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Zum späten Romanwerk von Ludwig Bechstein
Ludwig Bechstein
(*24.11.1801 Weimar +14.05.1860 Meiningen)
Sein Leben lang hat sich Ludwig Bechstein mit den literarischen Formen des Romans und der so gen. großen Novelle beschäftigt. Wie bei den kleinen Novellen lobt die Kritik (z.B. Kurt Wasserfall 1926) auch hier vor allem das frühe Werk; man vergleiche dazu diese Homepage unter „Ludwig Bechstein: Die frühen Romane". Es handelt sich um die folgenden fünf Titel:
Die Weissagung der Libussa. Historisches Gemälde aus dem neunten Jahrhundert (1829)
Grimmenthal. Romantisches Zeitbild aus dem sechzehnten Jahrhundert (1833)
Das tolle Jahr. Historisch-romantisches Gemälde aus dem sechzehnten Jahrhundert (1833)
Der Fürstentag. Historisch-romantisches Zeitbild aus dem sechzehnten Jahrhundert (1834) und
Fahrten eines Musikanten (1837)
Libussa kann als ebenso hochgestimmtes wie grausames historisches Gemälde, Grimmenthal als heimatverbundenes, religiös orientiertes Werk der leisen Töne beschrieben werden. Der Fürstentag dokumentiert Bechsteins Verehrung und gute Kenntnis der Person Martin Luthers. Die zu Recht als neues Genre bezeichneten Fahrten eines Musikanten („Musikroman“, Bechsteins Vorwort spricht von einer „musiko-romantischen Biographie“, S. V) fußen auf Tagebuchaufzeichnungen eines Freundes von Bechstein (Daniel Elster) und wurden (neben dem Deutschen Märchenbuch) sein zu Lebzeiten erfolgreichstes Prosawerk.
Aus heutiger Sicht stehen die mittlere und späte Romanproduktion diesen frühen Texten in nichts nach. Allerdings setzen bereits die acht Titel der reifen Schaffensperiode neue Schwerpunkte (vgl. „Ludwig Bechstein: Die reifen Romane"):
Grumbach (1839)
Hallup der Schwimmer. Novelle (1839)
Sophienlust. Novelle (1840)
Clarinette. Seitenstück zu den Fahrten eines Musikanten (1840)
Philidor. Erzählung aus dem Leben eines Landgeistlichen (1842)
Wollen und Werden: Deutschlands Burschenschaft und Burschenleben (1850)
Ein dunkles Loos. Volkserzählung (1850) und
Die Manscripte Peter Schlemihls. Kosmologisch-literarische Novelle (1851)
Mit Grumbach endet die Tradition des historischen Romans im engeren Sinn, die Bechsteins frühes Erzählen bestimmt hatte. Die große Novelle Sophienlust bildet mit ihren ebenso heiteren wie nachdenklichen Liebesgeschichten aus einer hochadeligen Welt den Übergang zu Werken, in denen die Schicksale fiktiver Personen aus einem zunehmend bürgerlichen Milieu in den Vordergrund treten: Hallup erzählt das tragische Schicksal eines begabten Thüringer Schwimmers, der experimentelle „Genreroman“ Ein dunkles Loos das eines Jungen aus einfachsten Verhältnissen, der auf die schiefe Bahn gerät. Clarinette stellt die vielfach gewünschte und gut gelungene Fortsetzung des Musikromans von 1837 dar; hier ist die biographische Vorlage bislang nicht nachgewiesen. Philidor erzählt spannend und zugleich heiter von den Schicksalen einer Pfarrersfamilie des beginnenden 18. Jhs., die zusammen mit ihren Freunden mancherlei Prüfungen zu bestehen hat. Wollen und Werden und Die Manscripte Peter Schlemihls sind auf je eigene Weise weitere Prosa-Experimente, die für die Literaturwissenschaft von speziellem Interesse sein dürften. Bechstein hat zur Geschichte der deutschen Universitäten vier wissenschaftliche Aufsätze in der Zeitschrift Germania von 1852 veröffentlicht. Diesen Stoff verarbeitet er in den einzig erschienenen zwei Bänden eines als umfangreiche Trilogie geplanten Zeitbildes zu Deutschlands Burschenschaft und Burschenleben unter dem Titel Berthold der Student oder Deutschlands erste Burschenschaft. Sein Peter Schlemihl präsentiert sich auf humorige Weise als Ergänzung zu Adelbert v. Chamissos gleichnamigem Roman. Die Rahmenerzählung behandelt das Künstlerthema, das als frühe Variante in Grimmenthal und im späten Werk noch einmal im Wundermann aufscheint. Die witzige Binnengeschichte entführt die Lesenden in phantasievoll geschilderte ägyptische Reiseabenteuer, wobei der junge Literat des Rahmens auf der Suche nach verschollenen Manuskripten mancherlei bürgerlichem Personal begegnet.
Das in der Folge zu besprechende späte Roman-Werk umfasst nurmehr zwei Titel:
Der Dunkelgraf (1854) und
Die Geheimnisse eines Wundermannes (1856)
Der dreiteilige Dunkelgraf gehört zu den bekannteren Erzählwerken Bechsteins. Das romantische Thema der ungeklärten Herkunft und Identität ist hier gedoppelt (Ludwig und Sophie). Es erinnert an die Novelle Die Tochter des Geheimnisses, doch lässt der Roman-Schluss die beiden Leben in nicht mehr aufzuhellendem Dunkel verschwinden (Titel). Der ebenfalls dreibändige Wundermann stellt den Helmstedter Professor Theofried (kein Nachname) als Wanderer zwischen einer hellen und heiteren universitären Welt und einer fremdartigen, unterirdischen Ebene der Wahrheit dar, die den Schlüssel zu seiner großen Liebe ebenso wie zur Identität seines verleugneten Sohnes bewahrt.
(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel)
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5.3.1. Inhaltsangabe zu: Der Dunkelgraf. Roman. Frankfurt/M. (Meidinger) 1854 (472 S.)
Erster Teil: Der Jüngling
Auf Schloss Varel in Ostfriesland begegnen sich erstmals der Erbgraf Wilhelm Gustav Friedrich und der junge Graf Ludwig Carl. Dieser steht unter dem besonderen Schutz ihrer beider Großmutter, der betagten Reichsgräfin Sophie Charlotte, weil es um seine Herkunft ein Geheimnis gibt. Es kommt darum zu einem Streit, in dessen Verlauf der Erbgraf den jüngeren Vetter erschossen hätte, wäre nicht die alte Schlossherrin dazwischengetreten. Die Regelung der komplizierten Erbsituation und des kriegsbedingten Geldmangels gelingt den Beteiligten trotz des Engagements sachkundiger Berater auf beiden Seiten nicht. Wilhelm verlässt das Schloss ohne Abschied und im Zorn, um zu seinen militärischen und politischen Ämtern in den Niederlanden zurückzukehren, Ludwig wird nur wenig später von seiner Großmutter mit Anrechten und Empfehlungsbriefen in die Welt geschickt. Vor dem benachbarten Schloss Kniphausen rettet er der schönen Frau des Erbprinzen, Ottoline, und deren kleiner Tochter Marie bei einem Unfall mit dem Pferdefuhrwerk das Leben und wird daraufhin von ihr auf einen feierlichen Trunk aus einem edelsteinbesetzten Falkenpokal ins Haus gebeten. Der Erbprinz erscheint und verweigert aus Eifersucht die ihm von seiner Frau nahegelegte Versöhnung. Ohne ein Wiedersehen bricht Ludwig am andern Morgen auf, wählt mit seinem Diener den Weg nach Norden und schifft sich auf der Vergulden Rose nach Amsterdam ein. Bei der Überfahrt lernt er den jungen Leonardus kennen, der ihm auffallend ähnlich sieht, auch am gleichen Tag wie er Geburtstag hat. Er ist der einzige Sohn des Bankiers van der Valck und befindet sich in Begleitung seiner geliebten Angés und eines kleinen Mädchens mit Namen Sophie Charlotte, deren Herkunft ungeklärt ist und die der jungen Frau unter geheimnisvollen Umständen zur Erziehung anvertraut wurde. Die Vier befreunden sich, und Leonardus berichtet, unter wie tragischen Umständen er seine Jugendliebe und das Kind in Frankreich wiederfand und aus den Händen ihres brutalen Ehemanns retten konnte. Er weiß sich jedoch an die Ehepläne gebunden, die sein Vater mit einem reichen Geschäftsfreund gemacht hat, dessen Tochter Nikodema er bald heiraten soll. In Amsterdam angekommen, verfolgen die Freunde den gemeinsamen Plan, Angés vorläufig als Verwandte von Ludwig in das Haus van der Valck einzuführen. Der junge Graf von Varel trifft dort jedoch zunächst seinen Vetter Wilhelm und versöhnt sich mit ihm, und aus der kleinen Abendeinladung entwickelt sich unversehens eine große Soirée, in deren Verlauf der in Geldnöten befindliche alte Bankier die Verlobung seines Sohnes mit Nikodema van Swammerdam bekanntgeben will. Der entscheidende Moment seiner Rede wird jedoch unterbrochen durch einen Ausruf des ebenfalls anwesenden Erbprinzen der Niederlande, der an einer Tätowierung am Arm der kleinen Sophie diese als eine nahe Bekannte erkennt.
Im von revolutionären Nachwehen unruhigen Paris nehmen Ludwig, sein Diener Philipp und Leonardus in abenteuerlicher Verkleidung an einem Volksfest teil und sparen nicht mit kritischen Anmerkungen zu einer Rede des neuen Staatsoberhauptes Robespierre. Als sie in ihr Versteck zu dem Haushofmeister der alten Reichsgräfin zurückkehren, schlägt dieser Windt den sofortigen Aufbruch nach dem von ihm und seiner Frau bewirtschafteten Varelschen Besitz Doorwerth in den noch sicheren Niederlanden vor. Angés schließt sich den Männern mit der kleinen Sophie an. Die lange, beschwerliche Reise verläuft ohne Zwischenfälle, unterwegs berichtet Leonardus vom weiteren Verlauf der Abendgesellschaft im Haus seines wütenden und enttäuschten Vaters, und die politischen Streitgespräche zwischen Haushofmeister Windt und Ludwig verkürzen allen die Zeit. Windt und seine tüchtige Frau ermöglichen den Gästen ein friedliches Leben in der Abgeschiedenheit des Schlosses, nur Briefe informieren die kleine Gesellschaft über die weiteren familiären und politischen Entwicklungen: Der Erbgraf bietet dem jungen Vetter Ludwig eine militärische Karriere an, Angés' Eltern berichten, dass ihr Mann den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden hat, und hoffen auf die Rückkehr der Tochter in die Pfalz, und die Reichsgräfin dringt auf die Regelung der Besitzverhältnisse, speziell den Verkauf von Doorwerth an den Erbgrafen Wilhelm. Als dieser im Schloss ankommt, kann Ludwig ihm das fehlende Geld für die gewünschte Übernahme des Besitzes anbieten.
Zweiter Teil: Die Flüchtlinge
Im zunehmend von Kriegswirren betroffenen Doorwerth erzählt Angés die Vorgeschichte der kleinen Sophie, deren Mutter das Kind heimlich im Hause von Angés Eltern zur Welt brachte, ihm den Namen eines Dienstmädchens gab und es dann der Tochter ihrer Freunde zur Pflege überantwortete. Derweilen kämpft Haushofmeister Windt um die Verpflegung ständig neuer Einquartierung. Als der holländische Erbprinz mit Gefolgschaft einzieht, kommt es zwischen einem Prinzen Henri und der kleinen Sophie zu einer Begegnung, in der das Kind seinen Vater erkennt. Dann bricht Angés mit unbekanntem Ziel auf, um sich und die Kleine in Sicherheit zu bringen. Leonardus hält nun nichts mehr in Holland, er geht mit Ludwig nach Paris in die Dienste eines französischen Gesandten. Im Hamburger Stadthaus der alten Reichsgräfin ist indessen die Herzogin Georgine, Ludwigs leibliche Mutter, zusammen mit der immer noch leidenden Frau des Erbherrn, Ottoline, zu Besuch. Sie planen, Ludwig nach England auf ihr Schloss zu bringen, um Georgine Gelegenheit zu geben, seine innere Bildung zu vervollkommnen. Dann gibt die Herrin von Varel eine glänzende Abendgesellschaft für den vor der Revolution geflüchteten französischen Adel. Holland unterliegt gegen die französischen Truppen, und Doorwerth ist noch immer nicht im Besitz des Erbgrafen, weil bares Geld im Krieg knapp geworden ist. Doch Leonardus tröstet seinen Freund Ludwig. Er setzt ihn nach dem Tod seines Vaters und zum Ärger seiner Verwandten als Haupterben ein und bricht dann zu einer Reise nach Frankreich auf, um nach Angés vermisstem Mann zu suchen. Ludwig erfährt in England die ganze Fürsorge der Herzogin, die sich ihm eines Tages zu seiner großen Freude als seine Mutter offenbart. Mit dem Titel Sir" und einem zusätzlichen Namen sendet sie ihn zurück nach Europa. Leonardus ist indes völlig erschöpft nach Doorwerth zurückgekehrt und hat dort Pflege und einen Brief seines Freundes vorgefunden. Als Ludwig selbst anlangt, ist Leonardus einigermaßen wiederhergestellt, beide begleiten Windt zu dem immer noch gefangenen Erbherrn, um die dringendsten Besitzverhältnisse zu regeln. Dann berichtet Leonardus, wie er auf der Suche nach Angés in ein Dorf am Fuß des Schwarzwaldes gelangte und dort Zeuge wurde, wie die Geliebte von ihrem Mann, der sich doch durchgeschlagen hatte und inzwischen in Spionagediensten stand, mit gezogenem Dolch bedroht wurde. Er warf sich dazwischen und wurde selbst gefährlich verwundet. Sein größter Schmerz ist jedoch, dass er die Spur von Angés in der Zeit seines Krankenlagers wieder verloren hat. Die Freunde suchen ihn zu trösten, doch er stirbt bald darauf in Ludwigs Armen an den Folgen seiner Rettungstat. Ludwig bricht daraufhin zu neuen Reisen auf. Er reist auf Wunsch seines verstorbenen Freundes mit dessen Pass und besucht die sächsischen Höfe in Weimar, Meiningen und Hildburghausen, von deren kulturellen und politischen Verdiensten er der Reichsgräfin in begeisterten Briefen berichtet. Vor Ort macht er sich bei der Bewältigung der Kriegswirren nützlich und trifft dabei Angés und die kleine Sophie in einer vorbeifahrenden Kutsche wieder. Sie folgen einer neuen Herrschaft über die Grenze, Ludwig kann sie nicht aufhalten und bricht resigniert zur Weiterreise auf.
3. Teil: Das stille Schloß Während sich die alte Reichgräfin weiterhin müht, die familiären Verhältnisse zu ordnen, wird sie an Ottolines Sterbebett gerufen. Diese gesteht ihr ihre Liebe zu Ludwig und übergibt ihr den Falk von Kniphausen als Geschenk für den fernen Enkel. Ludwig kehrt indes in Begleitung von Angés und Sophie nach Hamburg zurück, und sterbend übergibt ihm die Großmutter das kostbare Andenken. Ludwig lebt mit Angés und Sophie und deren endlich vereinten Eltern wieder am Rande des Schwarzwalds bei Ettenheimmünster. Der junge Herzog von Condé und Bourbon gerät bald unter Spionageverdacht, im Namen Napoleons bedroht man sein Leben. Die Herzogin schickt Ludwig mit Sophie und ihrer Begleitung nach Ingelfingen, wo er erst nach der Ankunft erfährt, dass Angés von ihrem Mann im Lärm des Aufbruchs meuchlerisch ermordet wurde. Ludwig und Sophie leben im Schmerz über den Verlust ganz zurückgezogen, nur von Windt kommt von Zeit zu Zeit ein Brief mit harmlosen Nachrichten über die Familie Varel. Ludwigs Diener bringt hingegen aus Ettenheim die schreckliche Botschaft, dass Sophies Vater von Angés Mann und dessen Spießgesellen verraten, als Gefangener nach Frankreich geführt und dort hingerichtet worden ist. Der tapfere Philipp konnte nur den Freund des Verräters in eine Falle locken und töten. Sophie ist untröstlich und verlässt Ingelfingen mit Ludwig ohne jede weitere Begleitung. Wenig später berichten die Zeitungen vom Tod eines geheimnisvollen Mannes, in dem die Ingelfinger ihren Grafen Ludwig zu erkennen glauben. Aus Amsterdam kommt die Nachricht vom Tod der Frau van der Valck, die ihrem lebend geglaubten Sohn ein Päckchen schickt, das er erst an seinem nächsten Geburtstag öffnen soll. Windt übersendet seinerseits eine Menge Papiere, die die Erbstreitigkeiten und Ansprüche von Ludwigs älteren Brüdern dokumentieren. Kurzentschlossen lässt daher Ludwig seinen kostbarsten Besitz, den Edelstein-Falken, zu seine Mutter nach England bringen, nicht ohne vorher mit Sophie daraus getrunken zu haben. Damit ist ihre Liebe zueinander besiegelt. Auf Bitten von Sophies Mutter fährt das Paar nach Wien, um den russischen Kaiser für Sophie um Asyl auf einem seiner Schlösser zu bitten. Dieser sagt zu, doch Sophie beschließt, ihr Schicksal endgültig Ludwig anzuvertrauen. Der Geliebte bringt sie nach Thüringen, zunächst nach Hildburghausen. Sie wohnen in verschiedenen Häusern, bis sie sich für das ruhig gelegene Schloss im benachbarten Dorf Eishausen entscheiden. In dieser Zeit erreicht Ludwig die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Er öffnet den Geburtstagsbrief der Frau van der Valck, aus dem er entnehmen kann, dass Leonardus sein Halbbruder war, der bei einem Schiffsunglück mit dem Sohn der Valcks vertauscht wurde. Im Jahre 1813 bringen die militärischen Niederlagen der französischen Armee auch Einquartierung nach Eishausen. Dabei erkennt Philipp in dem Hauptmann eines kleinen Trupps den Mörder von Angés. Er erwürgt ihn mit bloßen Händen, trägt jedoch aus dem Kampf eine schwere Verwundung davon, der er in der Nacht darauf erliegt. Nach langen Jahren eines vollkommenen, einsamen Glücks stirbt Sophie in Ludwigs Armen. Daraufhin ordnet er seine Papiere und verbrennt alles, was Hinweise auf seine oder seiner Frau Identität geben könnte. Er liest noch ein wenig in den Tagebüchern seiner Großmutter und Ururgroßmutter und stirbt dann einen sanften, einsamen Tod. Die Dienerschaft erbt die Reste des Vermögens, die Behörden rätseln über die Zusammenhänge und kommen zu falschen Schlüssen. Die Bevölkerung von Hildburghausen aber bewahrt dem Dunkelgrafen" ein ehrendes Angedenken.
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)
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5.3.2. Inhaltsangabe zu: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Roman in 3 Teilen. Leipzig (Einhorn) 1856, 539 S.
Teil I (179 S.)
1. Das botanische Collegium. 1790. An einem Sommerabend hält im botanischen Garten der Universitätsstadt Helmstedt ein zunächst ungenannter kleiner, etwas wunderlicher, jedoch berühmter Botanikprofessor (später auf S. I 62 als Theofried angeredet, S. I 5 und S. III 72 wird der Nachname ausdrücklich nicht genannt) sein geschätztes Kolleg. Er beendet es, mit prüfenden Seitenblicken auf einen wenig elegant gekleideten Studenten, unter Hinweis auf eine von ihm selbst entwickelte chinesische Schminke.
2. Geheime Liebe.
Eine schöne junge Frau sitzt in einem entfernt gelegenen Rondell des botanischen Gartens und wartet auf den Geliebten. Als er kommt, ist es jener unscheinbare Student, der Patensohn des Professors, Gottfried Leonhard, der ihr stürmisch seine Liebe erklärt. Sophie Elster, zu Gast bei Onkel und Tante, dem Hausmeisters-Ehepaar, glaubt gern an seine Schwüre und lässt ihn erst spät durch ein Seitenpförtchen aus dem Garten davongehen. Sie kehrt in die Wohnung der alten Leonhards zurück, die mit ihren zahlreichen kleinen Kindern im selben alten Steinhaus wohnen wie der Professor. Noch in der Dämmerung hören sie den alten Herrn auf der Laute spielen und in sehnsüchtigen Melodien nach einer geheimnisvollen Regina rufen.
3. Eine Abendgesellschaft.
Der Generalsuperintendent und Kirchenhistoriker Abt Henke und seine Frau erwarten Gäste zu Ehren des zu Besuch weilenden Professors der Geschichte, August Ludwig Schlözer und dessen Frau. Erst als alle anderen Gäste bereits eingetroffen sind, kommt der Botanikkollege. Er bewegt sich als Junggeselle im Damenzimmer und unterhält vor allem mit Gesprächen über seine Sammlungen und seinen besonderen Fingerring, dessen Stein er als Weltauge bezeichnet. Gelegentlich wird er ausfallend, schimpft auf Bier, Tabak und Kartenspiel. Aber die Gesellschaft akzeptiert seine Wunderlichkeiten, und Frau Schlözer schenkt ihm als Gegengabe für die Heilung ihres Mannes eine selbstgefertigte Stickerei, die in feinster Arbeit den Gott der Heilkunst, Äskulap, darstellt. Der Beschenkte revanchiert sich mit einem lateinischen Distichon, das von einem der anwesenden Herrn ebenfalls improvisierend ins Deutsche übersetzt wird. Obwohl der Professor sehr viel trinkt, wird er nicht betrunken, sondern erzählt interessante Geschichten aus seinem sechzigjährigen Leben.
4. Gäste im eigenen Hause.
Der Professor hat in sein eigenes Haus zur Abendgesellschaft geladen. Bewundernd betrachten die Gäste die Kostbarkeiten in den oberen Stockwerken, bevor man zu Tisch geht. Die Familie des Hausmeisters Leonhard bedient, und so kann Gottfried der geliebten Sophie heimlich manchen Leckerbissen zukommen lassen. Freudige Erregung ergreift die Gäste angesichts eines rubinfarbenen Weins, dessen Namen der Gastgeber erraten lassen und mit dem Rubin des Weltumseglers" belohnen will. Als der kostbare Nachtisch als Wein aus der schwarzen Johannisbeere und somit als hauseigenes Gewächs der hiesigen Universität, der Julia Carolina, identifiziert ist, wird der Professor bedrängt, die Geschichte des kostbarsten Stücks seiner Sammlungen zu erzählen.
5. Der Rubin des Weltumseglers.
Aus einer Heliotrop-Dose entnimmt Theofried den Rubin von der Größe eines Taubeneis, der in eine Goldplatte graviert Namen und Wappen des Francis Drake und die Jahreszahl 1590 zeigt. Nach seiner Rückkehr aus dem irischen Krieg im Jahr 1576 wurde der Heerführer von seiner Königin Elisabeth empfangen und erzählte ihr seine Lebensgeschichte. Sie stattete ihn mit den notwendigen Mitteln aus, seine Kriegszüge gegen die verhassten Spanier durchzuführen, und mit der Schilderung der wechselvollen Schicksale, die sich für Drake aus diesem Auftrag ergaben, setzt der Professor seinen Bericht fort. Es ist eine Geschichte großer Siege und stetig wachsender Machtfülle. An dem Tage jedoch, an dem Drake der Freund Hawkins durch den Tod entrissen wurde, verlor er auch seinen Hut mit der Rubin-Breloque, der nach einem Kanonentreffer über Bord ging und eine Irrfahrt durch mancherlei Hände bis in den Staatsschatz des Sultans Muhammed III. und von da zu Stephan XV., dem Hospodar der Moldauregion, gelangte. Als dieser außer Landes flüchten musste und sich inkognito einige Zeit in Kronstadt, der Hauptstadt von Siebenbürgen, aufhielt, gab er seinen Fürstenhut mit der Agraffe aus geretteten Kleinodien, darunter den kostbaren Rubin, der Stadt gegen eine enorme Summe zum Pfand. Sein früher Tod verhinderte, dass er seinen Schatz auslöste, und der Stadtrichter von Plecker, der die größte Summe Geldes für den Hut gegeben hatte, zahlte die übrigen Schuldner aus und vermachte das Schmuckstück seiner Tochter. Diese folgte ihrem Mann, einem Lieutenant von der Heyden, der kriegsbedingt nach Schlesien gerufen wurde, und lebte, nachdem sie alsbald Witwe geworden war, in der Gegend der Stadt Breslau. Trotz ungünstiger Preise verkaufte sie nach und nach die Pretiosen des Fürstenhutes, wartete jedoch in Bezug auf den geschichtsträchtigen Rubin eine Reihe stets sich steigernder Gebote von immer hochrangigeren Personen ab. Es war ein Zufall, dass der Erzähler bei der Rückkehr von einer Reise nach Indien und China durch Breslau kam. Er erwarb den Stein für ein kleines Vermögen und versichert seinen Zuhörern, dass er den Ankauf dennoch nie bereut hat.
6. Die Automaten.
Weitere Gespräche an diesem Abend im Hause des Professors gelten der Frage, ob es möglich sei, Edelsteine oder gar Gold auf chemischem Wege zu erzeugen. Der Hausherr deutet an, dass er diese Kunst beherrsche, dann lenkt er die allgemeine Aufmerksamkeit auf eine fernzusteuernde Uhr, deren Laufwerk er mit Gesten zu beeinflussen vermag und aus der schließlich eine liebliche Melodie ertönt. Den Höhepunkt des Abends stellt jedoch die Vorstellung der Automaten dar: einer mechanischen, jedoch ganz natürlich wirkenden Ente, die vor den Augen der Gäste frisst und trinkt, verdaut, schnattert, und mit den Flügeln schlägt, ebenso wie ein künstlicher Kanarienvogel, den Frau Henke plötzlich in einer Tasse vorfindet. Das Hauptwerk, den automatischen Flötenspieler, verspricht der Professor ein anderes Mal vorzuführen. Vorerst rät Frau Henke zum Aufbruch. Leonhard nutzt im allgemeinen Trubel einen stillen Augenblick, um Sophie erneut seiner Liebe zu versichern. Als die Geladenen den Heimweg antreten, schlägt es Mitternacht.
7. Eine Ueberraschung.
Im bereits herbstlich gefärbten botanischen Garten der Universität ist Gottfried Leonhard in Selbstgespräche vertieft; er ist es leid, nur Gast in den Vorlesungen und der ungeschickte Gehilfe des Professors zu sein. Sein Pate ist auch gegen die Verbindung mit Sophie, die gerade mit verweinten Augen herbeieilt, um Abschied zu nehmen. Am vertrauten Platz im Rondell übergibt die junge Frau dem Geliebten eine Börse mit selbstgestickten Vergissmeinnicht zum Andenken, Leonhard verspricht ihr sein fast vollendetes Selbstporträt für den kommenden Tag. Da überrascht die Liebenden der zufällig vorbeikommende Professor, der mit unfreundlichem Blick auf ihre Umarmung schaut. Er ist durch das Seitenpförtchen hereingekommen, das Christian, der Gärtnerssohn, offengelassen hat.
8. Der Herr Pathe.
Als nach unruhiger Nacht Gottfried am anderen Morgen das Bild für Sophie vollenden will, betritt überraschend der Professor seine Kammer und eignet sich das Porträt für seine Sammlung an, indem er aus dem Stegreif ein ironisches Distichon darauf dichtet, in dem das lateinische Wort tiro (Rekrut) eine Rolle spielt. Gottfried stammelt zunächst Entschuldigungen und steigert sich dann in schwere Vorwürfe hinein, die der Pate jedoch ignoriert. Verzweifelt sucht Gottfried Rat bei den Eltern. Dort kommt gerade ein expresser Bote des Herzogs von Braunschweig an, der den ärztlichen Besuch des Professors für seine erkrankte Gattin erbittet. Der alte Leonhard unterbricht mit dieser Meldung die Vorlesung über Amputation von Händen und Füssen, und der Professor besteigt die bereitstehende Kutsche. Gottfried hält die Stunde für einen heimlichen Besuch in den Sammlungen des Professors für gekommen, den er dem aufgeweckten Christian versprochen hat.
9. Das Naturalienkabinet.
Vorher trifft sich der junge Mann, an dessen Schicksal die Hausmeisters-Eltern merkwürdig wenig Anteil nehmen, noch einmal mit Sophie und verabredet sich mit ihr für den Abend am gewohnten Platz im Garten. Dann packt er seine Sachen; er ist entschlossen, zunächst Soldat zu werden und auf dieser Grundlage für sich und seine künftige Frau eine bescheidene Zukunft aufzubauen. Christian eilt aufgeregt gleich nach dem Schulunterricht herbei und bestaunt unter Gottfrieds Führung dankbar die im mittleren Stockwerk angehäuften Schätze des Hausherrn. Die Sammlung zeigt, dass hier nicht die Naturgeschichte studiert werden, vielmehr das Wunderbare in der Natur unter Beweis gestellt werden soll. Nach einem ersten Überblick interessiert sich das Kind zunächst für die Schlange mit dem Menschenkopf, dann erklärt Gottfried ihm die Steine, und bei den ausgestopften Vögeln kommen sie auf die automatische Ente zu sprechen.
10. Der große Bruch. Besonders bei den ausländischen Vögeln werden die Mängel in der Erhaltung der Objekte erkennbar. Christian will zum Schluss noch das Gemälde von Amor und Venus sehen, und Gottfried schließt ein weiteres Zimmer auf. Das Bild neben dem gesuchten, Amor und Psyche zeigend, macht besonderen Eindruck auf den Jungen; er nennt es die schöne Mythe" (S. I 141). Auch Gottfried muss pünktlich zum Mittagessen bei seiner Familie sein, er verbringt die Zeit bis zu dem vereinbarten Treffen mit Sophie in gedrückter Stimmung. Als er sich abends dem Rondell nähert, ist von Sophie nichts zu sehen, nur ein Abschiedsbrief und der unvermutet auftauchende Christian geben Auskunft: Gottfrieds Pate hat gewollt, dass die junge Frau nicht erst am Folgetag, sondern sogleich abreist. Der junge Leonhard ahnt die Intrige und beschleunigt seine Abreise. Mit einem guten Mietpferd ist er alsbald auf dem Weg nach Halberstadt. Auch Sophie ist mit einem alten Kutscher auf dieser Strecke unterwegs. Nach ausgiebiger Rast in dem kleinen Dorf Jerxheim auf der Mitte des Weges setzt sich der kleine Rollwagen gegen Abend erneut in Bewegung auf das große Bruch zu, das sich bereits mit Nebel füllt. Der Kutscher Jacob erwacht aus einem kleinen Schlummer und vermisst seine Peitsche, lässt nach einigem Zögern den Wagen mit der ebenfalls schlafenden Sophie stehen und geht den Weg zurück. Er sucht jedoch vergebens, weil ein Fremder, der ihn schon im Jerxheimer Krug ausgefragt hat, die Peitsche gefunden und sich damit versteckt hat, so dass der Alte im Nebel an ihm vorbeitappt.
11. Die Rettung. Sophie, die inzwischen erwacht ist, schreit vor Angst nach Jacob, und erschrickt noch mehr, als der fremde Wanderer neben dem Wagen aus dem Nebel auftaucht und sie auffordert, ihm ihre gesamte Barschaft auszuhändigen. An Jacob, der gerade beschlossen hat, unverrichteter Dinge zu Sophie und seinem Gespann zurückzukehren, galoppiert in diesem Augenblick ein Reiter vorbei, den der Abergläubische für den wilden Jäger hält. Es ist Gottfried, der gerade noch rechtzeitig kommt, um den Räuber durch einen kräftigen Schlag daran zu hindern, zu Sophie in den Wagen zu steigen. Jacob ist inzwischen herangekommen, Sophie aus einer Ohnmacht erwacht. Die Männer prügeln auf den Gauner ein, als man die verlorene Peitsche bei ihm entdeckt. Dann bindet Leonhard den Übeltäter an den Schwanz seines Pferdes, um ihn im nächsten größeren Ort, dem Städtchen Dardesheim, auf Sophies Bitten seinem Schicksal zu überlassen. Nach kurzer Rast geht die Fahrt weiter nach Halberstadt. Leonhard sitzt bei der Geliebten, sie danken Gott für die Rettung aus höchster Not, und Gottfried entfaltet vor Sophie seine Zukunftspläne: Er will Förster werden, wenn der Krieg ihn verschont, und Sophie, das Kind des Thüringer Waldes, ist ganz einverstanden.
12. Am Hofe.
Noch einmal lauert der Spitzbube dem heranrollenden Wagen auf und bewirft ihn mit Steinen, so dass Leonhard einen gut gezielten Schuss abgeben muss, der den hartnäckigen Gegner vertreibt. Vor den Toren Halberstadts wird mit Rücksicht auf Sophies dort lebende Verwandte ein schmerzlicher Abschied genommen. Dem Hofrat und Professor ist es inzwischen in Braunschweig mit einfachen Mitteln gelungen, die Herzogin Auguste von ihrem Halsleiden zu kurieren. In bester Laune wird anschließend zur Tafel geschritten, bei der sich angeregte Gespräche über die Möglichkeit der künstlichen Goldherstellung und die Finanznöte des herzoglichen Hauses ergeben. So kommt die Rede auf den Reichtum des Professors und seinen sagenumwobenen Diamanten, und er wird aufgefordert, die Geschichte von dessen Erwerb zu erzählen. 1752 lud in Lissabon der Portugiese Pacheco e Sampayo den Professor ein, ihn auf seiner Chinareise zu begleiten. Dort angekommen bestand der Gesandte darauf, nur dem Kaiser persönlich die Botschaften und Geschenke seines Königs zu übergeben.
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Teil II
1. In China. Die Widerstände, die die Hofbeamten einer Audienz der portugiesischen Gesandtschaft bei ihrem Kaiser entgegensetzen, bricht der Professor mit seinen Sprachkenntnissen und mit Hilfe eines bestechlichen Mandarins, so dass der große Tag kommt, an dem Dom Pacheco die Bitte um religiöse Gleichstellung der katholischen Minderheit in China vortragen kann. Zwar bleibt diese Petition in der Folge ohne jede Wirkung, doch werden die Gäste mit reichen Geschenken in ihr Heimatland entlassen. Der Professor kommt in den Genuss einer zusätzlichen geheimen Einladung, in deren Verlauf er mit seinen Kunststücken die höchste Gunst erwirbt; der berühmte Diamant und ein Stückchen der dem Kaiser allein gehörenden Ginseng-Wurzel sind seine Belohnung. Auf Nachfragen der Herzogin-Mutter lässt sich der Hofrat herbei, diese wirkungsvolle Arznei in einem kostbaren Kästchen anschauen zu lassen. Auf der Rückfahrt nach Helmstedt überdenkt der Reisende in der herzoglichen Kutsche zufrieden den Verlauf dieses ereignisreichen Tages. Die Erinnerung an den Streit mit Gottfried beunruhigt den alternden Mann jedoch so, dass erkennbar wird: Er hat sich nicht genug um die Erziehung des jungen Mannes gekümmert, der sein Sohn ist. Tief erschrocken erfährt er bei seiner Ankunft, dass der Junge seine Ankündigung wahr gemacht hat und fortgeritten ist.
2. Eine Prophezeihung. In betrübten Gedanken wandert am andern Morgen Leonhard in Richtung des rötlich besonnten Brocken und beschließt in Wernigerode, den Gipfel für dieses Mal nicht zu besteigen, sondern direkt auf Goslar zuzumarschieren. Helleren Gemüts erklimmt er bald die Höhe der alten Harzburg und genießt die ihm vertraute Aussicht auf den kleinen Ort Neustadt. Plötzlich taucht eine hochgewachsene Frau mit reifen, ebenmäßigen Zügen, die Leonhard für eine Zigeunerin hält, wie aus dem Nichts neben ihm auf. Die braune Schöne spricht mit wohlklingender Stimme seine geheimen Wünsche aus: Förster in Harzburg werden! Sie besteht darauf, ihm aus der Hand zu lesen, nennt ihn einen Elternlosen, sagt ihm eine Verbindung mit der Geliebten voraus und warnt ihn vor roter Farbe und besonders eindringlich vor dem Floßweiher, den man in der Ferne blinken sieht. Leonhard glaubt ihr nichts, will sich mit Geld loskaufen, doch die Fremde weist dies als Ansinnen zurück, flieht leichtfüssig und lockt Gottfried in die nahegelegene Harzhöhle nach, in der er sie jedoch schon Minuten später nicht mehr findet: Die Frau ist auf rätselhafte Weise verschwunden.
3. Die Professoren. Die Patienten des Professors schätzen diesen als hingebungsvollen Arzt, die Gelehrten als erfolgreichen Forscher. Wieder einmal hat der Hofrat berühmten Besuch mit den ortsansässigen Kollegen im Gartensaal seines Hauses zusammengeführt. Die Gesellschaft hat sich nach den unterschiedlichen Leidenschaften (Kaffee oder Tabak) getrennt, und der Hausherr zitiert zur allgemeinen Belustigung der Kaffeerunde aus des anwesenden Georg Christoph Lichtenbergs Fragment über Schwänze. Das sich anschließende Gespräch und ansteckende Gelächter lockt die Tabakpartei" aus ihrem Gartenwinkel zurück in den Saal.
4. Der Flötenbläser.
Die allgemeine Bewunderung für die reinen Töne einer Äolsharfe, die aus einer Muschelgrotte des Gartens zu hören ist, erinnert die Geladenen an das uneingelöste Versprechen des Professors, seinen mechanischen Flötenspieler vorzuführen. Ungesäumt wird der Automat enthüllt und spielt bewunderungswürdig, der Hofrat aber schickt sich an, die Satire zu verlesen, die ihm nach dem Erwerb der französischen Kunstwerke zugegangen ist. Darin bietet ihm der Verfasser unter einem Namen, den der Professor für ein Pseudonym hält, drei, bzw. vier von ihm selbst konstruierte menschliche Automaten an, die ohne weiteres scharf umrissene Aufgaben bei Hofe, in der Kavallerie und im Rahmen der literarischen Kritik übernehmen können. Die heitere Reaktion der Zuhörer ist, dass man wiederum Lichtenberg der Abfassung dieses bissigen Textes verdächtigt.
5. Rückkehr.
Die weiteren Gespräche drehen sich um die Möglichkeiten, gewisse Staatsaufgaben wie das Amt des Finanzministers und die Arbeit eines kolleghaltenden Professors an Maschinen abzutreten. Dann wird beschlossen, einen abendlichen Ausflug auf den Corneliusberg und zu den Lübbesteinen zu machen, und angesichts der im Schein der späten Sonne ausgebreiteten Flur und der uralten Gräber wandelt sich die Heiterkeit der Runde in ernste Nachdenklichkeit. In der Zwischenzeit klopft ein Reiter an die Tür des Helmstedter Stadthauses und begrüßt das öffnende Lottchen so vertraut, dass sie in dem braungebrannten Soldaten sogleich ihren Bruder Gottfried erkennt. Die Wiedersehensfreude ist groß, doch hat der im Dienst des Herzogs von Braunschweig stehende Kurier kaum Zeit, den Eltern von seinen bewegten Kriegsschicksalen zu erzählen. Im Fortreiten kann er dem bereits zum Studenten herangewachsenen Christian einen Brief an Sophie übergeben, der ihr Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft an der Seite des jungen Leibjägers und Büchsenspanners macht. Die Männer an den Hünensteinen setzen ihre teils heiteren, teils ernsten Überlegungen fort, doch mit sinkender Sonne machen sie sich auf den Rückweg. Kaum haben sie den heiligen Ort verlassen, stehen wie aus dem Dunkel der Erde aufgetaucht zwei hochgewachsene Frauen dort, die sich in rotwälscher Sprache zu einer nächtlichen Wanderung auf die alte Asseburg verabreden. Die gelehrten Herren in ihren offenen Kutschen begegnen auf ihrem Rückweg einem Reiter, der den Professor mit einem soldatischem Gruß beehrt.
6. Eröffnungen. Weiterreitend sieht Gottfried im letzten Tageslicht zwei dunkle Frauengestalten vor sich auf der Straße. Als er wahrnimmt, dass sie sich in der Sprache der Zigeuner unterhalten, erschreckt er sie, indem er wie eine Amtsperson Auskunft über Woher und Wohin verlangt. Der Scherz bekommt ihm schlecht, Blanka weist ihn ruhig auf das Unrechte seines Tuns hin, und er erkennt in ihr die Fremde, die bei der Harzhöhle verschwand. Leonhard erfährt, dass er mit ihr verwandt ist, und ihre verhüllte Begleiterin, die ihre Mutter ist, sagt ihm, wo er sich in der Not Hilfe holen kann. Sie beschreibt ihm den Weg zur verfallenen Ruine der Asseburg und ist dann wieder, ebenso wie Blanka, plötzlich verschwunden. Im Weiterreiten kommen Gottfried erstmals Zweifel, ob die alten Leonhards wirklich seine leiblichen Eltern sind. Als er das Städtchen Schöppenstedt erreicht und Quartier genommen hat, träumt er unruhig von dem Marienpfennig, den die alte Zigeunerin ihm als Erkennungszeichen gegeben hat. Christian nimmt Abschied von Helmstedt und vom Professor, um seine Studien an anderen Hochschulen fortzusetzen. Der gerührte Lehrer gibt ihm eine größere Summe Geld und einen Siegelring als Andenken, dessen Stein den Mythos von Amor und Psyche darstellt. Der junge Student bringt absichtlich die Rede auf Gottfried Leonhard und berichtet, dass er sich mit diesem für eine Wanderung nach Benshausen verabredet hat. Der alte Pate wird unruhig über dieser Nachricht und tröstet sich mit Hilfe seiner Laute. Mit dem Chemieprofessor von Crell kommt Christian schnell auf den Hofrat zu sprechen, von dem der jüngere Kollege glaubt, dass er ein tiefes Geheimnis verschweige. Es hat mit einem Fläschchen zu tun, das ein rotes Pulver enthält und ihm nach dem Tod des Alten als Erbe zufallen soll.
7. Harzreise.
An einem angenehmen Herbstabend ist Christian auf dem Weg durch die Harzwälder zu dem Punkt, an dem er sich mit Gottfried verabredet hat, und vergnügt setzen die beiden mit dem Hund des Jägers ihre Reise fort. Unterwegs berichtet der junge Leonhard dem Gefährten von dem beleidigenden Distichon seines Paten, das ihn veranlasst hat, seinem vierbeinigen Begleiter den Namen Tiro zu geben. Christian sucht den Freund zu beruhigen und zeigt viel Verständnis für den alten Mann, erinnert Gottfried auch daran, dass er dereinst neben den Kindern einer Schwester dessen Erbe sein wird. Ihr Wanderweg führt die Beiden über Kelbra und den Kyffhäuser zu dem Jagdschloss Ratsfeld, wo Leonhard alte Bekannte trifft, denen er aus seiner Soldatenzeit erzählen kann. Inzwischen macht sich Christian in Begleitung eines Forstdieners auf die Suche nach dem dürren Birnbaum, den die Kyffhäuser-Sage in dieser Gegend vermutet. Der neugierige Begleiter, der seinen Hass auf Gottfried nicht verbergen kann, wird dem Studenten jedoch lästig, und der Baum, zu dem er ihn führt, grünt in aller Pracht und ist also auch nicht der richtige. Es kommt zum Streit, ein Handgemenge droht, da kommt Tiro angesprungen und entspannt die Situation. Forstläufer Stoffel Wurzer jedoch wird von einem Kameraden dabei überrascht, wie er heimlich seine Sachen nimmt und davonschleicht, wobei er unter Verwünschungen sein Gewehr lädt. Als Leonhard und Christian ihre Wanderung fortsetzen, reißt sich plötzlich der Hund los, fast im selben Moment peitscht ein Schuss, der Leonhards Mütze trifft, man hört Tiro aufjaulen, und dann kriecht das Tier schwer verletzt auf seinen Herrn zu.
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8. Benjamin Jesse.
Der Professor genießt nach wie vor den Respekt seiner Mitbürger, und seine ganze Sorge gilt der Pflege und Ergänzung seiner Sammlungen. In einer der beliebten Abendgesellschaften mit Damen ist er bereit, über den Adepten der geheimen Wissenschaften Benjamin Jesse zu berichten. Die Geschichte spielt in Hamburg am Tag des Sammel-Zugs der Waisenkinder, deren Anführer der Knabe Benjamin Teelsu ist. Als die Kleinen sich nach dem ertragreichen Umzug auf einer Grünfläche der Vorstadt St. Georg zum Essen und Spielen zusammengefunden haben, tritt ein alter Mann mit weißem Bart an den Jungen heran und übergibt ihm ein Papier. Von den Umstehenden wird der eilig sich wieder Entfernende als der Wunderdoktor Benjamin Jesse erkannt, in dessen Brief sich großzügige Spenden für das Kind und das Waisenhaus vorfinden. Am nächsten Tag besucht der alte Jesse den Waisenvater und bittet ihn um einen Jungen, der ihm bei seinen Arbeiten behilflich und dem er die Zukunft sichern kann. Die Bitte wird ihm zunächst abgeschlagen, weil er als Jude das Recht der Kindesübernahme nicht hat.
9. Gefahr und Rettung. Daraufhin legt Jesse seinen Taufschein vor und verlangt ungeduldig den Knaben Benjamin, und nur diesen, überantwortet zu bekommen. Dies geschieht nach einigem um-ständlichen Hin und Her, auf das der Alte mit stets wachsendem Missmut reagiert. Das Kind wird geholt und weint bittere Abschiedstränen, legt dann aber seine Hand gehorsam in die des neuen Ziehvaters. An dieser Stelle seiner Erzählung wird der Professor durch einen Boten unterbrochen, der ihn zu einem Kranken ruft, und die allzu lange zum Zuhören verdammt gewesene Gesellschaft genießt es, das Gehörte ausführlich zu kommentieren. Gottfried und Christian sind indessen mit dem winselnden Tiro in dem Städtchen Frankenhausen angekommen, wo ein Tierarzt eher geringfügige Verletzungen feststellt und den Hund als reisefähig bezeichnet. Während die beiden Wanderer für den weiteren Weg einen kleinen Rollwagen kaufen, schmiedet der verworfene Stoffel Wurzer neue Mordpläne. Am anderen Morgen lauert er seinem Todfeind im Gebüsch an der alten Sachsenburg auf. Doch da er nur nach Wanderern und Reitern Ausschau hält, lässt er das Gefährt auf der ohnehin belebten Straße unbemerkt passieren, so dass des Hundes Leiden seinem Herrn ein zweites Mal das Leben rettet. Auch der Versuch Wurzers, die Namen der beiden Reisenden auszuforschen, schlägt fehl. Christian lauscht indessen im Wagen den Erklärungen des älteren Begleiters, der die Gegend und ihre sagenumwobenen Orte gut kennt, und nach einem sonnigen Reisetag wird abends die thüringische Metropole Erfurt erreicht.
10. Verlobung. Gegen Mittag geht es weiter nach Arnstadt, wo die Liebfrauenkirche mit den beiden verschiedenen Türmen besichtigt wird. Zwei Tage nimmt die Reise der Freunde über Oberhof und Suhl bis zum Zielort Benshausen in Anspruch. Am Ende eines Spaziergangs durch das langgestreckte, idyllische Dorf finden die Freunde Sophie bei der Heuernte. Die junge Frau geleitet die Besucher in ihr Elternhaus, in dem die Mutter gerade einen kleinen Sohn zur Welt gebracht hat. Am Tag der Kirchweihe des Ortes wird der neue Erdenbürger getauft, und Gottfried nutzt den feierlichen Augenblick, um bei den Eltern Elster um Sophies Hand anzuhalten. Da der Bewerber nachweisen kann, dass ihm sein Braunschweigischer Landesherr die Forststelle in Neustadt unter der Harzburg zugesprochen hat, geht Sophie an diesem Abend als glückliche Braut am Arm ihres Gottfried zum Tanz. Der Bräutigam wird bedrängt, endlich die Abenteuer aus seiner Soldatenzeit zum Besten zu geben. Er berichtet von den Schlachten gegen die Franzosen und wie er das Leben seines Alten", des Herzogs Carl, mit dem eigenen Leibe schützte. Wie er zum Dank dafür in der Zeit nach dem Kriege diesem Herrn nah verbunden blieb, sein Kammerdiener und Kurier wurde, und wie der Herzog ihn eines Tages an einem zweiten Selbstbildnis für Sophie malen sah. Da durfte sich der treue Diener eine Belohnung erbitten und bekam die erste frei werdende Försterstelle im Lande versprochen.
11. Der Zögling des Adepten. Schon bald finden sich die Gäste des Professors wieder zusammen, um die Fortsetzung seines Berichts über die Schicksale des Waisenknaben Benjamin zu vernehmen. Dieser bezieht sein zellenartig einfaches Zimmerchen in Jesses Haus, das einen sonnigen Ausblick durch eine gotische Türöffnung in der Gartenmauer gewährt; dann wird er zur Arbeit ins Labor geleitet. Die meisten Türen des verwinkelten Hauses bleiben ihm verschlossen, besonders mahnt ihn der Ziehvater, sich einer kleinen Bogentür in der Nähe des Speisezimmers nicht einmal zu nähern. Aufmerksam und gutwillig folgt das Kind dem Unterricht, und lernt die Grundlagen des Latein und anderer fremder Sprachen. Große Begabung zeigt es für den verschwiegenen Umgang mit den Geheimnissen der Naturstoffe. Eines Tages sitzt der Junge in dem kleinen Kräutergarten hinter Jesses Haus und naht dem verfallenen Mauerpförtchen, da sieht er auf der anderen Seite ein strickendes Mädchen sitzen, zu dem ihn bald eine reine Kinderliebe hinzieht. Doch da der Nährvater gegen jede Verbindung ist, verzichtet Benjamin auf das Glück des Augenblicks zugunsten einer ungewissen beruflichen Zukunft. Als er fast zwanzig Jahre gedient hat, eröffnet ihm der alte Jesse, dass er sein Enkel ist, und erzählt ihm die Geschichte seiner schönen Mutter Sara. Diese heiratete gegen den Willen des Alten den Sohn seines Freundes Teelsu, und als dieser bankrott gemacht hatte, musste sie vor dem Zorn ihres Vaters aus Amsterdam nach Hamburg fliehen. Dahin folgte ihr der reuige Mann, der dreißig Jahre lang auf der Suche nach ihr war, bis er vom tragischen Schicksal seines Kindes erfuhr. In bitterer Armut und in Abwesenheit ihres Mannes Salomon hatte Sara ihren Sohn Benjamin geboren und war gleich darauf gestorben. Als Salomon aus Amsterdam zurückkehrte, wo er vergeblich Hilfe zu holen suchte, war sein Kind bereits von Fremden vor das Waisenhaus gelegt und dort mitleidig aufgenommen worden. Der alte Jesse hat seine Unbarmherzigkeit jahrelang gebüßt und den christlichen Glauben angenommen. Als seine Verhältnisse es gestatteten, hat er seinen Enkel in sein Haus genommen und erlaubt ihm nun Zugang zu seiner Betkammer hinter der Bogentür, von der eine weitere Tür abgeht, die Jesse nicht öffnet. Beide Schlüssel siegelt er mit einer glasartigen Masse in einem Kästchen ein und löst das goldene Petschaft in einem Glas mit einer klaren Flüssigkeit auf, das er ebenfalls versiegelt. Glas und Kästchen soll Benjamin nach dem Tod des Alten dessen Erben übergeben, die aus der Schweiz zu ihm kommen werden. Nach einer Erzählpause bekräftigt der Professor, dass er diese Geschichte anlässlich einer Schweizreise von Benjamin Teelsu selbst erfahren habe als Dank dafür, dass er das Augenleiden seiner Frau habe lindern können. Der alte Jesse stirbt kurz nach diesen Eröffnungen ei-nen sanften Tod, und augenblicklich sind die Schweizer Erben zur Stelle, deren einer Benjamins Vater Salomon ist. Diese öffnen mit der Flüssigkeit aus dem Glas die Siegel, finden und verlesen Jesses Testament inmitten der schönen und wunderkräftigen Dinge, die die Betkammer enthält. Benjamin wird mit einer großen Summe Geld bedacht, aber auch das arme Mädchen, das des Jungen Jugendliebe gewesen ist, bekommt eine reiche Ausstattung und wird Benjamins Frau. Zwar zerstreut das Schicksal alle Beteiligten bald darauf in ferne Länder, doch kann der Professor die Verbindung zu ihnen halten und hat von dem jungen Benjamin ein Gläschen mit dem roten Pulver geschenkt bekommen, dessen verwandelnde Kraft geheim bleiben soll. Nachdem der Hochzeitstermin mit Sophie festgelegt ist, nimmt Leonhard den Rückweg über Suhl und Ilmenau, Paulinzella, die Ruine Greifenstein und die Städte Blankenburg und Rudolstadt. In seinem neuen Bestimmungsort Jena bleibt der Studiosus Christian zurück, und Leonhard reitet mit Tiro über Naumburg, Sangerhausen und Quedlinburg nach Halberstadt und auf das heimatliche Helmstedt zu.
12. Eine Unterredung. Im Hause seiner Eltern und des Professors wird Gottfried herzlich wieder aufgenommen. Doch als der Hofrat von den Zukunftsplänen des Patensohns erfährt, wirft er ihm vor, ohne ausreichende Kenntnisse den Försterberuf ergreifen zu wollen. Noch ärgerlicher wird der alte Herr, als er von der bevorstehenden Hochzeit mit Sophie erfährt, doch weiß sich Gottfried zur Wehr zu setzen. Der Professor weicht den unterschwelligen Vorwürfen zunächst aus, kommt dann aber auf seinen Wunsch zurück, Gottfried als Partner und Nachfolger für seine Laborarbeiten zu gewinnen. Die Bedingung dafür wäre dessen Ehelosigkeit bis zu des Professors Tod. Als der Alte mit Beispielen aus der Reihe seiner Vorfahren aufwartet, ist Gottfrieds Desinteresse sehr verletzend für ihn. Mit Tränen in den Augen verabschiedet er den jungen Mann und ruft, als der gegangen ist, seufzend nach seiner Regina. Nachdem er den Gärtner des botanischen Gartens kurz besucht hat, dem der zukünftige Mann seiner Nichte nicht ganz standesgemäß erscheint, macht sich Leonhard auf den Weg nach Neustadt, um dort alles für den Einzug seiner jungen Frau vorzubereiten. Nachdenklich geworden beschließt er unterwegs, vorher das Angebot der alten Zigeunerin anzunehmen und auf der Asseburg Aufklärung über seine im Dunkel liegende Herkunft zu suchen. Er stellt sein Pferd in einem Dorf ein und wandert auf den von uralten Bäumen bekränzten Burgberg. Im letzten Tageslicht findet er den bemoosten Stein mit dem Zeichen der Mondgöttin und die Felsspalte, in die er die Erkennungsmünze werfen soll. Die Stunde, die ihm bis zu der vereinbarten siebenten Abendstunde verbleibt, verbringt er im Licht des aufgehenden Vollmonds in den Trümmern, sich an deren sagenhafte Vorgeschichte erinnernd. Dann tritt er zu dem Mondstein und wirft die venetianische Münze ein. Lange muss er warten, bis eine verhüllte Gestalt ihm die vereinbarte Frage stellt und ihn in die inneren Gewölbe der Asseburg hinunterführt.
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Teil III (179 S.)
1. Die Sibylle unter der Asseburg.
Der Professor sitzt einsam im Dunkel seines Zimmers und sucht vergeblich in sich die Kraft, sich vor der Welt zu seinem Sohn zu bekennen. Da sendet die geliebte Laute an der Wand ganz von allein tröstende Töne und die Äolsharfe im Garten volle Akkorde aus: Der traurige alte Mann glaubt an einen Gruß der geliebten Regina. Indes ist Leonhard von unbekannter Hand durch die Dunkelheit langer Gänge in eine runde Grotte geführt worden, in der er die alte Zigeunerin sitzen findet und in seiner Begleiterin deren Tochter, die braune Schöne von der Harzburg, erkennt. Er gibt seine Bereitschaft zu erkennen, mehr über seine Herkunft zu erfahren, und die Alte erzählt ihm die Geschichte von dem reichen Venetianer Bastiano Dersto, der seine Schätze dem Boden deutscher Lande entriss, und von dessen Sohn Antonio, der sich in ein einfaches Mädchen verliebte und auszog, sein eigenes Vermögen zu erwerben, um von dem mächtigen Vater unabhängig zu werden. In seiner Abwesenheit wurde sein Vater von Neidern als Ketzer und Zauberer verleumdet und von der Inquisition gefangengesetzt und getötet. Seine Geliebte reiste dem Heimkehrenden entgegen, warnte ihn vor der Gefahr, die auch ihn bedrohte, und zog mit dem nun Heimatlosen in die Welt. In einer Dorfkirche heimlich getraut, wurden sie ein treues Ehepaar, dem im Abstand von zehn Jahren zwei Töchter geboren wurden, Regina und Bianca. Den unsteten Antonio zog es aus Deutschland fort, obwohl er dort überall sein Auskommen gefunden hatte, er ging in die Schweiz. Die Familie befreundete sich mit einem gewissen Benjamin Teelsu und dessen Frau und zog in deren Haus. Die Männer arbeiteten zusammen und kümmerten sich gemeinsam um einen deutschen Gast, einen wissbegierigen jungen Mann, der aus Thüringen gekommen war, um in die Geheimnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeit eingeweiht zu werden. Er wurde als Mitarbeiter in den Labors bald unentbehrlich, wusste die Sympathien der Ehefrauen zu gewinnen und verliebte sich unsterblich in die sanfte Regina, die seine Liebe ebenso leidenschaftlich erwiderte. Heftiges Schluchzen der beiden Frauen unterbricht an dieser Stelle für einen kurzen Augenblick die Erzählung. Als der junge Deutsche zu großen Reisen aufgebrochen war, die seinen beruflichen Werdegang entscheidend fördern sollten, wartete die Geliebte lange vergebens und bestand dann darauf, ihm nach Deutschland zu folgen, um ihn in der kleinen Stadt, in der er eine Lebensstellung angenommen hatte, aufzusuchen. Ihre Eltern und die Schwester begleiteten sie, man wanderte nur nachts, um nicht aufgegriffen zu werden. Schon damals hatten diese Menschen die Vorzüge unterirdischen Wohnens für sich entdeckt, lebten bereits in den Gewölben der Asseburg, von denen ein Gang zu einem kleinen Gehöft im Wald führte, mit dessen Bewohnern, einem alten Jäger und seiner Frau, sie in gutem Einvernehmen standen. Eines Tages hatten diese Leute einen jungen Jagdgast, der Regina zufällig im Wald antraf und sich ihr ungebührlich näherte. Auf ihren Hilferuf eilte der Vater herbei, und in dem sich entwickelnden Zweikampf erschoss der junge Jäger den alten Antonio Dersto, der der Gatte der Erzählerin war. Diese ist so bewegt, dass sie ihren Bericht erneut unterbricht. Als der Mörder geflohen und sein Opfer mit Hilfe des alten Jägers begraben war, kam Reginas Geliebter in die Burggewölbe, um sein langes Schweigen zu erklären. Der Hof, in dessen Diensten er stand, hatte ihn nicht wirklich an sich binden können, er erhielt seine innere Freiheit wieder und verschrieb sich den Wissenschaften, um den Preis, ehelos bleiben zu müssen. Heimlich lebte er seither für die leidenschaftliche Bindung an Regina, sie brachte in den Kellern der alten Burg seinen Sohn zur Welt und starb dort kurz nach der Geburt. Leonhard ist dieses Kind, der Enkel der Erzählerin: Goffredo.
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2. Der Sohn.
Der Professor ergeht sich mit dem Bergrat von Crell in Gesprächen, zuerst über Diamanten allgemein und dann über seinen einzigartig großen Rohdiamanten und die Frage, wer diesen einmal erben wird. Derweil springt unter der Asseburg Leonhard aus seinem Sessel und beklagt sich über die lieblose Kindheit, die sein Los als Folge der geschilderten Verwicklungen war. Die Greisin berichtet jedoch von der Umsicht und liebevollen Trauer, mit der der Professor die schöne Schlummernde einbalsamieren und unter einem Kristallglas in einem Nebengewölbe der Burg bestatten ließ. Wie er ein armes junges Paar gewann, das er, ebenso wie den Säugling, sogleich mit sich nach Helmstedt nahm und mit schweren Eiden und großzügiger Unterstützung zur Pflege des Kindes und zur Verschwiegenheit verpflichtete. Doch Leonhard dringt mit Fragen in die Greisin, ihre Arbeit und ihr tägliches Leben betreffend. Seine Vorwürfe werden zurückgewiesen, die beiden Frauen sind keine Landfahrerinnen, sie leben für das Gebet an den ihnen heiligen Särgen und betreiben legale kleine Geschäfte mit der Schminke und den Parfüms aus dem Labor des Professors. Das Vorwerk und die Burg sind ihr Eigentum, sie haben es gegen die Farbrezepte und -vorräte des alten Antonio beim Professor eingetauscht. Sie raten ihm jedoch, dem Vater gegenüber zurückhaltend zu bleiben, als außerehelicher Sohn komme er als dessen Erbe nicht in Frage. Nach einigem Zögern ist Gottfried schließlich auch bereit, das Grab seiner Mutter zu besuchen. Weinend und betend kniet er mit Bianca und der Alten im Kerzenschein bei der Verklärten nieder.
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3. Zur neuen Heimath. Gottfried erwacht am andern Morgen in dem kleinen Jägerhaus und findet Pferd und Hund vor, die der Diener der beiden Frauen geholt hat. An Tiros Halsband steckt eine Nachricht, die gute Wünsche und den venetianischen Pfennig enthält. Der Helmstedter Freundeskreis drängt indessen den Professor zur Fortsetzung seiner Mitteilungen über die Schätze des alten Jesse. Den zwanglosen Anlass zu weiteren Berichten gibt der Besuch des jungen Harzburger Försters mit seiner Frau Sophie. Der alte Schwerenöter erzählt von Experimenten, die er mit einem gewissen Herrn Sehfeld gemacht hat und in deren Verlauf er ein arzneilich verwendetes Pulver als rote Farbe zu nutzen lernt.
4. Das hermetische Siegel.
Auf Bitten der Zuhörer wendet sich der Professor dem Geheimnis des hermetischen Siegels zu, dessen Bedeutung er auf den Gott Hermes als den klassischen Wahrer tiefer Geheimnisse zurückführt. In der Folge erklärt er das Funktionieren des so gen. Spiegels Salomonis, und zwar beides, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob sein Auditorium ihm folgen kann oder ob er es überzeugen konnte. Dann kommt er zur Freude seiner Gäste auf Fragen der Telegraphie zu sprechen, gibt einen Abriss der Geschichte und nennt die Namen der Männer, die sich auf diesem Gebiet Verdienste erworben haben. Leonhard fragt noch einmal nach dem Adepten Sehfeld, weil er glaubt, hinter diesem Namen verberge der Erzähler die Person des Antonio Dersto, doch der Professor berichtet fröhlich von diesem historischen Oberösterreicher, der bei seinem geheimen Wirken in dem Orte Rodaun bei Wien unter Verdacht gerät und Hilfe bei Franz I. sucht. Für den Schutzbrief des Kaisers erlegt er mühelos jeden Monat eine große Menge Gold, das er selbst herzustellen weiß. Dieser Umstand kommt zu den Ohren der Kaiserin Maria Theresia, die den Alchemisten in Haft nehmen lässt, um dessen Künste zu ihrem eigenen Vorteil nutzen zu können. Auf Betreiben ihres Mannes wird Sehfeld jedoch wieder aus der Festung entlassen und fortan von zwei Offizieren auf Schritt und Tritt begleitet. Doch eines Tages sind alle drei Männer verschwunden. Sehfeld hat sich nach Amsterdam abgesetzt, wo er die Bekanntschaft von Jesse und Teelsu macht. Der Professor erzählt weiter, dass Sehfeld vor Zeugen mit Hilfe eines roten Pulvers Silber in feinstes Gold verwandelt hat, zeigt auch sein Glas mit dem goldenen Löffelchen dazu, macht jedoch zur Enttäuschung der Gesellschaft selbst kein entsprechendes Experiment. Als Leonhard am andern Morgen mit Sophie nach Neustadt aufbricht, muss er auf ihre Frage befremdet zugeben, dass der Pate keinen Deut zur Hochzeit beigesteuert hat.
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5. Ein Zweikampf.
Die jungen Förstersleute werden im neuen Heim herzlich empfangen. Kostbare Aussteuerstücke finden sich in Küche und Stall, als deren Geber sich später der Pate und der Herzog erweisen. An einem Nebeltag kommt Gottfried auf dem Weg nach Braunschweig wieder einmal unter der Ruine der Asseburg vorbei, und dankbar überlegt er, dass sich die Verwandten seit seinem nächtlichen Besuch dort nicht mehr bei ihm gemeldet haben, so dass er Sophie mit seiner dunklen Abkunft nicht zu beschweren brauchte. Am Abend nach vollzogenen Geschäften trifft er im Gasthof auf Christian, der sich in Braunschweig für eine Stelle als Helmstedter Gymnasiallehrer vereidigen lassen will. Nach herzlicher Begrüßung haben sich die beiden Freunde in der leeren Gaststube viel zu erzählen. Doch bald treten zwei angetrunkene Offziere des zu Besuch weilenden Erbprinzen Friedrich Wilhelm ein, die sich in spöttischen Worten über den Helmstedter Professor und seine ferngelenkte Wunderuhr ergehen. Empört tritt Leonhard dazwischen, es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, und man verabredet sich zum Duell am nächsten Morgen. Im trüben Rot des Sonnenaufgangs trifft Leonhard den leichtsinnigen Offizier mitten durchs Herz; er soll in aller Stille begraben werden, und die übrigen Beteiligten reiten bedrückt auseinander. Doch die Polizei kommt der Geschichte auf die Spur. Schwere Bestrafung droht; der zweite der Offiziere sucht Zuflucht beim alten Herzog Carl Friedrich Ferdinand, schildert wahrheitsgemäß die Vorgänge und erwirkt dessen Gnade. Die Angelegenheit wird niedergeschlagen, den Erbprinzen aber ergreift ein furchtbarer Hass auf den Förster von Neustadt, der seinen Offizier tötete, und er schwört ihm Rache.
6. Besuch von Goethe.
Verzweifelt reitet Gottfried heim und beschließt auf der Höhe der Asseburg, seitwärts zu dem alten Vorwerk zu reiten. Er findet die Gebäude verfallen und erkennt daran, dass die Alte gestorben sein und Bianca die unterirdischen Gewölbe verlassen haben muss. Im hohen Gras findet er zwei Gräber, zu deren Häupten die Namen Antonio" und Giacobba" in die Rinde zweier Bäume eingeritzt sind. Doch auf das Schicksal der schönen Bianca findet sich nicht der geringste Hinweis. Beim Weiterreiten folgt Gottfried bald ein expresser Bote, der ihm eine Depesche des Landesherrn überbringt: Es ist ihm ein sofort anzutretender Urlaub für eine vierwöchige Reise mit seiner Frau nach Thüringen bewilligt worden. Dankbar erkennt er die rettend ausgestreckte Hand des Herzogs, die ihn vor den Folgen seiner blutigen Tat bewahrt. Der Professor lebt indessen sein altes Leben fort, unbekümmert um die vom revolutionären Frankreich ausgehenden Unruhen. Der Kreis um Goethe erfährt von dem Helmstedter Kollegen und seinen bedeutenden Sammlungen, und der Weimarer Dichterfürst macht sich mit Freund Wolf und dem zehnjährigen Sohn August zu einem Besuch in der kleinen Universitätsstadt auf. Nachdem jedes der berühmten Mitglieder der Julia Carolina dem Gast ein rauschendes Fest ausgerichtet hat, wird dem Hause des Professors und seinen Schätzen die Ehre gegeben. Leider hat an den Sammlungen der Zahn der Zeit genagt: Der Flötenspieler ist verstummt, die automatische Ente hat die Mauser. Doch die Lieberkühnschen anatomischen Präparate und die diversen Rechenmaschinen werden von den Besuchern sehr gelobt, so dass der Besitzer dieser Kostbarkeiten seinen Stolz nicht zu verbergen braucht.
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7. Die Gemälde-Sammlung. Angesichts der ferngelenkten Wunderuhr allerdings verweigert der Professor die gewünschte Vorführung. Stattdessen erzählt er seine Variante der Vorfälle in Braun-schweig, wonach ein Offizier des alten Herzogs durch die Hand eines Gardisten des Erbprinzen ums Leben gekommen sei. Dann eilen die Gäste ungesäumt der berühmten Gemäldesammlung zu, deren Bilder der Professor ihnen einzeln vor Augen stellt, bis Wolf sich von diesem umgekehrten Bildersturm" (S. III 104) bedrängt fühlt und die Räume fluchtartig verlässt. Goethe hingegen hält noch eine ganze Weile aus und wird mit einem opulenten Festmahl in Anwesenheit weiterer Ehrengäste belohnt. Bei dieser Gelegenheit wird bedauert, dass der Professor keinen Erben für alle seine Schätze habe. Ein wenig betroffen holt er ein nichtssagendes Bild herbei, das, wie er ausführt, denjenigen jungen Mann zeigt, den er sich zum Erben seiner Sammlungen ausersehen hatte und der undankbar seine eigenen Wege ging. Der Freund von Crell erkennt das Jugendbild Gottfrieds und klärt, als alle anderen Gäste gegangen sind, den alten Herrn darüber auf, dass es Gottfried war, der jenen herzoglichen Offizier im Duell erstach, weil der seinen Paten verunglimpft hatte. Zu dem jungen Leonhard, dessen Leben längst wieder den gewohnten Gang geht, kommt eines Tages ein zerlumpter Bettler auf den Hof, den Tiro sofort wütend verbellt und im Gesicht verwundet. Es ist sein Todfeind Stoffel Wurzer, der zufällig vorbeikommt und neue Verwünschungen ausstößt.
8. Der große Diamant.
In der Folge werden noch mehrere Einladungen in das Haus des Professors ausgesprochen; die Münzsammlung wird von den Gästen sehr gelobt, ebenso wie ein festliches Krebsessen. Auf dem Weg zu ihrem Abschiedsbesuch kommen Goethe und Wolf auf den Riesen-Diamanten zu sprechen, und beschließen, den Professor unumwunden nach dem Wunderstein zu fragen. Tatsächlich öffnet der alte Sammler ihnen die zahlreichen Schubladen kostbarer Schreine, die seine Edelsteine enthalten, und schließlich, nach umständlichem Zieren, entnimmt er den Diamanten von der Größe eines Gänseeis seiner Hosentasche. Nachdem er ihn vorgeführt und gepriesen hat, legt er ihn Goethe in die Hand und erwartet dessen Anerkennung. Doch diese erfolgt zunächst nicht, und erst auf Nachfragen beim Abschied äußerst der Dichterfürst die vorsichtige Vermutung, es könne sich um einen madagaskischen Kiesel handeln. Der Professor bleibt bestürzt zurück.
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9. Der Geleiter.
Der alte Herzog von Braunschweig, Carl Wilhelm Ferdinand, folgt der ehrenvollen Einla-dung, die deutschen Kräfte ein letztes Mal gegen die Truppen Napoleons zu führen. Doch er zögert zu lange und verursacht die vernichtenden Niederlagen seiner Armee bei Saalfeld, Jena und Auerstädt, wobei er selbst auf den Tod verwundet wird. Da der nach einem Kopfschuss Erblindete nach Hause getragen werden muss, macht sich ein kleiner Trupp Getreuer mit ihm zu Fuß auf den Weg durch das vom Feind schon vielerorts eingenommene Land. Man beschließt, die flachen Regionen zu meiden und auf geschützten Wegen durch den Harz nach Blankenburg voranzukommen, weshalb ein heruntergekommener Jäger als Geleiter akzeptiert wird, der den kürzesten Weg zu kennen vorgibt. Des Herzogs Leibärzte werden nach Blankenburg bestellt und wechseln in Neustadt unter der Harzburg ihre Pferde. So erfährt Gottfried zufällig vom Schicksal seines geliebten Herrn, sattelt sofort den von ihm geschenkten Rappen und macht sich auf den Weg nach Blankenburg. Dort bereitet er mit dem Kastellan alles für die Ankunft des geschlagenen Feldherrn vor. Da auch der Zug unter der Führung des fremden Jägers in der noch ruhigen Gegend um das Schloss Blankenburg gut vorankommt, kniet Leonhard bald erschüttert am Lager seines sterbenden Herrn. Dieser schickt den ehemaligen Leibdiener aus, den Erbprinzen ausfindig zu machen und ihn für einen letzten Segen dem alten Vater zuzuführen. Der Alte, der den Krankentransport geleitet hat, schaut derweilen böse auf den ihm wohlbekannten Förster und murmelt Racheschwüre vor sich hin. Während der alte Herzog in seine Residenz gebracht wird, eilt Leonhard auf nur ihm bekannten Wegen durch den herbstlichen Harz und sieht von einer Anhöhe aus zwei Reiter in Braunschweigischen Uniformen, die noch nicht bemerkt haben, dass ein Trupp französischer Soldaten hinter ihnen aufkommt. Er gibt ein bekanntes Sammelsignal und kann die Landsleute zu sich auf die bewaldete Kuppe in Sicherheit bringen. Da sieht Leonhard sich dem gesuchten Erbprinzen gegenüber, den er im Auftrag des todkranken Landesherrn bittet, unverzüglich mit ihm nach Braunschweig zurückzureiten. Wiederum auf höchst verschwiegenen Pfaden leitet er dann den künftigen Regenten über sichere Forsthäuser nach Braunschweig zurück. Unterwegs gefragt, wer er sei, muss Leonhard seinen dem Erbprinzen verhassten Namen sagen. Friedrich Wilhelm gedenkt mit Trauer seines im Duell getöteten Offiziers, vergibt Gottfried jedoch angesichts der treuen Dienste, die dieser ihm und dem Haus Braunschweig seither erwiesen hat. In der Residenz kommt es zu einem ergreifenden Treffen mit dem schwerverwundeten Vater, der den Sohn zu seinem Nachfolger bestimmt und Napoleon für sich und sein Land um Gnade bittet. Vergeblich: Das Herzogtum wird aufgelöst, das Land zu Westfalen geschlagen, und der blinde Herzog muss sein Schloss verlassen. Friedrich Wilhelm wird kurz darauf, zusammen mit seinem Feldherrn Blücher, in Lübeck gefangengenommen, doch bevor man ihn durch Austausch befreien kann, ist sein Vater im Exil in Ottensen seinen Verletzungen erlegen. Ein Brief von Christian ruft Gottfried erneut nach Helmstedt zur Beerdigung seines Ziehvaters Leonhard. Als er in das nun leerstehende graue Stadthaus tritt, um den Nachlass für seine jüngeren Geschwister zu sichern, tritt ihm eine hohe, schwarzgekleidete Gestalt entgegen: Bianca.
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10. Jubiläum. In bewunderungswürdiger Frische kann der Professor, an dem die Wirren der Zeit nahezu spurlos vorübergegangen sind, sein offizielles Dienstjubiläum begehen. Er tut dies im Kreis der bewährten Freunde, wobei er sich ironisch über den neuen Landesherrn äußert, der ihn pünktlich zu seinem Jubeltage zu horrenden Steuerzahlungen aufgefordert hat. In Anwesenheit der beiden noch jungen Paare, Leonhard mit Sophie und Christian mit seiner jungen Frau, die sich schnell befreundet haben, macht der Professor seinem Ruf als Wundermann erneut alle Ehre: Für eine Dame, die auf die als Nachtisch kredenzten Erdbeeren verzichten will, weil sie auf dieses Obst allergisch reagiert, entgiftet er mit einem geheim bleibenden Verfahren einen ganzen Teller voll der herrlichen Früchte und verschafft ihr so einen unerwarteten Genuss. In einem Rückblick hat Bianca bei ihrer letzten Begegnung Gottfried berichtet, dass sie seit dem Tode ihrer Mutter als Hilfe im Labor des Professors arbeitet. Sie schärft dem Neffen ein, seinem Paten nichts von ihren Gesprächen zu erzählen. Der Professor hat das vernichtende Urteil Goethes über seinen Lieblingsstein, den Diamant-Solitär, nicht verwunden. In einer stillen Feierstunde überantwortet er das unbezahlbare Juwel, mit dem er die Stirn seiner viel zu früh verstorbenen Regina schmücken wollte, einem Feuer aus Sonnen- und Kohlenhitze. Versunken spielt er dazu die Laute, spricht mit der Geliebten und sieht den Stein als untrügliches Zeichen seiner Echtheit in unbeschreiblicher Farbenpracht und ohne alle Rückstände verglühen. Nach dieser außerordentlichen Begebenheit fühlt der alte Mann seine letzte Stunde kommen; er ordnet noch viele Dinge für den Nachlass und lässt nach langem Zögern Gottfried zu sich bitten.
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11. Die Scheidestunde. Dieser ist der Aufforderung ungesäumt gefolgt, sitzt nun dem Professor gegenüber und hört ihn über Belanglosigkeiten sprechen. Unvermittelt betraut der alte Mann ihn mit der Aufgabe, nach seinem Tode einen Katalog für die Gemäldesammlung zu erstellen, und bietet ihm schließlich das auf dem Tisch zwischen ihnen stehende Gläschen mit dem roten Wandlungs-Pulver an. Dann wird er bleich, schwach und einsilbig, und die Freunde, die ihm einen letzten Besuch abstatten wollen, müssen sämtlich von Gottfried abgewiesen werden. Der Sterbende duldet nur die Nähe des Försters von Neustadt, von dem er sich schließlich mit den Worten: nimm dich Bianca's an lebe glücklich mein Sohn" (S. III 170) verabschiedet. Gottfried bleibt angesichts dieser späten Anerkennung tief bewegt zurück. Nur wenige Wochen nach dem Tod ihres berühmtesten Professors wird die Julia Carolina von dem neuen Landesherrn, dem König von Westfalen, aufgelöst. Das Erbe des Professors wird in alle Richtungen zerstreut. Gottfried spürt, als er mit dem roten Pulver auf dem Herzen nach Hause reitet, eine große Unzufriedenheit, weil der Vater ihm nicht mehr die genaue Anwendung der Droge für die Verwandlung von Blei in Silber und von Silber in Gold mitteilen konnte.
12. Schluß.
In der Försterei in Neustadt gehen die Dinge ihren gewohnten Gang. Gottfried liest mehr alchemistische Literatur, als ihm guttut, um in den Besitz der fehlenden Information für die Anwendung des roten Pulvers zu kommen. Doch Sophie ist nicht beunruhigt, gelassen steht sie ihrem Haushalt vor. Schon kommt der Winter mit Nebel und Eiskristallen, da schlagen eines Abends die Hunde an, und eine schwarz verhüllte Gestalt betritt den Hausflur. Sophie zittert, weil die hochgewachsene Fremde von Gottfried freundlich-vertraut begrüßt wird. Als sie das Zimmer verlassen hat, sprechen Gottfried und Bianca offen miteinander, der Förster will die Hilfe der Walentochter zur Lösung seines alchemistischen Problems, die Frau erkennt den beginnenden Wahnsinn in seinen Augen und erinnert ihn an ihre Warnung vor der roten Farbe. Aber er kann von seiner Besessenheit nicht mehr lassen, einen Augenblick lang fühlt sich die Warnerin sogar von ihm bedroht. Am Tage der Christmette ist auch Gottfried wieder einmal nach Goslar gereist und erfährt von seinen Kollegen, dass einige Exemplare der seltenen Wintermöwe gesehen worden seien. Während der Neustädter Förster erläutert, wie gern er einen solchen Vogel für seine Sammlung erlegen würde, hört vom Nebenzimmer aus ein alter Forstläufer unbemerkt jedes Wort dieser Unterhaltung. Er folgt Gottfried, als dieser den Rückweg antritt und über dem Harzburger Floßteich im letzten Licht des kurzen Tages die herrlichen Vögel kreisen sieht. Während auch Bianca ahnungsvoll auf den Weiher zugeht, liegt auf dem Eis der Förster mit dem Gewehr im Anschlag, und wenige Schritte hinter ihm im Versteck sein Verfolger, ebenfalls die Waffe erhoben. Im selben Augenblick, in dem Gottfrieds Schuss kracht, hört der Förster den gellenden Schrei einer weiblichen Stimme: „Goffredo! Blut! Blut!" (S. III 184) Sich umwendend blickt er in das Gewehr seines Mörders, ein Schuss fällt und tötet ihn auf der Stelle. Auf den Schützen aber wirft sich eine dunkle Gestalt, zerrt den Überraschten an die einzige offene Stelle des Weihers und versinkt dort mit ihm zusammen im brechenden Eis. Als Gottfried auch am nächsten Morgen nicht heimgekehrt ist, lässt Sophie ihn suchen. Die Männer des Ortes finden den winselnden Hund am Leichnam seines Herrn, der Arzt die Reste eines zerschossenen Glasfläschchens in der frischen Brustwunde. Es sieht so aus, als ob sich Gottfried Leonhard das Leben genommen habe. Sophie sucht Trost bei Christian und seiner Frau in Helmstedt und lebt als angesehene Witwe noch viele Jahre. Der junge Professor stirbt dagegen früh, und der Erzähler beschließt seinen Bericht ihm zu Ehren mit Worten dieses verklärten Geistes: „Leben und Irren ist Eins" (S. III 188).
(Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel)
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