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Volkssagen von Ludwig Bechstein

Deutsches Sagenbuch.

Leipzig (Georg Wigand) 1853

Ludwig Bechstein

(*24.11.1801 Weimar +14.05.1860 Meiningen)








Anmerkungen
Bechstein hat fünf große Sagensammlungen herausgegeben. Es sind dies (in chronologischer Reihenfolge):

Die erste große Sammlung von heimatlichem Material: Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes 1835–1838 (= TSS Bd 1-4, eine geplante Fortsetzung kam nicht zustande)
Die Volkssagen, Mährchen und Legenden des Kaiserstaates Oesterreich 1840 (= VMLÖ Bd 1, weitere geplante Bände sind nicht erschienen)
Der Sagenschatz des Frankenlandes. 1842 (= FSS, erschienen ist nur der 1. Teil: Die Sagen des Rhöngebirges und des Grabfeldes)
Das umfangreiche Volksbuch: Deutsches Sagenbuch 1853 (= DSB) und
Bechsteins letzte, heimatlichem Material gewidmete Sagensammlung, das Thüringer Sagenbuch 1857 (= TSB, ebenfalls unvollständig).

Wie bei den Märchen die entsprechende Sammlung der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, 1812) eine der wichtigsten Quellen des Autors darstellt, sind hier die Deutschen Sagen der Grimms (1816/18) eine der einflussreicheren Vorlagen. Daneben gibt es von Karl Müllenhoff: Märchen Sagen und Lieder der Herzogthümer Schleswig Holstein und Lauenburg (Kiel 1845) aus in 34 Fällen einen thematischen Bezug zu einzelnen DSB-Sagen. Das Vorwort zum DSB gibt als weitere Quellen (für die Sagenländer Baden und Schwaben) Veröffentlichungen von Ernst Meier, Bernhard Baader, August Stöber und Gustav Schwab an, z.B.

Ernst Meier: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben. 3 Bücher in einem Band. Stuttgart (J.B. Metzler) 1852.

Es gibt von dieser Sammlung ein Reprint mit einem Nachwort von Hermann Bausinger (Kirchheim) 1983. Von Baader liegt nur ein einschlägiger Titel vor:

Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden. Karlsruhe 1851, ebenso von August Stöber: Die Sagen des Elsasses. St. Gallen 1838/1852.

Bei Schwab kommen als Quelle die

Wanderungen durch Schwaben, Leipzig (Georg Wigand) 1837/8 (= Das malerische und romantische Deutschland Bd X)

in Frage. Zusätzlich zu Grimm, Müllenhoff, Meier, Baader, Stöber und Schwab benennt das Vorwort zum DSB als weitere Materialquellen:

   Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin (Reimer) 1843. Es gibt von dieser Sammlung ein Reprint (Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen. Nachdruck der Ausgabe von 1843. Hildesheim, Zürich, New York: Olms 1973).
   Johann Wilhelm Albert v. Tettau und J.D.H. Temme: Die Volkssagen Ostpreußens, Litthauens und Westpreußens. Berlin (Nicolai) 1837[3]
   Karl Simrock: Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter. Bonn (Weber) 1837
   Johannes W. Wolf: Niederländische Sagen. Leipzig (Brockhaus) 1843 und
   Alexander Schöppner: Sagenbuch der bayrischen Lande. Aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter. 1. und 2. Bd. München (Rieger) 1851+1852, der 3. Band von 1853 kommt als Vorlage nicht mehr in Frage.

Die nachfolgenden Bechstein-Sagen sind Beispiele für das, was André Jolles die Einfachheit und Max Lüthi die Einebigkeit der Volkssage genannt hat. Die originale Orthographie der Texte wurde bewahrt (auch bei Orts- und Eigennamen), Seitengrenzen des Erstdrucks sind durch / bezeichnet

(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)



2.3. Inhaltsverzeichnis
Deutsches Sagenbuch


DSB Nr. 2: Des Schweizervolkes Ursprung
DSB Nr. 3: Sanct Gallus
DSB Nr. 4: Die St. Galler Mönche erbeten Wein
DSB Nr. 5: Dagoberts Zeichen
DSB Nr. 6: Die Tellensage
DSB Nr. 7: Luzerner Hörner und Mordnacht
DSB Nr. 8: Die Herren von Hohensax
DSB Nr. 9: Ida von der Toggenburg
DSB Nr. 10: Der Pilatus und die Herdmanndli
DSB Nr. 11: Die Bergmanndli schützen Heerden und Fische
DSB Nr. 12: Die Herdmanndli ziehen weg
DSB Nr. 13: Der Dürst
DSB Nr. 14: Von Drachen und Lindwürmen
DSB Nr. 15: Winkelried und der Lindwurm
DSB Nr. 16: Kastelen Alpe
DSB Nr. 17: Blümelis-Alpe
DSB Nr. 18: Der ewige Jude auf dem Matterhorn
DSB Nr. 20: Das Paradies der Thiere
DSB Nr. 29: Vom treuen Eckart
DSB Nr. 30: Der Zähringer Ursprung
DSB Nr. 31: Das Riesenspielzeug
DSB Nr. 35: Sankt Ottilia
DSB Nr. 45: Die Juden in Worms

DSB Nr. 48: Die Königstochter vom Rhein
DSB Nr. 52: St. Katharinen's Handschuh

DSB Nr. 54: Eginhart und Emma
DSB Nr. 66: Die heilige Bilhilde

DSB Nr. 76: Die glühenden Kohlen
DSB Nr. 75: Die Wisperstimme
DSB Nr. 92: Die heilige Genofeva

DSB Nr. 110: Immenkapelle

DSB Nr. 124: Kaiser Karl kehrt heim
DSB Nr. 126: Karl des Großen Tod und Grab
DSB Nr. 128: Die Hinzlein zu Aachen
DSB Nr. 131: Sankt Remaclus Fuß zu Spaa
DSB Nr. 145: Soviel Kinder als Tage im Jahre

DSB Nr. 146: Der ewige Jäger
DSB Nr. 148: Die Tückebolde Lodder und lange Wapper
DSB Nr. 153: Die Meerminnen
DSB Nr. 155: Stavorens Ursprung
DSB Nr. 156: Der Feuer-Pütz
DSB Nr. 163: Das Oldenburger Horn
DSB Nr. 173: König Dan
DSB Nr. 176: Der wilde Jäger in Ditmarschen

DSB Nr. 177: König Abels Jagd
DSB Nr. 183: Das Glück der Ranzau
DSB Nr. 184: Schwertmann
DSB Nr. 190: Spottnamen und Schildbürger im Norden
DSB Nr. 197: Der Zauberer von Plön
DSB Nr. 243: Hela
DSB Nr. 245: Der blaue Aermel
DSB Nr. 252: Die Ritter und die Nonnen

DSB Nr. 265: Die Geister auf Christburg
DSB Nr. 276: Der Graf von Hoya
DSB Nr. 291: Schellpyrmont
DSB Nr. 295: St. Viti Gaben

DSB Nr. 311: Irmensäule
DSB Nr. 314: Die Tänzer von Kolbeck
DSB Nr. 333: Die Spinnerin im Mond
DSB Nr. 365: Die Adamstänzer
DSB Nr. 402: Die Teufelsmauern
DSB Nr. 417: Neun Kinder auf einmal
DSB Nr. 418: St. Bruno und die Eselswiese
DSB Nr. 419: Der Nonnengeist zu Gehofen
DSB Nr. 420: Der immerlebende Rabe
DSB Nr. 425: Die Frau von Weißenburg
DSB Nr. 426: Der Sprung vom Giebichenstein
DSB Nr. 451: Wie die Wartburg erbauet ward
DSB Nr. 452: Der Schmied in Ruhla
DSB Nr. 453: Der Edelacker
DSB Nr. 454: Die lebendige Mauer
DSB Nr. 457: Von dem Hörseelenberge
DSB Nr. 458: Des eisernen Landgrafen Seele
DSB Nr. 460: Vom edlen Ritter Tanhäuser
DSB Nr. 462: Der Krieg auf Wartburg
DSB Nr. 463: Meister Klinsor weissagt aus den Sternen
DSB Nr. 464: Die kleine Braut aus Ungarn
DSB Nr. 465: Die heilige Elisabeth
DSB Nr. 466: Der heilige Ludwig
DSB Nr. 468: Der Wangenbiß
DSB Nr. 469: Friedrich des Gebissenen Taufritt
DSB Nr. 471: Junker Jörg
DSB Nr. 473: Die verfluchte Jungfer
DSB Nr. 478: Das Alp als Flaumfeder
DSB Nr. 481: Das Backofenloch
DSB Nr. 485: Wo der Hund begraben liegt
DSB Nr. 487: Die weiße Frau auf Tenneberg
DSB Nr. 489: Sankt Johannis Kirche

DSB Nr. 491: Luthersbrunnen
DSB Nr. 492: Teufelsbad und Teufelskreise
DSB Nr. 493: Der Jägerstein

DSB Nr. 499: Von einem Bergmann und einer Braut
DSB Nr. 501: Frau Holle und der treue Eckart
DSB Nr. 504: Ebersdorf und Ebersgrund
DSB Nr. 511: Die Glocke vom Gottesfeld

DSB Nr. 515: Doktor Luther verwünscht das Singerberger Schloß
DSB Nr. 520: Der Greifenstein
DSB Nr. 525: Die Todtenschauerin
DSB Nr. 526: Das Frühmahl

DSB Nr. 528: Der Wassermann
DSB Nr. 529: Der Wechselbalg zu Goßwitz
DSB Nr. 537: Das Mäuselein

DSB Nr. 538: Der Fluch der Wittwe
DSB Nr. 540: Das Beil im Kopfe
DSB Nr. 541: Halbpart auf der Hohenwart
DSB Nr. 542: Hünschchen
DSB Nr. 558: Der Stammname Reuß
DSB Nr. 562: Der Dockenteich
DSB Nr. 583: Das Gleichen'sche Doppelbette
DSB Nr. 584: Schloß Kran(n)ichfelder Wahrzeichen
DSB Nr. 586: Der Jungfernsprung und die Böhlersmännchen
DSB Nr. 588: Kinderzüge und Kindertanz
DSB Nr. 589: Der Graf von Gleichen
DSB Nr. 590: Des Grafen Sprüchwort
DSB Nr. 595: Sibyllenthürmchen
DSB Nr. 598: Der Graf von Gleichen
DSB Nr. 599: Der Mordgarten
DSB Nr. 605: Das Schwedenglöckchen
DSB Nr. 636: Sprungsage vom Oybin
DSB Nr. 637: Die Braut vom Kynast
DSB Nr. 638: Die umirrenden Stiefel(n)
DSB Nr. 647: Kinder-Andacht
DSB Nr. 651: Die Tanzwüthigen zu Reichenbach
DSB Nr. 653: Der Glockenguß zu Breslau
DSB Nr. 657: Die Linde der Sibylle
DSB Nr. 671: Krok und seine Töchter
DSB Nr. 672: Libussa
DSB Nr. 673: Der eiserne Tisch
DSB Nr. 674: Praga
DSB Nr. 675: Libussa's Bad
DSB Nr. 676: Libussa's Bette
DSB Nr. 686: Geisterheer vor Saaz
DSB Nr. 688: Brodschuhe und Semmelschuhe
DSB Nr. 703: Das verlorene Kind
DSB Nr. 724: Die Jungfrau mit dem Zopf
DSB Nr. 725: Schleusingens Ursprung und Name

DSB Nr. 727: Die Nixe aus der Todtenlache
DSB Nr. 729: Die Hennenburgen

DSB Nr. 731: Die Haßfurtjungfrau mit der Glücksblume
DSB Nr. 735: Vom Grimmenthal
DSB Nr. 736: Der grünende Pfahl
DSB Nr. 737: Das Gebet der Mutter
DSB Nr. 742: Die Teufelsmahten beim Schlosse Liebenstein
DSB Nr. 743: Bonifaciusfels und Luthersbuche
DSB Nr. 745: Berggeister um Altenstein
DSB Nr. 748: Wer weiß ob’s wahr ist?
DSB Nr. 749: Die Salzunger See'n
DSB Nr. 750: Das Spiel-Haus
DSB Nr. 763: Die Fräulein von Boineburg

DSB Nr. 764: Das graue Männchen
DSB Nr. 766: Des Frankenlandes Apostel
DSB Nr. 775: Die Schwerbeladenen
DSB Nr. 776: Die fliegenden Knaben
DSB Nr. 780: Der verlorene Schleier
DSB Nr. 785: Seifriedsburg
DSB Nr. 786: Mespelbrunn

DSB Nr. 787: Das Herrenbild (2. Textem)
DSB Nr. 788: Die Garnkocherin
DSB Nr. 790: Knabenraub im Spessartwalde

DSB Nr. 809: Nixen in Theilheim und im Gründlersloch
DSB Nr. 822: Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab
DSB Nr. 824: Der Kirchenbau zu Königsberg  
DSB Nr. 827: Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck

DSB Nr. 836: Der Seckendorfe Lindenkränzlein
DSB Nr. 839: Das scharfe Eck

DSB Nr. 856: Dollinger und Krako
DSB Nr. 868: Teufelsmauer und Teufelsstraße
DSB Nr. 879: Kinder-Wallfahrt
DSB Nr. 891: Notburga
DSB Nr. 894: Melusine
DSB Nr. 902: Sibyllenhöhle
DSB Nr. 904: Wirth am Berg
DSB Nr. 906: Der Falkensteiner
DSB Nr. 909: Sankt Meinrad
DSB Nr. 913: Der ewige Jäger in Schwaben
DSB Nr. 937: Herrgottstritte
DSB Nr. 942: Die Schlangen-Amme
DSB Nr. 947: Spottnamen und Schildbürger im Norden

DSB Nr. 959: Vom edlen Möringer
DSB Nr. 961: Die Schlange als Gast
DSB Nr. 978: Liebe findet ihre Wege
DSB Nr. 987: Der Birnbaum auf dem Walserfeld
DSB Nr. 1000: König Watzmann


2. Volkssagen
2.3. Aus: Deutsches Sagenbuch. Leipzig (Georg Wigand) 1853



DSB Nr. 1: Vom deutschen Rheinstrom
Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt die Edda, das uralte Götterlied, so auch der Rhein, des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom Gottesberge (St. Gotthart), aus Eispalästen, aus dem Schooße der Alpen nieder, als Strom des Segens. Schon die Alten sagten von ihm: die Donau ist aller Wasser Frau, doch kann wohl der Rhein mit Ehren ihr Mann sein – und die Urbewohner der Stromufer erachteten seine Fluth für also wunderbar, daß sie neugeborene Kinder ihr zur Prüfung ächter oder unächter Geburt übergaben. Rechtmäßige Abkömmlinge trug die Stromfluth sanft zum Ufer, unrechtmäßige aber zog sie mit ungestümen Wellen und reißenden Wirbeln als ein zorniger Rächer und Richter der Unreinigkeit unter sich und ersäufte sie. Andere Anwohner brachten dem heiligen Strome ihr Liebstes, Pferde, zum Opfer dar. Durch Hohenrhäties Alpenthalschluchten stürzt sich der Rhein mit jugendlichem Ungestüm, frei und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke, das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende Fesseln brach. Da zwang ein Kastellan auf der Bärenburg die Bauern, mit den Schweinen aus einem Trog zu essen, ein anderer zu Fardün trieb ihnen weidende Heerden in die Saat, andere übten noch andere Frevel. Da traten Hohenrhätiens Männer zusammen, Alte mit grauen Bärten und hielten Rath im Nachtgraun unter den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese ohnfern Tovanosa will man noch Nägel in den Felsenritzen erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten, ihre Brotsäcke bringen. Und dann tagten sie in Bruns vor der St. Annenkapelle unter dem freien Himmel, unter der großen Linde, nach der Väter Sitte, und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß der Bund solle bestehen, so lange Grund und Grat steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder. – Kaiser Maximilian nannte scherzweise den Rheinstrom die lange Pfaffengasse, wegen der zahlreichen und hochberühmten Bisthümer und Hochstifte an seinen Ufern, und nannte Thur das oberste Stift, Konstanz das größte, Basel das lustigste, Straßburg das edelste, Speier das andächtigste, Worms das ärmste, Mainz das würdigste und Köln das reichste. (S. 1)

DSB Nr. 2: Des Schweizervolkes Ursprung
In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert und bebaut war, saß ein starkes und zahlreiches Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden, und kam über dieses Volk große Hungersnoth und leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil der Menschen bei ihnen zu viel, daß von Monat zu Monat eine Schaar auswandern sollte, die das Loos bestimmen. Wen es treffe, der müsse fort bei Strafe Leibes und Lebens, ob hoch oder niedrig, und mit Weib und Kindern. Als dies immer noch nicht fruchtete und dem Mangel steuerte, so ward fernerweit beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgeloset werden und hinwegziehen solle. So geschah es und zogen an die sechstausend Schweden fort und zwölfhundert Friesen mit ihnen, und ernannten sich Führer. Deren Namen waren Suiter, Swey und Jostus, noch andere Restius, Rumo und Ladislaus. Sie fuhren auf Schiffen den Rhein hinauf, und hatten unterwegs manchen Kampf zu bestehen; endlich kamen sie in ein Land, das hieß das Brochen- oder Brockengebirg (wie es auch im Harzwald einen Brockenberg hat), allda bescheerte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten sich an, und vertheilten sich in das Land, wirkten und schafften. Ein Theil zog ins Brünig (Bruneck), ein anderer an die Aar. Ein Theil Schweden, die aus der Stadt Hasle (gehört jetzt dem Dänen) standen, die erbauten Hasli, und wohnten darin unter ihrem Führer Hastius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen und wohnte allda, Swei und Suiter gaben der Schweiz und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland gewannen sie, waren ein treu und gehorsam Volk, trugen zwillchne Kleider, nährten sich von Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals noch nicht viel im Lande. Sie waren starke Leute, wie die Riesen, voll Kraft, und Wälder auszureuten war ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenbogen. Davon gehen noch alte Lieder, die sagen aus, wie ihrer ein Theil unter dem Führer Ladislaus und Suiter gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk, und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen, Adler und Bären, ein rothes Kreuz, und auf der Krone des Aaren ein weißes, und haben dann diese Zeichen nach der neuen Heimath getragen. Immer noch erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie die Vorfahren im Lande gezogen und wie die Berge eher bewohnt gewesen, als die Thäler. Erst ein späteres jüngeres Geschlecht habe die Thalgründe bebaut, wie das auch in andern Bergländern geschehen ist. (S. 1/2)

DSB Nr. 3: Sanct Gallus
Schon in frühen Zeiten drang das Christenthum in das rhätische Gebirge. Ein brittischer Königssohn, Ludius mit Namen, soll über Meer gekommen sein und diesem Lande zuerst das Evangelium gepredigt haben. Nach ihm heißt noch ein Gebirgspfad zwischen Graubünden und der Herrschaft Vaduz (Fürstenthum Lichtenstein), der Ludiensteig. Nach ihm kamen die Apostel Rhätiens und Helvetiens, Sanct Gallus und seine Gefährten Mangold und Siegbert, ersterer der Sohn eines Königs in Schottland, mit dem heiligen Columban an den Bodensee, zerstörten die Götzenbilder und brachen das Heidenthum. Sie wohnten als fromme Einsiedler in Hütten, heilten Kranke und predigten das Evangelium. Ein allemannischer Herzog, Gunzo, wohnte in Ueberlingen, damals Iburinga genannt, dem war die Tochter schwer erkrankt; der heilige Gallus heilte sie, und dafür schenkte ihm und seinen Gefährten Gunzo ein großes Waldgebirge zum Eigenthum, in welchem sie sich nun besser anbauten. Aus diesem ersten Anbaue ist die hernachmals so berühmte und herrliche Abtei Sanct Gallen geworden, welche einer Stadt und einem ganzen Lande den Namen gegeben. Aber St. Gallus blieb, als er noch im irdischen Leben wandelte, nicht beständig in seiner Einsiedelei, er stieg, als die Abteil St. Gallen schon begründet war, der Sitter entlang höher empor, und erbaute sich an geeignetem Ort eine neue Zelle, das Hirtenvolk zu bekehren. Diese nannte das Volk des Abten Zelle, daraus ist der Name Appenzell entstanden. Das Hirtenvolk nahm auch willig das Christenthum an, als aber später die mächtige Abtei dasselbe in seiner Freiheit bedrohte, erhob es sich zum Kampfe. Der Abt von St. Gallen suchte Hülfe bei Oesterreich, da saß aber droben auf der festen Burg Werdenberg ein edler Grafensohn, Rudolf von Werdenberg, der hielt zu den Hirten des Appenzeller Gebietes und führte sie zum Kampfe gegen St. Gallen. Am Stoß geschah eine heftige Schlacht, lange schwankte der Sieg, plötzlich kam über den Berg herüber eine großmächtige Schaar Kriegsvolk den Hirten zu Hülfe – als die Feinde der Appenzeller diese erblickten, flohen sie eilend vom Schlachtfeld. Es waren aber die Hülfsvölker, die sich gezeigt und durch ihren Anblick von Weitem den Feind hinweggeschreckt, keineswegs Kriegsmänner, sondern der Hirten Weiber und Töchter in männlicher Tracht gewesen. Seitdem blieb das Ländlein Appenzell mitten im St. Galler Lande ein eigenfreies, und regierte sich selbst. (S. 2/3)

DSB Nr. 4: Die St. Galler Mönche erbeten Wein
In der stattlichen Abtei St. Gallen war große Sorge um den lieben Wein. Es war eben ein durstiges Jahr gewesen und lange Jahre nichts Erkleckliches nachgewachsen; nur noch zween Ohmfässer lagerten voll in dem großen Abtei-Keller, die reichten voraussichtlich nicht mehr weit, und dann wäre den frommen Vätern eine weinlose, schier schreckliche Zeit gekommen. Da wendete Gott das Herz eines frommen und heiligen Mannes, des Bischof Adalrich in der alten Stadt Augsburg, daß er den nicht weniger frommen Vätern zu St. Gallen ein ganzes Stückfaß voll Wein in ihre Abtei verehrte. Da kam aber die Nachricht nach St. Gallen, das Faß sei unterwegs im Rhein ertrunken, der Fuhrmann habe auf der steilen Brücke über den Fluß in der Nähe des Bodensees die Pferde allzuhart angetrieben; da sei die Achse gebrochen und das Faß hinab in den Strudel gestürzt. Das war ein Schrecken! Ohne Säumen berief der Abt den Convent, und bald wallte eine lange Prozession mit Kreuz und Kirchenfahnen und Heiligenbildern von St. Gallen herab, sang und betete und kniete am Strudel, und die Küper des Klosters suchten mit Stricken das Faß zu fahen, das glücklicherweise noch unversehrt war, und im Strudel tanzte. Wäre der Strudel nicht gewesen, so wäre das Stückfaß längst in den Bodensee geflossen, und ward allda ersichtlich, wozu manchmal ein Strudel gut ist. Nach mancher Mühe gelang es unter Gebet und Fürbitte der lieben Gottesheiligen das Stückfaß an den Strand zu ziehen und nun wurde es bekränzt und im Triumphe nach der Abtei geführt, allwo ein Dankfest mit einem Te Deum laudamus und vielen Trankopfern gefeiert ward.
Solches ist wahr und wahrhaftig geschehen, aber „das Mährlein gar schnurrig" vom Abt von St. Gallen und dem Kaiser mit den drei Fragen hat sich mit Nichten alldort begeben, sondern mit einem Abt von Kentelbury (= Canterbury, sk) in Altengland, und ward nur durch Dichtermund auf deutschen Boden verpflanzt. (S. 3/4)

DSB Nr. 5: Dagoberts Zeichen
Es war ein König im Frankenreiche, Dagobert, ein Sohn Chlotars, und Herr über Austrasien. Von dessen Thaten leben noch in Sagen viele Kunden. Er führte große Kriege gegen die Sachsen, und war dabei fromm und kostfrei. Selbst gegen Thiere übte er Milde, und es ging von ihm das Sprichwort im Volke um: wann König Dagobert gegessen hat, so läßt er auch seine Hunde essen, und eine andere Rede ward ihm nachgesagt, daß er auf seinem Sterbelager zu seinen Hunden gesprochen habe: ihr guten Hunde, es ist doch keine Gesellschaft im Leben also gut, daß man sie nicht verlassen und von ihr abscheiden müsse. – Auf seinen Zügen drang König Dagobert auch bis in das Schweizer Alpenland und bis dahin, wo man die Landschaft vorzugsweise das Rheinthal nennt, und ließ dort in den Thalfelsen einen großen halben Mond einhauen, als Grenzzeichen seines Reiches.
Da es mit dem guten Könige Dagobert zum Sterben gekommen war, erfaßten die Teufel seine Seele und brachten sie auf ein Schiff, mit ihr von dannen zu fahren. Solches ließ Gott der Herr geschehen, weil der König noch nicht gereinigt und gelöset war von aller Schuld. König Dagobert hatte aber einen Freund am heiligen Dionysius, dessen Gebeine er dereinst aufgefunden mit Hülfe seiner so sehr geliebten Hunde, und welchen Heiligen der König stets in stärksten Ehren hielt, dafür dieser ihn auch stetiglich schirmte und schützte. Da nun, als Dagobert verstorben war, erbat der Heilige die Erlaubniß von Gott dem Herrn, des Königs Seele zu retten, und als er die erhalten, fuhr er im Geleite anderer Gottesheiligen und vieler Engel zur See und dem Schiffe nach, darauf die Teufel mit Dagoberts Seele waren. Darauf entspann sich ein harter Kampf zwischen Engeln, Heiligen und Teufeln um des Königs Seele, in welchem die ersteren Sieger blieben, und trugen alsbald die Engel die Seele Dagoberts in den Schoos der ewigen Gnade, die Heiligen aber kehrten in das himmlische Paradies zurück. (S. 4)

DSB Nr. 6: Die Tellensage
Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen den Tell als den Befreier von hartem und lastendem Druck, als den Schöpfer der Schweizerfreiheit, und in alle Lande ist sein Ruhm erklungen, und ist ewig fortlebend und unaustilgbar.
Es war zu den Zeiten, da Kaiser Albrecht von Oesterreich regierte, der war ein strenger und heftiger Herr, und suchte, daß er sein Land mehre; so kaufte er viele Städte, Flecken und Burgen in dem Schweizerland, setzte auch in dieselben Landvögte ein, die in seinem Namen regierten. Drei Schweizerstädte und Landschaften aber wollten nichts von dem Oesterreicher wissen noch haben; da sandte ihnen der Kaiser zwei edle Boten, den Herrn von Lichtenstein und den Herrn von Ochsenstein, die mußten den Orten vortragen, daß sie sich doch sollten in Oesterreichs Schutz und Schirm begeben, da könnten sie es mit der ganzen Welt aufnehmen und ihr trutzen, wollten sie das aber nicht, so wolle der Oesterreicher ihr Feind sein, und sollten sie sich nichts Gutes von ihm zu versehen haben. Aber da sprachen die Männer von Schwyz: liebe Herren, wir wollen dem Hause Oesterreich gern in allen Ehren zu Lieb und zu Dienst sein, aber wir wollen doch bei unsrer alten Freiheit bleiben, die noch niemalen ein Fürst oder Herzog angetastet hat. – Auf diese Rede brachen die Abgesandten rasch auf und ritten stracks nach Uri und Unterwalden, dort, dachten sie, würden sie sich gleich der Braut vermählen; es kam aber ganz anders, denn die drei Orte hatten sich schon miteinander verbunden und sich verschworen treulich zusammen zu halten, sagten auch, daß ihre Freiheit ihnen verbrieft sei von dem Kaiser Friedrich dem Hohenstaufen und Rudolph dem Habsburger und ritten die Abgesandten unverrichteter Sache von dannen. Bald darauf sendete Albrecht von Oesterreich zwei Vögte, die hießen Grißler und Landenberger. Von denen sollte Grißler ein Amtmann zu Schwyz und Uri sein, der Landenberger aber zu Unterwalden, doch sollten sie sich zu Anfang gut und freundlich erzeigen, ob sie vielleicht in Güte das Volk bewegten, allein dieses ließ sich nicht bewegen, und da erhielten die Landvögte Befehl, den Bauern alles gebrannte Herzleid anzuthun. Als dieses nun geschah, so sendete das Volk Klageboten an Albrecht, der aber ließ diese gar nicht vor sein Angesicht. Nun gingen die Sendboten zu des Kaisers Räthen, und baten sie freundlich und ernstlich, sie sollten dem Muthwillen und der Plackerei der Vögte steuern, und verhindern, daß sie mit neuer und unerhörter Schatzung das Volk bedrückten; aber die Räthe sprachen: Ihr Männer seid selber Schuld an allem Uebel, warum wollt ihr euch nicht auch in unsers Herrn Gnade, Schutz und Schirm geben? Thätet ihr solches, so hättet ihr Ruhe und guten Frieden. – Da kehrten die Gesandten traurig heim und ohne Hoffnung und sagten den Ihrigen die schlimme Botschaft an.
Damals hauste in Unterwalden ein gar redlicher Mann, der niemals Untreue verübte, der war dem Landenberger insonderheit verhaßt, und sein Name war Heinrich im Melchthal an der Halde. Zu dem sandte der Landenberger, der/ auf Burg Sarnen saß, einen seiner Knechte mit dem Gebot, den Melchthaler die Ochsen vom Pfluge abzuspannen. Flugs gehorchte der Knecht und wollte dem Manne die Ochsen vom Pfluge wegführen. Heinrich im Melchthal aber sprach: laß ab, meine Ochsen behalte ich. Hab' ich was Sträfliches gethan, so soll man mich vorfordern und richten. – Der Knecht sprach: Bauer, ich thue, was meines Herrn Gebot ist, frag ihn selbst um die Ursach! Ihr Bauern seid selber Ochsen genug, daß ihr den Pflug ziehen könnt. – Diese lose Rede hörte des Alten junger Sohn, der hieß Arnold, und nahm alsbald einen Stecken und schlug dem Knecht des Landenbergers einen Finger entzwei, daß ihm das Ochsenausspannen verging. Der Knecht entwich, die That dem Landvogt anzusagen und der junge Arnold im Melchthal entwich nach Uri. Der Landenberger ließ alsbald Heinrich im Melchthal vor sich bringen und begehrte von ihm des Sohnes Aufenthalt zu erfahren. Da nun der Alte entweder nicht sagen wollte, oder nicht wußte, wohin sein Sohn sich geflüchtet, so ließ der Landenberger dem Alten beide Augen ausstechen, nahm ihm sein Gut und trieb ihn ins Elend. Auf der Burg Roßberg hatte der Landenberger einen Pfleger sitzen, der hieß von Wolffen, das war auch einer von den Pressern, der kam in Konrads von Baumgarten Behausung, und traf, wie er schon voraus wußte, nicht den Mann, sondern nur dessen frommes und schönes Weib an, zu der er ein sonderlich Gelüsten hatte, rief sie an, indem er vom Pferde stieg, sie solle nach einem Zuber umschauen und ihm ein Bad rüsten, es sei ihm baß heiß vom starken Ritt. Und als er nun im Bade saß, da winkte er ihr, sie solle zu ihm sitzen, sie aber that als wolle sie ihm gehorchen, zuvor aber sich ihrer Röcke außen abthun, ließ ihn sitzen und lief alsbald nach dem nahen Walde, wo ihr Mann Holz haute. Der hatte gerade Feierabend gemacht, kam ihr mit der Axt entgegen und hörte ihre Noth und Klage und sprach: dem Bader will ich das Bad wohl gesegnen – und lief einen nahen Pfad – traf den Wolffen noch im Zuber, des Weibes harrend und schlug ihn mit der Axt dermaßen auf den Grind, daß der Kopf in zwei Hälften auseinander spaltete.
Der Landvogt Grißler, der zu Uri saß, hub an auf einen Bühel über Altdorf eine neue Burg zu bauen, die sollte genannt werden „Zwing Uri unter die Stegen," um so recht das Landvolk zu quälen und zu reizen, und weil der Grißler wußte, daß er allem Volke verhaßt war, und muthmaßete, es möge sich schon etwas Heimliches gegen ihn angesponnen haben, so ließ er mitten auf einem freien Platze, wo Jedermann vorüberwandelte, eine hohe Stange aufrichten, mit einem Hute darauf, und befehlen, daß Jedermann, wer es immer sei, dem Hute Reverenz erzeigen solle mit Bücken und Hutabnehmen, als ob es der Vogt selbst sei, und ließ heimlich spüren und aufpassen, wer das etwa nicht thäte und den Gruß weigerte. Darauf ritt er gen Schwyz und kam über Stein, da wohnte ein gar frommer Mann, der hieß Werner von Stauffacher, der hatte noch nicht lange zuvor ein neues Haus an seines alten Statt gebaut. Da nun der Vogt vorüber ritt, fragt er: wem gehört dieses Haus. Der Stauffacher wollte recht höflich sein, sagte nicht, daß es sein gehöre, sondern antwortete: meines Kaisers und Euer, Herr Landvogt, ich trag's von Euch zu Lehen! Beliebt Euch einzutreten? – Aber der Landvogt fuhr dem Stauffacher scheltend an: Ich bin hier an des Kaisers Statt! Hast du um Erlaubniß gefragt zu diesem Bau? Nein! Und baut ihr Bauern nicht Häuser als wenn Herren darinnen wohnen sollten? Das will ich euch wohl wehren! – Sprachs und ritt trutziglich weiter. Dem Stauffacher schmerzte die Rede sehr, aber sein kluges Weib tröstete ihn, und sagte ihm, er solle sich doch umthun bei andern Freunden, ob es überall im Lande so gethan sei, und mit ihnen Raths pflegen, daß es anders werde. Da ging Werner von Stauffacher gen Uri zu einem Freund, der hieß Walther Fürst, und bei dem fand er Arnold im Welchthal, der sich noch flüchtig hielt, und da rathschlagten die Drei miteinander und wurden eins, daß sie noch andere treue und vertraute Männer aufsuchen und mit ihnen einen Bund gegen die Druck der Vögte schließen sollten. Das gelang trefflich und ward ein großer heimlicher Bund, zu dem traten auch viele von ritterlichem Geschlecht, denn die Vögte waren auch ihnen aufsässig, nannten sie Bauernadel und adelige Kuhmelker. Darauf erkieseten die Männer des Bundes zwölf aus ihrer Mitte als ihren Vorstand, die kamen zusammen und tagten in ihren Sachen auf einer Matte, die man nennt im Gryttli an dem Vierwaldstädter-See, wie es nun werden sollte. Da riethen die von Unterwalden, man solle noch verziehen und zuwarten, weil es schwer wäre, in aller Schnelle die festen Plätze wie Sarnen und Roßberg zu gewinnen, und wolle man sie belagern, so gewinne der Kaiser Zeit, ein Heer zu senden, das sie allzumal aufreiben werde. Man solle lieber die Schlösser mit List gewinnen, Niemand tödten, der sich nicht bewaffnet widersetze, allen Uebrigen freien Abzug gewähren und dann die Festen bis auf den Boden schleifen. Als die Männer so tagten, und den großen Bund beschwuren, da entsprangen der Matte heilige Quellen.
Mittlerweile geschah es, daß ein Mann aus Uri, Wilhelm Tell geheißen, etlichemale achtlos an Grißlers Hut vorübergeht, und ihm keine Reverenz macht. Kaum ward das angezeigt, so beschickte ihn der Vogt, Tell aber sprach: ich bin ein Bursmann und vermeint nit, daß soviel an dem Hut lieg, hab' auch nit sonder Acht darauf gehabt. – Da ergrimmte sich der Vogt, schickte nach des Tellen allerliebstem Kind und sagte: du bist ja ein Schütz, und trägst Geschoß und Gewaffen mit dir rum, jetzt schieße diesem deinem Kind einen Apfel vom Kopf. – Dem Tell erschrak das Herz, und er sprach: ich schieße nicht, nehmt mein Leben. – Du schießest Tell! schrie der Landvogt, oder ich lasse dein Kind vor deinen Augen, und dich hinterdrein niederstoßen. Da betete der Tell innerlich zu Gott, daß er seine Hand führe und des liebsten Kindes Haupt schirme. Und der Knabe stand still und ruhig und zuckte nicht, umd Tell schoß und traf den Apfel. Da jauchzte das Volk laut auf und umjubelte den Tell, den meisterlichen Schützen, das verdroß erst recht den Grißler, und er schrie den Tell an, der noch einen Pfeil im Koller hatte: du hast noch einen Pfeil, Tell, sag an was hätt'st du/ gethan, wenn du dein Kind getroffen? – Tell antwortete: das ist so Schützenbrauch, Herr. – Nein das ist eine Ausrede, Tell! antwortete der Landvogt. Sag es frei, ich sichere dich deines Lebens. – Wenn Ihr denn es wissen müßt, sprach Tell, und meines Lebens mich versichert, so höret denn, traf ich mein Kind, so hätte dieser Pfeil Euer wahrlich nicht fehlen sollen. – Ha, du Schalk und Erzbösewicht! schrie der Landvogt: das Leben hab' ich dir versichert, aber nicht die Freiheit. Ich will dich an einen Ort bringen, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen soll! – hieß alsobald seinen Knechten, den Tell zu binden und ihn in sein Schiff bringen, darin er über den Urner- und den Vierwaldstädter-See fahren wollte, und von Weggis nach Küßnacht reiten. Da schuf Gott der Herr einen Sturmwind und ein schrecklich Ungewitter, daß das Wasser ins Schiff schlug, da sagten die Schiffleute dem Landvogt, daß der Tell der beste Schiffslenker sei, der allein könne sie noch aus der Todtesgefahr retten. Darauf ließ der Landvogt den Tell losbinden, der ruderte flugs mit starken Armen und brachte das Schifflein nach dem rechten Ufer, wo das Schwyzer Gelände sich hinabsenkt, da war ein Vorsprung mit einer Felsenplatte, auf diese sprang plötzlich der Tell mit seinem Geschoß und Pfeil, das er rasch ergriff, stieß mit Gewalt das Schifflein von sich und ließ es durch die Wellen treiben. Des erschraken der Landvogt und seine Letue mächtig, Tell aber entfloh eilend auf Pfaden, die ihm wohlbekannt waren. Als die im Schiff bei Laupen kamen, legte sich der Sturm, Grißler ließ aber dennoch bei Brunnen anlegen, denn er fürchtete sich nun vor dem Ungestüm der See'n. Tell wandelte auf Bergpfaden hoch über den Seethälern und sah wohin der Landvogt zog, und da fand sich zwischen dem Urt und Küßnacht eine hohle Gasse, dort harrte Tell des Vogts, und wie der durch die hohle Gasse daher geritten kam, schoß ihn der Tell mit dem aufgesparten Pfeil vom Rosse herunter, wie ein Jäger eine wilde Katze vom Baume schießt. Nach solcher That wich der Tell ungesehen von hinnen, kam im Dunkel der Nacht im Lande Schwyz in des Stauffachers Haus zu Steinen, eilte dann durchs Gebirg zu Walther Fürsten in Uri, und sagte allen an, was und wie es sich zugetragen, und daß es jetzt an der Zeit sei, lozuschlagen und das fremde Joch abzuschütteln. Nun war es nicht mehr weit hin bis zum neuen Jahr, denn als der Bund im Gryttli tagte, war schon Wintermond, und da ward zuerst Roßberg mit List eingenommen von den Unterwaldnern, und darauf Sarnen ohne Schwertschlag, und mußten alle Leute der Vögte Urphede geloben, und schwören, nimmermehr wieder in das Schweizerland zu kommen, und wurden über die Grenze vergeleitet; das noch nicht fertig ausgebaute Schloß Zwing Uri wurde wie die genannten Schlösser der Erde gleich gemacht, und Werner Stauffacher brach Schloß Louvers, das in den See hineingebaut stand.
Da nun Kaiser Albrecht von allen diesen Dingen die Kunde vernahm, gerieth er in großen Zorn, nahm gleich ein Kriegsheer, die Schweizer zu züchtigen. Aber auf diesem Zuge, da er durch den Aargau ritt, und gen Brugg wollte, wurde er von seinem eigenen Neffen, Johann von Schwaben, ohnweit Königsfelden meuchlings erschlagen. Darum behielten die Schweizer Frieden und ihre Freiheit bis auf den heutigen Tag. Das ist die Sage von der Schweizer Bündniß und der That des Tell, welche letztere, nur wie eine einzelne Alpenrose, in den Kranz der Geschichte sich einflocht. Es ist bekannt, daß die Sage am glückhaften Pfeilschuß auch in Dänemark sich findet und nicht unmöglich ist, daß die frühern Einwanderer aus dem Norden sie schon mitgebracht, und sie sich dann verjüngt hat. Ja die drei ersten Gründer des Bundes der Schwyzer, Unterwaldner und derer von Uri, – denen sich dann Zürch, Luzern, Zug, Klarus, Freiburg und Solothurn anschlossen, denen endlich Schaffhausen und Appenzell folgten, – galten und gelten dem Landvolke als drei Telle, die in einer Felskluft verzaubert schlafen, wie Kaiser Friedrich in Kiffhäuser und Kaiser Karl im Untersberge. Sollte das Schweizer Vaterland in Noth kommen, so werden die drei Telle aus ihrer Gruft hervorgehn und es aufs Neue befreien. Den Weg zu ihrer Höhle weiß keiner, nur zufällig kam einst ein Hirte, der einer verlaufenen Ziege suchend nachging, an eine Höhle, die fand er die drei Männer, und der eine Tell richtete sich vom Schlummer auf, und fragte: Welch' Zeit ist's auf der Welt? – Nachmittag! antwortete der Hirte. So ist's noch nicht an der Zeit! – sprach der Tell, und legte sich wieder zum Schlummer hin. Keiner hat nachher die Höhle wieder gefunden. (S. 5-9)

DSB Nr. 7: Luzerner Hörner und Mordnacht
Da die Schweizer aufstanden und zu Felde zogen gegen ihre Unterdrücker, gebrauchten sie allerlei Kriegsinstrumente. So hatten die von Uri einen Mann, den hießen sie den Stier von Uri, der blies ein mächtig Urhorn, das mit Silber beschlagen war; und wenn man einen Keil ins Mundstück schlug, konnte man auch daraus trefflich trinken. Die Luzerner brauchten eherne Hörner, wie die alten Römer gebraucht, die hießen sie Harschhörner, und die hatte ihnen König Karl verliehen, als sie mit ihm in der Roncevaller Schlacht gestritten, wo Held Roland fiel.
Zur Zeit, als die Schweiz sich erhob, gab es in Luzern eine Partei, die war noch gut Oesterreichisch gesinnt, die erkannten sich an den rothen Aermeln, die sie an ihren Wämsern trugen. Die versammelten sich unter dem großen Schwibbogen an der Ecke der Schneiderzunftstube, und verabredeten, daß sie um Mitternacht alle Eidgenössischen überfallen und morden wollten. Ein Bettelbube vernahm's, ward aber entdeckt und mit dem Tode bedreut, wenn er nicht schweige; mußte deßhalb einen Eid schwören, da zechten noch viele Gesellen, und der Knabe legte sich auf die Ofenbank, und seufzte:

O Ofen, o Ofen, was muß ich dir klagen,
Wel ich's bei'm Leb sonst Niemand darf sagen.
Die Landsknecht wollen, wenns zwölfe wird schlagen
Alles ermorden und alles erschlagen.

Da horchten die Zecher hoch auf, und lief alsbald einer aufs Rathhaus, ein anderer zum Glöckner, daß er nicht Zwölfe anschlage, ein dritter und vierter und fünfter zu den Zünften, und kamen den Rothmänteln zuvor. Hernachmals ist das Bild des Knaben auf der Metzgerzunftstube hinter dem Ofen gemalt lange Zeit zu sehen gewesen. (S. 9/10)

DSB Nr. 8: Die Herren von Hohensax
Zwischen dem Altman-Berge, dem Nachbar des Hohen-Säntis und dem Rheinthale, liegt die alte Stammburg der Freiherren von Hohensak. Deren einer hieß Hans Philipp, war ein ritterlicher Kriegsheld und zog ins Niederland, für dessen Freiheit er mitfocht, war ein Protestant und gerade in Frankreich, als die Ketzerverfolgung begann. Mit Mühe entrann er der Pariser Bluthochzeit. Dieser Freiherr von Hohensax hielt die alten Lieder gar werth, welche die Minnesänger in der Schweiz und in Schwaben gedichtet und gesungen hatten, und besaß von ihnen jenes hochwerthe Buch, das ein Stolz der deutschen Poesie, jetzt aber in den Händen der Franzosen ist, die es vordessen aus Deutschland entführt haben, und nimmermehr wieder herausgeben, weil man es ihnen nicht wieder genommen hat, da es rechte Zeit dazu war. Gar werth hielt der Freiherr das alte Liederbuch, da geschah es, daß ihm, manche sagen um des Glaubens Willen, sein Neffe Ulrich Georg von Hohensax erschlug, das geschah im Jahre 1559. Darauf kam das Buch mit dem unverwelklichen altdeutschen Liederschatz in die Hände und in die Liederei des Kurfürsten von der Pfalz gen Heidelberg, von wo es durch die Franzosen weggeschleppt wurde. Wunderbares aber begab sich mit dem Leichnam des Ermordeten; dieser verwesete nicht, als er in der Kirche zu Sennewald beigesetzt war, das dünkete die Umwohner ein absonderliches Zeichen, und meinten, obgleich der Verstorbene stetig ein Protestant gewesen, er müsse etwa doch ein heiliger Mann gewesen sein. Verschafften sich heimlich von ihm erst einen Finger, dann deren mehr, endlich wurde der ganze Leichnam hinweggeführt, gerade wie sein alter Liederschatz, nur mit dem Unterschied, daß die Sennewalder Klage erhoben um den Leichnam des Hohensaxers, und derselbe wieder herüber wandern mußte, da sie ihn denn noch heutiges Tages in ihrer Kirche als eine Mumie zeigen. – Vordessen lebte auch noch ein Freiherr dieses edlen Geschlechts auf Hohensax, der war mit einem Ding begabt, das nicht eben selten ist in diesen felsreichen Alpenthälern, einem Glied, das ihn ärgerte, und konnt' und mocht' es doch nicht ausreissen und von sich werfen, wie die Schrift gebeut. Da zog er mit zu Felde und in einer heißen Schlacht, in welcher Mann gegen Mann kämpfte, empfing er einen Schwerthieb, daß ihm gleich das Blut stromweis vom Halse abquoll. Doch hatte der Feind den glücklichsten Streich gethan, er hatte dem Freiherrn von Hohensax das ärgernde Glied weggehauen, seinen Kropf. (S. 10)

DSB Nr. 9: Ida von der Toggenburg
Rheinaufwärts vom Bodensee liegt die Toggenburg, der nach ihr genannten Grafen uralter Stammsitz. Darinnen wohnte eine fromme Gräfin, Ida geheißen, aus dem Stamme derer von Kirchberg. Da geschah es eines Tages, daß sie ihren Brautring in das offne Fenster legte, und die Sonne darauf schien, daß er hell blitzte. Ein Rabe sah den Ring, schoß daher, erfaßte ihn mit seinem Schnabel, und trug ihn fort in sein Nest. Wohl vermißte die Gräfin ihren Ring, doch fürchtete sie ihres heftigen Gemahls Zorn, wenn sie den Verlust ihm melde, und daher schwieg sie. Nach einiger Zeit fand ein Jäger oder sonst ein Diener im Walde des Raben Nest, und in dem Nest den Ring der Herrin, ohne daß er wußte, wem der Ring gehörte, steckte ihn an seinen Finger und trug ihn sonder Scheu. Da sah und erkannte der Graf seiner Gemahlin Ring, den er ihr selbst gegeben, am Finger des Knechts, glaubte sie treulos, ließ alsbald den unschuldigen jungen Gesellen am Schweif eines wilden Pferdes den felsigen Burgweg hinab zu Tode schleifen, und warf die ebenso unschuldige Gemahlin vom Söller des Palas hinab in den waldigen Felsenabgrund. Aber Engel schirmten die Unschuld; sanft sank Ida von unsichtbaren Händen getragen, durch schützendes Gezweig auf weiches Moos. Inbrünstig dankte sie den Heiligen für ihre wunderbare Rettung und wandelte weit von der Burg hinweg in eine unwegsame Wildniß. Dort erbaute sie sich eine Hütte von Gezweig, und lebte als Einsiedlerin nur dem Gebet und der Andacht. Wasser war ihr Getränk, Waldbeeren und Wurzeln waren ihre Nahrung. Bald darauf sagte ein Diener dem Grafen von seines Mitgesellen Ringfund im Rabennest. und nun lastete seine That schwer auf des Grafen Seele. Einstmals verirrte sich unversehens ein Jäger des Grafen in diese Waldeinöde, und fand die Einsame. Schnell trug er diese Kunde zu seinem Herrn, der längst jene übereilte That eines doppelten Mords ohne Verhör und Richterspruch bereute, und der Graf eilte zu der Einsiedlerin, wollte sie wieder hinauf in sein Schloß führen, und erflehte ihre Vergebung. Aber Ida ließ sich nimmer bewegen. Der Graf von Toggenburg nahm das Kreuz, entbot seine Dienstmannen rings im Schweizerlande, und zog mit ihnen, zur Büßung und Entsühnung seiner That, nach dem heiligen Lande, dort gegen die Ungläubigen zu fechten. Dort kämpfte er mit in großen Schlachten, und machte seinen Namen gefürchtet – aber es zog ihn die mächtige Sehnsucht im Busen immer wieder nach der Heimath zurück; immer noch hoffte er, Ida werde sich wieder mit ihm einigen, denn nie hatte er sie mehr geliebt, als seit er sie wieder gefunden. Und nach einem Jahre schiffte er wieder der Heimath zu. Aber da er nach Ida fragte, ward ihm die Kunde, daß sie im Kloster Fischingen den Schleier genommen, und dort lebe, still und heilig. Da that der Graf sich allen ritterlichen Geschmuckes ab, hing Wehr und Waffen in seine Kapelle, und pilgerte hinab gen Fischingen als armer Einsiedler, erkor sich einen Platz in der Nähe des Klosters, darin lebte, büßte und betete der Graf, bis er starb. (S. 11)

DSB Nr. 10: Der Pilatus und die Herdmanndli
In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslithal, und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel (= besonders viel, sk) Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die sonst in seinem Geklüft (= seinen Felsspalten, sk) wohnten, die heißen Herdmanndli. Der Pilatus das ist der rechte und wahre Broch- oder Brockenberg der Schweiz, auf wälsch Frarmont (mons fractus) geheißen, auf lateinisch aber mons pileatus, Hut-Berg, weil im Land die bekannte Rede geht:

Hat der Pilatus einen Hut
So steht im Land das Wetter gut.

Aber es geht die Sage, daß nach Christi unseres Herrn Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan seinen Leichnam hergetragen, und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der hat weder Zu- noch Abfluß, und ist wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen, ein unheimlicher Moorgrund. Lange hat die Sage gelebt, daß wer etwas in den See werfe, alsbald ein heftiges Unwetter mit Hagel und Wolkenbrüchen errege, wie auch das Gewässer den Krienser Boden und Luzern, die Stadt, in den Jahren 1332 und 1475 in große Noth gebracht, darum hat man Fremde nicht gern hinzugelassen, und das Hineinwerfen von Steinen oder Holz bei Leib- und Lebensstrafe verboten. In diesen See habe sich der römische Lamdpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt, andere sagen, der Teufel habe ihn hinein gesteckt. Die Herdmanndli, die wohnten vielfach in der Pilatus-Höhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hülfreich, gar „gespässige Lüeth" wie die Hirten sagen, sie verrichteten Nachts der Menschen Arbeit; kamen vom Berg auch herunter in die Thäler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten, als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer ihre Füße sah. einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zweiglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürten (= Hürden, geflochtene Gestelle, sk), daß hernach gutes Kirschwasser gebrannt werden konnte, der Hirt war daber neugierig, zumal mocht' er gern die Füße der Herdmanndli sehen, war her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahre wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirte lachte, und sagt' es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse was für Füße die Herdmanndli haben. Die Zwerge ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Heerde, zerknickten dem Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hülfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirte aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher, und hat nicht lange gelebt. (S. 12/3)

DSB Nr. 11: Die Bergmanndli schützen Heerden und Fische
Die Bergzwerge schätzen und lieben die Gemsen, sie wollen nicht, daß die Jäger sie tödten, und manchem Alpenjäger ist es deshalb schon gar schlecht ergangen. Guten Jägern, denen sie wohl wollten, haben sie wohl auch das eine und das andre Stück z'weg gestellt (= schussgerecht hingestellt, sk), der durft' aber denn bei Leib und Leben nit mehr schießen, als mit den Bergmanndli veraccordirt (= vereinbart, sk) war, sonst schmissen sie ihn die Felsen hinunter und bließen ihm das Lebenslicht aus elendiglich. Da war einmal ein Gemsjäger, der verstieg sich hoch in die Felsen, auf einmal stand ein eisgraues Bergmanndli vor ihm da, und sprach ihn zornig an: was verfolgst du meine Heerde? – Der Jäger war ganz erschrocken und sprach: hab' ich doch nit gewußt, daß die Gemsen dein sind. – Sprach der Berggeist: du sollst jede Woche vor deiner Hütte ein Gratthier finden, aber du hütest dich und schießest mir kein andres. – So geschah's, der Jäger fand alle Wochen den frischen Braten, der macht' ihm aber gar keine Freud', er konnte die Jagdluft nicht bezwingen, stieg wieder hinauf zu Berg und Holz, ward auch bald eines Gemsen-Leitbocks ansichtig, auf den legte er rasch an, zielte und schoß – aber wie er losdrückte, hob sich hinter ihm der Berggeist aus dem Boden, und zog ihm die Haxen unterm Leib weg, daß er niederstürzte, und in den Abgrund hinunter schmetterte.
In Malters saß ein Untervogt, der hieß Hans Bucher, der wollt auch gern einmal ein Herdmanndli sehen; war gar ein eifriger Fischer und Jäger, aber sonst ein frommer Mann, stieg eines Tages hinauf am Pilatus, folgte dem Rümligbach und wollte gern Forellen fangen, da sprang ihm jählings ein Herdmanndli hinterwärts auf den Rücken und drückte ihn mit solcher Gewalt mit dem Gesicht in den Bach nieder, daß er schier vermeinte, er müsse versaufen. Dabei sagte das Herdmanndli zürnend: ich will dir wohl lehren, meine Thierlein fangen und jagen. – Als der Untervogt nach Hause kam, war er halb todt und sah im Gesicht aus, wie der Tod von Ypern; war auch auf der einen Seite erlahmt, und kam nimmermehr auf den Berg zu jagen oder zu fischen.
In Obwalden war ein alter Landammann (= Amtmann, sk), der hieß Heinrich Immlin, der hat selbst erzählt, wie er einmal zum Pilatus hinangestiegen auf die Gemsjagd, da begegnete ihm ein Zwergmanndli, und heischte (= verlangte, sk), er solle flugs (= schnellstens, sk) umkehren. Nun ist der Landammann ein starker stattlicher Mann gewesen, der spottete des Zwergs und sagte: He, du wirst wohl große Macht haben, mir was zu wehren! – Kaum gesagt, so sprang ihn der Zwerg an, drückt' ihn an einen Felsen, schwer wie ein Pferd, daß ihm schier die Seele ausfuhr, und die Sinne ihm vergingen. Lag da eine halbe Stunde für todt, bis die Seinen ihn fanden, erquickten und heimführten. (S. 13)

DSB Nr. 12: Die Herdmanndli ziehen weg
Es ist schon viel gesagt, wie gut gegen die guten Menschen die Berglütlenen (= Bergzwerge, die Kleinen, sk) des Pilatus waren; kleine, zwei Fuß hohe Männlein mit grünen oder grauen Röckchen, mit Füßen, die man nicht sah, langem Silberbart bis zur Erde herunter, die hüteten das edle Gestein im Berge, waren den Menschen hülfreich, kamen wohl auch und begehrten Speise, liebten insonderheit das Schweinefleisch, und wer ihnen gab, hatte es gut und erfreute sich ihrer Gunst. Wenn ihnen die Sennerinnen etwas Milch bei Seite stellten, so molken und fütterten sie, und waren ganz heimisch bei den Mägden; sie konnten auch wahrsagen aus Karten und Händen, und waren geschickt zu allen Dingen, aber erzürnen durfte man sie nicht. Wem sie im Sommer beim Heuen halfen, der konnte zufrieden sein, sie mehreten das Heu wunderbar. Manchmal sahen sie auch dem Heuen zu und halfen nicht. Einstmals verdroß das einem Heuer, der machte mit noch einem Kameraden, bevor die Arbeit anging, ein Feuer auf den Felsstein, darauf die Herdmanndli zu sitzen und zuzusehn pflegten, und kehrten dann geschwind Asche und Kohlen vom heißen Steine weg. Als die Manndli kamen und den Stein betraten, verbrannten sie sich ihre Füße. Da schrien sie überlaut. O böse Welt! O böse Welt! – und kamen nimmermehr wieder.
So auch kamen Bergmanndli vom Pilatus ins Haslithal von der Flüh herunter, den Heuern zuzuschauen; die waren gewohnt sich auf die Aeste und Zweige eines schattigen Ahornbaumes zu setzen. Das merkten Schälke und sägten die Aeste knapp durch, daß die armen Manndli herunterfielen. Da erhuben sie ein jämmerlich Geschrei und riefen:

O wie ist der Himmel so hoch!
O wie ist die Untreu so groß!
Heute hier und nimmermehr!

Und nachher hat sich im Haslithal niemals wieder eins sehen lassen. (S. 14)

DSB Nr. 13: Der Dürst
Um den moorigen See auf dem Pilatus und im ganzen Berggehege tobt der Dürst, das ist der Wilde Nachtjäger, wie in Thüringen, im Voigtland und am Harz, der hat zur Gesellschaft auch ein gespenstig Weib, wie der Hackelberg die Tutosel, der wilde Jäger Thüringens die Frau Holle, und der Voigtlands die Frau Berchta, die heißen sie drunten im Entlibuch, hart an des Bergstocks Westwand: das Posterli, und in Luzern kennen sie die Sträggele, die, wie die Hollefrau und die wilde Berchta den faulen Mägden die Rocken wirrt. Mit gar wildem Saus und Braus führt der Dürst über die Almen daher, reißt und rüttelt an den Sennhütten, bricht mächtige Baumstämme, wirft Felsen in die Gründe, und führt wohl auch Kühe mit sich hoch in die Luft, die nimmer wieder herunter kommen oder halbtodt und ausgemolken etwa erst am dritten Tag. Wenn ein Hirte das gewahr wurde, konnt' er noch Einhalt thun durch den Alpsegen, wenn er den zeitig durch einen Milchtrichter rief, daß der Dürst ihn noch hören konnte, so sank die entführte Kuh ganz sanft wieder auf die Matte nieder.
Auf der Bründler Alp über Eigenthal kann man wohl noch heute den Alpsegen im Abendruf der Sennhirten vernehmen, der lautet gar wunderbar durch die Feierstille der Natur, wie Orgeltöne und Glockenklang, und wiederhallt aus allen klüften die Flichbanden nieder, wie Geistermusik. Das ist der Ruf und der Segen: Ho – ho – ho – öh – ho! – ho – hi – ho – ho! Ho lebe! ho lobe! – Nehmet alle Tritt in Gottes Namen, in unsrer lieben Frauen Namen! Lobi Jesus, Jesus, Jesus Christ! Ave Maria! Ave Maria! Ave Maria! Ach lieber Herr Jesus Christ, behüt gott aller Leib, Seel, Ehr' und Gut, was in die Alp gehören thut. Das walt' Gott und unsre herzliebe Frau, das walt' Gott und der heilige Sankt Wendel! Das walt' Gott und der heilige Sankt Antoni! Das walt' Gott und der heilige Sankt Loy! – (Aloysius.) (S. 14/5)

DSB Nr. 14: Von Drachen und Lindwürmen
Auf dem hohen Pilatus hat es Drachen und Lindwürmer vollauf gegeben, die haus'ten in unzugänglichen Höhlen und Schluchten des gewaltigen Alpenbergstocks. Oft haben Schiffer auf den Seen sie mit feurigen Rachen und langen Feuerschweifen vom Pilatus herüber nach dem Rigi fliegen sehen. Solch ein Drache flog einstmals in der Nacht vom Rigi zurück nach dem Pilatus; ein Bauer, der von Horn bürtig, die Heerden hüthete, sah ihn, und da ließ der Drache einen Stein herunterfallen, der war wie eine Kugel geformt und glühend heiß; der war gut gegen allerlei Krankheit, wenn man davon eine Messerspitze voll abschabte und dem Kranken eingab. Zu andrer Zeit hat man einen grauslichgroßen Drachen aus dem Luzerner See die Reuß hinaufschwimmen sehen.
Einstmals ging ein Binder oder Küfer aus Luzern auf den Pilatus, Reisholz und Holz zu Faßdauben zu suchen; er verrirrte sich, und die Nacht überfiel ihn, mit einem Male fiel er in eine tiefe Schlucht hinab. Drunten war es schlammig, und als es Tag wurde, sah er zwei Eingänge in der Tiefe zu großen Höhlen, und in jeder dieser Höhlen saß ein gräulicher Lindwurm. Diese Würmer flös'ten ihm viel Furcht ein, aber sie thaten ihm kein Leid; sie leckten bisweilen an den feuchten salzigen Felsen, und das mußte der Küfer auch thun, damit fristete er sein Leben und das dauerte einen ganzen Winter lang. als der Frühling ins Land kam, machte sich der größte Lindwurm auf, und flog aus dem feuchten Loche heraus mit großem Rauschen; der andre kleinere kroch immer um den Küfer herum, liebkoste ihn gleichsam, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß er doch auch mit heraus sollte. Der arme Mann gelobte Gott und dem heiligen Leodager in die Stiftskirche im Hof zu Luzern ein schönes Meßgewand, wenn er der Drachengrube entrinne, und als der zweite Drache sich anschickte, aufzufliegen, hing er sich ihm an den Schweif und fuhr mit auf, kam also wieder an das Licht, ließ sich oben los und fand sich wieder zu den Seinen. Doch lebte er nicht lange mehr, weil er der Nahrung ganz entwöhnt war, hielt aber Wort und sein Gelübde, ließ ein prächtiges Meßgewand fertigen, darauf die ganze Begebenheit sticken und alles in das Kirchenbuch einzeichnen. Es soll diese Wundergeschichte sich ereignet haben 1410 oder 1420, und vom 6. November des einen Jahres bis zum 10. April des folgenden hauste der Küfer bei den Lindwürmern. (S. 15/6)

DSB Nr. 15: Winkelried und der Lindwurm
Zu Wylen, einem Dorfe, nicht weit vom Pilatus, saß ein Mann, der hieß Winkelried, und in der Nähe droben am Berge hauste ein schädlicher Lindwurm, der fraß Menschen und Vieh, und verödete den ganzen Landstrich, so daß ihn die Umwohner Deb-Wyler nannten. Nun hatte der Einwohner Winkelried ob einer Mordthat Leib und Leben verwirkt, und war flüchtig worden, der sandte Botschaft, daß er, wenn man ihn wieder annehmen wolle, Muth habe, den Lindwurm zu bestehen. Diesen Kampf vergönnte man ihm gern, er bewahrte sich gut mit scharfem Schwert, und statt des Schildes hielt er in der linken Hand eine Dornwelle. Diese stieß er dem Drachen, so wie der auf ihn losfuhr, in den weitaufgesperrten Rachen hinein. Das waren dem Lindwurm zu viele Zahnstocher auf einmal; er wand und krümmte sich, und so wie Winkelried eine Blöße sah, stieß er ihm mit sichrer Hand das Schwert in den Leib. Der Lindwurm sank todt nieder, von seinem Blute troff Winkelrieds Schwert, der schwang es hoch und freudig als Sieger und hatte sein Leben gewonnen, aber nur um es alsbald zu verlieren. Denn vom Schwert ab floß das Drachenblut und rann ihm über die Hand und den Arm, das brannte alsbald, wie Feuer der Hölle, und der Held starb an diesem Brand. Da Land hatte er befreit, das Drachenloch wird noch heute gezeigt.
Ein andres Drachenloch zeigt man bei Burgdorf mitten im Berner Lande. Es zogen zwei Herzoge von Lenzburg aus zu jagen, die waren Brüder und hießen Syntram und Bertram, oder nach andern Guntram und Waltram, und kamen in einem wilden Wald an ein wüstes Geklüft, darin lag ein ungeheurer Drache, der ebenfalls die Landschaft umher zur Einöde machte. Als der die jungen Jäger gewahrte, fuhr er alsbald auf sie los und schlang den Bertram, den jüngsten, mit Haut und Haar durch seinen weiten Schlund hinab, Syntram aber fiel voll Muth den Drachen an, hieb ihm den Kopf ab, schnitt ihm den Leib auf, und half seinen Bruder, der noch lebendig war, heraus. Danach ließen die Brüder der heiligen Margaretha zu Ehren eine Kapelle an dem Orte erbauen und die That durch ein Bild verewigen. (S. 16)

DSB Nr. 16: Kastelen Alpe
Auf der Kastelen Alpe wohnte ein reicher Bauer, der hatte viele Heerden und Matten, und drunten in Kriens hatte er eine arme Muhme, die war Wittwe, hatte nur eine einzige Tochter und nährte sich mit dieser gar kümmerlich, lag auch schwer an der Gicht darnieder. Da entschloß sich das Meidli hinauf auf die Alp zum reichen Vetter zu gehen, und ihn um eine Unterstützung anzusprechen. Da stieg ein schrecklich Gewitter am Himmel auf, als sie auf der Alpe ankam, ihr aber ward kein Trost und keine Gabe, nur Hohn und Scheltworte, und sie ließen droben auch trotz des drohenden Wetters das Mägdlein wieder fort gehen. Das kam tüchtig in das Wetter und erreichte mit Noth die Hütte eines Sennen, das war ihr Bube Aloys, der hatte noch einen kleinen Käs, den gab er ihr für sie und ihre Mutter. Raschen Schrittes eilte die Dirne abwärts, da glitt sie auf der glatten Trifft, fiel hin, und der Käs wollte in die Tiefe, unaufhaltbar in unzugängliche Felsklüfte. Weinend und kummervoll schaute die arme Dirne dem entrollten Käse nach, da faßte etwas ihre Hand, und sie erschrak zum Tode, und bei ihr stand so ein klein winziges graues Herdmanndli, das hatte auf seiner Schulter das verloren gegangene Stückchen Alpenkäse, etwa so groß wie ein Viertelsmühlstein, und in der Hand ein Büschel Kräuter, und sprach: magst den Käs' mit heim nehmen, und deiner Mutter von den Kräutern einen Thee kochen, sollst nicht mehr hülflos weinen. – hoch droben im Gebirg aber tobte das Unwetter noch fort, über alle Maaßen grülich, und war ein Donnern, Tosen und Krachen, als ginge die Welt unter. Wie das Maidli zu Mutter kam, war der Käs ein Stück so schweres Gold geworden, und vom Kräuter-Thee wurde die Mutter ganz gesund. Ueber die Kastelen Alp aber hatte sich im Gewitter ein Bergsturz geschüttet, bis Matten verwüstet, die Heerden erschlagen und ein Stein, etwa so groß wie ein Alpenkäs hatte dem geizigen Vetter einen Fuß abgeschlagen. Später ist er noch zu seiner Muhme Hause gehinkt gekommen und hat gebettelt. (S. 16/7)

DSB Nr. 17: Blümelis-Alpe
Im Berner Oberland liegt ein Bergzug, die Klariden geheißen, darauf waren herrliche Weiden, alle voll der kräftigsten Alpenkräuter und Blumen, so daß jede Kuh des Tages dreimal gemolken werden konnte und jedes Melken dritthalb Maas in den Milcheimer gab. Da war auch eine Alp, die war absonderlich schön, triftreich, und ganz voll Blumen, deswegen hieß mn sie auch die Blümelis-Alp. Darauf hatte ein reicher Hirte sein Haus, das war ihm weit nicht schön genug, wollt's schöner haben, baut' ein großes neues, baute eine Treppe von eitel Käsen, darüber ging er mit seiner liebsten Sennerin, seinem Hund und seiner Kuh, und wenn die Käsetreppe schmutzig geworden war, so ließ er sie mit Milch abwaschen. Im Thale wohnte des Hirten fromme Mutter, die wußte nichts von ihres Sohnes Frevel und gottlosem Thun, ging einmal eines Sonntags hinauf auf die Blümelis-Alpe, wollte die Sennerei besuchen, und erdürstete sehr, bat deshalb, als sie kam, um einen Labetrank. Die Sennerin sah die Alte gar ungern kommen, und der Sohn desgleichen, und beide fürchteten deren Vorwürfe, und wollten sie gern bald wieder hinab haben. Und als die Alte trank, fand sie, daß eine ruchlose Hand auf die Milch gestreut hatte. Da wandte sich die Alte alsbald von hinnen, schritt die Alpe hinunter, stand drunten still, hob die Hände empor und verwünschte die Gottlosen. Alsbald brach ein Wetter los, wie wenn der jüngste Tag käme und der kam auch für die Blümelis-Alp und für Alles, was auf ihr lebte, Hirt und Sennerin, Kuh und Hund – Haus und Gehöft – Alles fand seinen Untergang, und über die Alpe lagerten sich Gletschereis und Felsentrümmern. Auf diesem öden Gefild spukte nachher der Geist des Hirten umher und klagte:

„Ich und mein Kathryn,
Min Kuh Brandlin,
Und min Hund, der Rhyn
müssen stetig uf Klaride syn!"

Es geht die Sage, diese umirrenden Geister wären zu erlösen, wenn einmal an einem Charfreitag eine frommer Senne die gespenstige Kuh ganz stillschweigend ausmelke, der Dornen an den Handschuhen habe. Einstmal wagt' es einer, ob die Kuh sich wegen der Dornen noch so wild stellte, und hatte schon den Eimer halb voll. Da klopft' ihn ein Mann auf die Schulter, und fragte: schäumt's auch wacker? – Der Senn vergaß des Schweigens Bedingung und sagte: o ja, es schäumt wohl. – Da riß mit einem Ruck die Kuh sich los, trat den Eimer um, und verschwand, und die Geister der Blümelis-Alp blieben unerlöst. (S. 17/8)

DSB Nr. 18: Der ewige Jude auf dem Matterhorn
Hoch im Alpengebirge, ohnweit Wälschlands (= Italiens, sk) Grenzen und dem hohen Monte Rosa, des Name schon italienisch genannt wird, hebt sich ein mächtiger Bergstock, das Matterhorn geheißen, darunter liegt der Matterberg mit einem Gletscher, dessen ablaufendes Gewässer die Visper bildet, welche noch ihre Wellen nach deutschem Boden herabrollt. Da droben, wo jetzt nur das Schweigen der Oede lagert, oder das Eis der Gletscher donnernd kracht, habe voreinst, so geht die Sage, eine blühende Stadt gelegen. Dahin sei auf seiner ewig rastlosen Wanderung auch der ewige, oder, wie man in der Schweiz sagt, der laufende Jude gekommen, da haben die Leute ihm angesehen, daß er der laufende Jude war, und kein Mensch habe ihn in sein Haus aufnehmen wollen. So habe der laufende Jude gesagt, indem er bekümmert über der Menschen Härte hinweggegangen: jetzt finde ich hier eine Stadt, und wenn ich werde wieder kommen, wird hier doch wachsen Gras und werden stehen Bäume, und werden liegen große Felsen, und wird nichts mehr zu sehen sein von Häusern und Gassen, Mauern und Thürmen. Und wenn ich nochmal werde kommen wieder, wird hier doch nichts mehr zu sehen sein von Gras und Kräutern, Bäumen und Steinen, sondern als nur Schnee und Eis, und wird liegen, als so lang ich noch muß wandern. – Und alles ist so in Erfüllung gegangen wie der laufende Jude gesagt hat, der wandern muß bis an der Welt Ende, weil er unsern Heiland auf seinem Todtes/gange nicht Ruhe vor seiner Hausthüre vergönnt hat, und wird allemal, wenn er hundert Jahre alt geworden, wieder so jung, wie unser Heiland war, da er nach Golgatha wanderte.
Tiefer drunten im Visperthale, wo man von oben herein in das Nicolaithal eingeht, liegt ein Dorf unterm Weißhorn, das heißt Täsch, und über Täsch rechter Hand lag auf sonniger Matte noch ein Dorf gleichen Namens, da stand einmal eine reiche Bäuerin, die hatte überm Feuer einen Kessel mit Anke (Rahm) den sott sie, und sollte gute Butter geben. Da kam ein armer alter Mann herein und bat, sie smöge ihm doch ein Weniges von ihrer Anke zur Speise geben, ihn hungere gar sehr. Geh weg, du Lump! sagte die Frau: hier ist nichts übrig für solche Strohmer. – O Bäuerin! sprach der Mann: hättest du mir etwas gegeben, so hätt' ich deinen Kessel segnen wollen, daß er nimmermehr leer geworden, so aber sei verflucht mit dem ganzen Dorfe! – Und da krachten alsbald droben der Cimagipfel und das Mittaghorn zusammen, und schütteten Fels auf Fels herunter, und der ganze Ort wurde unter Trümmern begraben, und blieb nichts mehr sichtbar, als die Fläche des Kirchenaltars, und über diesen fließt jetzt ein Bächlein aus dem Praborgne-Gletscher, der das Dorf überdeckt, herunter nach Täsch durch die Felsenschluchten in die Visp. (S. 18/9)

DSB Nr. 20: Das Paradies der Thiere
Hoch droben auf dem Matterberge ist eine Stelle, die aber keiner, oder doch gar selten einer finden kann, die hat der laufende Jud nicht mit verwünschen können, weil sie von Gott gefeit ist vom Anbeginne; da ist kein Schnee und kein Eis, da ist Sonne und Freude, Wonne und Weide, da quillt erst eigentlich mit leisem Gewisper die Visper hervor, die später erst unter dem Alp-Gletscher zu Tage rinnt, dort ist das Paradies der Thiere. Da gibt es herrliche Steinböcke und Gemsen, Adler und Geier, Schneehühner und Birkhähne, auch Murmelthiere und keines beleidigt das andere, alle leben da friedlich beisammen. Nur alle dreimal sieben Jahre darf und kann ein Menschenauge in dieses Bergparadies der Alpenthierwelt blicken, wo es so wonnevoll und schön ist, alles voll Alpenrosen und Gentianen (= Enziane, sk), und von zwanzig Gemsenjägern glückt das auch kaum einem einzigen. Da stehen uralte Pinienbäume und Ahorne, und die Pinien tragen Zapfen, deren Kern süß schmeckt, wie Mandeln, das sind die Zirbelnüsse. wem es glückt, in das Paradies der Thiere zu treten, der darf wohl von den Zirbelnüssen nehmen und kosten, aber nimmermehr ein Thier fangen oder tödten, sonst kostet’s ihm das Leben. Viele haben in die uralten heiligen Platanenstämme zum Zeichen ihres Alldagewesenseins ihre Namen geschnitten. Außerdem sieht man selten noch einen Steinbock und selten eine Pinie, und die stehen hoch und schwer erreichbar. Denn es geht die Sage, daß es zwar deren viele und überall gegeben habe, da habe aber die Dienerschaft immer gern die Nüsse genascht, und darüber und mit Auskernen viel gute Zeit hingebracht und versäumt, da habe die Meisterschaft diese Bäume verwünscht und nun seien sie unfruchtbar geworden, oder unzugänglich. (S. 20)

DSB Nr. 29: Vom treuen Eckart
Alte deutsche Heldenlieder singen und sagen vom treuen Eckart, dessen Gedächtniß blieb lange bei den Deutschen, wegen seiner Ehrbarkeit und Frömmigkeit. Er war ein Held und Herzog im alten Breisgau, und Herr im Elsaß, vom Geschlecht der Harlunge, und war Vormund und Pfleger zweier jungen Harlungen, welche die Bruderssöhne Kaiser Ermenrichs waren, und Vettern des berühmten Dietrich von Bern. Der Eckart übte allzeit Treue und war schon dem Vater der Harlunge ein treuer Rathgeber gewesen; Kaiser Ermenrich aber hatte einen Rathgeber, der hieß Siebich, von dem sollen alle ungetreuen Räthe in die Welt gekommen sein. Dieser verleitete den Kaiser zu bösen Thaten. Und Ermenrich erschlug die jungen Harlunge, Erkart aber rächte sie, indem er mit anderer Helden Hülfe den Ermenrich wieder erwürgte, und um dieser That willen hoch gepriesen ward. Die Harlunge hatten einen reichen Schatz, der ward in einen Berg verzaubert, das ist der Bürglenberg bei Breisach, und diesen Harlungenhort hat hernachmals der Geist des treuen Eckart gar sorgsam gehütet und jeden gewarnt, der ihn für sich erheben wollte, denn er sollte dereinst wieder an den rechten Erben fallen, und diesen zu einem mächtigen Herrn des Landes machen. Darum sei im Volke das Sprüchwort entstanden: du bist der treue Eckart, du warnest Jedermann. Ob aber das derselbe treue Eckart sein soll, der im Thüringerlande vor des Hörseelberges Höhle sitzt und vor dem wüthenden Heer warnend wandelt, bleibt in dem Dunkel der alten Sagen geheimnißvoll verhüllt. (S. 26)

DSB Nr. 30: Der Zähringer Ursprung
Es geschah, daß ein König vertrieben war vom Reich, und entflohn mit Weib und Kindern und seinem Gesinde, setzte sich mit ihnen auf einen Berg, richteten sich kümmerlich ein, und lebten in Armuth und Kümmerniß eine gute Zeit. Endlich ließ der König ausrufen im Lande umher: wer da wäre, der ihm Hülfe thun wolle, sein Reich wieder zu erlangen, der solle sein, des Kaisers Tochtermann und zu einem Herzog gemacht werden. Nun lebte hinter dem Berge Zähring ein Köhler, der brannte Kohlen im Walddickicht, und da begab es sich, daß er einstmals, als er die Meilerstätte räumte, einen schweren Klumpen geschmolzenen Metalles fand, und das war gutes Silber. Und als der Köhler wiederum kohlte, geschah es wieder eben so, und immer fort, und war als ob der Berg das/ Metall aus sich gebäre, und gewann der Köhler einen großen Schatz. Da er nun vernahm, was der vertriebene König ausrufen ließ, so nahm er eine Last seines Silbers und trat vor jenen und sprach, er wolle sein Sohn werden, seine Tochter freien und mit seinem Schatz rings umher das Land sich zum Eigen erwerben, auch ihm, dem König, soviel seines Schatzes geben, daß er sein ganzes Reich wieder gewinnen könne. Deß war der vertriebene König sehr froh, schlug den Köhler zum Ritter, gab ihm seine Tochter zum Ehegemahl. Und der Köhler ließ nun das Silber schmelzen, erbaute Zähringen, die Burg und den Ort, und erwarb alles Land umher, und der König machte ihn zu einem Herzog von Zähringen. Der König hat hernachmals mit seines Eidams Gut all sein Land und Volk wieder gewonnen, ist wieder ein mächtiger Herr und Kaiser geworden, und der Ort und Berg, wo er hingeflüchtet war, und seinen Sitz allda genommen, heißt noch bis auf den heutigen Tag der Kaiserstuhl. Die Zähringer aber wurden ein mannlich (= mannhaftes, tapferes, sk) Geschlecht, und waren hochgeehrt im ganzen Gau. (S. 26/7)

DSB Nr. 31: Das Riesenspielzeug (Bild: Die Riesentochter. Aus: A. v. Chamisso: Das Riesenspielzeug. Scholz Kinderbücher)
An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschthales im Elsaß, liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Fräulein bis schier gen Hasloch, das war des Burgherrn riesige Tochter, die hatte noch niemals Menschenleute gesehen, und da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte, das dünkte ihr etwas sehr Gespaßiges, das kleine Zeug; sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihr Schürztuch aus, und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein, schlug die Schürze um sich herum, hielt's mit der Hand recht fest, und lief was sie nur laufen konnte, und sprang eilend den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten, die sie that, war sie droben, und trat jubelnd über ihren Fund und Fang vor ihren Vater, den Riesen hin, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte. Als der die Tochter so mit freudeglühendem Gesicht eintreten sah, so fragte er: nu min Kind, was hesch so Zwaselichs (= Zappeliges, sk) in di Furti (= in deiner Schürze, sk)? Krom's us, krom's us! – O min Vater! rief die Riesentochter: gar ze nettes Spieldinges ha i funden. – Und da kramte sie aus ihrem Vortuch aus, Bauer und Pferd und Pflug, und stellt's auf den Tisch hin, und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. Ja min Kind – sprach der alte Riese: do hest de ebs Schöns gemacht, dieß is jo ken Spieldings nitt, dieß is jo einer von die Burn (= Bauern, sk); trog alles widder fort und stells widder hin ans nämlich Plätzli, wo du's genommen hast! – Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte und greinte, der Riese aber ward zornig und schalt: Potz tasig! daß de mir nett murrst! E Bur ist nitt e Spieldings! Wenn die Burn nett ackern, so müssen die Riesen verhungern! – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram als wieder forttragen, und stellte alles wieder auf den Acker hin./
Diese Sage wird auch von manchem andern Ort in Deutschland erzählt, und zwar auf ganz ähnliche Weise vom Schlosse Blankenburg oder Greifenstein ohnweit Schwarzburg im Thüringerland, auch vom Lichtenberg im Odenwalde, allwo gewaltige Riesen hausten. (S. 27/8)

DSB Nr. 35: Sankt Ottilia
Es saß auf Hohenburg ein stolzer Graf, Herr Attich geheißen, dessen Frau gebar ihm ein Mägdlein, und das war blind. Darob ergrimmte Herr Attich und schrie: ein blindes Kind will ich nicht, fort mit dem Wurme und schlagt ihm den Schädel an einem Felsen ein! und tobte fort, die Mutter aber sandte alsbald die Amme in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseit der Alpenberge in Friaul, dort war ein Frauenmünster und dorthin ward Herrn Attichs Töchterlein gebracht. Im Baierlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus, der hörte im Traume eine Stimme: mache dich auf gen Palma in das Stift, dort findest du ein blindes Mägdelein, das sollst du taufen und Ottilia heißen. Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind, und taufte es und segnete es, und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und ward sehend. Und Ottilia blieb im Frauenmünster zu Palma, erwuchs darinnen züchtiglich, erlernte die Orgel schön zu spielen, der Blumen zu pflegen und ihrer Pflichten treulich zu warten. – Herr Attich aber ward vom Himmel heimgesucht, daß er Reue und Leid fühlte ob seines von ihm verstoßnen Kindes Willen, und es trieb ihn zu einer Pilgerfahrt nach Wälschland, sein Kind zu suchen, und da er der Tochter Aufenthalt erfahren, zog er des rechten Weges, und hörte nun in Andacht das Wunder, das mit ihr sich begeben und führte sie zurück nach Hohenburg und an das Herz ihrer Mutter. Glanz und Reichthum umgab das holde fromme Kind, aber das alles lockte sie nicht, und auch als der Ruf ihrer Schönheit und Lieblichkeit sich in/ der Gegend verbreitete, und Freier angezogen kamen, die gern um ihre Hand werben mochten, zeigte sie sich allen abgewendet, wollte allein des Heilandes Braut sein. Da nun unter diesen Freiern ein reicher Graf des Gaues war, so gelobte Herr Attich diesem sein Kind zum Ehegenoß und gebot Ottilien, sich nicht länger zu weigern. Das erschreckte die fromme Jungfrau gar sehr, sie suchte Trost und Rettung im Gebet, und fand endlich einen Rathschluß, welcher kein anderer war, als schnelle Flucht. Da nun der Bräutigam am Morgen angeritten kam, war die Braut abhanden, und nirgend zu finden. Boten ritten und liefen wohl im Vogesengebirge umher und auf und ab all um den Rhein und keiner fand Herrn Attichs Tochter, bis nach dreien Tgen endlich die Kunde kam, Ottilia sei in einem Schifflein über den Rhein gefahren, mutterseelenallein und mochte wohl ein Engel ihr Ferge gewesen sein. Da forschten nun ihr Vater und der Graf gar fleißig nach ihr und waren weit aus, und kamen bis gen Freiburg im Breisgau, und als sie dort im Thale ritten, sahen sie auf einmal auf einer Bergeshöhe die Jungfrau wandeln, und sprengten eilend hinan. Wie nun Ottilia ihre ihr schon nahen Verfolger erkannte, erschrak sie heftig, und rief den Himmel um seinen Schutz an, und da sie an eine Felswand kam, die ihre Schritte gänzlich hemmte, da that vor ihr die Wand sich auf, und schloß sich wieder hinter ihr zu. Aus dem Felsen aber rieselte alsbald ein klarer Wasserquell und die Verfolger standen davor und wußten nicht, wie ihnen geschehen war.
Nun begann Herr Attich, aufs Neue in sich zu gehen, seufzte nach der Tochter, blieb an der Quelle und rief dem starren Fels das Gelübde zu, wenn Ottilia wieder zu ihm komme, so wolle er an diesen Ort eine Kapelle bauen, und aus seiner Burg ein Kloster, und das mit reichem Gut begaben. Solches alles geschah, und der Brunnen aus dem Fels ward der Ottilienbrunnen geheißen, und übte wundersame Kraft an kranken Augen. Ottilia aber wurde Aebtissin des neuen Klosters, pflegte und heilte Kranke, ward ein Schutzengel des ganzes Gaues, ließ an den Bergesfuß noch ein Kloster, Niedermünster, bauen, und als sie endlich sanft und selig verschieden, ist sie heilig gesprochen worden, und ward die Patronin der Augen und von Augenleidenden insonderheit angerufen. (S. 30/1)

DSB Nr. 45: Die Juden in Worms
Mitten im Wein- und Wonnegau am gesegneten Rheinstrom, im Mark der Pfalz, erbauten Völker der Frühzeit das uralte Worms; dort haben schon Juden gewohnt nahe sechshundert Jahre vor Christi, unsers Herrn Geburt. Die waren in Verbindung geblieben mit dem Lande ihrer Väter, mit Palästina, als aber den Priestern zu Jerusalem einfiel, ihnen zu befehlen, sie sollten hinwegziehen aus dem allzufernen Lande, damit die Männer nach Jehova’s Gebot die drei hohen Feste zu Jerusalem mitfeiern könnten, und wenn sie nicht kämen, würde die Strafe ihres Gottes sie treffen – da schrieben die Juden zu Worms an den hohen Rath zu Jerusalem zurück: Ihr wohnet im gelobten Lande, und wir wohnen im gelobten Lande; ihr habt einen Tempel, und wir haben einen Tempel; ihr habt eine Gottesstadt, und wir haben eine. – Und der Todtenhof dieser Juden hieß der heilige Sand, der war hoch mit Sand bestreut, welcher aus Jerusalem gen Worms geschafft worden war, soviel vermochte ihr Reichthum. Als die Juden zu Jerusalem den Weltheiland kreuzigen wollten, hatte die Judengemeinde/ zu Worms nicht dazu gewilligt, vielmehr in einem ernsten Schreiben davon abgemahnt, das hat ihr hernachmals gute Frucht getragen, denn die Kaiser haben sie mit großen Freiheiten begabt, und es ist das Sprüchwort im Reich ergangen: Wormser Juden, fromme Juden. Sie hatten einen Vorsteher aus ihrer Mitte, der hieß der Judenbischof. Er war der erste der drei obersten Rabiner, die es in Deutschland gab, zu Worms, zu Prag und zu Frankfurt am Main. (S. 39/40)

DSB Nr. 48: Die Königstochter vom Rhein
Vor grauen Zeiten soll das alte Worms auch die Hauptstadt des burgundischen Reiches gewesen sein. Ein Zigeunerweib stahl aus der Insel des Rosengarten eine Königstochter in einem kleinen Badewännlein, und trug sie über den Rhein. Niemand wußte, wo das Kind hingekommen. Sein Vater grämte sich zu Tode, und seine Mutter starb fast vor Herzeleid. Achtzehn Jahre gingen darüber hin, da ritt der Königssohn durch einen Wald, fand dort ein Wirthshaus und kehrte ein; den Wein den er begehrte, brachte ihm eine schöne Jungfrau, die ihm über alle Maaßen wohlgefiel. Da er nun eines Fußbades begehrte, so rüstete ihm das die Maid mit frischen grünen Kräutern und brachte es in einem Badewännlein dargetragen. Die Wirthin aber war ein häßliches, altes, braunes Weib, die gab der Maid böse Rede, und sagte dem jungen Rittersmann, den sie nicht kannte, daß jene nur ein Findelkind sei, vor langen Jahren von ihr angenommen und auferzogen zu einer Dienstmagd. Wie aber der Königssohn sich das Badewännlein ansah, gewahrte er mit Staunen daran das Burgundische Wappenschild, und dachte bei sich selbst: wie kommt dieses Wännelein mit dem Wappen meines Stammes in dieses schlechte Wirthshaus? Und da fiel ihm bei gehört zu haben, daß vor langen Jahren sein Schwesterlein zusammt dem Wännchen, in dem es gebadet worden, aus dem Rosengarten verschwunden sei, und daß seine Mutter ihm oft erzählt, das Schwesterlein habe ein Malzeichen am Halse gehabt, und dasselbige Zeichen entdeckte nun alsobald der Königssohn am Halse der Dienerin. Da grüßte und umfing er sie als seine liebe Schwester, und als die Wirthin eintrat, fragte er diese, von wem und von wannen sie diese edle Jungfrau habe? Die Wirthin erschrak gar sehr, zitterte und erbleichte und fiel auf die Kniee. Sie hatte, da die Wärterin nur auf eine kurze Zeit sich ent/fernt, Kind und Wännlein davon getragen und war eilend in einem Kahn über den Rhein hinüber gefahren.
Da zog der Königssohn sein Schwert, das war sehr spitz und scharf, und stach die böse Wirthin damit in das Ohr, daß die Spitze zum andern Ohr wieder heraustrat, hob die Maid sammt dem Wännelein auf sein Roß und ritt gen Worms zu seiner Frau Mutter. Die Königin wunderte sich baß, als sie das Paar so seltsam daher reiten sah, und fragte ihren Sohn: welch eine Dirne bringst du uns daher? Sie führt ja ein Wännelein mit sich, als wenn sie mit einem Kinde ginge? – Frau Mutter, ich bringe keine Dirne, sondern Euer verlornes Kind, mein lieb Schwesterlein, sammt dem Wännelein, darin es Euch geraubt ward vor achtzehn Jahren! – Bei dieser Rede fiel die Königin vor Freude in Ohnmacht, und als sie wieder in den Armen ihrer Kinder erwacht war, priesen alle drei den Herrn. (S. 41/2)

DSB Nr. 52: St. Katharinen's Handschuh
Gar eine schöne Schildsage hatten die edlen Herren von Handschuchsheim, deren Letzter im Jahre 1600 des Todes verblich, indem ihn Friedrich von Hirschhorn zu Heidelberg auf offnem Markt zur Nachtzeit auf den Tod verwundet hatte, und mit derem ersten sich das Folgende soll begeben haben. Er war ein frommer junger Ritter, der ging fleißig zur Kirche, und es geschah, daß er im Gebet vor dem Altare der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Katharina einstmals entschlummerte. Da sah er drei überirdisch schöne Jungfrauen vor sich stehen, doch die mittelste war die schönste von den dreien, die sprach: wir kommen, dich anzuschauen, und deine Augen sind geschlossen; siehe uns an, und willst du dir ein Gemahl erkiesen, so wähle eine von uns dreien. Da sah der junge Rittersmann an der Palme und am Zackenrad, welches Flammen umweberten, daß St. Katharina selbst es war, die zu ihm gesprochen, und gelobte sich ihr mit allen Freuden. Sie aber setzte ihm einen Rosenkranz auf das Haupt, deß Rosen dufteten/ wie Blüthen des himmlischen Paradieses, und verschwand. Der Ritter, als er von seinem Traumgesicht erwachte, fand wirklich den Rosenkranz, und bewahrte ihn heilig, und fand, daß dessen Rosen nicht welkten. Nun drangen aber seine Verwanden in ihn, daß er sich vermähle, hatten ihm auch schon eine sehr tugendsame adelige Jungfrau auserkoren, und er konnte sich der Heirath nicht entschlagen, führ aber doch fort, seiner himmlischen Verlobten in Andacht zu dienen. Seine Hausfrau nahm indeß bald wahr, daß der junge Gemahl sie nicht selten verließ, absonderlich (= besonders, sk) des Morgens, wo er nach der Kirche ging, und argwöhnte Schlimmes, fragte auch ihre Kammermagd, wohin ihr Herr wohl immer gehe. Diese nährte nur den Verdacht der Frau, indem sie sprach, es dünke ihr, daß er zu des Pfaffen Schwester schleiche. Da ward die Frau unsäglich betrübt und weinte sehr, und als ihr Gemahl sie fragte, warum sie weine, so sagte sie ihm ihren Verdacht und ihren Kummer an. – Du bist thöricht, antwortete ihr der Ritter: die ich so inniglich minne, ist des Pfaffen Schwester nicht, ist eine viel höhere und schönere – und wandte sich hinweg von seiner Frau. Dieser brach solche Antwort fast das Herz, zumal sie gesegneten Leibes sich befand, und in Unsinnigkeit der Eifersucht ergriff sie ein Messer und stach sich’s in den Hals.
Da der Ritter nach Hause kam vom Gebet und das Unheil sah, erschrak er, daß ihm das Herz kalt ward, und fiel in Ohnmacht, und als er wieder zu sich kam, raufte er sein Haar und klagte aller Schuld sich an und rief unter tausend Thränen seine Heilige um Schutz und Beistand. Da erschien ihm die heilige Katharine abermals sichtbarlich mit ihren beiden Jungfrauen, und sprach: auf dein Gebet und meine Fürbitte ist deine Frau wieder lebendig geworden, und hat ein Töchterlein geboren! – und neigte sich über ihn, und wischte mit ihrer Hand über seine thränenquillenden Augen, daß die Hand ganz davon überfeuchtet wurde, und siehe, da ward aus dem Thränennaß ein Handschuh, so weiß und zart, wie das Häutchen im Ei, und St. Katharina streifte ihn sanft ab, und entschwand mit ihren Begleiterinnen, und der Ritter fand den Handschuh in seiner Hand liegen. Indem so kam ein Bote, der ihn suchte und rief: Herr! dein Gemahl lebt und hat ein Töchterlein geboren. – Da ging der Ritter freudenvoll heim, umarmte und küßte Weib und Kind, und beide lobten Gott und die heilige Katharine. Die Frau ließ ein Kloster bauen, und der Ritter that eine Bußfahrt in das heilige Land, und als er zurückkam, ließ er jenen Rosenkranz und den Handschuh, den er auf seinen Helm gebunden mit sich geführt, und der in allen Gefahren ihn wunderbarlich geschirmt hatte, in der Kirche zum Gedächtniß aufbewahren, nahm auch den Handschuh auf in sein Wappenschild, und nannte sein Geschlecht und seinen Sitz Handschuchsheim. (S. 44/5)

DSB Nr. 54: Eginhart und Emma
Kaiser Karl der Große hatte einen jungen Kapellan, Eginhart geheißen, der ihm auch als Geheimschreiber treulich diente, und von welchem jenes großen und mächtigen Kaisers Leben beschrieben worden ist. Dieser liebte des Kaisers Tochter Imma oder Emma, und wurde von ihr heftig wieder geliebt, doch fürchteten sich beide, dem mächtigen Herrscher Karl ihre Leidenschaft zu entdecken, weil Imma bereits dem Könige von Byzanz verlobt war. Da geschah es, daß Eginhart in einer Nacht zu Imma kam, und mit ihr von ihrer Liebe redete, bis der Morgen fast zu grauen begann. Aber während die Liebenden heimlich beisammen waren, fiel ein starker Schnee, und als Eginhart von seiner Geliebten hinweggehen wollte, da er über den Hof der Kaiserpfalz zu Ingelheim, wo sich dieses zutrug, wandeln mußte, erschraken beide sehr, denn sein Fußtritt von ihrem Gemach aus mußte ihn ohnfehlbar verrathen. Da ersann Imma eine List, sie gürtete sich und trug den Geliebten auf ihrem Rücken durch den Schnee über den Burghof bis zur Stelle, wo er sicher war, und kehrte dann in ihre eigenen Fußstapfen vorsichtig tretend, wieder zurück. Alles war still und alles schlief, nur der große Kaiser nicht. Dieser wachte und sah aus seinem Gemach hinab in den Schloßhof, und erkannte mit Schmerz die eigene Tochter – doch er schwieg. Der junge Kanzler aber gelobte sich nach der ertragenen Angst, des Kaisers Hof zu verlassen, kniete nieder vor seinem Herrn und bat ihn zu entlassen. Da der Kaiser nach der Ursache solcher Bitte fragte, so wandte Eginhart Mißmuth vor, sein Dienst werde ihm nicht gehörig vergolten, und was er sonst für Ausreden brauchte. Der Kaiser versprach dem Jüngling baldigen Bescheid, setzte aber ein Gericht an, zu dem er seine weisesten Räthe und Richter berief, und trug ihnen vor, was sich begeben habe und was er mit Augen gesehen; heischte nun, da er in eigner Sache nicht Richter sein wollte, ihren Rath und ihr Urtheil. Da stimmten die Räthe und Richter fast allzumal für Milde und Verzeihen, und der große König, ob er auch im Herzen zürnte, mußte ihnen zuletzt beistimmen. Darauf ließ er seinen Schreiber vorfordern und sprach zu ihm: schon lange hätte ich deine Dienste besser vergolten, hättest du mir früher dein Mißvergnügen entdeckt, nun will ich dir meine Tochter Imma zur ehelichen Frau geben, welche dich hochgegürtet so williglich durch den Schnee getragen hat. Und sandte nach der Tochter, und Imma kam mit hohem Erröthen, und ward ihrem Herzgeliebten alsobald angetraut. Der Kaiser begabte seine Kinder reich mit Ortschaften, Waldungen und Feldern, und hielt Eginhart gar hoch in seinem Herzen. Als aber der große Kaiser verstorben war, da sehnte Eginhart sich vom Hofe hinweg mit seiner lieben Imma in beschauliche Stille, und König Ludwig der Fromme, Karols Sohn, begabte ihn mit zwei königlichen Villen im Odinwald, die hießen Michlinstadt und Mühlenheim. Nach einer Reihe glücklich verlebter Jahre wandte sich das Herz der Verbundenen mehr und mehr dem Himmel zu. Michlinstadt schenkten sie dem berühmten Kloster Lorsch, von dem überkamen es die Schenke von Erbach, die später Reichsgrafen wurden. Beide lebten fortan geistlich, nur noch als Bruder und Schwester verbunden; Eginhart ließ sich die Priesterweihen ertheilen und erbaute eine Kirche mit Klosterzellen zu Obermühlheim, ließ dorthin heilige Leiber aus Rom kommen, und als seine Imma verstorben war, ließ er sie in seinem Kloster beisetzen, dessen erster Abt er wurde. Selig sei die Statt, wo du ruhest, sprach er an der Asche der Treugeliebten, und wo wir in Liebe Selige gewesen – und fortan wurde der Ort Seligenstadt genannt.
Andere sagen, Karl der Große habe die Liebenden von seinen Augen verbannt und verstoßen, und sie haben lange dort um Seligenstadt in einer Waldeinöde beisammen gewohnt, bis der Kaiser auf seiner Jagd sie einst unvermuthet wiedergefunden, und aus Freude jene Stätte selbst Seligenstadt genannt habe. Da auch Abt Eginhart verstorben war, wurden seine Gebeine neben denen seiner Imma beigesetzt und ihnen dann ein kostbarer Sarkophag, darinnen sie ruhten, errichtet, und da nun die erlauchten Grafen von Erbach zu Erbach ihren Stamm von diesem edlen Paare ableiten, so ist durch Geschenk von hoher Fürstenhand ihnen dieser alte Sarkophag verehrt worden, und wird als das kostbarste Alterthum zu Erbach noch bewahrt. Nicht minder aber ward zu Seligenstadt ein herrlicher andrer Marmorsarkophag mit den Gebeinen der Gründer der dortigen Kirche in derselben aufgestellt, und so ist es gekommen, daß Eginhart's und Emmas's Sarg an zwei verschiedenen Orten gezeigt wird, und doch jeder von beiden der wahrhaftige ist. (S. 46-48)

DSB Nr. 66: Die heilige Bilhilde
Zu Hochheim am Main saß ein Geschlecht edler Franken, und noch gewahrte man in neuern Zeiten beim Ziehbrunnen allda Reste ihres Burgsitzes. Das war zu den Zeiten Chlodowigs, des Frankenkönigs. Dieses Geschlechtes einer hieß Iberich, dem ward ein Töchterlein geboren, das wurde Bilhilde geheißen, aber es emfping nicht die heilige Taufe, weil durch Feindesverheerung alle Priester ermordet oder entwichen waren. Doch sendeten die Aeltern das junge Töchterlein in seinem dritten Jahre gen Würzburg zu Kunegunde, einer Verwandten, und dort empfing es Lehre, und wurde unter die Zahl junger Katechumenen (= Taufbewerber, sk) von den Priestern aufgenommen. Zur Taufe gelangte das Kind aber den/noch nicht, denn man hielt es für getauft und es selbst wußte nicht, daß es noch nicht der Taufe Sakrament empfangen. Das Mägdlein wuchs und blühte heran in Tugend und Gottesfurcht. Bilhilde blieb frei von Heidengräueln, die dazu mal noch neben dem Christenthum im Frankenlande heimisch waren, und der Ruf ihrer Schönheit, Frömmigkeit und Sitte drang weit umher in alle Gauen. Davon vernahm auch Hetan, des Thüringer Herzogs Ratulf Sohn, der war schon einmal vermählt gewesen, und hatte zwei Söhne und warb um die junge Bilhilde; Hetan aber war noch ein Heide und Bilhilde nahm ihn nur auf den dringenden Wunsch ihrer Aeltern zum Gemahl, und in der Hoffnung, es werde ihr gelingen, ihn zum milden Christenthum sammt den Seinen zu bewegen. Solches gelang ihr aber mit nichten, zu ihrer großen Kümmerniß, daher lebte sie sehr still und schmucklos, in den Uebungen strenger Kasteiung und Buße. Hetan fand den Tod in der Schlacht, und seine Wittwe empfand ein Sehnen nach íhrer Mutter, auch ward ihr von dem Thüringervolke mit Undank gelohnt, daß sie die Christuslehre unter ihm auszubreiten bemüht gewesen, sie wurde verfolgt und zur Flucht genöthigt, und stieg mit ihren Jungfrauen zur Nacht in ein Schiff, ohne Steuer und Fährmann. Aber Engel erschienen, die lenkten das Schifflein an allen Untiefen und an allen Klippen glücklich vorüber auf der langen weiten Stromfahrt, von der fränkischen Saale in den Main und vom Main an Hochheim vorüber und landete in Mainz an, wo Siegbert. Bilhilden’s Ohm, Bischof geworden war, der empfing die fromme Jungfrau gar liebevoll, gab ihr Wohnung, und half ihr zum Besitz ihres Erbes in Hochheim, denn ihre Aeltern waren indeß verstorben. Darauf stiftete die fromme Bilhilde ein Kloster, Altenmünster zu Main von ihrem Erbgut, lebte gottergeben, züchtig, mildthätig, bis ihr Lebensziel fast erreicht war. Da träumte dreien Nonnen im selben Kloster, dem Bilhilde als Aebtissin vorstand, daß ihre Mutter und Oberin noch gar nicht getauft sei, und offenbarten es ihr, aber sie wollte und konnte das gar nicht glauben, bis es durch ein anderweites Gesicht (= durch eine zweite Vision, sk) oder durch die Stimme eines Engels auch ihrem Ohm (= Oheim, Onkel, sk) offenbart wurde, der dann die fromme Christin in den Christenbund aufnahm. Nachher hat Bilhilde sich dem Weltleben völlig abgethan, und als sie verstarb, erschien ein Lichtgalnz um ihre irdische Hülle, und Wohlgeruch erfüllte ihre Zelle. Kranke genaßen in ihrer Nähe, Blinde wurden sehend und Todte wandelten. Bilhilde wurde die erste Heilige des Frankenlandes.
Viele sagen, Bilhilde sei noch bei Leben ihres Gemahls Hetan auf so wunderbar geleitetem Schifflein nach Mainz gekommen. Auch liegt eine Meile unterhalb Würzburg am Mainstrom ein Ort, heißt Veitshochheim, der hat sich auch, gleich Hochheim, Bilhilden’s Herkunft, und daß sie ihm entstamme, angenommen, hat ihr einen eigenen Festtag gestiftet und bewahrt und verehrt vom ihr Reliquien. (S. 58/9)

DSB Nr. 75: Die Wisperstimme
Ohnweit Lorch am Rhein liegt eine Mühle im Wisperthale und am Wisperbach, darinnen lebten der Müller, seine Frau und einige Kinder ganz gut und glücklich. Das Haus lag dicht am Berg, auf dem die alten Schlösser Kammerberg, und Rheinberg stehen. Einer Zeit geschah es, daß die Müllerin eine Stimme hörte, als wispere ihr Jemand in das Ohr, und sahe doch Niemand – und dann wisperte es von Neuem: gehe hinauf auf Kammerberg, hebe den Schatz im Thurm – er ist dir bestimmt – der Schlüssel steckt am schwarzen Kasten. – Die Frau dadurch beunruhigt, erzählte ihrem Manne, was sie immer um sich flüstern und wispern hörte, der aber sagte: Possen! Träumerei! Hirngespinnste – kehre dich nicht an solche Dinge – unser Schatz ist der weiße Mehlkasten! – Aber die Frau hörte die Wisperstimme fort und fort und hatte keine Ruhe mehr und hatte auch Lust zum Schatz, wenn der ihr doch einmal bescheert sei – und eines Morgens, da der Müller weit oben im Thale am Wehr in der Wisper zu bauen hatte, und nicht so bald nach Hause zu kommen gedachte, ging die Frau mit ihrem jüngsten Kinde, einem Säugling, in aller Stille hinauf auf den Kammerberg. Der Müller aber vollendete sein Geschäft früher, und kam nach Hause, es war gerade Mittag und Essenszeit, aber die Müllerin fehlte. Wie er nun nach der Mutter fragte, so sagte ihm sein ältester Knabe, daß seine Mutter mit dem jüngsten auf dem Arm schon vor ein paar Stunden den Berg hinauf gegangen sei. Eilend rannte der Müller hinauf und als er in die Trümmer eintrat, hörte er die Stimme seines wimmernden Kindes – die aus der Oeffnung eines halb verfallenen Thurmgewölbes drang, stieg hinab, und fand darin sein Weib leblos am Boden liegen. Eilend zieht er Frau und Kind aus dem Gemäuer, und trägt und schleppt beide hinab in sein Haus. Dann ist nach langer Ohnmacht die Müllerin zu sich gekommen und hat erzählt, die Wisperstimme habe ihr Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, sie habe hinauf gemußt, und die Stimme habe ihr auf dem Wege noch zugewispert, sie solle ganz ohne Furcht und bangen sein, es werde ihr nichts geschehen, nur reden solle sie um keinen Preis. Sie stieg in das/ Thurmgewölbe hinab – da stand der Kasten, da stak der Schlüssel, sie öffnete – da lag das blanke Gold – sie durfte nur nehmen – da hört sie plötzlich ihren älteren Knaben hinter sich rufen: Mutter! Mutter! und antwortet unwillig: was giebts!? und da thut es einen entsetzlichen Krach, als berste der Thurm und stürze das Gemäuer auf sie und ihr Kind nieder, und eine Stimme ruft aus: Weh! weh! warum redest du? Nun bin ich wieder unerlöst auf aber (= noch einmal, sk) hundert Jahre! und da ist es der Müllerin schwarz vor den Augen geworden. – Und als sie das alles ihrem Mann erzählt gehabt, ist sie in eine tiefe, schwere Krankheit verfallen, und nach drei Tagen ist sie eine Leiche gewesen. So hat es der Wispermüller selbst erzählt im Jahr des Herrn Achtzehnhundert und vierzehn. (S. 68/9)

DSB Nr. 76: Die glühenden Kohlen
Im Städtchen Lorch am Rhein, da wo die Wisper in den Strom fällt, steht an der Stadtmauer auch eine Mühle, deren Räder die raschen Wellen der Wisper treiben. Einer Nacht erwachte die Magd in dieser Mühle sehr früh, es war ganz hell, und sie meinte schon, sich verschlafen zu haben, und eilte, das Feuer in der Küche zu schüren. Da gewahrte sie, wie sie durch das Küchenfenster in den Hof hinab sah, einen Haufen glühender Kohlen, und ging eilend hinab, um davon um so schneller für ihr Herdfeuer Brand zu gewinnen. Drunten lagen um das Kohlenfeuer einige ihr unbekannte fremde Männer, sie aber fuhr, ohne sich an diese Münner zu kehren, mit ihrer Schaufel in die Kohlen hinein und kehrte mit der Schaufel voll in das Haus zurück. Aber als sie die Kohlen auf den Herd schüttete, so glühten sie nicht mehr, sondern waren erloschen. Sofort lief die Magd noch einmal hinaus, und holte wieder eine Schaufel voll – es ging aber gerade wie beim ersten, die Kohlen waren todt. Und nochmals rannte die geschäftige Magd hinaus, da sprach einer der Männer mit tiefer Stimme: du höre! dieses ist das letzte Mal. – Die Magd erschrak und befiel sie ein Bangen, doch sprach sie kein Wort, und eilte nur, daß sie wieder an ihren Herd kam. Aber die Kohlen waren abermals erloschen. – und jetzt hob die Thurmuhr auf der Stadtkirche aus und schlug – und die Magd horchte, und wollte gern wissen, wie früh es wäre und zählte drei – vier – sechs – sieben – so spät konnt’ es doch noch nicht sein – acht – neun – was ist das? und die Uhrglocke schlug immer zu, und schlug zwölf – und im Hof verschwand das Kohlenfeuer, verschwanden die Männer. Der Magd gruselte fürchterlich – sie eilte in ihre Bettkammer, kroch tief unter die Decke und betete so viele Seufzerlein und Reimgebetlein, als sie konnte und wußte. Am Morgen verschlief sie sich in aller Form, und statt ihrer trat der Müller zuerst in die Küche, der traute seinen Augen kaum, als er auf dem Herd statt glühender Kohlen einen Haufen glitzender Goldstücke liegen sah, nahm den Schatz und erbaute sich davon ein neues Haus zu Lorch, gab auch der Magd ihren guten Antheil vom durch sie gewonnenen Reichthum. (S. 69)

DSB Nr. 92: Die heilige Genofeva
Zu Pfalzel, sonst Pfälzel, (kleine Pfalz) an der Mosel, steht ein gethürmtes Haus, das Genofevenhaus geheißen, da lebte zu Erzbischof Hildulfs in Trier Zeiten ein Pfalzgraf Siegfried, der hatte eine treue und fromme Gemahlin, eines Herzogs Tochter aus Brabant. Aber es geschah, daß Siegfried in das heilige Land ziehen mußte, ließ daher sein Weib in seiner Pfalz am Moselstrome zurück und übergab sie in die Obhut eines vertrauten Dienstmannes, des Namens Golo. Bevor der Pfalzgraf aber von hinnen schied, letzte er sich mit seiner Genofeva noch einmal herzlich, und sie empfing einen Sohn von ihm. Golo aber war ein schlimmer Hüter, er entbrannte in Liebe zu der schönen Herrin, und begann Ränke zu schmeiden, schrieb falsche Briefe, als sei Siegfried mit all den Seinen im Meere ertrunken, und las sie der Pfalzgräfin vor, und gestand ihr seine Liebe, und wollte sie umarmen, sie wehrte ihn aber mit einem Faustschlag ins Gesicht ab; nun verwandelte sich seine Liebe in bittern Haß; er entzog der Pfalzgräfin alle Bedienung, und als ihre Stunde nahte, wo sie des Söhnleins entbunden werden sollte, hatte sie Niemand zum Beistand, als eine alte Waschfrau. Da kam Botschaft in ihr Haus, daß ihr Herr lebe und heimkehre, deß erschrak Golo, der Verräther, bis zum Tode und suchte Rath bei einem alten Hexenweibe, das rieth ihm teuflischen Rath: Golo solle dem Pfalzgrafen einreden, der schöne Sohn Genofeva’s sei mit nichten der seine, wie er selbst berechnen könne, sondern Draco’s des Kochs. Solches that Golo, indem er seinem Herrn entgegenreiste; da ward Siegfried sehr betrübt und wußte nicht, wie er sich des Weibes, das ihn nach des Lügners treulosem Bericht, geschändet hatte, abthun solle. Da rieth Golo, daß er Genofeva sammt ihrem Kinde an ein Wasser führen und sie/ beide ersäufen wolle, und Siegfried willigte ein. Darauf bestellte Golo zwei Knechte, die mußten Genofeva und ihren Sohn hinwegführen, und sollten sie umbringen, so oder so. Unterwegs aber jammerte den Knechten die schöne Frau und das schöne Kind, und sprachen untereinander: was kann diese Frau verbrochen haben? Und was hat sie uns gethan? Sollte ihr zu sterben bestimmt sein, brauchen wir ihr doch nicht das Leben zu nehmen. Wir wollen dem Hund, der da mit uns läuft, die Zunge ausschneiden, und Golo zeigen, zum Wahrzeichen, daß wir die Frau getödtet, und sie gehen lassen.
Und so thaten die Knechte, und ließen die arme Genofeva mit ihrem Kinde trostlos und weinend und betend in öder Wildniß zurück. Das Kind nannte Genofeva Schmerzenreich, es zählte noch keine dreißig Tage, und der Schmerz vertrocknete alle Milch in seiner Mutter Brust. Da flehte die arme junge Mutter zur Mutter aller Schmerzen und aller Seligkeiten, und die ewige Jungfrau neigte der Verlassenen liebend ihre Gnade zu. Aus dem Waldesdickigt trat eine Hindin (= Hirschkuh, sk), die lagerte sich vor Genofeva hin, und Genofeva legte ihr Söhnlein an die Zitzen des Thieres, sich selbst aber nährte sie mit dem, was der Wald bot, und baute auch für sich und ihren Sohn eine Hütte aus Holzstämmen, Reissig, Dornen und Moos, da blieb sie sechs Jahre und drei Monate, und sah kein anderes Wesen, als die treue Hindin.
Da geschah es, daß der Pfalzgraf Siegfried einmal in dieser Gegend des Waldes jagte, und da trieben die Hunde die Hirschkuh auf, welche mit ihrer Milch Genofeva und ihren Knaben ernähren half. Jäger und Hunde folgten dem Wild und die Hinde floh zur Hütte Genofeva’s und kniete zu dem Knaben hin, und Genofeva wehrte mit einem Stock die nachhetzenden Hunde ab. Jetzt kam der Pfalzgraf, mit Staunen sah er das Weib im Walde, fast aller Kleidung entblößt, durch diese lange Zeit, und der Pfalzgraf vermeinte, es sei etwa ein verlaufenes heidnisches Weib oder eine Zigeunerin, und rief sie an: bist du eine Christin? – Sie antwortete: ich bin eine Christin – aber gieb mir deinen Mantel, daß ich mich bedecke – das that Siegfried und fragte sie, warum sie keine Kleider habe, und so einsam im wilden Walde hause? – Meine Kleider sind vor Alter zerschlissen – sagte sie. – Wie lange wohnest du in diesem Walde? Und weß ist dieser Knabe? Wer ist sein Vater? Und wie heißest du! – Auf diese Fragen antwortete Genofeva: sechs Jahre und drei Monate wohne ich einsam in diesem Walde! Der Knabe ist mein Sohn, und seinen Vater kennt Gott so gewiß, als ich ihn kenne. Und Genofeva ist mein Name! – Bei diesem letzten Wort erschrak der Pfalzgraf, und sein Kämmerling trat zu ihm und sprach: Herr, trügt mich nicht die Erinnerung, so ist das wahrhaftig unsere Frau, die schon so lange gestorben sein soll – schaut doch nach dem Muttermal an ihrem Halse. – Und siehe – sie hatte das Mal. Der Pfalzgraf war abseit getreten und wußte nicht, was er beginnen solle, und sprach: sehet doch, ob sie auch den Trauring noch trägt. – Und sie trug ihn noch. Und es kam über den Pfalzgrafen ein unsaglicher Schmerz und eine tiefe Reue, und er eilte zu Genofeva hin und schlang die Arme/ um sie und küßte sie und herzte den Knaben, und rief: ja, das ist mein Weib! das ist mein Sohn! – Und Genofeva erzählte, wie es ihr ergangen durch Golos Teufelstücke (= teuflische Tücke, sk) und Verrath, und da kam dieser, sich nichts von diesem Ereignisse versehend, da zürnten ihm die Mannen des Pfalzgrafen und wollten ihn niederstoßen. Aber der Pfalzgraf gebot ihnen Einhalt, und sagte, daß dieser Verräther des Todes von Ritterhand nicht werth sei. Vier Ochsen, die noch an keinem Pfluge gezogen, wurden genommen, und an jeden Fuß und an jede Hand des Missethäters wurden Seile gelegt, und an die Ochsen gespannt und diese dann nach vier Seiten getrieben. So ward Golo lebendigen Leibes in vier Theile zerrissen.
Nun wollte Siegfried seine Gemahlin auf sein Schloß führen und aller Ehren theilhaft werden lassen, allein sie willigte nicht ein, sondern sprach: hier an diesem Ort hat die heilige Jungfrau mich beschirmt und behütet, die wilden Thiere unsichtbar abgewehrt, durch die Hinde (= Hindin, sk) mein Kind erhalten, dieser Ort soll meine Stätte bleiben, und der Königin aller Engel geweiht werden. Dem willfahrte der Pfalzgraf Siegfried, sandte zu Hildulf, dem Bischof, und ließ durch ihn die Stätte weihen, und ordnete auf Genefeva’s Bitten den Bau einer Kirche an. Die Pfalzgräfin wohnte nun unter besserm Dach, allein sie konnte keine künstliche Speise mehr vertragen, sondern nur die gewohnte Waldkost und lebte nach dem Wiederfinden nur noch wenige Tage; sie starb froh und selig, und ruhte in der neu erbauten Waldkapelle zu Unser Frauen Kirchen, ohnweit Mayen, und es sind allda manche Wunder geschehen, und ist die Geschichte von der frommen Genofeva durch alle Lande gegangen. Aber nicht allein in Pfalzel sondern auch in Mayen, das im Maifelde liegt, wird ein Genofeventhurm gezeigt, und die Frauenkirche alldort soll die rechte sein. Bisweilen soll man noch Genofeva hinter dem Hochaltar sitzen und spinnen sehen. (S. 83-85)

DSB Nr. 110: Immenkapelle
Im Kloster Altenberge lebte auch ein Klosterbruder, der war des Klosters Bienenvater, und schien nicht mit sonders hellem Geist begabt, viel eher am Verstande beschränkt, doch gar sinnig treu vom Herzen. Da man nun das Allerheiligste durch die Fluren trug unter Gesängen und Litaneien, der Saaten Wachsthum und Gedeihen zu fördern, so dachte der Bienenvater in seiner Einfalt, wenn die heilige Hostie dem Korn und Waizen Gedeihen gebe, so könne, werde und müsse sie das auch dem Honig und Wachse, nahm heimlich eine geweihte Hostie und legte sie in das Bienenhaus in einen leeren Korb von Glas. Da schwärmten alsbald die Immen herbei, und bauten um das Heiligthum von eitel Wachs ein überaus kunstvolles Sakramentshäuschen mit Thüren, Kuppeln, Thürmchen, Spitzbogen, Pfeilern und gar wunderzierlichem Schmuck. Darauf kamen die Thiere des Feldes, und beugten sich vor dieser wunderbaren Monstranz. Da nun die Brüder solches Wunder anstaunten, bekannte der Bruder bienenvater, was er gethan, und da erhob man das Sakramenthaus der Immen und stellte es unter Absingung frommer Hymnen in der Klosterkirche auf, das Bienenhaus aber ward abgebrochen und an seine Stätte eine Kapelle gebaut, die nannte man hernach stetig die Immenkapelle. Der Klosterbruder Bienenvater aber ward von der Zeit noch stiller und in sich gekehrter, und starb bald darauf. (S. 100)

DSB Nr. 124: Kaiser Karl kehrt heim (Bild: Otto Ubbelohde, Illustration zu Grimms Deutschen Sagen)
Im Dome zu Aachen steht ein Stuhl, der ist elfenbeinern, daran ist uraltes Bildwerk zu erschauen, und das ist der Stuhl Kaiser Karl des Großen. Als zu einer Zeit der starke Held auszog in das Heidenland, die Heiden zum Christenthum zu bekehren, schied er sich von seinem Ehegemahl, und gab seiner Hausfrauen auf, seiner in Züchten zu harren zehen Jahre lang, käme er dann nicht zurück, so wäre sein Tod gewiß. Werde er aber ihr einen Boten senden, mit seinem Ringelein, das er ihr wieß, dann solle sie dem alles vertrauen, und thun, was er ihr entbieten ließ.
Neun Jahre und viele Monden darüber stritt und siegte Kaiser Karl im Ungarlande gegen die Heiden, und daheim hielten sie ihn für todt, und weil das Land keinen Zuchtherrn hatte, erhob sich um Aachen und gegen den Rhein eitel Raub und Mord und Brand, und traten die Räthe zu der Herrin, Karls Gemahlin, und lagen ihr an, einen andern Herrn und König zu erkießen, damit das Land nicht zu Grunde gehe. Lange weigerte sich die Frau, weil ihr noch kein Wahrzeichen gesendet war, aber endlich da die Herren und Räthe allzumal heftig in sie drangen, ließ sie es zu, daß ihre Vermählung mit einem reichen König anberaumt wurde, und kam die Zeit heran, daß nur noch drei Tage waren vor der Hochzeit, welche festlich begangen werden sollte. Da sendete Gott der Herr einen seiner boten ins Lager nach dem Ungarland, der sagte Kaiser Karl an, was sich daheim begebe, und sprach zu ihm: rüste dich und reie heim, binnen dreien Tagen ist Hochzeit. - Wie soll ich reiten, fragte Karolus: in dreien Tagen hundert Tagereisen weit und darüber? – Reite und Gott wird mit dir sein! sprach der himmlische Bote, und da gewann der Kaiser ein gutes Roß, damit ritt er an einem Tag aus Bulgarien bis gen Rab, und am andern Tag von Rab bis gen Passau. Dort gewann er ein frisches Roß und kam gen Aachen vor das Burgthor, und Gott war mit ihm. Ganz Aachen war schon ein Sang und ein Schall von eitel Hochzeitglanz und Klang, denn andern Tages sollte die Hochzeit sein, und die Trauung früh im Dom. Da ging Kaiser Karl bei guter Zeit, da es noch Nacht war, in den Dom, setzte sich auf seinen elfenbeinernen Stuhl, und legte sein großes Schwert quer über seine Kniee, saß allda ganz ruhig wie ein Steinbild und ruhete von seinem weiten Ritt. Da kam zuerst der Meßner in den Dom, der trug die Bücher vor und beschickte die Altäre, und steckte Kerzen auf, und mit einem male sah er auf dem Königsstuhle einen greisen Mann sitzen, in ernster Stille und mit blankem Schwert, da kam ihm ein Grauen an und ging und sagte es den Domherren an. Die wollten solche Mär nicht glauben, denn auf dem Stuhle durfte Niemand sitzen, er wäre denn König, kamen daher mit Licht und der kühnste unter ihnen nahte dem Stuhle unerschrocken. Aber als er den Mann/ darauf sitzen sah so still und wie steinern, entfiel der Leuchter seiner Hand, und er zitterte und entwich aus der Kircheund sagte dem Bischof von dem Ereigniß. Der Bischof nahm sogleich zwei Kerzenträger der Kirche, ließ die vorangehen mit brennenden Kerzen und folgte ihnen hin zum Kaiserstuhle. Da sah er den Greisen sitzen und hub bänglich an zu sprechen: sag' an wer bist du Mann, und durch wessen Gewalt unterfängst du dich, diesen Stuhl zu behaupten? Weißt du nicht, daß dieß der Sessel ist unsers Herrn und Kaisers? – Darauf erwiederte der Kaiser: wie du sagst, so ist es, da ich noch König Karl hieß, war ich euch allen wohl bekannt, da durfte keiner diesen Stuhl mir wehren! – Und erhob sich und stand vor dem Bischof in seiner stattlichen Größe, eines Kopfes höher als der größte Mann, und der Bischof rief frohlockend aus: seid Gott willkommen mein königlicher Herr! Segen sei mit eurer Wiederkunft. – Da läuteten von selbst alle Glocken, deß erschraken die Hochzeitg#ste, und zogen eilend von dannen, und der bischof bat vor die Königin, und sagte, daß sie gedrungen worden sei, da verzieh ihr Karolus gerne, und gab ihr seine Huld zu erkennen, denn er liebte sie unabänderlich und konnte nimmer von ihr lassen. (111/2)

DSB Nr. 126: Karl des Großen Tod und Grab (Bild: Karl der Große aus Bildersaal der Deutschen Geschichte, 1838)
Als es mit Kaiser Karl dem Großen zum Sterben kam, verordnete der Held, wie es mit seinem Begräbniß geschehen solle,und geschahen zugleich große Wunderzeichen am Himmel und auf Erden, welche des mächtigen Kaisers Absterben voraus verkündigten. So stürzte der bedeckte Gang ein, der von der Kaiserpfalz auf den Markt zum Münster führte. Und da Karolus nun vertorben war, da ward er beigesetzt im rechten Sinn in eine neue wohlverwahrte Gruft auf einem Stuhl von Marbelstein aufrecht sitzend, auf seinem Haupt die Krone und in der einen Hand den Scepter, in der andern das Evangeliumbuch, und ward dann über ihm die Gruft geschlossen und vermauert. Das geschahe gleich am zweiten Tage nach dem Tode des großen Herrschers, und kam nach wenigen Wochen Ludwig der Fromme, sein Sohn, und übernahm das Erbe des Reiches. Der sahe seinen Vater nicht mehr, und kein Mensch sah ihn mehr, bis man das Jahr Eintausend schrieb. Da trug des Reiches Krone Kaiser Otto III. vom Sachsenstamme, dem gelüstete zu einer Zeit, den Leichnam Karl des Großen zu schauen, ging zum Grabe dar, geleitet von zwei Bischöfen und einem Grafen, und ließ eine Oeffnung in die Gruft brechen. Da saß der nun seit fast zwei Jahrhunderten beigesetzte Kaiser noch hoch und hehr, wie ein steinern Heldenbild auf seinem Marbelstuhl, die Krone nach auf dem Haupte, das Scepter in der behandschuhten Hand, und das Buch auf den Knien, schier dräuend und schrecklich. Alle beugten sich ehrfurchtsvoll vor dem großen Todten, und befanden, daß die Nägel fortgewachsen waren durch die Handschuhe hindurch, und daß die Fäule nur erst die Nase ergriffen. Die ließ Kaiser Otto von Gold ergänzen, schnitt dem Leichnam mit goldner Scheere die Nägel ab, und kleidete ihn in ein weißes Gewand. Dann entnahm er dem Munde Karols einen Zahn, diesen aufzubewahren als heilige Reliquie, dann ließ er das Grab wieder schließen und fest vermauern. In der Nacht darauf aber erschien Karolus dem Kaiser Otto III. im Träume, hehr und schrecklich anzusehen, und sprach zu ihm: mußtest du kommen und meine Ruhe stören? bald wirst du ruhen, wo ich ruhe, nicht weit von mir, und erlöschen wird mit dir dein Stamm. – Otto, der Kaiser, nahm sich dieß Gesicht sehr zu Herzen; er gründete eine Kirche und ein Klosterstift und weihte es in die Ehre Sankt Adalberts, und im zweiten Jahre, nachdem er Karoli Leichnam gesehen, da war schon das Wort der Erscheinung erfüllt, und Otto III. ruhete in der Kaisergruft im Aachner Dome. Hernachmals hat nach aber zweihundert Jahren Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen Kaiser Karls/ Gebeine erheben und in einen prächtigen goldnen und silbernen Kasten legen lassen, die Krone aber und andere Kleinodien dem Domschatz überwiesen. (113/4)

DSB Nr. 128: Die Hinzlein zu Aachen
Allenden (= überall, sk) in Deutschland und den Nachbarlanden gehen Sagen von Zwergen und Neckebolden, heißen da so und dort anders, Hinzelmännlein, Bergmanndli, Hütchen, Heinzchen, Wichtlein, Querchlein, Quarkse, stilles Volk, Unterirdische, sind ein wunderlich spukhaft Geistervolk, den Menschen gut und feindlich, je nachdem es kommt, hülfreich und zuwider, nütze und schädlich, doch am meisten den Guten mild und den Bösen feindlich gesinnt.
Solcher Kobolde hatte es auch zu Aachen, hießen dort Hinze, wie man auch hie und da in Deutschland die Katzen nennt, die Hexenlieblinge, wohnten im Felsgeklüft unter der Emmaburg, da waren viele Gänge und unterirdische Keller, daraus zog in gewissen Nächten der Hinzenschwarm hervor mit spukhaftem Gelärm und Gepolter, klapperten an die Hausthüren und trieben viel Tückerei und bösen Muthwillen. Kein Geisterbannspruch, kein Kreide-Kreuz an Thüren und Läden half gegen den Nachtspuk der Hinzemännlein; erst als man eine Kapelle dicht an die Felsen der Emmaburg baute, und deren Glocken zum erstenmale erklangen, da war alles vorbei – denn Glockengeläute können die Unterirdischen nicht hören und vertragen, aber die guten Aachner ahneten nicht, daß sie sich mit dem Kapellenbau erst recht eine Ruthe auf den Hals gebunden hatten. Denn die Hinzlein zogen zwar aus den Felsen fort, aber wo zogen sie hin? – In die Stadt Aachen zogen sie, in einen alten Mauerthurm, zu dem ein unterirdischer Gang nach dem Felsen unter der Emmaburg führte, und nun ging der Spuk erst recht an. Der alte Thurm lag ohnweit der Kölner Straße, da klopfte es zur/ Nacht an die Häuser, da knisterte es auf dem Herd, da rasselte und klapperte es in den Küchengeschirren, und das ging stundenlang so fort, daß kein Mensch ein Auge zuthun konnte. Wußte sich keines Rathes zu erholen (= wusste sich niemand Rat, sk) gegen die schlimmen Poltergeister. Da kam von auswärts her ein weit umgewanderter Gesell gen Aachen, der vernahm von dem Spuk, und erzählte, solcher Zwergvölker gebe es in Thüringen und Sachsen vollauf, bei Jena, bei Königsee, bei Plauen, in der Grafschaft Hohnstein am Harzwald, bei Zittau in Sachsen, im Zopten in Schlesien, im Kuttenberg in Böheim und an vielen andern Orten, auch im ganzen Voigtland, in der Schweiz am Pilatus, im Erzgebirge, im Untersberg bei Salzburg, so wie am Rhein u.s.w. Da sei nichts besser, als man stelle vor jedes Haus ein Geschirr, ehern oder irden, dessen wären die Hinzlein sehr froh, benutzten es zur Nacht, und stellten es ungeschädigt wieder an seinen Ort, ließen dagegen die Leute in Ruhe. Der Rath des guten Gesellen ward probirt und war probat (= brauchbar, sk), man folgte ihm und hatte Ruhe. Kamen nachmals zwei fremde Kriegsgesellen nach Aachen, die hörten in ihrem Quartier von der Sache und der Sage, hatten Spottens kein Ende, daß die Aachner Töpfe und Kessel für die Zwergmännlein hinstellten, deren es doch auf der Welt keine gebe, und vermaßen sich, Nachts Wache zu stehen, da sollten die Hinzen statt der blanken Kessel blanke Degen finden. Darauf bezechten sich die Kriegsgurgeln, setzten sich vor die Thür, sangen und hatten sich sehr lustiglich, schrien immer einer den andern an: he da! Hinz! jetzt kommt der Hinz! trieben einander zur Kurzweil auf der Straße um, jagten sich, traten sich, rannten durchs Hinzengäßlein hinter bis zu dem alten Mauerthurm, da hörte man sie beide noch einmal brüllen, dann war alles still –
Am andern Morgen lagen die Prahlhänse todt vorm Hinzenthurm, hatte einer den andern durch und durch gestochen. – Und noch lange nachher hat der Hinzenspuk gedauert, bis ein regulirtes Chorherrenstift erbaut ward in die Nähe der Spukgassen, da hat der abermalige mächtige Glockenschall die Hinzlein auf immer vertrieben. (S. 114/5)

DSB Nr. 131: Sankt Remaclus Fuß zu Spaa
In dem quellenreichen Spaa, darinnen mehr denn hundert Gesundbrunnen ihre Heilwasser ausströmen, ist eine Quelle, die heißt Groesbeeck, die ist ein Jungbrunnen und Frauenbad, absonderlich heilsam und kräftigend. Nahe dabei ist das Zeichen eines Fußes tief in den Boden eingetreten. Einstens kam der heilige Remaclus, welcher im Lütticher Lande wohnte, zu dieser Quelle und verrichtete allda seine Andacht. Der heilige Mann mochte aber ermüdet sein, oder sich allzutief in sein Gebet versenken, er schlief ein über dem Gebet. Solches hat den lieben Gott in etwas (= ein wenig, sk) verdrossen, und er schuf, daß einer der Füße des heiligen Mannes tief in die Erde sank, und das Wahrzeichen blieb, da´es nimmermehr wieder ausgefüllt werden konnte. Der heilige Remaclus aber fühlte tiefe Reue über sein Vergehen und legte sich die strengste Buße auf, dieß sahe Gott mit Wohlgefallen an, und schuf der Fußtapfe eine wunderwirkende Kraft. Frauen, welche Nachkommenschaft entbehren und Nachkommenschaft wünschen, halten in der Kirche des heiligen Remaclus zu Spaa eine neuntägige Andacht, und trinken an jedem dieser Tage aus dem Brunnen Groesbeeck ein Glas Wasser, indem sie den einen Fuß in die Fußtapfe des heiligen Remaclus setzen. Vielen hat dort ihr Glaube geholfen. (S. 118)

DSB Nr. 145: Soviel Kinder als Tage im Jahre
Eine Stunde von Graven-Haage liegt ein Dorf, das heißt Losduinen (sprich Losdeunen), da hat ehemals ein Kloster gestanden; die Sage geht alldort, daß dieses Kloster wegen ruchlosen Lebens seiner Bewohner in einer Nacht versunken sei, und daß an einer gewissen Stelle, die aber nicht jeder findet, ein Sausen und Brausen in der Tiefe gehört werden könne. Nur die Kirche blieb erhalten, sie liegt außerhalb des Dorfes, östlich, und es werden in derselben zwei kupferne Taufbecken gezeigt, an die sich folgende Geschichts-Sage anknüpft:
Graf Floris IV. von Holland hatte von seiner Gemahlin Mechtild eine Tochter, des Namens Margaretha, und vermählte diese mit Hermann I. Grafen von Henneberg, den die Alten als einen freudigen und mannhaften Helden priesen. Margaretha gebar ihrem Gemahl einen Sohn, Poppo, und eine Tochter Jutta, welche letztere sich noch bei der Mutter Leben, mit dem Markgrafen Otto dem Langen zu Brandenburg, vermählte. Auch die Mutter hatte sehr jung/ geheirathet, und reiste in ihrem zweiundvierzigsten Jahre nach dem Haag, ihrem Heimathlande. Da habe nun diese Gräfin ein armes Frauchen erblickt, das auf jedem Arm ein Kindlein trug und sie anbettelte, und die Kinder wären Zwillinge gewesen. Habe die Gräfin gezweifelt, daß eine Frau von einem Manne mehr denn ein Kind auf einmal empfangen könne, der Armen die Gabe geweigert, ja sie verhöhnt und geschmäht. Darüber ward die arme Frau kläglich weinend, hob ihre Augen gen Himmel und rief: o Herr und Gott, der du bist aller Dinge im Himmel und auf Erden mächtig, ich bitte dich demüthiglich, daß du wollest dieser Gräfin so viele Kinder auf einmal in ihren Schoos bescheeren, als Tage im Jahre sind. Und sei weinend hinweggegangen.
Und am selben Tage fühlte die Gräfin sich gesegneten Leibes (= schwanger, sk), und nahm von Stund an zu und wurde so stark und so schwer, daß kein Mensch alle sein Lebtage dergleichen gesehen hatte. Nun hatte ihr Vater ein Haus in Losduinen, da blieb sie wohnen, denn sie vermochte nicht nach ihrer neuen Heimath in das Land Henneberg zu reisen, und am Charfreitag, als man schrieb eintausend zweihundert und sechsundsiebenzig, da gebar sie dreihundert und fünfundsechszig Kinder, Knäblein und Mägdlein durcheinander, alle ganz ausgebildet an allen Gliedern. Die taufte am andern Tage der Bischof Otto von Utrecht, ein Ohm der Frau, in den zwei Becken (nicht in einem, wie Viele sagten und schrieben) die noch heute in Losduinen zu sehen sind, und nannte die Knäblein Johannes und die Mägdlein Elisabeth, sie starben aber alle bald darauf an ihrem Tauftage, am Vorabend des heiligen Osterfestes und die Mutter desgleichen, und wurden mit einander in der Klosterkirche begraben. Hernachmals ist diese Geschichte in mancherlei Denkversen in deutscher, lateinischer und holländischer Sprache auf eine Holztafel innerhalb der Kirche zu Losduinen verewigt worden, welche vormals links neben der Kanzel hing, ein Grabstein aber, dessen in vielen Schriften gedacht wird, welche diese Sage mittheilen, ist allda nicht vorhanden. Zum Andenken an jene Wundergeburt wurde an das Ufer der Maas eine Burg gebaut, welche so viele Fenster zählte, als das Jahr Tage hat, und es steht auch noch am Eingange des Dorfes Losduinen, wenn man vom Haag herkommt, fast vereinzelt ein großes Haus, das trägt über der Thüre die Inschrift: IN DEN HENNENBERG. – Den beiden Taufbecken legt das Volk eine wunderbare Kraft noch heute bei, und hält sie in hohen Ehren. Unfruchtbare Frauen werfen stillschweigend nach und nach eine Handvoll Sand an die Becken, damit entlocken sie der Mutter Natur den erwünschten Segen. –
Zu Delft in der schönen Hippolytikirche ist auf einer Tafel diese Geschichte geschildert, und in der Abtei zu Egmont soll ein Grabmahl der Gräfin Margaretha befindlich sein. (S. 131/2)

DSB Nr. 146: Der ewige Jäger
Die alten Grafen von Flandern hatten ein Schloß, des Namens Wynendael, in dessen Nähe wohnte ein frommer Bauersmann, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war nicht fromm und fleißig, wie sein alter Vater, sondern mit Leib und Seele der Jagd ergeben, so daß er gar wenig daheim blieb oder seines Ackers wartete, sondern immer nur in den Wäldern herumstreifte, und da half kein Bitten und kein Drohen bei dem schlimmen Buben. Nun kam der Alte zum Sterben und fühlte sein nahes Ende, und wollte vom Sohne Abschied nehmen und ihm noch eine Ermahnung zurücklassen, ließ daher denselben bitten, zu ihm zu kommen, aber der Sohn blieb draußen, obgleich er des Vaters nach ihm verlangende Worte vernahm, nahm sein Jagdgewehr, pfiff seinen Hunden und ging hinweg in den Wald. Darüber ergrimmte der sterbende Alte und hob die Hände empor in Verzweiflung und verfluchte den Sohn mit den Worten: so jage, jage, jage in alle Ewigkeit – in alle Ewigkeit – und sank zurück und war todt. Und seit dem Tage kam der Verfluchte nie mehr nach Hause, in den Wäldern hörte man ihn schreien: Jakko! Jakko! Jakko! als Raubvogel hörte man ihn kreischen, als Hund bellen, und so muß er es forttreiben bis zum jüngsten Tage, wo nicht noch länger. Erst als um Wynendael allmählich die Wälder ausgerottet wurden, verlor sich aus dortiger Gegend der Spuk des ewigen Jägers, und zog sich höher hinauf, wo es noch Wälder gab. (S. 133)

DSB Nr. 148: Die Tückebolde Lodder und lange Wapper
Ein dem Kludde verwandter Geist spukt in der Gegend um Brüssel umher, ganz in ähnlicher Weise. Schnitter, die Abends ihre Kleider abgelegt hatten und ruhten, hörten von fern her kommend ein Gerassel, wie von Ketten, das näherte sich bis an den Ort, wo ihre Kleider lagen, die aber lagen ganz ruhig. Ein Gewitter zog heran, die Schnitter zogen ihre Kleider an, und wollten heim gehen, da rasselte und prasselte es ganz in der Nähe, und plötzlich schrie einer der Schnitter: Lodder! Lodder! schlagt zu! schlagt zu! ich sitze drauf. – Und da ritt er schreiend fort und keiner sah, auf was er ritt, und alle lachten, denn der Geist Lodder war unsichtbar, und rannte fort mit der erfaßten Last des Schnitters und warf ihn bei einem Weiher in das Gras und plumpste ins Wasser, und mußte jener froh sein, daß nicht er in das Wasser geworfen worden. Einem Zechgesellen begegnete es, daß er, als er Abends ziemlich spät nach Hause kam, an der Erde etwas ticken und tacken hörte. Neugierig lauschend bog er sich nieder, ticketack, ticketack ging es fort und fort. Er griff hin und siehe, unter einem Stein lag eine gehende Uhr. Er nahm sie und steckte sie ein, und in seiner Kammer zog er sie hervor, sie im Mondschein recht augenscheinlich zu be/trachten, da zeigte ihr Zeiger auf zwölf und auf der Kirchenuhr schlug es zwölf, die Uhr ging also genau, aber sie wurde mit einmal so kalt, eiskalt, und feucht, und so schwer, und wie der Gesell recht hinsah, hielt er eine dickaufgeschwollene Kröte in der Hand. Schaudernd warf er das Ungethüm zur Erde, und in dem Augenblick hatte er einen großen Hund bei sich in der Kammer, der hatte ein paar Augen, wie zwei Schiffslaternen, und der Gesell fiel vor Schreck auf sein Bett, der Hund aber sprang zum Fenster hinaus und schlug ein Höllengelächter auf. So hat der Tückebold Lodder gar Viele geäfft, und mit seinem nächtlichen Erscheinen, theils mit seiner Stimme und seinem Gelächter manche zum Tode erschrecken gemacht.
Ein anderer Tückebold ist der lange Wapper, der spukte vornehmlich zu Antwerpen und gehörte zu demselben Gelichter; er verschmähte es nicht, selbst unschuldige Kinder zu bethören. Er spielte mit ihnen um Schüsser und Knickers (= Murmeln, Spielkugeln, sk), ließ sie gewinnen, und wenn sie meinten die Tasche recht voll gewonnene Küglein zu haben, und wollten sie zeigen, dann waren es Schaaflorbeeren (= Schafdung, sk). Wenn er mit den Jungen das Diebspiel spielte, kartete er es so ab, daß er den Henker machte und dann henkte er die armen Buben wirklich, und wenn sie sich zu Todte zappelten und die andern alle davon liefen, so schlug er ein unmenschliches Gelächter auf. Ein Büttnergesell trat bei einem Meister ein, schien ein anstelliger Bursche. Da der Meister ein Faß pichen (= mit Pech ausstreichen, sk) wollte, hieß er den Gesellen das Pech einwerfen und Hobelspähne im Faß anzünden; der Gesell that’s, steckte aber mit dem brennenden Faß das ganze Haus in Brand, und als der Meister ihn wüthend verfolgte, sprang der Gesell ins Wasser und puttelte darin herum und lachte wie ein rechter Kobold. Mit Mühe wurde der Meister Meister des Feuers.
Ein Brauer hatte auch einen neuen Gesellen gedingt; der war gar kräftig und fleißig; am Abend rollte er eine schwere Tonne voll Bier mit einem Nebengesellen von ihrer Stelle, stellte dem Nebengesellen flink ein Bein, daß er fiel und unter die Tonne kam, die drückte ihn breit wie eine Oblate, und der neue Gesell lachte, daß die Gewölbe erbebten. Als die andern Braugesellen darüber sich erzürnten und ihn prügeln wollten, rannte er dicht vor ihnen her, und plumps lag er im Braubottig, und plumps purzelten drei, viere, die ihm dicht auf den Fersen waren, auch hinein, und verbrühten sich elendiglich. Der lange Wapper aber schaute plötzlich aus einer Trebernhütte (= einem Abfallbehälter, sk) heraus und lachte, daß alle hohlen Fässer dröhnten.
Eines Tages kam ein Mann zu Antwerpen die Straße entlang, der schrie: kauft Muscheln, kauft Muscheln! – Vor einer Thüre saßen vier Frauen, die riefen den Mann an, und hatten Lust, Muscheln zu kaufen. Er öffnete eine zur Probe, die war aber faul, er öffnete eine andere, die war desto besser. Die eine der Frauen führte sie zum Mund und wollte schmecken, ob sie gut sei. Da krabbelte es ihr im Munde, und sie spie das eingenommene aus, da war es eine große, ganz schwarze, haarige Spinne. Die Frau brach vor Ekel alles aus dem Leibe heraus, der Tückebold lachte und verschwand sammt seinen Muscheln./
Zahllos sind die Sagen, die vom lange Wapper im Volke zu Antwerpen umgehen, es war nicht gut ihn zu nennen, es ging mit ihm wie mit dem Weiberwetzstein zu Wendhausen in Franken, den keiner loben und keiner schelten durfte und wer seinen Namen nannte, that mehr übel als klug. Häufig hielt dieser Geist sich unter einer Brücke auf, sie heißt heute noch die Wapperbrücke, machte sich klein wie ein Schulbube, nahm der Abwesenden Gestalt an, absonderlich gegen die Dämmerung, wenn die Knaben spielten, und spielte ihnen selbst allerlei Schabernack. Der lange Wapper konnte sich so hoch und lang strecken, daß er bequemlich den Leuten in den höchsten Häusern in die obersten Stockwerke hineinsehen konnte. Da rief er denn denen, die er drinnen erblickte, und nicht immer in allertugendsamster Handthierung, manches erschreckende Wort zu. An vollen Tafeln saß er als Gast und zechte mit; ehe man es sich versah, besonders aber wenn der Teller umging, um die Zeche zu zahlen, begann Streit, lockte die Mitspieler vor die Thüre, hetzte sie aneinander, daß sie zu den Messern griffen, und wollte sich todt lachen, wenn ihrer einer oder etliche auf dem Platze blieben.
Nur eifriges Gebet konnte und kann der lange Wapper nicht vertragen, das ist nicht seine Farbe. Damit war er leichtlich abzutreiben; so auch waren ihm Christus- und Marienbilder sehr zuwider. Als die Leute zu Antwerpen solches merkten stellten sie deren Bilder an allen Straßenecken und schier in allen Straßen auf, da gab der lange Wapper der Stadt Antwerpen Valet (= verabschiedete sich von, sk), und machte sich nach der See zu, und hat seinen Spuk mit Fischern, Schiffleuten und Matrosen. (S. 134-36)

DSB Nr. 153: Die Meerminnen (Bild: Arnold Böcklin Sirenen, 1875)
Meerminnen sind Dämonenwesen der See, weiblichen Geschlechts, sie können schön singen und auch fliegen. Schon die Alten kannten sie und nannten sie Sirenen. Sie sind den Nixen verwandt, haben fischgrätige Zähne und meergrüne Haare. Oft schon sind die Meerminnen Unheilverkünderinnen geworden, doch konnten sie auch Glück bringen.
Zur Zeit, da die Antwerpner auch noch Schiffe zum Walfischfang ausrüsteten, so geschah es nicht selten, daß, wenn noch weit und breit kein Wal sichtbar war, eine Meerminne mit halbem Leibe aus dem Wassser tauchte, gegen das Schiff heran schwamm und sang:

Scheppers, werpt de Tonnekens uit,
De walvisch zal gaen kommen.
d.i. Schiffer, werft die Tönnchen aus,
Der Walfisch soll entgegen kommen.

Da thaten die Schiffer nach der Meerminnen Geheiß, warfen die Tönnchen aus, und nicht lange dauerte es, so ließ sich ein Walfisch sehen, der dann stets sicher erlegt wurde. Einst, schon sehr lange her, geschah es, daß im Hafen vor Muiden an der Süder-See, ohnweit Amsterdam, eine Meerminne schwimmend erblickt wurde. Diese Meerminne sang eine Prophezeiung:/

Muiden sol Muiden blyven,
Muiden sol novit beklyven.
d.i. Muiden soll Muiden bleiben,
Muiden soll niemals bekleiben.

Und es geschah also. Muiden, ein Hafenort, günstigst gelegen, blieb ein Flecken, und das nachbarliche Amsterdam wurde eine Weltstadt.
In der Nähe von Dort (Dortrecht) liegt nahe der Landstraße ein großes stilles Wasser, daraus ragt ein Kirchthurm hoch und einsam empor. Da hat vor Zeiten die reiche und starkbevölkerte Stadt Zevenbergen gestanden. Ihr Reichthum machte die Einwohner übermüthig, sie achteten des Goldes und Silbers nicht mehr, als wenn es Kupfer und Blei wäre; alle Schlösser und Riegel an den Thüren, alle Beschläge an Fenstern, alle Nägel mußten von Gold oder Silber sein, so auch alles Tafel- und Küchengeschirr, so unbeschreiblich war der Reichthum. In die Kirche, die Sint Lobbetchen hieß (St. Elisabeth), ging Niemand mehr, ihr Dach war auch nur mit Ziegeln gedeckt, die Dächer der Reichen aber glänzten wie Feuer, denn sie waren mit Goldblech überzogen.
Da hob sich aus dem breiten Gewässer am Biesbosch eine Meerminne, die flog über Zevenbergen und sang mit einer kläglichen Weise:

Zevenbergen sol vergaen,
En Lobbetjens Torn sol blyven staen.

Diesen Sang hörten die Einwohner gar wohl, und sahen das Zeichen, achteten aber der Warnung nicht, sie blieben wie sie waren, und lebten fort, wie es ihnen gefiel, und da ließ es Gott geschehen, daß der Meerminne Prophezeihung sich erfüllte. Eine Sturmnacht kam, endloser Donner rollte über Zevenbergen hin, und die Fluth kam. und die Stadt versank, und nur die Kirche blieb stehen, wie die Meerminne gesungen hatte, und weit und breit stand das Wasser da, wo die Stadt gestanden. Fischer haben bisweilen in der Tiefe die goldenen Dächer schimmern sehen, da wäre noch ein großer Reichthum zu holen, aber keiner wagt sich in die Tiefe, und in die Stadt hinab, die der Fluch des Himmels getroffen. (S. 141/2)

DSB Nr. 155: Stavorens Ursprung
Des Friesenlandes Hauptstadt ist Stavoren. Die alten Friesen hatten einen Gott, den hielten sie so groß und mächtig, wie das Römervolk seinen Jupiter, den nannten sie Stavo. Da nun zu einer Zeit aus fernen Landen drei Brüder zu Schiffe an die Küste kamen, Friso, Saxo und Bruno geheißen, von vielen Gefährten begleitet, welches zur Herbsteszeit geschah, so fanden sie das Land, welches damals Sueven bewohnten, die keine festen Wohnsitze behaupteten, und sich der Spätherbst-Ueberschwemmungen wegen in höheres Land zurückgezogen hatte, von Einwohnern fast ganz entblößt, erbauten ihrem Gott Stavo einen Tempel, gründeten eine Stadt und nannten sie nach ihrem Gott Stavoren. Diese Stadt wurde bald groß, und viel größer denn jetzt, und die ganze Süder-See war noch bewohntes Land, von dem jetzt nur noch hie und da als kleine Insel ein geringer Rest aus den Wogen ragt. Da blieben sie nun dreizehn Jahre und ihr Volk mehrte sich, und sie hatten nicht Raum genug, darum sprach Friso zu seinen Brüdern, es sei besser, wenn sie sich theilten, und jeder von ihnen mit den Seinen ein weites Land gewänne. Da schieden die Brüder Saxo und Bruno in Frieden von Friso, welcher blieb, und Saxo lief in die Elbe ein, ließ sich an ihrem Ufer nieder und bevölkerte das Land, und sein Volk wurde nach ihm Saxen geheißen. Bruno aber machte sich säßhaft am Weserstrome, und gründete dort eine Stadt, die hieß nach ihm Bruno’svic, die gab hernach dem ganzen Lande ihren Namen Braunschweig. Friso aber erreichte ein sehr hohes Alter, er herrschte über Friesland achtundsechzig Jahre, und hinterließ sieben Söhne und eine einzige Tochter.
Die Stadt Stavoren wurde und war vor diesem die allerberühmteste Haupt- und Residenzstadt der Friesischen Könige, und war nirgends größere Handlung und Schifffahrt, als in dieser Stadt, denn sie war überaus wohl gelegen, und hatte einen vortrefflichen Hafen. (S. 143)

DSB Nr. 156: Der Feuer-Pütz
Es war zu Kaiser Titus Zeit, vier Jahre nach der Geburt unsers Herrn, als im heutigen Westfriesland an einem Berge, der rothe Clif genannt, ein Feuer-Pütz aus der Erde schoß, der drei Tage lang loderte und weberte. Am/ vierten Tage kam ein Drache aus der Oeffnung geflogen, aus der das Feuer schoß, hob sich hoch, schwebte eine halbe Stunde lang in Lüften,und that sich dann wieder nieder, und hinein, woraus er gekommen war, ward nicht wieder gesehen, und das Feuer erlosch.
Hundert und fünfzig Jahre später brach der Feuer-Pütz wieder auf, und brannte ganz schrecklich, acht Tage lang, und flammte sehr hoch, daß allen, die da herum wohnten, bange ward; dann erlosch die Flamme. Die Einwohner fragten das Orakel ihres Abgottes Stuffo, weil sei ein großes Sterben fürchteten, und der Gott sprach: von diesem Erdfeuer werde das Land nicht untergehen, eher von dem kalten Stoff, der nach Länge der Zeit ihm folgen werde.
Und aber nach etwa hundert und vierundzwanzig Jahren borst der Feuer-Pütz beim rothen Clif zum drittenmale auf, doch achtzehn Tritte weiter von der ersten Stelle, und flammte eilf Tage lang sehr schrecklich hoch. Da brachten die Einwohner dem Abgott Stuffo Brandopfer und fragten aufs Neue das Orakel. Da gebot ihnen der Gott aus der Nordsee drei Krüge Salzwasser zu holen, und diese durch einen gegen die Gluth gewappneten Ritter in den Flammenschlund werfen zu lassen, da werde der inwendige Brand ausgelöscht werden. Das wurde vollbracht und der Brand löschte aus. (S. 143/4)

DSB Nr. 163: Das Oldenburger Horn (Bild: aus dem Chronicon Oldenburgensis)
Im heutigen Oldenburger Lande herrschte ein Graf, des Namens Otto, der hatte große Lust am Jagen, und zog aus mit seinen Vasallen, Jagdgenossen und Jägern nach einem Walde, der hieß Bernefeuer, nicht allzu fern von dem Osenberge.Da steiß dem Grafen ein Reh auf, das floh vopr ihm her und er hetzte es mit seinen Rüden, und kam in der Verfolgung seinem Jagdgefolge ganz aus dem Gesicht, und sein weißes Pferd trug ihn also schnell von dannen, daß er selbst seinen schnellen Winden aus der Spur kam, und sich mit einemmale, ohne auch nur vom Weiten etwas von seiner Jägerei zu sehen oder zu hören, auf einer stillen Bergfläche befand. Auch das Reh, das ihn soweit verlockt, sah er nimmer. Nun war die Hitze an diesem Tage groß, es soll im Julimond gewesen sein, und den Grafen durstete sehr, daher sprach er zu sich selbst: o Gott, wer kühlen Wassers nur einen einzigen Trunk hätte! – Siehe da öffnete sich eine Felswand am Osenberg, und es trat aus ihr eine schöne, wohlgezierte Jungfrau, reizend anzuschauen, die hielt in ihrer Hand ein uraltes Jägertrinkhorn, verziert mit mancherlei seltsamem Bildwerk, das war von Silber überkleidet und kostbar vergüldet, und überaus künstlich, voll Figuren, und das Horn war voll eines Trankes, den bot die Jungfrau dem Grafen sittiglich dar. Graf Otto nahm das Trinkhorn, schlug den Deckel auf, und wollte es zum Munde führen, sah aber in das Horn hinein und beschaute den Trank, und der gefiel ihm mit nichten, denn als er ihn schüttelte, war er trübe, und roch auch nicht, wie Malvasier – und der Graf trank nicht. Die Jungfrau aber ermunterte den Grafen, er solle nur ihr vertrauen und trnken; es werde ihm und seinem Geschlechte gedeihen. Dieß und die Landschaft Oldenburg werde davon ein gutes Gedeihen haben. – Aber der Graf weigerte sich fortdauern, um so mehr, da die Jungfrau in ihn drang, doch zu trnken, und so sagte sie: wo du nicht trinkest, wird in deinem Geschlechte und deiner Nachkommenschaft nimmermehr Einigkeit sein. Nun hielt der Graf immer noch das Horn mit dem Trunke in seiner Hand, und hatte sein Bedenken, und da zuckte das Roß, und es troff etwas von dem Tranke über und auf des Pferdes/ hintern Bug, da gingen gleich dem Pferde die Haare weg. Jetzt langte die Jungfrau nach dem Horne und begehrte es wieder aus seiner Hand zu nehmen, aber der Graf behielt es in seiner Hand und ritt von dannen, und die Jungfrau schwand wieder in den Berg hinein. Den Grafen aber kam ein Grauen an, und schüttete das Horn aus, und behielt es, und ritt weiter, indem er sein Roß spornte, bis er sich wieder zu seiner Jägerei fand, zeigte ihr das Horn und erzählte auf wie wunderbarliche Weise er zu dem köstlichen Kleinod gekommen sei. Darauf ist das Horn sorgsam im Schatz der Grafen von Oldenburg aufbewahrt worden.
Dieser Graf Otto war dieses Namens der erste in seinem edlen Geschlecht, und hatte von seiner Gemahlin Mechtild, Gräfin von Alvensleben, fünf Söhne, deren ältester war Johannes der erste, dieser hatte wiederum fünf Söhne, von denen ward der erste Udo geheißen, Bischof zu Hildesheim, der zweite aber hieß Huno, der war gar herrlich und ehrenreich, also, daß er den Beinamen Gloriosus empfangen hat. (S. 149/50)

DSB Nr. 173: König Dan
Im Lande Ditmarschen geht die Sage, daß der erste König von Dänemark Dan geheißen, der habe dem Lande den Namen gegeben, und nach ihm heiße es Danemark, er habe aber nicht im heutigen Dänemark gewohnt, sondern in Schleswig. Früher habe er auch lange Zeit unter den Heiligen im Kalender gestanden. Zu seiner zeit war alles noch heidnisch, die Leute verbrannten ihre Todten, thaten die Asche in Urnen und setzten sie bei in Riesenbergen (Hünenhügeln), König Dan wollte aber nicht verbrannt sein, sondern auf seinem königlichen Stuhl im Grabe sitzen und wollte auch sein aufgesattelt Pferd bei sich haben, das ist auch so befolgt worden.
Ohnweit Tönningen in Eiderstede ist ein kleiner Erdhügel mit einer Höhle. Darinnen sitzt König Dan wie der Kaiser Friedrich im Kiffhäuser, mit zweimalhunderttausend Mann Wappnern (= Rittern, Bewaffneten, sk) und alle schlafen. Einstmals wurde einem zum Tode verurtheilten Soldaten das Leben versprochen, wenn er in die Höhle hineingehen und berichten wollte, was er sähe. Da nun der Soldat in die Höhle kam, sah er den König sitzen an einem Tisch, und hatte sein Haupt auf den Arm gestützt, und schlief. Der Bart war ihm lang gewachsen und hing unter den Tisch herab. Jetzt erwachte der König und fragte den Soldaten: was willst du? – Mich schickt mein Herr und König herein, daß ich Nachricht von Euch bringe. Sagen deinem Herrn, erwiederte König Dan: ich werde zu seiner Zeit wiederkommen und ihm Hülfe bringen, und er soll herrschen über die ganze Welt. – Diese Zeit ist noch nicht gekommen, und dürfte wohl auch noch etwas lange verziehen. (S. 156)

DSB Nr. 176: Der wilde Jäger in Ditmarschen
Auch in Ditmarschen kennt man den wilden Jäger, wie am Rheine, auf dem Harz, in Thüringen, im Vogtlande und sonst. Also wird vom Freischützen zu Marne erzählt, daß er ein ziemlich wilder Bauernbursch gewesen, der die Jagd über alles geliebt, aber, nachdem er sich verheirathet und ein kleines Gütchen bewirthschaftete, dieses über der Jägerei vernachlässigt, mit dem Waidwerk aber gar wenig aufgesteckt habe. Da ging er einstmals ganz mißmuthig durch den Wald nach Hause, denn er hatte den ganzen Tag noch keine Krähe und keine Klaue geschossen, siehe da ging ein fremder Jagdgesell vor ihm her, der Trug ein schönes Gewehr und eine bauschende Jagdtasche, und der Bauer mochte (= wollte, sk), ihn gern einholen. Jener aber führte einen tüchtigen Schritt. Endlich that der Bauer einen hellen grellen Jagdpfiff, jener jedoch kehrte sich gar nicht daran und stand nicht, bis er an einen Kreuzweg kam, da stand er endlich, und erwartete den Bauer, und war ein ganz feiner gutgekleidter Gesell. – Ihr habt wohl besser Glück gehabt als ich, sprach der Bauer zu ihm. Ich seh’s euerm Jagdranzen an, der ist gut gefüllt. – Ja, sprach der Fremde: kannst’s auch so haben, kannst Kugeln schießen, die immer treffen, mit deinen Kugeln triffst du freilich nichts. Guten Weg! – Und wollte damit weiter gehen, aber der Bauer-Jäger hielt ihn zurück, und bat ihm sein Geheimniß des Stetstreffens und Niefehlens zu lehren, und versprach ihm hohen Lohn. Jener aber sprach, ich will es dir wohl lehren, du mußt mir aber schwören, keiner lebenden Seele mein Geheimniß zu verrathen, denn thätest du das, so würde es dir übel ergehen. – Jener schwur und hob die Hand gen Himmel, da flogen zwei Raben auf und krächzten und schwirrten um die beiden Männer, und der fremde Jäger sagte jenem sein Geheimniß. Sothanes Geheimniß war aber gar entsetzlich, und der Bauer trug schwer daran und lastete ihm auf dem Gemüthe, und probierte es nicht, ging lieber gar nicht mehr hinaus in den Wald, sondern blieb zu Hause, aber auch da still und träumerisch. Die Frau sah ihres Mannes Veränderung, und hatte ihr sein Jagdgehen nicht gefallen, so gefiel ihr sein in sich gekehrtes Wesen noch viel weniger, und sie drang in ihn, ihr zu sagen, was ihm denn fehle? Er aber schwieg, sie aber ließ nicht nach mit Forschen und Fragen, Bitten und Betteln, bis er endlich ihr vertraute und sprach: ich soll, wenn ich will, daß jede meiner Kugeln treffe, mein Gewehr mit einer geweihten Hostie laden, statt mit einer Kugel, dann im Walde auf einen freien Platz gehen, zur Mittagsstunde, da ein weißes Tuch ausbreiten, darauf treten, und gerade in die Sonne schießen. Von da an soll jeder meiner Schüsse treffen und des Wildes nimmer fehlen.
Wohl war das der Frau graulich zu hören, doch allmählich stillte sich ihr Grauen, und da sie mehr und mehr in Noth, ihr Hauswesen aber in Verfall/ kam, so meinte sie, probieren könne er das Kunststück ja doch einmal, so sehr viel könne es doch nicht auf sich haben, es sei ein Jägerstücklein, wie viele andere, und wenn es probat sei (= wenn es sich bewähre, sk), wie sie gar nicht glaube, so hülfe es ihnen aus aller Noth, und was ihres Zuredens Worte mehr waren. Und da dachte er es endlich zu wagen. Er hatte aber ganz und gar vergessen, daß er seinen Schwur schon gebrochen, und das Geheimniß verplaudert hatte, und daher schon jenem Argen verfallen war. Nun ging der Jäger zum Abendmahl, empfing die heilige Hostie, behielt sie im Munde, und lud sie dann heimlich in seine Büchse. Dann that er alles übrige nach der Vorschrift, ging noch denselben Sonntag zur Mittagszeit in den nahen Wald. Die Sonne schien hell. Der Jäger zielte, er schoß nach der Sonne. Da verfinsterte sich die Sonne, schwarzes Gewölk fuhr auf, Blitze flammten, Donner krachten, die zwei Raben waren da und krächzten und schlugen mit den Flügeln. Der Entsetzte sprang von seinem Tuche, bückte sich, wollt’ es aufraffen, da waren die Fußtapfen, wo er gestanden hatte, voll Blut. Er stürzte aus dem Walde, die Angst brachte ihn fast um, – dort stand sein Haus, das brannte lichterloh – das Wetter hatte hineingeschlagen, schreiend und heulend stürzten Weib und Kinder ihm entgegen. Und da war auch der fremde Jäger wieder da, der höhnte ihn, daß er ein schlechter Freischütz sei, der das Geheimniß nicht bewahrt habe. Und nun müsse er bis zum jüngsten Tge jagen, Weib und Kinder müßten als Hunde ihn begleiten – am Tage müsse er bei den zwei Raben im Walde wohnen, und Nachts durch die Lüfte hetzen.
Dieses geschah und geschieht noch immer, und die Leute nennen das den wilden Jäger. Wer ihn hört und das Wauwau der Hunde nachmacht, dem wirft er Knochen herab, oder Stücke von verfaultem Wild und Pferden. Einem Mann aus Bornhövede ist das geschehen, auch einem aus Meinsdorf, die wurden gezwungen, selbst von dem Braten zu essen. Der wilde Jäger hat insgemein viele Hunde, meistens kleine Dächsel (= Dackel, sk) und andere, manchesmal brennt den Hunden auf dem Schwanz ein Licht. Manchesmal zieht er mitten durch die Häuser, und da thut er Niemand etwas, wenn nur die Leute sich ruhig verhalten, und sich an nichts kehren. (S. 159/60)

DSB Nr. 177: König Abels Jagd
König Abel, der Brudermörder, war Zeit seines Lebens ein gewaltiger Jäger, und als es mit ihm zum Sterben kam, wünschte er sich, statt der ewigen Seligkeit, ewig jagen zu dürfen. Dieser Wunsch ward ihm gewährt zur ewigen Strafe. Kohlschwarz im Gesicht, von zehn, manchmal feurigen aber kleinen Hunden begleitet, auf einem kleinen Pferde reitend, durchzieht er die Lüfte mit Lärm und Getöse und gellem (= scharfem, lautem, sk) Hornruf. Sein Schrei tönt Hurra! Hurra! – Es war zur Zeit König Abels Leben nicht gut, ihm zu begegnen und ists auch heute noch nicht. Ein alter Bauer aus Dorf Danewerk erzählte, wie seiner Großmutter ihre Großmutter noch eine junge Dirne gewesen, da hätte um das Danewerk/ herum noch viel Gehölz gestanden, da hinein hätte die Dirne die Kühe getrieben und gehütet. Da habe sie einmal unversehens in der Luft ein fürchterliches Ramentern (= Lärm, sk) vernommen, und wäre König Abel in Lüften daher gesaust mit seiner Jagd. Zehn Hunde, ganz weiße, hatte er bei sich, die hatten feurige Zungen aus dem Halse hängen. Ach, dachte die Dirne, nun bin ich so ganz allein! wie soll das wohl gehen! Sie hatte ein weißes Schürztuch um, das band sie ab, und wickelte es um ihren Kopf, und setzte sich bei einen großen Baum und weinte. König Abel kam nun heran und machte gar ein grausiges Geprassel und Getöse bei ihr herum, und dann zuletzt machte er sich wieder von dannen. Von den Hunden des Königs Abel kam aber einer zu der Dirne heran, und sprang ihr in den Schoos und legte sich still hinein. Wie nun der Lärm vorüber war, so nahm sie den Hund im Schoos mit nach Danewerk, und da hat er sein Geschlecht vermehrt, daß noch immer solche Däckel dort gefunden werden. König Abels Jagd hat aber seitdem nicht mehr zehn Hunde, sondern nur noch neun. König Abels Pferd braucht auch Futter. Auf dem Hesterberg bei Schleswig bringen die Bauern aus Mielberg, wenn sie ein Stück Land mit Hafer besäen, einen Sack voll mehr mit, als sie brauchen, Nachts kommt hernach allemal Jemand, der den Hafer für sein Pferd braucht. Darum geräth aber auch der Hafer auf dem Hesterberg am allerbesten in ganz Schleswig. (S. 160/1)

DSB Nr. 183: Das Glück der Ranzau
Das Geschlecht der Grafen Ranzau ist uralten Herzoglich Schleswigschen Stammes. Einer Urältermutter dieses Geschlechtes begegnete es, daß ein kleines Männlein mit einer Laterne zu ihr kam, und sie in einen Berg holte, zu einer Wöchnerin bei den Unterirdischen. Sie legte derselben nur die Hand aufs Haupt und alsbald genas das Zwergen-Weiblein glücklich. Das Männlein begleitete dann die edle Frau wieder nach ihrem Schlosse zurück, und gab ihr einen Klumpen gediegenes Gold und sagte: lasse daraus fertigen fünfzig Rechenpfennige, einen Hering und zwei Spindeln, und verwahre das alles wohl bei deinem Geschlecht, denn solches wird stets in Ruhm und Ehre bleiben, so lange von diesen Stücken nichts verloren geht. – Dieses geschah, und die Stücke haben noch auf lange Zeit dem Hause Glück gebracht. Es soll sich diese Thatsache, die auf sehr verschiedene Weise erzählt wird, auf dem Schlosse Breitenburg zugetragen haben. Den goldenen Hering hatte zuletzt Josias von Ranzau, ein tapferer Degen und kriegslustiger junger Held. Er ließ sich ein gutes Schwert fertigen und den Hering an dessen Griff umbiegen und als Bügel anbringen, trat dann in französische Dienste, hatte Glück in unzähligen Schlachten, und wurde zuletzt Generalfeldmarschall. Fechten und Raufen war seine höchste Lust, dabei war er freilich unüberwindlich durch das Erbstück der Ahnfrau. Das wurde ihm, weil es ruchbar geworden, einstmals von einem Kriegskameraden, Caspar Bockwold, ins Gesicht gesagt, er habe gut Fechten und Händel suchen, man wisse wohl, daß er fest sei und sein Muth und seine Tapferkeit im Hering seines Degengriffes stecke. Darüber ergrimmte Junker Josias höchlichst, schleuderte alsbald seinen Degen/ von sich in den Rhein, und forderte Caspar Bockwold auf der Stelle zum Zweikampf, und besiegte ihn dennoch. Selten schlug es ihm fehl, als Sieger aus solchen Kämpfen zu gehen, er hatte deren aber so viele, daß er auch gar manche böse Scharte davon trug. Als er zu hohen Jahren kam, hatte er nur noch ein Auge, ein Ohr, einen Arm und ein Bein, und außerdem noch an seinem Leibe sechsundfunfzig Male schwerer Wunden. (S.168/9)

DSB Nr. 184: Schwertmann
In einem Hofe, Namens Rothwisch, in der Krempnermarsch, lebte vor dessen auch solch ein Raufbold (Rückverweis auf DSB Nr. 183, sk), aber noch viel schlimmer, denn er trieb es gar arg mit allen tollen Streichen, und hieß Schwertmann. Der hat für seine Uebelthaten gar lange als Gespenst umgehen müssen, als Feuermann, und hat die Leute geschreckt und geängstigt. Als Schwertmann gestorben war, sah man ihn auf seinem Leichenwagen wieder nach Hause fahren. Beim Leichenschmauße saß Schwertmann unter den Leidträgern. Bald guckte er da, bald dort aus einem Fenster, einem Korbe, einer Lucke, mit schrecklicher, abschreckender Fratze. Als Pfarrer und Küster kamen und diesen Geist bannen wollten, warf er ihnen alles Böse, das sie heimlich gethan, laut vor, bis zum geringsten. Endlich überwand ihn der Schulmeister, der im Ueberwinden Uebung hatte, und trug ihn nun nach dem wilden Moor, ihn zu bannen. Da zischelte ihm Schwertmanns Geist ins Ohr: nur nicht zu tief in den Sumpf, hörst du? nur nicht zu tief. Als Schwertmann nun dorthin gebannt war, aber eben nicht zu tief, so wandelte er von Zeit zu Zeit als Feuermann herum, und schreckte viele Leute. Die größte Pein litt er an seinen brennenden Füßen; wo er Schuhe fand, zog er sie an, weil sie seinen Brandschmerz linderten, es paßten ihm auch alle, nur konnte er kein Paar lange tragen, weil er jedes gleich durchbrannte. Oft bat er selbst Leute um Schuhe, die gleich verschwanden, sobald sie ihm hingesetzt wurden. Endlich hat ein Bäckergesell diesen ruhelosen Geist in einer Kiepe gefangen und sie ins Meer gesenkt, seitdem war Ruhe vor ihm, aber sein tolles Wesen bei seinem Leben und nach seinem Leben, das blieb im Gedächtniß der Leute, und sie sprachen sprüchwörtlich, wenn es wo recht wild und toll und übel herging: da regiert Schwertmann.
Wenn einmal einer etwa die Kiepe zufällig auffischt und öffnet, da wird er schon sehen, was für einen Fisch er gefangen hat. (S. 169)

DSB Nr. 190: Spottnamen und Schildbürger im Norden
Im innern Deutschland denken wir Wunders, was für weise Lalenburger wir im Schwaben- und Frankenlande, in Schilda und Schöppenstätt, in Wasungen und Ummerstadt u.s.w. haben. Da schaut einmal hinauf nach Ditmarschen und Schleswig-Holstein, da ist des Volkes Necklust lebendig über alle Maaßen. Da sind die Jagler bei Schleswig, die heißen die tollen Jagler, wie auf dem Rhöngebirge die Einwohner des Dorfes Ditges die tollen Dittiser; die wollen einen Balken partout die Queere durch ihr Thor schaffen, bis sie einen Spatzen mit einem Strohhalm fliegen sahen, der den Halm zur Längst in sein Nest zog. Die Hotstrupper haben eine Scheuer, in der sie alle Dummheiten einheimsen und auffspeichern, daher das Sprüchwort gilt: geh nach Hotstrupp und laß dir die Narrheit verschneiden. Zu Gabel ging es mit einer Katze fast/ gerade wie zu Wasungen. Sie kauften solch ein rares Thier zum Mäuseausrotten für dreihundert Thaler. Als der Handelsmann fort war, fiel den Gablern erst ein, daß sie zu fragen vergessen, was denn dieses Thier fresse? (Zu Wasungen kam die Rückantwort: die Katze frißt alles, da entstand große Furcht, und man schaffte schleunigs die Katze wieder ab.) Dem reitenden nacheilenden Boten aber rief der Händler zu: Milch und Mäuse! – Nun pfiff gerade der Wind etwas stark, und der Bote verstand: Milch und Menschen! und brachte im Galopp diese Antwort zurück. Welch ein Schreck! Wie da zu rathen und zu helfen? Im äußersten Haus war schon die Katze, sie sollte von da reihum gehen, wie der Dorfspieß. Man wagte sich nicht an das menschfressende Unthier, man steckte das Haus in Brand, da sollte es drinnen verbrennen. Als das Haus im schönsten Brennen war, wurde es der Katze zu warm darin, sie sprang daher geschwinde heraus und lief in das nächste. Das wurde auch angesteckt; die Katze sprang von da, weil es wieder zu warm wurde, in das dritte Haus, und immer so fort, bis kein Haus mehr da war, da lief sie über Feld, und kam nicht wieder. Die Gabler aber waren froh, daß sie die Katze und zugleich auch ihre Hausmäuse loswaren, wie jene Guten, die ihr Haus niederbrannten, um die Wolterkens sammt allen Wanzkern los zu werden. Die Romöer sind auch eine kluge Sorte. Sie wollten gern ihre Kirche zwei Ellen weiter schieben, und meinten, da nur wenige Leute diese erbaut, so würden viele Leute die Kirche doch leicht fortschieben können. Damals trug man allgemein zu Romöe rothe Jacken; alle hatten welche, nur Paul Moders, ein armer Robbenfänger, hatte keine. Da sagte er, alle Romöer sollten sich an der Nordseite zum Schieben anstellen, an der Südseite aber eine Jacke zwei Ellen weit von der Kirche legen, damit man richtig sehen könne, ob die Kirche weit genuzg geschoben sei. Der Vorschlag gefiel, die Jacke ward hingelegt, und alles schob. Jetzt kam Paul Moders und schrieb: genug! genug! haltet ein! Ihr habt die Kirche schon über die rothe Jacke hinüber geschoben, ihr Simsone, ihr! – Da waren die Romöer froh, daß es ihnen so wacker gelungen war. Am nächsten Sonntag wunderte sich Jedermänniglich, daß auch Paul Moders mit einer rothen Jacke in die Kirche kam, konnen gar nicht begreifen, wie der arme Thranschlucker zu einer rothen Jacke gekommen war.
Die Büsumer an der See, die sind auch von den Pfiffigen. einstmalen gingen ihrer Neun zu baden, und schwammen wie die Enten. Jetzt hob sich der Vordermann und sagte: mine Jongens, ik mutt doch würftig mal tellen, ob ay noch all dohopen sünt. Nun zählte er: einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ich bin ich, es muß beim Donner, einer versoffen sin! – Jetzt schwammen alle traurig zum Ufer; ein Fremder kam, dem klagten sie ihr Herzeleid, und der rieth ihnen, sie sollten sich niederlegen, und ihre Nasen in den Sand stecken, hernach die Löcher zählen. Selbies thaten sie, hurrah! Da gab es neun Löcher, und keiner war versoffen. Den Mond wollten die Büsumer aus dem Brunnen schneiden, einen/ Hummer haben sie für einen Schneider angesehen, auf ein Feld säeten sie Kuhplapper, meinten von selbigen Eiern sollten Kühe wachsen. Ein Mann stahl ihnen einen weißen Mühlstein, lange zogen sie ihm nach, folgten seiner Spur bis nach Hamburg, thaten sich dort viel zu Gute auf Gemeindeunkosten, gingen auch in St. Michelskirche und erhoben auf einmal einen Heidenspektakel, indem sie überlaut schrieen: unser Mühlstein! unser Mühlstein! Der Herr Pastor hat ihn, hat sin Köpken durchgesteckt! – Sie hielten den großen und breiten runden Halskragen aus Battist, den die Mode den Geistlichen um den Hals gelegt, für ihren großen weißen Mühlstein.
Die Bishorster leitete ein Schalk an einem Seil in einen tiefen Brunnen, als sie nach gewohnter Weise die Christnachtmette besuchen wollten, und sich an dem Seile, das sie ausgespannt hatten, um in der Nacht des Weges nicht zu fehlen, forthalfen. So erzählen die Haseldörfer, Bishorst aber hat die Elbe nach und nach ganz hinweggefluthet.
Die Kisdorfer haben eine Sense, die ein Grasdieb liegen ließ, für ein gefährliches Thier angesehen, und eilend eingezäunt. Auch sie trugen, wie ihre witzigen Brüder in Deutschland, den Tag in Säcken in ein neugebautes Haus.
Die Fockbecker haben einen Teich mit eingesalzenen Heringen besetzt, meinten, über’s Jahr reichliche Brut davon zu haben. War aber gefehlt; als der Teich abgelassen ward, war kein Hering drin, nur ein großer Aal. – Das ist der Heringsfresser, der muß sterben! rief der klügste Fockbecker. Wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat! – schlug einer vor. Das ist nicht Strafe genug! – rief ein zweiter, der sich einmal gebrannt hatte. Verbrennt ihn! – Nein! schrie ein dritter, der einmal fast ertrunken wäre: brennen ist sehr schlimm, aber versaufen ist schlimmer. Wir wollen ihn in die Au schmeissen, und ihn versaufen! – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie, und wie der Aal nun im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der letzte Weise: seht ihr, wie er sich quält! Ja – das ist der schlimmste Tod, das Versaufen. – Wenn das Verdursten nicht noch schlimmer ist! rief einer, der gern das letzte Wort haben wollte. (S. 173-175)

DSB Nr. 197: Der Zauberer von Plön
Es saß auf dem Schlosse Plön Herzog Johann Adolph zu Holstein-Sonderburg, der war ein großer Kriegsheld, aber auch ein großer Zauberer. Er verstand die Passauer Kunst, war kugelfest und konnte sich unsichtbar machen. Die Feinde konnte er so verblenden, daß sie weder ihn noch seine Leute sahen. Einmal war er recht im Gedränge, da verwandelte er sich und alle seine Streiter in Bäume, da standen die Feinde und gafften den Wald an, und traten an die Bäume, und thaten, was sie nicht lassen konnten, davon hatten hernach die Krieger Johann Adolphs ihre Stiefeln voll.
Schloß Plön ist ganz von weiten Seen umgeben; in Ferne einer Meile davon liegt Stocksee, aber der Umweg, den man zu Lande machen muß, ist viel länger. Der Herzog war gern in Stocksee, und fuhr Sommer und Winter über den großen Plöner See zu Wagen hinüber. Einmal fuhr ein Bauer hinter dem Herzog her, und kam auch glücklich an den Strand. – In wessen Namen thatest du das? fragte ihn der Herzog. Im Namen von euer herzoglichen Gnaden! – antwortete der Bauer. Das war dein Glück, – sprach der Herzog: aber ein anderes mal laß es bleiben! –
Aus Stocksee wollte der Herzog gern eine Stadt gemacht haben, und befahl beim Antritt eines Kriegszugs nach Ungarn und gegen Polen unter Kaiser Leopold, den Ort zu vergrößern, seiner Gemahlin aber, Dorothea Sophia, geborne Prinzessin zu Braunschweig, gefiel Plön besser, sie nahm das für Stocksee ausgesetzte Geld und erbaute die Neustadt Plön. Als der Herzog zurückkam, fuhr er sogleich nach Stocksee, und da er von seinen Befehlen nichts vollzogen sah, schwur er, daß seine Frau sterben solle. Sie erfuhr das alsobald, und als sie aus einem Fenster des Schlosses ihren strengen Gemahl heranfahren sah, stürzte sie sich aus dem Fenster. Der Herzog aber gebrauchte seine Kunst, und sie kam ohne Schaden an den Boden, und der Herzog sagte ihr, er habe allerdings geschworen, daß sie sterben solle, doch Eile habe es mit dem Sterben keine, sie möge doch warten, bis ihr Stündlein von selbst schlage. Das hat sie gethan, und hat ihren Herrn und Gemahl noch überlebt.
Zwischen Plön und Stocksee liegt ein Dorf, heißt Ruhleben, alldort hat Herzog Johann Adolph sein unruhiges Leben beschlossen, bei seinem Tode soll es aber eigen hergegangen sein, man spricht nicht gern davon, zeigt aber im Stillen ein Fenster, aus welchem der Herzog von einem Unbekannten geholt worden sei. (S. 180)

DSB Nr. 243: Hela
Von Danzig und der Weichselmündung gerade nordwärts liegt auf der äußersten Spitze der Landzunge, die das Putziger Wieck von der Ostsee scheidet, ein kleines Städtchen, das führt den Namen Hela. Selbiges ist ein trauriger und düstrer Name, denn Hela hieß die Todtesgöttin in dem scandinavischen Mythus, ein Begriff der Erstarrung, der Kälte und des Reiches unter der Erde, und es wollen manche, daß von diesem Namen sogar das deutsche Wort Hölle abstamme. Aber da, wo jetzt Hela liegt, und insonderheit einige tausend Schritte hin am äußersten Oststrande war vor Zeiten keine Hölle, sondern eitel irdischer Glanz und Helle, aber das ist freilich schon viele viele hundert Jahre her, da stand dort eine reiche, große und prächtige Stadt, belebt vom Handel und Wandel, besucht von allen Völkern des Morgen- und Abendlandes, gleich Stavoren und Vineta und Julin; aber wie es in diesen blühenden Städten ging, also ging es auch in Hela, der wachsende Reichthum machte die Menschen gottvergessen. Aber es steht geschrieben: wer sich auf seinen Reichthum verlässet, der wird untergehen – und Hela ist untergegangen mitten in seinen Sünden. Es soll dieser Untergang durch die brausende Meeresfluth in einer Nacht vom ersten zum zweiten Pfingsttage geschehen sein, weil es dahin gediehen war, daß der Handels- und Betriebsgeist keines Sonn- und Feiertages mehr achtete, und Werkeltage aus ihnen machte, wohin auch die Neuzeit wieder steuert, die dem armen arbeitenden Volke seinen Sonntag nimmt – und nur an diesem hohen Festtage kann zu Zeiten bei ruhiger See das meerverschlungene Hela erblickt werden. Und da sieht man in den reichen Straßen die Bewohner geschäftig wandeln in ihrer Prunktracht, und Verkehr treiben, und kann die Uhren schlagen hören, und die Glocken läuten, aber in die Kirchen sieht man Niemand gehen, weil das die Leute verlernt hatten über dem Jagen nach dem Mammon (= Geld, materiellen Gütern, sk).
Wenn der erste Pfingsttag still war, und den Hinabblick nach Hela vergönnte, erhebt mit Sonnenuntergang sich der Nordostwind und wühlt das Meer auf, als solle sich der alte Pfingststurm erneuen, und als wolle er gar die ganze Landzunge verschlingen. Da eilen Schiffer und Fischer, Fahrzeuge und Nachen zu bergen und den sichern Strand zu gewinnen, denn furchtbar toben an diesem nordöstlichen Strande der Ostsee empörte Wogen. (S. 214)

DSB Nr. 245: Der blaue Aermel
In der Rudauschen Schlacht ging es hart her und brachte der Feind die deutschen Ordensritter schier zum weichen. Der Fahnenträger fiel und mit ihm das Banner, aber da trat ein tapferer Gesell hinzu, ergriff das Banner und schwang es freudig. Das war ein Schustergeselle, genannt Hans von Sagan, und war der Sohn eines Bürgers im Kneiphof, jenem Theil der alten Stadt Königsberg, den der Hochmeister Winrich von Kniprode erbaut. Da sammelten sich die schon Fliehenden und die Zerstreuten allzumal wieder um das frisch aufgerichtete Banner, stritten mannlich gegen den Feind, gewannen die Schlacht und behaupteten das Feld. Hans von Sagan aber, der Kneiphofer, trug einen blauen Aermel. Als die Schlacht völlig gewonnen war, gebot der Hochmeister, der wohl fühlte, wie viel der Orden dem tapfern und muthigen Gesellen danke, daß Hans sich eine Gnade vom Orden ausbitten möge. Da bat Hans den Kneiphöfern alljährlich am Himmelfahrttage ein Gastmahl zu geben auf des Ordens Kosten. Dieses wurde ihm gewährt, und hat hernach solches Banket den Namen „das Schmeckbier“ empfangen. Aber der Hochmeister that noch mehr, er verlieh dem Kneiphof einen blauen Arm ins Wappen, dessen Hand eine Krone hält, zum Andenken, daß Hans von Sagan dem Orden gleichsam die Krone und Herrschaft in jener bedrohliche Schlacht gehalten habe. (S. 217)

DSB Nr. 252: Die Ritter und die Nonnen
Zu Kreuzburg stand vor Zeiten ein uraltes Rathhaus auf dem alten Markt, da ward in jeder Neumondmitternacht ein sonderer Spuk erblickt. Vom Schloßberg herab auf dem sogenannten Kirchenweg kam ein Zug von vier offenen uraltväterischen Wagen, jeder mit vier Pferden bespannt, die ersten beiden mit Schimmeln, die andern beiden mit Rappen. Ruhig gingen die Schimmel, unruhig die Rappen; diese bäumten sich, und schnaubten Feuerfunken aus den Nüstern.
In den vorderen Wagen saßen je zu sechs, zwölf Nonnen, im weißen Ordenshabit mit Scapulier (= Schulterkleid, sk) und Rosenkranz, aber ohne Kopf. In den folgenden Wagen zwölf geharnischte Ritter, jeder hielt seinen Helm im Arm, und im Helm steckte auch gleich sein Kopf. In lautloser Stille umkreiste dieser Zug dreimal den Markt, es schallte kein Hufschlag, es ward kein Räderrollen gehört. Der Kutscher der Nonnen war ein weißes Lamm, jener der Ritter ein schwarzer Ziegenbock. Endlich ging der Zug in das alte Rathhaus hinein und drinnen erschallte wilde Musik, und wurden Stimmen der Ritter und Nonnen vernommen, laut und brausend, und fein und süß, wie Trinklieder und melodische Hymnen durcheinander, wie dort im verwünschten Kloster bei Niederlahnstein am Rhein. Mit dem ersten Glockenschlage der Mitternachtsstunde kamen die Wagen mit ihren Insassen wieder aus dem Rathhaus hervor, zogen wieder dreimal um den Markt, und fuhren aber nicht die Kirchenstraße zurück, sondern zur Schloßstraße hinaus, und war nur noch das graulich und verwunderlich anzusehen, daß auf den Leibern der Ritter die Nonnenhäupter, und auf denen der Nonnen die behelmten Häupter der Ritter saßen.
Als im Jahre 1818 der Markt sammt dem alten Rathhaus abbrannte, bis/ auf ein einzelnes altes Gebäu, sind die Ritter und Nonnen, aber jedes mit seinem eigenen Kopf auf richtiger Stelle erschienen, haben über Schutt und rauchende Trümmer neunmal den Markt umzogen, und ihr nächtliches Fest in dem einzelnen alten Hause gehalten, doch minder wild und laut, es hat eher geklungen, wie Orgelton und fromme Choräle. Beim Neubau des Marktes mußte auch jenes alte beschädigte Haus abgetragen werden, damit der neue Markt größern Raum gewinne, und in der ersten Neumondnacht, nachdem dieß geschehen, ward über seiner Stätte gar eine sanfte und liebliche Musik vernommen, und ein wonnevoller Gesang: Gloria sit patri, filio et spiritui sancto (= Ehre sei dem Vater, Sohn und heiligen Geist, sk)! Und damit haben die Ritter und Nonnen Abschied genommen und sind eingegangen zur ewigen Ruhe. (S. 222/3)

DSB Nr. 265: Die Geister auf Christburg
Da, wo heute die Stadt Christburg liegt, war eine Heidenveste, welche der Marien-Orden lange belagert hielt. Endlich in einer heiligen Christnacht ward die Veste von dem Orden erobert, und von da an besessen, und empfing von dem Tage an den Namen Christburg. Das Schloß wurde neu erbaut und mehr und mehr befestigt und war lange Jahre ein starkes und unüberwindliches Bollwerk gegen das Heidenthum. Da kam die Zeit, daß sich der Orden berieth, Krieg zu führen gegen den tapferen Polenkönig Jagello, da war ein Comthur auf Christburg, der hieß Otto von Sangerwitz, der sah dieses Krieges unglückseliges Ende voraus, und widerrieth ihn. Allein er wurde überstimmt und mußte mit ausziehen. Da nun der Auszug begann, so fragte ein Chorherr den Comthur: wem willst du nun dieses Schloß anvertrauen? – und darauf antwortete Otto von Sangerwitz ganz heftig: dir und allen bösen Geistern, die zu diesem Kriege gerathen haben! – Ueber diese harte Antwort erschrak der Chorherr heftig, fiel in ein hitziges Fieber und andern Tages war er todt. Von Stund' an mußte sein Geist im Schlosse zu Christburg spuken. Als nun die unglückliche Schlacht am Tannenberge geschlagen war, in welcher unter so vielen anderen tapfern Streitern auch der Comthur von Christburg fiel, kehrten die Geister aller Kreuzherrn, die zu diesem verderblichen Kriege gerathen hatten, der den Orden fast ganz aufrieb, auf das Schloß Christburg zurück und spukten dort gräulich. Kein Mensch hatte Ruhe vor ihnen, es ging alles darunter und darüber. Die Pferde standen unversehens in der Küche, wenn der Koch an sein Geschäft gehen wollte, und wenn die Knechte auf den Boden gingen, Futter für die Pferde zu holen, lagen die Weinfässer droben; der Kellermeister, wenn er in den Keller kam, fand einen Brunnentrog und Wasserkübel. Ein neuer Comthur des Namens von Frauenburg, konnte es nicht auf dem verwünschten Schlosse aushalten; die Geister hingen ihn im Brunnen auf, setzten ihn auf den First des höchsten Daches, zündeten ihm seinen Bart an, daß er brannte wie ein Strohwisch – bis er von dannen zog, und blieb kein Ritter mehr dort, ward also das Schloß verlassen und verfiel. Da kam einstmals nach ein Paar Jahren ein Schmied aus Christburg von einer Wallfahrt heim und hörte von dem Spuk, wie es zugehe da droben auf dem Schlosse, daß die Ordensritter, wenn sie essen wollten, die Schüsseln voll Blut gefunden hätten, und wenn sie hätten beten wollen, hätten sie Kartenspiele in den Händen gehabt, statt der Breviere, und da dachte der Schmied, er wolle doch auch einmal sich hinauf machen auf das wüste Schloß, ging aber weislich nicht Abends, sondern am hellen Mittag hinauf. Und wie er auf die Brücke kam, da traf er gleich einen Bekannten, der sein Gevatter war, und hatte ihm ein Kind aus der Taufe gehoben, und war der Bruder des Comthurs Otto von Sangerwitz. Den schrie der Schmied fröhlich an, und freute sich, ihn wieder zu sehen – sei ihm doch, als habe er gehört, der Herr Gevatter sei auch in der Tannenberger Schlacht geblieben. Und wie es komme, daß die Leute drunten in der Stadt sich so wunderliche Dinge von dem Schloß erzählten? – Der Ritter sprach: folge mir, ich will dir zeigen, wie das alles kommt. – Und führte ihn über Wendelstiegen und durch Säle und Hallen, und zeigte ihm des Unfuges und des Gräuels so viel, daß dem Schmied die Haare sich zu Berge hoben. Dann gingen sie wieder aus dem Schlosse, und hinter ihnen schallte ein Heulen und Wehklagen, wie das Heulen der Verdammten, und konnte nicht entsetzlicher und schrecklicher sein in der untersten Hölle. Und da sprach der Ritter zu dem Schmied: gehe hin und sage dem neuen Hochmeister an, was du hier gehört und gesehen, denn so war unser Leben, und so ist nun unser ewiger Jammer; und sage ihm, er solle den Orden bessern. – Und als diese Worte gesprochen waren, verschwand die Gestalt des Comthurs vor des Schmiedes sichtlichen Augen, und es grauste ihn, denn nun erst nahm er wahr, daß er mit einem Geiste es zu thun gehabt, und allerdings war auch dieser Bruder in der Tannenberger Schlacht geblieben.
Seinen Auftrag zu vollziehen, ging der Schmied zum neuen Hochmeister und sagte ihm treulich alles an, dieser aber ergrimmte über solchen Bericht, als wolle der Schmied seinen hochwürdigen Orden schänden, ließ ihn greifen und verurtheilte ihn zum Tode des Ersäufens. (S. 230-232)

DSB Nr. 276: Der Graf von Hoya
Drei Gaben sind es, die in mannichfaltiger Gestaltung die Sage durch Erd- und Wassergeister, durch Zwerge und Kobolde edeln Geschlechter insgemein verleihen läßt, und an dieser Gaben Dauer der Geschlechter Fortblühen und Dauerbarkeit knüpft. Wie der Hinzelmann dem Herrn auf Hudemühlen Kreuz, Hut und Handschuh schenkte, die Frau von Hahn dreierlei Stücke Goldes, der letzte Graf von Orgewiler von einer Feine (= Fee, sk) ein Streichmaaß, einen Trinkbecher und einen Kleinodring empfing, ingleichen auch die Frau von Ranzau durch ein Männlein oder Fräulein Rechenpfennige, einen Häring und eine Spindel zum Geschenke und Andenken von den Unterirdischen bekam, und andere anderes erhielten, also geschahe es auch einstmals einem Grafen von Hoya, daß in der/ Nacht ein kleines Männlein an ihn herantrat, und ihn, da er sich entsetzte, ansprach, und sagte: fürchte dich nicht, und höre die Werbung, so ich an dich zu thun habe, und schlage mir meine Bitte nicht ab. – Was begehrst du? fragte der Graf, und fügte hinzu: so ich's ohne meinen und der Meinen Schaden gewähren kann, sage ich dir's zu. – Darauf hat das Männlein also gesprochen: Nächste Nacht wollen unserer etliche in dein Haus kommen, deiner Küche und deines Saales sich bedienen, ohne Nachfragen und Lauschen deiner Diener, deren keiner etwas davon erfahren darf, das soll dir und deinem Geschlechte zu gute kommen, und in keiner Art soll jemand geschädigt werden. – Der Graf sagte zu, den Wunsch des Zwergmännleins zu erfüllen, und trug Sorge, daß seine Leute sich alle niederlegten, und ihrer keiner um Küche oder Saal im Wege war. Da kamen in der Nacht die kleinen Leute alle zu Hauf, wie ein reissiger Zug (= ein Zug von Reitern, sk), und wimmelten über die Brücke hinauf in das Schloß, und in die Küche und schafften und rüsteten, kochten und brieten, und trugen Speisen auf in den Speisesaal, was aber sonst in diesem sich begab, ist Niemand kund geworden. Gegen Morgen kam dasselbige kleine Männlein, das den Grafen zuerst angeredet, dankte ihm höflich und brachte ihm drei Gaben dar; das waren ein Schwert, ein Salamanderlacken und ein güldner Ring mit einem rothen Leuen (= Löwen, sk) eingegraben, diese drei Stücke solle der Graf wohl bewahren, und nicht von sich und seinem Hause lassen, so werde es Glück haben und behalten. Hernachmals hat der Graf wahrgenommen, daß der rothe Löwe im Ringschildlein jedesmal erbleichte, wenn in seinem Hause ein Sterbefall bevorstand. Nach der Zeit sind aber die Stücke doch hinweggekommen und das Grafenhaus ist darauf erloschen; die Grafschaft Hoya aber ist dem Hause Hannover zugefallen. (S. 240/1)

DSB Nr. 291: Schellpyrmont
Eine Stunde weit von dem blühenden Badeort Pyrmont ragt der Schellenberg empor, der trug ein uraltes Schloß, dessen Ursprung in die früheste deutsche Vorzeit hinaufragt. Die Sage will, dort habe Thusnelde gewohnt, Hermanns des Cheruskers Weib. Thusnelde hatte ein Vögelein, das konnte reden, flog im Lande umher und sagte ihr Neues an. Da kam eines Tages das Vögelein auch geflogen und schrie fort und fort:

Hessenthal blank! Hessenthal blank!

und zeigte damit an, daß ein Römerheer durchs Hessenthal ziehe, von dessen hellen Rüstungen und Gewaffen das Thal erglänzte. Da sandte Thusnelde alsbald Eilboten ab an Hermann, daß er sein Heer rüste, dem heranrückenden Feind zu begegnen./
In späterer Zeit war der Schellenberg ein Eigenthum der Grafen von Peremont, in deren Grafschaft er lag, und ward deren Stammname abgeleitet vom Namen Petri mons, wälsch Pierrre mont, daraus zuletzt Pyrmont geworden sei, denn Kaiser Friedrich der Rothbart habe dem Erzbischof Philipp von Köln dieses Stück von Westphalen oder ganz Westphalen zu Lehen gegeben, und dieser habe auf dem Schellenberge ein neues festes Schloß gebaut, und dasselbe dem heiligen Apostel Peter zu Ehren Petrimons genannt. Dieß zu glauben oder nicht, steht einem jeden frei, doch ist außerdem aus keinem der vielen Petersberge, bei Halle, bei Erfurt und sonst, ein Pyrmont geworden. Auch Schellpyrmonts Trümmer haben die Schatzgräber durchwühlt, aber nichts Sonderes gefunden. (S. 253/4)

DSB Nr. 295: St. Viti Gaben
Vom Kloster Corvey bei Höxter an der Weser gehen viele schöne Sagen. Das Kloster war dem heiligen Veit geweiht, und hatte zwar arme, aber sehr fromme Mönche. Nur einmal im Jahre hielten sie ein Gastmahl, und das geschah am St. Vitustage, zu Ehren des Schutzpatrons, und war dennoch mäßig und beschränkt, denn die Einkünfte des Klosters waren gering. Einmal geschahe es, daß St. Vitustag, welches ist der 15. Juni, herankam, und es leider dem Kloster fast an allem zu einem Festmahl Nöthigem gebrach, an Fischen, an Wildpret und an Wein, nur Gemüse war vorhanden. Vergebens sannen die Mönche, wie sie ohne das Nöthigste ihr Fest begehen sollten, siehe da plätscherte es im Klosterbrunnen, und zwei große Karpfen schwammen darin, und auf dem Hofe stellten sich zwei prächtige Hirsche ein, die waren feist vor der eigentlichen Feistzeit. Das war eine Freude! Fast hätte der Bruder Klosterkoch getanzt. Und da kam mit strahlendem Gesicht der Bruder Kellermeister und trug zwei große Krüge, die er gefüllt hatte am Quell, der in der Kirche hinter dem Altar sprang, und verkündete, daß das Wasser dieses Quells in Wein verwandelt sei. Da nun die Kunde solcher hohen Wunder dem Abt angesagt war, so sprach dieser: Brüder, lasset uns in Demuth und Dankbarkeit diese Gaben Gottes und unsers heiligen Schatzpatrones genießen. Es genüge uns aber an einem Hirsch und an einem Fisch, und jeder fülle sich nicht mehr als zwei Kannen Weines. – Da ließen die Brüder ohne Widerrede den einen Hirsch ins Freie, und den einen Fisch in die Weser und segneten im Herzen den guten Abt, daß er ihnen doch statt nur eines Krüglein Weines deren mindestens zwei erlaubt hatte, und hielten ihr Festmahl zu Ehren St. Viti in Eintracht und Liebe. Seitdem erneute sich diese Spende des Heiligen an jedem Jahrestage, und immer wurde also verfahren, wie am ersten. Endlich aber starb der gute und fromme Abt, und ward ein anderer erwählt, dessen Gott der Bauch und dessen Heiliger Herr Bacchus war, der bekannte brave Mann, und als St. Viti Jahrtag wieder kam, da ließ der Abt beide Hirsche schlachten, und beide Fische, und Weines die Fülle füllen, und bezechte sich zu Ehren St. Viti weidlich. Und als wieder ein Jahrtag kam, da kam mit ihm weder Hirsch noch Fisch, und er Altarquell sprudelte nach wie vor recht klares frisches Wasser, und der Küchenmeister im Kloster Corvey hieß Bruder Schmalhans. (S. 258)

DSB Nr. 311: Irmensäule (Bild: Alfred Rethel Die Zerstörung der Irmensäule, 1848. Karlsfresken im Kaisersaal des Rathauses von Aachen)
Im Dom zu Hildesheim wird gezeigt eine Säule, zierlich von Marmor, mit vergoldeten Erzringen, eilf Fuß hoch, und ein Marienbild tragend. Die soll früher des alten Sachsengottes Irmin Bildsäule getragen haben, und wird daher noch immer Irmensäule genannt.
Jenes Götterbild stand zu Ehresburg, jetzt Stadt Berge an der Dimel, und ward gebrochen von Karl dem Großen im Jahre 772. – Wenn mit einem Messer an die Säule geschlagen wird, giebt sie einen hellen Schall; bei heißer Sommerzeit ist sie sehr kalt, und schlägt sich aller Dunst an ihr in Tropfen nieder, so daß sie zu schwitzen scheint. Die Sage geht, daß Karl der Große sie habe nach Hildesheim bringen lassen, und nach der Hand hat man auf die ehernen Ringe lateinische Verse eingegraben, welche aber zur Irmensäule und ihrer Geschichte keinen Bezug haben, vielmehr darauf hinzudeuten scheinen, daß die Säule keine andere Bestimmung hatte, als einen riesigen Leuchter abzugeben. Manche sagen Irmen sei Irmin, Armin, Herrmann, der Befreier Deutschlands, dem göttliche Verehrung zu Theil geworden. Ob der Name des Dorfes Armenfeld bei Ahlefeld nicht ein verstümmelter Nachhall des Namens Arminsäule sei, lohnte sich wohl zu erforschen zu suchen. (S. 271)

DSB Nr. 314: Die Tänzer von Kolbeck
Im Dorfe Kolbek bei Halberstadt war vor langen Jahren ein Bauer, der hatte immer den Krug lieber als die Kirche, und trieb gern leichtfertige Sachen. So ließ er sich beigehen, in einer Christnacht mit noch funfzehn Kameraden, die er beredete, und drei Weibsbildern, während der Christmette auf dem Kirchhof einen Tanz zu halten mit lauten Juhu und Heisassa. Darauf trat der Pfarrer aus der Kirche und strafte die Tänzer, welche die heilige Weihnacht so freventlich entweihten, mit ernsten Worten, aber der Bauer kehrte sich nicht daran, vielmehr rief er dem Pfarrer spottend zu: du heißest Ruprecht, ich heiße Albrecht!

Sing' du drinnen deine Leichen*),
Wir singen und tanzen draußen unsern Reigen. –

Da hob der Pfarrherr seine Hände auf und rief: ei so wolle Gott und Sankt Magnus, daß ihr tanzen müßtet Jahr und Tag! – Und alsbald ging diese Verwünschung in Erfüllung. Die Tänzer vermochten nicht einzuhalten, nicht aufzuhören, fort und fort riß es sie hin mit Allgewalt, der Morgen kam und der Tag verging wieder – sie tanzten, und durch die Nacht hindurch tanzten sie, und am folgenden Morgen, und das immer so fort, Tag und Nacht.

*) Leich: Sangweise (S. 275)

DSB Nr. 333: Die Spinnerin im Mond
In einem Dorfe bei Salzwedel, es könnte Wiebelitz gewesen sein, lebte ein altes armes Weiblein, hatte eine einzige Tochter, die hieß Marie, und das war gar ein geschicktes Kind, und half der Mutter leichtlich über die Armuth hinweg. Marie konnte täglich beinahe zwei Zahlen Garn spinnen, und ihr Faden war unvergleichlich gleich und fein. Aber so fleißig Marie war, so lebensfroh war sie, und in der Spinnenkoppel (Spinnstube) stetig die lustigste, zumal wenn die Rädlein bei Seite gesetzt wurden und der Tanz anging, der spät genug aufhörte./ Der Mutter war das gar nicht lieb, daß das Töchterlein zum öftern bis nach Mitternacht umhertollte, und ihre Ermahnungen sich so gar wenig zu Herzen nahm. Nun war wieder ein Winter fast zu Ende, und Marie war der Fleiß selbst gewesen, und es kam der Abend von Marie Lichtmeß, wo noch einmal Spinnekoppel sein sollte, den Winter zu beschließen, denn: Lichtmeß muß man die Wurst bei Tag eß' – lautet das Sprüchwort, und die Mutter sprach zur Tochter, als diese ihr Rädchen aufnahm, um fortzugehen: liebes Kind, heute ist ein Marientag, heute darf kein Kind ungehorsam gegen die Aeltern sein, sonst straft es der Himmel alsogleich, darum versprich mir, daß du heute nicht wieder bis nach Mitternacht ausbleibst, sondern vor Mitternacht heim kommst, und daß du heute nicht zum Tanze gehst, ich verlasse mich darauf. Marie versprach mit nassen Augen, was ihre Mutter verlangt, und nahm ihr Rad und ging. Es wurde sehr fleißig gesponnen, aber nun kamen die jungen Bursche, und hatten im Wirthshause ein Paar Prager Musikanten gefunden, das war etwas Neues, die mußten mit, und nun ging das Tanzen los. Marie wollte fort, wollte der alten Mutter Wort halten, allein die Bursche und die Mädchen ließen sie nicht fort, sie mußte mit an den Reigen, die Spielleute pfiffen und fiedelten auch gar zu schön. Und als die Marie einmal am Tanzen war, da ging sie nimmer davon, da konnte die Alte lange warten, denn tanzen war Mariens Wonne und ihr Glück. Und da ging die Mitternachtstunde vorüber, ehe sie es nur dachte, und als der lustige Kreis das Haus verließ, wurden die Mädchen mit Musik nach Hause gebracht, und bekamen schöne Ständchen, das hallte gar lieblich durch die helle Mondnacht und die tiefe Stille. Da kamen sie auch am Kirchhof vorbei, dessen Thor offen stand, und stand eine alte Linde darauf, darunter war ein freier ebener Raum, und dahinein gingen die Tänzer und die Spielleute und begannen von neuem Tanz. Erst schauerten und scheuten die Dirnen, dann folgten sie doch, halb gezwungen, und endlich auch Marie. Die alte Mutter aber wartete daheim und weinte über ihr Kind, und da sie von weitem den Freudenschall hörte, dachte sie gleich, dabei werde Marie nicht fehlen, und machte sich auf und kroch aus dem Häuschen, ihr Kind zu holen. Da sah sie nun zu ihrem Schreck und Zorn ihre Marie unter den Kirchhofspringern, und rief ihr zu mit strengem Gebot, sogleich nach Hause zu folgen. Aber die Maid rief: ei Mutter, der Mond scheint ja noch so hell und schön! Geh nur hin, ich komme bald! – Da hob die Alte ihre beiden dürren Hände zum Himmel auf und schüttelte ihre grauen Haare, die ihr wild um das Haupt hingen, und schrie in wildem Grimme: ei daß du Rabenkind im hellen Monde säßest fort und fort, und hättest immer und ewig deine verfluchte Spinnekoppel droben oder beim Teufel und seiner Großmutter! – Und wie die Alte diesen Fluch gesprochen, schlug sie hin und war todt, Marie aber behielt nicht Zeit zum Jammern und Klagen, sammt ihrem Rädchen ward sie schnell entrückt hinauf in den Mond, da sitzt sie, da sinnt sie, da spinnt sie – wenn der Mond recht hell scheint, kann man sie gar deutlich sehen, und all ihr wunderzartes überfeines Gespinnst das streut sie vom Mond herab, zum Frühlingsbeginn, wann die Spinnekoppeln enden, und im Herbst, wann sie beginnen und die Abende sich längern, da führt es der Wind an hellen Tagen dahin und dorthin, und schwimmt weiß durch die Luft und zieht regenbogenfarbig glänzend von Strauch zu Strauch, von Blume zu Blume, und die Leute nennen es Marienfäden, Marienseide, fliegenden Sommer. (S. 288-290)

DSB Nr. 365: Die Adamstänzer
In der Mark, in Thüringen, auch sonst in Deutschland, in Böhmen (Sage Nr. 680), und in Holland erhob sich zu einer Zeit eine Sekte von Leuten, die gingen unbekleidet einher, weil der Urvater Adam auch keine Kleider gehabt, trieben allerlei seltsame Bräuche, andern Christen zum Aergerniß, sich selbst zur Schande, und nannten sich Adamiten. Sie führten Tänze auf, bei denen sie splitternackt einhersprangen. Eine solche Gesellschaft war auch im Dorfe Wirchow in der Neumark, die nahm zwei Fiedler und zwei Bierschänken mit, sie selbst waren sieben Paare, und Schänken und Fiedler mußten auch also nackend mitlaufen. Und der Tag, an welchem sie es thaten, war der heilige Pfingsttag, derselbe, an welchem der Herr auch die gottlosen Tänzer von Kolbek strafte. (Sage Nr. 314) Da huben die Adamstänzer und Tänzerinnen auf einen Plan vor dem Dorfe ihren gottlosen Reigen an, wild und sündlich und schändlich, aber als sie zum drittenmale antraten, geschahe ein Blitz und ein Donnerschlag bei hellem Himmel und der helle Himmel wurde plötzlich schwarz wie die Nacht, und den Tänzern und Tänzerinnen erstarrte vor Schreck das Blut in den Adern, und diese Erstarrung mehrte sich, und keiner regte mehr ein Glied, weder die Adamstänzer, noch die Schänken, noch die Fiedler. Sie waren allzumal zu nackten Steinen geworden, und müssen also stehen von Jahrhundert zu Jahrhundert, und nur ganz langsam sinken sie allmählich ein. Jetzt sind sie noch zwei bis dritthalb Fuß hoch, die Schänken in der Mitte des Kreises sind noch zwei Ellen hoch. An den Spielleuten, die außerhalb des Kreises stehen, erkennt man noch die Fiedeln. Das Volk nennt sie noch heute den Steintanz oder die Adamstänzer.
In Amerika giebt es noch bis heute eine zahlreiche Sekte, die Gott durch Tanzen und Narrensprünge zu ehren vermeint, wie einst die Adamiten. (S. 310)

DSB Nr. 402: Die Teufelsmauern
Vom alten Felsenschlosse Regenstein bei Blankenburg an erblickt man in der Richtung nach Gernrode und Ballenstädt, zwischen diesen Städten und Quedlinburg, hochgegipfelte Felsenreihen, die von ferne gesehen, Mauertrümmern ganz ähnlich erscheinen, und, öfters unterbrochen, sich erstrecken; sie ähneln alten Festungsmauern, in die mit Kanonenkugeln Breschen geschossen sind, und bieten manches phantastische Gebilde dar. Die Sage geht, daß als Gott der Herr die Erde geschaffen, so habe der Teufel als Urcommunist, begehrt, mit ihm zu theilen, und alsbald in dieser schönen Harzgegend begonnen, sein Reich abzugrenzen. Vor allem habe er sich den Harzwald mit seinem Thronberge, dem Brocken, seinen Pfuhl bei Thale und so manches andere vorbehalten, Orte, die er auch bis dato noch nicht gänzlich aufgegeben, und dem lieben Gott das platte Land vergönnt. Und damit ihm sein Lieblingsgebirge, und darin sein Bad, sein Bette, seine Kanzel und seine Mühlen um so sicherer bleibe, habe er begonnen, dasselbe mit einer riesigen Felsenmauer zu umwallen. Der liebe Gott sah dem Werke des Teufels eine Zeitlang zu, bis er ihm ein Ende machte und mit einem Zucken seiner Augenwimper die Mauer brach. Wer von Gernrode nach Quedlinburg den Fußweg geht, geht mitten durch die Mauer wie durch ein Nadelöhr. (S. 342)

DSB Nr. 417: Neun Kinder auf einmal
Zu Querfurt saß ein Graf, des Namens Gebhard, dessen Bruder war der heilige Bruno, der Apostel der heidnischen Preußen, nächst dem heiligen Adalbert. Graf Gebhard war ein strenger und ernster Herr, starrren Kopfes und raschen Handelns. Da er nun einmal eine Zeitlang aus seiner Herrschaft abwesend war, gebar ihm seine Gemahlin, eine edle Sachsin, auf dem Haus Querfurt auf einmal neun Kindlein. Ueber so reichen Segen erschraken sie und ihre Frauen nicht wenig, und getrösteten sich von dem Grafen und Herrn nichts gutem, denn er war gar wunderlich, und hatte schon zum öftern sich ungünstig über Frauen geäußert, die mehr als ein Kind, etwa zwei oder drei zugleich geboren, nun vollends dreimal drei, das dürfte ihm schier allzuviel dünken und nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheinen. Wurden daher unter einander Rathes, eines der Kindlein, das erste und stärkste zu behalten, und die acht übrigen bei Seite zu schaffen, und ward einer der dienenden Frauen befohlen, die acht Kindlein in einem Kessel hinweg zu tragen und den Kessel, mit Steinen beschwert, in den nahen Schloßteich zu senken. Dieser Trägerin begegnete der heilige Bruno, welcher damals in Querfurt lebte und in früher Morgenstunde bei einem schönen Quellbrunnen auf- und abwandelte und sein Gebet sprach, und da er ein Kindlein winseln hörte, fragte er, was sie trüge? – Das Weib erschrak und sprach: junge Welflin (Hündchen) – und wollte rasch vorüber eilen, allein Bruno nöthigte sie, den Mantel von dem Kessel aufzurücken, und sah die acht Kindlein, und zwang der Frau das Geständniß ab, wem sie gehörten, die ihm nun auch die ganze Wahrheit sagte. Bruno legte ihr tiefes Schweigen auf, selbst gegen die Mutter, taufte in dem kupfernen Kessel, darin die Kindlein lagen, dieselben an dem Quellbrunnen, und nannte sie insgesammt Bruno nach sich selbst, dann brachte er sie unter bei guten treuen Leuten zur Pflege und Auferziehung und hielt alles tief geheim, bis die Zeit kam, da er wieder gen Preußen zu ziehen gedachte. Der aufbehaltene neunte Knabe wurde Burkhart genannt und ward hernachmals der Großvater Kaiser Lothars. Da nun Bruno aus dem Lande zu ziehen im Begriff stand, offenbarte er seinem Bruder das Geheimniß, und nahm ihm das Versprechen ab, seiner Gemahlin jene frevelnde That nicht entgelten zu lassen, die nichts anderes wisse, als daß die Kindlein todt seien, und die Jahre her stets tiefe Reue und schmerzliche Betrübniß darob empfunden. Dann ließ er die acht Knäblein, eines/ gekleidet wie das andere, in das Schloß bringen und stellte sie den Aeltern vor, da sahen sie wohl an Gestalt und Geberden, daß sie des neunten rechte Brüderlein, und war Leid und Freud bei einander. Doch ließ Graf Gebhard seine Gemahlin nicht ganz ohne Strafe. Er ließ ihr ein Paar neue Schuhe machen, nicht von Leder, sondern von Eisen, und dieses Eisen ließ er glühend machen, und solche rothe Schuhe mußte die Frau Gräfin auf eine Zeit anziehen, darum, daß sie in den kindermörderischen Rath eingewilligt. Selbige Schuhe, wie jenen Taufkessel zeigt man noch in der Kirche zu Querfurt, der Quellbrunnen wird noch heute der Brunsborn genannt, und der Teich, dahinein die Welflin gesenkt werden sollten, heißt noch bis diesen Tag der Wölfenteich.
In der Lauterburg bei Querfurt geht noch ein Spuk um, das Schlüsselweibchen genannt. (S. 252/3)

DSB Nr. 418: St. Bruno und die Eselswiese
Da der heilige Bruno am Donnerstage in der Osterwoche Abschied nahm von seinem Bruder und gen Preußen zog, ritt er auf einem Esel, und sein Bruder und viele Herren begleiteten ihn. Wie sie nun über den Anger hart hinter Querfurt ritten, wurde des heiligen Mannes Esel stätig, und wollte nicht weiter, darin sahen die Geleitenden ein Anzeichen, daß Gott den Zug Bruno’s nicht wolle, und beredeten ihn zur Umkehr auf das Schloß. Gleichwohl fand der heilige Mann keine Ruhe, es drängte ihn seiner Bestimmung entgegen, und diese war keine andere, als der Martyrertod, den er auch fand, als er dennoch nach Preußen gezogen war und dort das Evangelium lehrte und predigte. Er wurde mit achtzehn Gefährten gefangen, grausam gepeinigt, verstümmelt und getödtet, das geschah in Lithauen, nahe der Grenze gegen Rußland, im Jahre 1008 oder 1009. Auf der Wiese aber, darauf der Esel des heiligen Bruno stätig wrd, und die bis heute die Eselswiese heißt, ward eine Kapelle erbaut, zur Eselstatt genannt, da ward an jedem Donnerstag nach Ostern reichlicher Ablaß ertheilt und entstand eine große Wallfahrt und viel Zustrom des Volk des von allen Orten und Enden. Endlich ward ein Jahrmarkt auf den Tag bestimmt, der zuletzt drei Tage dauerte, und so ist es geschehen, das ein stätiger Esel das ganze Volk umher auf die Beine gebracht und laufend gemacht hat, welches Wunder nicht blos zu Sankt Bruno’s Zeiten, sondern auch in späteren sich zum öfteren hie und da hat verspüren lassen. (S. 353)

DSB Nr. 419: Der Nonnengeist zu Gehofen
Zu Gehofen, zwischen Querfurt und Heldrungen, lebte Frau Philippine Agnes von Eberstein, eine achtbare Edelfrau. Dieser erschien im Jahr 1683 ein Gespenst in Gestalt einer Nonne, und flüsterte ihr zu, Abends sechs Uhr solle sie auf den Hof gehen, und allda einen großen Schatz heben, der sei ihr bescheert/ und keiner andern. Dieser Geist war von kleiner Gestalt, weiß gekleidet, auf dem Schleier über der Stirne mit einem rothen Kreuz gezeichnet, trug in der Hand einen Rosenkranz und hatte nach damals üblicher Tracht ein weißes Vorstecktüchlein vor dem Munde. Da der Gemahl der Frau von Eberstein schwer erkrankt danieder lag, und dieselbe abgemattet war von Nachtwachen, auch merklich furchtsam und bange war, so gab sie dem Ansinnen des Nonnengeistes keine Folge, hatte aber deshalb viel von demselben zu leiden. Das Nonnengespenst griff die Edelfrau thätlich an, drückte und zwickte sie, und verursachte ihr körperliche Schmerzen, unter beständigem Andringen, den Schatz zu heben. Der Geist war ebenso redselig als zudringlich. – Ich war eine des Geschlechtes von Trebra – flüsterte er der Frau von Eberstein erzählend zu: und wohnte hier auf dem Gut, das früher unserer Familie gehört hat. Im dreißigjährigen Kriege vergrub ich den Schatz – hebe ihn! – Nimm deinen Beichtiger dazu, deine Hausgenossen – es soll dir kein Leid widerfahren – ich schütze dich, ich führe den schwarzen Hund hinweg, der den Schatz bewacht – hebe ihn, und nie siehst du mich wieder. Wirf deine Schürze, oder ein Facinetlein (= Taschentuch, sk) darauf, wenn du den Schatz siehst! Hebe ihn – es sind auch drei Ringe dabei, die werden deinem Geschlecht stets Glück bringen. Hebst du den Schatz, so soll nach vier Jahren deine Tochter auch einen heben! – Und so ging es in einem fort; die Edelfrau litt schrecklich unter diesen fortwährenden Peinigungen. Sie sah den Geist, als sie einmal über den Hof ging, mit flehendlichen Gebehrden nahe der Kapelle stehen, und auf den Ort des Schatzes deuten – ja sie sah den Schatz offen, und fühlte, wie der Geist, als sie sich zum Weggehen wandte, sie am Rocke festhielt. Da wurde die so sehr geängstigte Frau von Eberstein ganz schwermüthig und gemüthskrank, sah aber immer den Geist, und andere sahen ihn nicht, und Niemand glaubte ihr, nur ihr kleines Töchterlein, das noch nicht reden konnte, deutete mit seinen Fingerchen nach der Stelle, wo der Geist stand. Dessen Quälereien trieben die Edelfrau fast zur Verzweiflung, und währten schon in den vierten Monat. Bei einer Ausfahrt zu Schlitten stand der Geist an der Brücke – da feuerte die Frau zwei scharfgeladene Pistolen nach ihm ab, aber die Folge war nur um so größere körperliche Peinigung. Auf Mund und Wangen und auf die Brust schlug der Geist die Leidende, warf sie im Bette empor, hielt den Mund ihr zu, legte sich auf sie, wie ein Alp. Endlich ließ er ab, mit einemmale, und die Edelfrau ließ in öffentlicher Kirchenversammlung dem Herrn für ihre Erlösung danken. Der Schatz blieb ungehoben. (S. 353/4)

DSB Nr. 420: Der immerlebende Rabe
Zu Merseburg im Schloßhof wird ein Rabe lebend erhalten, als immerwährender Sagenzeuge. Es lebte daselbst ein Bischof, Thilo von Trotha geheißen, ein heftiger und jähzorniger Herr, der hielt im Hause zum Vergnügen einen zahmen Raben. Der Rabe that, was er nicht lassen konnte, er stahl wie ein Rabe, so stahl er auch einen kostbaren hoch werthgehaltenen Ring seines Herrn, des Bischofs, und trug den Ring in sein Nest, das er auf einem hohen Thurme des Merseburger Schlosses hatte. Der Bischof aber vermeinte nicht anders, als der Ring sei ihm gestohlen und sein alter Kammerknecht sei der Dieb, und ließ diesen Diener peinlich befragen, und ihm durch die Folter das Geständniß der Schuld entreißen, und ließ ihn zum Richtplatz führen. Mit zum Himmel erhobenen Händen betheuerte der Greis seine Unschuld – doch sein Haupt fiel unter dem Henkerschwerte. Da geschah es nach einer Zeit, daß ein Sturm des Raben Nest vom Thurme warf, darin fand sich mancherlei güldenes und silbernes Kleinod und auch des Bischofs Ring, um den der fromme Kämmerling unschuldig war gerichtet worden. Das traf des strengen Bischofs hartes Herz wie ein Blitzstrahl, und er büßte hart und schwer seine ungetreue That an dem Kämmerling. Er that sich seines Familienwappens ab und nahm ein neues an, und setzte in das Schild einen Raben, der einen Ring im Schnabel trug, und oben aus der Krone hoben sich als Helmkleinod zwei Arme und Hände, deren Finger einen Ring faßten. Dieses Wappen ließ der Bischof Thilo von Trotha allenthalben anbringen, daß es ihn überall an seine Unthat erinnere und zu steter Buße mahne, innen und außen am bischöflichen Palast, im Dome, an den Mauern, in den Zimmern, auf den Gängen. Und verordnete, daß im Schlosse fort und fort ein lebender Rabe solle gehalten werden, wie denn auch noch geschieht. Und immer noch ist das neue Wappen zu erblicken, am schönsten auf dem ehernen Kenotaph (= Grabmahl, sk), das dem Bischof Thilo von Trotha im Dome zu Merseburg errichtet ward. (S. 354/5)

DSB Nr. 425: Die Frau von Weißenburg
Ludwig, des bärtigen Ludwig Sohn, freite eine Tochter Herzog Ulrichs zu Sachsen, war aber gar übel mit ihr zufrieden und sandte sie wiederum dahin, woher sie gekommen war; darüber zergrämte sie sich, denn sie hatte ein stolzes Herz und starb noch selben Jahres. Nun zog Graf Ludwig, noch jung und wieder ledig, im Lande umher, und besuchte den Pfalzgrafen Friedrich zu Sachsen, der saß auf Schloß Weißenburg, der hatte ein über die Maßen schönes Weib, Adelheid geheißen, und sie gefiel auch gleich über die Maßen dem Grafen Ludwig, und er höfelte um sie her, und tanzte mit ihr, und er gefiel ihr und durfte sie heimlich besuchen. Da faßten sie einen Rath, der nicht gut war. Als eines Tages der Pfalzgraf im Bade saß, hörte er Rüdengebell und Hörner, vielleicht fühlte er auch bereits welche, und fragte, wer so freventlich in seinen Wildbann breche? – und da sagte man ihm, wer es sei; manche berichteten, Frau Adelheid selbst habe es ihm unter Stachelreden gesagt, und da wurde der Pfalzgraf wild und fuhr aus dem Bade, warf nur leichtes Gewand über, und jagte auf einem Renner dem Grafen Ludwig nach. Das war es gerade, was dieser wollte. In einem Gehölz, die Reuse genannt, erwartete Ludwig den Pfalzgrafen, und da dieser ihn nicht mit Honigworten begrüßte, sondern ihn anschalt als einen Gauch[1] und ehrlosen Wicht, so drehte Ludwig sich um und stieß den Pfalzgrafen mit seinem Speer todt vom Rosse. Von dieser sehr untreuen That ist viel in den Landen geredet und gesungen worden. Des Pfalzgrafen Wittib auf Weißenburg stellte sich gar kläglich an, als sie ihres Herrn und Gemahls Tod vernahm, betrauerte selbigen auch „ein züchtig Jahr“ und dann heirathete sie ihren geliebten Freund, den Grafen Ludwig, und beging mit ihm fröhliche Hochzeit auf der Schauenburg. Der lebte mit ihr lange Zeit ganz glücklich, mehrte sein Land, erbaute ihm feste Schlösser und Trutzburgen und befestigte seine Städte. So Freiburg an der Unstrut und die Neuenburg darüber, aber da die Verwandten des durch ihn gemordeten Pfalzgrafen Rache heischten, und er sich der Ladung des Kaisers nicht stellte, so ließ der Kaiser allenthalben auf ihn fahnden und stellen, wie auf einen schlimmen Vogel, und so sehr Graf Ludwig auf seiner Hut war, so kam er endlich doch im Erzstift Magdeburg in Haft, und ward als Gefangener auf die feste Burg Giebichenstein, ohnweit Halle, geführt und allda festgehalten.


[1] Eigentlich die ältere Bezeichnung für den Vogel Kuckuck; wird bereits um das Jahr 1000 auch im Sinn von „Narr“, „Dummkopf“ gebraucht. (S. 359)

DSB Nr. 426: Der Sprung vom Giebichenstein
Graf Ludwig saß lange auf Giebichenstein, denn der Kaiser war außer Landes, und Niemand anders konnte und durfte den Grafen richten, wie der Kaiser selbst, obschon sich von diesem nicht viel des Guten in dieser Sache zu versehen war. Zwei Jahre und acht Monate waren schon über dieser Haft dahingegangen und der Gefangene blickte kummervoll aus einem Thurmgemache, darinnen ihn sechs Ritter täglich bewachten, in den Saalgrund, über welchem auf steil emporgegipfelte Felsen gebaut, Burg Giebichenstein sich erhob. Da nun Graf Ludwig vernahm, der Kaiser wolle ihn hinrichten lassen ob seiner That am Pfalzgrafen, ward ihm bange, und er begann sich für krank auszugeben, und bat, daß sein Schreiber zu ihm gelassen werde, er wolle sein Seelgeräthe aufrichten, und sein Haus bestellen, auch einen Diener forderte er, den an sein Gemahl Frau Adelheid zu entsenden. Und als ihm dieß gestattet wurde, gebot er heimlich dem Diener, an einem gewissen Tage, wenn er das Seelgeräthe abzuholen komme, zu bestimmter Stunde mit seinem weißen Hengst, der Schwan genannt, drunten am Saalufer zu harren, auch das Roß wie zur Schwemme, in den Saalstrom zu reiten. Hierauf klagte sich der Graf ernstlich krank, das währte mehrere Tage, und er machte auch sein Testament, und ließ sein Sterbehemde bereiten, und mehrere Mäntel bringen, dieweil ihn friere; in diese hüllte er sich, und wankte am Stabe im Zimmer auf und ab, während seine sechs Wächter sich die Zeit mit dem Bretspiel vertrieben. Da es im Steingemache noch sehr kühl war, draußen aber die Sommersonne des Augustmonats warm schien, so lehnte sich der kranke Graf in das große Bogenfenster, das er geöffnet, und wärmte sich – und da er drunten den Diener zu Roß nebst seinem Schwan in die Saale einreiten sah, auch zwei Fischernachen, die mitten im Strome hielten, so war er plötzlich nicht mehr krank, sondern mit einem Satz im Fenster, und mit einem zweiten außerhalb des Thurmes, und mit wenigen Schritten ganz vorn am Felsenvorsprung, und mit dem Rufe: Jungfrau Maria! Hilf deinem Knechte! – sprang er vom Felsen gerade herab in den Strom. Die Mäntel umgaben ihn wie ein Rad, die Kähne ruderten herbei, der Landgraf gewann einen Kahn, gewann den Schwan, und als droben die Bretspieler erschreckt emporfuhren und zum Fenster hineilten, sahen sie schon den kühnen Springer das Ufer gewinnen und westwärts reiten. (S. 360)

DSB Nr. 451: Wie die Wartburg erbauet ward
Ueber Eisenach, wo der alten Sage nach, in grauen Zeiten ein König, des Namens Günther, soll gesessen haben, dessen Tochter Chrimhilde Etzel, der Hunnenkönig freite und stattliche Hochzeit allda hielt, hob ragend über alle Nachbarberge, ein felsreicher Gipfel sein vom Fuße der Menschen selten betretenes Haupt. Wohl umgürtete auch bereits eine Burgenkette das Thüringerland, denn es standen schon die alten Dispargen der Frankenkönige auf götterheiligen Höhen, Kiffhausen, Disburg, Merwigsburg, Scheidungen und andere, und es schirmete die Trutzvesten Heldburg, Coburg, Sorbenburg, Rudolfsburg, Eckartsburg, Freiburg, Giebichenstein, Sachsenburg, gleich den Geschlechterwiegen Greifenstein (Blankenburg), Schwarzburg, Käfernburg, Gleichen, Blankenburg am Harz, Anhalt, Mansfeld, Stolberg, Frankenstein, Frankenberg, Henneberg u.a. neben so manchem Dynasten- und Herrensitz. Einen solchen hatten jenseit des Waldes die Herren von Frankenstein über Eisenach, das war der Mittelstein – ihr Stammschloß aber lag überm Walde drüben im Werrathale. Da nun Graf Ludwig, Ludwig des Bärtigen Sohn und später zubenamt der Springer, von seiner Schauenburg durch das Thal ritt, in dem er hernachmals das Kloster Reinhardsbrunn gründete (nach einem Töpfer also genannt, dem an einer gewissen Stelle wunderbare Flämmchen erschienen), so kam er das Hörselthal entlang, der Spur eines Wildes folgend, und ward durch den Anblick eines Felskegels überrascht, der sonnig angestrahlt, sich hoch über die Nebel hob, welche die Thäler einschleierten. Der junge Graf hielt sein Roß an, sann und dachte und sprach es laut: wart' Berg, du sollt mir eine Burg werden! – und erwartete sein Gefolge. Da vernahm er nun von ältern Jagdbegleitern, daß jener Berg nicht sein und seines Vaters Eigen sei, sondern der Frankensteiner, deren Gebiet an das seine grenze. Aber das irrte den Grafen Ludwig nicht, er ersann eine sonderliche List, ließ von seines Vaters nahem Gebiete heimlich und zur Nachtzeit Erde in Körben auf den Gipfel schaffen, sie droben handhoch übern Boden breiten, dann/ begann er Wälle aufzuwerfen und Grund graben zu lassen. Spät genug wurden die Herren von Frankenstein inne, daß hoch über ihrem Mittelstein Jemand baue, ohne sie zu fragen. Ob sie das nun schon nicht leiden wollten, so ging es ihnen wie dem Knaben im Liede, der das Röslein brach , sie mußten es eben leiden, denn wenn sie den Grafen angriffen, so konnte er von seiner Höhe herab mitten in ihren Mittelstein ganze Fuder von Steinen schleudern lassen. Nun war gerade eine Zeit grausamer Hungers- und Durstnoth, als dieses sich im Jahre 1067 zutrug; es gab so wenig Wein, daß er an manchen Orten sogar zum Abendmahl fehlte, welches sehr schrecklich war. Da nun die Armen aller Orten hörten, daß der Thüringer Graf eine Veste baue, so strömten sie in Schaaren herzu, und schleppten Steine und halfen arbeiten, nur um das tägliche Brot zu gewinnen und nicht Hungers zu sterben, denn es hatte sich schon zu dieser Zeit zugetragen, daß ein Mann aus dem Grabfeld, der auch mit seiner Frau und einem zarten Kinde nach Thüringen herein zum Burgbau zog, sein Kind hatte schlachten und essen wollen, welches auch geschehen wäre, wenn ihm nicht Gott zwei Wölfe gezeigt, die so eben eine Hinde gerissen hatten. Da scheuchte er die Wölfe von ihrer Beute und führte die Hinde zur Sättigung mit sich fort.
Mittlerweile klagten nun die Herren von Frankenstein bei Kaiser und Reich, daß der Graf auf das ihre baue, und da auch zu jener Zeit die Processe schon die längliche Natur hatten, die ihnen zum großen Nutzen und Frommen der Gerichte und Anwälte bis auf unsere Tage wohlweislich erhalten worden ist – so wurde der Bau unterdessen fast fertig, und der Graf nannte die neue Burg Wartburg, von dem Wort, so er damals gesprochen, als er den Berg zum ersten erblickt hatte. Wie nun endlich ein Spruch geschehen sollte, da erbot sich der Graf zum Beweise gegen die Frankensteiner, daß er nicht auf das ihre, sondern auf das seine baue, erkor sich nach der Sitte zwölf Eideshelfer, das an Ort und Stelle eidlich zu erhärten, trat mit diesen Ehrenmännern hin, zogen ihre Schwerter, steckten sie in den aufgeschütteten Boden, und schwuren mit ihm einhelliglich, daß sie auf des Grafen eigner Erde und auf seinem Boden ständen. Gegen die Eidesleistung solcher Schwurhelfer und Geschworenen galt nun keine Einrede, und die Herren von Frankenstein mußten vom Gericht von Rechtswegen das höchste Unrecht leiden. Also ist die Wartburg erbaut und benamt worden. In neuerer Zeit sind auf ihr tief unterm Schutt zwölf große eiserne Schwertklingen, stark gerostet, überkreuzt beisammen liegend, aufgefunden worden, und wird dafür gehalten, daß das die Schwerter der Eideshelfer Graf Ludwigs gewesen, die in den Boden eingesenkt worden, diesen noch mehr zu vesten. (S. 382-384)

DSB Nr. 452: Der Schmied in Ruhla
Graf Ludwig, der die Wartburg bauete und auch Eisenach, die Stadt, mit Mauern umgab, der Reinhardsbrunn, das Kloster, gründete und in demselben als Mönch büßte, verließ einen Sohn, auch Ludwig geheißen, den machte der/ Kaiser zum Landgrafen in Thüringen, und derselbe war, da er noch ein Jüngling war, gar gütig und demüthig gegen Edle und Unedle, und von mildem Wesen; solches ward ihm von seinen Vasallen für Schwäche und Thorheit ausgelegt. Er strafte nicht gern, und hörte nicht gerne klagen, hatte zu allen Menschen das beste Vertrauen und wußte nicht, daß die Edeln seine Unterthanen schmählich bedrückten, und daß Bürger und Bauern von ihnen viel böser Gewalt erleiden mußten, zumal die, so um ihn waren, zu verhindern wußten, daß Beschwerden an den Herrn gelangten.
Da geschah es, daß der junge Landgraf eines Abends auf einem Jagdritt sich im Forste verirrte und in die Nähe des Ortes Ruhl kam, da sah er das helle Feuer einer Waldschmiede durch die Nacht leuchten, ging darauf zu, und bat den Schmied um Herberge. Der Schmied kannte ihn nicht, und fragte ihn, wer er sei. – Ich bin eures Herrn, des Landgrafen Jäger einer. – Pfui des Landgrafen! – rief der Schmied und spuckte aus, und wischte sich. Wer ihn nennt, muß sein Maul wischen, daß er es nicht verunreint mit dem Namen. Pfui des übelbarmherzigen Kunzenherrn! – Um deines Herrn willen herberge ich dich wahrhaftig nicht! Geh, ziehe nur dein Pferd in den Schoppen, dann komme her und sitze nieder – iß und trink, was da ist, und ruhe auf dem Heu, denn Bettgewand (= Bettwäsche, sk) ist hie nicht vorhanden. – Der Landgraf, ganz verwundert ob dieser groben Rede, schwieg ganz still, ging und brachte sein Pferd unter Dach und kam wieder in die Schmiede. Der Schmied kümmerte sich soviel als gar nicht um ihn, schürte sein Feuer, zog den Blasebalg, hitzte und hetzte, glühte sein Eisen, löschte es, glühte wieder und hämmerte, und rief bei den Schlägen fort und fort: Landgraf Ludwig, werde hart, werde hart! – und schlug mit dem gewichtigen Hammer, daß die Funken stoben, und erzählte alles nach der Schnur her, worüber die Unterthanen klagten, und schob alle Schuld und alles Unrecht, was im Lande geschah, auf den Landgrafen, und verwünschte und verfluchte ihn in die unterste Hölle. – Er sang das alte Lied von den dünkelvollen Räthen, die alles besser wissen, sich und ihre Weisheit für unfehlbar halten, die Fürsten glaubend machen, es stehe alles gut im Lande und hinterdrein ist's Lug und Trug und der Aufruhr schlägt in hellen Flammen aus, und alles Unglück, das daraus entsteht, wird hernach den Fürsten in die Schuhe geschoben. Dem Landgrafen erschrak das Herz im Leibe, als er aus dieser harten Stimme des Schmiedes des Volkes Stimmung gegen sich vernahm, und er nahm sich vor, dem Unfug, den seine Edeln verübten, ein Ende mit Schrecken zu machen. Ganz hart geschmiedet verließ er, nachdem er kein Auge zugethan, die Ruhlaer Waldschmiede, und sein milder Sinn war in einen eisernen verkehrt. Er nahm die Zügel der Regierung in die eigne Hand und zog sie so straff, daß die edeln Rosse schäumten und knirschten und sich bäumten – aber das Volk athmete freier auf, und ward ihm wohler, denn die ritterlichen Vasallen durften es nicht mehr placken und schinden. (S. 384/5)

DSB Nr. 453: Der Edelacker
Da nun in Thüringen der mannliche Landgraf zu seinem Volke hielt, und ihm die Last abnahm, mit der es die Räthe und die Amtleute bedrückt, von denen der Schmied gesagt hatte, daß sie als schlaue Jäger die rothen Füchse – nämlich die Goldstücke – in ihre Beutel trieben – wurden ihm seine Edeln allzumal mächtig gram, denn des Fürsten Thun dünkte sie eine unerhörte Neuerung, und lehnten sich auf gegen ihn, und sprachen: wir wollen das nicht fürder leiden. – Als solches dem Landgrafen hinterbracht ward, daß sie als widerspenstige Vasallen einen Willen für sich apart (= allein, sk) haben wollten, thät er einen eisernen Panzerrock an, und zog nach der Numburg über Freiburg mit Heeresmacht und nahm die, so sich zusammengerottet, gegen ihn zu streiten, alle gefangen, und führte sie über der Burg auf ein flaches Feld und hielt ihnen dort eine Rede, in der er ihnen alles sagte, was er auf dem Herzen hatte, daß sie lehenseidbrüchige Rebellen seien, und daß ihre Köpfe eigentlich jetzt vor ihre Füße gehörten. Er wolle aber nicht, daß man ihm nachsage, er tödte seine eigenen Diener; Schatzung ihnen auflegen wolle er auch nicht, er wolle sich nicht, wie sie gethan, mit der Unterthanen Gut bereichern, sie aber ungestraft entlassen, würde ursachen, daß sie fürder seinen Zorn verlachten, so wolle er ein Beispiel geben zur Nachachtung für die künftigen Zeiten. – Ließ sich Stränge und Halftern reichen, spannte die Edeln je vier und vier an einen Pflug, den die Diener halten mußten, und trieb sie, mit einer Geisel nebenher gehend, wie ein Ackersmann, eine lange Furche zu ahren (pflügen, sk). Und als eine Furche gezogen war, da ließ er den Pflug wenden, und vier andere einspannen und ahrete also einen ganzen Acker, wie mit Pferden und ließ dann den Acker mit großen Steinen zeichnen, zum ewigen Gedächtniß, und machte ihn zu einem Asyle. Darauf nannte er den Acker den Edelacker, und derselbe heißt heute noch so, und liegt nahebei hinter der alten Numburg auf freier Höhe. Die so schwer gedemüthigten Vasallen aber mußten ihm aufs neue schwören und hulden (= huldigen, sk), sie mußten, oder der Zorn ihres Herrn kam über sie, wie ein Ungewitter. (S. 386)

DSB 454: Die lebendige Mauer
Ueber des Landgrafen Ludwig That ward viel Redens im Thüringerlande (Rückbezug auf DSB 453: Der Edelacker, sk). Die, so gezogen hatten, und die Geisel gespürt, schämten sich und seufzeten im Stillen; andere, die nicht dabei gewesen, sprachen, sie hätten eher den Tod erlitten, als solche Schmach. Am schlimmsten erging es in der öffentlichen Meinung den Beamten, wie allemal, wenn sich Hader und Zwietracht erhebt in einem Lande zwischen Fürst und Volke, sie mußten nun allein die Sündenböcke sein, sie mußten alles verschuldet haben. Einige trieben ihren Groll bis zu Mordversuchen, aber Gottes Hand schirmte den Regenten, und die Meuchelmörder nahmen ein schmähliches Ende. Der Landgraf ging mit seinen Dienern/ immer und überall in einem Eisenpanzer, darum und von seiner Strenge ward er der eiserne Landgraf geheißen. – Dieser Landgraf hatte den höchsten irdischen Herrn im Reiche zum Schwager, Kaiser Friedrichen, den Rothbart. Der kam von seiner ohnweiten Kaiserburg Kiffhausen herüber auf die Numburg zum Besuche, die war aber noch ohne Mauern, und dem Kaiser gefiel die „niuwe Burg,“ und sprach: schade, daß sie nicht Mauern hat, sie sollte stark und feste sein. – Ho – sagte Ludwig: um die Mauern sorg’ ich nit, die kann ich haben, alsbald ich will. – In wie kurzer Zeit? – fragt der Kaiser. Näher denn in drei Tagen. – Das ist bei Gott nicht möglich, entgegnete der Rothbart: und wenn alle Maurer des Reichs beisammen wären. – Darauf ging der Kaiser zu Tische, und der Landgraf entsandte sogleich Eilboten durch sein ganzes Land, an alle seine Grafen und Edeln, daß sie alsbald gen Freiburg aufbrechen sollten im besten Geschmuck der Waffen mit nur wenig Wappnern – war auch eine gute Gelegenheit, der Vasallen Gehorsam zu prüfen – merkten das auch, und kamen allzumal pünktlich. Und als der Morgen des dritten Tages anbrach, da richtete der Landgraf alles zu nach seinem Willen, und ging zu seinem Schwager ins Gemach, und sprach: mein Kaiser, die Mauer ist fertig. – Da bekreuzte sich der Kaiser, und dachte, hier müsse Satans Hülfe im Spiel sein und trat heraus und staunte, denn da ersah er eine lebendige Mauer stehen, rings um die Burg, Mann an Mann, im Glast (= Glanz, sk) der Harnische und Gewaffen. Wo ein Thurm stehen mußte, stand ein Graf, und vor ihm sein Bannerträger, und dazwischen die Herren und Edeln. Da flatterten im frischen Morgenwind bunt und schön die Bannerfahnen – der Grafen von Schwarzburg und von Käfernburg, von Gleichen, von Hohnstein, von Stolberg, von Mansfeld, von Rheinstein, von Orlamünde, von Arnsburg, Beichlingen, Gleisberg, Lobdaburg, und anderer und so vieler edler Herren von Apolda, Blankenheim, Heldrungen, Treffurt, Kranichfeld, Leutenberg, Salza, ohne den zahlreichen niedern Adel, der nicht über weite Herrschaften gebot, aber doch stattliche Burgsitze und viele Güter hatte. Da rief Kaiser Friedrich aus: fürwahr, solch eine edle, köstliche, theure und feste Mauer sah ich noch nie! Habe Dank, Schwager, daß du solche mir gezeigt. – (S. 386/7)

DSB Nr. 457: Von dem Hörseelenberge
Mitten im Thüringerlande, zwischen Gotha und Eisenach, liegt ein hoher, schroffer, kahler Berg, von weitem recht anzusehen, wie ein Sarg; dicht an seinem Fuße hin zieht die Eisenbahn, die schneidet durch ein Dorf des Namens Sättelstedt. Dieser Berg ward der Hörseelenberg geheißen schon in grauen Zeiten, darum, weil man in und aus ihm manch seltsamlich und grauenhaft Getön vernommen, absonderlich (= besonders, sk) bei einer Felskluft (= Felsspalte,sk) hoch oben unterm steinigen Gipfelhorn nach Eisenach hinwärts, und das war das Geschrei der Seelen, das man allda hörte, neben dem Geräusch unterirdischer fallender Wasser und dem Geheul der Windsbraut, darum nannte man den Berg auch auf Latein Mons horrisonus. Von ihm hat auch das Thalflüßchen, die Hörsel, seinen Namen und er wird bis heute Hörselberg, das ist das alte Hör-Seelenberg, genannt. Viele wunderbarliche Sagen gehen bis auf den heutigen Tag von diesem Berge, der auch eine Wetterscheide ist; oft umwebern ihn meteorische Flammen, und die Blitze spielen um seinen kahlen Scheidel. Einst erhoben sich am hellen Tage bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine Zeitlang in den Lüften, thaten sich dann zusammen und wieder von einander, und fuhren endlich alle drei in den Hörseelenberg hinein.
Ein König in England hatte ein holdseliges Frauenbild aus geringem Stande zu sich erhoben, Reinsweig oder Rinswiga genannt, war aber bald hernach verstorben, und Reinsweig betrauerte ihren Herrn und Gemahl tief und sehr, und ließ viel für ihn beten, damit seine Seele vom Fegefeuer erlöst werde. Da hatte sie zu einer Nacht ein Gesicht (= eine Vision, sk), und sie hörte ihres Gemahls Stimme und sah seine Gestalt und erfuhr von ihm, er leide Pein im fernen Thüringerlande in eines Berges Schoos, mit andern armen Seelen, und ihre Fürbitten und Gebete überm Meere drüben frommten ihm nicht. Da erhob sich die Königin mit all ihren Schätzen, ihren Jungfrauen und ihrer Dienerschaft, und fuhr über Meer nach Deutschland herüber, und der Schatten zeigte ihr die Straßen an, und sie kam an des Berges Fuß, wo er sanft nach Gotha zu sich abdacht, dort/ baute sie ein Kirchlein und ein klösterliches Haus, und da sie selbst zum öftern die Stimmen der gequälten Seelen zu vernehmen glaubte, so nannte sie den Ort Satans Stätte, daraus ist hernachmals Sättelstätt geworden, als sich Leute anbauten und den Ort bewohnten. Diese fromme Königin erbaute in jener Gegend der Kapellen noch mehrere, und diente nebst ihren Frauen Gott im eifrigen Gebet, bis sie ihres Gemahles Seele aus dem Fegefeuersitz im Hörseelenberge erlöste. Als sie dann gestorben war, sind ihre Jungfrauen nach Eisenach gezogen, allwo Ludwig des milden Tochter, Jungfrau Adelheid, das Nicolaikloster begründet hatte, und haben in diesem Kloster als Benedictinerinnen ihr Leben beschlossen. (S. 389/90)

DSB Nr. 458: Des eisernen Landgrafen Seele
Ludwig der Milde, des eisernen Sohn, hätte gern gewußt, wie es um seines Vaters Seele beschaffen sei, denn er mußte hören, daß man seinen Vater nicht segne, obschon er dem Volke gegen den Druck seiner Edeln geholfen, denn dem Volke macht es auch der beste nie zu Dank, nicht einmal der liebe Gott. Solches vernahm ein Ritter am Hofe, der hatte einen Bruder, und selber (= dieser, derselbe, sk) war ein Pfaffe zu Eisenach, und in der schwarzen Kunst (= in der Zauberkunst, sk) wohl erfahren. Da mußte der Pfaffe den Teufel beschwören, und befragen, wo des Landgrafen Seele sei? – Da sagte der Teufel, wenn er mit ihm fahren wolle, solle er die Seele sehen, und verhieß, daß das ohne Schaden geschehen solle. – Das war der Pfaff zufrieden, und der Teufel setzte ihn auf seine Schultern und fuhr mit ihm stracklich (= schnell, zügig, sk) in den Hörseelenberg hinein in gar kurzer Zeit, denn er hatte nicht weit zu fahren und fuhr viel schneller, wie ein Dampfwagen. Da sah der Pfaff mit Grausen mancherlei Qual und Pein, und ein anderer Teufel hob von einer Grube einen ehernen Deckel, und blies mit einer ehernen Posaune in die Grube, daß es also schallte, daß der ganze Berg und die Welt davon erzitterte. Darauf gingen Feuerfunken und Schwefelbrodem aus der Grube, dann kam die Gestalt des Landgrafen herauf, ganz hager und traurig, nur ein Schemen, und klagete sich an, er habe den geistlichen Stiftern zu wehe gethan, sein Sohn solle doch ihnen das entzogene Gut, das er, der eiserne Landgraf, treuen Dienern zugewendet, den Stiftern zurückgeben, so werde er ihn aus der Pein erlösen. – Da sprach der Pfaffe: wenn ich solche Mär ansage, werden sie sprechen, ich habe sie selbst erdichtet, und werden mich fragen: giebt denn der Pfaff ein Opfer wieder? – Da sprach die arme Seele: ich will dir ein Zeichen sagen, das geheim ist, da werden sie glauben. – Und sagte ihm also ein genaues Wahrzeichen, das Niemand wußte, dann ward der Landgraf wieder zur Grube gesenkt, darüber wurde es dem Pfaffen grün und gelb vor den Augen und gelb blieb er auch, nachdem er zurückgeführt worden war vom Teufel, und alles was er gesehen und auch das Wahrzeichen treulich berichtete; aber die, welche die Güter inne hatten, gläubten dennoch nicht, und behielten selbige inne, und sagten, es möge wohl alles nicht wahr, und nur ein angestelltes Pfaffenstücklein sein. – Der Pfaff aber wollte nichts mehr von Zauberei wissen, er gab Pfründe und Lehen auf und wurde ein Mönch im Kloster Volkenrode. (S. 390/1)

DSB Nr. 460 : Vom edlen Ritter Tanhäuser
Da Ludwig der milde Landgraf von Thüringen, auf einem Kreuzzug im Morgenlande gestorben war, verließ (= hinterließ, sk) er keine Kinder, und das Land fiel an seinen Bruder Hermann. Zu dessen Zeiten blühte in deutschen Landen der Minnesang und ward geübt und geliebt von Fürsten und Edeln, und Fürst Hermann versammelte viele Sänger zu seinem glänzenden Hofhalt auf der Wartburg. Eine Zeit nach ihm lebte auch ein Minnesänger im Frankenlande, der führte wie die/ meisten seiner Sanggenossen ein Wanderleben. Da habe ihn, als er am Hörseelenberge vorüberzog, die Erscheinung eines wunderholden Frauenbildes aufgehalten, das sei Niemand anders, als eben Frau Venus selbst gewesen, und ihm gewinkt, ihr in den Berg hinein zu folgen, und obschon auch ihn der treue Eckart gewarnt, habe der Ritter doch nicht zu widerstehen vermocht, und sei hineingegangen, und habe sich von Frau Venus umstricken lassen, und habe ein ganzes Jahr im Berge verweilt. Viele alte Lieder singen und sagen, wie nun die Reue über den Tanhäuser gekommen, daß er sich besonnen und in sich gegangen, und habe wieder aus dem Berge heraus begehrt. Als er solches nun äußerte, erinnerte Frau Venus ihn an seinen Eid, den er ihr geschworen, allein Tanhäuser läugnete ihr solches in ihr schönes Gesicht hinein. Darauf erbot sie sich, ihm eine andere Gespielin statt ihrer zu geben, aber er sprach, so er solches thäte, müsse er ewig ob solcher Vielweiberei in der Gluth der Hölle brennen. – Da lachte Frau Venus hell auf und fragte ihn, was er doch von der Hölle Gluth schwatze? Ob er diese je bei ihr empfunden habe? Ob nicht ihr rother Mund zu allen Stunden ihm freundlich zugelacht? – So ging der Streit noch eine Weile fort, bis Tanhäuser in seiner Undankbarkeit für alles Liebe und Gute, was Frau Venus an ihm gethan, sie eine Teufelin schimpfte. Das nahm Frau Venus endlich übel und drohte, es ihn entgelten zu lassen. Da schrie der Tanhäuser die Jungfrau Maria an, ihm von dem Weib zu helfen – und da sprach Frau Venus mit Stolz: nun könne er hingehn, er möge sich nur bei dem Greise (= dem Türwächter und Warner Eckart, sk) beurlauben – er werde dennoch ihr Lob noch preisen. – Nun ging der Tanhäuser reuevoll aus dem Venusberge, und wallete gen Rom zum Papst Urban, dem klagte und beichtete er seine Sünden, und bekannte, daß er bei einer Frau, mit Namen Venus, ein Jahr lang gewesen. Der Papst hielt in seiner Hand den hohen Stab mit dem römischen Doppelkreuze, und sprach zu dem reuigen Sänger: so wenig der dürre Stab hier grünet, kommst du, der du bei des Teufels Hulde (= Freundin, Geliebter, sk) warst, zu Gottes Hulde (= Spiel mit der zweiten Bedeutung des Wortes: Gnade, sk)! – Vergebens flehte der Tanhäuser, ihm eine jahrelange Buße aufzuerlegen, dann zog er wieder aus dem ewigen Rom voll Leid und Jammer, und klagte bitterlich, daß des Papstes hartes Wort ihn auf ewig von Maria, der himmlischen Huldin scheide, daß Gott ihn nicht annehme, und verwünschte sich wieder zu Frau Venus in den Hörseelenberg. Die stand schon da und lachte hell, und spottete ihm entgegen recht teufelisch: seid Gott willkommen, Tanhäuser, mein lieber Herr, ich hab euer recht lang entbehrt, mein auserkorener Buhle (= von mir erwählter Geliebter, sk)! und lachte noch einmal und riß ihn durch die Höhlenpforte mit sich hinab. Aber am dritten Tage danach, da hob des Papstes Stab an zu grünen, und nun sandte der Papst Boten aus in alle Lande, wo der Tanhäuser hinkommen wäre – der war aber wieder in dem Berg bei seinem schlimmen Lieb, und deshalb ist der Papst Urban der Vierte auch mit in die ewige Verdammniß gefallen, wie das alte Tanhäuserlied schließt:

Des must der vierte Bapst Urban
Auch ewigklich sein verloren./

Denn er hatte selbst, bevor er Papst wurde, mit einem Weibe im Bisthum Lüttich, genannt Frau Eva in der Klause, die im abergläubischen Müßiggang sich verschlossen hielt, in sonderlicher Freundschaft gestanden, und ihr zu Liebe das Frohnleichnamsfest gestiftet; er hatte drei Jahre lang mit großem Blutdurst die Parteien der Welfen und Ghibellinen aneinander gehetzt, und die Sekte der Bettelbrüder hatte er als ein rechter Heuschreckenkönig mit den schönsten Freiheiten begabt. Drei Monate lang leuchtete ein wundergroßer Komet schrecklich durch die Nächte, bis in die Nacht, in welcher Papst Urban IV. 1265 starb, da hörte er auf, zu erscheinen. (S. 391-93)

DSB Nr. 462: Der Krieg auf Wartburg
Bei Landgraf Hermann und seiner Gemahlin Sophia waren auf Schloß Wartburg im Jahre 1206 eine Zahl meisterlicher Minnesinger, die hießen Walther von der Vogelweide, Reinhart von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Meister Biterolf und Heinrich von Rispach, der tugendhafte Schreiber genannt, der war des Landgrafen Kanzelar und auch ein Ritter. Diese sechse hielten ein Wettsingen mit einander, derin sie das Lob guter Fürsten priesen und vornehmlich das des gastlichen Landgrafen Hermann von Thüringen, der Grafen Poppo und Hermann des weisen von Henneberg, auch des Markgrafen Otto von Brandenburg, zubenamt „mit dem Pfeile", der selbst ein Minnesinger war.
Besonders waren es die Henneberger, von denen Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Rispach den Ritterschlag, und Rosse und Gewande empfangen hatten, welche der genannte Hein/rich, Biterolf und Wolfram von Eschenbach priesen, ebenso pries Heinrich von Rispach den Thüringer Landesherrn, aber Heinrich von Ofterdingen, ein Oesterreicher (obschon ihn alte Bücher einen Bürger von Eisenach nennen), und – wie viele glauben der Dichter des hochwerthen Nibelungen-Liedes – pries Leopold, Herzog von Oesterreich, und sang, daß dieser vor allen Fürsten strahle gleich der Sonne vor allen Gestirnen. Da wurde der Sängerkampf also ernst und heftig, daß die Sänger beschlossen, es solle der Unterliegende durch die Hand des Henkers sterben. Alle waren gegen Heinrich von Ofterdingen erbittert, und hätten ihn gern vom Thüringer Hofe weggehabt. Da nun alle gegen ihn, den einen, sangen, so unterlag er, und nur die gütige Landgräfin, zu der der Verfolgte sich flüchtete, schirmte ihn, indem sie ihren Mantel über ihn breitete, als er Rettung flehend zu ihren Füßen sank. Heinrich von Ofterdingen erbat sich ein Jahr Frist, er wolle von dannen reisen und einen größern Meister holen, der solle urteln (= urteilen, sk) und richten. Damit meinte er den berühmten Meister Klinsor vom Ungarland, der ein Minnesinger und ein Zauberer zugleich war. Ofterdingen zog nun von Wartburg fort, gen Oesterreich zu seinem gefeierten Herzog und von diesem nach Siebenbürgen zu Klinsor, der ihm seine Begleitung nach Thüringen zusagte, ihn bei sich behielt, und sich und ihm mit Dichten, Singen und allerlei Kurzweil die Zeit vertrieb, so daß unvermerkt das Jahr verstrich, und Ofterdingen endlich bange ward, er werde zur bestimmten Frist Wartburg nicht wieder erreichen. Da er nun gegen Klinsor ängstlich klagte, beruhigte ihn der, und sagte: wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wir kommen wohl noch zeitig hin – und gab ihm einen Schlummertrank, als es Abend geworden, legte ihn auf eine lederne Decke, und sich dazu, und ließ sich und ihn von den Geistern, denen er gebot, sänftiglich in der Nacht gen Eisenach in das beste Wirthshaus tragen, das war dazumal nicht der halbe Mond oder Rautenkranz, sondern der Hellegrafenhof am St. Georgenthor linker Hand, wenn man zur Stadt ausging. Wie der Thürmer den Tag anbließ, erwachte Ofterdingen und hörte den Klang der Glocke, die zur Frühmesse läutete von St. Georgen, und rief: wie ist mir doch? Dieselbe Glocke hört' ich schon, ich meint' ich wär' zu Eisenach, ist das nicht Sankt Jürgenthor? – Klinsor lächelte, und sprach; siehe zu, ob du nicht träumest? – Da nun die Kunde hinauf auf Wartburg kam, daß die zwei Meistersänger gekommen seien, gingen die Sänger alle herab, sie zu begrüßen und hinauf zu geleiten, und wurden gar herrlich von dem Fürstenpaare und seinem Hofstaate empfangen. (S. 293/4)

DSB Nr. 463: Meister Klinsor weissagt aus den Sternen
Der Meister Klinsor behielt seine Herberge in Eisenach der Stadt bei, und saß eines Abends im Garten seines Wirths, des Hellegrafen, wohin die Hofdiener und viele ehrbare Bürger aus Eisenach kamen, um ihren Abendtrunk zu trinken, die ehrten den Sänger, der ihnen viel aus fernen Landen sagte, und/ stetig neue Zeitung (= Nachricht, sk) wußte, die er aus den Sternen las, und waren gern um ihn. So baten sie ihn wieder, daß er ihnen neue Zeitung möge ansagen, und er ging eine Strecke von ihnen und blickte hinauf in den Sternenhimmel, kam wieder, und sprach: heint (= heute, sk) Nacht wird meinem Herrn, dem Könige Andreas von Ungarn, eine Tochter geboren, die wird dem Sohn eures Herrn, des Landgrafen, verlobt werden, und also heilig, daß ihr Lob sich über alle Lande der Christenheit verbreiten wird. – Als diese Kunde nun auch vor den Landgrafen und seine Gemahlin kam, waren sie erfreut, und entboten Klinsor aufs Neue zu sich auf die Wartburg und an ihren Tisch, und nach dem Essen gingen die Fürsten und Herren und die Sänger in den hohen Palas, auf daß nun Klinsor ihr Streiten schlichte, was ihm auch gelang, nur mit Wolfram von Eschenbach hatte der Meister vom Ungarland selbst schwer zu kämpfen, so daß er einen Geist statt seiner herbeirief, der hieß Nasias, allein auch gegen den behauptete sich Wolfram in hohen Dingen so kundig und erfahren, daß jener weichen mußte und Klinsor erstaunte, und vermeinte, Wolfram möge wohl kein ritterlicher Sänger, sondern heimlich ein Priester sein, und da Wolfram seine Wohnung auch in der Stadt hatte, beim Bürger Titzel Gottschalk am Brotmarkt, so sandte Klinsor ihm zur Nachtzeit noch einmal seinen Geist Nasias; der sah sehr grausenhaft aus, und legte Wolfram so hohe Fragen vor, daß er sie nicht zu lösen vermochte, sondern verstummte. Da lachte der Geist laut auf, wie ein Teufel lacht, und schrieb mit seinem Finger in einen Stein an der Wand, als ob er ein weiches Wachs gewesen wäre:

Du bist ein laie snipen snâp –

und entwich. Die Schrift blieb in der Wand stehen und war zur Nacht feurig, da ward ein Gelaufe vom Volk in das Haus, und wollte jeder den Stein sehen, solches ärgerte den Hausbesitzer Gottschalk, und ließ den Stein aus der Wand brechen und in die Hörsel werfen.
Da nun Klinsor die Sänger versöhnt hatte, beurlaubte er sich von dem Landgrafen und ward mit Geschenken entlassen, darauf ist er wieder in seiner Lederdecke von dannen gefahren, und hin woher er gekommen war. (S. 394/5)

DSB Nr. 464: Die kleine Braut aus Ungarn
Als der Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen und der Landgräfin Sophia, Ludwig geheißen, eilf Jahre, und die Tochter des Königs Andreas von Ungarn vier Jahre alt war, sandte das Landgrafenpaar Boten nach Ungarn, für den Sohn um die Hand der kleinen Königstochter zu werben; die Gesandten waren sonderlich vornehme Männer, Frauen und Jungfrauen, nebst Ingesinde, und fuhren in vier Wagen, und hatten vierzig Pferde. Dort an des Ungarkönigs Hofe wurden sie stattlich empfangen, und als sie ihre Werbung gethan, befragte sich der König bei Meister Klinsor über den Landgrafenhof, den jungen Fürstensohn und das Land. Da wußte Klinsor, der alles aus eigner Anschau/ kannte, viel Rühmens zu machen vom Hofe und von Land und Leuten, also daß er den König und die Königin von Ungarn zur Zusage bewegte, zu dem, was er ja ohnehin in den Sternen als einen überirdischen Beschluß gelesen. Aber die Gesandtschaft hatte noch einen absonderlich wichtigen Auftrag, zeugend vom hochverständigenSinne ihres Herrn und ihrer Herrin, denn diese wünschten, daß ihres Sohnes junge Braut und zukünftige Gemahlin nicht ungarisch, sondern deutsch erzogen werde, ganz entgegen der Unsitte späterer deutscher Fürsten, die ihre Kinder französisch erziehen ließen, damit sie ja recht frühzeitig das wälsche Gebahren hoch-, ihr Vaterland aber mißachten lernten. Und das ungarische Königspaar sah ein, daß dieser Wunsch ein gerechter, denn wer über ein Land herrschen will, muß es kennen und lieben; die Liebe zu einer neuen Heimath kann aber nicht plötzlich und über Nacht kommen, sondern sie muß allmählich empfunden und anerzogen werden. Und die Aeltern sagten auch dieses zu, und gaben ihr liebes Elisabethlein dahin, ausgestattet mit einem überreichen Brautschatz, und geleitet von einem zahlreichen und glänzenden Gefolge. Mit vier Wagen waren die thüringischen Gesandten gekommen, und mit dreizehn fuhren sie wieder ein in das Thüringerland, nebst vielen herrlichen Pferden mit prächtigen Geschirren zum Geschenk für den Landgrafen, denn es war eine alte Fürsten- und Völkersitte, sich gegenseitig viele Pferde zu schenken; schon der Thüringer-König Irminfried oder Herminfried hatte an den Ostgothen-König bei der Werbung um Amalberga eine stattliche Anzahl schneeweißer preißwerther (= kostbarer, sk) Rosse zum Geschenk geschickt. Heutzutage denkt einer wunders, was er großes thut, wenn er einem ein Pferd oder zwei schenkt. – Da nun die kleine Braut mit ihrem zahlreichen Gefolge und Geleite gen Eisenach gekommen war, war auf der Wartburg große Freude, und zogen der Landgraf und seine Gemahlin und der Hof herab in die Stadt, und begrüßten das Königskind und holten es festlich ein, und führten es wie in einem Triumphzuge hinauf auf das Wartburgschloß. (S. 395/6)

DSB Nr. 465: Die heilige Elisabeth (Bilder: Moritz v. Schwind Die hl. Elisabeth teilt Brote aus und Grablegung aus der Elisabeth-Galerie der Wartburg)
Das Königskind Elisabeth erwuchs auf der Wartburg in Holdseligkeit, Frömmigkeit und Tugend zu aller Freude, ebenso ihr Verlobter, der junge Landgrafensohn, der früh den Vater verlor, und die Herrschaft antrat, und seine Verlobte immer lieber gewann, obgleich Elisabeth ob ihres frommen Sinnes und ihrer Demuth manchen Spott und Hohn erleiden mußte, davon gar viel erzählt wird. Und als der Landgraf seine Hochzeitfeier mit ihr beging, da haben zwei edle thüringische Ritter, Graf Reinhard von Mühlberg und Ritter Walter von Vargula, die sie einst aus dem Ungarlande nach Thüringen abgeholt, sie im schönsten Schmuck in Sankt Georgs Kirche geführt. Als junge Frau lag die fromme Landgräfin vielleicht mehr, als ihrem Gemahl lieb sein konnte, frommen Werken und Bußübungen ob. Sie zerschnitt oder verschenkte ihre schönsten Kleider,/ und ging einfach und ärmlich einher, aber wenn es nöthig war, umkleidete sie der Himmel selbst mit reichen und königlichen Gewanden.
Elisabeth die fromme Landgräfin, war eine wahrhafte Mutter der Armen und gegen diese schier allzu freigebig, so daß man sich sogar darüber aufhielt und es tadelte. Es war aber auch eine schwere Zeit gekommen, Mangel und Noth, und die Schaaren der Armen wuchsen zusehends. Da geschah es, daß Elisabeth, wie sie täglich that, einmal wieder Speisen und Gaben hinabtrug an den Ort, wo die Lahmen und Blinden und Nothleidenden sich einfanden, und ihr der Landgraf begegnete, der dießmal kein freundliches Gesicht zeigte, denn es war ihm eben frisch hinterbracht worden, wie sie alles verschenke. Da rief sie der Landgraf nicht gerade zärtlich an: was trägst du da? – und sie sah in seinen Mienen den Wetterbaum seines Unwillens aufsteigen, und erbebte, und sprach mit unsicherer Stimme: Herr – Rosen! – zeige her! – rief der Landgraf und hob die Hülle von dem Korbe – siehe da war der Korb eitel voll Rosen und andere blühende Blumen. Da stand der Landgraf beschämt vor ihr da, und wenn der und jener Diener wieder sich unterfing, gegen die milde Freigebigkeit der Herrin zu reden, so sprach der Landgraf: lasset sie immer gewähren, da sie an Almosengeben ihre Freude hat, wenn sie uns nur Wartburg und Eisenach und die Niuwenburg nicht verschenkt. – In der Hand dieser edlen und frommen Spenderin mehrten sich auch alle Gaben gar wundersam, auch wurden ihre Gewande nicht naß und nutzten sich nicht ab. Da Agnes, Landgraf Ludwigs Schwester, mit einem Herzog von Oesterreich Hochzeit hielt, war die Wartburg voll Gäste, und alles prunkte im Festgewande, Elisabeth aber hatte am Thore einen armen preßhaften Greis, der halbnackt einher ging, gefunden, der bat gar zu sehr um ein Gewand, seine Blöße zu bedecken, und da gab ihm die Landgräfin ihren Mantel; da man nun zu Tische gehen sollte, fragte der Landgraf seine Gemahlin, wo sie denn ihren Mantel habe? – denn es war die Frauensitte so, im leichten Mantel bei Festen einherzugehen, und da antwortete sie kleinlaut und erschrocken: in meiner Kammer – so sendete der Landgraf eine Jungfrau hin, und siehe, da hing ein Mantel, schöner wie der einer Königin, himmelblau mit goldnen Bildchen überstreut, der Arme aber war verschwunden. Ein anderesmal hatte Elisabeth gar einen Aussatzkranken mit herauf in das Haus genommen und ihn in ihr Bette legen lassen – das erregte ihr einen großen Sturm bei ihrer Frau Schwiegermutter, war auch just nicht appetitlich – allein als man nun kam, den Aussätzigen hinauszuwerfen, lag ein wunderbar schönes Crucifix in dem Ehebette, überaus kunstvoll, aber leider nicht mehr auf der Wartburg vorhanden. Darüber vergoß der fromme Gemahl dieser überfrommen Frau heiße Thränen. Der Kranke aber war Eli geheißen, den Elisabeth so treulich wartete, er genaß und wohnte hernach noch lange nahe der Wartburg in einer ganz engen Felskluft, und lebte von Wurzeln und Kräutern, der bekannten Waldbruderkost. Die Höhle ist noch vorhanden.
Eines Tages ward die milde Herrin, da sie in Eisenach die Kirche besuchte,/ vor dem Portale von einer ganzen Schaar Bettler umringt; sie gab, so lange sie noch zu geben hatte, bis ihre Münze zu Ende war, aber da war immer noch ein armer Alter, einer von den beharrlichen, der bestand auf einer Gabe und drängte sich ihr bis in die Kirche nach; das erbarmte die freigebige Herrin, und sie zog einen ihrer reich mit Silber gestickten Handschuhe aus, und reichte diesen dem unabweisbaren beharrlichen Greis. Das sahe ein Ritter, der auch zur Kirche einging, trat schnell herzu und gab dem Alten für den Handschuh vieles Geld. Hernach hat er selben Handschuh an seinen Helm als ein Kleinod befestigt, und ist in das heilige Land gezogen, hat auch allda ritterlich gekämpft und der Handschuh hat ihn geschützt wie ein Talisman, daß er glücklich wieder die Heimath sah. Und dann hat er Elisabeths Handschuh in sein Wappen gesetzt.
Ganze Bücher sind voll geschrieben von den Thaten und Wundern der frommen Landgräfin Elisabeth, die ein gottgefälliges heiliges Leben führte, darum sie auch nach ihrem Tode unter die Zahl der Heiligen aufgenommen worden ist. (S. 396-398)

DSB Nr. 466: Der heilige Ludwig
Landgraf Ludwig, der in noch sehr jungen Jahren schon die Regierung des Thüringerlandes überkommen, war fromm und gütig, und sein Gemüth stimmte in den meisten Dingen mit dem himmlischen Gemüth seiner Elisabeth überein. Er war ihr auch getreu wie Gold, und ließ sich nicht zur Untreue verlocken, obschon in diesem Punkt jene Zeit nicht anders und nicht besser war als die heutige. Wie mild und gut und frommgesinnt dieser Fürst auch war, so war er doch auch ein strenger Schirmherr des Rechts, und gar oft der geringen Leute Schutz und Trost. Einem armen Kleinkrämer, der ihn um freies Geleite bat, sicherte er dieses nebst der Zollfreiheit in allen thüringischen Städten und Ortschaften zu, und fragte ihn freundlich, wie hoch er seinen Kram schätze? – Da sagte der Krämer: zehn Schillinge, Herr, ist alles werth. – So! – sagte der Landgraf: da wollen wir Kumpanei machen, du hast zehn Schillinge Waaren, ich gebe zehn Schillinge baar dazu, nun warte deines Handels; hast du Gewinn, will ich ihn theilen, hast du Verlust, will ich dich schadlos halten. Der Begabte zog froh von dannen, sein Handel ging trefflich, er hatte guten Gewinn und führte redliche Rechnung. Er konnte immer mehr Einkäufe machen und endlich nicht alles selbst tragen, sondern schaffte einen Esel an, mit dem zog er bis gen Venedig, und kaufte und tauschte dort kostbare Waaren, als Glas, Metall, Elfenbein und Korallen ein, auch Ringe, Perlen und Edelgesteine, und zog wieder heim und kramte von Stadt zu Stadt in Deutschland; da kam er auch nach Würzburg, der Bischofresidenz, und da sahen etliche fränkische Ritter, von der Sorte, die gern ohne Geld kauft, den reichen Kram. Die nahmen auf dem Weiterwege den Esel sammt den Waaren, und achteten des Geleitsbriefes vom Thüringer Landgrafen so wenig, wie dessen Hofdienertracht, die der Kaufmann trug. Da nun der Krämer traurig heimkehrte, und seinem Herrn die Unbill klagte, sprach dieser: warte nur,/ mein Geselle, ich schaffe schon unsern Esel und unsere Waaren wieder bei! – entbot alsbald seine Mannen zu einer Heerfahrt, kündigte von Stund' an dem Bischof Fehde an und fiel in das Frankenland ein, wie ein Hagelwetter, wobei freilich gar viele Unschuldige bitter leiden mußten, und ließ dem Bischof sagen, er suche seinen Esel. Da haben die fränkischen Ritter den Esel und die Waaren herausgeben müssen, wie jener ihr Vorgänger an Ludwigs Ohm den Wein, und mußten den Landgrafen und des Bischofs Unterthanen schadlos halten.
Ein anderesmal fuhr der Landgraf auch in Kaufmannsangelegenheiten, da man Kaufleute gefangen hielt, die seine Unterthanen waren, mit Heeresmacht bis nach Polen, und eroberte und zerstörte dort das Schloß Lebus. Da Landgraf Ludwigs Schwester Agnes sich dem Herzog von Oesterreich vermählte, brachte dieser seinem Schwager als eine Seltenheit einen großen lebendigen Löwen mit, der ward im Wartburghofe verwahrt gehalten, wie jetzt der Fuchs. Da geschah es eines frühen Morgens, daß der Landgraf leicht bekleidet und ganz ohne Waffen hinab in den Hof ging, etwa zu beten oder der Morgenfrische zu genießen. Da stand plötzlich der schreckliche Löwe frei und ledig vor ihm da, denn aus Versehen des Wärters war die Käfigthüre nicht gut verschlossen, und der Löwe hatte sich herausbegeben, auch etwas frischer Luft zu genießen. Da nun die beiden Herren, der König der Thiere und der Landgraf von Thüringen, einander gegenüber standen und sich ansahen, zeigte der Landgraf seinen rechten Mannesmuth, er schrie den Löwen hart an, indem er ihm dreuend die geballte Faust entgegenwarf, darob erschrak der Löwe, und legte sich auf die Erde, und schlug mit dem Schweife. Das Geschrei des Herrn aber ward gehört und ward Lärm, und der Wärter, den der Löwe kannte, brachte das gewaltige Thier wieder in seinen Käfig zurück. – Das geschah ein Jahr vorher, ehe Landgraf Ludwig zu großem Schmerz und Unglück der heiligen Elisabeth die Meerfahrt nach dem gelobten Lande antrat, von der er nicht wiederkehrte. (S. 398/9)

DSB Nr. 468: Der Wangenbiß
Albrecht (ca. 1240-1315, sk), Heinrich des Erlauchten Sohn, nahm zur Gemahlin Margarethen, Kaiser Friedrichs II. (1194-1250, sk) Tochter. Da hallte nach langem lautem Lärm des Krieges, die Wartburg von Freudenfesten wieder. Es hatte aber die junge Land/gräfin, die ihrem Geamhl mehrere Söhne schenkte, ihr Unglück selbst mit in das Haus gebracht in einem schönen Hoffräulein, das gefiel dem Mark- und Landgrafen nur allzuwohl, und immer mehr, bis beide auf tückischen Verrath sannen, Margarethen aus dem Wege zu räumen. Der Knecht, welcher mit dem Wartburgesel täglich aus der Stadt mancherlei Bedarf heraufholte, ward heimlich gedungen, als ein Teufelsgespenst zur Nacht in das Gemach der Landgräfin zu treten, und ihr das Genick zu brechen. Auch mußte er schwören, Niemandem den Anschlag zu veratehn. Aber diesen Knecht schlug das Gewissen und traute sich nicht der ungeheuern ruchlosen That, eine unschuldige wehrlose Frau, die er nie anders als gütig gesehen, und die selbst ihn, den geringsten der Knechte auf dem Hofe, freundlich gegrüßt hatte, im Schlafe hinzumorden, zögerte daher und bedachte sich lange. Das merkte der Landgraf und fragte ihn eines Abends verblümt aber streng: Hast du die Aernte geworben, die ich dir befohlen habe? – Deß erschrak der Knecht und antwortete: Herr, ich will sie werben! – und dachte bei sich: nun muß es geschehen – wie Gott will! – Und da es tiefe Nacht war, trat er in das Schlafgemach der Landgräfin, die ganz allein schlief, kniete an ihr Bette hin, und rief: gnädige Frau! Gnadet mir des Leibes! – Erschrocken fuhr Margaretha vom Schlummer auf und fragte: wer ist da? Wer bist du? – Und da sagte der Knecht ihr alles an, daß sie auf das heftigste erschrak, doch sprach sie gefaßt: rufe mir eilend den Haushofmeister, den Schenken Rudolf von Vargula! – Solches that der Knecht und Margaretha sprang vom Lager und kleidete sich eilend an. Und da der Schenk kam, fragte sie ihn heftig weinend um Rath. Den gab er ihr in Kürze. Sie solle an Gut und Geld einpacken, was tragbar sei. Dann wurden in aller Stille ihre Haushofmeisterin und eine ihrer Jungfrauen geweckt, die mußten eilend Bettgewand und Leilaken (= Bettwäsche und Laken, sk) in lange Streifen schneiden, und an einander binden, und Margarethe ging in Begleitung des Schenken auf das gemalte Haus bei dem Thurme, wo ihre Söhne, Friedrich und Diezmann schliefen, und fiel auf ihr Bette und küßte sie unter heißen Thränen und biß vor Liebe und grausamem Schmerz den ältesten, Friedrich in die Wange, daß sie blutete, und fiel auf den zweiten, und wollte ihm auch also thun, doch der Schenk wehrte es ihr, und sie sprach unter strömenden Thränen: ich will sie zeichnen, daß sie an dieses Scheiden gedenken, so lange sie leben. – Nahm also den herzlichsten und schmerzlichsten Abschied von ihren Söhnen, davon Friedrich drei Jahre und Diezmann anderthalb Jahre alt war, und ward dann sammt dem Knecht und den beiden Frauen von dem Gange am heutigen Ritterhaus, das ist in der Vorderburg, wo des Commandanten Wohnung ist, aus einem Fenster in dunkler Nacht die hohe steile Mauer hinabgelassen, und mußten den schroffen Felsenberg hinabklimmen, und entwandern. Da gingen sie durch die Nacht und den grauenden Morgen südwestwärts durch die weiten Wälder, bis auf die Burg Krainberg bei Salzungen, die gehörte auch den Herren von Frankenstein, war aber jetzt halb dem Abte von Hersfeld, und dessen Burgmann nahm sie gastlich auf und ließ sie dann gen Fulda geleiten, zu dem Abt; der empfing als der Kaiserin/ Erzkanzelar die Tochter seines Kaisers mit allen Ehren, und geleitete sie gen Frankfurt in ein Frauenkloster, darin sie schon im nächsten Jahre vor Kummer und Herzeleid starb. (S. 400-402)

DSB Nr. 469: Friedrich des Gebissenen Taufritt
Es ist nicht zu sagen, was für Kampf und Streit und Unglück sich im Thüringerland und um dasselbe erhob durch den Treuebruch Landgraf Albrecht des Entarteten, denn die Söhne Margarethens stritten, als sie zu ihren Jahren gekommen, gegen ihren Vater und der Vater stritt gegen die Söhne. Landgraf Albrecht hatte seine Kebse (= Nebenfrau, sk) gefreit, und wollte gar das Land seinen rechten Söhnen abdringen, und dem Apiz, seinem Bastard zuwenden. Einmal hatte er sogar seinen ältesten Sohn als Gefangenen lange im Thurm der Wartburg liegen, der ward aber heimlich befreit. Endlich verkaufte Albrecht ganz Thüringen für zwölf tausend Mark Silber an Kaiser Adolph von Nassau, dem widersetzten sich die jungen Markgrafen sammt der ganzen Ritterschaft, darüber erwuchsen neue schwere Kämpfe, und des Kaisers Volk hausete gar schlimm und übel in Thüringen, davon noch ein altes Lied geht, wie eine ganze Schaar dieses Heeres, das in Rastenberg ein Kloster zerstört und die Nonnen geschändet, dafür von den Thüringern und Hessen capaunt
(= von Kapaun, dem kastrierten und gemästeten Hahn. Hier im Sinn von: fertiggemacht, erledigt, sk) worden. Indessen starb Albrechts Kebse, Kunne von Eisenberg, und ihr Apiz folgte ihr noch im selben Jahre nach, da freite baldmöglichst seinen Söhnen zum Trotz Albrecht die reiche Wittwe eines Grafen von Arnshauk, Adelheid, die nur eine einzige Tochter hatte, so Elisabeth hieß, diese blieb auf ihrer väterlichen Burg zurück, war vierzehn Jahre alt, und ein gar tugendsames und holdseliges Jungfräulein. Die sahe Friedrich mit dem Wangenbiß und entbrannte in Minne gegen sie, und nach einer Zeit entführte er sie unversehens, brachte sie auf sein Schloß in Gotha, dem festen Grimmenstein und schrieb an seine Stiefmutter, und warb um Elisabeth, die ihm, da sie schon in seinen Händen war, nicht füglich versagt werden konnte, ward also seiner beiden Aeltern Schwiegersohn. Das hinderte aber keineswegs, daß Streit und Krieg sich fortspannen, in welchem die Zwingburg Klemme, ein Bau Heinrichs des Erlauchten zu Eisenach, abgebrochen wurde, und zwei schöne Thürme der Frauenkirche ihrer Glocken beraubt und auch niedergerissen wurden. Bald darauf erhielt Landgraf Friedrich heimliche Sendung von der Wartburg, nahm nur fünfzehn tapfere Mannen mit sich, bargen sich in der Nähe der Wartburg in einer seitab des Thales gelegenen waldigen von Felsen umgebenen Schlucht, die heute noch das Landgrafenloch heißt, klimmten dann empor, kamen zur Burg an der hintern Seite, wo jetzt der Thurm steht, und da waren schon Mannen, die ihnen die Mauern ersteigen halfen. Da fing Friedrich seinen Vater ohne Schwertschlag, und entsandte ihn nach Erfurt. Die Landgräfin blieb aber bei ihrem Sohne auf der Wartburg, dahin dieser seine junge Gemahlin Elisabeth eilend kommen ließ. Aber mit der Wartburg hatte Friedrich noch nicht das Land, denn das gehörte/ doch noch dem Vater oder aber dem Kaiser, der es gekauft, und selbst die Bürger von Eisenach wollten nichts von dem jungen Landgrafen wissen, und da wurde die Wartburg enger umlagert und bedrängt als je, und rings um dieselbe wurden kleine Bergfrieden aufgeführt, Schanzen und Blockhäuser, und aller Zugang und alle Zufuhr ihr abgeschnitten, was das schlimmste war, denn mit Stürmen war der Burg nichts anzuhaben, auch nicht viel mit Steinschleudern, da sie himmelhoch über alle den Lagern der Feinde sich erhob. In diesen Zeiten gebar Frau Elisabeth die jüngere auf Wartburg ein Töchterlein, und da kein Pfaffe auf der Burg war, war guter Rath theuer, das Kind zu taufen, denn damals war nicht Sitte, vier oder sechs Wochen, oder noch länger, damit in Gottes Namen zu warten, auch beschäftigten sich nicht, wie in unsern Zeiten, Personen, die keinerlei priesterliche Weihen empfangen, mit dem Vollzug der heiligen Taufhandlung. Der Landgraf aber, schnellen Entschlusses und freudig zu jeder raschen That, hieß die Amme sammt dem Kinde zu Roß steigen, erkor zwölf tapfre Kampfgesellen, ritt mit ihnen den Berg herab, um die Stadt herum, über den Gaulanger und Sengelbach, und erst da vernahmen die Wächter ihren Ritt und bliesen Lärm. Rasch ritten Friedrich und die Seinen nun den Thalweg entlang, nach Tenneberg zu, doch hörten sie nach einer Weile, daß sie verfolgt wurden. Auf einmal ließ die Amme ihr Zelterlein ruhiger traben, und die Ritter an sich vorbeireiten: das Kind schrie, der Landgraf blieb neben ihr halten und fragte: Was ist's? Warum eilst du nicht? Was fehlt dem Kinde? Schweige es! – Herr – sprach die Amme, es will gestillet sein – es schweiget nicht, es sauge denn! – Da rief der Landgraf den Seinen zu: Haltet! Meine Tochter soll ob dieser Jagd nichts entbehren, und sollte es das Thüringer Land kosten! – Und da schaarten sich alle um die Amme her, in willens, wenn die Feinde herankämen, das Kind und sie auf Leben und Tod zu vertheidigen – aber die Feinde ließen ab von ihrer Verfolgung, obwohl Friedrich schier zwei Meilen weit immer hinter sich den Hufschlag ihrer Pferde vernommen hatte, und so kamen die Reiter mit Kind und Amme glücklich nach Schloß Tenneberg, wohin der Abt von Reinhardsbrunn, das nahe dabei gelegen, entboten wurde, der mußte die Tochter taufen und nach der Mutter Elisabeth nennen. Danach hat Friedrich sich Hülfe gewonnen, die Wartburg stattlich gespeist, die Belagerung tapfer abgewehrt, und alle Grafen und Herren Thüringens auf seine Seite gebracht. Darob ergrimmte Kaiser Adolph gar sehr und wollte das Thüringerland wiederum mit Heeresmacht überziehen und bezwingen, wie er zu gleicher Zeit die Schweiz bezwingen wollte. Da geschah es, daß all seinem Wollen ein Ziel gesetzt ward durch seines Neffen, Herzog Johanns von Schwaben, meuchelmörderische Hand, und gewann das Land hernach durch selben Landgrafen Friedrichen mit dem Wangenbiß, den man auch den Freudigen nennt, guten Frieden. (S. 402/3)

DSB Nr. 471: Junker Jörg
Nach der Zeit ward ein Mann Abends auf die Wartburg gebracht; da wohnten schon keine Landgrafen mehr droben, sondern ein Hauptmann und Amtmann, der hiéß Hans von Berlepsch, und der mit ihm den gefangenen Mann brachte, hieß Burkhard Hund von Mengkheim, der hatte seinen Burgsitz auf dem Altenstein jenseit des Thüringer Waldes (Sage Nr. 743.), war aber des Kurfürsten zu Sachsen Amtmann zu Gotha. Die hatten Befehl von ihrem gemeinschaftlichen Herrn dem Kurfürsten erhalten, einen Mann, der von Möhra her über den Wald beim Altenstein die Straße nach Sachsen ziehen werde, mitten im Walde aufzuheben, um ihn wohlbewacht, doch ungefährdet auf die Wartburg zu bringen und denselben dort gut zu halten und zu pflegen, auch statt des mönchischen Gewandes, das selbiger Mann trug, ihm ein ritterlich Gewand und ein Schwert zu geben. Und sollte der gefangene Mann sich nennen Junker Jörg, weil er ritterlich stritt gegen den Drachen der Pfaffenverblendung, welche den Menschen so vielen Mißtrost gaben, wie jener Papst Urban dem armen Ritter Tanhäuser, und jene Predigermönche zu Eisenach dem freudigen Landgrafen. Und that Junker Jörg droben auf der Wartburg die größte Ritterthat des Geistes, die je (außer Christus) ein Mann gethan, er übertrug das Wort Gottes, das alleinige Wort des Heils, die Bibel, in die deutsche Sprache. Solche Arbeit ärgerte und verdroß dem Teufel gewaltiglich, und er umsummsete und umbrummsete den gelahrten Ritter und Doctor gar arg und wollte ihn irre machen, ließ ihm auch des Nachts keine Ruhe, sondern rasselte und rappelte in den Nüssen, die der Doctor in einem Sack unterm Bette hatte, polterte auch auf dem Boden und auf dem schmalen Gang im Ritterhause, vor der Zelle, herum, aber der Doctor sprach bloß: bist du's, so sei es! – Aber endlich hat doch einmal der Doctor aus Zorn, als er wieder recht eifrig arbeitete und der Teufel in Gestalt einer Hummel oder Hurnauspe recht eifrig um ihn herumsummsete, das Tintenfaß genommen und es nach ihm geworfen, daß ein großer Tintenfleck an der Wand worden, und von da ab hat ihn der Teufel auf Wartburg in Ruhe gelassen. Der Fleck ist aber zum Andenken geblieben, und wenn die Wand überstrichen worden, ist er wieder zum Vorschein gekommen, und endlich hat jeder, der's gesehen, davon ein Bröcklein zum Wahrzeichen mit sich davon tragen wollen, da hat es freilich verschwinden müssen, und ist jetzt eher ein Loch in der Wand, als ein Fleck. (S. 407)

DSB Nr. 473: Die verfluchte Jungfer
Nahe der Wartburg ist eine Felsenhöhle, die wird allgemein das verfluchte Jungfernloch geheißen, und geht von ihr manche Sage. Es war eine Jungfrau zu Eisenach, von übergroßer Schönheit, die hatte goldgelbes langes Haar, wie Seide, wie die alten Maler so gern es malten, und auf selbiges Haar wie auf ihre Schönheit war die Maid überaus eitel, und wußte wenig anderes zu thun, als sich zu strählen und zu putzen und im Spiegel zu besehen, und sich zu freuen, was sie doch für ein prächtiges liebholdes Frauenbild sei, darüber vergaß sie aber aller Frömmigkeit und Gottesfurcht, und ging ihr gerade umgekehrt, wie jener Maid zu Bartenstein, die nicht in die Messe wollte, weil sie zu geringe Kleider hatte, und deshalb von ihrer Mutter zu Stein verwünscht wurde (Sage Nr. 253). – Diese Eisenacher Jungfrau ging nicht in die Kirche, weil sie zu viele und zu schöne Gewande hatte, und mit ihrem Putz darob niemals fertig wurde, und da hat ihre Mutter sie auch – nicht zu Stein – sondern mit all ihrer Pracht, mit Hab' und Gut in das alte Steinloch hinein verflucht und verwunschen. Alle sieben Jahre einmal erscheint die also verfluchte Jungrfrau dort, da sitzt sie und weint, und seidne Kleider umwallen sie und darüber fließt ihr goldnes Haar, das kämmt sie mit goldnem Kamme, wie die Lurlei am Rheinstrom. Vor der Höhle ist ein Platz, da wächst nimmermehr Gras, weil das der Platz ist, wo sie sitzt, und es ist dort nicht geheuer. Manchmal ist ein rothes Hündlein bei ihr erblickt worden. Einem Schäfer sind die Schaafe dort geschreckt worden, daß die ganze Heerde auseinander lief, und vierundzwanzig Stück von den Felsklippen herunter fielen. Einer Hirtenfrau, die ihrem Mann Essen brachte, ward die Jungfrau sichtbar, und bat sie, ihr das Haar zu strählen das that die Frau und prieß die Jungfrau ob ihrer Schönheit, und rühmte sich, daß auch sie sehr schön gewesen sei und sang dazu gar artlich:/

Ja dieweil ech noch jungk woar, –
Da ech en zoartes nettes, schienes Fräuchen woar, –
Hatt' mech jiedermoann liep!

und da wollte die Jungfrau der guten Frau recht reichlich lohnen, führte sie in die Höhle, und ließ ihr von ihrem Schatze nehmen, so viel sie wollte. Aber als das Hirtenfrauchen sich wandte, fortzugehen, da sah sie einen großen Hund, und erschrak und ließ alles fallen, und rief: ach Herr Jehchen! bießt hä dann? (= Ach Herr Jesus, beißt er denn? sk) – da verschwand Schatz und Jungfrau und Hund und alles. Ei du verflucht'ges Jungfernloch! – rief die Frau und entrann. Hernachmals hatte sich dieser selben Frauen Kind dort herum im Walde verirrt, acht Tage lang wurde es vermißt und nicht aufgefunden. Endlich fand es der Vater im Waldesdickicht munter und wohlauf, und als es befragt ward, wie es sich denn diese lange Zeit über erhalten, da sgate es: eine schöne Jungfer ist kommen, die hat mir zu essen und zu trinken geben, und hat mich zudeckt. – Ein Fuhrmann, der des Weges fuhr, hörte droben an der Felskluft laut nießen. Er rief hinauf: Gott helf! – Es nießte wieder – Gott helf – noch einmal – Gott helf – und so eilfmal hintereinander, und der gute Fuhrmann rief jedesmal Gott helf – da es aber den zwölften Nieser that, so hatte er es satt, Gott helf zu sagen, that einen Knaller mit der Peitsche, daß der Schall von allen Felsen im Marienthale zurückprallte, und rief hinauf: alle Tausendschockschwerenoth! Wenn dir Gott nicht hilft, so helfe dir der Teufel! – Da gellte droben ein lauter schmerzlicher Aufschrei einer weiblichen Stimme. Das war die verfluchte Jungfer. Hätte der Fuhrmann nur noch einmal Gott helf gerufen, so wäre sie erlöst gewesen. (S. 408/9)

DSB Nr. 478: Das Alp als Flaumfeder
In dem Stadtflecken Ruhla, in dessen Nähe vor Alters der eiserne Thüringer Landgraf hart geschmiedet wurde, giebt es Sagen von Bergschätzen und allerlei Geistern, guten und bösen, vollauf. Jäger spuken, Pfarrer spuken, Jungfern spuken, Hexen, Mönche, Croaten spuken, es spukt eine Gans und endlich sogar ein Esel, der Bieresel genannt, der sich den spät vom Biere heimkehrenden Männern aufhockt, sie auch wohl umhalst, wie das römische Gespenst Empusa in Eselgestalt die Reisenden. Da ist denn bei so vielerlei Geister- und Hexenspuk auch das Alp zu Hause, das die Schlummernden nächtlich quält, ähnlich dem oder der Mahr in den Sagen des Niederlands. Dagegen giebt es aber ein probates Mittel. Der Gequälte muß nämlich, sofern er es vermag, rasch aufstehen, und das Schlüsselloch zustopfen, denn durch dieses geht das Alp aus und ein. Solches Kunststück wußte einmal einer, und probirte es, und siehe, da ward das Alp sichtbar, und saß auf seinem Bette, hatte einen weißen Schleier und war ein wohlgethanes Frauenbild. Das war dem Rühler gar nicht uneben, er behielt die Schöne bei sich, und lebte mit ihr als einer Frau. Sie war auch still und gefügig, aber sie lachte nie, und bat ihn stets, das Schlüsselloch zu öffnen, denn nur durch dieses, und nicht durch offne Thüren und Fenster kann das Alp wieder entweichen, daher auch Goethe im Faust den Mephistophiles sagen läßt:

„’S ist ein Gesetz der Geister und Gespenster:
Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.“

Einstmals aber, da die stille Frau ihre Bitten wiederholte, dachte er: hm, du/ willst doch sehen, wo das hinaus will, sie geht ja doch nicht durch das Schlüsselloch, und wenn sie fort will, kannst du sie ja halten – ließ sich aber gegen sie nichts merken, und räumte unversehens die Verstopfung des Schlüssellochs hinweg. Da wurde das Frauchen kleiner und immer kleiner und endlich gar zu einer Flaumfeder, und da haschte er nach ihr, aber das Wehen seiner Hand trieb sie hinweg, und husch, flog und zog sie durch das Schlüsselloch und war dagewesen. (S. 412/3)

DSB Nr. 481: Das Backofenloch
In der Gegend der Burgruine Scharfenberg hebt sich ein hoher Berg empor, der heißt der Wartberg oder auch Martberg; das ist gar ein eigenthümlicher sagenumklungener Hochgipfel, von dem sein Nachbar, der Hörseelenberg, sich wunderprächtig ausnimmt. Da ist, recht dem Hörseelenloche gegenüber, auch eine Höhle, die heißt das Backofenloch, darinnen hat viel Goldsand gelegen, den die Venetianer hinweggetragen haben, und sonst sind noch um den Berg her viel alte versetzte Schachte und Stollen, denn da steckt noch edlen Metalles genug, wer es zu finden versteht. Da blühen am Trinitatissonntag, am Sommersonnenwendetag und am Johannistag die Wunderblumen, da öffnet ihrem Finder sich die Unterwelt und ist bereit, ihn reich zu machen, ohne Verlust an seiner Seele. Vielen schon ist das geglückt. Das Backofenloch, das kann jeder finden und kann auch hineinkriechen, so tief er mag, aber Gold findet er nicht darin. Der alte Oberförster König hat das folgende nicht nur erzählt, sondern es ist auch von ihm in das Ruhlaer Forstarchiv eingetragen worden. Als junger Bursche und Jägerlehrling beging König häufig das ausgedehnte Ruhlaer Forstrevier. Einmal auf dem Heimwege begegnet ihm ein fremder Mann und fragt nach dem Backofenloch./ König geleitet den Fremden, der ein Venetianer war, zu der gewünschten Stelle, dieser kriecht in das Loch, holt einen Sack voll des gelbgrauen Sandes, der darin befindlich ist und giebt dann seinem Führer ein in Papier befindliches Pulver, indem er ihm sagt: in dieser Berghöhle liegen große Schätze. Suche nur darin nach braunen und schwarzen Körnern, wirf sie dann in einen Schmelztiegel und setze etwas von diesem Pulver dazu. Damit ging der Fremde von König hinweg; der aber, als ein junger Bursche, achtete nicht sonderlich dieser Rede, noch des Pulvers, sondern steckte es ein und warf es daheim in seine Lade. Jahre vergingen, und er dachte gar nicht mehr daran. Da traf er eines Tags abermals einen Walen im Revier, der nach dem Backofenloch fragte. Auch diesen geleitete König hin, und auch dieser sprach wieder vom Reichthum der Höhle und erwähnte der schwarzen braunen Körner. Dadurch auf’s Neue aufmerksam gemacht, gedachte König doch einen Versuch zu machen, ging in die Höhle, suchte und fand auch von den beschriebenen Körnern, nahm sie mit und suchte daheim das Pulver. Nach langem Suchen fand er das Papier, das war aber mürb und zerrieben, und das Pulver größtentheils herausgefallen, so daß nur noch ein kleiner Rest vorhanden war. Dies nahm er, warf’s mit den Körnern in einen Tiegel, glühte ihn und schmolz ein großes Goldkorn. Später habe er nur mit Mühe einige Körner gefunden und auch in diesen, ohne das Pulver, ein winzig Körnlein Gold gefunden. (S. 414/5)

DSB Nr. 485: Wo der Hund begraben liegt
In Winterstein liegt der Hund begraben; das ist ein Dorf hart am Fuße des Inselberges, durch den fließt die Emse, da haben früher auch viele Bergleute gewohnt, und die Herren von Wangenheim haben ein Bergschloß gehabt, das ist jetzt eine Trümmer, es sind aber noch drei Wangenheimische Schlösser allda. Einer dieser Herren war, wie fast alle seine vorfahren und Nachkommen Jägermeister eines Herzogs von Gotha, der hatte einen sehr gscheidten und treuen Hund, deß Name war Stutzel, und als der Herr von Wangenheim gestorben war, hatte seine Wittwe den Hund noch lange. Stutzel war so geschickt und klug, daß er mit Briefen, die man an sein Halsband befestigte, ganz allein nach Gotha auf den Friedenstein und zur Herrschaft ging, und wieder mit Briefen zurück, so daß sich der gothaische Bote den Weg über Winterstein fast ersparen konnte. Die Wittwe war nun dem Stutzel über alle Maßen gut, und da er endlich den Zoll der Natur bezahlte, da ließ sie ihn in einen Sarg legen, und weinte schmerzlich, und wollte haben, daß auch die Dienerschaft weinen sollte. Die that’s der Herrin und dem Stutzel auch zu lieb, und heutel und schrie aus Leibeskräften um den gar guten Hund, bis auf eine alte Köchin, die weinte, wie die Jette Thok in der Nordlandsmythe um Baldur: „mit trocknen Augen“ – darob/ zürnte die Herrin und gab ihr auch kein Trauerkleid, wie das übrige Geesinde empfangen. Da sie aber in die Küche kam, wo die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen thränten, so sprach sie schmerzvoll: nicht wahr, nun weinst du doch noch um den guten Stutzel? Sollst nun auch ein Trauerkleid haben! – Die alte Köchin „lächelte durch die Thränen, und sagte nicht nein.“ – Nun wollte die Frau von Wangenheim, Stutzel solle feierlich beerdigt werden, und zwar nirgend anders hin, als auf den Gottesacker; da kam der Pfarrer auf’s Schloß, und sagte: Gnädige Frau, dieses geht nicht an. Der Gottesacker ist für Christenleute und nicht für einen Hund. Nicht einmal einen Juden dürfte ich auf selbigem begraben lassen. – So! sagte die Frau Jägermeisterin von Wangenheim Wittwe: gehet es nicht an? das thut mir leid. Der selige Stutzel war gar kein Hund, er hatte Menschenverstand; – hat auch sogar ein Testament gemacht, und hat darin Seiner Kirche Einhundert Thaler vermacht, und Ihme selbsten fünfzig Thaler, notabene, wenn ihm ein Plätzchen auf dem Kirchhof würde, außerdem aber nichts. – Das ist freilich ein ander Ding, gnädige Frau, – die Kirche ist sehr arm – sagte darauf der Pfarrer: – ei der gute fromme Stutzel! Wer weiß, ob nicht in ihm ein lieber Mensch verzaubert war, da er so vielen Menschenverstand gehabt. Nun – ich denke – ein Eckchen im Kirchhof – Ihro Gnaden mich dienstwilligst zu erzeigen. – Wurde darauf ein feierliches Leichenbegängniß veranstaltet, und mußten Knechte und Mägde, so alle in Trauer gekleidet, hinter dem Hundesarg hergehen. Aber das wurmte die Gemeinde, und kam herum in der Gegend, und wo sich ein Wintersteiner sehen ließ, lachten die Leute und spotteten, wie ihnehin die Thüringer gern spotten: Na, bei euch zu Winterstein leigt ja der Hund uff’m Kerfich (Kirchhof) begraben! – und kam vor die gnädige Landesherrschaft, wurde selbige darob sehr ungnädig, kam eine Commission vom herzoglichen Consistorio zu Gotha, wurde der Pfarrer amtlich vernommen. Sagte, er hätte es um des armen Kirchleins Willen zugelassen, half ihm aber sothane Ausrede gar nichts; Pfarrer wurde abgesetzt, und Stutzel wurde ausgegraben, ob die Frau von Wangenheim aber das Geld zurück erhalten hat, ist sehr zu bezweifeln; ein Herr von Wangenheim, der dieses selbst erzählt hat, wußte davon nichts. Nun ließ die Frau Jägermeisterin von Wangenheim Wittwe den Stutzel zum zweitenmale beisetzen, und zwar im Garten, und ließ ihm einen Stein zum Denkmal setzen, daruaf der unvergeßliche Stutzel abgebildet war, wie er leibte und lebte, und eine schöne Grabschrift war darauf zu lesen, die Stutzels Tugenden der Unsterblichkeit überlieferte. Und noch immer geht das Sprüchwort: In Winterstein – da liegt der Hund begraben. (S. 417/8)

DSB Nr. 487: Die weiße Frau auf Tenneberg
Dicht über der Stadt Waltershausen liegt Schloß Tenneberg, dahin Landgraf Friedrich der Freudige sein neugeborenes Töchterlein von der Wartburg brachte, und es taufen ließ (Sage Nr. 469); dieß Schloß hat auch Landgraf Albrechts Sohn von der Kunne von Eisenberg eine Zeitlang inne gehabt, mußte es aber bald wieder räumen. Auf Tenneberg geht ein Gespenst um in Gestalt einer weißen Frau; sie tritt aus einem Thurme, darinnen bisweilen Lichtschein erblickt wird, und wandelt durch die Gemächer, und hebt die Hand zum Haupt, als wolle sie dort etwas fassen, etwa eine Krone, und den Blick richtet sie suchend nach dem Boden. Einst kam eine Dame unter fürstlichem Geleite auf das Schloß, die blieb allda, und durfte nimmer wieder einen Fuß in das Freie setzen. Sie saß in jenem Thurme und trug ein langes weißes Kleid. Wer sie war, wußte Niemand – dunkle Gerüchte nur liefen um, sie sei König Heinrichs von Englands für todt ausgegebene Gemahlin, Anna, geborene Prinzeß von Cleve. Andere sagten, sie sei nicht die wahre Könign Anna, sondern eine andere, die für jene sich ausgegeben, und deshalb werde sie gefangen gehalten. Viele aber waren der Meinung, wenn sie eine gemeine Betrügerin sei, so würde man von ihr nicht so viel Aufhebens machen, sondern ihr den Staubbesen verabreichen lassen und sie Landes verweisen. War jene Frau nun eine Königin oder war sie keine, das ist nie an den Tag gekommen, aber gequält ist sie worden und gemartert, irrsinnig ist sie geworden und der Teufel hat sie auch gepeinigt und ihr hart zugesetzt, bis sie elend in ihrer Gefangenschaft gestorben. Nun wandelt sie als weiße Frau durch das schier öde/ Schloß und seine weiten Zimmer voll alter Jagdbilder und altmodigen Gerümpels und sucht – ihre verlorene Krone. (S. 419/20)

DSB Nr. 489: Sankt Johannis Kirche (Bild: Der Thüringische Kandelaber. Foto aus dem Internet)
Da der heilige Bonifacius zuerst im Ohre-Thale und auf diesen thüringischen Gefilden weilte, bis er weiter zog, und in Arnstadt, Gotha, Erfurt, Salza, Langensalza, Thomasbrück, Vargula, Treffurth, Kreuzburg, Salzungen und anderwärts die Christuslehre predigte und Kirchen und Klöster gründete, soll er auf dem Altenberge das erste Kirchlein erbaut und in Sankt Johannis Ehre geweiht haben. Da strömte viel Volkes hin, und das Kirchlein faßte nicht die Menge der neuen Bekenner, und mußte der fromme Mann in das Freie treten und predigen, da waren aber ganze Schwärme zahlloser Raben und Krähen, die schrieen und lärmten nach ihrer Weise also sehr, daß sie des Predigers Worte übertönten. Da hob er seine Hände auf und bat Gott, die Vögel zu zerstreuen - und alsbald erhoben sich die Schaaren und flogen von dannen und ward kein solcher Vogel wieder gesehen, so lange Sankt Johannis Kirche stand. Dort um sie her/ war dann auch der Begräbnißplatz der ersten Christen, doch kam die Zeit, daß es den Leuten zu beschwerlich ward, da hinauf zu gehen und auch die Todten so hoch zu tragen, brachen daher das Kirchlein ab, zumal es baufällig war, und schafften Steine und Gebälk herab, es am Fuß des Berges wieder aufzubauen, wo sich das Dorf Altenberge begründet hatte. Am Morgen war aber immer wieder alles fort, und wieder droben eingefügt an seinem Ort und an seiner Stelle. Sankt Johannis Kirche wollte nicht im Thale stehen. So ließ man sie stehen und erbaute an den Berges Fuß, doch auch noch hoch genug, über dem Dorfe eine neue Kirche, St. Immanuel genannt. Endlich in der Zeiten ewiger Strömung, und da die Johanniskirche nicht mehr besucht wrd, erlag sie den Stürmen, die über den hohen Berggipfel brausten. und alle Spur von ihr schwand hinweg, bis auf geringe Ueberreste. Eines Tages fand ein Holzhauer am niedern Geäst eines uralten Baumes droben einen hochalterthümlichen Schlüssel hängen, das war der Schlüssel zur Johanniskirche. Hernachmals ist auf eines frommen Holzhauers Anregung ein hoher Leuchter auf dem Berg errichtet worden, der ward volksfestlich eingeweiht, als Bonifacius Denkmal und zur Erinnerung an sein Walten und wirkenin dieser Gegend und in schöner brüderlicher Eintracht von Geistlichen der drei christlichen Glaubensbekenntnisse gesegnet; der steht noch und heißt der thüringische Candelaber, und ist weit sichtbar im Land umher. (S. 420/1)

DSB Nr. 491: Luthersbrunnen
Eine Stunde oberhalb Georgenthal, in demselben Thale liegt der große und häuserreiche Flecken Tambach, in dessen Nähe giebt es auch der örtlichen Sagen gar viele. Da hat es kleine Schlösser gehabt fast auf allen Felsen umher, den Waldenfels, die Krahenburg, die Hohewarte, den Falkenstein, von dem ein Ritter seine Gefangenen stürzte, die sich nicht lösen konnten, von deren versprütztem Blut wurden die weißen Blumen am Fels bethaut, und wurden roth; die heißen jetzt Blutnelken. Reicher Bergsegen war auch allda, es ist aber jetzt alles aufläsig geworden, und allenden (= überall, sk) herrliche Quellen und Brunnen. Als Doktor Luther in Schmalkalden 1537 auf dem Fürstentage war, erkrankte er so heftig, ja tödtlich, daß er darauf bestand, fort, und zu den Seinen zu reisen, und gab ihm der Kurfürst von Sachsen seinen Wagen und seine Pferde und sein Geleite; fuhr die lange Höhe bis zum Rennstieg hinan, da man es droben auf der Fläche den Rosengarten nennt, und wieder zu Thale, empfand brennenden Durst und ließ halten an einem Quellbrunnen nahe am (alten) Weg, fühlte sich auf den Trunk merklich erleichtert, und im Gasthaus zu Tambach nahm er eine Kohle und schrieb damit an die Wand: Tambach est mea Pniel – den Namen der Stätte, wo Jacob mit Gott gerungen – ibi apparuit mihi dominus. M.L. Das hat lange in jenem Hause gestanden und jener Brunnen, aus dem Lutherus Genesung trank, heißt heute noch der Luthersbrunnen.
So wasserreich wird der Schoos der Berge in jener Gegend geglaubt, daß im Volke die gemeine Rede geht, für den Sperrhügel (ein Hügel von 2,739 Fuß Meereshöhe) werde in Erfurt alljährlich noch gebetet, daß er seinen Schoos nicht aufthue, denn es sei eine alte Sage und Prophezeihung, daß dieses dereinst geschehen werde – wenn es aber geschehen werde, so würde die Wassermasse in den Wedelbach fallen, dann in die Apfelstedt, die mit der Ohre vereinigt als die/ Koller – weil selber Bergfluß bisweilen ohnehin gewaltig braust, kollert und toll thut – in die Gera fällt, und das ganze Gefilde von Erfurt eine ewige Messe gestiftet, daß fort und fort für den Sperrhügel gebetet werde, und sei dem Stift St. Petri alldort dafür ein Stück Waldung zu eigen gegeben. Ueber den ganzen langen Rücken des Sperrhügels zieht der alte Rennweg hin. (S. 422/3)

DSB Nr. 492: Teufelsbad und Teufelskreise
Vom Sperrhügel läuft der Rennweg fort und fort über den Gebirgsgrat des Thüringer Waldes einerseits nach dem Inselberg, anderseits nach dem Beerberg, in der Nähe des Schneekopfgipfels hin, den drei höchsten Punkten des Waldgebirgs. Wie auf dem Hochgipfel des Harzes, dem Brocken, so hat auch auf dem Schneekopf der Teufel seinen Aufenthalt, Spiel-, Turn- und Tummelplatz. Wenn es ihm in einer seiner gottverfluchten Spielhöllen in den Bädern drunten zu heiß geworden, geht er der Abkühlung halber in das Teufelsbad auf dem Schneekopf und wenn es ihm einmal nicht mehr in den Kreisen der menschlichen Gesellschaft gefällt, fährt er hier herauf in die Teufelskreise, da ist ihm sehr wohl, da neckt und foppt er die Reisenden, und wo er nicht ausreicht, thut’s trotz ihm der dicke Kreiser auf der Schmücke, der Schmücke Schmuck und Zier, die nur ein halbes Stündchen hoch unterm Schneekopfgipfel liegt. Auf der Schmücke ist eine Fohlenweide, da hatte ein reicher Filz auch ein sehr schönes Fohlen dabei, aber wenn Unglück sein Spiel haben soll – gerade als er hinauf kam, nach dem Fohlen zu sehen, hatte sich’s verlaufen, war nirgend zu finden. Da brannte der Rhein und der Main, der Mann war außer sich – rannte selbst mit fort, das Fohlen im Walde zu suchen – und murmelte immer vor sich hin: wo es nur der Teufel hat? – und da kam er unvermerkt an das Teufelsbad – und siehe – da drinnen hatte es der Teufel – es guckte gerade nur noch mit dem Hinterviertel heraus, und schien todt. – Der unglückliche Fohlenbesitzer schlug die Hände überm Kopf zusammen, rief, schrie – Niemand hörte ihn, Niemand kam zu Hülfe, er allein vermochte nicht das Pferd aus dem Wasser zu ziehen, dennoch wagte er sich auf der schwankenen Moosdecke bis an das arme Rößlein und dachte: verfluchtiger Teufel, den schönen Schweif sollst du doch nicht haben, den kann der Kreiser zu Schneiße-Schlingen mir abkaufen und damit die Krammtsvögel fangen, die er seinen Freunden – verspricht, aber alle selber ißt. – Zog sein scharfes Tschenmesser, schnitt rups und kahl den Schweif dicht am Bürzel ab, und trabte wieder zur Schmücke hinunter. In der Thüre stand Herr Joel, und rief ihm freudig entgegen: es ist da! es ist da! – Was ist da? – fragte der Geizkragen. – Das Fohlen! – wo? – Na – es wird etwa im Speisesaal sein, oder auf dem Oberboden! – Was zum Gukuk habt ihr denn da in der Hand? ihr seid wohl unversehens Pascha von einem Roßschweif geworden? – Der Fohlenbesitzer hörte auf kein Wort wei/ter, er rannte in den Stall – da stand sein Fohlen – aber o Schrecken – der Schweif war ihm abgeschnitten rups und rattenkahl, den hielt der Filz (= der Kerl, sk) in der Hand und der Bürzel blutete noch. So hatte ihn der Teufel geäfft, den Schaden hatte er und für den Spott brauchte er droben auf der Schmücke nicht zu sorgen. Der Kreiser kaufte die Pferdehaare nicht, und schickte andern auch keine Krammetsvögel.
Einem Bergmann begegnete einst in einer Mondnacht da droben ein großer stattlicher Reitersmann, in einem rothen Mantel, der fragte ihn um den Weg nach dem Teufelsbad, und der Bergmann ging mit und zeigte den Weg. An Ort und Stelle stieg der Reiter ab, gab dem Bergmann sein Pferd zu halten, und senkte sich mir nichts dir nichts in das Teufelsbad hinein. Der Bergmann schauderte und das Roß schnaubte Feuer und stand nur auf drei Beinen, weil es deren nicht mehrere hatte. Nach einer Weile stieg der Reiter wieder aus dem Bad, und auf sein Roß, ließ sich wieder auf den Weg bringen und ritt nach dem Finsterberg zu, übers Mordfleck hinüber, nachdem er dem Führer zugerufen: fülle Laub in deinen Kober! – Das that denn auch der Bergmann, und schlug den steilen Weg nach Goldlauter hinunter ein – da dünkte ihm der Kober sei doch gar zu schwer, und das doch eigentlich ein schlechter – nein – gar kein Lohn für einen Weg zu weisen und ein dreibeiniges Pferd zu halten. Laub in den Kober – lausig und power (armselig, sk) – murrte der Bergmann und schmiß das Laub wieder aus dem Kober heraus. Als ihm am andern Morgen seine Frau Essen in den Kober thun wollte, hingen an dessen Wänden noch unterschiedliche Goldblättlein – das war für die armen Leute ein gefundenes Essen – es machte sie reich. Aber wenn der Bergmann erst das andere Laub nicht weggeworfen hätte, zum Grafen von Henneberg hätte er gehen und fragen können: wie theuer dein Land? – (S. 423/4)

DSB Nr. 493: Der Jägerstein
Nicht weit von den Teufelskreisen steht im Schneekopfwalde einsam unter den Bäumen ein Denkstein. Ein Förster zu Gräfenrode, dessen Revier sich bis auf diese Höhen herauf erstreckte, fand hier seinen Tod. Er hatte einen Jägerburschen, welcher sein Vetter war und wirklich Caspar hieß – mit dem er in großem Unfrieden lebte, und ihn den Herrn mit Strenge fühlen ließ. Da sich nhn droben im Schneekopfreviere zum öftern ein sehr großer feister jagdgerechter Hirsch von vielen Enden, aber über sechzehn, hatte erblicken lassen, so gab der Förster dem Caspar den Auftrag, selben Hirsch zu schießen. Aber wer den Hirsch nicht schoß, war der Caspar. dieweil er ihn, und wenn er ihn auch ganz nahe vor dem Lauf hatte, stets fehlte, und wenn er nun nach Hause kam, so mußte er Hohn und Spottreden über sein Ungeschick in Menge vernehmen, und in Gesellschaft, wenn die Waidgenossen der Umgegend droben auf der Schmücke, oder im Auerhahn oder zu Oberhof beim Trunke zusammen saßen, da sagte jener För/ster oft spöttisch in Caspars Gegenwart: ja, mein Vetter, der Caspar, was der für einen Treffer hat, das ist unglaublich – es glaubt’s Niemand! Der trifft im Finstern, daß man gar nicht sieht, was er geschossen hat! – und dergleichen Stichelreden mehr. – Das wurmte nun den Caspar gehörig, und da er an einem alten Waidgesellen einen Freund hatte, den solches auch wurmte, so sagte ihm der kurz und gut: Caspar, die Geschichte mit dem Hirsch da droben ist nicht richtig, das kennen wir, den wirst du mit einer Bleikugel in Ewigkeit nicht treffen, das hat was anders auf sich. Geh’ einmal morgen in der Früh’ hinauf nach Gehlberg in die Glashütte, und laß dir eine gläserne Kugel machen, das ist gleich geschehen, und die lade nur stillschweigend in die Büchse, und gehe Abends wieder hinauf auf den Anstand. – Diesen Rath befolgte der Caspar, stand droben, lauerte, da krache es in den Büschen, und da kam der Kapitalhirsch und äsete sich, und Caspar nahm ihn fest auf’s Korn und drückte los, und sah die Kugel wie einen blitzenden Feuerpfeil nach dem Hirsch fahren, und diesen zusammenbrechen. Freudig über senen endlichen Glücksschuß eilte er hin; er brauchte dem Hirsch den Genickfang nicht zu geben, er war verendet – aber – es war ja gar kein Hirsch, es war Herr Johann Valentin Grahner, sein Prinzipal, der sich mit bösen Waidmannsstücklein stets in den Hirsch verwandelt hatte. Der Schreck war groß, aber geschehen war geschehen. Caspar zeigte die Sache an, Herr Grahner wurde ehrlich begraben, und der Schuldiener zu Gräfenrode schnitt sich eine frische Feder und schrieb in das Kirchenbuch:
A.(nno) 1690. den 16. Sept.(ember) ist der Fürstl.(ich) Sächs.(ische) Forst-Knecht, Herr Joh.(ann) Valentin Grahner, Abends nach 4 Uhr von seinem Vetter Caspar, der ein Jäger-Bursch war, im Walde am Schneekopf, in Verblendung einer Hirschgestalt, an den Schlaf (die Schläfe, sk) durch den Kopf geschossen worden, da Knall und Fall eins gewesen ist. (S. 424/5)

DSB Nr. 499: Von einem Bergmann und einer Braut
Aus dem Diezhäuser Grund geht ein Bergweg nach Benzhausen; dort herum sind vor Alters auch Bergwerke gewesen, und wohnten Bergleute im Ort. Von denen ist einmal einer am Sonnabend zur Beichte gegangen, und am Sonntag darauf wollte er zum Abendmahl gehen. Nun ist alter Brauch, daß nach der Beichte Niemand mehr arbeiten soll, sondern seine Gedanken all auf das fromme Vorhaben richten. Der Bergmann aber wollte sein Bischen Lohn nicht einbüßen, und fuhr nach der Beichte dennoch wieder vor Ort. Aber kaum war er in der Grube, als der Schacht einstürzte und alle Spur von ihm verschwand. Erst nach hundert Jahren, da andere Bergleute dort einschlugen und ein Bergwerk bauten, fanden sie in einem Gang einen Bergmann, der hatte einen großen langen Bart, und schien zu schlafen. Und da sie um ihn redeten, erwachte er, und fragte gleich: hat es schon zusammengeschlagen? ich muß zum Nachtmahl gehen! – Da sprachen die andern: es ist heute kein Sonntag und ist keine Kirche, es ist Werkeltag. – Doch – sprach er: nächten bin ich zur Beicht gewesen, und heint (= heute, sk) muß ich zum Abendmahl gehen. – Da geleiteten sie ihn aus der Grube und nach der Kirche, und holten den Pfarrer, der gab ihm das heilige Abendmahl, und wie er es empfangen hatte, stürzte er zusammen, und war ein Häufchen Asche.
Aehnlich ging es in Benshausen zu mit einer Braut, welche gezwungen heirathen mußte. Vor der Trauung, als es zum zweitenmale läutete, war sie fertig angezogen, weinte sehr, und sprach: laßt mich nur erst noch einen Augenblick allein hinaus in den Garten, ich muß frische Luft schöpfen – denn das Herz war ihr gar zu sehr beklemmt. Im Garten weinte sie bitterlich über ihr Unglück, da trat ein fremder Mann, den sie nie gesehen, ihr nahe, der fragte sie um ihren Kummer, und sie klagte und vertraute ihm alles, er aber sprach ihr Trost zu mit milder Stimme, und wandelte mit ihr und sprach allerhand, lobte auch ihren Garten und sagte, seiner sei auch recht schön, wenn sie ihn sehen wollte, gleich daneben, und da stand ein Pförtlein auf und sie traten ein, gleichwohl hatte die Braut diesen Garten noch niemals gesehen, auch niemals einen so wunderschönen Garten, in dem so vielerlei zu sehen gewesen wäre. Die schönsten Blumen, und Vögel, Springbrunnen, Baumgänge, Lauben, Gebüsche, Rasenplätze, Beeren und Früchte aller Art. Darüber freute sich die junge Braut und vergaß ihr Herzeleid, das sie drückte, und der Mann sprach gar angenehm mit ihr. Mit einemmale schlug es zusammen, da gedachte die Braut ihrer Pflicht, nahm höflich und züchtig Abschied von dem Mann und ging wieder in ihren Garten zurück, und durch denselben vor in das Haus, um nun mit Bräutigam und Gästen in die Kirche zu ziehen. Aber da war alles verändert und ihr fremd, und fremde Menschen staunten sie an, ihren altväterlichen Brautputz, und fragten sie was sie wolle, und wo sie her komme? – Da waren kein Bräutigam, kein Vater, keine Mutter, keine Hochzeitsgäste – und da wurde nachgeforscht, und da fand sich, daß vor hundert Jahren eine Braut kurz vor dem Zusammenschlagen in den Garten gegangen und nicht wieder gekommen war, gleich jenem Brautpaar, das hinauf zum Kiffhäuser ging, Hochzeitgeräthe zu leihen, und schwer daran zu tragen glaubte, als es herab schritt. Es trug nur schwer an der Last seiner Jahre (Sage Nr. 430). Da hat sich die Braut wieder zurückgelehnt aus der ihr fremden Welt in den Garten des freundlichen Mannes, der kein anderer war, als Christus unser Herr und Heiland, und ist bald darauf eingegangen in den Garten des himmlischen Paradieses. (S. 429/30)


DSB Nr. 501: Frau Holle und der treue Eckart
Unter Benshausen liegt der Stadtflecken Schwarza, durch den zog einstmals zur Weihnachtszeit die Frau Holle mit ihrem wüthenden Heere, voran aber ging der treue Eckart und warnte die Leute im Wege zu bleiben, damit ihnen kein Leides geschehe, denn das Heer nahm die ganze Wegbreite ein, und auf den die Larven (= hier: Gespenster, sk) stießen, dem erging es nicht gut. Da nun der Schwarm durch den Ort gebraust war, kamen zwei Knaben des Weges, die trugen Krüge voll Bier, das hatten sie auf dem Köhler geholt, einem Wirthshaus mit Mühle gleich am Wege, eine Strecke unter Schwarza, allwo es immer gutes Bier giebt, und ist viele Einkehr daselbst. Diese Knaben hieß der treue Eckart auch zur Seite treten, und sie drückten sich furchtsam –; gleichwohl wurden sie doch wahrgenommen, und da die wilden Jäger immer Durst haben, so traten einige der Furien zu ihnen, entnahmen ihnen die Krüge und züllten (= tranken, sk) ihnen das Bier aus. Darüber waren hernach die Knaben sehr bekümmert, denn sie fürchteten daheim Schläge, auf einmal stand der treue Eckart wieder bei ihnen, und sprach: seid nur getrost, ihr Jungen; es war gut, daß ihr das Bier freiwillig her gethan, sonst stände es jetzt schlecht um eure Hälse. Geht nur immer getrost heim mit euern Krügen, sagt aber binnen drei Tagen keiner Seele etwas von dem, was euch heint Abend begegnet. Wie nun die Knaben heim kamen, waren die Krüge voll und schwer und war ein Bier darin, wie solches die Mannen zu Schwarza noch nie getrunken, just wie englisch Oel (Ale), als wär' es in Tölz gebraut, was aber das beste und wundersamste war, die Krüge wurden nicht leer, sie gaben fort und fort Bier her, das war eine ganz prächtige Sache – bis die drei Tage um waren und die Knaben ihr Schweigen brachen. Da war's alle. (S. 430/1)

DSB Nr. 504: Ebersdorf und Ebersgrund
Von Steinbach-Hallenberg nach Stadt Schmalkalden zieht sich ein hügeliger Wiesengrund hin, darauf hat vor Zeiten ein Dorf gestanden, des Namens Ebersdorf. Das Dorf war reich und seine Bewohner hatten Bergbau auf Gold, Silber und Kupfer. Da wirdem soe pb des gewonnenen Reichthums übermüthig, frevelten am Heiligen, gingen nicht mehr in die Kirche und führten ein gottloses und üppiges Leben. Nun diente in Ebersdorf eine fromme Magd, die war gebürtig aus Springstillen, einem Dorfe nahe bei Schmalkalden, die bat an einem Sonntag Urlaub von ihrer Herrschaft, daß sie nach Hause gehen dürfe und das heilige Abendmahl empfangen. Ueber diesen Gott wohlgefälligen Vorsatz wurde sie gescholten und verhöhnt, doch durfte sie von dannen und ging weinend ihres Wegs. Als sie zurück kam, fand sie das Dorf nicht mehr, nur ragte da, wo es gestanden, in der Mitte ein Hügel, und aus diesem blinkte der Thurmspitze goldnes Kreuz über einem großen Grabe. Das Dorf war/ versunken, doch hörte sie noch in der Tiefe die Hähne ängstlich krähen. Da wandte sich die Magd abermals zurück in ihren Heimathort und kündete, was sie gesehen; Niemand aber glaubte ihr, doch gingen viele Springstiller mit und sahen das Wunder, welches sich begeben. Nun war auch das Kreuz vollends in die Tiefe gesunken, auch krähte kein Hahn mehr in und nach dem Dorfe und über seiner Stätte lagerte tiefe, grauenvolle Stille. Nach einiger Zeit nahmen die Leute von Springstille Besitz von der Flurmarkung, und daher kommt es, daß noch heute viele Springstiller im Ebersgrunde Wiesen besitzen. Man sieht noch den Kirchhügel in des Thalgrundes Mitte und erblickt in der Nähe alte Heckenlinien, die Abgrenzungen ehemaliger Gärten. (S. 432/3)

DSB Nr. 511: Die Glocke vom Gottesfeld
Wer vom Schneekopfgipfel dem Rennstieg südostwärts folgt, dann durch endlose Waldungen auf einsamen Gebirgspfaden ganz südlich sich schlägt, kann zum hohen Adlersberg gelangen, auf dem sich eine weite Wiesenmatte breitet, die heißt das Gottesfeld. Dort droben lag eine Stadt, die hieß aber nicht Gottesfeld, denn ihre Bewohner waren so gottlos und lasterhaft, daß die strafende Hand Gottes sie ganz von der Erde hinweg tilgte. Sie versank mit allen ihren Bewohnern, und die Stätte, wo der Herr Gericht gehalten, ward Gottesgerichtsfeld genannt, woraus hernachmals Gottesfeld wurde. Nach langen Jahren hüthete droben am Adlersberg ein Hirte aus Schleusingen seine Heerde, der sah ein wildes Schwein an einer Stelle wühlen und wühlen, und wie er hinzukam, so stand das Oehr einer Glocke (= Öse aus Metall, an der die Glocke aufgehängt wird, sk) zu Tage. Der Hirte warf gleich seinen Lappen (Halstuch) auf den Fund, damit derselbe nicht wieder versinke, und eilte nach Leuten, jenen emporzuheben. Die Glocke wurde nach Schleusingen gefahren, und auf den Thurm gebracht, aber da sie nun zum erstenmal geläutet wurde, gab sie einen/ ganz entsetzlichen schauerlichen Ton von sich, und beim dritten Schlage zersprang sie. Da sie nun neugegossen ward, so klang ihr Ton nichts desto weniger unharmonisch, und es war als ob sie riefe: Sau aus, Sau aus! – und dann zersprang sie abermals, und als sie zum drittenmale umgegossen worden war, war ihr Schall um nichts gebessert, und sie zersprang wiederum, und ward hernach nur zum Sturmläuten gebraucht.
In dieser Gegend steht auch der Schlüsselheinzestein, ein senkrechter Porphyrfelsen, um diesen läßt sich ein gespenstiger Reiter sehen, der einst mit sammt seinem Roß die Felswand hinab stürzte, wobei Roß und Mann todt blieben. (S. 437/8)

DSB Nr. 515: Doktor Luther verwünscht das Singerberger Schloß
Vom guten Singerberger Wein weiß die örtliche Sage seiner Gegend noch ein Mehreres zu erzählen. Vor Zeiten lebte droben ein Graf in großer Eingezogenheit (= Zurückgezogenheit, sk), der in dem Ruf eines Schätze anhäufenden Filzes (= Geizhalses, sk) stand. Ein junger Verwandter, welcher Lust hatte, den Alten möglichst bald zu beerben, verband sich mit einigen Schnapphahnen (= Wegelagerern, sk), die Burg zu überfallen, den Grafen zu tödten und die Schätze zu theilen. Dieses führten sie aus und verbreiteten die Nachricht, der Graf sei gestorben. Der junge Ritter blieb im Besitz des Schlosses und führte mit seinen Raubgesellen ein zügelloses Leben, da haben sie den Reisenden aufgelauert und sie beraubt oder auf die Burg geschleppt und erst gegen hohes Lösegeld frei gegeben. Einmal fingen sie eine vornehme Frau mit zwei Töchtern und Dienerschaft, um die entstand großer Streit, denn sie wollten dieselben nicht um Lösegeld ziehen lassen, sondern selbst besitzen. Wer den reichsten Fang thue, sollte die Schönste erhalten. So zogen die Ritter aus, nachdem sie die schönen Gefangenen der alten Schließerin auf die Seele gebunden hatten, daß die sie gut bewahre. Die erste Beute, die einem der Wegelagerer in die Hände fiel, waren einige Erfurter Mönche, und unter denen befand sich auch der Doktor Luther. Nur der letztere wurde als Geisel behalten, und die andern entlassen mit dem Geheiß, Lösegeld für ihn zu senden. Ein Knappe sollte den Mönch bewachen, während der Schnapphahn weiter nach Beute strebte. Aber da ist der Knecht müde und schläfrig geworden, und ist auf dem Rasen, darauf er saß, eingenickt, und Luther ist davon gegangen. Da hat er über sich die stattliche Burg gesehen, und gehofft, hier Schutz zu finden, da hat aber die gefangene Frau auf der Mauer gestanden und von der Zinne gerufen: fliehe eilend! Hier wohnen Raub und Mord! – Diesem Geheiß hat Luther willfahren wollen, ist aber einigen der Raub- und Rottgesellen in die Hand gelaufen, und von diesen mit auf die Burg hinauf geführt worden. Und da haben sie am Abend den gefangenen Mönch zu sich in ihr Zechgelag bringen lassen, und von ihm verlangt, ihnen Liedlein zu singen und die Zeit zu vertreiben. Der Mönch stimmte scheinbar in ihren Ton ein, sang aber lateinische Formeln, die sie nicht verstanden, und deren geheime Kraft sie einschläferte. Als sie nun alle schliefen, auch die Knechte und die Schließerin, hat er die gefangenen Frauen mit deren Schätzen aus der Burg/ geführt, und im Gehen eines seiner Lieder gesungen, und dann hat er die Burg verwünscht mit Mann und Maus, daß sie niemals wieder ein Menschenauge erblicken solle, als wer seines Liedes Melodie auf der Berghöhe ertönen lasse. – Bald kam das Schloß in Vergessenheit, und es gingen viele viele Jahre hin, und der Singerberggipfel blieb öde und einsam. Da hat einstmals ein Schäfer seine Heerde hinauf getrieben, und von ohngefähr auf seiner Schalmei die Melodie jenes Liedes angestimmt, siehe, da ist das Schloß vor seinem Blick emporgestiegen, mit offenen Thoren und Hallen, und er hat sich hinein gewagt, aber alles darin still und schlafend gefunden. Vom Wein, der da in Fässern und Krügen in Fülle vorhanden war, füllte er seine Kürbisflasche, und verließ die Burg wieder, nach seiner Heerde zu sehen. Da ist die Burg hinter ihm alsbald wieder hinweggeschwunden. Der Wein war köstlich, und hatte die allerpreiswertheste (= lobenswerteste, sk) Eigenschaft, er ward nicht alle, so viel auch der gute Schäfer davon trank. Aber die Burg fand er niemals wieder, so oft er sie auch suchte, denn er wußte den Zauber nicht, der sie ihm zeigen konnte, er dachte nicht wieder daran, auf dem Berggipfel die Melodie jenes Liedes zu blasen. Nach einiger Zeit war der Schäfer zu einem guten Freund gekommen, dem hat er sein Abenteuer mit dem Singerbergschloß erzählt und zu ihm gesprochen: da koste nur einmal den Wein – wie aber der andere hat trinken wollen, hat er gesagt: du Narr! Es ist ja nichts drin. – Und da ist es gerade gegangen, wie mit den Bierkrügen der Knaben in Schwarza, und wie mit dem Perchten-Bier; als die Knaben ihr Geheimniß verplaudert, die Kürbisflasche war und blieb leer – (Sage Nr. 501 u. 575). (S. 441/2)

DSB Nr. 520: Der Greifenstein
Ein thüringischer Graf, des Namens Heinrich, brachte aus einem Kreuzzuge einen Greifen mit, andere sagen einen Falken, der nur auf den Namen Greif gehört. Einst ließ der Graf den Greif nach einem Reiher steigen, er stieg und kam nicht wieder, das war dem Grafen sehr leid, und er gebot seinen Dienern, allüberall zu suchen und zu spähen, ob sie den Greif fänden – es war aber vergebens. Des andern Morgens ging der Graf selbst wiederum aus, den Falken zu suchen, den er sehr ungern mißte. Da erblickte er ihn nach dem Kesselberge zu hoch in der Luft schweben und im Nu auf einen Schwarm Vögel niederstoßen, die sich auf einem nahen Berge niederließen. Eilends bestieg der Graf diese Anhöhe und fand seinen Greif an dem Orte, wo sonst die Burggerichte gehalten wurden, im Gebüsche seine Beute verzehrend, rings umher aber Singvögel, die von ihren Nestern aufflatterten. Ei, ei, du loser Schelm, sagte der Graf scherzend: hab’ ich dich nicht gehalten wie ein Kind, und doch willst du mich verlassen? Freilich ist’s hier schöner, als auf meiner Hand, und du hast dir wahrlich keine üble Residenz erwählt. – So sprach der Graf, und seinen Greif auf die Hand nehmend und streichelnd, schaute er sich um, und weil ihm der Platz so wohl gefiel, da man von ihm aus Thal und Gegend weit überschaute, so kam es ihm in den Sinn, hier eine Burg zu erbauen. Noch in demselben Jahre wurde der Grund gelegt; der Bau währte mehrere Jahre, denn es wurde so fest und stark gebaut, wie wenn die Mauern ewig halten sollten; ja, der Mörtel, der noch jetzt mit unverwüstlicher Festigkeit die mürben Sandsteine zusammenhält, soll mit Wein angemengt worden sein, damit er die Steine um so fester kitte. Die Burg aber nannte der Graf zum Andenken seines Greifes, der den Platz erwählt, Greifenstein – das Volk nennt sie nur „das alte Schloß,“ und glaubt, sie sei bei einer Belagerung zerstört und verbrannt worden, obgleich diese Meinung der Geschichte zuwiderläuft; in der Geschichte aber heißt sie die Blankenburg und die Grafen von Schwarzburg hatten sie inne und wohnten auf ihr. (S. 445)

DSB Nr. 525: Die Todtenschauerin
Auf dem Schlosse zu Rudolstadt lebte einst eine Prinzessin, die hat eine gar traurige Begabung gehabt. Wenn in dem fürstlichen Hause ein Sterbefall eintrat, so sahe sie statt der wirklichen Leiche auf dem Paradebette jedesmal die nächstfolgende. Und obschon dieses zweite Gesicht die Prinzessin gar traurig machte, weil ihr Herz stets den Schmerz um zwei Glieder der Familie empfand, so konnte sie doch nicht unterlassen, jedesmal in den Sarg zu blicken, doch behielt sie, was sie schaute, stets als tiefes Geheimniß in ihrer Brust verschlossen, aber ihr Leben ging dabei trübe und traurig hin. Zu einer Zeit aber setzte sie ihren letzten Willen auf, ordnete ihr Begräbniß an, und entschlummerte bald darauf sanft – sie hatte sich selbst im letzten Sarge erblickt – und nahm diese dunkle Gabe mit in das Grab.
In der gewölbten Thorhalle des Rudolstädter Schlosses ist eine eiserne fest verschlossene Thüre, durch diese tritt, ohne daß eine Angel sich regt, zu gewissen Zeiten zur Mitternachtstunde eine weiße Gestalt, mit marmorbleichem Antlitz, schreitet die Stufen herab, wandelt über den Schloßhof und verschwindet dann wieder. Diese Erscheinung soll der Geist jener todtenschauenden Prinzessin sein, und jedesmal dann erblickt werden, wenn dem fürstlichen Hause ein Trauerfall bevorsteht. (S. 448)

DSB Nr. 526: Das Frühmahl
Auf dem Schlosse zu Rudolstadt herrschte die verwittwete Katharina von Schwarzburg, eine geborene Fürstgräfin von Henneberg, als der dreißigjährige Krieg durch die Lande wüthete. Sie hatte für das Land ihrer unmündigen Söhne/ einen kaiserlichen Schutzbrief erwirkt, denn es nahten ihm des blutgierigen Herzogs Alba räuberische Schaaren. Der Herzog kam in Rudolstadt an, und lud sich auf ein Frühstück bei der Gräfin auf dem Schlosse ein, und diese Einladung konnte nicht abgelehnt werden. Während der Herzog mit seinen Begleitern und Gefolge sich’s wohlschmecken ließ, thaten die spanischen Soldaten nach ihrer Gewohnheit, trieben den Bauern das Vieh weg, plünderten und erpreßten Geld. Klage auf Klage traf ein, und die Gräfin hieß ihren ganzen männlichen Hofstaat und alle Schloßdienerschaft sich bis an die Zähne bewaffnen, dann trat sie in den Speisesaal zum Herzog Alba und schilderte ihm die Ungebühr seiner Soldateska, indem sie ihm des Kaisers Freibrief zeigte. Alba aber sagte: Krieg ist Krieg! – Da sprach die Gräfin: schreibt einen Brief, Herr Herzog, an euer Volk, daß sie meinen Unterthanen alles wiedergeben, was sie raubten, und auf der Stelle ihrer Zügellosigkeit Einhalt thun. – Wie, Frau Gräfin? – fragte unmuthig der Herzog, und zeigte keine Neigung, der Aufforderung Folge zu leisten, da rief die Gräfin ganz entrüstet: ihr wollt nicht? – Nun bei Gott, Fürstenblut für Ochsenblut! – Ein Handwink der muthvollen und entschlossenen Frau, und durch alle Thüren drängte sich Mann an Mann, eine Schaar Geharnischter, mit bloßen Schwertern und spitzen, scharfen Partisanen (= zweischneidigen Stoßwaffen, sk). Der Herzog wurde blaß und flüsterte mit dem Herzog von Braunschweig, der mit ihm war. Dann schrieb er die Ordre (= den Befehl, sk). Der Herzog von Braunschweig lachte und lobte, äußerlich im Scherz, innerlich im Ernst, die herrliche deutsche Frau, die nun gar demüthig dankte, und die Bewaffneten entließ. Alba schwieg und ging, und mag lange an das Rudolstädter Frühmahl gedacht haben. Diese wackere Gräfin ruht in der Kirche zu Rudolstadt und über ihrer Gruft ist ein schönes metallenes Denkmal mit nachrühmender Schrift zu lesen. Sie war eine große Beschützerin verfolgter protestantischer Geistlichen, so namentlich des Caspar Aquila und Justus Jonas. (S. 448/9)

DSB Nr. 528: Der Wassermann
Zu Unter-Preilipp, einem Dorfe unterm hohen Culm, das bis hinab zum Saalufer reicht, allwo ein uralt Kirchlein mit köstlichen Schnitzbildern und einem Handörgelein, das Herzog Ernst der Fromme selbst gespielt haben soll, ward Nachts an die Thüre der Wehmutter gepocht, und draußen hat ein kleiner Mann gestanden und sie gerufen; da sie nun herunter kam, ist er hinunter ins/ Unterdorf gegangen nach der Saale zu und hat ihr drunten eine Binde über die Augen geworfen, und darauf mit einer Gerte auf das Wasser geschlagen, und da hat sich das Wasser auseinander gethan, und sind die zwei auf Stufen tief hinuntergeschritten, und zuletzt in eine kleine Stube gekommen, wo der kleine Mann der Frau das Tuch abnahm, und sie eine kleine Frau in einem kelinen Bettchen liegen sah, die ihrer Hülfe dringend bedurfte, worauf der Mann die Stube verließ. Da nun die Wehmutter alle ihre Sachen mit gutem Glück verrichtet hatte, sprach die kleine Frau: ich bin eine Christin getauft wie du, aber der gräuliche Wassermann hat mich ausgetauscht, da ich noch ein Sechswochenkind war, der frißt meine Kindlein alle am dritten Tage. Er wird gleich wiederkommen, und dir viel Geld bieten, nimm aber ja nicht mehr als andere dir geben, ich weiß, eure Art nimmt gern so viel als möglich – nimm auch keinen Weck mit, und trinke keinen Wein, wenn er dir es anbietet, sonst dreht er dir hinterdrein den Hals um. – Die Wehmutter befolgte diese Lehren genau, und ward glücklich und ohne Gefährde zurückgeleitet; beim Abschied grölzte noch der Wassermann: du hast klug gethan, nicht mehr zu nehmen als dir gebührte, – und da hat hernachmals die hebamme auch nicht mehr bei den Leuten geschleckt und sich füttern lassen und hat auch noch mit nach Hause genommen, und keine großen Thaler gefordert von armen Leuten. (S. 450/1)

DSB Nr. 529: Der Wechselbalg zu Goßwitz
In derselben Gegend (bezieht sich auf DSB Nr. 527: Die Hange-Eiche), aber hinter Saalfeld, waren Bursche und Mädchen in einer Lichtstube versammelt, und alle fröhlich, bis auf eine Kindsmagd im selben Hause, die war mürrisch und verdrüßlich, weil sie gar zu große Noth mit dem stets schreienden und mißgestalteten Kinde ihrer Dienstherrschaft hatte, welches leider Gottes ein Wechselbalg war. Hinten im Hofe war ein alter halbverfallener Keller, in welchem sich bisweilen ein Licht sehen ließ, und das geschah auch am selben Abend, wo die Bursche und Mädchen Spinnstube hatten, und da sagten die Mädchen, die Bursche sollten doch hineingehen in den Keller, und sehen was das für ein Licht sei? Die Bursche hatten aber keine Lust, und sagten, die Mädchen sollten doch hineingehen, und die es thue, solle einen nagelneuen Rock gekauft bekommen, nur ein Wahrzeichen müsse sie mit herausbringen. – Keine der Jungfern hatte Lust, bis auf die Verdrüßliche, die sagte: wenn ihr mir den kleinen Schreibalg da so lange halten wollt, will ich schon gehen. – Dieß ward zugesagt und gethan und die Magd ging; der Keller stand auf und in der Tiefe schimmerte ein Licht. Da nun die Magd hinein blickte, ob alles sicher sei, so grölzte es hinten hervor: guckst du, so werf' ich! – Ganz unerschrocken aber versetzte die Magd: wirfst du, so fang' ich! – Das wiederholte sich noch zweimal und die Magd hob ihre Schürze auf, und da flog etwas dunkles aus der Höhle hervor und plumpte schwer in ihre Schürze, und zappelte, und war ein kleines Kind. Das war Wahrzeichens genug; eilend trug die Magd das Kind/ vor ins Haus, und wie alle es voll Verwunderung ansahen, trat die Hausfrau dazu und hub an zu schreien: Herr Gott! Herr Gott! Mein Kind, mein liebes Kind! Wie ist es wieder so schön geworden! – Und war wirklich dieser Frau ihr Kind, und der Wechselbalg in der Wiege war auf und davon. – Da ist in jener Gegend das Sprüchwort aufgekommen, wenn einem oder einer ganz unversehens etwas zu Theil wird: ich bin dazu gekommen, wie die Magd zum Kind. – (S. 451/2)

DSB Nr. 537: Das Mäuselein
Nicht weit von Saalfeld liegt ein Ort mit einem Rittersitz, Unterwirrbach, da wurde ein Knecht gar häufig und sehr von der Alptrude[1] gedrückt, und konnte gar keinen Frieden haben, und schlug auch kein Mittel an, denn das unfehlbare, das Verstopfen des Schlüsselloches, welches jener Gute in der Ruhl anwandte (Sage Nr. 478), kannte und erfuhr er nicht. Da schälte einer Zeit das Gesinde spät Abends in der Stube Obst, und da kam einer Magd der Schlaf an, und sie legte sich auf die Bank, ein wenig zu ruhen. Wie sie nun eine Weile dort gelegen hatte, und einige hinsahen, ob sie schlief oder ob sie nicht bald wieder aufwachen werde, siehe da kroch dem schlafenden Mensch ein rothes Mäuselein zum Maule heraus, daß sich alle entsetzten, und einander anstießen und sich’s zeigten. Das Mäuselein lief am Getäfel hinauf an das Fensterbrett, dort klaffte (= stand offen, sk) ein Fenster und husch war es hinaus. Eine Zofe, die bei dem Gesinde saß und Aepfel schälen und auch essen half, war neugierig, und wollte die Schlafende wecken, die andern aber sagten ihr, sie solle das nicht thun, es sei vielleicht nicht gut; sie ließ sich aber nicht abhalten und ging doch hin, und rüttelte die Schlafende, sie lag aber starr, wie recht eigentlich entseelt, obschon sie sich noch nach einer andern Stelle hin bewegen ließ. Bald hernach kam das rothe Mäuselein wieder durchs Fenster hereingehüpft, und wollte wieder einkriechen, wie jenes kleine fingerlange Thierchen in das Weibsbild, welches Schnitter bei Vilforde im Niederland fanden (Sage Nr. 150), und welches eine Mahr war, aber es fand nicht mehr an der Stelle, wo es ausgekrochen, den Mund der Magd, lief ängstlich hin und her, und endlich verschwand es. Die Magd aber erwachte nimmer zum Leben, sie war jetzt und blieb todt – vergebens bereute die Zofe ihren Vorwitz. Es war aber dieselbige Magd eine Trude gewesen, die den Knecht im Schlafe gedrückt hatte, denn seit sie todt war, blieb er von allem Alp- und Trudendrücken frei. (DSB 457)

[1] Der Sagenfigur der Alptrude lag die Vorstellung von einer Hexe zugrunde, die sich schlafenden Menschen auf die Brust setzte und so Beklemmungszustände erzeugte.

DSB Nr. 538: Der Fluch der Wittwe
Zwischen Saalfeld und Gräfenthal liegt Reichmannsdorf, allwo in frühern Zeiten des Bergsegens und Bergbaues kein Ende war, darum heißt noch immer ein Berg in der Nähe der Goldberg, und ein anderer der Venusberg, darinnen eine Grube liegt, die den Namen führt: zufällig Glück, und mag wohl der, der in den Venusberg baute, zufällig Glück gehabt haben. Der Ort hatte früher auch einen andern Namen, da aber der ergiebige Bau alle Einwohner zu reichen Mannen machte, so bekam er den Namen Reichmannsdorf. Schon im Jahr 1335 stritten und verglichen sich die Grafen von Orlamünde und die von Schwarzburg über den Ertrag der Gold- und Silberbergwerke, die im Umfang von fast zwei Meilen um den Ort abgetäuft wurden, und deren Anzahl zweihundert und zwanzig überstieg. Die Einwohner wurden, wie die Sage erzählt, so übermüthig, weil sie so viel gewachsenes Gold und Silber gewannen, daß sie mit goldnen Kegeln spielten und mit goldnen Kugeln danach schoben. Der Ort genoß die Rechte einer Bergstadt, und ward im Scherz die Vorstadt von Saalfeld genannt.
Zu einer Zeit geschah es, daß in einem der Reichmannsdorfer Schachte eine so große Stufe gediegenen Goldes gefunden wurde, daß sie viertausend Gulden geschätzt wurde. Das Mineral hatte im Bruch die Form eines Sessels bekommen, und da gerade zu jener Zeit ein Sachsenherzog kam, das reiche Gewerk zu beschauen, so legte man die Stufe auf ein mit Stricken befestigtes Brett, und darauf fuhr nun, von einem Knappen begleitet, der Herzog in den Schacht. Er kehrte befriedigt zurück und lohnte seinem jungen Geleitsmann mit einer Handvoll Dukaten. Der junge Gesell ließ bald darauf das Geld sehen und that sich gütlich beim Kirmsentanz, und da kam er in den Verdacht, daß er Erze gestohlen habe, ward auch sofort auf heimliche Anklage eingezogen, und mußte auf der Folter den Diebstahl eingestehen, den er doch nicht begangen hatte. Nach der Art jener Zeit, Diebe nicht jahrelang in Gewahrsam und liebevoller Verpflegung zu halten, vielmehr kurzen Prozeß mit ihnen zu machen, wurde der unschuldige Knappe auf den Richtplatz geführt, um dort an den Galgen gehenkt zu werden. Vergebens flehte seine arme alte Mutter für sein Leben, vergebens beschwur sie und er selbst seine Unschuld, und daß jenes Geld ein Geschenk des gütigen Herzogs gewesen. Der Arme mußte henken. Da erfaßte Verzweiflung die alte Mutter, sie taumelte vom Richtplatz, sie wankte auf die reichste Grube zu, in welche der Sohn mit dem Herzog gefahren war, sie umwandelte diese dreimal, und sprach in der Hölle Namen schreckliche Zauberflüche aus. Dann ergriff sie ein Gefäß voll Mohnsamen, das sie mit sich führte, und schrie: verflucht sei dieses Bergwerk um meines unschuldigen Sohnes Willen! So viele Körnlein Mohnes hier niederrieseln in die Tiefe, so viele Jahre lang finde man kein Körnlein Goldes wieder! – Und als sie so gerufen hatte, stürzte sie sich, den Zauber zu vollenden, und den unterirdischen Geistern für die Erfüllung ihres Fluches ein lebendes Opfer dar/zubringen, in den tiefen Schacht. Wie sie unten zerschellte, durchdröhnte ein unterirdischer Wetterschlag das ganze Gebirge, der Hauptschacht stürzte zusammen, wilde Wasser ersäuften ihn, und der bei weitem größte Theil des Rechmannsdorfer Bergsegens hatte ein Ende, und mit ihm verschwand auch die Prachtliebe und der Glanz der Ortsbewohner. – Auf ähnliche Weise ist auch zu Schleitz im Voigtlande ein reicher Schacht von einer alten Hexe verflucht worden. (S. 158/9)

DSB Nr. 540: Das Beil im Kopfe
Ein Bauer aus einem Walddorfe der Saalfelder Gegend fuhr zu Holze in den Zwölften, wo die Geister in Feldern und Wäldern häufig umfahren. Da kam ihm in einem engen Hohlweg die wilde Jagdfrau entgegen, auf einem Wagen, den zwei Katzen zogen. Der Bauer konnte nicht ausweichen oder wollte/ nicht, und hub an, gräulich zu fluchen. Da hub aber die Frau Bertha ihr Beil auf, und schlug es mit einem mächtigen Hiebe dem Bauer handtief mitten in der Stirn in den Schädel und fuhr brausend mit ihrem Gespann über seinen Kopf und seinen Wagen hinweg. Der mächtige Schlag hatte den Bauer betäubt, und er hatte gemeint, es wäre sein letztes, doch als er zur Besinnung kam, fand er sich heil und unverletzt, aber – mitten in seinem Kopf stak sammt dem Stiel, wie in das Fleisch gewachsen, die Spaltaxt der Frau Bertha, und war nicht zum wanken und weichen zu bringen. So kam der Bauer in sein Dorf zurück, trug zu Jedermanns Verwunderung die Axt im Kopf, und mußte sich daheim halten.,oder beständig eine hohe Mütze tragen, denn kein Bader und Feldscheer war im Stande, ihm die Axt aus dem Kopfe zu bringen. Doch konnte er seiner Arbeit warten. So geschah es, daß jener Bauer, der nun schon ein Jahr so gestraft war, eines Tages wieder zu Holze fuhr, und da begegnete ihm wieder die Jagdfrau, ganz wie das vorige Mal. Da war er aber geschwind mit ausweichen, und trieb sein Vieh zurück, und gab der Frau Bertha Raum. Da dankte das Waldweib gar freundlich, und strich ihm mit der Hand über die Stirne, und weg war die Bertha. Da fiel das Beil dem Bauer aus der Stirne in die Hand, und am Kopf sah und fühlte er keine Spur einer Wunde oder Schmarre, als er aber das Beil recht betrachtete und betrachten ließ, fand sich, daß es von lauterem Golde war. (S. 459-460)

DSB Nr. 541: Halbpart auf der Hohenwart
Ein Anwohner des Sorbitzbaches wanderte des Nachts von der Hohenwart – am Saalufer bei Kaulsdorf – herunter dem Valleidathale zu. Das wilde Heer war gerade zur Jagd auf dem hohen Waldrücken ausgezogen, und aufgescheucht flohen die Waldweibchen und grauen Moosmännchen vor ihren Verfolgern her. Der Wanderer horchte dem furchtbaren Getöse zu, sah bei Mondenschein das tolle Treiben mit an, bis ihn vor Grausen selbst toller Muth ergriff, so daß er aufschrie:

Hussa! Hussa! Halbpart
Mir hier auf der Hohenwart! –

 Hussa! – erging die Antwort darauf, und am Morgen lag ihm das ganze Haus voll Geflügel, dem insgesammt die Hälse umgedreht und die Beine ausgerupft waren, und Wildpret wie es der Mann theilweise noch niemals gesehen, Wichteln und Wachteln durcheinander, und an den Thürpfosten hingen Viertel von Waldweibchen und Moosmännchen, die stanken über alle Maaßen. (S. 460)

DSB Nr. 542: Hünschchen
Auf der Haide, wo der Culm ragt, der in den Heidenzeiten oft Feuer ausgestrahlt haben soll, und wo die Hangeeiche steht, liebt der wilde Jäger oft zu hetzen und die Moosleute zu jagen. Einstmals hörte ihn ein Bauer aus Arnsgereuth, der that auch seinen Jagdjauchzer, wie der Sorbitzbächler, und gerieth ihm ebenso wohl, doch nicht ganz so reichlich, das machte, weil er nur in die/ wilde Jagd hinein juhut hatte, und nicht gleich halbpart begehrt. Er wurde der glückliche Finder eines Mossweibchenviertels, das vor Fäulniß schon ganz grün war, das war an seiner Hausthüre aufgehängt, an den Haken, daran er, wenn er schlachtete, sein Kalb oder sein Schwein aufzuhängen pflegte. Voll Entsetzen lief der Bauer zu seinem Gutsherrn, und fragte den um Rath, der sagte, er möchte das Fleisch ja nicht anrühren, solle es nur hangen lassen. Solches that das Bäuerlein, und da kam das übelstinkende Viertel wieder hinweg. Der hat nicht wieder mitgeschrieen.
Auf der Kegelbahn in Preilipp, wo man die Saale weithin überschauen kann, waren Sonntags die jungen Bursche des Dorfes versammelt bis in die sinkende Nacht hinein und machten sich lustig. Auf einmal erblickten sie den wilden Jäger, wie er ohne Kopf über der Saale drüben hinritt. – Wartet, dem muß ich eins anhängen, – rief ein vorlauter Bursche – ich weiß, wie man ihn recht ärgern kann! – Vergebens gaben ihm die andern gute Worte, er solle doch ja stille sein; er trat vor und rief laut:

Hünschchen, Hünschchen
Hast schöne rothe Strümpfchen! –

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da plätscherte es durch die Saale, und der wilde Jäger rückte an. Eiligst ergriffen die Bursche die Flucht und sprangen in das erste beste Haus hinein, worin sie sich verschlossen und verriegelten. Sie waren kaum hinein, da hielt der wilde Jäger auch schon vor der Thüre und pochte und tobte gräulich, und als beim anbrechenden Morgenlichte das junge, geängstet gewesene Volk heraus trat, lag ein Stück rohes Fleisch vor der Hausthüre, das einen fürchterlichen Gestank verbreitete. Das Schlimmste bei der Sache war, so oft auch das Stinkende Fleisch weggeschafft wurde, es kam ein- und allemal von selber wieder, bis zum nächsten Sonnabend Abend, da verschwand es. (S. 460/1)

DSB Nr. 558: Der Stammname Reuß
Das Reußenland, wie das Voigtland auch nicht selten genannt wird, soll den Namen von einem wendischen Volksstamme „Ruzzen“ erhalten haben, ein Gleichklang mit Russen, wie im russischen Kaisertitel der Selbstherrscher aller Reußen wieder an die deutsche Provinz erinnert. Die Sage verschmäht die etymologisierende Ableitung des Landesnamens, und erzählt: da Kaiser Friedrich II. die große Heerfahrt gen Palästina that, an der Landgraf Ludwig von Thüringen und so viele Grafen und Herren dieser Lande Theil nahmen, so ritten auch ein Voigt von Plauen, Herr zu Gera, und jener durch seine nachherige Doppelehe bekannte Graf von Gleichen mit. Als nun in der Schlacht vor Ptolomais der letztere von den Sarazenen gefangen wurde, widerfuhr dem Voigt von Plauen ein gleiches trübes Loos; er wurde von den Heiden einem moskowitischen Kaufmann als Sklave verkauft, und von diesem in dessen Heimath geführt. Dort diente nun der deutsche Graf als leibeigener Knecht, und als die Russen von den Tartaren mit Krieg überzogen wurden, that er sich im Kampfe mannlich (= männlich, tapfer, sk) hervor, gerieth aber zum zweitenmal in die Gefangenschaft. Ein Tartarenfürst, Namens Heccata, ward sein neuer Gebieter, und da die siegreichen und mächtigen Horden dieser wilden Völkerschaft herausbrachen in das deutsche Land und schon bis Schlesien vorgedrungen waren, befand sich auch der ehemalige Voigt von Plauen mit im Zuge, und ersahe eine gute Gelegenheit, zu entrinnen. Er kam wieder zu seinem Land und Volke, ordnete seine Angelegenheiten, zog dann an den Kaiserhof und that sich hervor durch ritterliches Gebahren in Schimpf und Ernst. Weil er aber dabei häufig sich in russischer Tracht sehen ließ, auch die Sprache der Moskowiter wohl zu reden verstand, und manche Sitte derselben angenommen, so nannte man ihn den langen Russen oder Reußen, und so ist auch sein Name in den alten Dokumenten Ruzzo, Rüzzo geschrieben zu finden. Von ihm ging dann der Beiname Reuß als Familien- wie als Regentenname auf alle Linien der Voigte über und verdrängte in spätern Zeiten den letztern ganz. (S. 473)

DSB Nr. 562: Der Dockenteich
Eine halbe Stunde nordwestlich von Merkendorf (bei Auma), bei der Aumamühle, liegt ein Teich, der Dockenteich genannt; vor langer Zeit sollen in ihm ein Vater und zwei wunderliebliche Töchter gehaust haben, deren Zartheit und Anmuth die Leute nicht besser zu bezeichnen wußten, als daß sie die Schwestern, welche ihnen sonst unbekannt waren, mit dem Namen der Docken (= Puppen, sk) bezeichneten. Diese Mädchen theilten auch mit Erdentöchtern die Schwachheit, Freundinnen vom Tanze zu sein, ließen sich daher oft herab, nach Merkendorf und Piesigitz zu kommen. Natürlich fanden sie bald Anbeter, und diese unterließen nicht, sie nach Hause zu geleiten; an dem Teiche angekommen, fanden sie eine Art Thür, hinter welcher Stufen hinabführten, auf denen sie bald zu einer bequemen und geräumigen Wohnung gelangten. Doch versteckten die Mädchen ihre Begleiter sorgfältig hinter der Hausthür, indem sie äußerten, ihr Vater, der alte Nix, müßte erst zur Ruhe und könnte keine Christen reichen (riechen). Hier hatten sie Gelegenheit, mit Zittern ein Gespräch zwischen den Töchtern und dem Vater zu belauschen, worin ersterer äußerte, entweder seid ihr bei Christen gewesen oder ihr habt Christen bei euch; indem sie ersteres bejahten, wurde der Vater ruhiger. Diesen Docken war von dem Vater sehr streng anbefohlen, Abends 10 Uhr nach Hause zu kommen, indem er drohte, sie sonst umzubringen. Absichtlich hielten sie einst die Merkendorfer Bursche länger zurück und begleiteten sie dann. Bei dem längern Ausbleiben der Bursche sagten die Merkendorfer Jungfrauen ahnungsvoll zu der Jugend: morgen früh sollten sie nur hinten nach dem Teich sehen; wäre das Wasser des Teiches roth, so wären sie ermordet. Früh war wirklich der Teich blutroth und von den Burschen und Mädchen sah man niemals etwas wieder. (S. 475)

DSB Nr. 583: Das Gleichen'sche Doppelbette
Auf der Wegmitte zwischen Stadtilm und Rudolstadt liegt das Dorf Ehrenstein, daselbst ist noch eine Burgtrümmer gleiches Namens vorhanden, das war ein Schloß, welches den Grafen von Gleichen zugehörte, und der Mittelpunkt der kleinen Herrschaft Ehrenstein, die durch Heirath von den Grafen von Schwarzburg an das gräfliche Haus Gleichen, und nach deren Absterben wieder an Schwarzburg-Rudolstadt kam. Die Burg war ein stattlich Gebäu mit Ringmauern und Thürmen, nicht unähnlich der Ehrenburg über Plaue. Davon geht seit lange die Sage, daß es jener Sarazenin, die Graf Ernst von Gleichen im Morgenlande aus den Sklavenketten befreite, und die er als seine zweite Gemahlin der/ noch lebenden ersten im Freudenthale zuführte, zum Witthum verschrieben worden sei. Dort hielt sich oft jener Graf von Gleichen auf, und man zeigt noch oder zeigte doch sonst ein altes geräumiges Himmelbett mit verblichener Malerei und Vergoldung, darin jener Graf in der Mitte seiner beiden Frauen geschlafen haben soll. (S. 489/90)

DSB Nr. 584: Schloß Kran(n)ichfelder Wahrzeichen
Auf dem Krannichfelder Oberschlosse saßen einst zwei Brüder, Wolfer und Lütger geheißen, die geriethen miteinander in Streit, und darüber beschlossen sie, sich zu trennen und ihr gemeinschaftliches Besitzthum und die Herrschaft Krannichfeld zu theilen. Ich baue mir selbst eine neue Burg! – sprach Lutger und deutete auf den Berg hinüber, darauf hernach Niederkrannichfeld sich erhob, deß lachte Wolfer und sprach: wenn du da hinüber baust, will ich mir dieß und das thun, was keiner kann und thut! – darauf sagte Lütger: topp, ein Ritter hält sein Wort! – und verließ seinen Bruder. Darauf hat er den Bau der Niederburg begonnen und ihn groß und stattlich aufgeführt, und ist dem Wolfer sehr bange geworden, hat sich lösen wollen mit großem Gut und Gelde, aber Lütger hat das mit nichten angenommen, vielmehr darauf bestanden, daß Wolfer dasjenige thue, dessen er sich verheißen. Und hat dieser solches auch gethan, aber darüber sich das Rückgrath zerbrochen, und so fiel die Oberburg auch wieder an Lütger, der zum Wahrzeichen seines Bruders Gestalt in der übeln und nicht schönen Stellung an einem Erker der Burg anbringen ließ, das noch heute zu sehen ist.
Ein gleiches Bild ist in Arnstadt in der Liebfrauenkirche an einem Chorpfeiler zu erblicken und wird davon erzählt, daß eine fromme Gräfin von Schwarzburg diese Kirche erbaut, deren Mittel zum Bau nicht auszureichen schienen, da habe der Baumeister sich das gleiche zu thun vermessen, was jener Dynast von Krannichfeld gethan, und als die Gräfin ihren letzten Heller ausgegeben, war auch der Kirchenbau vollendet, und der Baumeister mußte sich bequemen, das Allerunbequemste zu thun. (S. 490)

DSB Nr. 586: Der Jungfernsprung und die Böhlersmännchen
Bei Arnstadt ist eine enge und tiefe Thalrinne, das Jonasthal; warum es diesen Namen führt, weiß Niemand … In der Tiefe dieses Thales … ist ein Felsloch, das Böhlersloch genannt, darinnen wohnen Zwerge, die Böhlersmännchen genannt, gutartig und boshaft, nach der viel geschilderten Tückebolde Art. Sie gleichen den Nievelmännchen und Ouwelmännchen, von denen man zu Limburg an der Maas erzählt. Es ist in dieser Thalrinne, die noch höher hinauf nach Espenfeld zu das Götzenthal heißt, gar nicht geheuer; nächtlichen Wanderern hocken sich Gespenster auf den Rücken, und lassen sich eine gute Strecke huckepack tragen. Das ist schon manchem geschehen, der spät von Schönbrunnen, allwo es gutes Waizenbier zu trinken giebt, jenen Weg ging.
An vielen andern Orten in Thüringen giebt es noch Zwerghöhlen, und werden da und dort Wichtleinslöcher und Wichtleinshöhlen genannt. So bei Buffart an der Ilm, bei Salzmünde, bei Meiningen, bei Dillstädt und Wichtshausen, und geht an manchen Orten die Sage, daß zur Zeit der Hunneneinfälle die Menschen sich vor den schrecklichen Heunen gleich als kleine furchtsame Wichtlein in diese Löcher verkrochen. (S. 491)

DSB Nr. 588: Kinderzüge und Kindertanz
Zu einer Zeit (1212) kam unter die Kinder in Thüringen und auch im übrigen Deutschland, wie in Frankreich, gar ein sonderer (= besonderer, spezieller, sk) Trieb und eine wunderbare Phantasei [sic], sich zusammenzuschaaren und hinwegzuziehen, das heilige Grab zu gewinnen.
Die Sage geht, daß ein fremder schöner Knabe durch die Gaue gewandelt, und das Kreuzfahrerlied gesungen habe, da seien ihm alle Kinder schaarenweise gefolgt, mit unwiderstehlichem Triebe, da weder Worte, noch Schläge, noch Bande sie abhielten, und sollen aus Deutschland zwanzigtausend, aus Frankreich aber dreißigtausend Knaben so fortgewandert sein; kamen aber auf ihrem Wege über die Alpen in unwegsamen Gebirgen um, und jene, die das Meer erreichten, durch schreckliche Seestürme, und hat ihrer keiner die Heimath wieder gesehen.
Wie dieser Zug im Großen, ist auch einer im Jahre 1237 im Kleinen geschehen, doch war derselbe wieder anderer Art und Ausganges, gab aber Zeugniß, wie ein unbekanntes Etwas die Menge allgewaltig ergreifen und fortreißen kann, ohne daß sie sich Rechenschaft zu geben weiß von ihrem oft ganz wahnvollen Thun.
Es kam am 15. des Brachmonats im genannten Jahre unter die Kinder in der Stadt Erfurt eine sonderbare Tanzlust, sie sammelten sich zu einer Schaar von mehr als eintausend und machten einen Tanz, Hände in Hände, in großen Ketten, vom Löberthor zu Erfurt hinauf auf den Steigerwald, bis zum Dorfe Waltersleben, und von da nach Eischleben, von Eischleben nach Ichterhausen und über Rudisleben nach Arnstadt, eine Wegstrecke von vier guten Stunden immer tanzend, singend und springend guter Dinge und hingerissen, bis sie am Abend todmüde in Anrstadt ankamen. Die Bürger von Arnstadt verwunderten sich gar sehr, wo nur die vielen Kinder auf einmal herkämen, und nahmen sie auf, und die Bürger in Erfurt wußten nicht, wo ihre Kinder hin waren, und/ war eine überaus große Bestürzung in der Stadt, da fast in jedem Hause Kinder fehlten, die dauerte die ganze Nacht hindurch, bis endlich am frühen Morgen Botschaft von Arnstadt kam. Da haben die Erfurter viele Wagen genommen und sind hinüber nach Arnstadt gefahren, und haben diesen Bürgern gar herzlich gedankt für die Gastfreundschaft, so sie ihren Kindern erwiesen, und haben die Kinder wieder mit sich nach Hause genommen. Die Kinder aber haben alle nicht sagen können, wer ihnen geheißen, diesen weiten Weg tanzend zurückzulegen – es wäre ihnen so angekommen, und sie wären wohl noch weiter gegangen, wenn sie nicht müde und hungrig geworden. Aber viele dieser Kinder starben bald darauf, und die Mehrzahl der übrigen blieb bis zum Tode mit einem anhaltenden Zittern behaftet. Ihr Tanz war ein Verhängniß. (S. 492/3)

DSB Nr. 589: Der Graf von Gleichen
Das Geschlecht der Grafen von Gleichen hat seinen Ursprung hoch hinauf[1] in der Zeiten Frühe verlegt, doch stimmen die Stammsagen darin überein, daß zuerst zwei Brüder, Edle zu Rom, ihre Heimath Italien verlassen, und in der Nähe von Göttingen jene zwei Burgen erbaut und bewohnt, die man noch/ heute die Gleichenschen Burgen nennt. Darauf sollen aber sie selbst oder ihre nächsten Nachkommen von dort hinweggezogen, oder vertrieben worden seyn, und in Thüringen die drei Burgen erbaut haben, welche man die drei Gleichen nennt. Diese Burgen liegen in einem Dreieck zwischen den drei Städten Erfurt, Gotha und Arnstadt, zwei sind Trümmern, die eine das ist die eigentliche Burg Gleichen, genannt das Wandersleber Schloß, die andere war Schloß Mühlberg. Die dritte, die höchste und festeste, ist die Wachsenburg benannt, und noch immer bewohnt. Die Grafen von Gleichen hatten viel Landes inne in Thüringen, Westphalen und auf dem Eichsfelde. Wittekind, der schwarze Ritter, soll nicht ein Verwandter des großen Wittekind gewesen sein, sondern der Enkel Ernst’s, des Stammvaters der Grafen von Gleichen, und soll zwei Söhne gehabt haben, Ludwig und Karl, und dieser Ludwig soll Schloß Gleichen in Thüringen zuerst erbaut haben. Einer des edlen Geschlechts hieß Siegmund, der bekriegte im Bündniß mit den Grafen von Käfernburg und denen von Arnstadt die Stadt Erfurt und that ihr merklichen Schaden, so daß sie ihn den Thüringer Teufel nannten.

Da Kaiser Friedrich II. einen Kreuzzug begann, an welchem Landgraf Ludwig von Thüringen Theil nahm mit den meisten seiner Vasallen, zog auch Graf Ernst III. von Gleichen mit hinweg und stritt tapfer gegen die Heiden. Der Landgraf war gestorben, der Kaiser schloß zu Akkon Waffenstillstand mit dem Sultan, und kehrte zurück, ließ aber den Grafen von Gleichen und Andere zum Schutze Akkons zurück. Auf einem Ritt in die Wüste wurde der Graf gefangen genommen und in schwerer Dienstbarkeit als ein Sklave gehalten. Endlich, da er als ein Gärtner arbeitete, nahm die schöne Tochter des Sultans seiner wahr und gewann ihn lieb, auch entdeckte seiner mitgefangenen Diener einer ihr seinen Stand. Da bot sie ihm Befreiung, sich selbst und alle ihre Schätze an, wenn er sie zum eheligen Weibe nehmen und mit ihr entfliehen wolle. Nun hatte aber Graf Ernst von Gleichen daheim bereits eine Gemahlin und zwei Kinder, doch dünkte dieses der sarazenischen Jungfrau kein Hinderniß. Da nun der Graf erwog, daß ohne Benutzung des Erbietens der Sultanstochter er die Freiheit nie erlange, und für seine Gemahlin und seine Kinder todt und verloren bleiben werde, so hoffte er, der Papst werde ihm die zweite Ehe einzugehen bewilligen, zumal da die schöne Heidin gern bereit war, dem Grafen zu Liebe eine Christin zu werden. Die Flucht gelang, die Sarazenin nahm große Schätze mit sich fort, und glücklich kamen die Liebenden und ihr Gefolge in Italien an, zogen gen Rom, und nachdem die Sultanstochter getauft war, wurde sie dem Grafen als rechte Gemahlin angetraut. Hierauf setzten sie ihre Reise nach Thüringen fort, und der Graf eilte voraus zu seiner Gemahlin, die den Todtgeglaubten freudiglich empfing, und entdeckte ihr alles. Sie segnete dankbar die Fremde, die ihr den Gemahl, ihren Kindern den Vater zurückbrachte, und verhieß, sie als eine Schwester zu lieben. Darauf zogen sie der Nahenden entgegen, empfingen sie unten am Fuße der Burg gar herrlich, und nannten diese Stätte das Freudenthal,/ welchen Namen sie behalten hat bis auf den heutigen Tag. Einträchtiglich und liebevoll lebten die drei Verbundenen beisammen, doch gewann die Sarazenin keine Kinder. Viele Wahrzeichen dieser Begebenheit im eigentlichsten Wortsinn gab es und giebt es noch; auf Burg Gleichen über Wandersleben wurde bis in das zweite Jahrzehent dieses Jahrhunderts die dreischläfrige Ehebettstelle gezeigt, wichtiger als diese ist der im Dome zu Erfurt noch vorhandene Grabstein, auf welchem der Graf zwischen seinen beiden Gemahlinnen dargestellt ist, und ist die Tracht völlig übereinstimmend mit jener der Zeit des Kreuzzugs Kaiser Friedrich II.; ebenso ist diese Tracht beider Frauen deutsch. Man zeigt noch dort die Gebeine, insonderheit die Schädel der drei Vereinten. Von Burg Gleichen herab in das Freudenthal führte ein gepflasterter Weg, der Türkin Weg, weil alles was aus dem Morgenlande kam, der damaligen Zeit türkisch hieß. Im Gleichenschen Schlosse zu Tonna ward der Türkenbund der Sarazenin (der auf dem Grabstein nicht zu erkennen, da tragen beide Frauen rothe goldverzierte Kronenreife) – und ein goldnes Kreuz gezeigt, auf dem zu Farnrode ein Teppich, dessen Bildwerk die Erzählung vorstellte, zu Ohrdruff in einer Kirche ein Schnitzwerk, im Schlosse daselbst, wie zu Schloß Pyrmont, auf Burg Ehrenstein, und auf dem Vorwerk Werningsrode bei Emleben überall ein dreischläfriges Bette.


[1] Bechsteins Zeit benutzt bei solchen Angaben eine dem modernen Sprachgebrauch entgegengesetzte Bildlichkeit: hinauf (nicht hinunter) in frühere Epochen. (S. 497-499)

DSB Nr. 590: Des Grafen Sprüchwort
Einst lebte ein Graf zu Schwarzburg, Heinrich der Siebente geheißen, der führte ein häßlich Sprüchwort im Munde, wenn er sich etwas hohen vermaß, und sprach: thue ich das, so müsse ich im Abtritt ersaufen. Und da hat es sich zugetragen, daß dieser Graf, ein mannlicher Herr, der vielen Reichstagen und Turnieren beiwohnte, im Jahr 1186 mit Kaiser Heinrich VI. auf dem Reichstag zu Erfurt war, wohin auch Landgraf Ludwig von Thüringen und Erzbischof Conrad von Mainz kamen, die lange Zeit mit einander gestritten und sich gegenseitig ihre Länder verheert hatten. Da wurde geteidingt (= verhandelt, zu Gericht gesessen, sk) und Frieden gemacht zwischen diesen beiden im Beisein des Kaisers und vieler edlen Fürsten, Grafen und Herren in einem Saale des St. Peterskloster [sic], und da der Boden dieses Saales alt und morsch war, so brach er plötzlich zusammen von der Last so vieler Personen. Unten aber war ein Cloak, darin aller Unrath aus den heimlichen Gemächern (= den Toiletten, sk) zusammenfloß, dahinein stürzten und erstickten elendiglich der Graf Heinrich von Schwarzburg und Friedrich Graf von Arnsberg; auch fanden noch/ ihren Tod Gosmar Graf von Hessen, Gottfried Graf von Ziegenhain, Burggraf Friedrich von Kirchberg, Beringer von Meldingen und Andere. Der Kaiser und der Bischof hatten im Gespräch in einer Fensternische gestanden, hielten sich fest am Eisengitter, und wurden gerettet. Der Thüringer Landgraf theilte den Unglückssturz, doch kam er davon ohne Verletzung. So erfüllte sich auf eine gar traurige Weise der Schwur des Schwarzburgers. (S. 493/4)

DSB Nr. 595: Sibyllenthürmchen (Bild: aus Bechsteins Wanderungen durch Thüringen, 1838)
Unter der Veste Cyriaksburg nahe bei Erfurt, links an der alten Fahrstraße nach Gotha, steht ein großer steinerner Bildstock mit altgothischer Zier und erhabener Steinhauerarbeit, der wird das Sibyllenthürmchen genannt. Mehr als eine Sage wird davon erzählt, doch ist die nachstehende die am meisten bekannte. Es war ein junger Graf von Gleichen, der liebte eine junge Gräfin von Käfernburg und der Tag ihrer Verbindung war schon anberaumt und nahe. Sehnsuchtvoll erwartete ihn sein Lieb, allein er kam nicht. In Begleitung von zwei Knapen war er von seiner Burg herein nach Erfurt geritten, allda Schmuck für seine Braut zu kaufen; ein ihm feindlich gesinnter Schnapphahn aus der Gegend hatte davon Kundschaft erhalten, lauerte dem Grafen mit einigen Mordgesellen/ unten am Fuße der Cyriaksburg, an deren Stelle damals ein Nonnenkloster stand, auf und erschlug nach kurzem Kampfe den jungen Grafen sammt den beiden Knappen. Da ward groß Trauern und Herzeleid bei der Braut auf der Käfernburg; sie verließ ihre Burg und ihr Erbe, ließ dem Geliebten, der an jener Stelle mit seinen Begleitern begraben ward, ein Kreuz setzen, und auch auf jedes Knappengrab ein Kreuz und daneben den großen und hohen Bildstock errichten, nahm den Nonnenschleier im Kloster St. Cyriaki auf dem Berge, und ging alltäglich herab zu dem Bildstock, der ihren Namen bis auf die gegenwärtige Zeit brachte, um am Grabe ihres Liebsten zu beten, bis der Tod sie von ihrem stillen Gram erlöste. (S. 496/7)

DSB Nr. 598: Der Graf von Gleichen (Bild: aus Bechsteins Wanderungen durch Thüringen, 1838)
Das Geschlecht der Grafen von Gleichen hat seinen Ursprung hoch hinauf in der Zeiten Frühe verlegt, doch stimmen die Stammsagen desselben darin überein, daß zuerst zwei Brüder, Edle zu Rom, ihre Heimath Italien verlassen, und in der Nähe von Göttingen jene zwei Burgen erbaut und bewohnt, die man noch/ heute die Gleichenschen Burgen nennt. Darauf sollen aber sie selbst oder ihre nächsten Nachkommen von dort hinweggezogen, oder vertrieben worden sein, und in Thüringen die drei Burgen erbaut haben, welche man die drei Gleichen nennt. Diese Burgen liegen in einem Dreieck zwischen den drei Städten Erfurt, Gotha und Arnstadt, zwei sind Trümmern, die eine das ist die eigentliche Burg Gleichen, genannt das Wandersleber Schloß, die andere war Schloß Mühlberg. Die dritte, die höchste und festeste, ist die Wachsenburg benannt, und noch immer bewohnt. Die Grafen von Gleichen hatten viel Landes inne in Thüringen, Westphalen und auf dem Eichsfelde. Wittekind, der schwarze Ritter, soll nicht ein Verwandter des großen Wittekind gewesen sein, sondern der Enkel Ernst's, des Stammvaters der Grafen von Gleichen, und soll zwei Söhne gehabt haben, Ludwig und Karl, und dieser Ludwig soll Schloß Gleichen in Thüringen zuerst erbaut haben. Einer des edlen Geschlechts hieß Siegmund, der bekriegte im Bündniß mit den Grafen von Käfernburg und denen von Arnstadt die Stadt Erfurt und that ihr merklichen Schaden, so daß sie ihn den Thüringer Teufel nannten.
Da Kaiser Friedrich II. einen Kreuzzug begann, an welchem Landgraf Ludwig von Thüringen Theil nahm mit den meisten seiner Vasallen, zog auch Graf Ernst III. von Gleichen mit hinweg und stritt tapfer gegen die Heiden. Der Landgraf war gestorben, der Kaiser schloß zu Akkon Waffenstillstand mit dem Sultan, und kehrte zurück, ließ aber den Grafen von Gleichen und Andere zum Schutze Akkons zurück. Auf einem Ritt in die Wüste wurde der Graf gefangen genommen und in schwerer Dienstbarkeit als ein Sklave gehalten. Endlich, da er als ein Gärtner arbeitete, nahm die schöne Tochter des Sultans seiner wahr und gewann ihn lieb, auch entdeckte seiner mitgefangenen Diener einer ihr seinen Stand. Da bot sie ihm Befreiung, sich selbst und alle ihre Schätze an, wenn er sie zum ehelichen Weibe nehmen und mit ihr entfliehen wolle. Nun hatte aber Graf Ernst von Gleichen daheim bereits eine Gemahlin und zwei Kinder, doch dünkte dieses der sarazenischen Jungfrau kein Hinderniß. Da nun der Graf erwog, daß ohne Benutzung des Erbietens der Sultanstochter er die Freiheit nie erlangen, und für seine Gemahlin und seine Kinder todt und verloren bleiben werde, so hoffte er, der Papst werde ihm die zweite Ehe einzugehen bewilligen, zumal da die schöne Heidin gern bereit war, dem Grafen zu Liebe eine Christin zu werden. Die Flucht gelang, die Sarazenin nahm große Schätze mit sich fort, und glücklich kamen die Liebenden und ihr Gefolge in Italien an, zogen gen Rom, und nachdem die Sultanstochter getauft war, wurde sie dem Grafen als rechte Gemahlin angetraut. Hierauf setzten sie ihre Reise nach Thüringen fort, und der Graf eilte voraus zu seiner Gemahlin, die den Todtgeglaubten freudiglich empfing, und entdeckte ihr alles. Sie segnete dankbar die Fremde, die ihr den Gemahl, ihren Kindern den Vater zurückbrachte, und verhieß, sie als eine Schwester zu lieben. Darauf zogen sie der Nahenden entgegen, empfingen sie unten am Fuße der Burg gar herrlich, und nannten diese Stätte das Freudenthal,/ welchen Namen sie behalten hat bis auf den heutigen Tag. Einträchtiglich und liebevoll lebten die drei Verbundenen beisammen, doch gewann die Sarazenin keine Kinder. Viele Wahrzeichen dieser Begebenheit im eigentlichsten Wortsinn gab es und giebt es noch; auf Burg Gleichen über Wandersleben wurde bis in das zweite Jahrzehent dieses Jahrhunderts die dreischläferige Ehebettstelle gezeigt, wichtiger als diese ist der im Dome zu Erfurt noch vorhandene Grabstein, auf welchem der Graf zwischen seinen beiden Gemahlinnen dargestellt ist, und ist die Tracht völlig übereinstimmend mit jener der Zeit des Kreuzzugs Kaiser Friedrich II.; ebenso ist diese Tracht beider Frauen deutsch. Man zeigt noch dort die Gebeine, insonderheit die Schädel der drei Vereinten. Von Burg Gleichen herab in das Freudenthal führte ein gepflasterter Weg, der Türkin Weg, weil alles was aus dem Morgenlande kam, der damaligen Zeit türkisch hieß. Im Gleichenschen Schlosse zu Tonna ward der Türkenbund der Sarazenin (der auf dem Grabstein nicht zu erkennen, da tragen beide Frauen rothe goldverzierte Kronenreife) – und ein goldnes Kreuz gezeigt, auf dem zu Farnrode ein Teppich, dessen Bildwerk die Erzählung vorstellte, zu Ohrdruff in einer Kirche ein Schnitzwerk, im Schlosse daselbst, wie zu Schloß Pyrmont, auf Burg Ehrenstein, und auf dem Vorwerk Werningsrode bei Emleben überall ein dreischläfriges Bette. (S. 497-499)

DSB Nr. 599: Der Mordgarten
Unter der Burg Gleichen beim Freudenthale liegt ein vormals von alten Bäumen umschatteter Platz, der wird der Mordgarten genannt; er war ein Ort der Zweikämpfe. Es ist nun weit über hundert Jahre hher, daß zwei junge Männer zugleich eine schöne Arnstädterin liebten, die nur einen von ihnen begünstigte. Der verschmähte Nebenbuhler suchte Händel mit dem Beglückten, die sich beim Spiele leicht fanden; man forderte sich und schlug sich im Mordgarten auf Pistolen. Die Geliebte sandte ahnungsvoll oder ahnungslos am Morgen des Kampftages ihrem Liebsten das übliche Brauthemde – es wurde sein Todtenhemd, er wurde darin begraben, denn er fiel auf den ersten Schuß. Darauf hat die Jungfrau ihrem Freund im Freudenthale, das ihr ein Jammerthal ward, gleich jener Käfernburgerin Sibylle, ein Kreuz an der Stätte errichten lassen, an welcher er um sie den Tod empfangen. Dieß alte Kreuz mag wohl noch stehen; im Jahre 1820 stand es noch und wurde darauf gelesen der Name und die folgende Schrift:

HERR
CHRISTIAN FRIEDRICH CARL V. BOSE
wurde hier getödtet den 9. Marty
Anno 1717.
Christi Blut hat mich befreit von der Höllen
Rachen,
Mein Blut
umb Rache
schreyt,
GOTT befehl ich mein
Sachen./

Die Bäume des vormaligen sogenannten Baum- und Mordgartens sind verschwunden. Das Steinkreuz steht einsam am Saume eines unbebauten Hügels unterhalb der Burgruine, südlich von dem Freudenthale. (S. 499-500)

DSB Nr. 605: Das Schwedenglöckchen
Zu Weimar auf dem Stadtkirchthurm hängt ein altes, später aber umgegossenes Glöckchen, das hat zu zweienmalen in der Nacht um zwei Uhr plötzlich von selbst Sturm zu läuten begonnen, und das geschah das erstemal im spanischen Kriege, da der Alba in Thüringen hauste, und da hatten die Spaniolen (= Spanier, sk) einen Anschlag gemacht, die Stadt Weimar zu überfallen; da sie aber die Wächterglocke hörten, so die Bürgerschaft ins Gewehr brachte, brachen sie wieder auf und zogen von dannen. Zum zweitemale geschah es im dreißigjährigen Kriege, als die Schweden unversehens der Stadt zur Nachtzeit sich näherten, und auf dem Acker hinter der alten Burg, den man noch die Schwedenschanze nennt, andere sagen, am Ettersberge, Lager schlugen. Da trat zu dem jungen Herzogssohn Johann Ernst ein kleines weißgekleidetes Knäblein, rief den Prinzen wach und sagte ihm, es sei große Gefahr vorhanden, er solle es seinem Vater ansagen. Zugleich schlug hell vom Thurme das Glöcklein an; da wurden die Bürger wach und rüsteten sich zu guter Huth und Abwehr, denn die Schweden waren auch in Freundes Landen ein wüstes verderbliches Kriegsvolk, und hätten Weimar nicht geschont, obgleich die heldenmüthigen Brüder Wilhelm und Bernhard, Herzoge zu Sachsen-Weimar, mit dem Schwedenkönige Gustav Adolph im Bündniß, ja dessen berühmte Feldherren waren. Zum Andenken jenes Läutens, das von einem Engel geschehen sein soll, wurde hernach, wohl zwei Jahrhunderte lang, in jeder Nacht um 2 Uhr das Schwedenglöckchen eine Weile geläutet, nunmehr aber ist solches Läuten abgestellt worden, wie so mancher andere alte Brauch, vornehmlich aber an vielen Orten die dankbare Erinnerung. (S. 504)

DSB Nr. 636: Sprungsage vom Oybin
Der hohe Berg Oybin – anderthalb Stunden und was der Fuchs, der sie gemessen, noch drein gegeben, von Zittau – erhebt sich stolz und prachtvoll inmitten eines herrlichen Gebirgskranzes; in alter Zeit ward ein Jagdhaus auf ihn erbaut durch einen Ritter, Quahl von Berka, dann eine Raubburg, die ein Eigen wurde der Herren von Leippa. Dieser Burg erwieß Kaiser Karl IV. die große Ehre, sie in höchsteigner Person zu belagern und sie zu zerstören. Noch zeigt man droben das Kaiserbette und den Kaiserstuhl, zwei aussichtreiche Felsensitze, darauf Se. Majestät geruhet haben, der Zerstörung des festen Bergschlosses zuzusehen. Zugleich schien die Gelegenheit des Ortes dem frommen Herrn ganz geeignet zur Anlage eines Klosters; er gründete dieß und besetzte es mit zwölf Brüdern Cölestinermönchen, welchen der himmelnahe Aufenthalt um so mehr zusagte, als alle Ortschaften umher dem Kloster Oybin unzählige Lammsbäuche und Michelshühner zinsen mußten. Damals ward die schöne, reichgeschmückte Klosterkirche gebaut, deren eine Längenwand ganz aus dem Felsen gehauen ist. Neben ihr hin führt ein Gang zu einer Stelle über einen schauervollen Abgrund, und dieser heißt der Jungfernsprung. Hier wagte eine/ verfolgte Jungfrau den entsetzlichen Sprung in die Tiefe, und zum Lohn ihrer keuschen Tugend wurde sie wundersam gerettet. Die Sage, welche dieß erzählt, läßt ungewiß, ob ein Oybiner Cölestiner dieß arme unschuldige Lamm für ein Zinshuhn, auf das er ein Recht habe, ansah und deshalb verfolgte, oder ob ein Ritter oder aber ein Jäger so unritterlich handelte, die Unschuld in solche Todesgefahr zu bringen, wie dort am Jungfernsprung bei Arnstadt, bei dem ganz nahe auch ein Felsgipfel der Königsstuhl und etwas entfernter ein Felsen der Ritterstein heißt. (S. 527/8)

DSB Nr. 637: Die Braut vom Kynast
Auf der Burg Kynast über Hermsdorf, ohnweit Warmbrunn, saß ein Ritterfräulein, Kunigunde genannt, das war eine grimme Männerfeindin. Allen Bewerbern um ihre Hand legte sie eine Muthprobe auf, die so gefahrvoller Art war, daß deren Bestehen schier unmöglich; sie sollten auf der hohen und schmalen Burgmauer rund um die Burg reiten; wenn sie es versuchten und es ging noch so gut, sobald sie an die Stelle der Mauer kamen, die man noch heute die Hölle nennt, wo der Abgrund zu jäher Tiefe sich steil absenkt, da schwindelten Roß und Mann und stürzten zerschmetternd in die Tiefe. Das eben, und keinen Mann, wollte Kunigunde. Viele Ritter hatten schon auf diese grausame Weise ihr Leben verloren, doch hatte der Ruf davon noch nicht alle Freier abgeschreckt; angezogen von Kunigundens kalter Schönheit und vielleicht mehr noch vom kalten Mammon in ihren Kisten und Kästen mehrten sie die Zahl der bethörten Opfer. Da geschah es, daß ein Landgraf von Thüringen – einige sagen Albert, andere nennen dessen Sohn Friedrich den Freudigen, daheim auf seinem Wartburgschloß ein gefährliches Kunststück übte; er umritt die Mauer seines Schlosses täglich einmal, und gewöhnte sein treues und kluges Roß an sichern Blick und Tritt, denn hoch über Felsenabgründen hebt sich der Wartburg alter geweiheter Bau. Endlich ritt der Landgraf von Thüringen mit einem reißigen Zuge gen Schlesien, zum hohen Kynast hinan, und ließ als ein Ritter aus Thüringen sich melden. Und als Kunigunde den herrlichen Mann ersah, ward ihr wunderbar zu Sinne, ihr starres Gefühl ward weich, sie liebte den noch jugendlichen Ritter, und beschwur ihn flehendlich, den Ritt nicht zu versuchen. Allein er ließ sich nicht davon abbringen, er wagte den Ritt und bestand glückhaft das gefährliche Abenteuer. Jubelnd flog ihm Kunigunde entgegen, all ihr Sehnen war gestillt, ihm allein wollte sie angehören, gern und freudig, ihm wollte sie ein liebendes Weib sein. Aber mit Ernst und Strenge im Blick wehrte der Landgraf ihr Umfahen von sich ab, und sprach Worte zu ihr, die sie in ihres Gemüthes tiefsten Tiefen erschütterten. Darunter war die Nachricht, daß er bereits glücklich vermählt sei, ihr das härteste Wort – und wie er als der Rächer so vieler Opfer stolz von dannen ritt, da soll Fräulein Kunigunde die Mauer erklommen und ihm nachgesehen haben, so lange als ihr nur möglich, dann habe sie sich freiwillig in die/ Hölle hinabgestürzt. Andere haben die ernste Sage scherzhaft gewendet, und sagen, Kunigunde habe sich vor Schreck in das häßliche Holzbild verwandelt, das noch heute als „Braut vom Kynast" den Reisenden zum Kusse dargeboten wird, wer es aber nicht küssen will, dieweil es statt der Haare und Augenbrauen mit der Haut eines Stacheligels aufwartet, der muß sich mit kleinem Gelde lösen. – Diese Sage haben Theodor Körner, Friedrich Rückert und andere deutsche Dichter als Balladenstoff sich dienen lassen. (S. 528/9)

DSB Nr. 638: Die umirrenden Stiefel(n)
Zu Lauban in der Lausitz, sonst Lübben genannt, hat sich folgendes im dreißigjährigen Kriege zugetragen. Es kam von Görlitz her ein Regiment Butlerischer Dragoner, die waren nicht von den besten, und es ward den Bürgern vor ihnen mächtig bange, hatten auch der Drangsale in Fülle von ihnen auszustehen. Da kam ein entsetzlich langer Kerl von dieser Raubbande zu einem Schuster und verlangte ein Paar Reiterstiefeln, Kanonen, wie diese Haudegen und Eisenfresser sie trugen, fand ein schönes großes langes Paar, die ihm trefflich paßten, denn den Soldaten im dreißigjährigen Kriege ging es wie jenem Trödeljuden, der von sich sagte: „ich hab’ ’nen guten Klaiderlaib, es paßt mir allens.“ Da nun der gewaltige Kriegsheld die Stiefeln an – und dafür ein Paar ganz erbärmliche, zerrissene Stiefeln ausgezogen hatte – dem er die Sporen ab- und an die neuen Stiefeln anschnallte – fragte er, was die neuen Stiefeln kosten sollten? und da der Schuhmacher den Preis forderte, so zog jener seinen Haudegen blank, nahm den Schuster am Arm und fuchtelte ihm so viele Hiebe zählend auf, als der arme Bürger Schreckenberger[1] gefordert hatte, so daß dieser sich vor Schmerz, Angst und Schrecken nicht bergen konnte, sich endlich losriß und verwünschend rief: ei so wollte ich, daß diese Stiefeln und eure Beine in ihnen niemals Ruhe finden, ihr mögt todt oder lebendig sein! – Der Reiter lachte den Schuster in seinem ohnmächtigen Zorne aus, und stolperte mit klirrenden Schritten über das Wackersteinpflaster Laubans und verfluchte dieses Pflaster und den Berg, der dazu die Steine lieferte. Bald darauf wurde das Dragonerregiment anderwärts hin/ beordert – als aber hernachmals die Schlacht bei Lützen geschlagen ward, riß eine schwedische Stückkugel, die dem Pferde durch den Leib fuhr, demselben Dragoner beide Beine ab, und er verblutete auf dem Schlachtfeld. Und danach hat man zwei Stiefeln marschieren sehen ohne Ruh und Rast, und ohne Herrn, doch staken in ihnen zwei blutige Beinstummel, die wanderten und wanderten von Lützen nach Markranstädt und über Rippach, wo der bekannte unsterbliche Herr Hans von dort sie mit eignen Augen sah, nach Leipzig, von Leipzig nach Wurzen, Oschatz, Zehren und Meißen nach Dresden; von da ohne Rast und Ruh über Bischofwerda, Bautzen, Löbau und Reichenbach nach Görlitz, und von da endlich spornstreichs nach Lauban, und blieben auf dieser ganzen langen Wanderfahrt völlig ganz. Die Stiefeln spatzierten zum Städtlein hinein, an des Schuhmachers Haus vorbei, recht als ob er sehen solle, daß sein Wunsch in Erfüllung gegangen, wendeten von da um, und bestiegen den Steinberg, welcher der Vater des verwünschten Pflasters, und dort wanderten sie nun bald sichtbar, bald unsichtbar auf den scharfkantigen Basaltsäulen umher; man hörte sie auch trappsen; wer sie aber sichtbar sah, was nicht einem jeden wiederfuhr, und trug etwa ein Verlangen nach ihnen und wollte sie haschen, der bekam einen Tritt, und schlug auf die Wackersteine hin, daß ihm die Rippen krachten. Dem Schuster, der sie als sein Eigenthum wieder einfangen wollte, soll dieses am allerersten begegnet sein. (S. 525/6)

DSB Nr. 647: Kinder-Andacht
Wie schon im Mittelalter die Kinderzüge in Thüringen, deren schon gedacht ist (Sage Nr. 588), hervorgingen aus einem unerklärten Trieb, der plötzlich erwachte und bewog in Massen das ungewöhnliche, seltsame zu thun, so ist es auch in Schlesien in viel jüngerer Zeit geschehen, daß im Jahre 1708 eine Sucht und ein Trieb plötzlich die Kinder befiel, sich andächtig zusammen zu schaaren, und geschahe dieß in den verschiedenen Fürstenthümern, Graf- und Herrschaften des Landes an einem und demselben Tage, und zwar in noch rauher Jahreszeit, am 14. Februar. Da strömten die Kinder aus Städten und Dörfern am frühen Morgen heraus auf das freie Feld, ohne daß Jemand sie lockte, Knaben und Mägdlein, von sechs bis zu vierzehn Jahren, schlossen Kreise und wählten in jedem einen Vorsänger. Als dieses geschehen war, gab jedweder Vorsänger ein Zeichen, da haben sich die Kinder auf die Erde niedergeworfen, und sich mit dem Angesicht zum Boden gebeugt, und haben ein stilles Vaterunser gebetet. Darauf sind sie wieder aufgestanden und haben angehoben, die schönsten Lieder zu singen, unter andern: liebster Jesu wir sind hier – oder: es ist gewißlich an der Zeit – oder: nur nicht betrübt, so lang dich Jesus liebt. – Sodann hat der kleine Vorsänger auch gepredigt und gebetet, und zwar knieend, Psalmen oder Gebete, welche sich auf die Zeit schickten – dann wurde der Segen und ein Schlußlied gesungen, so wie beim Auseinandergehen die Zeit um 11 Uhr Vormittags und 3 Uhr Nachmittags zur Wiederzusammenkunft am nächsten Tage bestimmt und allen angesagt. – So fest hielt diese eifervolle Andachtsucht die Kinderherzen in Banden, daß sie sogar gegen der Aeltern Gebot und Willen davon liefen, ihre Andacht zu halten, und es mußten Zwangsmaßregeln ergriffen werden, diese wunderseltsamen freien Versammlungen zu verhindern, und die jungen Schwärmer auf die Andacht in Haus, Schule und Kirche zurückzuführen, als wohin sie gehörten. – Und erinnert das an die Wallfahrtsucht der Knaben von Schwäbisch-Hall im Jahre 1448 (Sage Nr. 879). (S. 540)

DSB Nr. 651: Die Tanzwüthigen zu Reichenbach
Die Volkskrankheit der Tanz- und Springewuth, die man im Mittelalter St. Veits- und St. Johannis-Tanz nannte, und die sich oft in entsetzlicher Weise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gegenden offenbarte – die Tänzer zu Kolbek (Kolbig) im Jahre 1021 (Sage Nr. 314), der Erfurter Kindertanz nach Arnstadt 1237 (Sage Nr. 588), Tänzer zu Utrecht 1278, die auf einer Brücke tanzten, welche brach, so daß sie alle ertranken; die Aachener Tanzfahrt 1374, die sich im ganzen Niederland verbreitete, die gleichzeitig Tanzwüthenden zu Köln und zu Metz, wo Sinnenwuth und Sinnengluth vereint schamlos walteten; die Tanzplage zu Straßburg 1418 und an andern Orten – die Adamstänzer in Böhmen (Sage Nr. 680) etc., kam noch im sechzehnten Jahrhunderte zur Erscheinung und zwar zu Reichenbach, zwei Meilen von Schweidnitz. Dort war ein Mann, des Namens Vierscherig, der hatte fünf Kinder, davon die ältesten, ein Mägdlein, Barbara mit Namen, 13 Jahre alt, ein Knäblein 9 und wieder ein Mägdlein 7 Jahre alt waren. Die wurden am Palmsonntag 1551 allzumal von der Tanzwuth erfaßt, begannen wunderlich und seltsam zu tanzen und zu springen, wie noch Niemand erhört und ersehen, und in unbegreiflicher Weise und tanzten Tag und Tag sieben bis acht Stunden in die Quere und in die Länge hin und her, in alle Winkel, aus der Stube in das Haus, und aus dem Haus in die Stube immer springend und drehend, daß sie grausam müde wurden, schnaubten und keuchten, so daß es Niemand verwundert hätte, wenn sie auf der Stelle todt niedergefallen wären. Und wenn sie vor Ermattung nicht mehr stehen konnten, drehten und wirrten sie mit den Köpfen an der Erde, als wenn sie auf denselben tanzen wollten; endlich haben sie dann eine zeitlang geschlafen und gelegen wie für todt. Wenn sie wieder erwachten, heischten sie bisweilen etwas zu essen, dann begannen sie wieder zu hüpfen und zu springen und zu tanzen, Tag und Nacht, wie es sie ankam, redeten wenig und lachten unterweilen alle zugleich. Ein Pfarrer wollte ihnen von der Sucht helfen mit geistlichem Zuspruch, und nahm sie neun Tage zu sich in das Haus, es war aber ganz vergebens. (S. 543)


DSB Nr. 653: Der Glockenguß zu Breslau
Zu Breslau, dem einen Auge Schlesiens, wie die Stadt vor Alters genannt ward (das zweite ist Liegnitz), wurde für den Thurm der Kirche Sankt Magdelena eine Glocke gegossen. Alles war zum Guß bereit, als der Meister sich für kurze Zeit erst noch einmal entfernte, und dem Lehrjungen streng verbot, etwas anzurühren und bei Leibe nicht das Metall in die Form auslaufen zu lassen. Aber die schlimme Neugier trieb den Jungen an, am Zapfen zu atzeln, und unversehens strömte das geschmolzene Metall heraus und in die Form hinein und füllte sie ganz aus. Zum Tod erschrocken und zitternd kam der Junge zum Meister und bekannte es, und den Meister ergriff der Zorn allzusehr, so daß er sein Schwert zog und den Jungen niederstach, wie der Glockengießer zu Attendorn seinen Gesellen (Sage Nr. 288). Dann eilte er hin in das Gießhaus und sah nach, und glaubte den ganzen Guß mißlungen; aber siehe, er war herrlich wohlgerathen. Da reute ihn die übereilte Zornesthat, die sich nicht verhehlen ließ; bald darauf saß er im Kerker und empfing sein Urtheil, das lautete: Tod durch das Henkerschwert. Inzwischen seiner Haft zog man die Glocke auf, und als es nun dahin gedieh, den armen Sünder zur Richtstatt zu führen, da bat er flehendlich, man möchte ihm noch die Gunst erzeigen, und seiner Glocke Ton ihm zum letzten hören lassen. Dies geschah, und da mag wohl die Glocke einen Ton gegeben haben, wie die Krempner: Schad' um den Jungen! Schad' um den Jungen! (Sage Nr. 199) Hernach ist die Glocke stets geläutet worden, wenn ein armer Sünder vom Rathhaus fort und zum Hochgericht geführt wurde. Es ist eine große schwere Glocke, die funfzig Schläge von selbst schwingt, wenn sie auf funfzig Schläge gezogen worden.
Im Dom zu Breslau hat immer eine Glocke von selbst geläutet, wann ein Canonicus sterben sollte, auch fand man im Chorgestühle auf eines solchen Platz stets eine weiße Rose. (S. 544)

DSB 657: Die Linde der Sibylle
Eisersdorf, dahin die Heidenjungfrau auf dem Schlosse zu Glatz mit ihren Bogen schoß, liegt von Glatz eine gute böhmische Meile am Flüßchen Biele. Dort stand eine große uralte Linde, die war weit und breit berühmt; sie sollte so alt sein, als der Heidenthurm auf dem Schlosse zu Glatz. Wenn sie auch wegen/ hohen Alters von Zeit zu Zeit einmal verdorrete, so grünte sie doch immer wieder von neuem aus. Auf dieser Linde saß die Sibylle und weissagte viel von künftigen Dingen der Stadt Glatz. Der Türke werde gen Glatz kommen, und wenn er durch die steinerne Brücke hinein auf dem Rink seinen Einzug halten werde, so würde er eine große Niederlage erleiden, weil ihm die Christen aus dem Schlosse herab entgegen ziehen und auf dem Markt ihn erlegen würden. Bevor aber solches geschehe, werde zuvor ein ganzer Haufe Kranniche durch die Brodbänke fliegen. – Daß die heidnische Jungfrau zu Glatz diese Sibylle selbst war, scheint denen nicht beigefallen zu sein, die nach ihrem Ursprung und Namen forschten; es ist aber etwas Wundersames um den Zusammenhang des Redens und Sagens von einer Sibylle und deren Weissagung vom Türken im deutschen Volke, denn es giebt der Orte mehrere, von denen gerade die Sibylle geweissagt haben soll, auf ihnen werde der letzte Türke erschlagen werden, unter andern zu Eiba bei Saalfeld in Thüringen, da soll der letzte Türke in einem Backofen verbrannt worden, wie im Werrathale, wo auf der Borchfelder Brücke der letzte Sultan enden soll. Auch im Voigtland, am Rhein und anderorts ist diese Sage lebendig. Zu Bamberg geht die Weissagung, die Türken würden ihre Pferde noch aus dem Rhein saufen lassen, wo Gott vor sei! Auch in Schwaben ist eine Sibyllenhöhle. (S. 546/7)

DSB Nr. 671: Krok und seine Töchter
Nach den Zeiten des Czech und Lech erhielt das Volk und Land einen Gebieter, der hieß Samo, das war zur Zeit, als König Dagobert im Frankenlande und in Thüringen gebot, Samo aber herrschte über Bojen und Wenden, und diese beiden Könige kamen mit einander zu streiten, da ward bei Voigtsberg die große Schlacht geschlagen zwischen Samo und Dagobert, die währte drei Tage lang und kostete viele tausend Leben. Samo blieb Sieger und verheerte Thüringen und all sein Nachbarland. Danach, als König Samo gestorben war, hatte das Volk der Bojehemen kein Oberhaupt, sondern jeglicher Stamm gehorchte dem Stammesältesten, den nannten sie Wladyka. Ein solcher Aeltester hieß Krok, und er der Ruf seiner Weisheit und Gerechtigkeit erscholl durch das ganze Land, und das Volk erwählte Krok zu seinem Richter und Oberhaupt. Er wurde über dem Grabe des Czech auf dessen Stuhl gesetzt, man gab ihm den Stab des Czech in die Hand, bedeckte sein Haupt mit dessen Mütze und huldigte ihm, indem man versprach, seinen Gesetzen und Anordnungen willige Folge zu leisten./
Alle Liebe erwies das Volk seinem weisen Regierer und erbaute ihm ein Schloß, freilich nur von Holz, ziemlich hoch an einem Berge, baute sich selbst um den Berg her an und nannte Schloß und Stadt Budecz; nach der Hand gründete Krok durch die Seinen an allen Orten und Enden im Lande Böhmen feste Wohnsitze, darunter auch sein Lieblingsschloß Psary, an der Stelle, wo sich hernachmals der Wischerad erhob, das den Namen führte von dem heimathlichen Schloße des Czech.
Krok war als erster Richter und Fürst des Landes auch dessen erster Priester; er besaß die Gabe der Weissagung, die er von Geistern und Pilweisen lernte und seinen Töchtern lehrte, deren sein Weib, Nina, ihm drei geboren, die, von wundersamer Schönheit, auch an Geist und Verstand den Vater noch überragten. Die älteste hieß Kasha (sprich Kascha); diese kannte alle Tugenden und Kräfte der Kräuter, Steine und Metalle, und war eine erfahrene Aerztin und kundige Wahrsagerin. Die zweitgeborene Tochter hieß Tetka; diese war eine Pilweise und lehrte das Volk, den Göttern der Haine, der Gewässer und Gebirge dienen und Opfer bringen. Die dritte Tochter, die jüngste und schönste ihrer Schwestern, hieß Libussa (sprich Libuscha), war eine Prophetin und übertraf an Weisheit und Vorsichtigkeit (prophetischer Begabung, sk) ihre Schwestern weit, und es war an hoher Einsicht nirgend ein Weib oder ein Mann, der ihr zu vergleichen gewesen wäre.
Und Krok, als er neununddreißig Jahre regiert hatte, da starb er, und das Volk, als es seinen Tod vernahm, lief aus Häusern und Hütten, wie Bienen nach ihrem Weisel, mit großer Klage, und die Töchter riefen zu den Göttern, den Geist des Vaters auf lichten Wegen zu führen.
Dann setzte das Volk den Leichnam Kroks neben dem Herzog Czech und seinem vor ihm gestorbenen Weibe Nina bei, legte viele und reiche Gaben in den Hügel, thürmte einen Stein darauf, entzündete ein Opferfeuer und erhob ihm die Todtenklage. (S. 556/7)


DSB Nr. 672: Libussa
Als nach dem Tode Kroks seine drei Töchter ihres Vaters Erbe in Besitz genommen, loseten sie um dessen Theilung. Da erhielt Kasha das Land gen Mitternacht, Tetka das gen Niedergang, und Libussa das ganze Gebiet gen Aufgang mit des Vaters Hochburg Psary. Weit im Lande breitete sich Libussa's Ruhm aus, und alles Volk kam, sich in Streitigkeiten von ihr Recht sprechen zu lassen oder ihre Verkündigungen zukünftiger Ereignisse zu vernehmen. Sie selbst lebte jungfräulich, züchtig, ein Beispiel den ihrigen und allem Volke, und dieses wählte sie einstimmig zu einer Richterin und Königin.
Libussa erweiterte und befestigte das Schloß Psary. Oft saß sie dort auf einem hohen Felsen über dem Kreise ihrer Jungfrauen, blickte sinnend in die Gegend hinab und sprach Recht oder Worte der Weissagung. Eines Tages gebot sie, das Schloß nicht mehr Psary, sondern Libin zu nennen./
Silber und Gold, welches man in rohen Klumpen im Lande fand, wurde der Königin zugespendet und sie begründete den Bergbau. (S. 557/8)

DSB Nr. 673: Der eiserne Tisch
Da Libussa eine zeitlang als Königin über das Volk der Böhmen geherrscht hatte, wünschte ihr Volk, daß sie sich einen Gemahl wähle; da sagte sie in einer Versammlung, die sie berief, viele Worte der Weissagung, und mahnte ab von des Volkes Begehren. Aber das Volk wie die Edeln blieben auf ihrem Willen und begehrten einen König.
Wohlan! sprach sie: – so machet euch auf, gehet zum Wasser, die Bila, da werdet ihr im Gefilde des Dorfes Stadicz einen besondern Acker finden und darauf einen Mann pflügen sehen mit zwei schäckigen Ochsen. Dieser wird euer König sein! –
Darauf erkor sie dreißig Männer, die besten des Landes, gebot ihnen, mit sich zu nehmen einen königlichen Rock und einen Mantel und den neuen Herrn zu suchen. Die Gesandten begehrten nähere Zeichen von dem Manne zu erfahren, daß sie den rechten fänden, und es sprach Libussa: nehmet mit euch mein weißes Roß, das ich reite, laßt es frei vor euch her laufen, das wird den Mann erspähen und euch durch Wiehern und sonstige Zeichen verkündigen, daß er der Rechte ist. Finden werdet ihr euern König speisend auf eisernem Tische, und die friedsamen Götter werden eure Bahn behüten! –
Darauf fuhren die dreißig Männer von dannen und ließen Libussens Roß vorangehen, das lief dem Mittelgebirge zu, nach dem Dorfe Stadicz, und am dritten Tage so fanden sie einen Mann auf dem Felde, pflügend mit zwei geschäckten Ochsen, dem naheten sie mit heilbietendem Gruß, den er jedoch nicht erwiederte. Und das Roß begann zu wiehern und zu schreien, und fiel vor dem Bauer nieder, deß Name Przemisl war.
Die Boten Libussens zeigten ihm nun das fürstliche Gewand und richteten ferner ihre Sendung aus; da stieß Przemisl die Haselgerte, welche er in der Hand trug, in den Boden und spannte die Ochsen aus dem Pfluge, indem er sprach: gehet hin, woher ihr gekommen seid. – Darauf erhoben sich die Ochsen beide in die Luft und schwebten in der Wolkennähe, doch senkten sie sich wieder und fuhren gegen einen Felsen, der sich aufthat; da hinein in die geöffnete Kluft fuhren die Ochsen, und der Fels schloß sich sobald; zur Stunde aber rieselte aus ihm ein Wässerlein hervor, gleich aus einem Stalle und von solchem Geruch. Die haselne Ruthe aber, die der Bauer in den Boden gesteckt, trieb sogleich grüne Blättlein und drei Zweige, auch einige Nüsse.
Mit Staunen sahen das alles die Boten der Königin, noch mehr aber wuchs ihr Verwundern, als der Bauer den Pflug umstürzte und auf die Schar ein schimmlich Stück Brod legte und ein Stück Käse, sein Mittagsmahl zu halten, wozu er die Fremdlinge einlud. Da sahen sie den eisernen Tisch, davon/ Libussa gesprochen hatte. Von den Zweigen der Ruthe verdorrten zwei, und nur der dritte grünte aufwärts. Als Przemisl sah, wie sich die Sendboten verwunderten, fragte er: was wundert ihr euch? Viele meines Geschlechtes werden anheben zu regieren, immer aber wird nur Einer König sein. Eure Herrin hätte nicht solche Eile von Nöthen gehabt. Wäret ihr später gekommen, daß ich dieses Stück Acker ganz umgepflügt, dann hätte dieses Land immer und ewig vollauf Brodes gehabt, und diese Zweige wären nicht verdorrt. So nun wird bisweilen Hungersnoth einfallen. Als die Boten ihn fragten, warum er auf dem Eisen speise, erwiederte er: mein Geschlecht wird euch mit Ruthen von Eisen züchtigen! –
Nach der Mahlzeit legten sie Przemisl das lange Kleid an, den schönen Mantel und neue Schuhe, er aber nahm seine alten Schuhe, die er sich selbst aus Lindenrinde gemacht und mit Lindenbast genäht hatte, mit sich, zum Gedächtniß der Abkunft des ersten Fürsten. Dem Kommenden zog Libussa herrlich geschmückt mit ihren Schwestern, Räthen und Rittern und allem Volke entgegen, begrüßte ihn freundlich und erkies ihn zum Ehegemahl. Von diesem ersten Könige Böhmens schreibt sich der Gebrauch, daß bei jeder nachherigen Königskrönung vor dem zu Krönenden eine Metze Haselnüsse ausgeschüttet wurde, welche die Bewohner des Dorfes Stadicz, die außerdem von allen Abgaben befreit waren, liefern mußten; dann zeigte man auch jedesmal dem Fürsten die Bauerschuhe von Lindenrinde, welche heilig von Geschlecht zu Geschlecht aufbewahrt wurden, um ihm symbolisch anzudeuten, er möge in die Fußstapfen seines Urahnherrn treten. Im Hussitenkriege erst kamen diese Schuhe abhanden. Die Haselgerte aber grünte fort und fort, und ihr Stamm wird noch heute als ein Wahrzeichen im Dorfe Stadicz gewiesen. (S. 558/9)

DSB Nr. 674: Praga
Im andern Jahre der Regierung Przemisl's trat an einem schönen Sommertage die Königin Libussa an der Seite ihres Gemahls aus dem Schlosse Libin und bestieg, von ihrem Gefolge umgeben, den hohen Felsenstuhl, auf welchem schon oft der Geist der Weissagung über sie gekommen war. Von diesem auch jetzt wieder erfüllt, sprach sie die Worte: ich erblicke im Geiste eine Stadt, deren Ruhm einst den Himmel erreicht! Dort in waldiger Gegend, dreitausend Schritte von hier, wo der Bach Bruznika durch einen Graben fließt und in die Wlatawa (Moldau) fällt, dort, wo steinig und steil der Berg Petrzin emporsteigt, werdet ihr in Waldes Mitte finden einen Mann, zimmernd an der Schwelle eines Hauses, und weil auch Große ihr Haupt beugen müssen vor einer Schwelle, so werde die Stadt, die man dort erbauen wird, nach der Schwelle benannt. – Alsobald machten sich Männer auf, folgten Libussens Weissagung, da fanden sie einen Zimmermann, der fällte einen Eichbaum und richtete ihn zu, und als jene ihn fragten, was er da zimmere? so antwortete er: Prah, das ist eine Schwelle. An diesem Orte ward nun auf Libussa's Gebot die große und herrliche Stadt gegründet, welche den Namen Praha, Praga, von der Schwelle empfing. (S. 559/60)


DSB Nr. 675: Libussa's Bad
Auf der alten Bergveste Wischerad, darauf früher das Schloß Libin stand, in welchem Böhmens erstes Königspaar Hof hielt, zeigt man einen hohen und senkrechten Fels, der sich aus dem Bette des in der Tiefe vorbeirauschenden Stromes aufgipfelt. Dieser trägt die Reste eines runden Gemäuers, und es geht die Sage, daß sich von hier die hohe Herrin gar oft hinabgelassen und in der Moldau gebadet habe, auch wohl Zwiesprach gehalten mit dem Stromgeiste. Andere sagen, es habe über dem Felsen ein Thurm gestanden, in welchen die Zauberin Jünglinge gelockt habe, die, von ihrer Schönheit bethört, ihr blindlings folgten, dann aber nach gebüßter Lust habe sie aus ihrer Umarmung die bethörten Opfer in die Umarmung des kalten Wellentodes gestoßen, auf daß ihrer keiner sein Glück verrathe.
Wieder Andere aber erzählen, daß nicht auf der Höhe des Wischerad das Bad der Libussa zu suchen sei, sondern nennen die südlich von der alten Herrscherburg gelegene reichhaltige Wasserquelle Gezerka das Bad Libussens, und vielleicht mit größerem Rechte. Die einzige Quelle in der Umgebung des Wischerad, sprudelte sie in einem alten Haine krystallklare Fluth zu Tage. An ihr sollen die alten Herzoge Böhmens gewählt worden sein; Felsen umthürmen sie, und das Schweigen der Einsamkeit weht über ihren Spiegel. (S. 560)

DSB Nr. 676: Libussa's Bette
Unter dem Felsen der alten Königsburg Wischerad, tief auf dem untersten Grunde der dort vorüberrauschenden Moldau ist das goldne Bette der Zauberkönigin Libussa, die zur Stromfeie (= Stromfee, Nixe, sk) geworden und sich selbst gebannt hat an ihr geliebtes Haus. Mancher schöne Jüngling ist dort in den Fluthen verschwunden, hinabgelockt durch ein überholdseliges Frauenantlitz, das sich ihm lächelnd im Bade zeigte, und das Volk spricht, so oft der Strom solch' Opfer fordert: Libussa hat ihn behalten; in Jahr und Tag erkürt sie einen Andern. – Es ist wohl zu Zeiten geschehen, daß kühne Schwimmer und Taucher sich frevelhaft vermaßen, selbstwillig hinabzusteigen, Libussa's goldnes Bette zu suchen, oder daß sie der Sage Hohn sprachen. Die sah man wohl niedertauchen, aber nimmer wieder zu Tage kommen. Einst aber, so hat sich eine dunkle Prophezeihung Libussens von Mund zu Mund erhalten: einst wird das goldne Bette auftauchen aus der Stromtiefe und herrlich leuchtend über den Wassern schwimmen, wie eine Barke; das wird dann geschehen, wann über Böhmen ein Herrscher aus dem Stamme der Libussiden herrscht. Diesem wird sich das goldne Bette darbieten, und seine Gemahlin wird darin ihren ersten Sohn zur Welt bringen. (S. 560/1)


DSB Nr. 686: Geisterheer vor Saaz
Im Jahre 1201 hat es sich begeben, daß die Bürger von Saaz um Mitternacht durch Waffenrasseln und Trompetengeschmetter aus dem Schlafe geschreckt wurden, also daß sie schnell zu den Waffen griffen und alle Mauern und Wälle besetzten. Sie sahen auch ein unermeßliches Heer am Fuße der Höhe, worauf die Stadt erbaut ist, wogen und in geschlossenen Reihen heranstürmen, Wurf/geschütze richten, Springgräben graben und Sturmleitern anlegen. Die Bürger von Saaz sandten einen Hagel von Pfeilen, Bolzen und Steinen dem angreifenden Feind entgegen, waren aber doch in großer Angst und Sorge, weil sie der Uebermacht zu erliegen fürchten mußten. Während nun die Greise, Weiber und Kinder in den Gotteshäusern betend auf den Knieen lagen und die streitfähigen Männer wacker kämpften, dämmerte der Morgen herauf und siehe – da war weit und breit außer denen der Stadt auf den Mauern kein Bewaffneter zu sehen. Ausgesandte Kundschafter fanden keine Spur eines dagewesenen Feindes, nur mit den Pfeilen und Bolzen der Bürger war der Boden besäet. Man mußte daher glauben, daß es ein Geisterheer gewesen, das die guten Bürger habe äffen (= täuschen, sk) und ihren Muth erproben wollen. Diese zogen nun vor die Stadt hinaus, und lasen ihre Pfeile und Bolzen wieder zusammen. (S. 567/8)

DSB Nr. 688: Brodschuhe und Semmelschuhe
Einer Mutter in Böhmen starb ihr Kind, ihr einziges und herzliebstes, und sie schmückte es im Sarg auf das allerschönste und tat ihm das beste Kleidchen an, und setzt' ihm das feinste Kränzlein auf, und zog ihm Strümpfchen an, so weiß wie Schnee, und neue rothe Schühlein – aber die Schühlein, die waren doch zu hart, die däuchten ihr nicht zart genug für des Kindes Füßchen, und sie wußte etwas Weicheres. Vom feinsten Brodmehl nahm sie, machte Teig und formte Schuhe daraus, und buk sie, doch nicht zu hart, und da hatte das Todte/ neue braune Schuhe an, statt der rothen, darin ward es begraben. Aber um Mitternacht kam das bleiche Kind in seinem Kränzelein und weißen Kleidchen, und sah so jammerig aus, und hielt der Mutter das Füßchen hin, daß sie den einen Schuh ausziehen sollte, und dann den andern; sie aber verstand es nicht, und das Kindlein verschwand wieder. So kam es zum zweiten- und zum drittenmal, und deutete auf die Schuhe und ließ der Mutter keine Ruhe, und da verstand diese endlich, was es wollte, und ließ das Särglein wieder ausgraben, zog dem Kinde die Brodschuhe aus und die rothen Schuhe an, und ließ es wieder einsenken unter heißen Thränen. Und von da an hatte sie Ruhe, so viel eine Mutter Ruhe haben kann, der ihr einziges und herzliebstes Kind im Grabe liegt.
So hat sich auch etwas Wunderbares, nur in ganz anderer Weise, zugetragen mit dem Schlosse auf dem Hradelberge, nicht weit vom Dorfe Oberkamenzen, im Klattauer Kreise, eine Stunde von Stankau. Der Ritter, der auf dem Hradek saß, ließ eine Brücke bis Stankau bauen, damit er einen guten Kirchweg habe, sintemal die Wege dortiger gebirgigen Gegenden und durch das Radbazathal noch heut nicht die besten. Aber da man vor Alters die Brücken zu pfstern pflegte, so war der neue Jirchenweg nicht weich zu gehen, und der stolzen und zärtlichen Tochter des Burgherrn also unliebsam, daß sie Semmeln nahm, aushöhlte und statt Schuhsocken anzog, damit zur Kirche zu gehen. Solchen Mißbrauch des lieben Brodes aber nahm der Himmel ihr noch viel übler, als jener Mutter, die nur im heiligen Schmerz übergroßer Liebe ihrem todten Kindlein die Brodschuhe anzog – und als das stolze Fräulein aus dem Schlosse trat, da krachte es hinter ihr und vor ihr und Schloß und Brücke versank, und sie selbst versank auch mit, und blieb nichts von ihr zu sehen übrig, als ihre Fußstapfe in einer Brückenstufe. (S. 568/9)

DSB Nr. 703: Das verlorene Kind
Eine andere arme Frau (Rückverweis auf DSB Nr. 702, sk) trug auf ihrem Arme ein kleines Kind zum Walde und kam in die Ruine Epprechtstein. Dort setzte sie ihr Kind ins Gras und suchte Waldbeeren. Mit einemmale stand vor ihrem Blick eine prächtige Kirche mit offenen Türen, und darinne stand ein Opferbecken, das war voll Goldstücke. Eilend sprang die Frau hinzu und raffelte von dem Golde in ihre Schürze, soviel als hineinging. Pfeilschnell eilte sie nach Hause, das Gold besaß sie, das Kind vergaß sie. Erst daheim gedachte sie wieder des hilflosen Kleinen; im Fluge eilte sie wieder berghinan – aber da war weder Kind noch Kirche mehr zu erblicken, und vergebens die Trümmer durchirrend und mit Klagegeschrei die Lüfte erfüllend, rief sie nach ihrem Kinde. Es war und blieb verschwunden und verloren. – Täglich kam das arme Weib auf den Berg, um das Kind weinend, nach dem Kinde suchend, ihr Gold lag ruhig daheim in der Truhe, sie rührte es nicht an, sie mochte an dasselbe nicht denken – denn es kostete ihr zu viel, es kostete – ihr Kind. – So ging ein ganzes Jahr dahin, die Waldbeeren waren wieder reif; die Beerensammlerin nahete wieder der Burgtrümmer, mit doppeltem Schmerzgefühl, denn es war gerade der Jahrestag ihres Unglücks und Verlustes – da mit einemmale – kaum traut sie ihren Augen, da steht die Kirche wieder vor ihrem Blick, und neben dem Opferstock, der wieder voll vom Golde blinkt, sitzt blühend ihr Kind und reibt sich die Augen – es ist eben aufgewacht und hat sich rothe Wänglein geschlafen. Mit freudigem Schreck stürzt die Mutter hinzu, ergreift's, herzt's, trägt's fort – schenkt der Goldfülle keinen Blick – Endlich einmal wendet sie scheu sich um, ob nichts ihr folge, ob Niemand ihr das Kind wieder entreißen wollte? aber da verschwand eben vor ihren Augen die Kirche wieder wie ein Nebelbild und wurde wieder die wüste Trümmer. Nun war die Mutter selig, und da das Wundergold, der Seegen der Geisterwelt, ihr blieb, so lebte sie fortan ein beglücktes Leben, und erzog ihr Kind zu Gottes Ehre.
Es geht auch noch diese Sage vom alten Bergschloß Epprechtstein, daß alle Jahre einmal, aber an keinem bestimmten Tage, wann und so lange der Pfarrer auf der Kanzel drunten in Kirchenlamitz das Vaterunser betet, sich ein Fels hebt und auseinander klafft, und große Haufen Goldes blicken läßt, aber so wie das Amen schallt, schließt er sich wieder auf ein Jahr lang zu. Wer ihn offen sieht, muß schnell etwas auf das Gold werfen, dann darf er ein Vaterunser lang zulangen muß sich aber wohl sputen, denn versäumt er zu lange, so schnappt der Fels zu, und klemmt ihm beide Hände ab, oder gar das Köpfchen. (S. 578/9)

DSB Nr. 724: Die Jungfrau mit dem Zopf
Ueber dem Wappen der Grafen von Henneberg-Schleusingen, der schwarzen Henne mit rothem Kamm auf drei grünen Bergen im goldnen Felde, steht der Helm mit seiner Zier, letztere darstellend die Büste einer gekrönten Jungfrau ohne Arme mit einem langen Zopf. Da unzählige Male dieses Wappen im Bereich der alten Grafschaft Henneberg an Mauern, Thoren, Kapellen, Brücken u.s.w. angebracht ist, und diese Helmzier dem Volke mehr bedeutsam erschien als jede andere, so hat sich über dieselbe mehr als eine Sage gebildet und verbreitet, die sich mehr oder minder einander ähneln und ergänzen.
Ein Graf von Henneberg zog nach Italien und in das heilige Land. Dort lernte er die Tochter eines Königs von Arabien kennen und gewann ihre Liebe, jedoch mußte er sie verlassen, schied sich mit Schmerz von ihr und reiste nach seiner Heimath zurück. Die arabische Prinzessin wurde darauf von der heftigsten Sehnsucht ergriffen, die sie eine Zeitlang zu überwältigen suchte, allein ihre Liebe war allzu mächtig und vermochte nicht länger zu widerstehen, zog deßhalb mit vielen Schätzen aus ihrem Vaterlande und dem Geliebten nach. Als sie in die Gegend des Klosters Veßra kam, hörte sie von den beiden Thürmen der Kirche sowohl, als auch von den umliegenden Ortschaften lange anhaltendes feierliches Geläute. Nun forschte sie, was das zu bedeuten habe? Da wurde ihr zur Antwort: sie müsse wohl sehr weit her kommen, daß sie nicht wisse, daß heute der Landesherr seine Hochzeit feiere, und man nannte ihr dessen Namen. Das war nun aber leider ihr Geliebter, die arme Prinzessin wurde fast unsinnig vor Schmerz. In ihrer Verzweiflung riß sie sich ihren starken Zopf ganz aus, dann nahm sie den Schleier und verwandte all' ihr Geld und Gut und reichen Schatz zu frommen Werken, von diesen nennt man noch die Klostermauer um Veßra, und die Brücken von Ober- und Untermaßfeld, in welchen Orten man auch diese Sage ganz so, wie um Veßra, erzählt, nur daß die Sarazenin über Henneberg gekommen sei. Den Grafen aber rührte tief die Liebe und der Schmerz der fremdländischen Jungfrau, er ließ ihr Bildniß als Helmzier auf sein Wappen setzen und allenthalben anbringen, daher kommt auf dem Hennebergischen Wappen die Jungfrau mit dem Zopf, wie es in Veßra, an der Kapelle neben der Obermaßfelder Brücke und anderwärts häufig noch heute zu ersehen ist. In Veßra wurde die Araberin begraben, dort war ein Monument im obern Chor der Kirche, eine Jungfrau mit schwebenden oder zu Feld geschlagenen Haaren, in Stein gehauen, auf sechs Säulchen, welche Jungfrau, wie eine alte Nachricht aussagt, soll eine/ Königstochter gewesen sein und durch Heereszüge mit in dieses Land gekommen. Sie hat ihr Leben allda beschlossen, und etliche Kleinod, so sie bei sich gehabt, ins Kloster gegeben. Sie hatte einen langen Mantel über dem untern innern Kleide oder Rocke, einen schmalen Gürtel, ein edel Gespang vorn unter dem Halse auf der Brust hangen und einen Leidschleier oder Binde von dem Haupt bis auf die Füße hangen. An dem Kissen unter dem Haupt zu beiden Seiten zwei Engel, so dieß Kissen hielten. Also war der Sarazenin Denkmal beschaffen.
Nach andern spielten zwei Grafen von Henneberg Kegel miteinander, entzweiten sich, und einer dieser Brüder schlug den andern todt und entfloh. Sein Geschick führte ihn in das Reußenland bis nach Moskau, da war denn die Getäuschte, dem Liebsten nachgezogene Geliebte, eines moskowitischen Kaufmanns Tochter, womit diese ohnfehlbar jüngere Sage immer noch nach dem Orient hinweist. Eine noch jüngere Abwandlung derselben läßt den Grafen nur bis Würzburg gelangen, dort des Kaufmanns Tochter Liebe und Treue geloben, und die letztere brechen, weil seine Verwandten ihn allzusehr bestürmten, sich ebenbürtig zu vermählen. Da nun die Verlobte mit reichem Gut ihm nachzog, und ihr Unglück erfuhr, riß sie den Zopf sich aus vor Schmerz und Gram, machte von ihrem Gute mehrere fromme Stiftungen, erbaute Brücken, und da sie in ein Dorf kam, allwo sie getröstet wurde, gründete sie daselbst ein Kloster, und nannte ihres Trostes Stätte Troststatt. – (S. 595/6)

DSB Nr. 725: Schleusingens Ursprung und Name
Von dem Ursprung der Stadt Schleusingen wird eine Sage erzählt, die sich an das Wahrzeichen dieser Stadt, eine Sirene oder Wassernixe, knüpft, welches Wahrzeichen auf einem Schild am Rathhaus noch zu sehen ist. Ein reicher Graf jagte in den Waldungen dieser Gegend, lange vorher, ehe die Stadt vorhanden war, und verfolgte unablässig eine weisses Reh, ohne dieses doch erjagen zu können. Darüber brach die Nacht herein, und der Graf, welcher von seinen Begleitern ganz abgekommen war, mußte die Ruhe auf bloßer Erde des Waldbodens suchen. Schon hatte er sich am Fuß eines felsigen Berges niedergelegt, als er einen ungewöhnlichen Glanz gewahrte und eine funkelnde Grotte erblickte, in welcher sich ein krystallenes Becken befand; drei silberne Quellen ergossen sich hinein, und auf den lichten Wellen wiegte sich eine reizende Wasserfei (Fee, sk). die um ihre Stirne ein blitzendes Band trug, darauf die Zeichen SLVS zu lesen waren. Diese Fei erhob einen süßen und erquickenden Gesang, und als sie geendet, winkte sie den Grafen zu sich hin und vertraute ihm daß jenes weiße Reh, welches er verfolgte, ihre Tochter sei, die ein böser Zauberer verwandelt, der oben auf dem Berge über den Quellbrunnen in einem gewaltigen und festen Thurm wohne. Diesen Zauberer wolle sie in Schlaf singen und der Graf solle ihn überwältigen und tödten. Das werde ihm durch die Kraft der Worte gelingen, die ihr Stirnband zierten, welche bedeuteten: Sie (nämlich die Tochter der Wasserfei) Liebe Vnd Siege! – Das alles geschah nun auch wirklich, und als der böse Zauberer getödtet war, mußte der Graf das weiße Reh dreimal mit der Fluth des Krystallborns benetzen, dessen drei Quellen die drei vereinten Bergwasser, die Schleuse, die Erle und die Nahe, bedeuteten, worauf das Reh sich in ein wunderschönes Fräulein verwandelte. Mit diesem vermählte sich der Graf und nannte sich und sein Geschlecht von der Brunstätt, gründete das Schloß und die Stadt Schleusingen, deren Name aus den drei geheinmisvollen Buchstaben SLVS sich bildete, und welche zum Wahrzeichen die Sirene in ihrem Stadtwappen beibehielt. Die Wasserfei soll noch im Schloßbrunnen, dem klarsten und besten der Stadt, wohnen, das Geschlecht derer von Brunstätt aber artete aus, und soll von den Grafen von Henneberg aus dortiger Gegend vertrieben worden sein. (S. 596/7)

DSB Nr. 727: Die Nixe aus der Todtenlache
Nahe bei Rappelsdorf, zwischen Schleusingen und Kloster Veßra, liegt ein, der Sage nach, unergründlich tiefes, mit Wasser gefülltes Loch, über 400 Schuh lang und gegen 100 Schuh breit, merkwürdig (= beachtenswert, sk) und verrufen beim Volk der ganzen Umgegend und die Todtenlache genannt. Dieser Name rührt ursprünglich daher, daß die in Rappelsdorf Verstorbenen, welche in Schleusingen beerdigt werden. gewöhnlich bis an diese Lache mit Leichenbegleitung getragen, dann aber ohne ferneren Conduct (= ohne weiteres Geleit, sk) nach der Stadt gefahren werden. Das Wasser ist außerdordentlich hell und klar, friert niemals ganz zu, steht in unterirdischer Verbindung mit Höhlen und Klüften des nahen Berges, die Haard genannt, beson/ders mit einem Brunnen im Bärengraben, wie durch dort hineingeworfene leichte Körper, welche in der Lache zum Vorschein gekommen, erforscht sein soll, und wurde auch von Jahr zu Jahr größer. Alte Leute haben erzählt, daß kurz vor dem dreißigjährigen Krieg und besonders vor dem Croatischen Einfall in Schleusingen Wassermenschen aus der Lache hervorgegangen und unterschiedlich gesehen worden sind.
Einstmals geschah es, daß aus der Todtenlache eine Nixe herauskam, anzusehen, wie ein junges schlankes Mägdlein; um den Hals trug sie ein schwarzes Nüsterband, um den Leib ein schuppiges Mieder, so seegrün, wie das Wasser der Lache, mit einem rothen Busentuch und vorgestecktem Perlenstrauß. Um die Lenden schlang siuch ein scharlachrother Schurz, hintennach schleifte sie aber einen häßlichen Fischschwanz. Auf der Hudelburg oder Ruderburg, einem Wirthshaus ohnweit Rappelsdorf, wurde so eben ein Hochzeittanz gehalten, dorthin eilte flugs das Nixlein, setzte sich hinter den Tisch zu einem frischen Junggesellen, der lange Frieder geheißen, und trieb mancherlei Kurzweil mit ihm, der sie bald liebgewann, tanzte auch fröhlich mit ihm um die Linde. Dabei vertraute sie ihm manches, unter anderm auch, daß sie gar zu gerne seine Braut wäre, und herzte und küßte ihn. Darüber kam der Abend herbei und die Nacht, und nun sprach das Nixchen weinend zu ihrem Friedel: nun muß ich mich von dir scheiden und wieder in jenes Wasser hieingehen, wo ich wohne. Zu lange bin ich schon hier geblieben bei dir, mein Geliebter, und da ich gegen meines Vaters Gebot hierher gekommen bin, werde ich wohl die hier und mit dir genossene Lust mit dem Leben büßen müssen. Wie weh thut mir der Abschied. Lebe wohl und gehe morgen hin zur Lache, findest du sie hell und grün, so lebe ich, findest du sie bleich und todtenfarb, so ists vorbei mit mir. Und gab ihm einen Kuß und entwich. Am andern Morgen ging der Frieder eilend hin zu dem kleinen See, fand ihn bleich und blutig, und voll Sehnsucht und Liebesgram sprang er hinein in die Todtenlache, um sich durch den Tod mit der lieben Nixe zu vereinen.
Nicht weit unter Rappelsdorf, links am Wege, liegt auch noch ein kleiner See, im Sommer von Mümmelchen Mümmelchen (= kleinen Seerosen, sk) überblüht, dabei es nicht geheuer. (S. 597/8)

DSB Nr. 729: Die Hennenburgen
Es ist eine alte Sage, daß vor Zeiten ein Herr aus edlem Geschlecht in Deutschland umgezogen (herumgezogen, sk), der eine Stätte suchte, da er sich anbauen und guten Frieden haben könne. So kam derselbe auch nach Franken, und fand allda einen Berg, der ihm baß (= sehr, sk) gefiel. Wie er nun durch die Waldung zum Gipfel ritt oder schritt, fand er eine Wildhenne mit ihren Jungen, und da baute er allda eine schöne Burg und nannte sie Hennenberg und wurde der Stammvater des reichen und edeln Geschlechts der alten fränkischen Gaugrafen, die sich von Hennenberg nannten und vom Grabfeld bis zum Thüringerwalde Besitzungen gewannen und Burgen erbauten. Zur Sage gesellte spätere Zeit vielgestaltig die Fabel, daher ist von der Erbauung der Burg Henneberg Folgendes in einer alten Handschrift zu lesen: „Da die Wenden in Rom lagen, und Roma und Italien fast verstört und verderbt hatten, das war nach Christi Geburt vierhundert und achtundfünfzig Jahre, da zog ein reicher Römer aus Rom um Unfriedens willen, das war einer von der Säule geheißen, de columna, von dem großen Geschlecht, kam also in den Wald, da jetzo Henneberg liegt, mit seinen Dienern. Da behaget ihn, den Berg zu bauen. Da fand er ein Wildhuhn mit seinen Küchen, an derselben Statt, darum nennte er das Schloß Henneberg.“
Fast das Gleiche ward auch gefunden in einer Chronik, wo es von einem Römer aus dem erwähnten Bericht heißt: „er zog in diese Lande und kam an das End und Berg, da jetzt Henneberg liegt, und schlug sich allda nieder, da gefiel ihm die Gegend und der Ort so wohl, daß er anfing, ein Schloß darauf zu bauen, und als er das anfing aufzuschlagen, und das Schloß zu bauen, da fand er an derselbigen Statt eine wilde Henne mit ihren jungen Hühnlein, davon gab er demselbigen Schloß den Namen Henneberg und führte davon die Henne in seinem Wappen, er und alle seine Nachkommen, und nennet sich der von Henneberg. Also sind sie herkommen.“
Auf dem alten Schloß Henneberg ist eine Blende in der Mauer zu sehen, davon alte Leute erzählten, daß ein Maurer bei Aufbauung des Schlosses seinen Sohn verkauft habe, damit, wenn das Kind in jene Vertiefung lebendig eingemauert werde, die Burg fortan unüberwindlich bleibe. Und der grausame Vater habe das Kind selbst eingemauert. Dieses aß einen Dreierssemmel, und rief weinend, als der letzte Stein aufgelegt wurde: o Vater! o Vater! wie wird es so finster! – Und wie das Kind also rief, da schnitt die Stimme dem Manne durchs Herz, wie ein Messer, und er stürzte von der Leiter herab und brach den Hals./
Von den drei Schlössern Henneberg, Hutsberg und Landsberg (früher Landswehr), geht die Sage, daß das eben die drei grünen Berge seien, auf wechen im Wappen der Grafen von Henneberg die schwarze Henne steht, und daher sei das Sprüchwort entstanden: Henne huts Land. Die Henne hütet das Land. Jetzt liegen seit 1525 Henneberg und Hutsberg in Ruinen, und eben so lange lag Landsberg öde, aber in der neuesten Zeit hat sich auf letzterm ein stattlicher Burgbau des Landesherrn in ritterlichem Styl erhoben, der eine wahre Zier der ganzen Gegend ist.
Auch über Nüdlingen, zwischen Münnerstadt und Kissingen gelegen, ist eine alte Burgstätte auf einem ziemlichen Hügel sichtar, welche heute Huhnberg genannt wird, vor Alters aber Henneberg genannt wurde, wie eine alte Urkunde deutlich aussagt. Der Namen soll Burg und Berg von einem zahmen oder Haushuhn erhalten haben, das zur Zeit, als man die erstere gründen wollte und für dieselbe noch keinen Namen wußte, droben ein Ei gelegt. Zur Unterscheidung des Namens von dem weit früher schon erbauten Stammschlosse Henneberg aber, habe man es später nicht Henne-, sondern Huhnberg genannt, und diese Burg durch das Bild eines Haushuhns von dem Wappen der ersteren, einer Wildhenne, unterschieden. Die Sage verkündet, daß, von Erbauung dieser Burg an, alle 100 Jahre Mittags und Mitternachts ein Huhn auf dem Schloßberge dreimal fröhlich schreiet, so das Jahrhundert verkünde, und so den alten Chronikenspruch bewähret:

Hier hat gelegt das Huhn ein Ei,
Daß Burg und Berg benennet sei.

Noch soll unter den verschütteten Keller und Gewölben der Huhnburg viel Geld und Wein verborgen sein. Die Leute erzählen: jeder, der den Schloßplatz besuche, finde bei seinem ersten Kommen, wenn er nicht an die Schätze denke und nicht auf deren Hebung ausgehe, eine kleine Oeffnung, welche in die Tiefen hinabführe; benutze er dieses Glück, so könne er reich werden, doch nie werde zum zweitenmal diese Gelegenheit geboten. Wer die Oeffnung finde und einen Sein in sie hinabwerfe, höre diesen nicht auf den Grund fallen, so tief hinab gehen Keller und Gewölbe, so tief ruhen die Schätze. Versuche, durch Nachgrabung sie zu heben, schlugen gänzlich fehl, und mußten bald unterbleiben, denn die Grabenden sahen sich seltsam erschreckt und in ihrem Vorhaben gehindert. Auch wurden Versuche solcher Art obrigkeitlich untersagt. Daher harren die Schätze noch auf den, der, wenn er die Oeffnung findet, ohne habsüchtige Absicht sich in sie hinabläßt.
Auf dem Schloßplatze bei dem vormaligen Brunnen der Huhnburg wurde lange nach der Zerstörung des Schlosses, so geht die Sge, eine große Glocke von Schweinen ausgegraben, und diese hing man dann in dem Thurm der Kirche zu Nüdlingen auf. Dieser Glocke wohnte eine sehr wunderbare Eigenschaft bei; denn so weit in der Umgegend ihr heller Schall hörbar war, gab es weder Fröste im Winter, noch Gewitter im Sommer. Später aber wurde die Glocke gegen/ zwei andere, kleinere ausgetauscht, und nach Würzburg gebracht, worauf sogleich die Umgegend dieser wohlthätigen Wirkung mit verlustig ging. Nur an einem Theil des Schloßberges scheint noch der Segen zu haften, denn an dessen Ostseite bleibt niemals der Schnee liegen, sondern zerschmilzt, sowie er dorthin fällt. (S. 599-601)

DSB Nr. 731: Die Haßfurtjungfrau mit der Glücksblume
Bei Meiningen ist ein Bergwald gelegen, darinnen liegt eine alte wüste Burgstätte mit einem gar tiefen Felsenbrunnen. Das soll ein Raubschloß gewesen sein; dicht unter ihm zog die alte Frankenstraße hin, und das stand in Verbin/dung mit der alten Burg Landswehr, die nah dabei liegt. Im Schooße beider Burgen sollen noch große Schätze liegen. Dort läßt sich nun alle hundert Jahre die sogenannte Haßfurtjungfer sehen, in weißer Kleidung mit einem Schlüsselbund; ein schwarzer Hund folgt ihr bisweilen. Wenn die Zeit da ist, wo sie erscheinen darf, ist ihr vergönnt, ein ganzes Jahr lang zu wandeln, dann wird sie häufig erblickt auf der alten Burgstätte, wie in der Waldung und unten im Thale, und bemüht sich, Menschen zu finden, welche den Schatz heben, denn an die Hebung des Schatzes ist ihre Erlösung geknüpft. Vor mehr als hundert Jahren hatten einige Prinzen ein Jagen angestellt, und der Hofjäger war mit mehrern Burschen voraus, das Nöthige anzuordnen. Als das geschehen, harrten die Jäger der Herrschaft an einer geeigneten Stelle, und zwar unter dem Berg, darauf damals noch die Trümmer der Haßburg standen, da wurden die Waidgesellen geworfen, erst mit Erde, dann mit Mörtel und kleinen Steinen. Sie glaubten, es seien Kameraden von ihnen da oben versteckt und neckten sie; aber das Werfen hörte nicht auf, und es kamen immer größere Steine geflogen. Da schalt der Hofjäger und eilte den Berg hinauf, mitten durch den Steinregen. Oben aber war Niemand, und es warf nicht mehr, und war alles todtenstill. Und wie er sich umwandte, siehe, so stand schleierweiß die Haßfurtjungfrau vor ihm, nur einen Augenblick, und von ihrem Schlüsselbund fiel ein Schlüssel; schnell verschwand sie. Der Jäger sah zur Erde, da lag der Schlüssel wirklich und zwei schöne gold/gelbe Blumen standen da. Er hob den Schlüssel auf, achtete aber der Blumen nicht. Unterdeß war die Herrschaft unten im Thale angekommen, und er eilte zurück und zeigte seinen Fund. Stand weiter nichts dabei? – fragte gleich Einer aus dem Zuge. – Ja, zwei gelbe Blumen, – antwortete der Finder. – Hättet Ihr diese gepflückt, wäret Ihr glücklich gewesen! – Flugs eilte der Hofjäger wieder den Berg hinauf, die Blumen zu pflücken, sie standen aber nicht mehr da. Oft soll die Haßfurtjungfrau erschienen sein; der Schatz ist noch ungehoben, vergebens sucht man den Zugang zum Burgkeller. – Einen fremden Schlossergesellen, der nie in diese Gegend gekommen war, träumte einst, daß unter den Ruinen der Haßburg ein großes Gewölbe sei voll Rüstzeug, Waffen und Gold; er solle hingehen und den Schatz heben. Zum Wahrzeichen werde er ein Messer mit hirschhornenem Griff finden. Er ging in den Wald, fand die Burg und das Messer, aber es lag auf einem Felsen, und er wußte weiter nichts damit anzufangen.
Ganz ähnlich wird dieselbe Sage vom Landsberg erzählt. Dort stand dem beglückten Hofjäger schon der Berg offen, er wollte eben hinein, da hörte er unten im Thale die Jagdhörner, die Herrschaft war da, und er glaubte vom Landesherrn seinen Namen laut rufen zu hören, steckte den Schlüssel ein, die Blume auf den Hut und eilte zurück. Als die Jagd vorbei und der Kammerherr des Dienstes ledig war, ritt er eilig wieder auf den Landsberg und suchte die Thüre, die hinter ihm zugefallen war. Aber er fand sie nicht wieder, und fand, daß er auch die Blume verloren habe. Keine zweite Glücksblume wuchs für ihn, und er/ zog traurig heim. Der alte Schlüssel, sagen einige, soll noch vorhanden sein und in einem Archiv liegen. (S. 601-603)

DSB Nr. 735: Vom Grimmenthal
Wo sich vom Dorf Einhausen das von der Hasel durchflossene Thal über Ellingshausen nach Schwarza hin zieht, nannte man es ehedem das grüne Thal, wegen seiner Grüne. Dort hat am Ausgang des grünen Thales in das Thal der Werra ein alter Bet- und Opferstock mit dem Bilde der Jungfrau Maria gestanden, unter einer mächtig großen Linde, vom Gestripp umwachsen und fast ganz vergessen. Nun trug sich's zu, daß ein Rittersmann, Heinz Teufel, der in Obermaßfeld wohnte, auf einem Jagdritt von schwerer Leibesschwachheit überfallen wurde, sich zu dem Bilde schleppte/ und dort um Hülfe flehte. Und da sein Geprest alsbald ein Ende nahm, schrieb er es dem Bilde zu, verkündete dessen Wunderkraft, machte eine fromme Stiftung und baute eine Kapelle über das Holzbild. Darauf erhob sich eine große Wallfahrt, und der Ruf des wunderthätigen Marienbildes breitete sich nach allen Seiten aus, so daß die Menschen aus allen Landen schaarenweise gezogen kamen, Lahme, Blinde, Taube, Preßhafte aller Art, davon es vielen im Traum vorgekommen war, sie würden im Grimmenthal, wie man die Wunderstätte im grünen Thal hernach nannte, Hülfe und Genesung finden. Und Vielen half der feste Glaube. Darum baute hernach der Fürstgraf Wilhelm von Henneberg an den Ort eine prächtige Wallfahrtkirche. Viele Wunder that die Mutter Gottes im Grimmenthal, davon nur eins: In Meiningen saßen drei Gefangene in harter Verstrickung im großen Burgthurm, die riefen die Maria vom Grimmenthal an, und siehe, sie erschien ihnen und erledigte sie ihres Gefängnisses, daß sie ohne menschliche Hilfe frei und ledig gingen, diese nahmen alsbald ihren Weg nach Grimmenthal, prießen und dankten. Es sind in Grimmenthal in einem Jahr 44,000 Waller gewesen, und es klingt wunderbar, wenn man ließt, daß 1503 zur Pfingstzeit auch gegen 300 mohrische Ritter, welche durch Schlesien hergezogen kamen, dort ihre Andacht verrichteten. Doctor Luther eiferte sehr gegen diese Wallfahrt, sprach und schrieb/ von ihr: daher ist kommen der große Betrug des Teufels mit dem Wallfahrten in das Grimmenthal, da die Leute verblendet, als wären sie toll und thöricht, Knechte und Mägde, Hirten, Weiber, ihren Beruf ließen anstehen und liefen dahin. Ist recht Grimmenthal, vallis furoris. – Und bald nach der Reformation nahm die Wallfahrt ein Ende. Jetzt steht an der alten Wallfahrtstätte ein schönes Hospital, und die Grimmenthalslinde, darunter das Muttergottesbild stand, grünt und blüht noch in jedem Sommer. Sie mißt 36 Fuß im Umfang. (S. 605/6)

DSB Nr. 736: Der grünende Pfahl
Nahe beim Dorfe Untermaßfeld erhebt sich der Hexenberg, so genannt, weil auf ihm die Hexen nicht etwa tanzten, sondern verbrannt wurden, und zwar sehr viele. So war auch ein armer Junge aus Leutersdorf, Namens Hans Schau, der Hexerei angeklagt, wurde im Amt zu Maßfeld torquirt (gefoltert, sk) und mußte, wie sehr er auch seine Unschuld betheuerte, bekennen, daß er ein schädlicher Hex sei, und da kam es von Jena, daß er verbrannt werden sollte. Der Jüngling wurde zum Dorfe hinausgeführt, über die Werrabrücke, die Hexentreppe, davon noch Rudera (Überreste, sk) sichtbar, und den Berg hinauf; viel Volk lief mit. Als der arme Sünderzug den Berg etwa halb hinauf war, kam man an eine Stelle, wo ein Bauer Pfähle einschlug, um junge Bäume daran zu binden. Da wandte sich bei einem dieser Pfähle der Jüngling weinend nach dem Volk, hob seine gefesselten Hände gen Himmel und rief: so wahr ich unschuldig zum Tode geführt werde, so wahr wird Gott ein Zeichen thun und geben, daß dieser dürre Pfahl ausschlagen und zum starken Baume werden wird! Die Richter und das Volk aber lachten sein, und oben ward er verbrannt. Wie Alles wieder herunter kam, blieben einige bei dem Pfahl stehen, und siehe, da sproßten grüne Blättlein heraus und braune Zweiglein, aus denen Knospen brachen, und lebendiges Grün sprang aus dem todten Holz. Deß wunderte sich Jedermann und ging nachdenklich nach Hause. Und seitdem ist keine Hexe und kein Hexenmeister mehr im Henneberger Land verbrannt worden. Der Pfahl wurde eine starke Buche, die einzige am Hexenberg, der mit Nadelholz bewachsen ist, und steht noch im ehemaligen Köhlers Berggarten, wo jeder sie sehen kann. (S. 606)

DSB Nr. 737: Das Gebet der Mutter
Ohnweit des Schlosses Landsberg und dem Haßfurtwalde erhebt sich der hohe Gebaberg, an diesem auf der Seite nach Meiningen zu, nicht weit vom Dörflein Träbes, liegt ein tiefer Erdfall, insgemein das Träbeser Loch genannt, und unten am Fuß der Geba liegt das Dorf Seba und nahe dabei ein kleiner See. Vor alten Zeiten war das Träbeser Loch bis an den Rand voll Wasser, und an der Stelle des Sees erblickte man die schönste und fruchtbarste Wiese im ganzen Thal. Diese war Eigenthum einer reichen, hochbetagten Wittwe. Die Wittwe ward krank, und ihre beiden Söhne traten an ihr Lager, als sie in großer Schwachheit lag, glaubten, sie schlummere, und begannen sich untereinander über ihr Erbe zu besprechen, und wie sie miteinander theilen wollten, wurden auch/ fertig miteinander, bis auf die Wiese, die wollte jeder ganz und ungetheilt besitzen, und von den leisen Worten kam es zu lauten, so daß sich die Brüder am Sterbebette der Mutter zankten, und daß einer drohte, den andern todt zu schlagen, worauf sie voll Zorn die Stube verließen. Die kranke Frau hatte alles gehört, ward schmerzlich bewegt in ihrem Herzen und richtete ein flehendliches Gebet zu Gott, daß er verhüten möge den Bruderzwist, vielleicht den Brudermord, um einer Wiese willen, und daß er doch möge die Hoffnung beider auf dieses Erbstück zu Wasser werden lassen. Und Gott erhörte das Gebet der Mutter, den als der nächste Morgen anbrach, so war von der Wiese keine Spur mehr zu sehen, sondern an ihrer Stelle war ein großer Wasserspiegel ausgebreitet. Niemand wußte sich zu erklären, woher auf einmal die Wassermenge, bis Bauern aus Träbes vom Berg herunter kamen und berichteten, daß in der vergangenen Nacht ihr See verschwunden und an dessen Stelle ein furchtbar tiefer, trichterförmiger Kessel sichtbar sei. Da entsetzten sich die Brüder und versöhnten sich am Lager der Mutter, welche Gott und sie segnete, und starb. (S. 606/7)

DSB Nr. 742: Die Teufelsmahten beim Schlosse Liebenstein
Nicht weit von den Orten Frauen- und Herrenbreitungen, allwo Klöster waren, wie schon die Namen andeuten, gleich Herren- und Frauen-Chiemsee/ (Sage Nr. 978), und ein Gang unter der Werra weg, wie in Saalfeld unter der Saale (Sage Nr. 533) und noch an gar vielen andern Orten zu gegenseitiger Besuchsbequemlichkeit diente, liegt das alte Bergschloß Liebenstein, davon mancherlei Sagen gehen; zunächst die überall heimische von einem lebendig in den Bau vermauerten Kind, dessen Wimmern man noch hört und dessen Mutter noch um die Trümmer als ein Geist wandelt, dann von einer weißen Ahnfrau, welche einen Schatz hüthet; absonderlich eigenthümlich ist aber dem alten Liebenstein die Sage von den Teufelsmahten. Darauf, auf dem alten Schlosse, saß ein Ritter, das war gar ein wilder und wüster Gesell, einer von denen, die, wie das Sprüchwort sagt: den Teufel haben barfuß laufen sehen, und ihm auch seine Seele verschrieben hatte, dafür mußte ihm der Teufel dienen nach der Schwierigkeit, wie dort zu Waerdenberg der Teufel Jost dem Doktor Faust (Sage Nr. 141), und mußte sich schinden und plagen und abrackern, daß er gern aus seiner Teufelshaut herausgefahren wäre, wenn er nur gewußt hätte, in welch andere gute Haut er hätte fahren sollen. Immer neue Plagen ersann der Ritter für den dienstbaren Teufel, und so befahl er ihm denn auch alle Frucht auf dem großen weiten Felde um die eine Seite der Burg, daran hundert Schnitter drei Tage lang zu mähen gehabt hätten, in einer Nacht abzumähen. Dem Teufel wurde drob angst und bange, denn vollbrachte der’s nicht, so war der Ritter ihn los, und der Teufel hatte keine Gewalt nach dessen Tode über ihn und seine Seele. So machte er sich denn an die Arbeit und borgte sich die Sense vom Tod, und mähte das ganze Getraide in mächtigen Mahten zusammen, bis ihm die Ohnmacht zuging und er es satt hatte, und hinüber nach Salzungen in die Teufelskutte fuhr und ein Kühlbad nahm. Wie nun damals der Teufel das Getraide gemäht hat, einen Theil rechts, einen Theil links, das ist eine bekannte Sache, so wächst es noch bis auf den heutigen Tag, und es mag das Getraide noch stehen oder abgehauen sein, oder bloß noch die Stoppel stehen, so sieht es von weitem aus, als läge auf jenen Aeckern das Getraide in ungeheuern Mahten zusammengemäht, und heißt bis auf den heutigen Tag die Teufelsmahten. Ob aber der Teufel aus seinem nachbarlichen Bad wieder zu dem Ritter zurückgekehrt ist, oder nicht, das wird nicht gemeldet, denn: „nix kwisses wäß mer nett!“ – sagt ein Hildburghäuser Sprüchwort. (S. 609/10)

DSB Nr. 743: Bonifaciusfels und Luthersbuche (Bild: Bonifacius fällt die Donarseiche aus Bildersaal der Deutschen Geschichte, 1838, S. 129 )
Dicht beim Schlosse Altenstein ragt der Bonifaciusfels empor. Es ist unzweifelhaft mehr als Sage, daß der Thüringer Apostel an dieser Stätte und von diesem Felsen dem Volke die Christuslehre gepredigt, daß er in der Nähe Kapellen gründete; mehr als eine Wüstung und manche geschichtliche Wahrnehmung giebt davon Kunde. Vor mehr als hundert Jahren stand noch an dem Fels eine hohe runde Mauer ohne Dach, der Ueberrest einer Kapelle, welche schon damals aus/ Ueberlieferung allgemein der Bonifaciusthurm genannt wurde, und auf alten Abrissen des Schlosses Altenstein und seiner Umgebung also ausdrücklich benamt steht.
Ueber diese Höhe, am Bonifaciusfels vorbei, zog im Frühling 1521 Doktor Luther, als er von Worms kam und in seinem Heimathorte Möhra gerastet und gepredigt hatte, um nach Wittenberg zurückzukehren; Da wurde er eine halbe Stunde weiter hinauf im Walde ohnweit den Trümmern einer Wallfahrtkapelle aufgehoben und auf Wartburg geführt, und zwar zunächst einer starken Buche über einer Quelle, aus welcher Luther trank. Man zeigt in des Glasbach Nähe noch einen Stein am Wege mit dem Abdruck eines Mannesfußes, und nennt ihn den Luthersfuß. Die Aufhebung Luthers geschah durch den Hauptmann Hans von Berlepsch, Amtmann auf Wartburg, und Burkhard von Wenkheim, Schenk, Landrentmeister und Amtmann zu Gotha, welche der Kurfürst von Sachsen heimlich dazu beauftragt hatte. Burkhard Hund von Wenkheim hatte hier auf Altenstein sein Stammschloß und väterliches Erbe, von seinem Geschlecht geht eine ähnliche Sage, wie jene von den neun, und den zwölf, und den sieben Knäblein auf einmal (Sagen Nr. 417 u. 800), und vom Ursprung der Welfen. Da soll die Frau von Wenkheim, die eine mit Drillingen gesegnete Bettlerin heftig ob ihres Kindersegens schalt, von dieser verflucht worden sein, und dreizehn Knäblein auf einmal geboren haben. Die Magd, die zwölf der Knäblein in das Wasser tragen sollte, sagte zu dem ihr begegnenden Herrn auf seine fragende Anrede, sie trage Hunde, worauf er die Knäblein in heimliche Erziehung gab, die Mutter in ein Kloster verstieß, und den Söhnen zu ihrem Familiennamen den Namen „Hund“ beilegte. So entstand das nun ausgestorbene Geschecht der Hund von Wenkheim, dessen Name in jener Gegend durch manche fromme Stiftung noch im Seegen fortlebt. (S. 610/1)

DSB Nr. 745: Berggeister um Altenstein (Bild: Altenstein aus Bechsteins Wanderungen durch Thüringen, 1838)
Unterm Schloß Altenstein liegt Glücksbrunn, ein vormaliger Hüttenort. Lebhafter Bergbau wurde vormals von den hier und in Steinbach zahlreich wohnenden Bergleuten betrieben, jetzt wird nur noch wenig Ausbeute gewonnen. In den Schachten und Stollen gab es auch Berggeister, und manchen versetzten Hort. Venetianer sind gar häufig gekommen, und haben viel hinweggetragen. Am Löge, oberhalb Steinbach, hat ein goldner Hirsch sich oftmals sehen lassen. Einst ging ein junger Bergknappe aus Steinbach nach seinem Schacht auf der Windleite. Wie er nahe zur Winde kam, sah er ein ganzes Heer kleiner Bergmännerchen an der Winde stehen, die waren gar thätig und eifrig mit aufwinden und mit Gesteinpochen. Wie er nun mit offnem Munde näher schritt, ganz verwundert über die verwunderliche kleine Knappschaft, hui! da purzelten sie kopfüber allzumal in den Schacht und es that einen Kracher, als ob der ganze Schacht in sich zusammenbreche. Da grauste es dem jungen Bergmann mächtiglich, ging hin zum Schacht, schnallte sein Hinterleder ab und schmiß es sammt dem Grubenlicht in die Teufe hinab, und sagte: mit euch fahre ich nicht an! - Und ging hinüber in die Ruhl und wurde ein Messerschmied, und als er dieß gute Gewerk gelernt hatte, kam er wieder nach Steinbach, that sich allda als Messermacher nieder und brachte so das Handwerk dorthin als erster Meister. Und da haben die Steinbacher es ihm nachgemacht, und sind aus Bergleuten Messermacher geworden, und wohnen jetzt über anderthalbhundert Meister allda und kein einziger Bergmann mehr.
Einst arbeitete ein Häuer aus Glücksbrunn im Regina-Schacht, da hörte er ein Rauschen und meinte, es fahre etwa ein Steiger an, und sahe eine Menschengestalt, anzuschauen wie ein Bergamtsoberer mit schwarzem Hut, grünem Oberkleid mit Manschetten, schwarzen Beinkleidern und Schuhen, weißen Strümpfen; in der Hand ein hellbrennend Grubenlicht; schönen Antlitzes und von glänzenden Augen, so groß, daß er am Ort, das über fünf Schuh hoch/ war, an den First anstieß. Der bestürzte Häuer schwieg, und arbeitete angestrengt weiter immer rascher und heftiger. Da wandte sich die Gestalt gegen Morgen und fuhr in der Strecke von dannen. Hätte der furchtsame Häuer nur den Bergmannsgruß „Glück auf!“ gesprochen, so hätte sich ihm ohne Zweifel der reiche Stollen des Glückes erschlossen und aufgethan. So aber sah er nie wieder diese Bergerscheinung. Andern erschien der Berggeist im Grubenkittel, Kniebügel an den Beinen,einen schwarzen Schiefhut auf dem Kopf, mit großen glänzenden Augen und auch einem Grubenlicht in der Hand, auf sie zukommend – auch diese wichen furchterfüllt dem Geiste aus, und fuhren wieder aus dem Schachte. Des Geistes Grubenlicht erhellte fast die Hälfte des aufwärtsgehenden Schachtes. (S. 642/3)

DSB Nr. 748: Wer weiß ob’s wahr ist?
Zwischen Liebenstein und Salzungen liegt ein Dörflein, daß heißt Ettmarshausen, früher hat es Ottmarshausen geheißen, dort war ein Garten, der wurde ummauert, und als die Mauer sammt der Eigangsthür fertig war, so schrieb der Maurermeister in den einen Thürpfeiler die Jahrzahl und seines Namens Anfangsbuchstaben also ein:

A.D. 1584. M.A.L.
C.F.

Weil aber nicht derselbige Meister, sondern der Gesell die ganze Arbeit gemacht und vollbracht hatte, so grub der Geselle in den andern Pfeiler die Worte ein:

wer weiss ob’s wahr ist?

Darauf ist in der ganzen Gegend das Sprüchwort entstanden, wenn einer sich eines Dinges rühmt, das nicht er vollbracht hat, sondern ein anderer: wer weiß ob’s wahr ist, stand an der Ettmarshäuser Gartenthüre – oder man sagte ihm wohl auch ins Gesicht: du – denk’ an die Ettmarshäuser Gartenthüre. – Und dieses Sprüchwort lebt noch, obschon Garten und Thür, Mauer und Schrift längst nicht mehr vorhanden. (S. 645)

DSB Nr. 749: Die Salzunger See'n
Dicht bei Salzungen liegt ein sehr schöner See, ihm ganz nahe war ein kleinerer, jetzt nur noch ein tiefel Tümpfel, der hieß die Teufelskutte. In der Gegend liegen noch einige kleinere See’n; von allen gehen Nixensagen. Im großen See zu Salzungen hielt sich eine Wasserfrau auf, die kam häufig durch die See’spforte herein zu den Fleischbänken, die ganz nahe bei dieser Pforte standen, jetzt aber weggerissen sind – deren Gewandsaum war immer naß, und ihr Haar war grünlich. Einst kam sie, brachte ein Kind mit, ließ es zurück und kam niemals wieder. Wie das Kind beschaffen war und was aus ihm geworden, weiß/ Niemand. Dicht am See steht eine alte Kemmnate, der hühnische (haunische) Hof genannt, dahinein kamen zwei Seejungfern zum Tanze, weilten zu lange, und als sie wieder in den See sich gestürzt, wurde er blutroth. Im Jahre 1670 ist es geschehen, daß einmal mitten im Winter der ganze See blutroth gefärbt erschien, und im Jahre 1755, am 1. November, zog das Wasser plötzlich strudelnd, wie in einen Trichter, in die Tiefe, und kam dann wieder, donnergleich brausend, und überschwoll schäumend den Uferrand. Es war der Tag, da Lissabon durch ein Erdbeben verheert ward (Sage Nr. 398).
In die Teufelskutte oder Grube hat sich nach alten Nachrichten der fliegende Drache oft eingelassen. Einem Kutscher, der über ihr dahinfuhr, als sie noch fast den ganzen Erdfall ausfüllte, der jetzt die Grube heißt, wurden durch ein Gespenst die Rosse so geschreckt, daß sie mit Mann und Wagen sich in den Abgrund stürzten. Nicht weit von Salzungen, nach Wilprechtrode zu, liegt der Buchensee oder Büchensee; dort hat vor Zeiten gar ein stattliches Schloß gestanden, darinnen war immer Saus und Braus, und da ging es, wie bei dem Kloster bei Neuenkirchen im Odenwalde (Sage Nr. 59). Es kamen zwei müde hungrige Wanderer und baten flehendlich um Einlaß und um Trank und Speise und ein geringes Nachtlager. Es ward ihnen aber mit nichten aufgethan, und mit Hohn und übeln Scheltworten wurden sie zurückgewiesen. Da verwünschten sie das Schloß, und es versank auf der Stelle, und an seine Stelle trat der kleine unergründliche See, welcher der Buchensee heißt. Es waren aber, wie dort die eine gütige Nonne, hier drei Fräulein in Schlosse gewesen, die hätten gern die Armen eingelassen, und hatten keinen Theil an der Härte und dem Hohn, womit jene abgewiesen wurden, gleichwohl versanken auch sie zusammt dem Schloß, aber es blieb ihnen vergönnt, alle Jahre einmal zur Wildprechtroder Kirmsezeit den Tanz zu besuchen, mußten aber jedesmal pünktlich vor 12 Uhr des Nachts zurückeilen. Ein Jäger aus Wilprechtrode sah sie einst auf seinem Heimweg von der Schnepfenjagd in ihrem altmodischen Wagen fahren, und erstaunte über ihre jugendliche Schönheit und das uralte Gefährts, meinte aber, die fremde Herrschaft wolle seine Herrschaft besuchen, und setzte sich, um schneller fortzukommen, hinten auf den Kutschentritt. Mit einemmale aber hörte er es rauschen und Wasser spritzte über ihm zusammen; geschwinde sprang er herab, und rettete sich mit Mühe. Der Wagen war in den Buchensee hineingefahren, und der Schnepfenjäger kam naß wie ein Pudel nach Hause. Nachher hat auch die drei Fräulein das Nixenlos ereilt, sie verspäteten sich einmal, wurden von ihren Tänzern zum Buchensee begleitet, und diese sahen, wie jene in den See sich stürzten und Blutstrahlen aus dem Wasser stiegen. Niemals kamen die Fräulein wieder zum Tanze.
Etwas weiter ab von Salzungen, nach Frauensee zu, liegt der kleine Döngessee, oder Hautsee, mit einer schwimmenden Insel. Fast die gleiche Sage geht von ihm; zwei Nixenfräulein entstiegen ihm, erlustigten sich auf dem Tanzboden des nächsten Dorfes, Dönges, öfters, bis ein Bursche einer derselben ihre Handschuhe raubte, und über dem ängstlichen Suchen danach die Mitternachts/stunde herbeikam, worauf folgte, was die Sage bei der Nixenverspätung stets erfolgen läßt. In den Döngessee ist auch einstens eine Wehmutter von einem Reiter mit Gewalt geführt worden, sah darin große Schätze, und ward reich beschenkt entlassen und wieder an ihren Ort gebracht, mußte aber heilig schwören, Niemandem davon ein Wort zu sagen. Als sie viele Jahre darauf erkrankte, konnte sie nicht sterben, bis sie dem Pfarrer ihren nächtlichen Ritt und Gang gebeichtet hatte.
So liegt auch bei Wilhelmsthal ein See und fließt ein Flüßchen hindurch, die Elne, darin die Elnenymphe wohnt; ein junger Jäger sah sie, liebte sie, verlobte sich mit ihr, ward ihr aber treulos, und sie strafte ihn – er mußte ihr folgen, bis sie ihn hinunter in die Tiefe zog, und ihn todt küßte, dann warf sie ihn wieder aus – in Unkenrode – wie schaurig klingt der Name dieses Dorfes – liegt er begraben. (S. 615-617)

DSB Nr. 750: Das Spiel-Haus
Zu Tiefenort steht ein steinern Haus, wie ein kleines Schlößchen. Vor Zeiten besaß es ein Ritter, der über alle Maaßen das Spiel liebte. Einst spielte dieser mit einem andern Ritter, und verlor Geld und Gut. Zuletzt stand auch das Haus auf einem Kartenblatt, und der Gegner gewann das Haus durch ein Trumpfblatt – die Roth-Sechse. Erfreut nahm der die Karte in sein Wappen auf, legte sich den Beinamen Spiel-Haus zu, und nutzte sein Eigenthum. Doch kam es nach der Hand in andere Hände, und es sind keine Nachrichten von des Gewinners Familie und Nachkommen zu Tiefenort vorhanden. Das Gut heißt aber immer noch das Spiel-Hausische, und am Gebäude ist das steinerne Wappen des glückhaften Gewinners zu sehen. Nicht minder hängt sein ritterlicher Schild in der Kirche, und zeigt auf einem in die Länge getheilten Felde, dessen Tincturen schwarz und Silber, die Roth-Sechse. Auf dem Helm hält ein Arm dieselbe Karte empor. Wenn der Pfarrer predigt, kann er gerade auf die Karte sehen. (S. 617)

DSB Nr. 763: Die Fräulein von Boineburg
Viele Sagen gehen um im Volkesmunde von der Boineburg in Hessen und ihren Bewohnerinnen. Es waren der Schwestern drei, und da träumte der jüngsten, daß es in Gottes Rath beschlossen sei, eine von ihnen werde vom Wetter erschlagen werden. Als sie nun Morgens ihren Schwestern diesen Traum erzählt hatte, und Mittags ein schweres Gewitter aufstieg, so sprach die alteste: mir ist sicher der Tod bestimmt, ließ sich einen Stuhl hinaustragen und saß harrend im Wetter – aber sie blieb unversehrt. Am zweiten Tage, da wieder ein Gewitter drohend aufzog, that die zweite Schweater das gleiche, allein ihr wiederfuhr, wie der ältesten, Nun sprach die dritte: ich bin es, die Gott rufen wird! – und machte sich in gleicher Weise bereit, beichtete und stiftete zu ihrem Gedächtniß eine Spende, setzte sich auf den Stuhl, und alsbald fuhr ein Blitz herab und tödtete sie.
Andere erzählen ganz anders. Eine tausendjährige Eiche stand im Hofe der Boineburg. Unter ihr lag an einem heißen Sommertage die einzige Tochter des Ritters und war eingschlummert. Ein rasches Wetter zog heran, und vom Donner und strömenden Regen erwacht das Fräulein, fährt auf und eilt nach dem Hause. Indem so fährt ein Wetterstrahl in die Eiche, und wirft auch das Fräulein leblos zu Boden. Aber es gelingt, die blos Ohnmächtige wieder in das Leben zurückzurufen, und der erfreute Vater stiftet dankbar eine Armenspende. An jedem Gründonnerstage mußte der Kaplan vor dem zerspaltenen Baume eine Gedächtnißrede halten und Korn und Fleisch ward an die Armen von vierundzwanzig Dörfern ausgetheilt. Das Fräulein nahm den Nonnenschleier. Die Spende besteht noch immer, obschon die Burg längst in Trümmern liegt; die Rede hält der Pfarrer zu Datterode.
Einst lag am Gründonnerstag noch hoher Schnee, und der vierspännige Wagen mit den Liebesgaben konnte den steilen Burgweg nicht hinan; der Wa/genführer wollte daher umlenken. Da erschien aber plötzlich auf dem Wagen eine weiße Jungfrau mit schönem, aber ernstem und drohendem Antlitz und bedeutete dem Fuhrmann, hinauf zu fahren. Der wendete erschrocken sich wieder zum Weg, und siehe, mit Leichtigkeit zogen die Rosse jetzt den schweren Wagen, und droben verschwand die Jungfrau lächelnden Blickes. Alles Volk, das den Wagen umwimmelte, hatte sie gesehen.
Als das Hessenland in ein Königreich Westphalen umgewandelt war, wollte die französische Behörde nichts von dieser altherkömmlichen Spende wissen, sondern sie mit andern Einkünften unter dem üblichen lügenhaften Vorwand der Ersparniß selbst schlucken – ein nicht blos bei Franzosen geübter schlechter Finanzkniff – und wirklich unterblieb im Jahre 1808 Spende und Rede. Aber da ist dem Könige von Westphalen ein schreckliches Gesicht erschienen und seine Finanzer haben die Spende wieder herausrücken und das Vermächtniß auf Schloß Boineburg erfüllen müssen.
Noch ruhen im Bergesschooße der Boineburg viele Schätze, und die Jungfrau hüthet dieselben; auch sie breitet ein weißes Tuch mit Knotten aus, und macht einzelne glücklich. Es soll im dreißigjährigen Kriege aus Eschwege, Sandra und andern Nachbarstädten viel Geld und Gut hinauf auf die Burg geflüchtet worden sein.
Die Jungfrau der Boineburg erscheint auch als weiße Reiterin. Sie reitet auf des Berges Hochebene hin bis zu einer Stelle, wo eine weiße Lilie mit purpurnem Kelche blüht, die sie dann bricht, und eilend zurückreitet. Begegnet ihr einer, der reinen Herzens und Wandels ist, und ruft sie an: gieb mir die Blume! – der kann großes Glück erlangen, noch aber soll das Keinem wiederfahren sein, weil die Menschen nicht mehr reinen Herzens und Wandels sind. (S. 620/1)

DSB Nr. 764: Das graue Männchen
In der Mitte des vorherigen Jahrhunderts sind einmal unterschiedliche boineburgische Jäger an einem nassen Herbsttage auf dem Burgberge zusammen gekommen, und haben Schutz vor dem Regen in der Trümmer des alten Schlosses gesucht. Da fanden sie ein altes kleines graues Männlein mit schneeweißem Haar sinnend auf dem Moos und Steinen sitzen. Sie redeten es an, fragten es dies und das, allein das Männlein gab ihnen keine Antwort. Darüber wurden die Jäger böse und gaben dem Männlein einige Schläge, aber es verzog darob keine Miene, weder zum Lächeln, noch zum Schmerz, es blieb sein Antlitz still und kalt und sein Mund geschlossen. Da banden sie das Männlein mit Hundeleinen und führten es also gefesselt herab zu ihrem Herrn nach Reichensachsen, da sollte es, meinten sie, schon Rede und Antwort geben, allein es that dies eben so wenig als droben. Es nickte nicht und schüttelte nicht, es öffnete nicht den Mund, es deutete auch keinen Wunsch an, rührte auch nicht an Trank und Speise, achtete keinerlei Freundlichkeit und keines Zürnens. Nun dachten die Herren, die Zeit werde es schon mürbe machen, sperrten es in ein wohlverwahrtes Gemach, ließen dieses zum Ueberfluß von außen bewachen, aber am anderen Morgen, – andere sagen: nach drei Tagen – da war das Männlein verschwunden, hatte aber zum Andenken ein Vergißmeinnicht auf den Tisch gesetzt, das jenem Veilchen täuschend ähnlich sah, welches ein gewisser Hofnarr zu Meißen unter den Hut des Hofmeisters legte, der über das erste gefundene Veilchen gedeckt war; als welche sonderbare Historie im Treppenhause des Meißner Schlosses in Stein gehauen zu erblicken ist. (S. 627/8)

DSB Nr. 766: Des Frankenlandes Apostel
Als der berühmte Bischof Remigius nach einem Siege des großen Westfrankenherrschers Chlodio dessen Schwester Albofledis und mit ihr dreitausend Franken dem Christenthume gewonnen und getauft hatte, und zu ihnen die Worte gesprochen: betet an, was ihr zuvor verbrannt habt, und verbrennt, was ihr zuvor angebetet habt – da drangen auch nach dem Ostfrankenreiche die Strahlen des neuen Glaubens.
Zu jenen Zeiten wurde mehr und mehr in Schottland, Irland und England/ ein rühmlicher Eifer rege, die Heiden zum Christenthum zu bekehren, und es wurden aus der Geistlichkeit der dortigen Klöster fromme und gottbegeisterte Männer gewählt, die unter dem Namen Regionarii als Missionare den Christenglauben zu den Heiden aller Lande zu tragen bemüht waren. So fuhr denn auch ein als Regionar geweihter Bischof, Namens Killena (Kilian) mit noch eilf andern Gefährten im Jahr 685 auf das Festland herüber, um den deutschen Heiden das Evangelium zu predigen, zu welchem Amte sie in Rom Auftrag und Bestätigung einholten. Nachdem die Bekehrer sich in verschiedene Regionen vertheilt, blieben bei Kilian der Priester Kolonat und der Diacon Totnan, und pilgerten in das Frankenland, wo Kilians frommer Wandel nicht minder wie seine feurige Beredtsamkeit ihm bald Jünger und Anhänger zuführte. Damals herrschte über Franken, im Namen des fernen Frankenkönigs, Herzog Gozbert, ein Sohn Hetans, welcher beschloß, den Apostel an seinen Hof zu berufen und dessen Lehre zu vernehmen. Herzog Gozbert hatte seine Residenz auf dem Berge über Würzburg, wo der Sage nach ein römischer Dianentempel stand. Kilian und seine Gefährten aber hatten ihren Wohnsitz in dem rauhen Rhöngebirge aufgeschlagen, und dort auf dem höchsten Berge das Zeichen der neuen Lehre und des neuen Bundes, das heilige Kreuz, errichtet. Davon zeugen noch im Frankenlande die vielen, allerwärts vorkommenden Kiliansberge und Kilianskuppen, sowie vornehmlich der Hochgipfel der Rhön, der heilige Kreuzberg. Doch vergingen Jahrhunderte, bevor dieser Berg seinen jetzigen Namen empfing. Aschberg nannte ihn das Volk, und nicht unmöglich wäre es, daß er als Asenberg in der Heidenzeit der germanischen Frühe schon den Umwohnern zu ihrem einfachen Naturtempeldienst, gleich andern Hochwarten deutscher Gebirge, heilig gewesen. Als das Jahr, in welchem St. Kilian mit seinen Genossen in diesen Gegenden erschien, wird 668 angegeben. Sie fanden am Fuße des Berges friedliche Ansiedler, welche die Fremden, die kamen, um das zu bekehrende Land zu überschauen und kennen zu lernen, gastlich aufnahmen, und mit offenen Gemüthern den Verkündigungen lauschten, welche die heiligen Männer ihnen brachten. Bald strömten Hörer ihrer Lehre aus den Nachbargauen herbei, und das Christenthum begann Wurzel zu schlagen. Und als die Gottesmänner in Würzburg den Märtyrertod erlitten hatten, als das Heidenthum den jungen Baum der Christuslehre dort wieder mächtig überwucherte, soll in den Wäldern und Hainen um den Kreuzberg sich die neue Christengemeine heimlich zusammengefunden und dem Heiland unter einem Kreuze da gedient haben, wo jetzt die Wallfahrtkirche steht. Noch wird der Kilianshof am Fuße des Kreuzberges als die Stätte genannt, die dem Heiligen ein schirmendes Obdach verlieh; noch zeigt man den Kilianskopf, darauf er gepredigt, und den Heilbronn, daraus er die Heiden getauft haben soll.

Nahe am Kreuzberge liegt, von drei Seiten von hohen Bergen umschlossen, das uralte Städtchen Bischofsheim. Als der heilige Kilian mit seinen Gefährten das Christenthum in diese rauhen Gefilde brachte, fand er, der Sage nach, zuerst hier sichern Aufenthalt und friedliches Obdach. Darum wurde das/ Haus jener Ansiedler, die den hohen Fremdling beherbergten, das Bischofshaus genannt, und als die Zahl der Häuser zu einem Orte anwuchs, empfing dieser den Namen Bischofsheim. Auch in späterer Zeit genoß Bischofsheim rühmlicher Auszeichnung dadurch, daß Lioba, die fromme Schwester des heiligen Bonifacius, sich von ihrem Aufenthaltsort Kissingen dorthin begab, und eine Zeitlang dort wohnte. Vom Alterthum des Städtchens, das schon im Jahre 1270 ummauert war, zeugt noch ein Thurm im byzantinischen Baustyl am königl.(ichen) Rentamt, der wohl früher als Kirchthurm und Warte zugleich diente. (S. 328-30)

DSB Nr. 775: Die Schwerbeladenen
Unter der Stoffelskuppe ist es auch nicht sicher; eine große Blöße heißt die Kuh-Eller; dort hüten die Roßdorfer Hirten. Eines Abends wandelte der Roßdorfer Schulze über diese Berges-Trift, da erblickte er auf der Waldblöße im Dämmerlicht zwei dunkle Männer, die in einiger Entfernung von einander gleichmäßg schritten, war froh, Gesellschaft zu finden, und näherte sich ihnen eilend. Jetzt entdeckte sein Auge, daß die beiden Männer einen übergroßen und mächtigen, baumartigen Balken auf ihren Schultern trugen, unter dessen Last Beide fast erlagen, und daß kaum zu begreifen war, wie ihrer Zwei eine so entsetzliche Last zu tragen vermochten. Deß wunderte den Mann gar sehr, daß in so später Stunde an so einsamer Stelle noch Jemand also bemüht war und er rief die Tragenden an mit lautem „Hollah! Wer seid ihr? Wo hinaus?" Die Männer hörten ihn nicht und antworteten ihm nicht. Noch einmal rief er: „Wer seid ihr, worauf geht ihr zu?" Tiefes Schweigen. Nun rief der Schulze zum dritten Mal noch lauter: „Heda ihr Männer? Wo wollt ihr hin?" Da scholl gleichzeitig von Beiden wie aus einem Mund und mit überaus schrecklicher Stimme die Antwort: Nach Ungnadhausen (= in die Hölle, sk)! Und die Männer wandelten hin, und verschwanden in die Nacht. Dem Frager aber kam ein übermächtiges Grausen an und er konnte, so lange er lebte, welches nicht gar lange mehr war, jenen Ton und jenes Wort nicht vergessen, das wie eine Stimme des jüngsten/ Gerichtes erklungen war. Auch Andere haben bisweilen jene Schwerbeladenen über die Waldblöße wandeln sehen, doch sich wohl gehütet, sie fragend anzureden. (S. 637/8)

DSB Nr. 776: Die fliegenden Knaben
Es war am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als an einem Spätherbsttage drei muntere Knaben ohnweit des Städtchens Lengsfeld und zwischen diesem und dem Baier auf immergrüner Waldwiese eine Anzahl Rinder weideten. Kaum war die Sonne gesunken, die noch ihre letzten goldnen Strahlen auf den hohen nachbarlichen Berg warf, so fachten die Knaben nach ihrer Weise ein Feuer an, und stachen Rasen ab, um sich eine Bank zu bauen, auf welcher sie vertraulich und sich am Feuer wärmend, sitzen wollten. Wie es nun oft zu geschehen pflegt, daß heitre unbedachte Jugend in lächerliche Wünsche ausbricht, deren Erfüllung schier unmöglich dünkt, so auch hier. Einer sprach: „Wäre doch dieses Stück Rasen ein Stück Eisenkuchen!"*) Kaum war dieser Wunsch laut geworden, so trat schon ein unbekannter Mann auf die Trift, begrüßte die jungen Hirten und sprach: „Hört, ihr habt Eisenkuchen gewünscht! Hier habt ihr solche, laßt sie euch schmecken!" Und theilte Eisenkuchen unter sie/ aus. Freudig und begierig ward die Spende angenommen und verzehrt, und der Mann erbot sich, sie täglich mit solchen Kuchen zu erfreuen, wenn er nur wüßte, auf welchem Hutplatz sie immer anzutreffen wären. Die Knaben nannten den Platz, wo sie am nächsten Tage hüten würden, und der Unbekannte hielt sein Wort, und brachte das für die Knaben so leckere Mahl am nächsten Abend ihnen wieder. Als das verzehrt, und der Mann hinweggegangen war, trat eine alte Frau aus Lengsfeld den Knaben nahe, und bat sie, doch einmal mit ihr zu dem nahen Thalbrunnen zu gehen, sie wollte ihnen dort etwas zeigen. Die Knaben willfahrten ihr, wurden aber nichts gewahr, als daß die Alte sie mit dem Wasser des Brunnens besprengte, und unverständliche Worte dazu murmelte, weßhalb sie ihr bald entliefen und mit Gelächter zu ihrer kleinen Heerde zurückkehrten und diese wohlgemuth nach Hause trieben. Am dritten Tag trafen sich die Knaben früh Morgens auf dem Weg zur Schule, grüßten sich munter, und der eine sprach zu dem andern: „Höre, ich fühle mich heute so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, wie ein Vogel!" – „„Ich auch, ich auch!"" riefen die beiden Andern, und da hoben alle Drei die Arme empor, und flogen. Sie flogen auf die kleine runde Mauer, die den Marktplatz umzog, und über dieser gegenseitig hin und her, zum größten Erstaunen aller ihrer indeß sich zahlreich versammelnden Schulkameraden. Die Kunde dieses wunderbaren Ereignisses durchdrang mit Blitzesschnelle das Städtchen und kam auch zuletzt zu den Ohren des Kantors, der nach beendigter Schulstunde die drei Knaben aufrief, ihre Kunst auch in der geräumigen Schulstube zu üben. Sie traten/ auf den Tisch und flatterten von ihm herab und schwebten auf und nieder. Den Kantor überfällt ein Grausen und er entsendet eilig einen Boten zum Oberpfarrer und Inspector, und läßt den geistlichen Hirten bitten, zur Schule sich zu bemühen, und selbst Zeuge eines nie erhörten Wunders zu sein. Der Geistliche kommt und staunt, und nimmt die Knaben scharf in das Verhör, denn er wittert Satans Trug und Tücke. Diese erzählen treuherzig alles, was sich mit ihnen begeben, und fügen noch dieses hinzu: „In der vergangenen Nacht machten wir uns den Spaß, und setzten uns zu Dritt auf einen Schimmel, der in unsers Nachbars Scheuer stand. Kaum spürte uns das Pferd, so setzte sich's gegen unsern Willen in Trab und brachte uns an einen Ort, allwo es uns sehr wohl gefiel; dann brachte es uns wieder nach Hause, und darauf fühlten wir uns so leicht." Der Oberpfarrer ging bestürzt hinweg, um dem Gerichte Anzeige zu thun, damit dieses sich der sicherlich Behexten bemächtige, und ihnen den Proceß mache, denn fliegen zu können, schien ihm ein arges Verbrechen.
Mittlerweile kamen die Knaben arg- und sorglos, und ihrer Fliegekraft froh, nach Hause, den Ihrigen das Wunder selbst zu verkündigen oder zu bestätigen. Der Vater des einen der Knaben war der Scharfrichter, hieß Michael Weber, erzürnte sich sehr über die Kunde, die er schon vernommen, glaubte sein Kind sei ein Teufelsbündner, und beschloß, den Sohn zu opfern. Daher schwang er, als dieser vor ihn trat, das Richtschwert, und schlug ihm das Haupt ab. Zwei weiße Ströme Milch sprangen statt des Blutes zur Decke, und dem Scharfrichter entsank das Schwert./
Die zwei andern fliegenden Knaben, als sie das gesehen, hoben sich auf und davon, und Niemand hat sie jemals wieder erblickt, und so kam keine Aufklärung über den tiefräthselhaften Vorfall zu Tage. Er ward vergessen, verklang zur Sage, und nur der Brunnen, wo das alte Weib die Knaben besprengt, heißt von jener Zeit an der Hexenbrunnen.

*) Ein in jener Gegend beliebtes Backwerk aus Mehl, Fett und Eiern, das auf einem erhitzten Eisen von runder Form gebacken wird. (S. 638/9)

DSB Nr. 780: Der verlorene Schleier
Fast völlig gleichlautend mit der Schleiersage von der Gründung des berühmten Klosters Neuburg in Oesterreich barg sich deren Wiederholung in eine stille enge Thalrinne der südlichen Rhöngebirgs-Abdachung. Darin stand vormals ein Nonnenkloster, davon bis auf die Kirche, jede Spur von der Zeit hinweggetilgt worden ist.
Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix, Graf und Gräfin von Henneberg, sie eine geborene Gräfin von Courtenay, Fürstin von Tiberias/ und Gräfin zu Edessa, die ihr Gemahl im Morgenlande sich erworben – auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß, und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und werth hielt, so that sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun thalaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach dreien Tagen einige Frauen in dem Thale, das von Burkartrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle, und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae. Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, (erst der Graf, dann später die Gräfin), sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden. die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheirathet dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor.
Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor befand, und in dessen Kirche sogar mehrere Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall gerathen, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben.
Bei der alten Klosterstätte zu Frauenrode ist es, der Sage nach, nicht geheuer. Lodernde Feuer oder bläuliche Flämmchen werden in gewissen Nächten brennend auf dem Kirchhof oder in der Nähe der Klosterkirche erblickt, welche einen großen dort vergrabenen Schatz anzeigen. Nicht weit von der Kirche erhebt sich ein Hügel, auf welchem vor langen Zeiten erst eine Burg, dann ein Theil des Klostergebäudes gestanden. Von dort führte ein bedeckter Gang nach der Kirche, über welchen die Nonnen schritten, wenn sie auf dem Chor sich versammelten, die Hora's zu singen. Man sieht noch überm Portal die vermauerte Oeffnung. Alljährlich in gewissen heiligen Nächten erblickt man diesen Gang durch die Luft und den Zug gespenstiger Nonnen und sieht die Kirche erleuchtet, doch ist es nicht gut lange hinzusehen, noch viel weniger die Kirche dann zu betreten, denn in dieser halten die Geister Mette und es knieen vor dem Altar die Gestalten des Stifters und der Stifterin und hinter ihnen alle, die in der Kirche begraben wurden; von dem Haupte Beatricens weht der weiße Schleier und auf Otto's Haupte rauschen die Blätter eines welken Kranzes geisterhaft im Hauche/ der Nacht. Nach der Mette ziehen die Nonnen alle still zurück und schwinden in Nebel, wie sie dem Hügel sich nähern. (S. 641-643)

DSB Nr. 785: Seifriedsburg
Es war ein Hirtenjunge, Fritz mit Namen, den seine Genossen Sau-Fritz nannten, weil er die Schweine hütete. Einst schwemmte er seine Heerde im klaren Wasser der fränkischen Saale. Da fand er einen Stein, womit er sich rieb, und der machte ihn fest gegen Hieb und Stich. Er ging in den Krieg und that, zumal er unverwundbar war, Thaten der Tapferkeit, und erwarb Rang und/ Reichthum. Vom Herrn des Gaues empfing er Erlaubniß, sich eine Burg zu erbauen, und wählte die Stätte seiner Heimath, wo er unterhalb seines Geburtsortes auf demselben Berg eine Burg aufführen ließ, die nun nach seinem Jugendspitznamen sammt dem Dorfe Säufritzburg benannt ward, daraus später die Schreibart Seifriedsburg geworden.
Lange stand die Burg, als einst ein schweres Unwetter heranzog, wie gerade das Burggesinde im Heuen/ war. Alles eilte hastvoll nach Hause, eine kecke Magd aber blieb und rief:


Ei, es mag donnern oder blitzen,
So muß ich meinen Heuhaufen spitzen!

Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug, und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Thal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort.
Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde.
Es leuchtet ein, wie in dieser Sage ein ganz später Wiederhall der Siegfriedsage zu finden ist. Der angenommene niedre Stand, die Lindwurmtödtung, die Unverwundbarkeit, der Ruhm großer Thaten und der Besitz eines reichen Hortes, alles vereint sich hier und deutet sich naturgemäß. Aber woher der alten Sage Verjüngung nun gerade hier? Sollte der Name Seifried – soviel als Siegfried – allein sie hervorgerufen haben? – (S. 645/6)

DSB Nr. 786: Mespelbrunn
Tief im Spessartwalde jagte ein Kurfürst von Mainz mit seinem Gefolge, und nach der Jagd ruhten sie in einem engen Thalgrunde, unter uralten Bäumen, und an einem Quellbrunnen, der von Mispelbäumen umstanden war. Der Kurfürst sprach: hier ist's traun recht schauer – möcht immer da gut essen, um kein'n Werth! – Da sprach ein Waidwerkgenoß, des Geschlechts der Echter einer: was ihr wollt, das könnt ihr. Gebt mir das Revier, so bau' ich allda ein Haus, das euch stetig offen steht. – Das war dem Kurfürsten recht, er gab dem Ritter ein großes Jagdgebiet im Spessart, und der baute sich ein stattlich Schloß, gab ihm den Namen Mespelbrunn von den Mispelbäumen und dem Brunnen, und fügte diesen Namen seinem eignen für alle Folge hinzu: Echter von Mesbelbrunn. Es war ein mannlich (= mannhaftes, tapferes, sk) und namhaft Geschlecht, das sich reichen Besitz erwarb und sicherte. Einer erbaute auch zu Hessenthal im Spessart, da hindurch die Straße von Würzburg nach Aschaffenburg zieht, ein Jagdschoß und eine Kapelle; dort liegen mehrere Echter begraben, und prächtige Grabsteine verewigen ihr Andenken.
Dieses edlen Geschlechtes ruhmreichster Sproß war Julius, Echter von Mespelbrunn, Bischof zu Würzburg, Herzog in Franken. Als Bischof unvermählt und kinderlos und der letzte seines Stammes, im Besitz ungeheuern Reichthums, machte er ein Testament. Eine Schwester- oder Bruderstochter war an einen Grafen von Ingelheim verheirathet, und hatte den Bischof zum Pathen ihres Sohnes erwählt. Diesem Pathen nun dachte Julius seine Güter zu und setzte ihn zum Universalerben ein. Er legte das Testament in eine Schachtel und überdeckte es. Oben auf die Decke legte er drei Citronen, und sandte nun die versiegelte Schachtel durch einen eigenen Boten nach Mespelbrunn, wo seine Nichte mit ihrem Sohne wohnte. Als diese öffnete und nichts in der Schachtel sah, als drei Citronen, wurde sie etwas ärgerlich, wußte nicht, ob das ein Scherz oder ein Schimpf von dem geistlichen Oheim sein sollte, entschloß sich kurz, und schickte die Schachtel sammt den Citronen sogleich zurück. Bischof Julius wunderte sich, und entsendete mit der aufs neue versiegelten Schachtel nochmals den Boten nach Mespelbrunn. Die Gräfin von Ingelheim wußte nicht, was sie davon denken sollte, und ward noch ärgerlicher. Sie schnitt eine Citrone auf, meinend, es stecke vielleicht etwas geheimes in den Früchten, allein da sie nichts fand, schickte sie die Schachtel abermals zurück. Und zum drittenmale kam der Bote von Würzburg mit seiner Schachtel, und mit drei frischen Citronen darin. Die Gräfin hatte fast keine Lust, sie zu öffnen, und als ihr wieder die drei Citronen entgegenblickten, fehlte wenig, daß sie dieselben nicht nahm und dem Boten an den Kopf warf. Sie besann sich aber doch, schnitt alle drei auf, da sie aber in allen dreien nichts fand, ward ihr Zorn grenzenlos. Sie warf die Citronen alsbald zum Fenster hinaus, dem Boten die wieder zugeklappte Schachtel an den Kopf und drohte ihm, wenn er noch einmal vor ihre Augen komme, so wolle sie ihn zu Mespelbrunn hinauspeitschen lassen. Wie der Bote dem Bischof ansagte,was sich begeben, sprach Julius: ich sehe wohl, Gott hat mein Vermögen zu anderer Verwendung bestimmt, entnahm der Schachtel das mit Papier bedeckte Testament und warf es ins Kamin. Hierauf gründete er von seinem Reichtum zu Würzburg das berühmte seegensreiche Hospital, das seinen Namen trägt, durch welche Stiftung Julius Echter von Mespelbrunn seines Namens Gedächtniß groß und unsterblich gemacht hat für alle Zeiten. (S. 646/7)

DSB Nr. 787: Das Herrenbild
Von Hessenthal führte früher die alte Straße nach Ober-Bessenbach durch tiefen öden Wald. Ein Postknecht ritt seine Pferde von Aschaffenburg nach der Station zurück, es war Nacht, und er schlief. Da standen plötzlich die Pferde – aus dem nahen Busche drang ein Ruf, und lichter Schimmer leuchtete dort, woher die wundersame Stimme drang. Der Postknecht stieg ab, ging muthig auf die Stelle zu, und fand tief im Buschwerk, vernachlässigt, moosüberwachsen und altergrau ein Muttergottesbild aus Holz. Treulich erhob er dasselbe, säuberte es, trug es heraus und stellte es auf einen Steinhaufen am Wege, denn es mitzunehmen, dazu war es zu schwer. Es dauerte nicht lange, so thaten sich einige fromme Herren zusammen, und erbauten dem Bilde eine kleine Kapelle, und das Bild that Wunder, und die Hessenthaler gingen hinauf und beteten dort. Da nun die Echter in Hessenthal die Kapelle erbauten, zogen die Bewohner hinauf ujnd trugen das Gnadenbild herab in die neue geweihte Kapelle. Allein das Herrenbild – so ward und wird es noch genannt – machte es, wie jenes auf der Milseburg im Rhöngebirge (Sage Nr. 770), und jenes am Räti (Sage Nr. 19), und kehrte wieder an seinen Ort zurück. Dreimal holten die Hessenthaler das Bild in ihre neue, schöne Kapelle, und an jedem Morgen stand es wieder droben in dem alten einfachen Kapellchen. Da gelobten die Hessenthaler, wenn das Bild bei ihnen bleiben wollte, so wollten sie es alljährlich auf den Pfingstmontag in feierlicher Procession hinauf auf den Berg tragen. Diesen Accord hat hernach das Bild eingegangen und geschieht noch also. (S. 648)

DSB Nr. 788: Die Garnkocherin
Zu Hessenthal, das so recht mitten im Schooß des Spessart liegt, steht in einer großen offnen kapellenartigen Halle das Bildwerk einer Kreuzigung mit reicher Gruppirung auf einem 30 Fuß langen und 9 Fuß hohen Piedestal. In der Mitte desselben, unter dem mittleren Kreuze, ist an der Vorderseite eine eingehauene zweikantige Vertiefung in den Stein. Hält man nun hier den Kopf hinein, so vernimmt man ein Brausen, ähnlich dem strudeln kochenden Wassers. Hierüber geht diese Sage. Es standen früher an diesem Platze zwei Hütten. Die Bewohnerin einer derselben kochte am Pfingstmontage, wo man das Marienbild in Procession zum Berge trug, Garn, um es zu bleichen. Ihre Nachbarsfrau, die es/ sah, sagte zu ihr: was! Du kochst heute am Pfingstmontag Garn? – Allein jene gab ihr zur Antwort: Pfingstmontag hin, Pfingstmontag her, mein Garn muß gekocht sein. – Und alsbald sank sie unter furchtbarem Getöse sammt ihrer Hütte unter die Erde. Seitdem vernimmt man nun hier das brodelnde und strudelnde Getöse, das an Pfingstmontagen immer stärker ist, als an andern Tagen, und hört aus der Tiefe ein jammerndes Aechzen. Aber die Höhlung hat die wunderbare Eigenschaft, Schwerhörige, die hinein horchen, von ihrer Taubheit zu heilen. (S. 648/9)

DSB Nr. 790: Knabenraub im Spessartwalde
Wie es nicht selten geschieht, daß die Sage eines strenggeschichtlichen Ereignisses sich wiederholend bemächtigt, wenn dasselbe nur romantische Färbung hat, so ist es auch in der Nähe von Aschaffenburg im Spessartwald geschehen. Da klingt die Geschichte des sächsischen Prinzenraubes in eigenthümlich treu wiederholter Weise wieder.
Zwischen Ebersbach und Soden lag eine Burg, Altenburg genannt, auf dem zwischen beiden liegenden Berge. Nur noch aus den Erzählungen der Anwohner weiß man etwas von ihrem Vorhandengewesensein. Einer der Ritter, die daselbst hausten, hatte zwei hoffnungsvolle Knaben. Zwei Räuber im Bann glaubten sich durch den Raub der beiden Kinder Begnadigung zu verschaffen, und beschlossen sie zu entführen. Sie bestachen den Pförtner, der sie auch in Abwesenheit des Ritters in das Schloß ließ, so daß sie sich leicht der Kleinen bemächtigen konnten. Bevor sie sich nun auf die Flucht begaben, beschlossen sie, ein jeder solle nach einer andern Gegend hin fliehen und versprachen sie gegenseitig, wenn ja einer von ihnen ergriffen würde, so solle der zuerst Ergriffene nur dann den Aufenthalt des andern angeben, wenn ihm vorher neben der eigenen auch dessen Begnadigung zugesagt wäre. Der eine, der vom Fluchtwege ziemlich/ ermattet war, band nach einem langen Ritte durch den finstern Wald sein Pferd an einen Baum und legte sich zur Ruhe nieder, nachdem er dem geraubten Knaben aufs strengste verboten hatte, sich zu entfernen. Aber der Kleine benützte die günstige Gelegenheit zur Flucht und entlief, und lief so lange es ihm mäglich war. Endlich kam er zu einem Köhler, der im Walde arbeitete, und in dem Knaben sogleich ein Kind hoher Leute vermuthete. Er fragte ihn aus und der Knabe erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache. Alsbald kehrte der Köhler mit dem Knaben an den Ort zurück, wo der Räuber noch im Schlafe lag. Der Köhler versetzte diesem mit seiner Hacke einen Schlag, der ihn betäubte, und eilte auf dem Pferde des Ritters mit dem Kinde nach dem naheliegenden Ebersbach, von woher er die Glocken, mit denen man ob des Knabenraubes Sturm läutete, hörte, und wo alles in der größten Bestürzung war. Leute von da bemächtigten sich des Räubers und brachten ihn nebst dem Knaben nach der Altenburg. Auf das Versprechen, er werde begnadigt, wenn er seinen Kameraden angeben würde, verrieth er denselben treulos. Dieser wurde mit dem zweiten Knaben eingeholt und hingerichtet. Ersterem ward Wort gehalten, er blieb ungestraft, hatte aber keine frohe Stunde mehr. Der Geist seines verrathenden Bündners verfolgte ihn Tag und Nacht, bis er sich selbst den Tod des Stranges gab. (S. 649-50)

DSB Nr. 809: Nixen in Theilheim und im Gründlersloch
Auch vom Dorfe Theilheim, zwischen Randersacker und Dettelbach, sowie vom Gründlersloch zwischen dem Schlosse Castell und dem Dorfe Rüdenhausen, wie noch an vielen Orten Mittelfrankens, geht die weitverbreitete und fast immer gleichmäßig mit geringer Abänderung wiederholte Sage von Nixen, die zum Dorf-Tanze kommen, fröhlich sind, singen, tanzen, lieben und dann leiden, als wolle überall die Sage das Glück der Mädchenjugendtage symbolisch andeuten. In Theilheim waren der Tänzerinnen drei, die häufig begegnende Nornenzahl, im Castell kamen aber der Tänzerinnen fünf zur Hochzeit eines jungen Grafen.
Bei Randersacker ist ein Berg, der Spielberg geheißen, dort hat sich einstmals der wilde Jäger über den Main schiffen lassen, und das wilde Heer hat Feuer in die Fähre geworfen. Einem Heckenwirth, der von Würzburg nach Randersacker fuhr, soff es Wein aus dem Faß, wie die wilden Frauen bei Schwarza das Bier (Sage Nr. 501) und segnete es mit Nieversiegen; das währte so lange, bis der Heckenwirth sein Glück verplapperte. (S. 666)

DSB Nr. 822: Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab
Zwischen Schweinfurt und Haßfurt lag vor Zeiten ein stattliches Schloß, das gehörte dem Grafen Adalbert von Babenberg, der auch ein Kloster allda gegründet hatte, das führte den Namen Sondernshus. Diesen Adalbert verrieth auf eine schändliche Weise jener Bischof Hatto von Mainz, den die Mäuse bei lebendigem Leibe gefressen haben (Sage Nr. 63). Adalbert hatte den Bruder des Königs Ludwig im Kampfe erlegt, und der König belagerte ihn in seiner hohen Veste der Babenburg über Bamberg, und Hatto war des Königs Rathgeber und Kanzlar. Der ging als Abgesandter hinauf auf die Babenburg und beredete den Grafen zu einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Könige, und verhieß ihm vor dem Essen wieder sicher und ungefährdet auf die Burg zurück zu bringen. Da sie nun hinab stiegen, ward es dem Hatto flau und klagte sich heishungers, da er noch nüchtern, so lud ihn Adalbert zur Umkehr in die Burg ein, erst etwas zu frühstücken. Dann gingen sie hinab in des Königs Lager, und der König ließ den Grafen alsobald verstricken (= in Bande legen, sk). Adalbert klagte über den Treuebruch und berief sich auf Hatto’s Zusage freien und sicheren Geleites zurück auf die Burg, da sprach der lügnerische Pfaff: hab' ich dich nicht, wie ich versprochen, vor dem Essen ohne Gefährde wieder auf deine Babenburg zurück gebracht? – Und da ließ der König Ludwig den Grafen Adalbert zur Sühne seines Bruders Konrad gleich im Lager enthaupten, andere sagen, es sei dies in Adalberts Schloß Sondernshus geschehen, denn alldort liegt er begraben. Der König Ludwig hatte Adalberts Leichnam nach der Enthauptung in den Main werfen lassen, davon kam schnelle Kunde nach Adalberts Schloß, da sammelte sich die Dienerschaft am Strom, und als der Leichnam geschwommen kam, riefen sie weinend: der is! der is – (der ist es) und davon wurde hernachmals das Schloß und Kloster Theris und Theres genannt. In der Klosterkirche wurde Adalbert feierlich beerdigt und ihm ein stattliches Epitaphium errichtet; es stand an der Wand, linker Hand gegen den Hochaltar, und der Graf war darauf abgebildet in seinem Harnisch und lebensgroß, stehend auf einem liegenden Löwen, und darum oder darunter die Worte: Anno Domini DCCCCVIII obiit nobilis Albertus comes de Babenberg qui hic jacet incinneratus monasterii hujus fundator opum quantam dator, cujus anima requiescit cum sanctis. Amen*). Nach der Zeit ist die Kirche sammt dem Kloster neu gebaut worden, und man weiß nicht, wohin das Epitaphium gekommen. Von Adalberts Grab hat sich die Sage erhalten, daß dasselbe ein kostbares, reich mit Schätzen gefülltes, und noch nicht wieder aufgefunden sei. Alte Leute geben an, wenn man im Thore des Klosterhofes gestanden, und zwischen zwei Säulen, die einen Betstock gebildet, hindurchgeschaut habe, so habe man die Linie der Richtung gehabt, in welcher sich das Grab befinde. Noch soll der alte doppelsäulige Bildstock ohnweit des ehemaligen Klosters vorhanden sein, man weiß aber nicht ob er noch auf der alten Stelle steht. Im Klosterhofe steht ein neuerer Bildstock, zwei Säulen tragen ein Bild der Kreuzigung mit einem getheilten Wappenschilde, darinnen St. Veit und ein Saitenspiel, welches ein Abtshut krönt. Gerade durch die Säulen geht der Meridian, und wer durch sie hindurchblickt, blickt über Adalberts Begräbnißstätte.

*) Im Jahr des Herrn 908 starb der edle Albert, Graf von Babenberg, dessen Asche hier beigesetzt wurde, dieses Klosters Gründer, ein Geber reicher Güter, dessen Seele ruhe mit den Heiligen. Amen. (S. 675/6)

DSB Nr. 824: Der Kirchenbau zu Königsberg  
An der schönen neuen Pfarrkirche zu Unser lieben Frauen in Königsberg in Franken, ohnweit Haßfurt, erblickt man außen zwei Steingebilde in lächerlicher/ Gestalt. Davon wird Folgendes erzählt. Der Kirchenbau, bereits 1397 begonnen, schritt äußerst langsam vorwärts und verzögerte sich an siebenundsechzig Jahre. Man hatte den Bau einem fremden Meister übertragen, dieser aber zog von dannen, arbeitete anderswo, und ließ sich lange mahnen und drängen, den Bau doch zu vollenden; darüber entstand viel Unwillen in der Stadt und üble Nachreden des Meisters, und besonders konnten zwei Bürger und Rathsherrn, die der Kirche gegenüber wohnten, kein Ende des Scheltens über den Steinmetzen finden. Eines Tages erblickten die Wächter eine große Männerschaar, die von Haßfurt herannahte, und stießen in die Lärmhörner, denn es dünkte ihnen ein feindliches Heer, das einen Ueberfall des Städtleins versuchen wollte. Hell blinkte und blitzte es im Strahl der Morgensonne wie Partisanen und Streitäxte von ferne her. Die Bürgerschaft griff zu den Waffen, schickte sich an, den Feind abzuwehren, und sandte einen Abgeordneten entgegen mit der Frage, was des Haufens Begehren sei? Da war es der bestellte Steinmetz mit nicht weniger als vierhundert Gesellen, die er allesammt herbeiführte mit ihrem Werkzeug, Aexten und Beilen, blanken Sägen und Winkelmaaßen, die so hell erglänzten. Und nun ging die Arbeit rüstig und wacker von Statten; da aber dem Baumeister zu Ohren kam, daß die beiden Bürger so übel von ihm gesprochen, brachte er ihre beiden Gestalten an der Kirche auf lächerliche Weise an, darum, daß sie als alberne Philister über ihn geurtelt. (S. 676/7)

DSB Nr. 827: Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck
Von den Trümmern des alten Bergschlosses Raueneck in Franken geht eine ganz gleiche Sage, wie von dem gleichnamigen Schloß bei Baden in Oesterreich. Es liegt dort noch ein großer Schatz vergraben, den bewacht ein ruheloser Geist, der ängstlich auf Erlösung hofft. Aber wer kann und soll diesen Schatz wohl heben und den Geist erlösen? Auf der Mauer steht ein Kirschbäumchen; das wird einst ein Baum werden, und der Baum wird abgehauen und daraus eine Wiege gemacht. Wer nun in dieser Wiege als ein Sonntagskind geschaukelt/ wird, wird erwachsen, aber nur, wenn er rein und jungfräulich geblieben, in einer Mittagsstunde den Geist befreien und den Schatz heben und über alle Maaßen reich werden, so daß er die Burg Raueneck und alle zerstörten Burgen in der Nähe wieder aufbauen kann. Wenn das Bäumchen verdorrt oder ein Sturm es bricht, dann muß der Geist wieder harren, bis abermals ein durch einen Vogel auf die hohe Mauer getragener Kirschkern aufkeimt und aufgrünt, und vielleicht zum Baume wird. Da mag sich wohl das Sprüchwort erfüllen: Harren ist langweilig, macht aber weise. Auch diese Sage hat noch an andern Orten ihren Wiederhall, wie unter andern dort bei Auerbach, wo an die Erlösung der Wiesenjungfrau die gleiche Bedingung geknüpft ward (Sage Nr. 58). (S. 678/9)

DSB Nr. 836: Der Seckendorfe Lindenkränzlein
Kaiser Heinrich II. hatte einen Leibjäger, der hieß Walther, den nannten sie den „schönen Jäger“ und war nicht allein bei jedermänniglich und bei dem Kaiser selbst beliebt, sondern auch sonsten. Einst jagte der Kaiser in den tiefen Forsten am rothen Main, und verfolgte hitzig einen Edelhirsch, da scheuchte er einen mächtigen Ur (= Auerochse, sk) auf, der sich ihm brüllend entgegenstürzte. Schon glaubte der Kaiser sich verloren, denn er war kein Jüngling mehr und wie weit er ein Mann war, mocht’ er wohl am besten selbst wissen, und zitterte vor dem Unthier um/ sein Leben, da warf sich Walther dem Ur entgegen, und stieß ihm den Jagdspeer durchs Herz, daß er röchelnd zusammenbrach; darauf erschellete er (= ließ erschallen, sk) sein Horn, da fand sich das Gefolge zusammen, das den Herrn aus den Augen verloren hatte, und sah den todten Ur und den erschrockenen Kaiser und den kühnen unerschrockenen Jäger. Den hieß alsbald der Kaiser niederknien und schlug ihn eigenhändig zum Ritter, brach von einem nahen Lindenbaum einen jungen Sproß mit acht Blättern, bog ihn in ein leichtes Kränzlein zusammen und sprach: dieß sei deines Geschlechtes Wappen fortan, ein ruhmreiches Siegeskränzlein, zum Preis der tapfern That, damit du deinem Kaiser und Herrn das Leben gerettet. – Darauf ritt der Herr mit allem Gefolge und dem neuen Ritter aus den Forsten nach Forchheim hinab, andern Tages aber gen Nürnberg, allwo er seinen und des Reiches Kanzlar Eberhard berief und ihn fragte, ob kein ritterlich Lehen anheimgefallen (= zurückgekommen, frei geworden sei, sk). Darauf eröffnete der Kanzlar dem kaiserlichen Herrn, daß ein Ritter, des Namens Cuno im Rangau am Flüßchen Zenn seßhaft, erbenlos abgegangen, der besaß ein Mannlehen, das hieß Seckendorf. imd dieses schenkte der Kaiser dem treuen Walther. Und ist selbiger der Ahnherr und Stammvater des hernachmals reichen und weitverzweigten Geschlechts derer von Seckendorf geworden. welche sich in nicht weniger als sechs Linien theilten, und dem Hochstift Eichstädt einen Bischof gaben. (S. 685/6)

DSB Nr. 839: Das scharfe Eck
Hart an Baiersdorf, zwischen Forchheim und Nürnberg, sieht man, von Nürnberg kommend, ganz nahe der ersten Stadt zur linken mitten in dem grünen Thale der Rednitz ein altergraues Ruinenschloß, vier Stockwerke hoch mit vielen Fenstern. Dieses Schloß hieß Scharfeneck, gehörte einst als Sommerlustort einem Abt, und barg in seinen Tiefen grauenvolle Kerker, in denen mancher Gefangene schmachtete und verschmachtete, und weil diese Armen so scharf behandelt wurden, nannte das Volk Schloß Scharfeneck: das scharfe Eck, und nennt es noch so. In der Ruine soll es gar nicht geheuer sein, zumal in der Mittags- und Mitternachtsstunde. Neugierige werden mit Steinen geworfen, oder durch Spukgestalten erschreckt, daher meidet das Volk den öden und verrufenen Bau.
Im markgräflichen Kriege, da der wilde Brandenburger Markgraf Albrecht Alcibiades diese Lande verheerte, hatte er das Schloß Scharfeneck als Eigenthum inne, und drangsalte von da aus die Umgebung weit und breit. So berannte er auch Kunreuth, das Schloß, welches zwei Herren von Egloffstein vertheidigten, da sie es aber nicht halten konnten, so kapitulierten sie auf freien Abzug der Besatzung, und räumten die Burg; der Markgraf aber ließ achtzig Landsknechte sothaner Besatzung festhalten, berief den Burgkaplan und gebot diesem, diese Männer zu absolvieren (= sie von ihren Sünden loszusprechen, sk). Als dies geschehen war, ließ er auf einem langen Gang der Burg Kunreuth die achtzig aufhenken, einen hinter dem andern, darum heißt derselbe Gang noch bis heute der Todtengang. Darnach nahm der Markgraf den Pfaffen und ließ ihn vor dem Schloß an der großen Linde, die noch steht, gleichermaßen auch henken; heißt noch die Pfaffenlinde. Die beiden Ritter von Egloffstein, welche glücklicherweise entkommen waren, nahmen aber für diesen schändlichen Mord eine empfindliche Rache an dem grausamen Markgrafen; sie sammelten neues Volk, ersahen ihre Zeit, und berannten Schloß Scharfeneck, nahmen es und brannten es aus, daß auch nicht ein Balken darin unverkohlt blieb. Nun steht der einsame Steinbau noch immer da, und „in den öden Fensterhöhlen – wohnt das Grauen." – (S. 687/8)

DSB Nr. 856: Dollinger und Krako
Zu Kaiser Heinrichs des Hunnensiegers Gezeiten hielt derselbe in Regensburg Hof und daselbst ein Stechen. Da kam unter Geleit ein freisamer Heide geritten, deß Name war Krako, der forderte die Ritterschaft zum Lanzenbrechen auf mit großem Uebermuth, und wer im Stechen auf Leben und Tod unterliege, dessen Seele sollte dem Teufel eigen sein, denn er hatte heimlich zwei Teufel in seinem Dienst, die ihn stark machten und nach Teufelart auf Christenseelen lauerten. Die Ritter aber alle schwiegen bestürzt und keiner wagte den Kampf anzunehmen, und der Kaiser fragte zornig: habe ich denn an meinem Hofe keinen Mann, der mit dem Heiden das Stechen darauf wagt, daß seine Seele, wenn sie ihn verläßt, dem Heiland unserm Herrn gehört, und mit nichten dem Teufel? – Da trat ein mannlicher Ritter hervor, Hans Dollinger geheißen – andere sagen, derselbe habe ob Hochverraths im Kerker gelegen, und sei zum Kampfe zugelassen worden, um gleichsam hier in einem Gottesgerichtskampf seine Seele zu lösen – und begann das erste Stechen mit dem gewaltigen Heiden, und da sah er in des Heiden Spiegelschild die zwei Teufel, die ihm kämpfen halfen, allen andern unsichtbar, und da stach der Heide den Dollinger vom Roß, daß er auf dem Rücken lag, wie ein gepritschter Frosch, und zu Jesu im Himmel hinein schrie, ihm von den Heiden und seinen Teufeln zu helfen. Da ritt der Kaiser zu dem Gefällten und hielt ihm ein Crucifix an den Mund, daß er das küsse, und von dem Kuß wurde der Dollinger frisch und gesund, und sprang auf, bestieg sein Roß und da thaten sie das zweite Reiten gegen einander, und stach der Dollinger dem Heiden die Lanze in das Ohr, wie der junge Königssohn am Rhein dem Heidenweibe sein Schwert (Sage Nr. 48), daß die Spitze zum andern Oehrlein wieder heraustrat, und der Heide vom Rosse fiel, wie ein Nußsack, und seine Seele dahin fuhr, wohin er sie verlobt, nämlich zu allen Teufeln. Hernach hat der Dollinger an seiner Herberge zu Regensburg sothanen Kampf in Stein hauen und abbilden lassen, das wurde auch ein Regensburger Wahrzeichen, ward auch vielfach gemalt und besungen in alten Liedern. (S. 701)

DSB Nr. 868: Teufelsmauer und Teufelsstraße
Wenn dort vor dem Harz einige vereinzelt stehende zerklüftete Felswände Teufelsmauern heißen, so ist doch deren räumliche und Längenausdehnung nur gering, hier aber im Altmühlgebiet sind Teufelsmauer und Teufelsstraße von erstaunenswerther Ausdehnung und Länge. Sie beginnen schon bei Pföring an der Donau, ohnweit Regensburg, durchstreichen das ganze Eichstädtische Gebiet und die Ansbachischen Aemter, aufwärts der Altmühl, ziehn über Berg und Thal, überspringen Bäche und Flüsse, und enden erst bei der alten Reichsstadt Wimpfen im Neckarthale; ihre ganze Länge wird auf dreißig Meilen angeschlagen, und es ist wohl außer Zweifel, daß die Teufelsmauer ein altes Römerbauwerk ist, dieß zeigen die zahlreichen Fundstücke an Gewaffen und Münzen. Sie war ohnstreitig das, was die Deutschen eine Landwehre nannten, deren als tiefe Gräben noch viele in andern Ländergebieten vorkommen, die Römer ein Vallum, einen Wall, eine Schutzwehr, und wohl theilweise auch Heerstraße. Der Mauergrund geht 5 – 6 Fuß tief in die Erde; heutzutage sind ihre Spuren nur noch wenig sichtbar; zwischen Ellingen und Pleinfeld erblickt man linker Hand an der Nürnberger Straße noch ein sechs Schuh hohes und eben so breites Stück über der Erde. In Gunzenhausen durchstreicht die Teufelsmauer die Vorstadt, dort sind noch Spuren eines Römercastrums. Eine Strecke weit heißt dieses Werk auch die Pfahlhecke, vielleicht vom Worte Vallum gebildet, vielleicht auch nicht. Zwei Nachbardörfer, eines dicht an der Pfahlhecke, führen die Namen Pfahlsdorf und Pfahlspoint. Eine Stunde von Uffenheim liegt auch ein Dorf Pfahlheim mit einem wunderthätigen St. Ottiliabild. Die Sage nennt diesen alten Mauerbau ein Werk des Teufels. Ein Bauer zu Gundelsheim, dessen Schlafkammer gerade über der Teufelsmauer stand, hat erzählt, daß er und seine Frau in tiefer Nacht vom Peitschenknall erweckt worden: ein Reiter hoch zu Roß sprengte am Ehebett vorüber, schreckliches Getöse hinter ihm drein, über hundert Pferde, zahllose rollende Wägen, viel Volks und ein Stimmengewirr wie beim babylonischen Thurmbau, alles wild vorüber, – das wilde Gejaig, und mit Blitzesschnelle, daß den Leuten noch die Haare zu Berge standen, wenn sie nur daran dachten. Solch eine Schlafkammer wird sich keiner wünschen. Und dergleichen wissen die Umwohner der Teufelsmauer gar viel zu erzählen. In manchen Dörfern haben sie sich die alte Teufelsmär örtlich zurechtgelegt und zugeschnitzt; wie die Steine der Teufelsstraße bei Ried, in der Nähe von Dollenstein und Kunstein. Dort lebte eine Bäuerin als Teufelsbuhle und Bündnerin, wurde ihm aber treulos in der Sterbestunde, und obschon der Teufel ihrer Seele gewiß zu sein glaubte, so ging es doch, wie bei Pape Döne (Sage Nr. 211), der Pfaffe überwand den Teufel und betete die Seele der alten Hexe in den Himmel hinein; damit noch nicht zufrieden, zwang er sogar den Teufel, vor ihm her bis Ried eine Straße zu pflastern, weil der Weg schwierig war wie dort die Straße zu Bommel, die Doctor Faust von seinem Teufel Jost pflastern, aber auch hinter sich wieder aufreißen ließ (Sage Nr. 141). Hier aber ließ der Pfaffe die Straße nicht wieder aufreißen, und der Teufel hatte die ganze Geschichte so satt, daß er vor Aerger von dannen fuhr, und die von ihm gebaute Straße in des Teufels Namen stehen ließ. Das nämliche wird auch erzählt von einem Stück Teufelsweg bei Ostendorf, da mußte der Teufel gar vor einem Reiter her in aller Hurtigkeit pflastern. Da hat er rechtschaffen geschwitzt. Als er`s satt hatte, reckte er einen Stein, darüber stürzte das Pferd, und der Reiter brach den Hals. So machte er es auch bei der Pfahlhecke; er hatte, wie dort am Harz (Sage Nr. 402), auch mit dem lieben Herrgott Theilung beschlossen, und wollte vor dem Hahnenkrähen ein Stück Land mit einer Mauer abgrenzen, hatte sich auch ein gätlich (großes, sk) Stück deutschen Landes abgesteckt, man weiß nur nicht recht, ob er das nördliche oder das südliche Stück für sich haben wollte, wahrscheinlich aber das südliche, weil er da den Pfaffensack München mit in den Kauf bekommen, – allein der Hahn krähete zu früh, und der Teufel zertrümmerte vor Aerger gleich selbst die ganze Mauer. Es geht auch die Sage, daß dieser Teufelsweg um die ganze Welt reiche und die Straße sei, die der ewige Jude laufen müsse, und alle sieben Jahre komme er wieder auf die nämliche Stelle. (S. 709/10)

DSB Nr. 879: Kinder-Wallfahrt
Im Jahre 1448 hat es sich zugetragen, daß zu Schwäbisch-Hall am Donnerstage nach Pfingsten plötzlich eine Sucht die Knaben überkam, nach Sankt Michael in der Normandie zu wallfahren, und gingen ihrer über zweihundert an der Zahl wider den Willen ihrer Aeltern auf einmal von dannen, denn sie wurden von dieser Sucht ganz schnell und plötzlich erregt, und ließen sich nicht einmal von ihren eignen Müttern halten, auch erfolgte bei einigen, welche mit Gewalt/ zurückgehalten wurden, alsbald der Tod. „War wohl," wie ein alter Chronikenschreiber sagt: „eine seltsame und wunderliche Begeisterung." Da sich die Knaben nicht halten ließen, so gab ihnen der für das Wohl der Stadtkinder besorgte Rath zum Geleit einen Schulmeister und einen Esel mit, damit ihnen nichts Böses zustoße.*) In so guter Gesellschaft mag wohl die weite Reise und Betfahrt glücklich von Statten gegangen sein. Nach der Hand erfolgte eine große Pest, und war es vielleicht Gottes Hand, welche den Knaben winkte, dieser zu entgehen. Wunders genug war es, daß diese Knaben so weit außer Landes begehrten und zogen, da es doch im Schwaben- wie im nachbarlichen Franken- und Bayerlande der berühmtesten Wallfahrtsorte eine übergroße Menge gab.
*) Senatus tamen eis asinum et Pädagogum attribuit, ne quid mali accideret. Crusii Annales. (S. 717/8)

DSB Nr. 891: Notburga
Der vorstehenden Sage (bezieht sich auf DSB Nr. 820: Grab der Jungfrau, sk) nahe verwandt ist die von der heiligen Notburga, der im Dörfchen Hochhausen eine Kapelle errichtet ward. Notburga war des Frankenkönigs Dagobert Tochter, der schirmte sein Reich gegen die Wenden und hatte Lager geschlagen auf dem Hornberg, andere sagen bei Mosbach. Da kam der Heidenführer Samo, und warb um der Christenjungfrau Hand, und gelobte, wenn er sie erhielt, sein Volk zurückzuführen. Da nun in des Heiden Begehren gewilligt ward, weigerte sich dennoch Notburga hartnäckig, die Seine zu werden, und als man sie auf das Heftigste bedräuete, entwich sie und barg sich in eine Höhle am jenseitigen Ufer des Neckar. Eine Hirschkuh folgte ihr und ernährte sie, aber der Koch ihres Vaters folgte der Hinde, und fand Notburga's Zufluchtsort, und zeigte ihn ihrem Vater an. Dieser kam nun selbst und wollte mit Gewalt seine Tochter am Arme aus der Grotte ziehen, da blieb ihr Arm in seiner Hand, und entsetzt entwich Dagobert. Zu Notburga kam eine Schlange, die trug in ihrem Mund ein Heilkraut, das heilte Notburga's Wunde alsobald, und Dagobert zog von hinnen. Zu der heiligen Einsiedlerin aber wallte das Volk in Schaaren, und sie lehrte ihm den Acker- und Weinbau, und des Friedens sanfte Künste. Endlich starb Notburga, von der ganzen Gegend als Heilige verehrt, und vor ihrem Tode ordnete sie an, daß ihr Leichnam auf einen mit Stieren bespannten Wagen möge in das Feld geführt werden, wie auch Sankt Sebaldus gethan (Sage Nr. 845) und die heilige Stilla, und wo die Ochsen mit dem Leichenwagen stille stünden, da solle man sie begraben. Solches geschah, und ward an die Stätte das Kirchlein zu Hochhausen erbaut, und Notburga's Steinbild in der Grotte aufgestellt, das hält in der rechten Hand die Schlange mit dem Heilkraut, der linke Arm fehlt, das Haupt schmückt eine Krone.
Den Jungfrauen selbiger Gegend muß eine absonderliche Neigung für Felsengrotten inne gewohnt haben, wenn nicht eine und dieselbe Sage nur in mannichfaltiger Umwandlung sich wieder gebar, denn wieder geht die Sage von einer Tochter des Grafen von Hornberg, Minna, die einem Ritter, Namens Edelmut, in heimlicher Minne sich zugesagt hatte, und ihrem Aelternhaus entfloh, um einer Verbindung mit einem andern Ritter, den sie nicht lieben konnte, auszuweichen, sodann mit einer vertrauten Dienerin in einem Nachen zur Nacht über den Neckar fuhr, und sich in der Felsengrotte mit dieser sieben Jahre lang verbarg, bis die arme Minna in sehnsuchtvoller unbefriedigter Minne sich verzehrte, denn ihr Edelmut kämpfte im heiligen Lande gegen die Sarazenen. Da er nun endlich heimkehrte, und die Geliebte suchte, fand er nur die trauernde Dienerin noch am Leben, und erbaute dann eine Burg, die er doppelsinng Minneburg nannte.
Was aber die heilige Notburga betrifft, so geht die Sage von ihr auch in Tyrol, im untern Innthale, auf dem Schlosse Rottenburg, dort soll sie als fromme Magd gedient haben, und als sie starb, trugen Engel die Seele in den Himmel. Auch dort zogen Ochsen ihre Leiche, und als sie über den Inn schritten, murmelten des Flusses sonst laut tobende Wellen nur ganz leise. Sie ruht alldort in der Kapelle des heiligen Ruprecht. (S. 726/7)

DSB Nr. 894: Melusine
Im badischen Lande heißt ein Wald der Stollenwald, darin auf dem Stollenberge eine alte Burgtrümmer liegt, in der Nähe aber steht Schloß Stauffenberg. Auf letzterem Schloß lebte eines Amtmanns Sohn, der hatte seine Lust am Vogelfang und ging einstmals in den Wald, Meisen zu kloben. Da vernahm er vom Stollenberg herab gar eine liebliche Stimme, welche sang, und ging ihr nach und sah im Gebüsch ein holdselig Frauenbild, das rief ihm zu:

Erlöse mich, erlöse mich!
Nur dreimal dreifach küsse mich! –
Wer bist du denn? – rief der Jüngling, und die Erscheinung sprach:
Melusine heiß' ich,
Himmel-Stollens Tochter bin ich! –
Küsse früh zur neunten Stund',
Furchtlos Wangen mir und Mund,
Dann soll ich erlöset sein,
Und bin mit meinem Brautschatz dein! –

Da sich nun der Jüngling das wunderbare Wesen näher besah, so befand er, daß Melusine wunderschönen Angesichts sei, blaue Augen und blondes Gelock habe, auch um den Oberleib gar lieblich und wohlgetan sei, aber mit Händen und Füßen war es nicht also beschaffen. Die Hände hatten keine Finger, sondern glichen offnen Düten, und Füße waren gar nicht vorhan-den, sondern ein Schlangenleib. Dennoch gab der Jüngling der Erscheinung die ersten drei Küsse ohne Bangen und sie äußerte eine Freude darüber, wie die Jungfrau im Heidenloch über den ersten Kuß (Sage Nr. 27), und dann verschwand sie. Am andern Morgen kam der Liebhaber wieder, zog ihrem verlockend süßen Liede nach, das ihm entgegenklang, und fand sie jetzt geflügelt und der Schlangenleib war grün geschuppt und lief in einen Drachenschwanz aus. Die Augen und das Antlitz Melusinens aber waren so wunderbar schön und strahlend, und es blühte ihm daraus und von dem kussigen Munde alles Verlangen so verführerisch entgegen, daß er dennoch ihr wieder die drei Küsse gab, und sie erzitterte vor Lust und Verlangen und rauschte mit den Flügeln ihm um's Haupt. Kaum konnte der Jüngling in der folgenden Nacht ein Auge schließen, alle seine Gedanken waren bei der glühenden, sinnlich schönen Gestalt, und früh vor Tage schon stieg er durch den Wald und zog der süßen Liedesstimme nach. Aber o weh – wo war das liebreizende Engelangesicht? – Verwandelt war's, und glich auf's Haar dem der Jungfrau auf dem Krötenstuhl (Sage Nr. 32), denn Melusine hatte jetzt einen Krötenkopf, und den mochte der Liebhaber mitnichten küssen, vielmehr gab er Fersengeld und lief, was er laufen konnte, und hörte sie lange hinter sich drein rascheln und wehklagend rufen. Nimmermehr ging er wieder auf den Stollenberg, vielmehr freite er ein Mädchen, das, wenn es auch nicht so zauberschön war wie Melusine, doch keinen Krötenkopf und keinen Schlangenleib hatte. Da nun das Hochzeitmahl auf Schloß Stauffenberg bereitet war, und alles recht fröhlich, spaltete sich oben in der Zimmerdecke ein klein wenig das Getäfel, und es fiel in des Hochzeiters Teller ein Tröpfchen, wie Thau, und niemand sah es, und wie jener den Bissen, darauf der Tropfen gefallen war, in den Mund steckte, sank er todt nieder, und oben zog sich ein kleiner Schlangenschweif durch die Ritze der Decke hinein. Aus war es mit der Hochzeit. (S. 729)

DSB Nr. 902: Sibyllenhöhle
Am Burgberge des alten Schlosses Teck, welches ein Stammsitz war der alten würtembergischen Herrscher, findet sich eine Felshöhle, welche die Leute das Sibyllenloch nennen und sagen, daß vor Zeiten eine der alten berühmten Sibyllen ihre Wohnung darin gehabt und geweissagt habe. Auch soll in der Höhle ein großer Schatz ruhen, und von einem schwarzen Hunde bewacht werden, gerade wie dort bei Eisenach in der verfluchten Jungferhöhle (Sage Nr. 473). Nicht selten nennt die Sage geisterhafte Baum- und Höhlenbewohnerinnen Sibyllen, wie die zu Eiserdort bei Glatz (Sage Nr. 657) und läßt sie weissagen, jedenfalls ein Nachhall allrunischer Zauberfrauen aus grauer Vorzeit, und erst durch die Sibyllenbücher entstanden.
Den Schatz in der Sibyllenhöhle am Berge Teck wollten im schmalkaldischen Kriege einige spanische Soldaten heben, die davon gehört, und waren diese Soldaten insgemein große Schatzfreunde. „Sie bekamen aber für ihre Mpühe einen sehr schlechten Lohn,“ berichtet treuherzig die alte Ueberlieferung, verschweigt aber, worin außer zerfetzten Kleidern und blauen Flecken selbiger Lohn bestanden. – Die Sibyllenhöhle soll bis herab nach Owen sich erstrecken, und hinein in das Erbbegräbniß der alten Herzoge von Teck. Eine zweite Höhle an der Teck (die Teck heißt der Berg), von weniger alterthümlichem und poetischem Rufe ist das Frena Bruklins-Loch, darin auch vor Zeiten eine Frau gewohnt haben soll, und zwar mit zwei Kindern, lange Zeit. – Man zeigt auch noch die Wagenspur der Sibylle, und nennt sie Sibyllenfahrt; alles Feld, darüber sie fuhr, bleibt vierzehn Tage länger grün, als das übrige Land. (S. 736)

DSB Nr. 904: Wirth am Berg
Wundersam erzählt die Sage den Ursprung des hohen königlichen Hauses Wirtemberg. Wie der alte Barbarossa nahe dem Kiffhäuser seine Rothenburg hatte, deren Trümmer noch steht, so war auch im Lande Schwaben ein Rothenberg und in dessen Nähe hielt der Kaiser Hofhalt mit seiner Prinzessin und seinen Wappnern. Da geschah es, daß die Prinzessin einen Dienstmann liebgewann, und er sie entführte, und harreten verborgen, bis der Kaiser hinweg gezogen war, dann baueten sie sich an am Berge, wie jener Grafensohn im Lahngau, der mit einer nicht ebenbürtigen Maid eine Mißheirath eingegangen war (Sage Nr. 72) und wirthschafteten am Bergesfuß und der Kaiser konnte nimmer erfahren, wohin sein Kind gekommen. Da er nun nach Jahr und Tag wieder in selbe Gegend kam, kehrte er ein bei dem Wirth am Berge, und der Tochter bebte das Herz, doch hielt sie sich unerkannt, bereitete aber des Kaisers Lieblingsspeise, die er so lange entbehrt, und die Niemand weiter gerade so zu bereiten verstand, wie sie. Da ward es dem Rothbart weh ums Herz und gedachte mit neuem Schmerz der entschwundenen Tochter, und meinte, sie müsse da sein, nur sie könne das Essen also bereitet haben, und rief aus: ach, wo ist denn meine liebe Tochter? – Da sind ihm die Uebelthäter aus Liebe flehend zu Füßen gefallen, daß er ihnen verzeihe, und ging es gerade wie bei Karl dem Großen und Eginhard und Emma, von denen ganz dieselbe Sage geht; der Kaiser war froh, daß er die Tochter am Leben fand, und verzieh. Schenkte dann seinem Schwiegersohn den ganzen Rothenberg, erhob ihn zu einem hohen Grafen, doch solle er den Namen Wirt am berg fortführen. Da erbaute der Wirt am berg auf den Berggipfel hinauf eine stattliche Veste und ward der Urheber des wirtembergischen Stammes. (S. 737)

DSB Nr. 906: Der Falkensteiner (Bild: Des Falkensteiners Ritt von Moritz v. Schwind)
Im Kinzigthale saß ein Ritter, Kuno von Stein geheißen, der zog in das heilige Land, doch mit dem Vorsatz, binnen Jahresfrist wieder daheim zu sein, und sagte das seiner Frauen, indem er hinzusetzte, so er nicht nach eines Jahres Ablauf wieder daheim sei, solle sie seiner auch ferner nicht harren. War es ihm Ernst mit dieser Rede, so machte er von vorn herein die Rechnung ohne den Wirth, denn so schnell ließ sich damals nicht nach Palästina fahren und wiederkehren. Zu allem Unglück wurde der biedre Ritter auch noch von den Sarazenen gefangen, und mußte im Pfluge ziehen, wie der Mann der getreuen Frau Florentina (Sage Nr. 87). Da erging es ihm, wie dem edlen Möringer, er hörte eine Stimme – nur daß es keine Engelstimme war – die ihm zuflüsterte, seine Frau gehe damit um, einen andern Mann zu nehmen, und das war ihm sehr störend. Da trat ein kleines Männlein zu ihm in sein Schlafgemach und bot ihm an, ihn gen Schwaben zu führen, wie Herzog Heinrich der Löwe en Braunschweig sei geführt worden, nämlich auf einem Löwen, und zwar ohn' allen Entgelt, so er nur auf der Reise und auf des Löwen Rücken nicht einschlafe. Da nun kein andrer Weg vorhanden war, der rascher heimwärts führte, als der dargebotene, so schloß der Ritter von Stein einen Pakt mit dem Männlein, und gab es ihm schriftlich und mit seinem Blut geschrieben, daß er nur für den Fall des Männleins mit Leib und Seele sein solle und wolle, wenn er einschlafe. Nun ging der Löwenritt durch die Luft von Statten, und war nicht kurz, und der Schlaf kam dem Ritter mächtig an, und drückte ihm auf den Augenlidern mit bleiernen Flügeln. Schon war er am Einnicken, da bekam er etwas in sein Gesicht, wie eine Watsche – es war aber nur der Schlag des Flügels eines weißen Falken, der über ihm flog, und ihn ermunterte, und dieses that der Falke so oft, als der Ritter dem Andrang des Schlafes nicht mehr widerstehen konnte, bis der Morgen graute und der Ritter seinen Stein erblickte, und bald darauf im Burghofe die Hähne krähten. Da krachte ein Donnerschlag, und der Löwe warf im Hof den Ritter ab, und verschwand mit einem Brüll, und des Ritters Pakt flatterte zerrissen aus der Luft in seine Hand. Auf der höchsten Thurmzinne aber saß der weiße Falke und kreischte, und breitete sein Geflügel dem/ Sonnenaufgang entgegen. Da rief der Ritter zum Falken Dank hinauf, und setzte dessen Bild hernachmals in ein Wappenschild und nannte sichnicht mehr einen Herrn von Stein, sondern einen Herrn von Falkenstein. Ob er zur Hochzeit seiner Frau mit einem andern noch gerade recht gekommen, sie zu verhindern, und ob bei ihr große Freude darob gewesen, oder nicht, davon meldet die Sage nichts Gewisses. (S. 739/40)

DSB Nr. 909: Sankt Meinrad
Zu Kaiser Karl des Großen Gezeiten war im Sülichgau ein Graf, des Namens Berthold, der versorgete seine Kinder in Klöster und wie er sonst konnte und mochte. Da ward ihm auch ein Söhnlein, das ward Meginhard, oder Meinrad genannt, das thaten die Aeltern frühzeitig auf die Insel Reichenau im Bodensee zum Abt Hatto. Später aber entwich Meinrad in eine öde Wildniß, in eine Einöde auf dem Etzelberg, erbaute allda eine Siedelei und diente Gott darin mit Gebet und Fasten sieben Jahre. Da nun vom Rufe seiner übergroßen Frömmigkeit angezogen, viele Menschen ihn aufsuchten, so hob er sich von dannen und zog in einen noch finstrern Wald, und nahm nichts mit sich als einige heilige Bücher, erbaute ein Kapellchen und lebte darin gottseliglich. Schon war der heilige Mann 26 Jahre in dieser Einsiedelei verblieben, nicht ohne mancherlei Versuchung und Anfechtung vom Teufel, da bewegte der böse Feind zwei gottlose Räuber, daß sie, indem sie Schätze bei dem heiligen Mann zu finden verhofften, ihn aufsuchten, in der Absicht, ihn zu ermorden und zu berauben. Freundlich empfing der fromme Meinrad die Männer, aber zwei junge Raben, die er aufgezogen, schrieen sehr und flogen den Mördern nach den Gesichtern. Meinrad war/ aber schon durch ein göttliches Gesicht (= eine Offenbarung, eine Vision, sk) offenbaret, daß er von diesen Mördern sterben müsse. Und es geschahe der grause Mord unter Wunderzeichen – denn als sich des Heiligen Sinn verdunkelte, rief er flehend nach Licht, und plötzlich umfloß eine von edlem Ruch durchduftete Helle Zelle und Wald. Entsetzt entflohen die Mörder, als der fromme Meinrad seine Seele ausgehaucht und seine Raben noch zu Zeugen dieser Unthat aufgerufen hatte, und siehe, die Raben folgten ihnen mit Gekreisch und schossen ihnen stets auf die Häufpter. Und da die Mörder gen Wolrow kamen, sahe die Raben ein Zimmermann, der sie kannte, denn er hatte Meinrad die Zelle gezimmert, und der Heilige war sein Gevatter, der schöpfte Verdacht, hieß seinen Bruder den Mördern folgen, und eilte nach der Einsiedelei. Da schmeckte er den süßen Ruch im ganzen Walde, und fand die entseelte Leiche und neben ihr brennende Kerzen, von Engelhand entzündet. Und darauf ist die ganze Unthat an den Tag gekommen, und die Raben wichen nicht von den Mördern und nicht von ihrer Richtstatt, bis sie gerädert waren, und dann verbrannt, und dann ihre Asche in das Wasser geschüttet, wie die des Paukers von Niclashausen (Sage Nr. 798). Das alles ist geschehen im Jahre 863 nach Christi Geburt, und wurde des heiligen Mannes Eingeweid auf dem Etzel begraben, sein Leichnam aber in dem Gotteshaus Einsiedeln, das sich am Ort von Sankt Meinrads Kapelle erhob und zu hohem Ruhm emporwuchs, und geschahen alldort große Wunder. (S. 741/2)

DSB Nr. 913: Der ewige Jäger in Schwaben
Fast mehr als in Flandern, im Ditmarschen-, im Harz-, Thüringer- und im Voigtlande sind Sagen vom ewigen und wilden Jäger im Schwabenlande heimisch und umgehend, und erscheint dieser Nachtspuk unter allerlei Gestaltung und Namen an überaus vielen Orten. Häufig wird er erblickt mit einem Hammer, damit er die Bäume zeichnet, wie zum Abposten oder Durchforsten; der Schlag seines Hammers giebt hellen, seltsamen Schall. An vielen Orten wird/ das Gleiche erzählt, was die Sagen von in die Sonne schießenden Jägern (Sage Nr. 176 und 500) melden, daß nämlich der ewige Jäger auch in des Teufels Namen in die Sonne geschossen, aber nicht am Sonnenwendetag, sondern in der Christnacht und am Charfreitag, Freikugeln damit zu erlangen, und so einer soll nahe bei Freudenstadt gelebt haben, der nun für seinen Frevel zu ewiger Nachtjagd verdammt ist. Ebenso im Buchwald bei Neuenburg, im wilden Gaisthale, nach Herrenalb zu, und im Enzthale auf dem Berge Heiminhart, und zwischen Wildbad und Dobel, da hört man ihn hetzen und die Hunde, die ihm bellend vorauslaufen, anrufen. Auf dem genannten Dobel wohnte einer, der hieß Neck, wie sonst die Wassermänner heißen, der erschoß viele Wilddiebe, und hatte daran seine große Freude; einmal erschoß er fünf auf einen Strich [sic] und noch dazu an einem Sonntag, wo jene sich ein apartes (= heimliches, sk) Vergnügen im Walde machten. Da wünschen ihm die Sterbenden das ewige Leben und einer, der auch Freikugeln hatte, schoß ihn mitten durch das Herz. Seitdem reitet er auf einem Hirschen durch die Forste und bellende weiße Hündlein begleiten ihn. Auch bei Pfalzgrafenweiler zeigt er sich zu Zeiten und schreit die Hunde an: hu dock dock dock, hu dock dock dock! – Sie nennen den ewigen Jäger in der Nähe von Wurmlingen auch Riesenjäger, nicht weil er die Riesen jagt, sondern weil er eine Riesengestalt ist; bei Siegmaringen heißt er Ruprecht, wie jener Pfarrer, der die Tänzer von Kolbeck bannte, und bei Kolbingen nennen sie ihn Hans, vermuthlich darum, weil so mancher Hans – denkt, er wäre auch ein Jäger. Viele meinen, der ewige Jäger und der ewige Jude wäre einerlei, weil nach mancher Meinung auch der ewige Jäger gleich jenem, um die ganze Welt laufen muß. Als einer einem alten Jüdchen das vorhielt, und fragte, was er von der Sage halte, lächelte selbiges ironisch und antwortete: nu, worum nit? Mer jagen aach (= wir jagen auch, sk). – (S. 744/5)

DSB Nr. 937: Herrgottstritte
In der schwäbischen Alb, im Aalbuch, über Heubach, liegt die Burgruine Rosenstein, auf einem steilen und schroffen Felskegel, der dennoch von wildem Rosengesträuch dicht überwachsen ist. In ihrer Nähe ist eine tiefe Höhle, die Scheuer geheißen, die sich eine halbe Stunde durch den Berg hindurch erstrecken und mit der Burg in Verbindung gestanden haben soll, So soll auch auf dem nahen Hoh-Berge eine Stadt, Hochstadt, oder Hochstädt vordessen gestanden haben, die mit der Burg durch eine lederne Brücke verbunden war, gerade wie auch die Burgen Kalenberg und Burgstall bei Friedingen an der Donau.
Auf Burg Rosenstein, gegenüber dem Scheulberg, hat Christus der Herr gestanden, und der Teufel zeigte ihm von da alle Herrlichkeit der Welt, und wollte, daß Christus niederfalle und ihn anbete – also geht die Sage. Aber Christus warf den Versucher in die nahe Teufelsklinge, und trat von dem Burgberge hinüber auf den Scheulberg (Schauelberg), hoch über das Thal von Heubach hinweg, und prägte seiner Fußtritte Spur beiden Felsen tief ein. Zu diesen Tritten ist hernachmals häufig gewallfahrt worden, ward auch ein Marienbild nahebei aufgestellt, aber die wirtembergische Regierung verbot in einem strengen Edikt vom 8. Juni 1740 das Wallen (= Wallfahren, sk) und ließ den Herrgottstritt auf Rosenstein mit Pulver wegsprengen, das gipserne Marienbild aber einziehen – Aberglauben zu verhüthen. In der Teufelsklinge mußte der Teufel tausend Jahre gefesselt liegen, und grimmige Thränen weinen, die als trübes Wasser aus ihr zu Tage flossen, nunmehr aber ist er schon längst wieder los, und spatziert hin, wohin es ihm beliebt.
Auf dem Scheulberg wachsen nahe dem Herrgottstritt Wetterkräutlein, vor denen scheuen sich die Gewitter, und zertheilen sich an seinem Scheitel. (S. 761)

DSB Nr. 942: Die Schlangen-Amme
Eine Frau aus einem Dorfe in Schwaben hatte ein säugendes Kind, und ging hinaus zur Heuet, legte das Kind in den Schatten und wartete ihres Tagewerkes. Da nun die Mittagszeit da war, ging sie zu ihrem Kinde, nahm es an ihre Brust, ließ es trinken, und entschlummerte. Als das Kind getrunken hatte, ließ es von seiner Labequelle und entschlief auch, und die Mutterbrust blieb offen. Da kam ein kleines Schlänglein geschlichen, das ringelte leise heran, und begann sanft zu saugen, und saugte sich ganz fest, und als die Frau erwachte, erfaßte sie ein tödtlicher Schreck, zu sehen, daß sie nicht nur nach dem Sprüchwort eine Schlange im Busen, sondern sogar am Busen nährte. Abreißen ließ sich die Schlange nicht, jeder gewaltsame Versuch, sie wegzubringen, konnte die Schlange zum Biß reizen, und den Tod herbeiführen. Gast und Last mußte daher von der Frau getragen werden. Der Schlange gedieh die Menschenmuttermilch wunderbarlich; sie schwoll mehr und mehr an, und war sie erst fingersdick gewesen, so wurde sie bald armsdick, und noch dicker, und es waren schon zehn Monate vergangen, seit das arme Weib die Schlange säugte, und begann nun zu verfallen und von Kräften zu kommen. Da kam ein Fremder von ohngefähr in das Dorf, der hörte von dem schweren Mißgeschick der Frau, und ging zu ihr, und sagte ihr, er wolle ihr von ihrer Bürde helfen, sie solle ihm nur in den/ Wald folgen. Dort zog der Mann magische Kreise, und nun zog er ein Pfeifchen hervor und begann darauf zu pfeifen. Darauf hat es im Walde geraschelt und gerauscht, und sind alle Schlangen gekrochen gekommen, und in die Kreise, und haben drin getanzt, und da ist die große und schwere Schlange, die so lang an der Frauenbrust gehangen, auch von ihr abgefallen, und hat in den Kreis gemußt und hat mit tanzen müssen. Wer war froher wie die Frau! – Hernachmals hat es sich begeben, daß dieselbe Frau, die sich wieder gut erholt hatte und wieder zu Kräften gekommen war, vor ihrer Thüre saß, und ihr Kind in den nahen Wald in die Beeren gegangen war. Da hört sie plötzlich die Leute schreien: ein Bär, ein Bär im Walde! eine Schlange! hu! eine Schlange! – Und denkt entsetzt ihres Kindes, und stürzt hin, da erblickt sie den Bären, und nahezu liegt ihr Kind und sie weiß nicht ob es tod oder lebendig, und der Bär stürzt brüllend zusammen, und der schlummernde Knabe erwacht. Eine großmächtige Schlange hat den Bären erdrosselt, als er das Kind packen wollte, und das ist dieselbige Schlange gewesen, welche die Frau mit ihrer Milch so stark und groß geschwellt, sonst hätte sie den Bären nimmer erdrücken können. (S. 764/5)

DSB Nr. 947: Spottnamen und Schildbürger im Norden
Im innern Deutschland denken wir Wunders, was für weise Lalenburger wir im Schwaben- und Frankenlande, in Schilda und Schöppenstätt, in Wasungen und Ummerstadt u.s.w. haben. Da schaut einmal hinauf nach Ditmarschen und Schleswig-Holstein, da ist des Volkes Necklust lebendig über alle Maaßen. Da sind die Jagler bei Schleswig, die heißen die tollen Jagler, wie auf dem Rhöngebirge die Einwohner des Dorfes Ditges die tollen Dittiser; die wollten einen Balken partout die Queere durch ihr Thor schaffen, bis sie einen Spatzen mit einem Strohhalm fliegen sahen, der den Halm zur Längst in sein Nest zog. Die Hotstrupper haben eine Scheuer, in der sie alle Dummheiten einheimsen und aufspeichern, daher das Sprüchwort gilt: geh nach Hotstrupp und laß dir die Narrheit verschneiden. Zu Gabel ging es mit einer Katze fast/ gerade wie zu Wasungen. Sie kauften solch ein rares Thier zum Mäuseausrotten für dreihundert Thaler. Als der Handelsmann fort war, fiel den Gablern erst ein, daß sie zu fragen vergessen, was denn dieses Thier fresse? (Zu Wasungen kam die Rückantwort: die Katze frißt alles, da entstand große Furcht, und man schaffte schleunigst die Katze wieder ab.) Dem reitenden nacheilenden Boten aber rief der Händler zu: Milch und Mäuse! – Nun pfiff gerade der Wind etwas stark, und der Bote verstand: Milch und Menschen! und brachte im Galopp diese Antwort zurück. Welch ein Schreck! Wie da zu rathen und zu helfen? Im äußersten Haus war schon die Katze, sie sollte von da reihum gehen, wie der Dorfspieß. Man wagte sich nicht an das menschenfressende Unthier, man steckte das Haus in Brand, da sollte es drinnen verbrennen. Als das Haus im schönsten Brennen war, wurde es der Katze zu warm darin, sie sprang daher geschwinde heraus und lief in das nächste. Das wurde auch angesteckt; die Katze sprang von da, weil es wieder zu warm wurde, in das dritte Haus, und immer so fort, bis kein Haus mehr da war, da lief sie über Feld, und kam nicht wieder. Die Gabler aber waren froh, daß sie die Katze und zugleich auch ihre Hausmäuse loswaren, wie jene Guten, die ihr Haus niederbrannten, um die Wolterkens (= Hausgeister, Zwerge, sk) sammt allen Wanzkern (= Wanzen, sk) los zu werden. Die Romöer sind auch eine kluge Sorte. Sie wollten gern ihre Kirche zwei Ellen weiter schieben, und meinten, da nur wenige Leute diese erbaut, so würden viele Leute die Kirche doch leicht fortschieben können. Damals trug man allgemein zu Romöe rothe Jacken; alle hatten welche, nur Paul Moders, ein armer Robbenfänger, hatte keine. Da sagte er, alle Romöer sollten sich an der Nordseite zum Schieben anstellen, an der Südseite aber eine Jacke zwei Ellen weit von der Kirche legen, damit man richtig sehen könne, ob die Kirche weit genug geschoben sei. Der Vorschlag gefiel, die Jacke ward hingelegt, und alles schob. Jetzt kam Paul Moders und schrie: genug! genug! haltet ein! Ihr habt die Kirche schon über die rothe Jacke hinüber geschoben, ihr Simsone[1], ihr! – Da waren die Romöer froh, daß es ihnen so wacker gelungen war. Am nächsten Sonntag wunderte sich Jedermänniglich (= jeder, sk), daß auch Paul Moders mit einer rothen Jacke in die Kirche kam, konnten gar nicht begreifen, wie der arme Thranschlucker zu einer rothen Jacke gekommen war.
Die Büsumer an der See, die sind auch von den Pfiffigen. Einstmalen gingen ihrer Neun zu baden, und schwammen wie die Enten. Jetzt hob sich der Vordermann und sagte: mine Jongens, ik mutt doch würftig mal tellen, ob ay noch all dohopen sünt.[2] Nun zählte er: einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ich bin ich, es muß beim Donner, einer versoffen sin! – Jetzt schwammen alle traurig zum Ufer; ein Fremder kam, dem klagten sie ihr Herzeleid, und der rieth ihnen, sie sollten sich niederlegen, und ihre Nasen in den Sand stecken, hernach die Löcher zählen. Selbiges thaten sie, hurrah! Da gab es neun Löcher, und keiner war versoffen. Den Mond wollten die Büsumer aus dem Brunnen schneiden, einen/ Hummer haben sie für einen Schneider angesehen, auf ein Feld säeten sie Kuhplapper, meinten von selbigen Eiern sollten Kühe wachsen. Ein Mann stahl ihnen einen weißen Mühlstein, lange zogen sie ihm nach, folgten seiner Spur bis nach Hamburg, thaten sich dort viel zu Gute auf Gemeindeunkosten, gingen auch in St. Michelskirche und erhoben auf einmal einen Heidenspektakel, indem sie überlaut schrieen: unser Mühlstein! unser Mühlstein! Der Herr Pastor hat ihn, hat sin Köpken (= sein Köpfchen, sk) durchgesteckt! – Sie hielten den großen und breiten runden Halskragen aus Battist, den die Mode den Geistlichen um den Hals gelegt, für ihren großen weißen Mühlstein.
Die Bishorster leitete ein Schalk an einem Seil in einen tiefen Brunnen, als sie nach gewohnter Weise die Christnachtmette besuchen wollten, und sich an dem Seile, das sie ausgespannt hatten, um in der Nacht des Weges nicht zu fehlen, forthalfen. So erzählen die Haseldörfer, Bishorst aber hat die Elbe nach und nach ganz hinweggefluthet.
Die Kisdorfer haben eine Sense, die ein Grasdieb liegen ließ, für ein gefährliches Thier angesehen, und eilend eingezäunt. Auch sie trugen, wie ihre witzigen Brüder in Deutschland, den Tag in Säcken in ein neugebautes Haus.
Die Fockbecker haben einen Teich mit eingesalzenen Heringen besetzt, meinten, über’s Jahr reichliche Brut davon zu haben. War aber gefehlt; als der Teich abgelassen ward, war kein Hering drin, nur ein großer Aal. – Das ist der Heringsfresser, der muß sterben! rief der klügste Fockbecker. Wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat! – schlug einer vor. Das ist nicht Strafe genug! – rief ein zweiter, der sich einmal gebrannt hatte. Verbrennt ihn! – Nein! schrie ein dritter, der einmal fast ertrunken wäre: brennen ist sehr schlimm, aber versaufen ist schlimmer. Wir wollen ihn in die Au schmeissen, und ihn versaufen! – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie, und wie der Aal nun im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der letzte Weise: seht ihr, wie er sich quält! Ja – das ist der schlimmste Tod, das Versaufen. – Wenn das Verdursten nicht noch schlimmer ist! rief einer, der gern das letzte Wort haben wollte.

[1] Humorvoller Plural des Namens Simson. Die Bibel erzählt von ihm als einem mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Helden (Ri. 13, V. 24-16).
[2] Meine Jungs, ich muss doch wirklich mal zählen, ob wir noch alle beisammen sind. (S. 173-175)

DSB Nr. 959: Vom edlen Möringer
Es gibt ein altes Lied vom edlen Möringer, das war ein freisamer (= tspferer, sk) Rittersmann, der saß zu Möringen an der Donau, und bat seine Frau um Urlaub, in Sankt Thomas Land zu ziehen, und sie möge sieben Jahre seiner Rückkehr harren, Land und Gut indeß verwalten und ihre Treue ihm bewahren. Und zu seinem Kämmerer sprach er: hüthe meiner Fraue sieben Jahre lang und wache über sie! – Da sprach der Kämmerer: Herr, lang ist der Frauen Haar, aber ihr Muth ist kurz, lang sind sieben Jahre und kurz sind sieben Tage, und doch möcht’ ich nicht sieben Tage euer Frauen Hüther sein. – Da redete der Ritter mit einem jungen Herrn, deß Name war von Neuffen, daß dieser der Frauen sorglich hüthe, und der gelobte es ihm in Treue an. Da hub sich der edle Möringer getrost von dannen und zog in fernes Land und bleib allda sieben ganzer Jahre. Und wie das siebente Jahr ablief, lag er in einem Garten schlummernd, da träumte ihm, er höre eine Engelstimme, die riefe ihm zu: Möringer, edler Möringer! Was säumest du allhie? Kommst du nicht bald zurück, so freit der junge von Neuffen dein Weib! – Von dieser Stimme erwachte erschreckend der Möringer, und erseufzete, und flehte zu Sankt Thomas, ihn zu retten aus so herber Schwere, und entschlief wieder in großem Kummer. Und wie er wieder erwachte, so blickte er erstaunt umher, denn die Landschaft kam ihm nicht mehr indisch, syrisch, persisch, portugiesisch oder spanisch vor, sondern ganz schwäbisch, und der theure Apostel hatte seinen treuen Jünger viel kürzer und mit viel mindern Umständen über Land und Meer in seine Heimath geführt, als der Teufel den Herzog Heinrich den Löwen (Sage Nr. 312). Der edle Möringer befand sich im Pilgerkleide vor einer Mühle, die sein war, und dicht unter seiner Burg klapperte, und trat zum Müller hin und fragte selbigen: Müller, was giebt es gutes neues hie zu Lande? Ich bin ein Wallbruder und komme von fern her. – Gutes giebt’s und Schlimmes, wie man’s nimmt! – erwiederte der Müller. Der Herr von Neuffen nimmt heint droben auf der Burg des edlen Möringers Frau oder Wittib zum Weibe, denn leider soll unser guter Herr in Sankt Thomas Lande Todes verfahren sein. – Da ging der edle Möringer zu seiner Burg empor,/ heischte Almosen und Imbiß und Nachtlager um Gottes und Sankt Thomas Willen, und um des alten Möringers Seele. – Als das die Burgfrau hörte, hieß sie den Alten einlassen und Speise geben und herbergen, so lange er wolle, denn sie war fröhlich in ihrem Herzen. Wie nun der Abend kam, sprach ein Dienstmann, daß des edeln Möringers Sitte gewesen sei, von einkehrenden Pilgrimen ein Lied zu begehren, und da rief gleich der Hochzeiter von Neuffen: rufet uns den Pilger, er singe uns ein Liedlein, bevor wir zu Bette gehen. – Und da kam der Pilgrim und sang: wie er zwar langes Schweigen gelobt habe, nun aber brächten schöne Frauen ihn zum Singen, und er bitte den jungen Mann, ihn an der alten Braut zu rächen und mit seiner Lauten in den Sang einzustimmen. Er sei alt und graubärtig, sie wolle einen jungen haben, er sei vor ein Herr gewesen, sei nun ein Knecht, und müsse ihm auf dieser Hochzeit eine alte Schüssel recht sein. – Dieser trübe Sang bewegte die Frau, und sie ließ dem Pilger nach der Sitte der Zeit einen goldenen Becher Weines darreichen, in diesen senkte er seinen Vermählungring, und sandte diesen in dem Becher der Frau zurück. Und da ging es, wie es bei Kaiser Karl des Großen Heimkunft ging (Sage Nr. 124), und bei der Heinrichs des Löwen: die Frau erkannte den Ring und den Gemahl, und stürzte ihm reuig zu Füßen, und schwur, daß sie bis diesen Tag noch ihre Frauenehre unverbrochen bewahrt, und wäre dem nicht so, so sollte er sie einmauern lassen. Dem jungen Herrn von Neuffen war am übelsten zu Muthe, er bot seinem Lehnsherrn das Haupt zur Sühne dar, der aber sprach: nicht also, Herr von Neuffen, nehmt meine Tochter, und die alte Braut laßt mir, ich will ihr selbst die Haut wohl beren (schlagen). Und da waren alle Theile zufrieden. (S. 778/9)

DSB Nr. 961: Die Schlange als Gast
Zu Lauingen haben ein paar arme alte Leute gelebt, denen ging es kümmerlich trotz allen Fleißes, und der Mann mußte selbst in den Wald gehen und allda sein Holz holen. Da er nun einstmals wieder in den Wald kam, hatte der Sturm einer starken Eiche einen mächtigen Ast abgebrochen, deß freute sich der Mann, und hob den Ast auf, ihn davon zu führen, da kam vom Baume her eine große Schlange auf ihn zu, und er stand ab von seinem Vorhaben und entfloh. Andern Tages aber ging er wieder hin den Ast zu holen, in Hoffnung, die Schlange werde sich nun an einen andern Ort hin begeben haben, allein er fand sie jetzt um den Ast geringelt, wie er diesen aufhob, und die Schlange steckte ihr kleines Köpfchen ihm ganz freundlich entgegen. Der Mann aber schauderte vor dem Wurm und ließ den Ast fahren und hieb sich ein Bündel kleines Holz, und trug dieß nach Hause, betrübt, daß ihm der schöne Ast entging. Als er daheim das Reisigbündel abwarf, so begann er zu seiner Frau zu sprechen, der er von dem Ast und der Schlange schon erst erzählt hatte: ich habe den Ast wieder nicht, denn die Schlange hatte ihn umringelt! – Indem so that die Frau einen lauten Schrei, und aus dem Reissigbündel glitt die Schlange heraus, und schlüpfte in das Haus und schloß Freundschaft mit der Katze und spielte mit ihr. Da meinten die beiden Alten, es möge wohl etwan ein Mensch wegen einer Unthat in die Schlange verzaubert sein und duldeten sie und gaben ihr Nahrung. Und die Schlange war nicht so undankbar wie jene im Märchen, die ihren Wirthen heimlich Gift in die Suppe spiee, sondern sie brachte eitel Glück und Segen in das kleine Haus; die Arbeit lohnte sich und nährte besser, der Erlös an Waldbeeren, welche die Alte sammelte, wurde ergiebiger und alles was die beiden Leute begannen, das mißrieth ihnen nicht, und so lebten sie mit der Schlange in stetem gutem Frieden, und wurden so alt wie Philemon und Baucis und starben auch mit einander nach ihrem beiderseitigen Wunsche zu gleicher Zeit. Und als sie gestorben waren, wurde die Schlange von keinem Auge mehr gesehen. (S. 780/1)

DSB Nr. 978: Liebe findet ihre Wege
Auf dem Chiemsee, nach dem Bodensee das größte deutsche Binnengewässer, liegen in nicht allzuweiter Ferne von einander zwei Inseln, die Herren- und die Fraueninsel, und auf jeder ein Kloster, dem Namen entsprechend. Da war auf/ Herrenchiemsee ein Mönch und auf Frauenchiemsee eine Nonne, die hatten einander geliebt, ehe sie das Klostergelübde abzulegen gezwungen worden, und liebten einander fort und fort, wie dereinst Hero und Leander sich geliebt, wo nur Hero eine Nonne als Priesterin der Aphrodite war. Und in dunkeln Nächten brannte hell ein Licht in der Nonnenzelle gegen Herrenchiemsee zu, und in des Sees mächtiger Fluth rauschte es leise, und es kam und schwamm herüber, und hob sich zum Strande und gewann die Zelle und sein Liebe. Aber stetig lauert der giftige Neid, der keinem und keiner heimliche Liebe vergönnt, und in einer stürmischen Nacht löschte er, nachdem sie recht hell geflammt, die Kerze in der Nonnenzelle aus, und der Schwimmer erreichte nimmer sein Uferziel, die Nixe des Chiemsees zog ihn in ihre Umarmung und warf im bleichen Morgengraun nur seine Leiche an die Fraueninsel. – Mitleidvoll gönnten die Nonnen dem todten Mönch ein Grab, und hatten bald neben ihm eine zweite Leiche zu bestatten. (S. 794/5)

DSB Nr. 987: Der Birnbaum auf dem Walserfeld
Auf dem Walserfeld, ganz nahe dem Untersberg, steht ein uralter Birnbaum, ganz dürr und abgestorben seit langer Zeit, und ist schon zum öfteren gar umgehauen worden, aber durch die Kraft des Allmächtigen wurde die Wurzel behütet und trieb wieder aus, daß der Baum emporwuchs. Von diesem Baume geht nun eine alte Weissagung, daß er dereinst wieder beginnen werde zu blühen und Frucht zu tragen. Wann aber dieses sich ereignet, dann wird der verzauberte Kaiser mit all' seinen Wappnern hervortreten aus dem Schooße des Untersberges, und es wird eine große und erschreckliche Schlacht des Glaubens halber geschlagen werden. Dieses geschieht aus göttlichem Verhängniß, weil kein Mensch mehr dem andern brüderliche Liebe erzeigen will. Wann der Baum beginnt zu grünen, wird diese Zeit der Noth nahe sein, wann er aber anfangen wird Früchte zu tragen, wird sich die Schlacht anheben, und der Fürst des Bayernlandes wird an den Birnbaum seinen Schild aufhängen. Auf dem Felde wird den Streitern das Blut rinnen bis an die Knöchel und in die Schuhe, und die Vornehmen (merk's) werden wünschen, insgesammt auf einem Sattel davonreiten zu können. Nur die guten Menschen werden von den Riesen des Untersberges geschützt und gerettet, die bösen aber alle erschlagen werden. So blutig soll die Schlacht sein, daß sie alles Volk zerstören wird, als welches gar schrecklich. Fürwahr, eine gräßliche Prophezeihung, klingt, als wenn 1848 ihr Geburtstag gewesen wäre. Die Guten werden davon kommen, das sind die mit den Schlapphüten,/ den rothen Federn und den Waldschrattbärten, die den bösen, vornehmen Menschen alle brüderliche Liebe zu erzeigen, und mit ihnen zu theilen trefflich geneigt sind. (S. 802/3)

DSB Nr. 1000: König Watzmann (Bild: Ludwig Richter Der Watzmann, 1824)
Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niedrigere Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über neuntausend Fuß hohe Watzmann. Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauen Zeiten her diese Sage.
Einst, in undenklicher Frühzeit, lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wütherich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust, und da sah zitternd sein Volk ihn durch die Wälder toben mit dem Lärm der Hörner, dem Gebell der Rüden, gefolgt von seinem eben so rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde, die Wälder, die Klüfte, verfolgte das scheue Wild und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns. Gottes Langmuth ließ des Königs schlimmes Thun noch gewähren./ Eines Tages jagte der König wiederum mit seinem Troß und kam auf eine Waldestrift, auf welcher eine Heerde weidete und ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin auf frischem Heu und hielt mit Mutterfreude ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte. Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Naturfrieden dieser Waldeinsamkeit; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, die warf sich des Königs Meute alsobald auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlugs, und ein dritter die schreckenstarre Mutter zu Boden riß. Der König kam indeß nahe heran, sah das Unheil, und stand und lachte. Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirte aus der Hüttenthüre und erschlug einen der Rüden, welcher des grausamen Königs Lieblingsgethier war. Darüber wüthend fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib erhoben und an seine Brust gezogen hatte und verzweiflungsvoll erst auf sein zerfleischtes Kind am Boden und dann gen Himmel blickte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungethümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott im hohen Himmel endete der Hirte, und wieder lachte und frohlockte der blutdürstige König. Aber alles hat ein Ende und endlich auch die Langmuth Gottes. Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder, und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Thale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wüthend in die Abgründe. Aber jener Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm, eine starre Zacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinken, ihre Kinder – in der Tiefe aber hart am Bergesfuß ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee, und die Alpe, wo die Hunde sich herabstürzten, heißt Hundstod, und gewann so König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Thaten den schlimmsten Lohn und hatte sein Reich ein Ende. (S. 812/3)


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  Impressum   Letzte Änderung: 16. Feb. 2012