auf seiner Rückreise dieses Langtaufers suchen und von dort einen neuen Weg über den Gebatsch- und Vernagt-Ferner hinunter nach Fend finden, doch, yes so werden ich! Well, well! (S. 148)
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.5. Inhaltsangabe zu: Die Waldraster Spitze. Tiroler Sage
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. Düsseldorf (Arnz & Comp.) 2. Jg. o.J. (1858), S. 208
Südlich von Innsbruck, der Hauptstadt Tirols, erhebt sich der dreispitzige Bergstock des Serlas, der nach einem ehemaligen Wallfahrtsort auch die Waldraster Spitze heißt. In dieser Gebirgsgegend herrscht ein grausamer König, der gern mit einer Schar grimmiger Hunde auf die Jagd geht. Seine Gemahlin und sein Berater sind wie er und bestärken ihn in der Annahme, die Bauern und Hirten hätten nichts besseres verdient als Fußtritte. Wohin der Frevler reitet, verwüstet er die Ernten und zersprengt die Herden, und Älpler, die um Gnade flehen, werden von der Königin eigenhändig getötet.
Da stößt das bedrängte Volk einen Fluch aus über seinen wilden König, dessen Frau und ihren schlimmen Rat, und Gott erhört die Verwünschung. Drei Tage lang bebt die Erde bei nachtschwarzer Finsternis, und als die dunklen Wolken sich lichten, ist die Gegend verwandelt. Kein Baum grünt mehr, denn alles Leben ist zu Stein geworden. Inmitten des starren Labyrinths aber erheben sich jene drei Felszacken, in die sich der König, die Königin und der böse Ratgeber verwandelt haben. Endlich finden die Bewohner der Täler und Berge ihren Frieden, und sie dienen hinfort ihren guten und gerechten Herrschern mit aller Treue, wie es der Tiroler Art ist.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.6. Inhaltsangabe zu: Die himmlische Rose. Fränkische Geschichtssage
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. Düsseldorf (Arnz & Comp.) 2. Jg. o.J. (1858), S. 73-75 (mit einer Abbildung)
Im dreißigjährigen Krieg ist Reinhold von Rosen, kurz Rosa genannt, Feldobrist im Dienst des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar. Er beteiligt sich an Belagerungen und Eroberungen von Rheinfelden bis Breisach und gehört zu den bevorzugten Personen, denen der sterbende Herzog seine Armee übergibt. Zehn ihm treu ergebene Regimenter führt er unter die Fahnen Schwedens und von dort aus, zum Generalmajor avanciert, den Truppen des deutschen Kaisers unter General Gilli de Hasi wieder entgegen. Letztere hausen furchtbar im Frankenland, doch Rosens Soldaten wüten nicht minder, während sie auf das zwischen Würzburg und Meiningen gelegene Münnerstadt zuziehen, um die alte, wohlbewehrte Stadt den Deutschen abzugewinnen. Während die Schweden die zum Bistum Würzburg gehörende katholische Stadt vom benachbarten Karlsberg aus beschießen, beten viele Bewohner zusammen mit der Bruderschaft vom hl. Rosenkranz zu ihrer Schutzpatronin Maria um Rettung aus der Gefahr. Doch geht das Krachen und Schießen weiter, und ein Trupp der feindlichen Soldateska schickt sich an, Feuer in die Stadt zu werfen. Da erscheint dem Gegner die Himmelskönigin, von Engeln umgeben, über der Stadtmauer schwebend, und von diesem Augenblick an trifft keine Kugel mehr. Wie gelähmt bleibt der anrennende Haufen stehen, niemand kann mehr eine Hand gegen Münnerstadt, seine Mauern und Häuser erheben. Am andern Morgen erkennen die Bürger, dass der Feind in das Tal der Werra weitergezogen ist, um den Kampf mit Hasis Truppen aufzunehmen. Dankbar für das Wunder, mit dem die Schutzpatronin ihre Stadt gerettet hat, stiften sie ein Gedenkfest und errichten ein neues Marienbild in der Pfarrrkirche. Ferner lässt der Bischof von Würzburg, Melchior Sölner, eine Gedenktafel anbringen, auf der er das Ereignis in lateinischen Versen würdigt. Bechsteins deutsche Übersetzung der Inschrift, die mit drei Bedeutungen des Wortes Rose spielt, bildet den Schluss der kleinen Erzählung.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.7. Inhaltsangabe zu: Ein Märchen von zwei Brüdern
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. Düsseldorf (Arnz & Comp.) 2. Jg. o.J. (1858), S. 41/42 (mit einer Abbildung)
Ein kluger und ein unkluger Bruder wirtschaften gemeinsam als Schäfer, und immer der, der nicht die Herde bewacht, kocht inzwischen zu Hause das Essen. So trifft einmal die Aufgabe des Kochens den Dummen, und als er dem hütenden Bruder das Essen hinaustragen will, muss er über eine Brücke. Aus Angst, durch die Spalten der Bodens zu fallen, stopft er diese mit Klößen und Sauerkraut aus und wird für diesen guten Gedanken vom klugen Bruder beschimpft. Besorgt gibt ider Kluge dem Pfiffidunkus einen Ratschlag für den morgigen Tag des Hütens mit auf den Weg: Er soll die Schafe sich nur der Reihe nach hinlegen lassen und sich weiter um nichts kümmern. Am nächsten Tag aber bleiben die Tiere nicht so stehen, wie sie der Reihe nach gelegen haben, und der Dumme schlägt sie tot, um sie in die gewünschte Abfolge legen zu können. Als der kluge Bruder mit dem Essen kommt, lobt er zunächst die prächtige Reihe, doch als er begreift, wie sie zustandegekommen ist, schreit er auf und drängt zu schneller Flucht. Zur Nacht kommen sie in einen finstern Wald und steigen mit ihren Habseligkeiten auf einen Baum, um dort zu schlafen. Da tauchen zwei Räuber auf und setzen sich gerade unter diesen Baum, um gestohlenes Geld zu zählen. Plötzlich tröpfelt ein wenig Suppe aus dem Kessel, den die Brüder mit in ihr luftiges Quartier genommen haben, und wenig später regnet es auch Brocken und Graupen. Schließlich fällt der ganze Kessel auf die Köpfe der Übeltäter, die an göttliche Strafe glauben und überstürzt flüchten. Da steigen die beiden unterschiedlichen Brüder herunter und teilen die Beute. Der Dumme wählt einen Sack voll Nüsse, und so bleibt für den Klugen der Sack mit dem Geld. Der erste isst so lange Nüsse, bis er nichts mehr zu tragen hat, der zweite aber muss den Bruder bald um Hilfe bitten, weil er seinen Geldsack nicht mehr schleppen kann. Der willigt ein, verlangt aber die Hälfte des Inhalts für seine Dienste. So gehen sie in ein anderes Land, kaufen sich neue Schafe und fangen wieder von vorne an.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.8. Inhaltsangabe zu: Undank ist der Welt Lohn
In: Märchen und Sagen für Jung und Alt. Original-Erzählungen in Prosa und Poesie mit 24 Illustrationen. Düsseldorf (Arnz & Comp.) 2. Jg. o.J. (1858), S. 3-6 (mit einer Abbildung)
Ein Bäckergeselle wird von seinem Herrn entlassen, weil er die Semmeln zu groß bäckt. Als er eine Weile gewandert ist, trifft er einen armen, alten Esel, der seinem Müller viele Jahre treu gedient hat und nun, weil er nicht mehr so viel schleppen kann, von diesem fortgejagt worden ist, denn: Undank ist der Welt Lohn. Die beiden tun sich für die weitere Reise zusammen und begegnen bald einem vor Hunger winselnden Hund. Der hat lange das Haus seines Herrn bewacht, ihm sogar einmal das Leben gerettet, doch jetzt, im Alter, wurde er mit Schlägen vom Hof gejagt, weil Undank der Welt Lohn ist. Der Hund bekommt ein Stück Brot von dem Bäckergesellen und darf mitwandern. Bald darauf sehen die drei Reisenden ein seltsames Pärchen langsam daherkommen, eine alte Katze und einen ebenso betagten Gockelhahn. Beide erzählen davon, wie sie nach langen treuen Diensten aus Altersgründen von ihrer Herrschaft grausam misshandelt wurden und nur das nackte Leben retten konnten. Ja, Undank sei der Welt Lohn.
Der Bäckergeselle beschließt, auch diese beiden Tiere zum Mitkommen aufzufordern, weil er einmal ein Märchen gelesen hat, das Die dankbaren Thiere betitelt war; er will sehen, ob Tiere wirklich dankbarer sind als Menschen. Der Esel nimmt gern die kleineren Tiere auf seinen Rücken, doch gibt es einigen Streit, weil die Katze den Hahn zunächst nicht auf ihrem Buckel duldet. Schließlich einigt man sich und findet gemeinsam ein Haus, hinter dessen erleuchteten Fenstern ein Schmaus gehalten wird. Allerdings liegt es einsam in einer sehr unwirtlichen, ja unheimlichen Gegend, doch treibt die Not die fünf hungrigen Freunde vorwärts. Der Waldwirt und seine Gäste Füchse, die eine fröhliche Hochzeit feiern werden von den Neuankömmlingen aus dem Haus gejagt. Die Freunde machen sich über die Festmahlzeit her, essen und trinken sich satt und suchen sich dann eine Schlafstelle, jeder nach seinen Bedürfnissen. Als der Wirt nachts in sein Haus zurückschleicht, um Frieden mit den Eindringlingen zu schließen, bekommt ihm das schlecht: Auf dem Hof kräht der Hahn und erschreckt ihn, im Hausflur beißt ihn der Hund ins Bein. Als er endlich in der Stube angelangt ist, zerkratzt ihm die Katze das Gesicht, so dass er in den Stall flüchtet, um sich einen Ruheplatz zu suchen. Doch dort keilt der Esel immer wieder heftig nach ihm aus, bis der in den Wald zurückläuft und den Füchsen sein Leid klagt.
Am andern Morgen tadelt der Bäcker seine Gesellen für ihr nächtliches Treiben und schickt den Hund in den Wald, den Wirt zu holen. Dem macht er das Angebot, dass er in seine Wirtschaft zurückkehren kann, wenn er die vier Senioren verköstigt und ihnen ihre Freiheit lässt. Der Wirt willigt ein, weil der Bäcker verspricht, für seine Gefährten zu arbeiten. So sind alle zufrieden und vergessen den Lohn der Welt, den schnöden Undank.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.9. Inhaltsangabe zu: Spiritus familiaris. Thüringisches Kulturbild aus der Mitte des 17. Jahrhunderts
In: Volkskalender für 1859. Hg. von Karl Steffens. Leipzig S. 25-64
In einer unheimlichen Gewitternacht kauft der Klingenschmied Hermann (Herm) Aschenbach aus Steinbach einem großen, schwarzen Fremden für drei Pfennige ein Döschen mit einem glückbringenden Hausgeist ab. Tatsächlich kann er so die Armut aus seinem Leben verbannen und für seine Familie das neu erworbene Fachwerkhaus renovieren. Vor der Baustelle taucht der Kohlenhändler Kunz Valtin auf, ein abgewiesener Bewerber um die Hand der Tochter Else, und beschimpft die Familie Aschenbach, bis er mit vereinten Kräften vom Eingang vertrieben werden kann.
Hermann Aschenbach unternimmt eine einsame Wanderung in der Gegend von Altenstein und legt sich an einem unheimlich stillen Ort zur Ruhe nieder. Mancherlei Erinnerungen ziehen durch seine Gedanken, von denen viele mit dem Aberglauben der Steinbacher Bürger und ihren Sagenerzählungen zu tun haben. Als er sich in düsterer Stimmung wieder erhebt, klappert das Ding in seiner Tasche, und er beschließt, es um jeden Preis zu verkaufen.
Im Ruhlaer Gasthof zur Rose spricht Aschenbach wenig später zusammen mit dem Schmied Balthasar (Bäz) Enders dem Wein zu. Belauscht von Kunz Valtin, der Wirtin und Gretebarb Völker, deren neugieriger Bedienung, verhandeln sie flüsternd und erregt, so dass nur Wortfetzen an die gespitzten Ohren gelangen. Trotzdem gehen die beiden für einen letzten Krug Bier hinaus auf den Flur des Gasthauses, und Aschenbach beantwortet ausweichend die vielen Fragen, die Enders zu dem Gegenstand einfallen, den er unter mysteriösen Umständen für zwei Pfennige kaufen soll. Valtin hat diese Gespräche belauscht und nimmt sich vor, sich bei dieser Gelegenheit an Aschenbach zu rächen.
Bäz Enders ist auf dem Weg zu dem verabredeten Treffpunkt. Er fürchtet aus gutem Grund den unheimlichen Platz und hat sich daher Mut angetrunken. Als Aschenbach ihm den Magnetstein in der gedrechselten Dose zeigt, entlädt sich ein ungewöhnlich schnell aufgezogenes Gewitter in einem hellen Blitzstrahl. Enders zahlt schnell, und Aschenbach macht sich auf den sturmumbrausten Heimweg. Enders kommt ein furchtbarer Verdacht, auch er taumelt unter Blitzschlägen seiner Schmiede zu, doch sinkt er am Ortseingang im Hagelschlag bewusstlos nieder.
Im Hause Aschenbach tobt ein solcher Familien-Streit, dass die Nachbarn ihn schlichten müssen: Herms Frau und sein ältester Sohn haben gerüchtweise gehört, dass ihr Mann und Vater dem Ruhlaer Schmied einen Spiritus familiaris verkauft habe, und stellen ihn deswegen zur Rede. Auch der Steinbacher Pfarrer, Ehren Herwig, nimmt Aschenbach ins Gebet, doch der leugnet und will mit Hilfe von Zeugen seine Unschuld beweisen. Mit zwei weiteren Steinbachern betritt er wenig später die Schmiede in Ruhla und erschrickt über das fahle Gesicht und die wirren Reden von Enders. Doch der lässt sich nicht von seiner Aussage abbringen, Aschenbach habe ihm ein Teufelsding verkauft, und so tritt dieser deprimiert den Heimweg an, umso mehr, als seine beiden Begleiter ebenfalls nicht mehr an seine Unschuld glauben mögen.
Hermann Aschenbach wird von seinem schlechten Gewissen umgetrieben. Nach einer schlaflosen Nacht bricht er mit seinem Gesellen Heinz Halbig nach Witzelrode auf und beichtet dem ehemaligen Pfarrer von Steinbach, Ehren Läufer, einem vorurteilsfreien, glaubensstarken Mann. Der erklärt ihm die Zusammenhänge und rät ihm, seine Strafe zu verbüßen und auf Gottes Gnade zu bauen. Tatsächlich wird Aschenbach sofort in peinlichen Gewahrsam genommen, als er sich dem Gerichtsverwalter Elias Fulda in Salzungen stellt. Von Kunz Valtin über alle Einzelheiten unterrichtet, schickt dieser den Amtsboten mit einem Schreiben an den Landesherrn, Herzog Ernst I. den Frommen, nach Gotha. Auf diesem Weg trifft Fuldas Bote Aschenbachs Gesellen Halbig, dem der Gefangene seine Familie und alle häuslichen Angelegenheiten anvertraut hat und der ebenfalls einen Brief auf dem Schlosse Friedenstein abzugeben hat.
In Steinbach triumphieren Aschenbachs Feinde und machen seiner Familie das Leben schwer. Besonders Else weint um den Vater und fürchtet, der geliebte Geselle Heinz werde sie nun nicht mehr zur Frau nehmen wollen. Zunächst verschlimmern sich Aschenbachs Verhältnisse: Fulda lässt ihn nach Schweina bringen, wo er erneut verhört wird, und die befragten Steinbacher stellen ihm kein gutes Zeugnis aus. Erst das gerechte Urteil des wohlwollenden Landesherrn sorgt dafür, dass Aschenbach gegen Kaution entlassen wird. Doch die Stimmung im Ort ist gegen ihn; er findet sein Haus schwer beschädigt und die Familie unvollständig vor. Zugleich hört Elias Fulda in der Gerichtsstube die Ortsansässigen schimpfen, die von Begnadigung nichts hören, sondern den Spiriguxer aus dem Dorf vertreiben wollen. Wieder retten Aschenbach Schreiben seines Anwalts, die sein treuer Geselle Heinz Halbig zum Herzog trägt. Eine geschickte Verteidigung sorgt dafür, dass der Beschudligte fast so rein erscheint, wie ein neugeborenes Kind (S. 61).
Auf dem Rückweg von Gotha trifft Halbig in Winterstein Aschenbachs ältesten Sohn und setzt den Heimweg an seiner Seite fort. Im Wald treffen die jungen Leute den Verräter Valtin und prügeln ihn weidlich durch, so dass er sich in der Folge kaum noch blicken lässt. Als sie sich trennen, wandert Halbig in sein Heimatdorf Brotterode, um sich für die Meisterprüfung anzumelden. Herzog Ernst I. ermahnt erneut den Gerichtsverwalter Fulda, die Sachbeschädigungen an Aschenbachs Besitz zu ahnden und die Vertreibung des Freigelassenen aus Steinbach zu verhindern. Heinz Halbigs Treue bringt auch Aschenbachs Familie wieder in Ordnung: Er wird Meister in Brotterode, zieht in das Haus seiner Eltern, heiratet Else und nimmt die Schwiegereltern zu sich. Wenn die Leute des Ortes nach seinem hübschen Haus und dem gutgehenden Geschäft gefragt werden, so lautet die Antwort: der ist halt reich sie haben Hüthchen. Und der Erzähler beklagt sich über den nicht zu überwindenden Aberglauben, um abschließend seine Leser zu belehren: Das Volk wollte nicht begreifen lernen, dass Fleiß und Ordnung die besten Hüthchen und Familiengeister sind. (S. 64)
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.10. Inhaltsangabe zu: Der Wunderdoktor von Schneeheim. Südthüringische Volkserzählung
In: Volks-Kalender für 1860. Hg. von Karl Steffens. Leipzig, S. 61-109
1. Irregang in Wustungen.
Der einsame Wanderer Caspar Geisterhörner verirrt sich im Nebel der winterlichen Wüstung Gertles, von der die Sage erzählt, dass hier ein ganzes Dorf mitsamt seiner Kirche versunken sei. Er ist ein nüchterner 36jähriger Bauer, der drei von seinen sieben Kindern und nun auch seine Frau verloren hat. Das hat ihn daran erinnert, dass alle seine Vorfahren Wunderdoktoren waren, und er will diese magische Begabung auch für sich erwerben. Als endlich der Vollmond durch den Nebel scheint, erkennt Geisterhörner vor sich die Häuser und Straßen eines ihm fremden Dorfes. Schattenhaft sieht er Menschen mit steinernen Gesichtern zu der oberhalb gelegenen Kirche gehen, deren Turmuhr die elfte Abendstunde anzeigt. Da folgt er dem meteorischen Licht, das durch die Kirchenfenster fällt und tritt in die verwahrloste romanische Kirche.
2. Der späte Gast.
Geisterhörner ist ein Wunderdoktor geworden, und niemand weiß, wie. Täglich erreichen ihn zahlreiche Briefe, aber er bleibt bescheiden und weiß sich die argwöhnische Medizinalbehörde vom Leib zu halten. Sorgen machen ihm der verhasste Wunderdoktor in Schweickershausen und seine schöne Tochter Gretchen, die den armen Barthel Muhsmacher liebt, obwohl der Vater den reichen Schulzensohn Hanngörg Staps für sie ausgesucht hat. Eines Abends im Advent sitzen die Männer des Dorfes im Wirtshaus und spielen Karten. Das Gespräch kommt auf die Sage von der Trompetereiche, und besonders der Schulmeister Irenäus Schneider hat etwas gegen diesen Aberglauben, bis ein klarer Trompetenton durch die Nacht dringt. Bald rollt ein Wagen vor das Gasthaus, und ein vornehmer Herr in Jägertracht mit Hund und Diener steigt aus.
3. Ein Familienbild und ein Wirthshausbild.
Eines Sonntagsmorgens bricht Caspar Geisterhöner zu einer seiner geheimnisvollen Wanderungen auf. Seine Söhne haben die Ermahnungen des Vaters schnell vergessen, Gretchen jedoch grämt sich wegen des Verbots, sich mit Barthel zu treffen, und muss von der Großmutter getröstet werden. Im Gasthaus hat inzwischen der verirrte Fremde, der sich als Graf vorstellt, Zimmer erbeten und den Wirt damit in größte Verlegenheit gebracht. Man rät dem an Gicht Leidenden, die geheime Kunst des Wunderdoktors Geisterhöner in Anspruch zu nehmen. Doch der Graf ist verärgert über die spöttische Behandlung und befiehlt seinem Kutscher, alles zur Weiterfahrt vorzubereiten. Als Führer bietet sich der stille Barthel Muhsmacher an.
4. Die Nachtfahrt.
Caspar Geisterhörner kämpft sich in derselben Nacht zu Fuß durch den Schnee der Straße von Oberfeld nach Schneeheim, in der der Jagdwagen des Grafen von Barthel sicher durch die gefährlichen Wegstellen der Straße zwischen Schneeheim und Themar geführt wird. Der junge Bauer vertraut dabei dem Grafen die Geschichte seiner Liebe zu Gretchen an. Als der leidende Fremde begreift, dass der empfohlene Wunderdoktor Gretchens Vater ist, bittet er Barthel, den Doktor am nächsten Morgen zu sich nach Themar zu schicken. Caspar erinnert sich inzwischen ängstlich daran, dass er sich, wie an jenem schicksalhaften Adventssonntag, im verrufenen Gertles bewegt. Da kommen zwei Lichter auf ihn zu, er fällt vor Angst in eine Schneewehe, wird aber von den Insassen der gräflichen Kutsche wieder auf seinen Weg zurückgebracht, ohne dabei Barthel als seinen Retter zu erkennen. Der bringt seinen Auftraggeber alsbald wohlbehalten nach Themar, empfängt guten Botenlohn und macht sich sofort auf den nächtlichen Rückweg.
5. Zwei Wunderdoktoren statt eines.
Am nächsten Morgen frühstückt ein kleiner, redseliger Mann in der „Post" zu Themar. Es ist der vom Grafen bestellte Wunderdoktor aus Schweickershausen, der gleich wieder umkehren will, als er hört, sein vornehmer Patient sei aus Schneeheim gekommen. Barthel ist inzwischen auf dem Weg zu Geisterhörners Wohnung, und kommt dabei spottend an Hanngörgs Scheune vorbei, wo die übrigen Lohnarbeiter beim Dreschen sind. Er richtet die Botschaft des Grafen aus und kann sich über ein kurzes Alleinsein mit Gretchen freuen. Geisterhörner bricht sofort nach Themar auf, sitzt wenig später im Gasthaus und verspeist dasselbe Frühstück wie sein Schweikershausener Konkurrent.
6. Ländliche Zwiegespräche.
Als der Schweickershäuser nach der Unterredung mit dem Patienten in die Gaststube der Post zurückstiefelt, setzt er sich an den Tisch des Schneeheimers und entdeckt im kurzen Zwiegespräch, dass er es mit der Konkurrenz zu tun hat. Bald fliegen Rumgläser und Beleidigungen hin und her, doch der Wirt trennt die Streitenden, was die gegenseitgen Beschimpfungen noch steigert. Schließlich fährt der reiche Schweickershäuser davon, und der bescheidene Schneeheimer bleibt brummig zurück, in der Sorge, umsonst herübergelaufen zu sein.
7. Die Wundergabe.
Die bäurische Art des Schweickershausener Doktors hat den Grafen so abgestoßen, dass er den Mann zwar entlohnt, aber unverrichteter Dinge fortgeschickt hat. Doch als nach dessen Abfahrt der Gichtschmerz ihn erneut überfällt, öffnet er sich der Behandlung durch den Schneeheimer Doktor, obwohl dieser auch keinen gepflegten Eindruck macht. Die beiden gegensätzlichen Männer vertiefen sich in ein langes Gespräch, in dessen Verlauf der Graf dem Geisterhörner wiedererzählt, wie der Kontrahent aus Schweickerhausen zu seiner Heilkunst kam: Er hat sie von seinem Schwiegervater, einem Pfarrer, zusammen mit dessen Domäne geerbt.
8. In der Geisterkirche.
Daraufhin berichtet Geisterhörner zum erstenmal, wie er an der Geistermesse in der versunkenen Kirche im Gertels teilgenommen und danach eine unverwüstliche Gesundheit und eine heilende Hand an sich wahrgenommen hat. Er hat auch auf einem neugekauften Grundstück eine Kassette mit alten Büchern ausgegraben, von denen eines wunderbare alte Weisheiten enthielt. Dann kommen die beiden erst auf Gretchen und dann auf Barthel zu sprechen. Der Graf lobt den jungen Mann und erzählt, wie der in der Nacht einen Wanderer aus dem Schnee gerettet und auf seinen Weg zurückgebracht hat, und dass der Verunglückte einen Mantel trug, „der genau so aussah, wie jener, der dort hängt".
9. Die große Kur.
Unter umfangreichen Erklärungen nimmt Geisterhörner daraufhin seine Behandlung auf. Das wiederholte Kneten und Schwitzen ist unangenehm für den Patienten, doch macht sich die Besserung sogleich bemerkbar. Als Geisterhörner sich verabschiedet, verspricht er, dass seine Gret den Barthel Muhsmacher heiraten darf. Tatsächlich schickt er, zu Hause angekommen, sogleich seine Söhne zu dem überraschten Bewerber. Der Graf reist einen Tag früher ab, als ihm sein Wunderdoktor erlaubt hat, und riskiert damit einen Rückfall, der ihn, als er in der großen Welt von Erfurt, Weimar und Gotha, aber auch bei seinen alten Tanten zurück ist, auch tatsächlich ereilt.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.11. Inhaltsangabe zu: Das Terzl von Partschins. Eine Tiroler Eulenspiegel-Märe
In: Thüringer Volks-Kalender für Heimath und Fremde, hg. von Müller von der Werra 1862, S. 11-36
1. Im Kirchdorf Partschins im Vinschgau, ganz nahe bei Meran, lebt der wohlhabende Bauer Gröfler mit seiner Frau, denen zu ihrem Glück nichts weiter fehlt als ein Erbe ihres schönen Besitztums. Die geistig ein wenig einfachen Leute sind darüber maulhängcholisch" geworden, sie gönnen der weitläufigen Verwandtschaft ihren Reichtum nicht. Eines Sonntags grübeln sie wieder, und die Frau bedauert, dass sie kein fremdes Kind angenommen haben, doch dafür reicht das Vertrauen ihres Mannes nicht aus. Der hat stattdessen die Idee, ihr geliebtes Terzl", den Jungstier, als Erben einzusetzen. Während sie sich vorstellen, wie der ausschauen wird, wenn der Dorflehrer seine Studien mit ihm beendet hat, werden sie wieder froh und gesprächig, und der Großbauer gestattet seiner Frau, sich wieder einmal richtig auszulachen. Der Gedanke wird sofort in die Tat umgesetzt: Zum Erstaunen des Gesindes führt der Bauer sein Terzl eigenhändig vom Hof, und die Bäuerin schaut den beiden mit nassen Augen nach.
2. Als Gröfler mit seinem roten Jährling auf die Schule zugeht, ist gerade Unterrichtsschluss, und die Kinder scharen sich spottend um den neuen Schüler. Der blasse, schwarzgekleidete Lehrer Zingkerl mag kinderlose Leute nicht, weil es an denen nichts zu verdienen gibt, und kommt nur zögernd die Treppe herunter. Als Gröfler jedoch seinen Wunsch ausgesprochen hat, beschließt der unredliche Schulmeister, sich eine goldenen Nase an dessen Dummheit zu verdienen. Er preist sich als Experten für die schulische Bildung von Rindvieh und betont, dass nur die Arglist eines Widersachers in Meran ihn gehindert habe, dort am Gymnasium angestellt zu werden. Er fühlt sich zu Höherem berufen und will diese einmalige Gelegenheit dazu nutzen. Unter der Bedingung vollständiger Verschwiegenheit nimmt er den kleinen Stier für hundert Goldgulden jährlich als besonderen Scholaren an. Gröfler erhöht den Preis von sich aus um weitere hundert Taler, ist auch damit einverstanden, zur Wahrung des Scheins eine Schenkungsurkunde zu unterzeichnen, und führt das geduldige Tier dann in den Stall des Lehrers. Anschließend begießen die beiden Komplizen ihren Handel mit gutem Meraner Wein, und Gröfler lacht wieder, dass ihm der Bauch wackelt.
3. Das Gerücht von der rätselhaften Schenkung macht schnell im Dorf die Runde, und besonders der Pfarrer meint erbost, nachdem er den Wortlaut der Urkunde studiert hat, dass es bei dem alten Gröfler nicht mehr so recht richtig unterm Hute" sei. Der erste Kontrollbesuch des Bauern bei seinem Terz fällt zur allseitigen Zufriedenheit aus, der junge Stier ruft den letzten der Vokale und stellt auch Kenntnisse in den Anfangsgründen des Rechnens unter Beweis. Bei späteren Treffen weiß der Lehrer, der schon vom Schlachtertrag des jungen Stiers träumt, längere Vorführungen zu vermeiden. So merken die beiden einfältigen Alten nicht, dass ihr Liebling geschlachtet und gevierteilt wird und im Schul- ebenso wie im Pfarrhause in vielfältiger Form in die Vorratskammern wandert. Der Schulmeister Zingkerl aber sinnt bei Stierfleisch und Sauerkraut auf eine Lösung, wie er dem Großbauern nun auch das Geld für den Unterricht des nicht mehr vorhandenen Schülers aus der Tasche locken könnte. Ein Zufall kommt ihm zu Hilfe.
4. Eines Tages obliegt Zingkerl den geliebten Studien über die Herkunft seines zweisilbigen Namens. Mit den Ergebnissen kann er nicht zufrieden sein, denn sie ergeben eine Art Ochsenkarl und erinnern insofern an das ungelöste Problem mit dem Terzl. Als er dann noch in der Zeitung liest, dass der erwähnte Widersacher Bürgermeister von Meran geworden ist, denkt er an grausame Rache. Im Zorn erinnert er sich der Demütigungen, die er von diesem Mitglied des Magistrats hat erdulden müssen. Der Gleichklang von dessen Familiennamen Terz mit seinem Problem bringt ihn auf die Idee, den alten Gröfler zu benutzen, um dem Meraner Feind einen Denkzettel zu verpassen. Als der Bauer nach Verlauf des Lehrjahres mit den versprochenen hundert Goldtalern im Schulhaus erscheint, lügt er ihm vor, der Jungstier hätte so gewaltige Fortschritte gemacht, dass die Meraner ihn zu ihrem Bürgermeister gewählt und in die Stadt geführt hätten. Gröfler ist wütend und weigert sich, für diese mit seinen Absichten nicht vereinbare Entwicklung zu bezahlen. Er will seinen Terz zurück und erhält den Rat, ihn selbst wieder in Meran abzuholen, willigt schließlich auch ein. Als er die Schultür zuknallt, ist dem Herrn Zingkerl nicht wohl in seiner Haut.
5. Am andern Morgen brechen die Gröflers festlich gekleidet nach Meran auf, nicht ohne dem bleichen Schulmeister im Vorübergehen ordentlich gedroht zu haben. Unterwegs kehren sie mehrfach ein, zuletzt in der Nähe des Vinschgauer Tores in Meran. Dort fragen sie nach dem Namen und dem Aufenthalt des neuen Bürgermeisters, und Gröfler macht sich mit einem Strick und einem Büschel Heu auf den Weg zum Rathaus, wobei ihm ein Schwarm Neugieriger folgt. In der unteren Rathaushalle wird der Krösus von Partschins mit Ehrfurcht begrüßt und verlangt, sofort beim Bürgermeister gemeldet zu werden. Der Ratsdiener dringt nur ungern in die gerade stattfindende Sitzung ein, bringt auch Gröflers seltsames Anliegen nur zögerlich vor. Doch der menschenfreundliche Bürgermeister unterbricht die Session mit Rücksicht auf den Ruf und das Alter des Bittstellers und verfügt sich zu diesem in die Halle. Verwundert lässt er sich mit dem Heu locken, und die Umstehenden können nur mit Mühe verhindern, dass ihm die Schlinge von Gröflers Strick um den Hals fliegt. Als der alte Bauer ihn als seinen alleinigen Erben nach Partschins mitnehmen will, wird er für verrückt erklärt und in Gewahrsam genommen. Der Bürgermeister behält in der allgemeinen Aufregung die Ruhe und zieht einen Arzt herbei, um den alten Mann in Ruhe noch einmal zu befragen. Jetzt wird schnell klar, dass der weder betrunken noch verrückt ist, und das weitere Verhör ergibt das Bild einer äußersten bäuerlichen Blödigkeit, die der nichtsnutzige Schulmeister für sich ausgebeutet und zum Schaden eines Dritten benutzt hat. Der Gröflerin wird unterdes die Zeit beim Warten im Weinhäusel lang. Sie geht ihren Mann suchen, wird ins Rathaus gewiesen und dort durch die Geschichte von der Beleidung des Bürgermeisters, dem Verhör ihres Mannes und drohender Kerkerhaft erschreckt. Entschlossen dringt sie bis zum Bürgermeister durch und bestätigt diesem jede Einzelheit der Aussage ihres Mannes. Dieser entlässt die beiden Alten mit guten Wünschen und kündigt für den hinterhältigen Schullehrer, der ihm kein Unbekannter ist, die verdiente Strafe an. Gegen Zingkerl wird Anzeige erstattet, er muss den vollen Preis des jährigen Stiers an die Gröflers zurückzahlen. Zudem ist die Gemeinde so erbost auf ihn, dass sie für seine Strafversetzung sorgt, so dass er sich alsbald hoch oben auf dem Gebirge im hinteren Passeiertal wiederfindet und es insofern wirklich zu Höherem gebracht hat. Als später das Testament der Gröflers geöffnet wird, findet sich der Meraner Bürgermeister als Alleinerbe eingesetzt. Die Geschichte vom Partschinser, der in Meran sein Terzl sucht, ist sprichwörtlich geworden.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.12. Inhaltsangabe zu: Der Zauberer von Plön. Eine Erzählung
In: Volkskalender für 1862, hg. Von Karl Steffens. Leipzig, S. 133-167
1. In einer mondhellen Herbstnacht schauen die junge Herzogin Dorothea Sophie und ihre alte Kammerfrau Juliane Lebus mit Grausen aus einem Fenster des Schlosses auf die kleine Insel, die im Schein eines geheimnisvollen roten Lichts inmitten der stürmischen Fluten des Sees liegt. Sie erinnern sich gegenseitig an die Sagen von dem bei einem Erdbeben versunkenen alten Dorf, bis es Zeit ist für den Abendsegen und das Abendlied. Die nach mehreren Ehejahren noch immer kinderlose Herzogin träumt, dass sie Mutter eines schönen Prinzen wird.
2. Der Gatte der schönen Dorothea, der Herzog Johann Adolf von Holstein-Plön, reitet derweil, nur von seinem Reitknecht Nils begleitet, durch den Schlosspark und bis ans Ende der schmalen Landzunge, die der schwarzen Insel vorgelagert ist. Dort schickt er den Knecht unter einem Vorwand zurück und führt sein Ross schwimmend auf das verwachsene Eiland, in dessen Mitte zwischen Granitblöcken eine dunkle Jägergestalt auf ihn wartet. Er schließt einen Handel mit dem unheimlichen Fremden, erhält ein rotes Stäbchen und setzt dafür seine Unterschrift unter einen Vertrag. Dies ist der Augenblick, in dem der Fremde die Insel in bengalisch rotem Licht aufflammen lässt. Der Heimritt mit dem zitternden Schimmel und dem ebenfalls bebenden Diener vollzieht sich in wunderbarer Schnelligkeit.
3. Am nächsten Morgen bricht der Herzog mit seinem Leibjäger Jürgen, dem Kammerdiener Peter und dem Kutscher Hinnork zu einer Wagenfahrt auf. Brummend räumt der alte Kutscher seinen Platz für den hohen Herrn, der selbst die beiden Rappen lenken möchte. Unheimlich ist den Insassen die merkwürdig glatte Fahrt durch den dicken Nebel, nur Hinnork ist eingeschlafen. Als er erwacht, ist man bereits in Stocksee angekommen, und sehr verwundert sehen die drei Männer ihren Herrn in das Gutshaus vorangehen. Peter erklärt dem schläfrigen Kutscher, dass die Fahrt nicht wie sonst Stunden, sondern nur zehn Minuten gedauert habe, und dass der Teufel dabei im Spiele gewesen sein müsse. Die Pächtersfamilie ist überrascht von der frühen Ankunft des Herzogs. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter Greet, flüchten im Negligé in ihre Zimmer, und der Herr des Kammerguts, Jens Brodersen, erinnert an den baufälligen Zustand des Hauses. Hans Adel, wie seine Leute ihn nennen, spielt mit dem Gedanken, den Brodersens ein Schlösschen zu bauen, und der Pächter merkt an, dass dies ihm wie ein Schloss vor seinem Mund vorkomme. Dann bricht die kleine Gesellschaft zur Trappenjagd auf.
4. Die Herzogin unterhält sich mit ihren Damen beim Ausschneiden von bunten Kupferstichen für eine Tapete. Dabei kommt das Gespräch auf die Kriegskarriere ihres Mannes, der für seinen österreichischen Kaiser Leopold gegen die Türken und Schweden gekämpft hat und bald gegen die Niederländer und Franzosen ins Feld ziehen wird. Die Kammerfrau Juliane kommt mit einem großen Gedankensprung auf die Geschichte von dem verruchten Mönch, der die Zauberbücher eines gottlosen Cyprianus abschrieb. Diese enthalten so furchtbare Geheimnisse, dass die Lektüre nur eines einzigen Bandes genügt, um die Seele des Lesers dem Teufel anheimfallen zu lassen. Dorothea bittet die Alte, den Namen des Widersachers nicht so oft zu erwähnen. Als sie erfährt, dass die schrecklichen Folianten in einer verschlossenen Kiste in den Kellern des Plöner Schlosses vergraben liegen, beschließt sie, das ohnehin verfallende Gebäude zu verlassen und sich das alte Gut Ruhleben als Witwensitz auszubitten. Herzog Hans hat sich indessen auf einer Jagd amüsiert, bei der jeder Vogel gerade recht in den Schuss seines Gewehrs gelaufen ist. In Weinlaune erneuert er dem Pächter gegenüber sein Versprechen, statt des morschen Gutshauses ein Schlösschen zu bauen, Geld habe er genug. In diesem Zusammenhang fällt eine Bemerkung, die Jens Brodersen nicht mehr aus dem Kopf geht: Sein Herzog hat ein Auge auf die schöne junge Greet geworfen. Heimlich lässt er Vorkehrungen treffen und folgt in der eigenen Kalesche dem Wagen des Herrn nach dessen Abschied Spur in Spur. Nach zehn Minuten landen beide Wagen am Fuß des Schlossbergs zu Plön. Johann Adolf bemerkt, dass Brodersen ihm gefolgt ist, und stellt ihn erschrocken zur Rede. Doch der kommt auf das Schicksal seiner Tochter und die diesbezüglichen Absichten des Herzogs zu sprechen und verweigert seinem Herrn in diesem Punkt aufrecht und mutig jede Gefolgschaft. Dieser sieht sich gezwungen, das Ganze als einen Scherz darzustellen.
5. Hans Adolf führt ein langes Abschiedsgespräch mit Fieke-Dorteken, wie er seine Frau zärtlich nennt. Er trägt ihr das Amt eines herzoglichen Oberhofbaurates an. Sie soll, während er in den Niederlanden kämpft, Gut und Dorf Stocksee neu aufbauen lassen und zu ihrem persönlichen Wohnsitz machen. Dorothea freut sich, über die gefürchtete Nebenbuhlerin Greet gesiegt zu haben, bittet aber doch, bis zur Fertigstellung von Stocksee im Gut Ruhleben wohnen zu können. Sie macht eine Andeutung wegen der vergrabenen Zauberbücher, aber Hans Adolf beruhigt sie: Nicht eins der gefürchteten Bücher befinde sich mehr in den Plöner Kellern, er habe sie gefunden, und den Schatz, auf dem sie lagen, dazu. Am nächsten Morgen macht der Rentmeister seine Aufwartung, und viele Rollen und Beutel voll bedeutender Geldsummen werden vor die Herzogin getragen. Diese tritt ans Fenster, blickt über das seit Jahren in Armut dahindämmernde Plön zu ihren Füssen und beschließt, ihrem Dorf zum Segen zu werden. Der Herzog vermisst auf der Fahrt nach Süden plötzlich sein Zauberbuch. Er lässt im verrufenen Nobiskrug abspannen und schickt Hinnork nach Ruhleben, das Buch an der Kette aus sieben Metallen aus der verschlossenen Kiste zu holen. Neugierig schlägt der Kutscher die alten Seiten auf und kann plötzlich das von unheimlichen Tönen und schwarzen Fratzen erfüllte Labor nicht mehr verlassen. Der Herzog sieht seine Not in einem Spiegel im Nobiskrug und befreit ihn, wiederum mit wunderbarer Schnelligkeit.
6. In den Niederlanden herrscht Krieg, seit 1672 Ludwig XIV. das ungeschützte, schlecht gerüstete Gebiet mit seinen Heeren überschwemmt hat. Seither kursieren allerlei Gerüchte um die beiden bedeutendsten Heerführer, den Grafen von Bouteville und Herzog von Luxemburg, Franz Heinrich von Montmorency und den Grafen von Plön. Beide stehen in dem Ruf, Zauberer zu sein, der erste im Dienste des französischen Königs, der zweite im Dienst des deutschen Kaisers. Abends am Biwakfeuer erzählt man sich von ihren Wundertaten in verschiedenen Feldzügen, und bei kreisenden Bouteillen wissen auch Hinnork, Nils und Peter ihre Geschichten beizusteuern. Ein berittener Bote bringt die Nachricht, dass Ludwig seinen Feldmarschall, den Grafen Bouteville, wegen seiner Zauberkunststücke und kompromittierenden Beziehungen zu zwei berühmten Giftmischerinnen in der Bastille hat gefangensetzen lassen. Hans Adolf triumphiert. Nach Jahren eines vagabundierenden Lebens beschließt der Herzog von Plön, einmal wieder in die Heimat zurückzukehren. Er träumt von Stocksee, der „neuen Stadt nach seinem Sinne", und wünscht dort von seinen Beamten empfangen zu werden. In sausender Fahrt legen seine Wagen die Strecke von Hamburg über Oldesloh und Segeberg zurück. Doch in Stocksee angekommen kann Hans Adolf nirgendwo Spuren einer Tätigkeit seines Baumeisters entdecken. Stattdessen erfährt er, dass die Herzogin ausschließlich in Plön hat bauen lassen: Das Schloss ist erneuert, die Neustadt fertig, und der Friedhof um die Kirche ist einem Marktplatz gewichen. Herzog Hans ist außer sich und droht das eigenmächtige Handeln seiner Frau mit deren Tode zu bestrafen. Entsetzt beschließt der Leibjäger Jürgen, seine Herzogin zu retten. Während Hans Adolf sich gezwungen sieht, sich dem Hochzeitszug der jungen Greet und ihres stämmigen Bräutigams anzuschließen, jagt Jürgen unbemerkt davon und warnt Dorothea vor dem Zorn ihres Gatten. Diese lässt sich von Juliane ihr Sterbekleid bringen, schickt alle Bedienten fort und wirft sich noch einmal zu einem Gebet nieder. Als sie den Wagen des Herzogs heranrollen hört, öffnet sie ein hohes Fenster und stürzt sich in die Tiefe. In den Armen ihres Gemahls findet sich die Überraschte wieder. Der erklärt in aller Milde seine Drohung als Scherz und bewundert die baulichen Erneuerungen, mit denen seine Fieke das verräucherte Plön in eine neue Zeit geführt hat. Er hilft ihr fortan bei diesen Bemühungen und kann sich wenig später (man schreibt das Jahr 1680) über die Geburt eines Erbprinzen freuen. Zwar haben die Bedienten noch immer allerhand Stücklein aus der Vergangenheit des herzoglichen Zauberers zu erzählen, doch wächst im Plöner Schloss der junge Adolf August in einer Atmosphäre von Glück und Eintracht heran. Als er im Jahre 1701 heiratet, ziehen seine Eltern nach Gut Ruhleben. Doch durch eine unerwartete Wendung des Familienschicksals wird der junge Herzog von einer schnellen Krankheit dahingerafft, und nur vier Tage nach dessen Tod ist auch der alte Herzog Hans Adel nicht mehr unter den Lebenden. Sofort leben die alten Gerüchte wieder auf, man weiß zu berichten, ein schwarzer Jäger habe ihn durch ein Fenster seines renovierten Schlosses Ruhleben abgeholt. Nur zwei Jahre später ereilt auch den Enkel, Herzog Leopold August, ein überraschender Tod, und damit ist Herzog Johann Adolfs Geschlecht erloschen. Die vereinsamte Dorothea Sophia zieht sich in das Kloster Reinfeld bei Oldesloh zurück, wo sie später, zwischen den alten Gräbern mehrerer Grafen von Holstein, auch bestattet wurde.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.13. Inhaltsangabe zu: Ein holder Wahn. Novelle
„Aus des Dichters liter.(arischem) Nachlaß" (S. 3). In: Die Wissenschaften im neunzehnten Jahrhundert [...] Bd 8, Sondershausen (G. Neuse) 1863, S. 3-12, 33-43, 65-74, 97-108, 129-138
1. In sonniger Herbstlandschaft genießt eine Badegesellschaft die letzten Kurtage in Bad Ems. Mittelpunkt des kleinen Kreises sind die schöne Marie von Wallhoff, die ihre kranke Schwester Cäcilie begleitet, und der inkognito reisende Fürst Heinrich Günther ,Graf von Blankenstein und Fürst von Blankenburg. Letzterer, obwohl Witwer und bereits in vorgerückten Jahren, bemüht sich um die junge Frau aus niederem Adel, weil sie sich mit Anstand und angenehmer Sicherheit bewegt. Er ist ihr Tänzer auf den bescheidenen Bällen und zieht sie und die jüngere Schwester ins Gespräch, wo die Konvention es erlaubt. Marie ist in der Lage, die Situation zu genießen, ohne etwas von ihrer Würde zu vergeben. Doch munkelt man, sie sei mit einem reichen Bergwerksbesitzer aus München so gut wie verlobt.
2. Als der Tag des Abschieds naht, lässt sich Marie für den Plan des Fürsten gewinnen, einer Teil der Rückreise gemeinsam zu verbringen. Hocherfreut mietet der einen eigenen Eisenbahnwagen erster Klasse für sich und seine Begleiterinnen, die er auch sonst freundlich verwöhnt. Er erfragt schließlich den Wohnort der beiden, die bei ihrer Mutter in der Nähe von Augsburg auf dem Lande wohnen. In Donauwörth trennen sich die Wege, die Damen steigen aus, und Fürst Heinrich Günther setzt seine Erholungsreise über Augsburg und München nach Innsbruck fort. Im Gedanken an Maries faszinierende Erscheinung und die trennenden Standesunterschiede schließt er die Augen. Wenige Tage später steigen zwei Damen in Donauwörth in einen Wagen zweiter Klasse und finden sich bald mit einem gepflegten Forstmann konfrontiert, der sich zunächst etwas widerwillig, doch dann zunehmend gesprächiger auf eine Konversation einlässt. Die jüngere, die sich als Marie Brunhard vorstellt, vermutet alsbald, dass es sich um einen inkognito reisenden Fürsten handelt, denn der Begleiter spricht von bedeutenden Besitzungen im Thüringer Wald.
3. Zufällig kommt es zu einem zweiten Treffen zwischen dem Forstmeister und Marie, wieder auf der Eisenbahn. Diesmal lässt sich Marie, in dem Glauben, der Forstmeister sei der inkognito reisende Fürst von Blankenburg, von diesem zu einem Spaziergang und auf ihren ausdrücklichen Wunsch zu einer Kahnfahrt begleiten. Sie beklagt die Kälte ihres Gatten und öffnet sich schwärmerisch der Möglichkeit einer höheren Verbindung, ohne an die vielfältigen Hindernisse, die einer zweiten Ehe entgegenstehen, zu denken. Ein aufziehendes Gewitter kürzt die etwas einseitigen Gespräche ab, und Marie lässt sich von dem eher praktisch denkenden Forstmeister zum Bahnhof zurückgeleiten. Zerstreut nimmt sie, ganz von der Sorge um rechtzeitiges Zusammentreffen mit ihrer Mutter erfüllt, die Visitenkarte und eine Einladung des Thüringers entgegen.
4. Pünktlich sitzen Mutter und Tochter wieder in ihrem Abteil, das sich inzwischen so gefüllt hat, dass die Damen um den Platz des noch abwesenden Forstmeisters kämpfen müssen. Ein dicker Passagier mit viel Gepäck stellt, was er ein kloons Packetl" nennt, auf den leeren Platz, dann kommt der Schaffner. Von ihm erfährt Marie auf Nachfrage, dass ihr Reisebegleiter einige Waggons weiter in der ersten Klasse sitzt, und ihre Vermutung scheint sich aus des Schaffners Auskunft zu bestätigen: Es ist der Fürst von Blankenburg. Der befindet sich in der Tat auf der Rückreise von seinem Tirolurlaub im Zug. In Augsburg ist er ausgestiegen, um mit Extrapost nach Nordendorf zu fahren, wo er sich vergeblich nach dem Wohnsitz der Frau von Wallhoff erkundigt hat. Verstimmt bei dem Gedanken, dass Marie ihn absichtlich in die Irre geführt hat, ist er in Donauwörth wieder zugestiegen. Dort hat sein Büchsenspanner den Forstmeister getroffen und in seinem Auftrag in den Salonwagen des Fürsten geladen. Nun sitzen die Herren in der ersten Klasse und fachsimpeln über Forstbewirtschaftung und -erträge. Beim nächsten Halt in Lichtenfels steigen sie aus und werden dabei von einer schmollenden Marie durch die Fenster des Abteils beobachtet. Was sie nicht weiß: Der Ungetreue ist wirklich der Forstmeister, dessen Adjutant aber, dem er gerade zwei herrliche Rappen arabischer Zucht vorführen lässt, ist Heinrich Günther, der wie üblich inkognito reist.
5. In dem Winter, der diesem ereignisreichen Herbst folgt, schreibt Maria Brunhard, in dem Bestreben, ihr Leben neu zu ordnen, einen wohlüberlegten Brief an den Forstmeister Horst und übersendet ihm, um ihn an ihre Begegnung zu erinnern, einige selbstgedichtete Zeilen. Das Ehepaar Horst öffnet den rosenroten Brief beim Frühstückskaffee und macht sich über die mittelmäßigen Verse auf dem duftenden Goldschnittbogen lustig. So wartet Marie, deren Mann die von ihr betriebene Scheidung mit allen Mitteln hinauszuzögern sucht, vergeblich auf Antwort. Als sie bemerkt, dass sie ihren Absender nicht angegeben hat, beschließt sie, ihre Verse noch einmal, diesmal aber an die Adresse des Fürsten zu versenden.
6. Der Fürst zeigt den rosafarbenen Brief seinem Geheimsekretär Kleemann und vermutet, dass jene Dame eine Bekanntschaft seines Sohnes ist, da er selbst keine Maria B. aus München kennt. Er beauftragt den Sekretär, das Inkognito der beherzten Briefschreiberin zu lüften, um jede Störung von der geplanten Heirat des Erbprinzen mit einer standesgemäßen Prinzessin aus hohem Hause abzuwenden. So findet Maria bald darauf eine kleine Chiffre-Anzeige in ihrem Münchner Anzeiger, die sie auffordert, sich zu melden. Glücklich über die sich ergebenden Aussichten antwortet sie sofort, und jetzt erinnert sich Heinrich Günther an jene Marie, deren Verlobung mit einem süddeutschen Bergwerksbesitzer damals bevorstand. Er spürt, dass die Differenz zwischen Marias wirklichem Geburtsnamen, den sie jetzt unbefangen angibt (Walzhuber!) und dem Pseudonym, das die Schwestern in Ems gebrauchten, symbolischen Charakter hat. Er bespricht mit seinem Sekretär, dass dieser in Form eines Gedichts auf dem jetzt als eher mittelmäßig einzuschätzenden geistigen Niveau der Absenderin antwortet. Das Gedicht mit dem beziehungsvollen Titel Echo" erreicht Maria in einem Augenblick höchst gespannter häuslicher Situation, sie nimmt den gekrönten Namenszug des Sektetärs für den des Fürsten und rüstet sich sogleich für eine passende Antwort an ihren hohen Freund".
7. Der Fürst bespricht die neue Lage wieder mit Kleemann, und erlaubt ihm, ein Treffen mit seiner Kurbekanntschaft in der Nähe von München zu vereinbaren. Maria bedankt sich mit einem noch schlechteren Gedicht, so dass Kleemann erstmals Zweifel kommen: Ist sie die, an die sich der Fürst erinnert? Dieser ist sich jedoch sicher und entwirft nunmehr selbst den Antwortbrief, dessen Details, den Aufenthalt in Ems betreffend, für Maria wenig verständlich sind. Ihre Antwort erschüttert nun auch den Glauben des Fürsten an die Möglichkeit, Marie von Wallhoff wiederzutreffen. München ist ihm plötzlich zu weit, Kleemann soll Maria nach Bamberg bestellen, eine Fotographie erbitten und das genaue Datum jenes von ihr immer wieder beschworenen Treffens im Theresienhain ergründen. Wieder kommt die Antwort umgehend. Maria benennt den 18. September als Tag der schicksalsträchtigen Kahnfahrt und wünscht sich, dass das geplante Wiedersehen am Jahrestag dieses Ereignisses stattfindet. Die beigeschlossene Fotographie macht jedoch endgültig klar, dass diese schwarzhaarige ältere Frau nicht die Marie des Fürsten ist, und nun stellt sich die Frage: Was tun? Kleemann schlägt vor, Maria Brunhard die Wahrheit über den seltsamen Irrthum in den Persönlichkeiten" zu sagen und ihr die große Medaille für Wissenschaft zukommen zu lassen, die auf der Vorderseite das Bild des Fürsten zeigt.
8. Marie ist dankbar für das sprechend ähnliche Porträt des hohen Freundes und traurig über die Andeutung, das der Fürst an eine Verwechslung glaubt. Ehrlich schreibt sie ihm, diesmal auf weißem Papier, was sie damals auf der Reise erlebte. Heinrich Günther und Kleemann beschließen, um Übersendung der Visitenkarte zu bitten. Marias Mann, der die Vorgänge mit großer Skepsis beobachtet, entschließt sich endlich, einer Scheidung zuzustimmen, weil er an einen geistigen Verwirrungszustand seiner Frau glaubt, die weiterhin ständig von ihrem hohen Freund spricht und dessen Medaille an die Stelle des Marienbildes auf den Hausaltar gestellt hat. Dem Fürsten sendet sie schweren Herzens das gewünschte Dokument mit einem weiteren Brief, der neue Details jener Reise von Donauwörth nach Bamberg enthält. Diese Informationen erlauben dem Fürsten endgültig, die Zusammenhänge zu verstehen. Er beauftragt Kleemann, das von Maria immer noch erhoffte Treffen höflich abzulehnen und sie um Rückgabe seiner Briefe zu bitten. Heinrich Günther hält die Angelegenheit damit für erledigt, Kleemann erlaubt sich, daran einige Zweifel zu haben. Tatsächlich kommt umgehend ein weiteres Schreiben von Maria B., diesmal auf grünen Papier, in dem sie bittet, die schönen Briefe ihres hohen Freundes behalten zu dürfen, und den Fürsten zu sich nach München einlädt. Doch der hat genug von der Sache.
9. Im nächsten Herbst reist Heinrich Günther in Begleitung seines Sekretärs wieder nach Ems. Sogleich kommt es zu einem Wiederbegegnen mit Marie von Wallhoff, die in Begleitung der Schwester in Trauerkleidern über die Promenade geht: Sie ist bereits Witwe. Der Fürst sucht sie zu zerstreuen, man verbringt angenehme Stunden miteinander, und eines Tages gegen Ende der Kurzeit kommt die Sprache auf das Verwirrspiel um den Wohnsitz der Wallhoffs. Da lacht Marie das erstemal wieder herzlich, sie hat Heinrich Günther damals aus dem Fenster einer Dachkammer vorbeifahren sehen, konnte ihn jedoch nicht hereinbitten. Der genaue Ort heißt Blankenburg, wie die thüringische Residenz des Fürsten: wieder ein Spiel des Zufalls. Verlässliche Informationen über den weiteren Verlauf dieser Geschichte gebe es nicht, berichtet der Erzähler, doch hält er es mit Shakespeare: Liebe findet ihre Wege. Inzwischen bereitet der Fürst die Hochzeit seines Sohnes vor und wird mitten in den letzten Anordnungen von einem weiteren Brief der Maria Brunhard überrascht. Sie kündigt ihre Durchreise an und bittet um ein Treffen. Heinrich Günther empfindet dies als Unverschämtheit und beauftragt Kleemann, die Sache unauffällig zu regeln. Der trifft am nächsten Tag im größten Gasthaus der Stadt tatsächlich auf Maria. Es kommt zu einem längeren Gespräch, in dessen Verlauf der Sekretär grausam mit seinem Wissen über Marias Gefühle spielt und sie in eine unhaltbare Situation hineinmanövriert. Stolz macht sie sich in der Postkutsche auf den Rückweg und kommt dabei an dem Hochzeitszug vorbei, in dem Horst dem Zug der Jäger vorausreitet. Er erkennt sie und grüßt verwundert, sie winkt zurück, schon ist alles vorbei. Weinend rezitiert Maria ihre eigenen Verse: Fahre hin! Fahre hin, du holder Wahn." (S. 138)
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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4.3.14. Inhaltsangabe zu: Gemeiner Stadt Feinde. Ein Stückchen Spät-Mittelalter. Chronika-Ausbeute
In: Der illustrierte Hausfreund, 2. Jg. 1863, S. 63-100
Der alte Ratsschreiber Laurentius Lämmerzahl führt gewissenhaft die Chronik seiner Vaterstadt Erfurt. Er hat viel von Grausamkeiten und Todesurteilen zu berichten, denn die Zahl der Feinde wächst in den herrschenden unruhigen Zeiten stetig. Der junge Adlige Asmus von Buttlar erscheint vor den Ratsherren und leiht der verschuldeten Stadt sein gesamtes Barvermögen zum landesüblichen Zins. Vierherr Ludwig Komler lädt ihn anschließend zum Abendessen in sein Haus. In der geselligen Runde wird klar: Asmus und Komlers Tochter Elsbeth sind Liebesleute. In der Ratstrinkstube kommt es derweil zu einer Schlägerei, weil der Fuhrmann Fackentitscher die Erfurter beschimpft hat. Leicht verwundet entkommt zwar der Übeltäter dem Zorn der Einheimischen, schwört jedoch grausame Rache: Die Stadt hat wieder einen Feind mehr.
Im schönen Patrizierhaus am Markplatz wird inzwischen Abschied genommen, Asmus ist zufrieden, er kann Elsbeth in ihrem Garten vor der Stadtmauer treffen. Eine städtische Horde fällt inzwischen unter der Führung eines gewissen Grüpel plündernd über die Nachbardörfer her, bis die Bauern, unterstützt von adligen Vasallen, die Angreifer in die Flucht schlagen. Der ehemalige Erfurter Augustinermönch Dr. Martin Luther macht immer mehr von sich reden. Seine neue Lehre spaltet auch die Familie des Vierherrn Komler. Elsbeth nimmt zusammen mit Asmus Luthers Partei, ihr Vater verteidigt das Papsttum. So kommt es, dass der alte Vierherr Asmus' Bitte um Elsbeths Hand rundweg abschlägt. Darauf fordert von Buttlar die dem Rat geliehene Summe mit Zinsen zurück. Komler verweigert ihm im Zorn den angemessenen Zinssatz: Erfurt hat wieder einen Feind mehr.
Im Jahre 1520 sitzt der alte Lämmerzahl traurig über seiner Chronik: Er hat vielerlei Unglück darin verzeichnen müssen. Neuerdings ist es Asmus von Buttlar, der der Stadt immer neuen Schaden zufügt. Nur ein Jahr später entführt Asmus seine Elsbeth mit Hilfe von deren Zofe aus dem Garten vor dem Stadttor und bietet dem alten Komler einen Vergleich an. Der überwindet den ersten schweren Zorn und lässt die Liebenden in Ruhe, die Stadt darf dafür das geliehene Geld behalten.
Luther kommt nach Erfurt und hält im Augustinerkloster eine umjubelte Predigt. Er benennt als wahre Feinde der Stadt die Überheblichkeit eines jeden Einzelnen und mahnt zum Frieden der Städter untereinander. Die Erfurter Geistlichkeit reagiert am nächsten Tag auf den öffentlichen Jubel mit Exkommunikation aller Beteiligten, woraufhin das Volk zu einem Sturm auf die klösterlichen Vorratskeller auszieht. Die Stadtwehr kommt ein wenig spät, um zu schlichten, und die Klöster zahlen eine erkleckliche Summe an den Rat, um in Zukunft von Seiten der Stadt besser beschützt zu sein. Als eines Tages Komler dazukommt, wie Lämmerzahl gerade die Entführung seiner Tochter in die Chronik schreiben will, kommt es zu einem stillen Handel zwischen den beiden: Der alte Schreiber wird mit vollem Gehalt in den Ruhestand versetzt und nimmt dafür die beanstandete Seite aus dem Chronikfolianten.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
4.3.15. Drei nicht vollendete Novellen: Klassische Mäuse, Die Nonne von Erfurt und Die Seufzer Nero's
Adolf Bubes Nachruf auf Ludwig Bechstein in der Gothaischen Zeitung vom 18. Mai 1860 (169. Jg. Nr. 116) S. 1 spricht von weiteren Prosa-Projekten. Demnach hat Bechstein eine Erzählung mit dem Titel Klassische Mäuse geplant, die jedoch noch nicht zum Druck angenommen war und insofern vielleicht nicht begonnen wurde. Die „Novelle“ Die Nonne von Erfurt hingegen soll etwa zur Hälfte geschrieben gewesen, eine dritte Die Seufzer Nero's vermutlich ebenfalls nicht begonnen worden sein. Am 22. April des Todesjahres (1860) hat Bechstein an Bube geschrieben: „Ich und mein Leib stehen mit einander auf gespanntem Fuße. Gern vollendete ich noch meine Novelle: „Die Nonne von Erfurt“, aber ich kann nicht wohl aufsitzen und schreiben.“
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2004)
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