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(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel)
*) Siehe Sagen des Rhöngebirges. (Verweis auf FSS Nr. 2.44, s.u., sk) (S. 32/3)
FSS Nr. 1.8.: Gozbert und Geilana
Der Frankenherzog Gozbert zeigte ein für die Christuslehre sehr empfängliches und offenes Gemüth. Er hörte mit Antheil und Aufmerksamkeit die Unterweisungen des heiligen Kilian, und gestattete, daß die heidnischen Götzenbildnisse auf dem Schloß und in der Stadt Würz/burg in den Main versenkt wurden. Diese Bildnisse sind nach vielen Jahren beim Bau der steinernen Brücke aufgefunden und dann lange Zeit hindurch bei den Graden am Domstift der Betrachtung blosgestellt gewesen, endlich aber hinweggekommen, daß Niemand weiß, ob sie noch irgenwo vorhanden sind. Hierauf führte Kilian die Anbetung des wahren Gottes ein, und Herzog Gozbert bekannte sich freudig zu dessen Lehre. Eines nur erregte die Unzufriedenheit des glaubenseifrigen Kilian; sein Schutzherr Herzog Gozbert hatte die Wittwe seines Bruders, Gailana, geeheligt, was den strengen Geboten der altchristlichen Kirche entgegen war, und er fürchtete deshalb für des Bekehrten zukünftiges Seelenheil. Der Heiige war vorsichtig genug, mit seinem Bedenken nicht gleich Anfangs, als er Gozbert bekehrte, hervorzutreten, denn er mußte fürchten, für ein unstatthaftes Ansinnen sammt seinen Gefährten außer Landes verwiesen zu werden, sondern er wartete die günstigere Zeit ab, wo Gozbert im neuen Glauben fester war, dann aber deutete er diesem eben so bescheiden als entschieden an, er müsse sich von seinem Weibe trennen, weil es dem christlichen Gesetz zuwider sei, des Bruders Wittwe zur Frau zu haben. Diese könne bei Verlust seines ewigen Heils nicht beibehalten werden, und sei folgsam abzuschaffen. Kilians Worte sollen diese gewesen sein: Theurer Sohn Gozbert, Du bist nun Christ, und in allen Dingen Gott wohlgefällig geworden, bis auf das eine, was Dir zu allermeist zu thun obliegt, nämlich, daß Du Dein Weib entlässest, mit welchem Du Dich unrechtmäßig vermählt hast, indem Dir nicht zusteht, Deines Bruders Frau zur Ehe zu haben./
Dieser Antrag des Gottesmannes überraschte und befremdete den Herzog Gozbert nicht wenig. Er liebte sein Weib von Herzen, und seine tiefgewurzelte Liebe widersetzte sich heftig, sich von Gailana zu scheiden. Nach einem langen und schweren Kampfe und dem schwankenden Entschluß, ob er lieber seine Gemahlin verstoßen, oder lieber dem neugewonnenen Glauben entsagen solle? wußte Kilian die Entscheidung zu Gunsten des christlichen Gesetzes zu lenken; der Herzog beschloß die Trennung von Gailana, und würde sie sofort vollzogen haben, hätten ihn nicht wichtige Sachen auf eine Zeitlang aus seiner Stadt hinweggerufen. Der Herzogin Gailana war indeß der Rath, den Kilian ihrem Herrn und Gemahl gegeben, nicht verborgen geblieben, und es ergriff sie ein gerechter Zorn über die frommen Männer, denen nicht minder im Geist ahnete, was sie von Gailana zu befahren hatten, die ein heftiges, und männlich gesinntes Weib war. In einer Nacht hatten die Sendboten des neuen Glaubens die Erscheinung eines über die Maaßen an Gestalt und Kleidung schönen Mannes, der ihnen ihr Märtyrerthum voraussagte, und als dieser entschwunden war, drangen die von Gailana bestellten Mörder herein, und enthaupteten Kilian, Kolonat und Totnan. Dieses geschah am achten Tage des Juli im Jahr 688. Gailana bot alles auf, ihre Unthat geheim zu halten. Sie ließ die Enthaupteten am Ort ihres Todes in eine Grube legen, und in diese zugleich alles, was sie an Büchern, geheiligten Kleidern, Gefäßen und einem Christusbild bei sich gehabt, einschließen. Niemand wußte um das Geheimniß, als die Thäter, und eine christliche Matrone, Namens Burgunda, welche die Mordthat/ wahrnahm, indem sie während derselben ohnweit der Stelle, wo dieselbe verübt ward, noch im Gebet wachte. Nachmals besuchte sie den Ort oft im Geheim, weinte und betete dort, Gailana aber, welcher das erwachte Gewissen keine Ruhe gönnte, ließ die traurige Stätte in einen Roßstall verwandeln. Und dieses war derselbe Ort, wo noch heute unter dem Collegiat-Stift Neumünster zu Würzburg in der Krypte die Grabstätte der Märtyrer gezeigt wird. Als Herzog Gozbert von seiner Fahrt zurückkehrte, war sein erstes Sehnen und Verlangen nach Kilian und seinen Gefährten, aber Niemand wollte von ihnen etwas wissen, am wenigsten Gailana. Da geschah es aber, daß einer der Mörder unsinnig (= wahnsinnig, sk) wurde, und sich mit lautem Geschrei dazu bekannte, das Blut der Priester vergossen zu haben. Er tobte und wüthete über alle Maaßen, fiel sein eignes Fleisch an, und gab den Geist auf, bei seinem Bekenntniß bleibend. Der zweite Mörder wurde bald darauf ebenfalls rasend, und erdolchte sich. Und Gailana selbst verfiel in tobenden Wahnsinn, und schrie es unter fürchterlichem Geheul aus, daß sie von Kilian, Kolonat und Totnan ob ihrer Mordanstiftung unsäglich gepeinigt werde. Unter entsetzlichen Qualen entfloh ihre Seele.
Danach geschah es abermals, daß viele Franken wieder in ihre Heidengräuel zurückfielen, und das Land zumeist heidnisch blieb, bis Gott den frommen Winfried (= Bonifazius, sk) sandte, welcher im Geleit seiner Gefährten und Gefährtinnen dem Frankenlande ein zweiter, dem Thüringerlande aber der erste Apostel und Glaubensherold ward. (S. 33-36)
FSS Nr. 2.7: Wald ohne Wipfel
Vom Walde bei dem Dorfe Schwarzbach und um das Jagdschloß Zillbach geht diese Sage: Einst ward eine Jungfrau im Amte Sand, der Zauberei bezüchtigt, durch die Folter zum Geständniß gezwungen und zum Tode nach Friedelshausen, dem ort des Centgerichts geführt. Auf ihrem Todesgange und nahe am Scheiterhaufen betheuerte sie mit tausend Thränen ihre Unschuld. Der weit über die Gegend verbreitete Wald rauschte schauerlich mit seinen hohen Baumkronen und mächtigen Wipfeln, da rief sie zu mehreren Malen: Dieser Wald soll es zeugen, daß ihr eine Unschuldige in mir gerichtet! Kranken und verdorren sollen seine Wipfel, so wahr ein Gott lebt, der meine Unschuld kennt.
Alle, die das hörten, erschraken über diesen Fluch der bezüchtigten (= bezichtigt, angeklagt, sk) und verurtelten jungen Hexe, und glaubten nur um so mehr an ihre Bosheit, und der Scheiterhaufen flammte.
Aber sie war dennoch unschuldig, und man nahm es mit Schaudern wahr, als nun die hohen Wipfel der Waldung wirklich zu kranken begannen und mählich abstarben, und alle alten Bäume ohne Wipfel standen. Der junge Nachwuchs zwar hebt sie stolz und frei, aber zu einer gewissen Zeit, und ehe die Bäume noch ein hohes Alter erreichen, dorren die Wipfel ab.
Man hört aber auch manche Leute sagen, der weite große Wald sei vor alten Zeiten durch ungetreuer Räthe und Diener Hülfe und Practiken, seinem rechten Herrn,/ in dessen Lande und auf dessen rechtzuständigem Grund und Boden er doch liege, abgedrungen worden, und an einen andern Landesherrn gekommen, und weil darüber viel Zwist und Uneinigkeit sich erhoben, auch die Unterthanen des einen durch Wild und Wald des andern viele Beschwerniß erlitten hätten, so wäre der letzte schon viele tausend Male verwünscht worden, und würde es immer noch, deshalb könne kein Gipfel grün bleiben. (S. 52/3)
FSS 2.9: Das Kuppenfrauchen
Auf der Stoffelskuppe (Christophskuppe), welche sich über Roßdorf und der Umgegend in der Nähe des Bleß hoch und steil emporgipfelt, ragt neben einigen niedrigen, ein hoher Basaltfelsen nackt und steil empor. Diese Felsen sind der Rest eines verzauberten Schlosses, in welchem das sogenannte Kuppenfrauchen wohnt, und am großen Felsen ist der, freilich unsichtbare Eingang in die Schatzhöhlung, welche, bis jetzt noch unentdeckt, unter der Kuppe sich befindet. Das Kuppenfrauchen ist ein altes alsfort verwünschtes Wesen, das sich von Zeit zu Zeit droben um den Berggipfel sehen läßt, und den Wanderern winkt. Einst hütete dort ein Hirte, der sah das Frauchen, und das Frauchen sah ihn und winkte ihm. Zaghaft schreitet er näher, folgt der Erscheinung aufwärts, sie zieht sich in den offenstehenden Fels zurück, immer winkend, er folgt nach, und drinnen stehen ganze Fässer voll Dukaten. Das Frauchen winkt, zuzulangen, und der erfreute Hirte füllt sich alle Taschen. Wie er wieder heraus ist und ganz glücklich über seinen Reichtum, will er schon anfangen, und zählen, was er mit vollen Händen eingerafft, und greift hastig in die Taschen, da sieht er, daß er eitel verschimmelte Erbsen trägt, thut einen Fluch und wirft sie alle mit einander auf die Trift. Zu Hause visitirte er nochmals, er fühlt noch ein Paar, die durch ein Loch ins Futter gekrochen, grübelt (= fingert, puhlt, sk) sie hervor, und siehe, es sind wieder Dukaten. Jetzt eilig hinauf auf die Kuppe, an den Ort, wo die Erbsen weggeworfen wurden. Schweißtriefend kommt er an, schon von weitem sieht er den Platz, und o Freude! alles goldgelb, wie verstreute Dukaten.
Wie er nahe dabei ist, sind's kleine goldgelbe Schwämme (= Pilze, sk), und weder Golderbsen noch Dukaten! Da verwünschte er das verwünschte Frauchen noch etliche Mal, und Wald und Weg, und am meisten seine Einfalt. (S. 54/5)
FSS Nr. 2.13: Die Schwerbeladenen
Unter der Stoffelskuppe ist es auch nicht sicher; eine große Blöße heißt die Kuh-Eller; dort hüten die Roßdorfer Hirten. Eines Abends wandelte der Roßdorfer Schulze über diese Berges-Trift, da erblickte er auf der Waldblöße im Dämmerlicht zwei dunkle Männer, die in einiger Entfernung von einander gleichmäßg schritten, war froh, Gesellschaft zu finden, und näherte sich ihnen eilend. Jetzt entdeckte sein Auge, daß die beiden Männer einen übergroßen und mächtigen, baumartigen Balken auf ihren Schultern trugen, unter dessen Last Beide fast erlagen, und daß kaum zu begreifen war, wie ihrer Zwei eine so entsetzliche Last zu tragen vermochten. Deß wunderte den Mann gar sehr, daß in so später Stunde an so einsamer Stelle noch Jemand also bemüht war und er rief die Tragenden an mit lautem „Hollah! Wer seid ihr? Wo hinaus?" Die Männer hörten ihn nicht und antworteten ihm nicht. Noch einmal rief er: „Wer seid ihr, worauf geht ihr zu?" Tiefes Schweigen. Nun rief der Schulze zum dritten Mal noch lauter: „Heda ihr Männer? Wo wollt ihr hin?" Da scholl gleichzeitig von Beiden wie aus einem Mund und mit überaus schrecklicher Stimme die Antwort: Nach Ungnadhausen! (= volkstümlicher Ausdruck für die Hölle, sk) Und die Männer wandelten hin, und verschwanden in die Nacht. Dem Frager aber kam ein übermächtiges Grausen an und er konnte, so lange er lebte, welches nicht gar lange mehr war, jenen Ton und jenes Wort nicht vergessen, das wie eine Stimme des jüngsten/ Gerichtes erklungen war. Auch Andere haben bisweilen jene Schwerbeladenen über die Waldblöße wandeln sehen, doch sich wohl gehütet, sie fragend anzureden. (S. 58/9)
FSS Nr. 2.14: Die fliegenden Knaben
Es war am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als an einem Spätherbsttage drei muntere Knaben ohnweit des Städtchens Lengsfeld und zwischen diesem und dem Baier auf immergrüner Waldwiese eine Anzahl Rinder weideten. Kaum war die Sonne gesunken, die noch ihre letzten goldnen Strahlen auf den hohen nachbarlichen Berg warf, so fachten die Knaben nach ihrer Weise ein Feuer an, und stachen Rasen ab, um sich eine Bank zu bauen, auf welcher sie vertraulich und sich am Feuer wärmend, sitzen wollten. Wie es nun oft zu geschehen pflegt, daß heitre unbedachte Jugend in lächerliche Wünsche ausbricht, deren Erfüllung schier unmöglich dünkt, so auch hier. Einer sprach: „Wäre doch dieses Stück Rasen ein Stück Eisenkuchen!"*) Kaum war dieser Wunsch laut geworden, so trat schon ein unbekannter Mann auf die Trift (= Wiese, Weide, sk), begrüßte die jungen Hirten und sprach: „Hört, ihr habt Eisenkuchen gewünscht! Hier habt ihr solche, laßt sie euch schmecken!" Und theilte Eisenkuchen unter sie/ aus. Freudig und begierig ward die Spende angenommen und verzehrt, und der Mann erbot sich, sie täglich mit solchen Kuchen zu erfreuen, wenn er nur wüßte, auf welchem Hutplatz (= Weideplatz, sk) sie immer anzutreffen wären. Die Knaben nannten den Platz, wo sie am nächsten Tage hüten würden, und der Unbekannte hielt sein Wort, und brachte das für die Knaben so leckere Mahl am nächsten Abend ihnen wieder. Als das verzehrt, und der Mann hinweggegangen war, trat eine alte Frau aus Lengsfeld den Knaben nahe, und bat sie, doch einmal mit ihr zu dem nahen Thalbrunnen zu gehen, sie wollte ihnen dort etwas zeigen. Die Knaben willfahrten ihr, wurden aber nichts gewahr, als daß die Alte sie mit dem Wasser des Brunnens besprengte, und unverständliche Worte dazu murmelte, weßhalb sie ihr bald entliefen und mit Gelächter zu ihrer kleinen Heerde zurückkehrten und diese wohlgemuth nach Hause trieben. Am dritten Tag trafen sich die Knaben früh Morgens auf dem Weg zur Schule, grüßten sich munter, und der eine sprach zu dem andern: „Höre, ich fühle mich heute so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, wie ein Vogel!" „Ich auch, ich auch!" riefen die beiden Andern, und da hoben alle Drei die Arme empor, und flogen. Sie flogen auf die kleine runde Mauer, die den Marktplatz umzog, und über dieser gegenseitig hin und her, zum größten Erstaunen aller ihrer indeß sich zahlreich versammelnden Schulkameraden. Die Kunde dieses wunderbaren Ereignisses durchdrang mit Blitzesschnelle das Städtchen und kam auch zuletzt zu den Ohren des Kantors, der nach beendigter Schulstunde die drei Knaben aufrief, ihre Kunst auch in der geräumigen Schulstube zu üben. Sie traten/ auf den Tisch und flatterten von ihm herab und schwebten auf und nieder. Den Kantor überfällt ein Grausen und er entsendet eilig einen Boten zum Oberpfarrer und Inspector, und läßt den geistlichen Hirten bitten, zur Schule sich zu bemühen, und selbst Zeuge eines nie erhörten Wunders zu sein. Der Geistliche kommt und staunt, und nimmt die Knaben scharf in das Verhör, denn er wittert Satans Trug und Tücke. Diese erzählen treuherzig alles, was sich mit ihnen begeben, und fügen noch dieses hinzu: „In der vergangenen Nacht machten wir uns den Spaß, und setzten uns zu Dritt auf einen Schimmel, der in unsers Nachbars Scheuer stand. Kaum spürte uns das Pferd, so setzte sich's gegen unsern Willen in Trab und brachte uns an einen Ort, allwo es uns sehr wohl gefiel; dann brachte es uns wieder nach Hause, und darauf fühlten wir uns so leicht." Der Oberpfarrer ging bestürzt hinweg, um dem Gerichte Anzeige zu thun, damit dieses sich der sicherlich Behexten bemächtige, und ihnen den Proceß mache, denn fliegen zu können, schien ihm ein arges Verbrechen.
Mittlerweile kamen die Knaben arg- und sorglos, und ihrer Fliegekraft froh, nach Hause, den Ihrigen das Wunder selbst zu verkündigen oder zu bestätigen. Der Vater des einen der Knaben war der Scharfrichter, hieß Michael Weber, erzürnte sich sehr über die Kunde, die er schon vernommen, glaubte sein Kind sei ein Teufelsbündner, und beschloß, den Sohn zu opfern. Daher schwang er, als dieser vor ihn trat, das Richtschwert, und schlug ihm das Haupt ab. Zwei weiße Ströme Milch sprangen statt des Blutes zur Decke, und dem Scharfrichter entsank das Schwert./
Die zwei andern fliegenden Knaben, als sie das gesehen, hoben sich auf und davon, und Niemand hat sie jemals wieder erblickt, und so kam keine Aufklärung über den tiefräthselhaften Vorfall zu Tage. Er ward vergessen, verklang zur Sage, und nur der Brunnen, wo das alte Weib die Knaben besprengt, heißt von jener Zeit an der Hexenbrunnen.
*) Ein in jener Gegend beliebtes Backwerk aus Mehl, Fett und Eiern, das auf einem erhitzten Eisen von runder Form gebacken wird. (S. 59-62)
FSS Nr. 2.17: Die Wunderblume am Baier
Ein Kützenmacher*) ging einst am Baier da vorüber, wo man es bei der Schacht nennt, da fand er eine Blume von ausnehmender Schönheit. Er pflückte sie ab, und da er an die Wand der Schacht kam, so öffnete sich eine Thüre zu einem weiten und geräumigen Gewölbe. Der Mann trat hinein, und sah eine Menge Fässer, die mit Erbsen, Korn, Waizen, Gerste und andern Feldfrüchten gefüllt, in Reihen standen. Er legte/ die Blume, die er in der Hand hielt, auf ein Faß, und steckte sich einen Brodsack voll Erbsen, die ihm ein willkommenes Gericht abgeben sollten. Als er sich genug und sehr verwundert in dem Gewölbe umgeschaut, schickte er sich an, herauszugehen, da hörte er plötzlich eine Stimme laut rufen: Vergiß das Beste nicht! Darüber erschrickt der Kützenmacher so sehr, daß er eilend herausspringt, und hinter ihm schließt sich mit Donnerkrachen der Bergeseingang, hinter ihm aber schießt jählings ein schwarzer Hund her. Voll Angst schüttet der Mann seinen Sack mit Erbsen wieder aus und der Hund frißt sie alle auf, und bleibt zurück. Zu Hause angelangt, klingelt noch etwas im Sack. Er schüttelt ihn aus und es rollen einige goldne Erbsen auf die Diele. Hätte er die Blume nicht im Berge vergessen, konnte er überreich werden.
*) Kützen, Tragkörbe verschiedner Formen mit Achselbändern, zum Tragen auf dem Rücken. (S. 66/7)
FSS Nr. 2.23: Der Weiber Wetzstein zu Kalten-Westheim
Kalten-Westheim liegt zwischen Kalten-Nordheim und Oderweid westwärts und ist ein ansehnliches Dorf, weit und breit berühmt ob seines Weiber-Wetzsteins. Von diesem schreibt ein Hennebergischer Historiker folgende ausführliche Relation:
„Wann man oben zu dem Dorff hinein reitet, so stehet lincker Hand der Straße ein Sand-Stein wie eine viereckigte Säule gehauen, etwa 3 Ellen hoch, welcher vor wenig Jahren neu aufgerichtet worden, weil ein Schalck zu Nachts den vorigen heimlich weggetragen hatte.
Und das ist der Wetzstein, an welchem aber Niemand zum Schabernack oder raillerie wetzen darf. Denn wo einer dieses thut, und man wird deßen inne, so kömmt von Stund an die ganze Schaar der Weiber im Dorffe, denen eine Frau als Oberhaupt commandiret, die Stein-Schulzin genannt, welche ausdrücklich zu diesem Amte erwehlet wird, herbei gelauffen, mit ihrem Gewehr, wie sie es nennen, von Holtz gemacht, darunter eine große lange Beiß-Zange, Gabeln und dergleichen militairische Werckzeüge; diese verfolgen nun den Thäter so lange, bis sie ihn erhaschen, da er denn mit der Zange angefaßt, zum Wasser geführet, und gebadet wird, er mag nun wollen oder nicht; wehret er sich, so bekömmt er noch Stöße darzu, und muß doch hernach diese vexirerey mit einer Geld-discretion ablösen. Ihm wird überdieß ein StrohCrantz aufgesetzt, und ein Bund Heu vorgelegt; Und mit solchen Possen legitimiren die Weiber/ ihr vermeindes Privilegium, bey muthwillig veranlaßeter Gelegenheit, welches, der gemeinen Rede nach, sie daher erlanget, weil zu der Zeit, da obbenahmter Fürst Henrich von Henneberg mit seinen Vettern in Unfriede gelebt, diese aber einst das Schloß zu Kalten Northeim belagert, unter andern auch die Weiber von Kalten Westheim daßelbige dermaßen wohl defendiret, daß die Feinde unverrichteter Sachen abziehen müßen. Dahero als Fürst Henrich ihnen eine Gnade zu thun angebothen, sie nichts mehr als dieses seltzsame Privilegium verlanget, und auch erhalten. Der Brief selbst aber, saget man, wäre im Dreyßigjährigen Krieg verlohren worden. Einmahl ist gewiß, daß es niemand noch bis dato wagen darf, an den Stein zu wetzen, will er sich nicht gezwungen sehen, wenn man es gewahr wird, der obbeschriebenen vexation zu unterwerffen, immaßen denn, wie ich von glaubwürdigen Augen-Zeugen versichert worden, des Höchstseel.(igen) Herzogs zu Sachßen Eisenach Herrn Johann Georgen Hochfürstl.(iche) Durchl.(aucht) zu mehr mahlen dergleichen Ergötzung mit einem oder andern von Dero Svite (= Gefolge, sk), angestellet hat. Nebstdem hat der Wetzstein auch diess vor sich, daß ihn niemand weder loben noch schelten darff, so lange man im Dorff ist; denn wer das thut, der hat ein gleichmäßiges Tractament zu gewarten. Dahero sagt man im Sprüchwort: Mann muß ihn nur gehen laßen, wie den Kalten Westheimer Wetzstein, das ist weder loben noch schelten. Item, sagt man von einem wunderlichen und morosen Menschen, dem es niemand recht machen kann: Bistu doch wie der Wetzstein zu Kalten Westheim; als welchen man nicht krumm ansehen, viel weniger loben oder schelten darff." (S. 72/3)
FSS Nr. 2.24: Burg Auersberg
Auf einem Basalthügel zwischen Tann und Hilters, doch dem letztern Orte näher, stehen noch die Ruinen der ehemaligen Burg Auersberg. Ein reiches Geschlecht soll sie in Vorzeittagen bewohnt und die Gegend beherrscht haben, das in vielfache Fehden verwickelt gewesen, aber nunmehr gänzlich verschollen ist. Das waren die Herren von Nithardishausen. Im Jahr 1554 erbaute Bischof Albrecht von Würzburg hier ein neues Schloß, worauf Herren von der Tann später als Amtleute wohnten. Die Sage erzählt, daß der letzte Sproß des Geschlechtes der Herren von Auersberg eine kinderlose Wittwe war, die einsam in der öden Burg gewohnt. Eines Tages hatte sie eine Lustfahrt in der Gegend gemacht und kehrte heim, als ein starkes Gewitter sich in das Ulsterthal ergoß, wodurch der kleine, aber nach heftigen Wettergüssen oft sehr reissende Fluß mächtig anschwoll. Schon sah sie ihren heimathlichen Wohnsitz liegen, und gebot ihrem Kutscher, den Fluß an der gewohnten Stelle zu durchfahren; der aber weigerte sich deß, weil die Ulster allzuschnell durch das Thal schoß und übergetreten war. Die Herrin trieb ihn aber mit harten Worten an, hindurch zu fahren, und so gehorchte er zu ihrem Verderben. Die Wellen rissen den Wagen um, der Kutscher rettete sich mit den Pferden nur mit Noth, und die letzte Frau von Auersberg ertrank.
Nach andrer Sage aber hatte es mit dem Tode der letzten Herrschaft folgende Bewandtniß: Im Schweden/kriege nahm der letzte katholische Besitzer eine Abtheilung der Truppen in das Schloß, welche gegen die Schweden kämpften. Darüber aufgebracht, berannten die Schweden Auersberg und nahmen die Burg ein. Die Gemahlin des Ritters floh, fand aber in den Fluthen der angeschwollenen Ulster den Tod, wo noch ein Steinkreuz den Ort bezeichnet, an welchem sie mit ihrem Wagen versank. Der Ritter aber, der sein Schloß tapfer vertheidigt, ließ ein Fenster im Schloß ausheben, und sprengte, auf seinem Schimmel sitzend, durch die Oeffnung hinab in die Tiefe, wobei er jählings umkam. (S. 74/5)
FSS Nr. 2.25: Der letzte Herr von Auersberg. Variante der vorherstehenden Sage
Der letzte von den Besitzern der Auersburg, der diese jetzt zertrümmerte Feste bewohnte, gehörte der evangelischen Kirche an.
Eines Tages fuhr er mit seinem Kutscher, welcher katholisch war, über Feld, da überraschte Beide ein furchtbares Gewitter, und es ergoß sich eine unendliche Wasserfluth, so daß bald weder Weg noch Steg zu erblicken war. Der Kutscher kreuzte und segnete sich und betete, der Herr aber fluchte. Der Kutscher sprach: Gott helfe uns, ich kann nicht weiter fahren, sonst sind wir verloren! Darauf rief der Herr zornig aus: Der Teufel wird Dich nicht gleich holen! Fahre zu in des Teufels Namen! Der Kutscher seufzete und sprach: So will ich/ denn hinfahren, doch nicht in des Teufels, sondern in Gottes Namen. Bald kam die Kutsche in einen Wasserstrom, daß sie schwamm, die Pferde häkelten sich im Wasser ab, und der Kutscher entkam auf einem derselben. Der gottlose Herr aber mußte elendiglich ertrinken.
Auf dem Schlosse wohnten lange Zeit würzburgische Burgmänner, später Amtmänner, daher ward auch ehedem das Amt Hilters nach diesem Schlosse Amt Auersberg benannt. Lange ging die Sage, es liege in einer Ecke des Hofraums der Burgruine ein großer Schatz vergraben, und so kam vor Jahren eine Gesellschaft Schatzgräber dorthin, um den Schatz zu holen. Allein sie wurden allesammt vertrieben von einer erschreckenden Erscheinung, und soll der Schatz noch immer zu heben und zu holen sein. (S. 75/6)
Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug, und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Thal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort. (S. 144/5)
FSS Nr. 3.16: Lindwurm
Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde. Es wird hier ein überraschendes Zusammentreffen mit jener urdeutschen Sage vom hörnenen Siegfried wahrgenommen. Auch dort erst niederer Stand, dann Drachentödtung, Unverwundbarkeit, große Thaten, reicher Hort. Auch die Sage schreitet in mannichfacher Verwandlung durch die Jahrhunderte, wie sie einst durch die Länder schritt; aber ihr Leben ist ein unsterbliches, und sie selbst ein unverwundbarer Siegfried, den weder der Speer falscher Aufklärung, die gegen die Sage als wahnvolle Fabelei ankämpfen zu müssen glaubt, noch die polirte Dolchspitze des Hohns zu fällen vermag. (S. 145)
FSS Nr. 3.22: Vom Götzen Lollus
Im Bereich der sogenannten alten Stadt bei Schweinfurt, und zwar nicht weit von den langen Schranken, ist ein Platz gelegen, welchen das Volk Lollus oder Lollo nennt; ein andrer aber, näher gegen die jetzige Stadt zu, in der Nähe des Stroms, wo vor Alters ein Wald gestanden haben soll, wird das kleine Löllein oder das Lölle genannt. In diesem Hain soll einst in einer Umzäunung ein ehern Götzenbild gestanden haben, welches von den Einwohnern verehrt wurde und blutlose Opfer an Wein und Feldfrüchten empfing. Dieses Bild hieß Lollus und war gestaltet als ein nackter, geschürzter Jüngling; trug auf dem Haupte gelbes Lockenhaar, einen Kranz von Mohnsamen um den Hals und über die Brust, hob die rechte Hand zum Munde, faßte mit dem Daumen und Zeigefinger die Zunge, und hielt in der Linken einen Pokal empor, in welchem Kornähren standen. Ueber diesen Lollus haben die Gelehrten viel geschrieben, das Bild selbst aber ist hinweggekommen, Niemand weiß, wohin? Man vermuthet, es sei in den Main versenkt worden. (S. 151)
FSS Nr. 3.27: Die goldgekrönte Schlange
Auf der Petersstirn ist schon oftmals eine Schlange erblickt worden, die trägt auf ihrem Haupte ein goldenes Krönlein. Einst ging ein Häcker (Weinbergsmann) den Berg hinauf, wo noch die geringen Mauerschädel des alten Klosters liegen; da rauschte mit raschem Ringeln ihm eine große und glänzende Schlange entgegen, die trug auf dem Haupt eine goldene Krone und im Maul ein großes Bund Schlüssel, die glitzerten und klingelten wie Silber. Der Häcker entsetzte sich, hob seinen Karst (= eine spezielle Hacke, sk), um nach der Schlange zu schlagen, da sah ihn die Schlange wehmüthig an, und bezauberte ihn mit ihrem Blick, daß er regungslos stand, und da sah er denn, daß sie weinte wie ein Kind. Als das einige Minuten gedauert, schwand die Schlange in die Erde, und war ihm aus den Augen und hinweg und war nirgends im Boden ein Loch zu sehen. (S. 158)
FSS Nr. 3.35: Auferstandene Frau
Auf dem Schweinfurter Gottesacker (= Friedhof, sk) ist ein alter Grabstein mit dem lebensgroßen Bildniß einer vornehmen Frau zu sehen, welche ein eingewickeltes Kind zu ihren Füßen liegen hat. Diese war die Frau eines Syndikus Albert. Man sagt von ihr, daß sie sehr schnell und plötzlich gestorben sei, und als ihr Tod erfolgt war, wurde sie unter einem Schwibbogen, in welchem sich ihr Familienbegräbniß befand, beigesetzt. Ihr zurückgelassener Gatte betrauerte sie sehr aufrichtig. Der Todtengräber, ein habgieriger Mann, hatte jedoch an dem Finger der Leiche einen kostbaren Ring bemerkt, den er der Todten nicht lassen wollte; er machte sich daher des Nachts heimlich auf, hob den Sargdeckel ab, und wollte der Leiche den Ring vom Finger ziehen; da richtete sich diese plötzlich auf. Entsetzt lief der Todtengräber davon; die Frau im weißen Todtengewande entstieg ihrem Sarg, wandelte ihm nach, und kam ruhigen Ganges vor ihr Haus, wo sie anläutete. Eine Magd sieht zum Fenster hinaus: „Wer da?" „„Ich bin's, die Frau! Oeffne!"" Schreiend stürzt die Dienerin zu ihrem Herrn: „Die Frau ist unten an der Thüre, ich habe sie an der Stimme erkannt!" Der Herr schüttelt ungläubig den Kopf, und läßt seinen Diener hinaus sehen. „Oeffne mir um Gotteswillen! Ich komme um vor Kälte!" Da eilt auch der Diener rasch zum Herrn: „Es ist die Frau, ich erkenne sie an ihrer Stimme." Der Herr aber sagte: „Ihr seid Thoren und dümmer wie das/ Vieh! Wenn meine Pferde zum Fenster hinaussähen, würden sie gescheidter antworten, als ihr!" Kaum ist das Wort gesprochen, so kommt es mit Gelärm und Gepolter die Treppe herauf, und stampft und trappt und wiehert, die Pferde sind‘s zur Stube herein, und sie stecken die Köpfe durch die Fenster, daß die Scheiben klirren und die Flügelbänder brechen, und beide sehen vom Vorsaal hinab zum Fenster hinaus und wiehern. Nun läßt der Herr, erschrocken, schleunig öffnen, und die halberstarrte Frau wird zu Bette gebracht und geneset bald darauf eines Töchterleins (= bringt eine Tochter zur Welt, sk). Doch Mutter und Kind lebten nicht lange mehr, und die erste wurde zum zweiten Male begraben, und beiden dieser Grabstein zum Andenken gesetzt. Alle Jahre am ersten Ostertage ist eine wahre Wallfahrt nach dem Gottesacker, der dann prächtig mit herrlichen Blumen geschmückt ist, aber das Erste, was man den Kindern zeigt und was sie alle gerne sehen wollen, ist die auferstandene Frau mit ihrem Kinde. (S. 166/7)
FSS Nr. 3.47: Kloster Theres
Da wo später das Kloster Theres errichtet wurde, zwischen Haßfurt und Schweinfurt, lag vor alten Zeiten ein stattliches Schloß, welches dem Babenberger Grafen Adalbert gehörte, das führte den Namen Sonderishus/ und dort habe Adalbert ein Kloster gegründet. Alte Geschichtschreiber haben ausgesagt, daß Graf Adalbert, der durch des Mainzer Bischofs Hatto schändlichen Verrath in seines Feindes Gewalt gekommen war, dort in seinem eigenen Hause enthauptet worden sei. Dieses verneinen Andere und sagen, Adalbert sei im Feldlager unterhalb der Babenburg enthauptet und sein Leichnam nach der Enthauptung in die Fluthen des Mains geworfen worden. Die Bewohner des Schlosses aber hatten Kunde von der Unthat, zogen den Leichnam, den die Wellen trugen, aus dem Wasser und riefen weinend: „Der is, der is!" (dieser ist es!) und darnach sei der Ort Theris, später Theres genannt worden. In der Klosterkirche wurde Adalbert feierlich beerdigt und ihm ein stattliches Epitaphium (reich dekoriertes Grabmal, sk) errichtet; es stand an der Wand, linker Hand gegen den Hochaltar, und der Graf war darauf abgebildet in seinem Harnisch und lebensgroß, stehend auf einem liegenden Löwen, und darum oder darunter die Worte: Anno Domini DCCCCVIII obiit nobilis Albertus comes de Babenberg qui hic jacet incinneratus monasterii hujus fundator opum quantam dator, cujus anima requiescit cum sanctis. Amen.*) Nach der Zeit ist die Kirche sammt dem Kloster neu gebaut worden, und man weiß nicht, wohin das Epitaphium gekommen.
*) Im Jahr des Herrn 908 starb der edle Albert, Graf von Babenberg, dessen Asche hier beigesetzt wurde, dieses Klosters Gründer, ein Geber reicher Güter, dessen Seele ruhe mit den Heiligen. Amen. (S. 180/1)
FSS Nr. 3.48: Adalberts, des Babenbergers Grab
Von Adalberts Grab hat sich die Sage erhalten, daß dasselbe ein kostbares, reich mit Schätzen gefülltes, und noch nicht wieder aufgefunden sei. Alte Leute geben an, wenn man im Thore des Klosterhofes gestanden, und zwischen zwei Säulen, die einen Betstock (= Bildstock, kleines Andachtsbild unter freiem Himmel, sk) gebildet, hindurchgeschaut habe, so habe man die Linie der Richtung gehabt, in welcher sich das Grab befinde. Noch ist der alte doppeltsäulige Bildstock ohnweit des ehemaligen Klosters vorhanden; man weiß aber nicht mehr recht, ob er noch auf der alten Stelle steht, und so wird Adalberts Grab wohl für immer unaufgefunden bleiben. (S. 182)
FSS Nr. 3.52: Der Kirchenbau zu Königsberg
An der schönen neuen Pfarrkirche zu Unser lieben Frauen in Königsberg, erblickt man außen zwei Steingebilde in lächerlicher Gestalt. Davon wird Folgendes erzählt. Der Kirchenbau, bereits 1397 begonnen, schritt äußerst langsam vorwärts und verzögerte sich an siebenundsechzig Jahre. Man hatte den Bau einem fremden Meister übertragen, dieser aber zog von dannen, arbeitete anderswo, und ließ sich lange mahnen und drängen, den Bau doch zu vollenden; darüber entstand viel Unwillen in der Stadt und üble Nachreden des Meisters, und besonders konnten zwei Bürger und Rathsherrn, die der Kirche gegenüberwohnten, kein Ende ihres Scheltens über den Steinmetzen finden. Eines Tages erblickten die Wächter eine große Männerschaar, die von Haßfurt her herannahte, und stießen in die Lärmhörner, denn es dünkte ihnen ein feindliches Heer, das einen Ueberfall versuchen/ wollte. Die Bürgerschaft griff zu den Waffen, schickte sich an, den Feind abzuwehren, und sandte einen Abgeordneten entgegen mit der Frage, was des Haufens Begehren sei? Da war es der bestellte Steinmetz mit nicht weniger als vierhundert Gesellen, die er allesammt herbeiführte. Und nun ging die Arbeit rüstig und wacker von Statten; da aber dem Baumeister zu Ohren kam, daß die beiden Bürger so übel von ihm gesprochen, brachte er ihre beiden Gestalten an der Kirche auf lächerliche Weise an. (S. 186/7)
FSS Nr. 3.54: Die kühne Magd
Vor vielen Jahren ist am Breitenweg zu Königsberg, wo man auf Altershausen ins Roth oder auf den Pappelsee zugeht, rechter Hand am Fahrwege gegen die Warte zu, eine Kapelle zur Ehre Unser lieben Frauen (= der Madonna, sk) erbaut worden. Schon im vierzehnten Jahrhundert wird ihrer gedacht. Im Jahre 1535 wurde sie bei einer Kirchenvisitation vom Stadtrath den Kastenpflegern zum Aufbau einer Hofstätte bewilligt und deßhalb abgebrochen.
Von vielen Leuten wird für gewiß ausgegeben, daß bei dieser Kirche eine denkwürdige Geschichte sich ereignet habe. Was die Zeit betrifft, so läßt sich aus der Erzählung der Leute vermuthen, daß es nach der Reformation, da die Kapelle ohne Gebrauch und ohne Kapellmann gewesen, geschehen sei. In der Vorstadt vor dem Haßfurter Thor hatten die jungen Dirnen (= Dienstmädchen, sk) eine Spinnstube. Nun kam das Gespräch auf die Kapelle, von der man immer sagte, daß es darin nicht geheuer sei, und das/ muthwillige Volk sprach: Wer zur Kapelle laufe und ein Wahrzeichen zurückbrächte, solle ein neues Kleid bekommen. Eine kühne Magd lief auch wirklich in der finstern Nacht zur Kapelle, da erblickt sie vor der Thüre ein Pferd mit einem Bündel und vernimmt aus der Kirche ein großes Gewinsel und Wehklagen, sie schneidet jedoch den Bündel vom Pferd und eilt heimwärts. Unterdessen kommt ein Reiter ihr stark nachgeritten, und die Magd verbirgt sich in der größten Angst hinter einem am breiten Weg liegenden Düngerhaufen. Als der Reiter vorbeigesprengt, eilt, vor Furcht am ganzen Leibe zitternd und schreckenbleich, die Magd in die Spinnstube, öffnet den Bündel, da finden sich darin allerlei Kostbarkeiten, Gold, Perlen u. dgl., wie auch Briefe, woraus sie denn ersehen, daß eine reiche Jungfrau verreisen wollte, aber von ihrem Gefährten, dem treulosen Knecht, in dieser Kapelle ermordet wurde. (S. 188/9)
FSS Nr. 3.57: Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck
Von den Trümmern des alten Bergschlosses Raueneck in Franken geht eine ganz gleiche Sage, wie von dem gleichnamigen Schloß bei Baden in Oesterreich. Es liegt dort noch ein großer Schatz vergraben, den bewacht ein ruheloser Geist, der ängstlich auf Erlösung hofft. Aber wer kann und soll diesen Schatz wohl heben und den Geist erlösen? Auf der Mauer steht ein Kirschbäumchen; das wird einst ein Baum werden, und der Baum wird abgehauen und daraus eine Wiege gemacht. Wer nun in dieser Wiege als ein Sonntagskind geschaukelt/ wird, wird erwachsen, aber nur, wenn er rein und jungfräulich geblieben, in einer Mittagsstunde den Geist befreien und den Schatz heben und über alle Maaßen reich werden, so daß er die Burg Raueneck und alle zerstörten Burgen in der Nähe wieder aufbauen kann. Wenn das Bäumchen verdorrt oder ein Sturm es bricht, dann muß der Geist wieder harren, bis abermals ein durch einen Vogel auf die hohe Mauer getragener Kirschkern aufkeimt und aufgrünt, und vielleicht zum Baume wird. (S. 191/2)
FSS Nr. 3.58: Altenstein
Unter den Burgtrümmern des östlichen Frankens ist die von Altenstein eine der berühmtesten und besuchtesten. Sie bildet mit den Burgen Lichtenstein und Raueneck einen Triangel (= Dreieck, sk). Hohes Alterthum und Schönheit der Lage zeichnen sie gleich sehr aus. Der gleichnamige Berg trug auf seinem nordöstlichen Abhang noch eine Feste, die Heidenburg, von der nur noch die Umwallung sichtbar ist und diese soll das eigentliche Stammhaus der weitverzweigten Familie von Stein zum Altenstein sein. Die spätere Burg war bischöflich-würzburgisches Eigenthum, welche Burgmänner darauf hielten. Die Ritter von Stein zum Altenstein führen in ihrem Wappen drei Hämmer im rothen Schild, und es haben schmeichlerische Genealogisten (= Abstammungsforscher, sk) die Sage ersonnen, daß die Familie vom scandinavischen Donnergotte, dem Asen Thor abstamme, und dessen Hammer Miölner zum Zeichen so hoher/ Abkunft im Schilde trügen. Vor solch kühnphantastischer Behauptung müssen freilich jene Adelshäuser weit zurückstehen, die ihren Ursprung nur bis zu Karl dem Großen hinaufführen zu können vermeinen. Das stattliche Haus, noch groß in seinen Trümmern, ward lange bewohnt. Im Bauernkriege fiel es durch Verrath, da der damalige Burgherr, Klaus Ludwig von Stein zum Altenstein, als Feldhauptmann am Rheine war.
Viele Bürger aus Ebern und Bauern aus Maroldsweisach waren bei der Plünderung und Zerstörung thätig, die im folgenden Jahre hart dafür gebüßt (= gestraft, sk) wurden. Doch ist von der Familie das Schloß noch bis zum Jahr 1703 bewohnt worden, worauf sie ihren Sitz nach Schloß Pfaffendorf verlegte, welches der genannte Klaus Ludwig zu bauen begonnen hatte, der den Bau jedoch nicht vollenden konnte, indem er von den Bauern zu Maroldsweisach hernachmals erschlagen wurde. (S. 192/3)
FSS Nr. 3.59: Die 12 Gerichteten
Zu den Zeiten, als Bischof Iring von Rheinstein auf dem Bischofssitze zu Würzburg thronte, saßen auf dem Schloße Altenstein dreizehn Ritter, Brüder des alten Geschlechtes, die, von kriegerischer Art, das bischöfliche Gebiet und dessen Insassen nicht immer in Ruhe ließen. Der Bischof, auch ein kriegslustiger Mann und heldenmüthig, sammelte seine Streitkräfte und zog vor den Altenstein. Hier sah er bald genug, daß die feste, schier/ unüberwindliche Burg ihm lange genug Trotz bieten würde, denn die zwölf Ritter, (der dreizehnte Bruder, Seifried, Johanniterritter, war im Fremdland) wehrten sich mannlich (= mannhaft, tapfer, sk) und schlugen jeglichen Angriff ab. Da griff der Bischof zum unrühmlichen Mittel schnöder List, denn er wollte um jeden Preis die Ritter bändigen und demüthigen; daher bot er den zwölf Brüdern friedlichen Vergleich an, und diese gewährten seinen Wunsch, öffneten dem Feind mit einigen seiner Mannen die sichere Felsenfeste und bewirtheten ihn köstlich. Nach der Mahlzeit ging der Bischof in sein Gemach und heischte da mit den Brüdern zu reden und gütlichen Vertrages zu pflegen; doch mit jedem besonders (= einzeln, sk). Sowie nun einer der Ritter von Stein eintrat in das Zimmer des Bischofs, ward er durch einen unversehenen Schwertstreich meuchlings gefällt. So waren eilf Brüder gefallen, als den letzten und mannlichsten der Ritter eine schwere Ahnung erfaßte; bewaffnet trat er ein, sah den fürchterlichen Bischof triumphirend über den Leichnamen der Gemordeten stehen und drang mit seinem Waidmesser (= Jagdmesser, sk) auf den Bischof ein; da packten ihn aber schon die Mordgesellen, und er behielt nur noch Kraft, das Waidmesser nach dem Bischof mit einem Fluche zu schleudern; doch traf es nicht des Mörders Hals oder Herz, sondern nur seine Nase, die davon um ein Kleines kürzer wurde. Dann sank auch der tapfere Herdegen (= Held, Kämpfer, sk) in sein Blut. Im Kloster Langheim wurden die zwölf Ritter beerdigt, andre sagen, nur die Häupter. Noch zeigt man in den Burgruinen das Gemach, darin die schauderhafte Unthat verübt worden. Der Platz, wo sie geschehen, wird Untereichelboden genannt.
Seifried von Altenstein kehrte aus der Fremde zurück,/ entbot dem Stift Fehde (= sagte dem Stift den Kampf an, sk), und ruhte nicht, bis er in das Erbe seiner ermordeten Brüder wieder eingesetzt war; er war es, von dem die spätern Altensteiner ihre Abkunft herleiten. Man sagt, Seifried habe eine Zeit lang sich unerkannt gehalten, und habe als Maurer gearbeitet, und davon sollen auch die drei Hämmer im Wappen herrühren. (S. 193-195)
FSS 3.132: Das Irrkraut auf dem Feldstein
Wenn man oberhalb des Dorfes Henfstedt, ohngefähr eine gute viertelstunde unter Thema, von der Chaussee abgeht, links über einen Wiesenpfad nach der Dachbachsmühle zu, so gelant man an einen Berg, worüber ein Weg nach dem drunten im Thal liegenden Dorfe Lengfeld führt. Geht man nun von diesem Weg, am jenseitigen Abhang, ab, und mehr links, so kommt man an einen Basaltfelsen, welcher der Feldstein genannt wird. Dieser Fels besteht aus schichtweise über einander aufrechtgestellten Basaltsäulen und soll, wie die Leute versichern, sonst so hoch gewesen sein, daß man auf seiner Höhe die Veste Coburg ganz genau sehen konnte; aber da zum Ueberschütten der Chausseen beständig Steine davon abgebrochen worden sind, so hat er an Höhe sehr/ bedeutend abgenommen, denn er mag höchstens noch 10 Schuh hoch sein. Der Felsen war von hinten her zu besteigen, weil er am Hang des Berges sich befindet und mit dem Gipfel desselben sonst gleiche Höhe hatte, an der Vorderseite aber ist er ganz senkrecht. Man erzählt von diesem Basaltfelsen, daß auf seiner Höhe in einer kleinen Telle (= Delle, Senke, sk) (zu der Zeit, wo er noch nicht ruinirt war), eine Pflanze gewachsen sei, die die Leute Irrkraut nannten, und daß diese Pflanze die wunderbare Eigenschaft gehabt habe, einen Jeden, der sie überschritten hatte, wirr und irr zu machen, so daß er sich nur mit Mühe und Noth, nach langem Irren, aus dem Felsen habe herausfinden können. Gar vielen ist es so begegnet, daß sie sich nicht zurecht finden konnten nach Ueberschreitung des Irrkrautes; und obwohl sie das Dorf Lengfeld im Thale liegen sahen und ganz genau wußten, wo sie waren und wo der Weg hinausgehe, dennoch mußten sie sich Stundenlang irr und wirr auf dem Felsen im Kreis herumdrehen, ehe sie den Ausgang wieder zu finden vermochten. (S. 268/9)
| Impressum | Letzte Änderung: 3. März 2011 |