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(Abbildung: Collage nach dem Gemälde von C.D. Friedrich "Wanderer über dem Nebelmeer", 1818)


Volkssagen von Ludwig Bechstein

Der Sagenschatz des Frankenlandes
1. Teil: Die Sagen des Rhöngebirges und des Grabfeldes




Ludwig Bechstein

(*24.11.1801 Weimar +14.05.1860 Meiningen)








Anmerkungen
Bechstein hat fünf große Sagensammlungen herausgegeben. Wie bei den Märchen ist auch hier die Sammlung der Brüder Grimm (Deutsche Sagen 1816/18) eine der wichtigsten Quellen. Die nachfolgenden Bechstein-Sagen sind Beispiele für das, was André Jolles die Einfachheit und Max Lüthi die Einebigkeit der Volkssage genannt hat. Die originale Orthographie der Texte wurde bewahrt (auch bei Orts- und Eigennamen), Seitengrenzen des Erstdrucks sind durch / bezeichnet.

(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel)


2.2. Inhaltsverzeichnis
Der Sagenschatz des Frankenlandes.
1. Die Sagen des Rhöngebirges und des Grabfeldes

FSS Nr. 1.4: Von dem altfränkischen Götzen Lollus
FSS Nr. 1.6: Die heilige Bilhildis
FSS Nr. 1.7: Der heilige Kilian, des Frankenlandes Apostel
FSS Nr. 1.8.: Gozbert und Geilana
FSS Nr. 2.7: Wald ohne Wipfel
FSS Nr. 2.9: Das Kuppenfrauchen
FSS Nr. 2.13: Die Schwerbeladenen
FSS Nr. 2.14: Die fliegenden Knaben
FSS Nr. 2.17: Die Wunderblume am Baier
FSS Nr. 2.23: Der Weiber Wetzstein zu Kalten-Westheim
FSS Nr. 2.24: Burg Auersberg
FSS Nr. 2.25: Der letzte Herr von Auersberg. Variante der vorherstehenden Sage
FSS Nr. 2.27: Die Milseburg
FSS Nr. 2.29: Der Brunnen des hl. Gangolfus
FSS Nr. 2.31: Muttergottesbild am Fels
FSS Nr. 2.36: Der Kirchenbau zu Dittis
FSS Nr. 2.44: Der heilige Kreuzberg
FSS Nr. 2.45: Bischofsheim
FSS Nr. 2.63: Die Ritter des Ebersberges
FSS Nr. 2.64: Verwünschtes Schloss Dreistelz
FSS Nr. 2.68: Die Gründung von Kloster Frauenrode
FSS Nr. 3.1: Jud Schwed
FSS Nr. 3.2: Bienen retten Kissingen
FSS Nr. 3.5: Liebfrauensee
FSS Nr. 3.8: Amalbergs Schloß
FSS Nr. 3.9: Der Thurm auf Burg Saaleck
FSS Nr. 3.14: Der Guckenberg
FSS Nr. 3.15: Seifriedsburg
FSS Nr. 3.16: Lindwurm
FSS Nr. 3.22: Vom Götzen Lollus
FSS Nr. 3.27: Die goldgekrönte Schlange
FSS Nr. 3.35: Auferstandene Frau
FSS Nr. 3.47: Kloster Theres
FSS Nr. 3.48: Adalberts, des Babenbergers Grab
FSS Nr. 3.52: Der Kirchenbau zu Königsberg
FSS Nr. 3.54: Die kühne Magd
FSS Nr. 3.57: Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck
FSS Nr. 3.58: Altenstein
FSS Nr. 3.59: Die 12 Gerichteten
FSS Nr. 3.60: Alte Reime von der Ermordung der 12 Ritter von Stein zum Altenstein
FSS Nr. 3.63: Ruine Lichtenstein und ihr Herrengeschlecht
FSS Nr. 3.64: Die lichten Steine
FSS Nr. 3.96: Das Ackersteinkreuz
FSS Nr. 3.109: Die scharfe Scheere
FSS Nr. 3.132: Das Irrkraut auf dem Feldstein

FSS Nr. 3.151: Der Otterkönig
FSS Nr. 3.161: Schlitzöhrchen


Aus: 1. Teil: Die Sagen des Rhöngebirges und des Grabfeldes. Würzburg (Voigt und Mocker) 1842 (weitere geplante Teile sind nicht erschienen)


FSS Nr. 1.4: Von dem altfränkischen Götzen Lollus
Man lies't noch von einem angeblichen Heidengötzen, dessen Art und Name dem Frankenlande ganz allein eigen. Dieses ist Lollus, Löllus oder Lullus, dessen besondere Verehrung am Main, (bei der nachmaligen Stadt Schweinfurt) Statt gefunden haben soll. Man fand das Erzbild des Götzen, gestaltet als einen Jüngling, goldhaarig und gelockt. Um den Hals hing über die Brust herab ein Kranz von Magsamenköpfen (Mohnsamen, sk). Mit der rechten Hand griff das Bild nach dem Munde, und faßte mit Daumen und Zeigefinger die Zunge; mit der linken hielt es einen Becher Wein, in welchem Korn-Aehren standen. Der Leib war ganz nackt, außer einem Schurz um die Lenden. In einem heiligen, umzäunten Haine zunächst dem Main-Ufer soll das Bildniß gestanden haben, und es sollen ihm vom Volke zu gewissen/ Zeiten Trauben und Aehren zum Opfer dargebracht worden sein. Noch nennt man heutigen Tages eine Stelle an der weingesegneten Mainleite das Löhle, oder Lölle.
Lollus soll zugleich mit der Diana im Frankenlande verehrt worden sein, von der man sagt, daß ihr Tempelheiligthum bis zur Ankunft des Frankenapostels Kilian über Würzburg auf dem Frauenberge gestanden habe. Die einzige Quelle über diesen Lollus, aus der alle Spätern, die über ihn geschrieben haben, schöpften, ist das dreibändige Werk eines Arztes: Dr. Joh.(ann) Laurent.(ius) Bausch: Collectanea chronologica Swinfurtensia. Tom. I. § 4. S. 4. Und Niemand weiß, wohin die Statue des angeblichen Götzen gekommen, noch wann, wie und wo überhaupt dieselbe aufgefunden worden ist. (S. 25/6)

FSS Nr. 1.6: Die heilige Bilhildis
Bilhildis war eines angesehenen Frankengrafen Iberich Tochter; ihre Aeltern waren beide dem königlichen Hause Dagoberts verwandt; sie wurde geboren in dem Orte, den man heutzutage Veits-Höchheim nennt, und es trug sich zu, daß sie, obschon ihre Aeltern Christen waren, das Sacrament der Taufe nicht empfing, weil die landverderblichen Hunnen durch ihre Einfälle den Christenglauben fast ganz vertilgt und alle Priester getödet, oder zur Flucht gezwungen hatten. Im dritten Jahre ihres Alters kam sie zu einer Verwandten nach Würzburg auf deren Begehren, damit diese an der Holdseligkeit Bilhildis die Freude empfinden möge, die ihr durch den Mangel eigener Töchter versagt war. Diese Verwandte, Kunigunde mit Namen, war eine fromme, christliche Matrone, die das zarte Kind in den Geheimnissen des Christenglaubens unterrichtete, und auch durch Priester unterrichten ließ, so daß Bilhildis unter die Zahl/ der Katechumenen aufgenommen wurde, welche demnächst zur Taufe gelangen sollten. Da geschah abermals ein Hunneneinfall, die Taufe der Bilhildis unterblieb, und kam in Vergessenheit, sie selbst aber wußte nicht, daß sie nicht getauft war.
Bilhildis erblühte, später wieder zu ihren Aeltern zurückgekehrt, zu einer sehr liebreizenden Jungfrau, die sich jedoch vornehmlich in den Schmuck der Tugend kleidete, und von allen Heidengräueln sich fern hielt, ja schon frühzeitig dahin wirkte, daß gewisse anstößige und der Tugend gefährliche Tänze und Gebräuche abgestellt wurden. Der Ruf ihrer Schönheit, Sitte und Anmuth flog weit in alle Gauen, und drang auch zu den Ohren Hetans, des Thüringerherzogs Radulf Sohn, welcher Wittwer war, und dem von seiner ersten Gemahlin zwei Söhne lebten. Dieser warf ein Auge auf die seltene Jungfrauenperle, und warb um sie. Vergebens wurde Bilhildis Jugend, und der Unterschied des Glaubens eingewendet; der zudringliche Freier ließ sich nicht abweisen, und Bilhildis ward ihm vermählt. Willig dem Gebot ihrer Aeltern sich fügend, fand sie reichen Anlaß zu Schmerz und Kümmerniß, da sie wahrnahm, daß ihr Gemahl kein Verlangen nach Bekehrung trug, und an seinem Hofhalt so Manches vorging, was ihren Ansichten und Grundsätzen widerstrebte. Sie lebte daher sehr eingezogen, ascetisch, schmucklos, und unterzog sich harten Bußübungen und Kasteiungen. Als die Zeit kam, daß die Herzogin Bilhildis sich Mutter fühlte, brach ein neuer Krieg aus, und Hetan war besorgt, wohin er seine Gemahlin sicher bringen solle, falls der Ausgang des Krieges für ihn nicht siegreich wäre, und der Feind/ in das Land bräche. Ungern gab er ihren Bitten und ihrem Verlangen nach, sie zu ihrer Mutter ziehen zu lassen, doch ließ er dieses endlich geschehen. Vielleicht ahnete er, daß Bilhildis im Sinne habe, ihn ganz zu verlassen, die alle ihre Kostbarkeiten und Kleinodien mit sich hinwegnahm, ihre Dienerschaft aber, die sie als Herzogin bis nach Höchheim begleiten mußte, von da zurücksandte. Sie hatte ihr Vorhaben sowohl ihrer Mutter, als dem König Siegbert, ihrem Verwandten, offenbart, und der letztere sagte ihr nicht nur alle Hülfe zu, sondern lud sie auch nach Mainz ein. Da setzte sich Bilhildis mit einigen vertrauten Jungfrauen eines Abends, als Niemand ihre heimliche Flucht ahnete, getrost auf ein Schifflein, und fuhr den Main abwärts. Und es ruderten und lenkten Engel das Schiff, daß es mit wunderbarer Schnelle über den Strom glitt, und mit dem anbrechenden Tage Bilhildis vor Mainz anlegte. Dort lebte sie nun unerkannt und in tiefer Verborgenheit.
Bilhildis genaß in Mainz eines schönen Prinzen (= sie brachte einen Prinzen zur Welt, sk), dem sie den Namen Siegbert beilegen ließ, allein nach wenigen Jahren starb dieses Kind, und nicht lange nachher kam auch die Nachricht, daß Herzog Hetan mit Tode abgegangen sei. Nun war Bilhildis ganz frei und konnte sich nach ihrem Gefallen ohne ein weltliches Hinderniß dem heiligen Leben widmen, wie sie denn auch that. Sie kasteite ihren zarten Leib durch Bußkleider, härene Hemden (= Hemden aus Tierhaar, sk), Fasten und Schlafentziehung, bis sie die äußerste Abmagerung zur Schau trug. Dabei war sie eine Mutter der Armen, eine Trösterin der Nothleidenden, eine Pflegerin der Kranken, und wurde Stifterin des Klosters Alt-Münzer zu Mainz (altum Monasterium), zu dessen/ Gründung und Erbauung sie ihr väterliches Erbtheil verwendete. Hierauf nahm sie ein geistliches Ordenskleid, führte das beschaulichste Leben und war lebhaft in einem übernatürlichen Glauben, fest in Hoffnung, und vollkommen in der Liebe Gottes und des Nächsten.
Als das Leben der gottseligen Frau sich zum Ende neigte, offenbarte ein Traum dreien ihrer untergebenen Klosterfrauen, daß Bilhildis, ihre Mutter und Oberin weder das Sakrament der Taufe, noch das der Firmung empfangen habe; dieses Gesicht hinterbrachten die Drei, nach überwundenem Bedenken, der Bilhildis, die aber ihrer Rede wenig Glauben schenkte, bis auch dem Bischof, dem sie sich anvertraute, die gleiche Offenbarung wurde. Nun bereitete Bilhildis sich mit Ernst und Andacht auf den Empfang dieser Sakramente vor, und empfing sie mit gottfreudigem Herzen.
Nach diesem entzog sich die Fromme allen zeitlichen Geschäften, versagte sich dem Zuspruch weltlicher Personen, fastete ganze Tage und ließ ihren Geist durch den Vorschmack himmlischer Freuden sättigen.
Als es mit ihr zum Sterben gekommen und ihr seliger Geist eingegangen war in das Friedensreich, erschien um ihre irdische Hülle ein ungewöhnlicher Glanz, und ein wundersamer Wohlgeruch erfüllte ihr Sterbezimmer. Kranke genaßen in der Nähe der Entseelten, Blinde erlangten ihr Gesicht wieder, Tode wandelten. Bilhildis war die erste Heilige des Frankenlandes. Eine spätere dankbare Zeit stiftete ihr einen Festtag zu Veitshöchheim, ihrer Geburtsstadt, und bewahrte dort ihre Reliquien auf. (S. 28-31)

FSS Nr. 1.7: Der heilige Kilian, des Frankenlandes Apostel
Das Licht des Christenglaubens war wieder erloschen, als sein letzter Glanz mit den Anverwandten der frommen Bilhildis zu Höchheim sich verloren hatte; die Oberhäupter des Volkes hielten sich zu dem Heidenkult des Thüringischen Herrscherstammes, bis der Höchste dem Lande neue Lehrer und Apostel erweckte.
Zu jenen Zeiten war in Schottland, Irland und England ein rühmlicher Eifer rege, die Heiden zum Christenthum zu bekehren, und es wurden aus der Geistlichkeit der dortigen Klöster fromme und gottbegeisterte Männer gewählt, die unter dem Namen Regionarii als Missionare den Christenglauben zu den Heiden aller Lande zu tragen bemüht waren. So fuhr denn auch ein als Regionar geweihter Bischof, Namens Killena (Kilian) mit noch eilf andern Gefährten im Jahr 685 auf das Festland herüber, um den deutschen Heiden das Evangelium zu predigen, zu welchem Amte sie in Rom Auftrag und Bestätigung einholten. Nachdem die Bekehrer sich in verschiedene Regionen vertheilt, blieben bei Kilian der Priester Kolonat und der Diacon Totnan, und pilgerten in das Frankenland, wo Kilians frommer Wandel nicht minder wie seine feurige Beredsamkeit ihm bald Jünger und Anhänger zuführte. Damals herrschte über Franken, im Namen des fernen Frankenkönigs, Herzog Gozbert, ein Sohn Hetans, welcher beschloß, den Apostel an seinen Hof zu berufen und dessen Lehre zu/ vernehmen. Herzog Gozbert hatte seine Residenz auf dem Berge über Würzburg, wo der Sage nach ein römischer Dianentempel stand. Kilian und seine Gefährten aber hatten ihren Wohnsitz in dem rauhen Rhöngebirge aufgeschlagen, und dort auf dem höchsten Berge das Zeichen der neuen Lehre und des neuen Bundes, das heilige Kreuz, errichtet. Davon zeugen noch im Frankenlande die vielen, allerwärts vorkommenden Kiliansberge und Kilianskuppen, sowie vornehmlich der Hochgipfel der Rhön, der heilige Kreuzberg.*)
Diese Höhenbenennungen erneuen das Andenken des fränkischen Apostels und nachmaligen Märtyrers Kilian fort und fort, und erinnern die Nachwelt, daß auch in den vaterländischen Gauen die Saat des Christenthums nicht minder wie zu den Zeiten der Apostel, mit dem Blute ihrer Verkünder gedüngt werden mußte, um zum segenreichen Palmenwald emporzusprossen.

*) Siehe Sagen des Rhöngebirges. (Verweis auf FSS Nr. 2.44, s.u., sk) (S. 32/3)

FSS Nr. 1.8.: Gozbert und Geilana
Der Frankenherzog Gozbert zeigte ein für die Christuslehre sehr empfängliches und offenes Gemüth. Er hörte mit Antheil und Aufmerksamkeit die Unterweisungen des heiligen Kilian, und gestattete, daß die heidnischen Götzenbildnisse auf dem Schloß und in der Stadt Würz/burg in den Main versenkt wurden. Diese Bildnisse sind nach vielen Jahren beim Bau der steinernen Brücke aufgefunden und dann lange Zeit hindurch bei den Graden am Domstift der Betrachtung blosgestellt gewesen, endlich aber hinweggekommen, daß Niemand weiß, ob sie noch irgenwo vorhanden sind. Hierauf führte Kilian die Anbetung des wahren Gottes ein, und Herzog Gozbert bekannte sich freudig zu dessen Lehre. Eines nur erregte die Unzufriedenheit des glaubenseifrigen Kilian; sein Schutzherr Herzog Gozbert hatte die Wittwe seines Bruders, Gailana, geeheligt, was den strengen Geboten der altchristlichen Kirche entgegen war, und er fürchtete deshalb für des Bekehrten zukünftiges Seelenheil. Der Heiige war vorsichtig genug, mit seinem Bedenken nicht gleich Anfangs, als er Gozbert bekehrte, hervorzutreten, denn er mußte fürchten, für ein unstatthaftes Ansinnen sammt seinen Gefährten außer Landes verwiesen zu werden, sondern er wartete die günstigere Zeit ab, wo Gozbert im neuen Glauben fester war, dann aber deutete er diesem eben so bescheiden als entschieden an, er müsse sich von seinem Weibe trennen, weil es dem christlichen Gesetz zuwider sei, des Bruders Wittwe zur Frau zu haben. Diese könne bei Verlust seines ewigen Heils nicht beibehalten werden, und sei folgsam abzuschaffen. Kilians Worte sollen diese gewesen sein: Theurer Sohn Gozbert, Du bist nun Christ, und in allen Dingen Gott wohlgefällig geworden, bis auf das eine, was Dir zu allermeist zu thun obliegt, nämlich, daß Du Dein Weib entlässest, mit welchem Du Dich unrechtmäßig vermählt hast, indem Dir nicht zusteht, Deines Bruders Frau zur Ehe zu haben./
Dieser Antrag des Gottesmannes überraschte und befremdete den Herzog Gozbert nicht wenig. Er liebte sein Weib von Herzen, und seine tiefgewurzelte Liebe widersetzte sich heftig, sich von Gailana zu scheiden. Nach einem langen und schweren Kampfe und dem schwankenden Entschluß, ob er lieber seine Gemahlin verstoßen, oder lieber dem neugewonnenen Glauben entsagen solle? wußte Kilian die Entscheidung zu Gunsten des christlichen Gesetzes zu lenken; der Herzog beschloß die Trennung von Gailana, und würde sie sofort vollzogen haben, hätten ihn nicht wichtige Sachen auf eine Zeitlang aus seiner Stadt hinweggerufen. Der Herzogin Gailana war indeß der Rath, den Kilian ihrem Herrn und Gemahl gegeben, nicht verborgen geblieben, und es ergriff sie ein gerechter Zorn über die frommen Männer, denen nicht minder im Geist ahnete, was sie von Gailana zu befahren hatten, die ein heftiges, und männlich gesinntes Weib war. In einer Nacht hatten die Sendboten des neuen Glaubens die Erscheinung eines über die Maaßen an Gestalt und Kleidung schönen Mannes, der ihnen ihr Märtyrerthum voraussagte, und als dieser entschwunden war, drangen die von Gailana bestellten Mörder herein, und enthaupteten Kilian, Kolonat und Totnan. Dieses geschah am achten Tage des Juli im Jahr 688. Gailana bot alles auf, ihre Unthat geheim zu halten. Sie ließ die Enthaupteten am Ort ihres Todes in eine Grube legen, und in diese zugleich alles, was sie an Büchern, geheiligten Kleidern, Gefäßen und einem Christusbild bei sich gehabt, einschließen. Niemand wußte um das Geheimniß, als die Thäter, und eine christliche Matrone, Namens Burgunda, welche die Mordthat/ wahrnahm, indem sie während derselben ohnweit der Stelle, wo dieselbe verübt ward, noch im Gebet wachte. Nachmals besuchte sie den Ort oft im Geheim, weinte und betete dort, Gailana aber, welcher das erwachte Gewissen keine Ruhe gönnte, ließ die traurige Stätte in einen Roßstall verwandeln. Und dieses war derselbe Ort, wo noch heute unter dem Collegiat-Stift Neumünster zu Würzburg in der Krypte die Grabstätte der Märtyrer gezeigt wird. Als Herzog Gozbert von seiner Fahrt zurückkehrte, war sein erstes Sehnen und Verlangen nach Kilian und seinen Gefährten, aber Niemand wollte von ihnen etwas wissen, am wenigsten Gailana. Da geschah es aber, daß einer der Mörder unsinnig (= wahnsinnig, sk) wurde, und sich mit lautem Geschrei dazu bekannte, das Blut der Priester vergossen zu haben. Er tobte und wüthete über alle Maaßen, fiel sein eignes Fleisch an, und gab den Geist auf, bei seinem Bekenntniß bleibend. Der zweite Mörder wurde bald darauf ebenfalls rasend, und erdolchte sich. Und Gailana selbst verfiel in tobenden Wahnsinn, und schrie es unter fürchterlichem Geheul aus, daß sie von Kilian, Kolonat und Totnan ob ihrer Mordanstiftung unsäglich gepeinigt werde. Unter entsetzlichen Qualen entfloh ihre Seele.

Danach geschah es abermals, daß viele Franken wieder in ihre Heidengräuel zurückfielen, und das Land zumeist heidnisch blieb, bis Gott den frommen Winfried (= Bonifazius, sk) sandte, welcher im Geleit seiner Gefährten und Gefährtinnen dem Frankenlande ein zweiter, dem Thüringerlande aber der erste Apostel und Glaubensherold ward. (S. 33-36)

FSS Nr. 2.7: Wald ohne Wipfel
Vom Walde bei dem Dorfe Schwarzbach und um das Jagdschloß Zillbach geht diese Sage: Einst ward eine Jungfrau im Amte Sand, der Zauberei bezüchtigt, durch die Folter zum Geständniß gezwungen und zum Tode nach Friedelshausen, dem ort des Centgerichts geführt. Auf ihrem Todesgange und nahe am Scheiterhaufen betheuerte sie mit tausend Thränen ihre Unschuld. Der weit über die Gegend verbreitete Wald rauschte schauerlich mit seinen hohen Baumkronen und mächtigen Wipfeln, da rief sie zu mehreren Malen: Dieser Wald soll es zeugen, daß ihr eine Unschuldige in mir gerichtet! Kranken und verdorren sollen seine Wipfel, so wahr ein Gott lebt, der meine Unschuld kennt.
Alle, die das hörten, erschraken über diesen Fluch der bezüchtigten (= bezichtigt, angeklagt, sk) und verurtelten jungen Hexe, und glaubten nur um so mehr an ihre Bosheit, und der Scheiterhaufen flammte.
Aber sie war dennoch unschuldig, und man nahm es mit Schaudern wahr, als nun die hohen Wipfel der Waldung wirklich zu kranken begannen und mählich abstarben, und alle alten Bäume ohne Wipfel standen. Der junge Nachwuchs zwar hebt sie stolz und frei, aber zu einer gewissen Zeit, und ehe die Bäume noch ein hohes Alter erreichen, dorren die Wipfel ab.
Man hört aber auch manche Leute sagen, der weite große Wald sei vor alten Zeiten durch ungetreuer Räthe und Diener Hülfe und Practiken, seinem rechten Herrn,/ in dessen Lande und auf dessen rechtzuständigem Grund und Boden er doch liege, abgedrungen worden, und an einen andern Landesherrn gekommen, und weil darüber viel Zwist und Uneinigkeit sich erhoben, auch die Unterthanen des einen durch Wild und Wald des andern viele Beschwerniß erlitten hätten, so wäre der letzte schon viele tausend Male verwünscht worden, und würde es immer noch, deshalb könne kein Gipfel grün bleiben. (S. 52/3)

FSS 2.9: Das Kuppenfrauchen
Auf der Stoffelskuppe (Christophskuppe), welche sich über Roßdorf und der Umgegend in der Nähe des Bleß hoch und steil emporgipfelt, ragt neben einigen niedrigen, ein hoher Basaltfelsen nackt und steil empor. Diese Felsen sind der Rest eines verzauberten Schlosses, in welchem das sogenannte Kuppenfrauchen wohnt, und am großen Felsen ist der, freilich unsichtbare Eingang in die Schatzhöhlung, welche, bis jetzt noch unentdeckt, unter der Kuppe sich befindet. Das Kuppenfrauchen ist ein altes alsfort verwünschtes Wesen, das sich von Zeit zu Zeit droben um den Berggipfel sehen läßt, und den Wanderern winkt. Einst hütete dort ein Hirte, der sah das Frauchen, und das Frauchen sah ihn und winkte ihm. Zaghaft schreitet er näher, folgt der Erscheinung aufwärts, sie zieht sich in den offenstehenden Fels zurück, immer winkend, er folgt nach, und drinnen stehen ganze Fässer voll Dukaten. Das Frauchen winkt, zuzulangen, und der erfreute Hirte füllt sich alle Taschen. Wie er wieder heraus ist und ganz glücklich über seinen Reichtum, will er schon anfangen, und zählen, was er mit vollen Händen eingerafft, und greift hastig in die Taschen, da sieht er, daß er eitel verschimmelte Erbsen trägt, thut einen Fluch und wirft sie alle mit einander auf die Trift. Zu Hause visitirte er nochmals, er fühlt noch ein Paar, die durch ein Loch ins Futter gekrochen, grübelt (= fingert, puhlt, sk) sie hervor, und siehe, es sind wieder Dukaten. Jetzt eilig hinauf auf die Kuppe, an den Ort, wo die Erbsen weggeworfen wurden. Schweißtriefend kommt er an, schon von weitem sieht er den Platz, und o Freude! alles goldgelb, wie verstreute Dukaten.
Wie er nahe dabei ist, sind's kleine goldgelbe Schwämme (= Pilze, sk), und weder Golderbsen noch Dukaten! Da verwünschte er das verwünschte Frauchen noch etliche Mal, und Wald und Weg, und am meisten seine Einfalt. (S. 54/5)

FSS Nr. 2.13: Die Schwerbeladenen
Unter der Stoffelskuppe ist es auch nicht sicher; eine große Blöße heißt die Kuh-Eller; dort hüten die Roßdorfer Hirten. Eines Abends wandelte der Roßdorfer Schulze über diese Berges-Trift, da erblickte er auf der Waldblöße im Dämmerlicht zwei dunkle Männer, die in einiger Entfernung von einander gleichmäßg schritten, war froh, Gesellschaft zu finden, und näherte sich ihnen eilend. Jetzt entdeckte sein Auge, daß die beiden Männer einen übergroßen und mächtigen, baumartigen Balken auf ihren Schultern trugen, unter dessen Last Beide fast erlagen, und daß kaum zu begreifen war, wie ihrer Zwei eine so entsetzliche Last zu tragen vermochten. Deß wunderte den Mann gar sehr, daß in so später Stunde an so einsamer Stelle noch Jemand also bemüht war und er rief die Tragenden an mit lautem „Hollah! Wer seid ihr? Wo hinaus?" Die Männer hörten ihn nicht und antworteten ihm nicht. Noch einmal rief er: „Wer seid ihr, worauf geht ihr zu?" Tiefes Schweigen. Nun rief der Schulze zum dritten Mal noch lauter: „Heda ihr Männer? Wo wollt ihr hin?" Da scholl gleichzeitig von Beiden wie aus einem Mund und mit überaus schrecklicher Stimme die Antwort: Nach Ungnadhausen! (= volkstümlicher Ausdruck für die Hölle, sk) Und die Männer wandelten hin, und verschwanden in die Nacht. Dem Frager aber kam ein übermächtiges Grausen an und er konnte, so lange er lebte, welches nicht gar lange mehr war, jenen Ton und jenes Wort nicht vergessen, das wie eine Stimme des jüngsten/ Gerichtes erklungen war. Auch Andere haben bisweilen jene Schwerbeladenen über die Waldblöße wandeln sehen, doch sich wohl gehütet, sie fragend anzureden. (S. 58/9)

FSS Nr. 2.14: Die fliegenden Knaben
Es war am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als an einem Spätherbsttage drei muntere Knaben ohnweit des Städtchens Lengsfeld und zwischen diesem und dem Baier auf immergrüner Waldwiese eine Anzahl Rinder weideten. Kaum war die Sonne gesunken, die noch ihre letzten goldnen Strahlen auf den hohen nachbarlichen Berg warf, so fachten die Knaben nach ihrer Weise ein Feuer an, und stachen Rasen ab, um sich eine Bank zu bauen, auf welcher sie vertraulich und sich am Feuer wärmend, sitzen wollten. Wie es nun oft zu geschehen pflegt, daß heitre unbedachte Jugend in lächerliche Wünsche ausbricht, deren Erfüllung schier unmöglich dünkt, so auch hier. Einer sprach: „Wäre doch dieses Stück Rasen ein Stück Eisenkuchen!"*) Kaum war dieser Wunsch laut geworden, so trat schon ein unbekannter Mann auf die Trift
(= Wiese, Weide, sk), begrüßte die jungen Hirten und sprach: „Hört, ihr habt Eisenkuchen gewünscht! Hier habt ihr solche, laßt sie euch schmecken!" Und theilte Eisenkuchen unter sie/ aus. Freudig und begierig ward die Spende angenommen und verzehrt, und der Mann erbot sich, sie täglich mit solchen Kuchen zu erfreuen, wenn er nur wüßte, auf welchem Hutplatz (= Weideplatz, sk) sie immer anzutreffen wären. Die Knaben nannten den Platz, wo sie am nächsten Tage hüten würden, und der Unbekannte hielt sein Wort, und brachte das für die Knaben so leckere Mahl am nächsten Abend ihnen wieder. Als das verzehrt, und der Mann hinweggegangen war, trat eine alte Frau aus Lengsfeld den Knaben nahe, und bat sie, doch einmal mit ihr zu dem nahen Thalbrunnen zu gehen, sie wollte ihnen dort etwas zeigen. Die Knaben willfahrten ihr, wurden aber nichts gewahr, als daß die Alte sie mit dem Wasser des Brunnens besprengte, und unverständliche Worte dazu murmelte, weßhalb sie ihr bald entliefen und mit Gelächter zu ihrer kleinen Heerde zurückkehrten und diese wohlgemuth nach Hause trieben. Am dritten Tag trafen sich die Knaben früh Morgens auf dem Weg zur Schule, grüßten sich munter, und der eine sprach zu dem andern: „Höre, ich fühle mich heute so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, wie ein Vogel!" –„Ich auch, ich auch!" riefen die beiden Andern, und da hoben alle Drei die Arme empor, und flogen. Sie flogen auf die kleine runde Mauer, die den Marktplatz umzog, und über dieser gegenseitig hin und her, zum größten Erstaunen aller ihrer indeß sich zahlreich versammelnden Schulkameraden. Die Kunde dieses wunderbaren Ereignisses durchdrang mit Blitzesschnelle das Städtchen und kam auch zuletzt zu den Ohren des Kantors, der nach beendigter Schulstunde die drei Knaben aufrief, ihre Kunst auch in der geräumigen Schulstube zu üben. Sie traten/ auf den Tisch und flatterten von ihm herab und schwebten auf und nieder. Den Kantor überfällt ein Grausen und er entsendet eilig einen Boten zum Oberpfarrer und Inspector, und läßt den geistlichen Hirten bitten, zur Schule sich zu bemühen, und selbst Zeuge eines nie erhörten Wunders zu sein. Der Geistliche kommt und staunt, und nimmt die Knaben scharf in das Verhör, denn er wittert Satans Trug und Tücke. Diese erzählen treuherzig alles, was sich mit ihnen begeben, und fügen noch dieses hinzu: „In der vergangenen Nacht machten wir uns den Spaß, und setzten uns zu Dritt auf einen Schimmel, der in unsers Nachbars Scheuer stand. Kaum spürte uns das Pferd, so setzte sich's gegen unsern Willen in Trab und brachte uns an einen Ort, allwo es uns sehr wohl gefiel; dann brachte es uns wieder nach Hause, und darauf fühlten wir uns so leicht." Der Oberpfarrer ging bestürzt hinweg, um dem Gerichte Anzeige zu thun, damit dieses sich der sicherlich Behexten bemächtige, und ihnen den Proceß mache, denn fliegen zu können, schien ihm ein arges Verbrechen.
Mittlerweile kamen die Knaben arg- und sorglos, und ihrer Fliegekraft froh, nach Hause, den Ihrigen das Wunder selbst zu verkündigen oder zu bestätigen. Der Vater des einen der Knaben war der Scharfrichter, hieß Michael Weber, erzürnte sich sehr über die Kunde, die er schon vernommen, glaubte sein Kind sei ein Teufelsbündner, und beschloß, den Sohn zu opfern. Daher schwang er, als dieser vor ihn trat, das Richtschwert, und schlug ihm das Haupt ab. Zwei weiße Ströme Milch sprangen statt des Blutes zur Decke, und dem Scharfrichter entsank das Schwert./
Die zwei andern fliegenden Knaben, als sie das gesehen, hoben sich auf und davon, und Niemand hat sie jemals wieder erblickt, und so kam keine Aufklärung über den tiefräthselhaften Vorfall zu Tage. Er ward vergessen, verklang zur Sage, und nur der Brunnen, wo das alte Weib die Knaben besprengt, heißt von jener Zeit an der Hexenbrunnen.

*) Ein in jener Gegend beliebtes Backwerk aus Mehl, Fett und Eiern, das auf einem erhitzten Eisen von runder Form gebacken wird. (S. 59-62)

FSS Nr. 2.17: Die Wunderblume am Baier
Ein Kützenmacher*) ging einst am Baier da vorüber, wo man es bei der Schacht nennt, da fand er eine Blume von ausnehmender Schönheit. Er pflückte sie ab, und da er an die Wand der Schacht kam, so öffnete sich eine Thüre zu einem weiten und geräumigen Gewölbe. Der Mann trat hinein, und sah eine Menge Fässer, die mit Erbsen, Korn, Waizen, Gerste und andern Feldfrüchten gefüllt, in Reihen standen. Er legte/ die Blume, die er in der Hand hielt, auf ein Faß, und steckte sich einen Brodsack voll Erbsen, die ihm ein willkommenes Gericht abgeben sollten. Als er sich genug und sehr verwundert in dem Gewölbe umgeschaut, schickte er sich an, herauszugehen, da hörte er plötzlich eine Stimme laut rufen: Vergiß das Beste nicht! Darüber erschrickt der Kützenmacher so sehr, daß er eilend herausspringt, und hinter ihm schließt sich mit Donnerkrachen der Bergeseingang, hinter ihm aber schießt jählings ein schwarzer Hund her. Voll Angst schüttet der Mann seinen Sack mit Erbsen wieder aus und der Hund frißt sie alle auf, und bleibt zurück. Zu Hause angelangt, klingelt noch etwas im Sack. Er schüttelt ihn aus und es rollen einige goldne Erbsen auf die Diele. Hätte er die Blume nicht im Berge vergessen, konnte er überreich werden.
*) Kützen, Tragkörbe verschiedner Formen mit Achselbändern, zum Tragen auf dem Rücken. (S. 66/7)

FSS Nr. 2.23: Der Weiber Wetzstein zu Kalten-Westheim
Kalten-Westheim liegt zwischen Kalten-Nordheim und Oderweid westwärts und ist ein ansehnliches Dorf, weit und breit berühmt ob seines Weiber-Wetzsteins. Von diesem schreibt ein Hennebergischer Historiker folgende ausführliche Relation:
„Wann man oben zu dem Dorff hinein reitet, so stehet lincker Hand der Straße ein Sand-Stein wie eine viereckigte Säule gehauen, etwa 3 Ellen hoch, welcher vor wenig Jahren neu aufgerichtet worden, weil ein Schalck zu Nachts den vorigen heimlich weggetragen hatte.
Und das ist der Wetzstein, an welchem aber Niemand zum Schabernack oder raillerie wetzen darf. Denn wo einer dieses thut, und man wird deßen inne, so kömmt von Stund an die ganze Schaar der Weiber im Dorffe, denen eine Frau als Oberhaupt commandiret, die Stein-Schulzin genannt, welche ausdrücklich zu diesem Amte erwehlet wird, herbei gelauffen, mit ihrem Gewehr, wie sie es nennen, von Holtz gemacht, darunter eine große lange Beiß-Zange, Gabeln und dergleichen militairische Werckzeüge; diese verfolgen nun den Thäter so lange, bis sie ihn erhaschen, da er denn mit der Zange angefaßt, zum Wasser geführet, und gebadet wird, er mag nun wollen oder nicht; wehret er sich, so bekömmt er noch Stöße darzu, und muß doch hernach diese vexirerey mit einer Geld-discretion ablösen. Ihm wird überdieß ein StrohCrantz aufgesetzt, und ein Bund Heu vorgelegt; Und mit solchen Possen legitimiren die Weiber/ ihr vermeindes Privilegium, bey muthwillig veranlaßeter Gelegenheit, welches, der gemeinen Rede nach, sie daher erlanget, weil zu der Zeit, da obbenahmter Fürst Henrich von Henneberg mit seinen Vettern in Unfriede gelebt, diese aber einst das Schloß zu Kalten Northeim belagert, unter andern auch die Weiber von Kalten Westheim daßelbige dermaßen wohl defendiret, daß die Feinde unverrichteter Sachen abziehen müßen. Dahero als Fürst Henrich ihnen eine Gnade zu thun angebothen, sie nichts mehr als dieses seltzsame Privilegium verlanget, und auch erhalten. Der Brief selbst aber, saget man, wäre im Dreyßigjährigen Krieg verlohren worden. Einmahl ist gewiß, daß es niemand noch bis dato wagen darf, an den Stein zu wetzen, will er sich nicht gezwungen sehen, wenn man es gewahr wird, der obbeschriebenen vexation zu unterwerffen, immaßen denn, wie ich von glaubwürdigen Augen-Zeugen versichert worden, des Höchstseel.(igen) Herzogs zu Sachßen Eisenach Herrn Johann Georgen Hochfürstl.(iche) Durchl.(aucht) zu mehr mahlen dergleichen Ergötzung mit einem oder andern von Dero Svite (= Gefolge, sk), angestellet hat. Nebstdem hat der Wetzstein auch diess vor sich, daß ihn niemand weder loben noch schelten darff, so lange man im Dorff ist; denn wer das thut, der hat ein gleichmäßiges Tractament zu gewarten. Dahero sagt man im Sprüchwort: Mann muß ihn nur gehen laßen, wie den Kalten Westheimer Wetzstein, das ist weder loben noch schelten. Item, sagt man von einem wunderlichen und morosen Menschen, dem es niemand recht machen kann: Bistu doch wie der Wetzstein zu Kalten Westheim; als welchen man nicht krumm ansehen, viel weniger loben oder schelten darff." (S. 72/3)

FSS Nr. 2.24: Burg Auersberg
Auf einem Basalthügel zwischen Tann und Hilters, doch dem letztern Orte näher, stehen noch die Ruinen der ehemaligen Burg Auersberg. Ein reiches Geschlecht soll sie in Vorzeittagen bewohnt und die Gegend beherrscht haben, das in vielfache Fehden verwickelt gewesen, aber nunmehr gänzlich verschollen ist. Das waren die Herren von Nithardishausen. Im Jahr 1554 erbaute Bischof Albrecht von Würzburg hier ein neues Schloß, worauf Herren von der Tann später als Amtleute wohnten. Die Sage erzählt, daß der letzte Sproß des Geschlechtes der Herren von Auersberg eine kinderlose Wittwe war, die einsam in der öden Burg gewohnt. Eines Tages hatte sie eine Lustfahrt in der Gegend gemacht und kehrte heim, als ein starkes Gewitter sich in das Ulsterthal ergoß, wodurch der kleine, aber nach heftigen Wettergüssen oft sehr reissende Fluß mächtig anschwoll. Schon sah sie ihren heimathlichen Wohnsitz liegen, und gebot ihrem Kutscher, den Fluß an der gewohnten Stelle zu durchfahren; der aber weigerte sich deß, weil die Ulster allzuschnell durch das Thal schoß und übergetreten war. Die Herrin trieb ihn aber mit harten Worten an, hindurch zu fahren, und so gehorchte er zu ihrem Verderben. Die Wellen rissen den Wagen um, der Kutscher rettete sich mit den Pferden nur mit Noth, und die letzte Frau von Auersberg ertrank.
Nach andrer Sage aber hatte es mit dem Tode der letzten Herrschaft folgende Bewandtniß: Im Schweden/kriege nahm der letzte katholische Besitzer eine Abtheilung der Truppen in das Schloß, welche gegen die Schweden kämpften. Darüber aufgebracht, berannten die Schweden Auersberg und nahmen die Burg ein. Die Gemahlin des Ritters floh, fand aber in den Fluthen der angeschwollenen Ulster den Tod, wo noch ein Steinkreuz den Ort bezeichnet, an welchem sie mit ihrem Wagen versank. Der Ritter aber, der sein Schloß tapfer vertheidigt, ließ ein Fenster im Schloß ausheben, und sprengte, auf seinem Schimmel sitzend, durch die Oeffnung hinab in die Tiefe, wobei er jählings umkam. (S. 74/5)

FSS Nr. 2.25: Der letzte Herr von Auersberg. Variante der vorherstehenden Sage
Der letzte von den Besitzern der Auersburg, der diese jetzt zertrümmerte Feste bewohnte, gehörte der evangelischen Kirche an.
Eines Tages fuhr er mit seinem Kutscher, welcher katholisch war, über Feld, da überraschte Beide ein furchtbares Gewitter, und es ergoß sich eine unendliche Wasserfluth, so daß bald weder Weg noch Steg zu erblicken war. Der Kutscher kreuzte und segnete sich und betete, der Herr aber fluchte. Der Kutscher sprach: Gott helfe uns, ich kann nicht weiter fahren, sonst sind wir verloren! Darauf rief der Herr zornig aus: Der Teufel wird Dich nicht gleich holen! Fahre zu in des Teufels Namen! Der Kutscher seufzete und sprach: So will ich/ denn hinfahren, doch nicht in des Teufels, sondern in Gottes Namen. – Bald kam die Kutsche in einen Wasserstrom, daß sie schwamm, die Pferde häkelten sich im Wasser ab, und der Kutscher entkam auf einem derselben. Der gottlose Herr aber mußte elendiglich ertrinken.
Auf dem Schlosse wohnten lange Zeit würzburgische Burgmänner, später Amtmänner, daher ward auch ehedem das Amt Hilters nach diesem Schlosse Amt Auersberg benannt. Lange ging die Sage, es liege in einer Ecke des Hofraums der Burgruine ein großer Schatz vergraben, und so kam vor Jahren eine Gesellschaft Schatzgräber dorthin, um den Schatz zu holen. Allein sie wurden allesammt vertrieben von einer erschreckenden Erscheinung, und soll der Schatz noch immer zu heben und zu holen sein. (S. 75/6)

FSS Nr. 2.27: Die Milseburg
Die Milsburg oder Milseburg ist ein mächtiger Klingsteinberg der Rhön, den man in weiter Ferne mit seiner eigenthümlichen Form über seine Nachbarberge emporragen sieht. Diese Form gleicht einem der hochgethürmten Heuwagen, welche im Juni so zahlreich von den grasreichen Flächen des Hochgebirges in die näheren und ferneren Thalorte fahren, und heißt deßhalb das Heufuder. Er gleicht aber auch einem Sarge, und wird darum vom Volk die Todtenlade genannt. Gleich andern Hochgipfeln dient der Berg den Umwohnern als Wetterprophet, und diese sagen stets richtig Regenwetter voraus, wenn die Milseburg raucht, oder nach dem Ausdruck des gemeinen Mannes: Klöse kocht. Viele Heilkräuter und sonstige seltene Pflanzen wachsen auf diesem Berge, und viele Sagen gehen von ihm im/ Munde des Volkes um. Da der heilige Gangolfus diesen Berg zum Lieblingsaufenthalt erwählt haben soll, so heißt er auch der Gangolfsberg, und es wurde die auf seiner Höhe stehende kleine Wallfahrtskapelle, welche im Jahre 1493 erbaut sein soll, diesem Heiligen geweiht. Vor langen Zeiten stand auf der Höhe des Berges eine Ritterburg, bewohnt von wilden Raubgesellen, die auf dem von der Natur durch fast unersteigliche Klippen geschirmten Felsenhorst lange ungestraft ihre Unthaten zum Schrecken der ganzen Gegend verübten. Wer diese Burg erbaute, und wann sie zuerst erbaut wurde, weiß Niemand zu sagen; sie war aber eine der ältesten Burgen des Gaues, denn schon im Jahr 980 geschieht ihrer in einer Urkunde des Kaisers Otto II. Erwähnung. Zu Anfang des zwölften Jahrhunderts war sie ein Besitzthum des Landgrafen Ludwig von Thüringen. Dieser fing im Jahr 1114, als die Wartburg von Kaiser Heinrich V. hart belagert wurde, den im Gefolge des Kaisers mitgezogenen Abt Wolfhelm von Fulda, und hielt ihn drei Jahre lang auf der Milseburg verstrickt. Später gewann ein tapfrer Abt, Namens Erlof, mit gewappneter Hand diese und noch eine andere, dem Hochstift entrissene Burg, und besetzte beide mit treuen Mannen, so wie er sie von Neuem befestigte. Als aber hernachmals die Milseburg wieder in Feindes Hände gekommen war, so wurde sie nochmals belagert, die Besatzung, die sich nicht ergab, ausgehungert und hierauf, als kein Vertheidiger mehr am Leben war, die Burg so zerstört und der Erde gleich gemacht, daß davon keine Spur mehr zu ersehen ist, und nichts von ihr blieb, als der Schall des Namens, die Echo des Rufes der Vergangenheit. – Dicht unter der/ Milseburg liegt die Lydenkuppel, auch darauf soll vor Zeiten eine Burg oder Warte gestanden haben. (S. 77-79)

FSS Nr. 2.29: Der Brunnen des hl. Gangolfus
Der heilige Gangolfus hatte die Milseburg zum Lieblingsort seiner Verehrung ausersehen, und es war sein Wunsch und Wille, daß viele Menschen auf den geheiligten Berggipfel wallfahrten sollten, daher schien es nöthig, daß zur Labe der frommen Pilger und Bittgänger mindestens ein Brunnen am Berge fließe. Da kam nun eines Tages der Heilige nach Fulda, und sahe da in dem Garten eines Bürgers einen überaus frischen und klaren Brunnquell springen, den er für geeignet hielt, auf der Milseburg zu fließen. So trat er denn zu dem Eigenthümer des Gartens und redete ihn an mit der Frage, was der Brunnen kosten solle? Der Bürger zu Fulda war ein Schalk; er lachte innerlich über diese Frage, und dachte bei sich selbst: den Brunnen willst du/ ihm wohl verkaufen, aber nicht den Platz; forderte daher einen leidlichen Preis für den Brunnen, und der gute Heilige zahlte, was jener forderte, und sprach: Nun ist der Brunnen mein! – Ja, der Brunnen ist Dein, antwortete der Bürger höhnisch; aber der Platz, darauf er quillt, ist mein und bleibt mein, den habe ich Dir nicht mit verkauft. Meinte Wunder, wie er den Gangolfus angeführt habe. Doch der heilige Mann ging hin, und kaufte sich einen Kasten von Holz, den ließ er voll von dem Wasser des Brunnens laufen, und so wie der Kasten voll Wasser war, so hörte der Brunnen auf zu fließen, zu des Bürgers großem Schrecken. Ohne diesen weiter eines Wortes zu würdigen, trug der Heilige seinen Kasten auf die Milseburg, und goß ihn eine gute Strecke unterhalb des Gipfels aus. Da entstand alsbald jener kühle, klare und erquickende Brunnen, der unversiegbar und weit und breit in der ganzen Gegend berühmt ist, und bis auf den heutigen Tag der Gangolfsbrunnen heißt. Er wird als ein Heilbrunnen vom Volke verehrt, sein Wasser soll sich wohl verstopft, Jahre lang frisch und gut erhalten, und besonders heilsam für die Augen sein, aber auch noch die Eigenschaft haben, unfruchtbaren Frauen zu Kindersegen zu verhelfen. (S. 80/1)

FSS Nr. 2.31: Muttergottesbild am Fels
Wenn man unten von der Tanzwiese und dem Hof, der denselben Namen führt, zu den schroffen und steilen Felsklippen der Milseburg emporsteigt, wo seltene Blumen und Kräuter wachsen, so führt ein schmaler und steiniger Pfad zum Gipfel, welcher der Kirchweg heißt. Dem/ Wanderer zur Linken steht auf diesem Pfade, ganz nahe dem Weg, frank und frei auf einem Felsblock ein kleines, farbig angemaltes, steinernes Muttergottesbild, den Heiland im Schooß, und mit Perlen und Kränzen von frommen Händen geschmückt, aber allem Ungestüm der Witterung auf dieser rauhen Höhe ausgesetzt. Einst gedachten einige Gläubige, dieses Bild besser zu schützen, damit es nicht Schaden leide vom Sturm und Wetter, und wölbten nur wenige Schritte von der Stelle, wo das Bild stand, aber zur rechten Hand des Felsenpfades, eine schützende Nische. In diese trugen sie mit Andacht das kleine Bildniß. Allein am andern Tage, als sie nachsahen, stand es wieder an seiner vorigen Stelle. Dieß geschah dreimal nach einander; dreimal wurde das Bild in die Nische getragen, dreimal kehrte es auf den vorigen Stand zurück. Da ließ man dasselbe ferner unangetastet. Das Bild ist noch gar nicht zu alt; es ist an seinem Fuße die Jahrzahl 1664 nebst dem Namen GEORG STEPLING zu lesen. – Mächtig schützt der Segen der göttlichen Jungfrau den Ort und die Waller zur Höhe. Obgleich an gewissen heiligen Tagen Tausende diese steilen und zerklüfteten Klippen und Schluchten besteigen und beklettern, noch von Keinem hat man gehört, daß er einen gefährlichen Fall gethan und an seinem Leibe zu Schaden gekommen sei. (S. 82/3)

FSS Nr. 2.36: Der Kirchenbau zu Dittis
Als die Kirche zu Dittis erbaut wurde, ging allerlei absonderlich Komisches dabei vor. Die Kirche war zwar erbaut, aber die Fenster waren vergessen, und so kam es, daß Niemand vor Dunkelheit darin sehen konnte. Lange ward hin und her berathen, wie es wohl anzufangen sei, den Tag in die Kirche zu bringen, und endlich nach/ vielen Debatten über Für und Wider, wurde von dem weisen Ortsvorstand beschlossen, einen expressen Boten nach Fulda zu schicken, daß dieser dort dem löblichen Magistrat die Verlegenheit der guten Dittisser vortrage, oder schriftlich überreiche, und bitte, ihm den Tag (= das Tageslicht, sk) für die Kirche mitzugeben. Der Bote war etwas lahm und hatte nicht das beste Gedächtniß, vielmehr ein sehr schlechtes. Dennoch richtete er seinen Auftrag getreulich aus. Der Rath in Fulda berieth über das Gesuch der Dittisser, belächelte ihre Schwachheit, und gab dem Boten die mündliche und sehr verständige Antwort: „Sage den guten Dittissern unsern Gruß, und sie sollten nur Fenster in ihre Kirche machen, so würde dann der Tag, der sich nicht in Säcken verschicken lasse, schon von selbst hinein fallen."
Der Bote, dem dieser Satz zu lang war für sein kurzes Gedächtniß, gedachte sich hauptsächlich das Hauptwort zu merken, Fenster, und immer vor sich hinsprechend, „Fenster, Fenster," langte er auf dem großen Hutrasen (= Hüterasen, Weidefläche, sk), oberhalb Dittis, an, stolperte und fiel, und zugleich entfiel ihm das Wort. Als er wieder aufgestanden war, suchte er eine ganze Weile, konnte aber das Wort nicht wiederfinden, kehrte traurig nach Dittis zurück, und klagte seinen Verlust. Da machte sich das ganze Dorf auf mit Hacken und Schaufeln und grub nach dem verlorenen Tag, und es wurden tiefe Löcher gewühlt, bis sie endlich das Wort wieder fanden, und frohlockend den Tag in die Kirche nach Dittis brachten. Auf dem Hutrasen sieht man noch die Spur jener Löcher, aus denen die guten Dittisser den Tag gruben; ich bin selbst darüber hin gegangen. (S. 87/8)

FSS Nr. 2.44: Der heilige Kreuzberg
Der himmelanragende Hochgipfel der Rhön, das stolze, weitgenannte Riesenhaupt dieses Gebirges ist der heilige Kreuzberg; er wird der Ursitz des Lichtes der Christus-Lehre genannt, dessen Strahlen von ihm aus über das alte Frankonien sich verbreiteten. Eine fromme Sage läßt/ den heiligen Kilian mit seinen beiden Gefährten Colonat und Totnan zuerst diese Gefilde betreten, den heidnischen Kult verdrängen und vernichten, und das Symbol des christlichen Glaubens, ein Kreuz, auf den damals unwirthbaren Gipfel aufpflanzen. Doch vergingen Jahrhunderte, bevor dieser Berg seinen jetzigen Namen empfing. Aschberg nannte ihn das Volk, und nicht unmöglich wäre es, daß er als Asenberg in der Heidenzeit der germanischen Frühe schon den Umwohnern zu ihrem einfachen Naturtempeldienst, gleich andern Hochwarten deutscher Gebirge, heilig gewesen. Als das Jahr, in welchem St. Kilian mit seinen Genossen in diesen Gegenden erschien, wird 668 angegeben. Sie fanden am Fuße des Berges friedliche Ansiedler, welche die Fremden, die kamen, um das zu bekehrende Land zu überschauen und kennen zu lernen, gastlich aufnahmen, und mit offenen Gemüthern den Verkündigungen lauschten, welche die heiligen Männer ihnen brachten. Bald strömten Hörer ihrer Lehre aus den Nachbargauen herbei, und das Christenthum begann Wurzel zu schlagen. Und als die Gottesmänner in Würzburg den Märtyrertod erlitten hatten, als das Heidenthum den jungen Baum der Christuslehre dort wieder mächtig überwucherte, soll in den Wäldern und Hainen um den Kreuzberg sich die neue Christengemeine heimlich zusammengefunden und dem Heiland unter einem Kreuze da gedient haben, wo jetzt die Wallfahrtkirche steht. Noch wird der Kilianshof am Fuße des Kreuzberges als die Stätte genannt, die dem Heiligen ein schirmendes Obdach verlieh; noch zeigt man den Kilianskopf, darauf er gepredigt, und den Heilbronn, daraus er die Heiden getauft haben soll./
Die Jahrhunderte zogen vorüber, auch das Kreuz auf dem Aschberge sank, und erst nach der Reformation ließ der glaubenseifrige Fürstbischof Würzburgs, Julius Echter von Mespelbrunn, ein neues steinernes Kreuz an der Stelle des ehemaligen errichten, und verordnete, daß an kirchlichen Festtagen einige Priester Gottesdienst auf dem Berge halten sollten, dem dann fromme Waller in Schaaren zuströmten. Eine ärmliche Kapelle erhob sich und in dürftigen Hütten mußten sich die Geistlichen gegen die oft rauhe Witterung schirmen. Im Jahre 1644 erbaute Fürstbischof Joh.(ann) Philipp Graf von Schönborn ein kleines Kloster in Bischofsheim für sechs Franziskaner, die im Winter dort, im Sommer aber auf dem Berge wohnen sollten, und im Jahre 1679 wurde unter Fürstbischof Peter Philipp von Dernbach eine raumvollere Kirche und ein Kloster für zwölf Conventualen am nördlichen Bergesabhang, nahe dem Gipfel erbaut. Die Wallfahrten wuchsen, und das Kloster blieb erhalten als ein Denkmal der Einführung des Christenthums durch den Apostel des Frankenlandes; es wurde im Laufe der Zeiten verbessert, erweitert, und ist noch heute, wenn auch mit verminderter Anzahl der Väter, den Frommen eine hochverehrte Stätte, dem Naturfreund ein willkommenes Asyl und Hospiz, darin jeder gebildete Fremde, ohne Unterschied der Confession, mit der dankenswerthesten Gastlichkeit und Freundlichkeit sich aufgenommen und bewirthet sieht. Ein riesengroßes Holzkreuz, das von Zeit zu Zeit der Erneuerung bedarf, ragt viele Meilen weit sichtbar, vom höchsten Punkte des Berges empor, und gibt der alten Sage, daß von dieser Höhe das Christenthum den Bewohnern Frankens eben so geleuchtet, wie von der über Altenberga im/ Thüringerwald durch Bonifacius den Thüringern – eine würdige und schöne Bestätigung. (S. 95-98)

FSS Nr. 2.45: Bischofsheim
Nahe am Kreuzberge liegt, von drei Seiten von hohen Bergen umschlossen, das uralte Städtchen Bischofsheim. Als der heilige Kilian mit seinen Gefährten das Christenthum in diese rauhen Gefilde brachte, fand er, der Sage nach, zuerst hier sichern Aufenthalt und friedliches Obdach. Darum wurde das Haus jener Ansiedler, die den hohen Fremdling beherbergten, das Bischofshaus genannt, und als die Zahl der Häuser zu einem Orte erwuchs, empfing dieser den Namen Bischofsheim. Auch in späterer Zeit genoß Bischofsheim rühmlicher Auszeichnung dadurch, daß Lioba, die fromme Schwester des heiligen Bonifacius, sich von ihrem Aufenthaltsort Kissingen dorthin begab, und eine Zeitlang dort wohnte. Vom Alterthum des Städtchens, das schon im Jahre 1270 ummauert war, zeugt noch ein Thurm im byzantinischen Baustyl am Königl.(ichen) Rentamt, der wohl früher als Kirchthurm und Warte zugleich diente. (S. 98)

FSS Nr. 2.63: Die Ritter des Ebersberges
An einer Abdachung des Ebersberges ist ein kleiner Moorfleck; aus diesem kommen, vornehmlich zur Adventszeit und in den zwölf Nächten, große gespenstige Feuermänner, mit Wehr und Waffen, die so heftig mit einander kämpfen, daß man in den nahen Höfen, welche am Fuß des Berges liegen, deutlich das Schwertgeklirr vernimmt. Dieser Kampf dauert vom Einbruch der Nacht bis tief in dieselbe, ja oft bis zur Morgendämmerung und bis zum Hahnenschrei. Gewöhnlich ziehen sich die streitenden Flammengestalten allmählig bis zur Ruine Ebersberg und den zerfallenen Thürmen hinauf, wo sie endlich, immer heftiger fechtend, in dem einen offenstehenden Thurme mit fürchterlichem Geprassel verschwinden. Die Umwohner sagen, daß es die noch unerlösten Geister der in jenen wilden Kämpfen um die Burg, und bei deren Vertheidigung, erschlagenen und gefallenen Ritter seien. (S. 118)

FSS Nr. 2.64: Verwünschtes Schloss Dreistelz
Ohnweit des schönen Bades Brückenau erhebt sich ein Berg, der Dreistelz geheißen; jetzt liegt auf ihm ein Hof, der Dreistelzhof, vordem aber stand darauf ein prächtiges Schloß, und zwar an der Höhe nach Brückenau zu. In diesem Schloß wohnten drei stolze Damen und man sagt, daß man diese Fräulein nur die drei Stolzen genannt habe, wegen ihrer absonderlichen (= besonderen, ungewöhnlichen sk) Schönheit sowohl, als wegen ihrer großen Pracht und Hoffarth; und ihr Haus, das hieß man das Dreistolzenschloß, daraus später Dreistelz geworden ist. Die Fräulein führten ein üppiges Leben, waren aber hart gegen ihre Untergebenen und karg gegen die Armen. Eines Tages, als es auf den Abend zuging, kam ein armer Pilger daher, bat um Einlaß, um einen Imbiß, und um Nachtquartier; doch als sein Begehren den drei Fräulein angesagt wurde, so wurde ihm von seinen drei Bitten weder die eine gewährt, noch die andere, sondern man hieß ihn gehen, und weil er nicht gehen wollte, hetzten die rohen und ebenfalls harten Diener ihn mit Hunden fort. Da rührte der Pilger die Hunde an mit seinem Stabe, und sie verstummten alsbald auf ewig, und fielen todt hin; dann schwang er den Stab gegen das Schloß, und sprach einen erschrecklichen Fluch, und alsbald fuhr das ganze Haus mit allen seinen Bewohnern in den Schoos des Berges hinab, und an seine Stelle trat ein kleiner See. Noch immer ist am Dreistelz die Stätte zu erschauen, wo das Schloß gestanden hat, und zu gewissen/ Tagen und Stunden hören Sonntagskinder einen Hahn in der Nähe krähen, denn das verwünschte Schloß mit seinen Bewohnern steht noch unter der Erde, darinnen schlafen die Fräulein bis zum jüngsten Tag. Alle drei Jahre aber, an dem Tage, an dem das Schloß verflucht wurde, kräht dreimal der Hahn. Da wachen die Schläfer auf im Bergesschoos, beten ein Ave Maria, und bereuen ihre Missethaten. Manche Leute erzählen auch, daß die verwünschten Fräulein aus dem Berg auf Kirchweihen gekommen seien, und sich unter die tanzenden Mädchen gemischt hätten; doch seien sie immer blaß gewesen, und wären nie über den Glockenschlag zwölf hinaus bei den Tänzen geblieben. (S. 119/20)

FSS Nr. 2.68: Die Gründung von Kloster Frauenrode
Im Dörfchen Frauenrode steht ein uraltes Kirchlein, und war vor Zeiten daselbst ein Nonnenkloster, das hatten Herr Otto von Botenlauben und seine Gemahlin Beatrix gegründet. Er, der Ritter, war ein geborner Graf von Henneberg, seine Gemahlin war eine Morgenländerin aus einem edlen Geschlechte und sehr nahe verwandt mit mehreren Königen von Jerusalem./
Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß, und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und werth hielt, so that sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun thalaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach dreien Tagen einige Frauen in dem Thale, das von Burkartrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle, und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae. Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, (erst der Graf, dann später die Gräfin), sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden. die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheirathet, dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor .
Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor (= in der schönsten Blüte, sk) befand, und in dessen Kirche sogar mehrere/ Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall gerathen, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben.*)
*) Vergl. unten S. 132 (= FSS Nr. 3.3: Von der Burg Botenlauben, sk) (S. 122-124)

FSS Nr. 3.1: Jud Schwed
Am Rathhaus der Stadt Kissingen schaut oben ein bärtiger Mannskopf, der sich in den Haaren rauft, als ein Wahrzeichen herab. Das nennen die Einwohner den Jud Schwed und erzählen davon folgende Sage: Im dreißigjährigen Kriege, als die Schweden diese ganze Gegend heimsuchten, wurde auch Kissingen von ihnen belagert und hart bedroht. Doch widerstand die Stadt tapfer und wäre vielleicht nicht erobert worden, wenn nicht ein Jude an ihr zum Verräther geworden wäre. Dieser wußte einen unbewachten Ausgang durch die Mauer und führte die Feinde dort ein. Doch empfing er seinen Lohn und zum Andenken wurde sein Bild, wie er sich aus Reue die Haare ausrauft, am Rathhaus befestigt. Hernach kam es auch, daß man ihn und die Seinen nicht mehr bei ihrem wahren Namen, welcher der Vergessenheit überliefert wurde, rief, sondern Schwed, zur ewigen Erinnerung; und diese blieb auch, denn noch heute leben Nachkommen von ihm zu Kissingen, welche den Namen Schwed führen./
Eine andere Sage von diesem Juden kündet aber gerade das Gegentheil des vorstehenden. Nach dieser goß der Jude für die Bürger Kugeln, welche die geheimnißvolle Eigenschaft hatten, unfehlbar zu treffen, und den Schweden so tödlich wurden, daß sie abziehen mußten. Darauf wurde des Juden Kopf als Erinnerungszeichen dankbar am Rathhaus angebracht. (S. 131/2)

FSS Nr. 3.2: Bienen retten Kissingen
Ein anderer steinerner Kopf am Kissinger Rathhaus ist, wie die Sage will, dem Andenken eines Bürgers, Namens Peter Heil gewidmet. Es war eben auch im Schwedenkriege, und zwar im Jahr 1643. Die Schweden hatten bereits die ganze Gegend von ihrem Lager über Bischofsheim aus, verheert und geplündert, und drohten nun unter ihrem Führer Reichwald auch der Stadt Kissingen mit einem heimlichen Ueberfall, der an einem Jahrmarkt geschehen sollte. Der Feind barg sich in dem nordöstlichen Bergwalde, wo ihn jedoch einige Krämer entdeckten, und den Kissingern die nahe Gefahr anzeigten. So kam es, daß der Feind tapfern Widerstand fand, der nun aber die Stadt mehrere Tage lang beschoß und sie durch einen Sturm zu gewinnen suchte. Kaum vermochten die kampfesmüden Einwohner dem immer heftiger andringenden Feind Widerstand zu leisten, als Peter Heil den Rath gab, die zahlreichen Bienenkörbe, welche die Bürger besaßen, von der Mauer hinab auf den anstürmenden Feind zu stürzen. Dieß geschah, und die Bienen, so gestört, fielen voll Grimm/ auf die Feinde und stachen manchen derselben bis zum Tode. Da ward schleuniger Rückzug anbefohlen, und die Stadt war gerettet, dem Peter Heil aber, dessen Rath ihr zum Heil geworden, setzten sie das verewigende Denkmal. (S. 132/3)

FSS Nr. 3.5: Liebfrauensee
Neben der romantisch gelegenen Kapelle bei Kissingen liegt ein tiefer See, Liebfrauensee, dessen Abfluß treibt eine starke Mühle. Manche wunderbare Mähr erzählen sich von diesem See die Umwohner, ganz auf ähnliche Weise, wie die Sage von dem berufenen Frickenhäuser See, ohnweit Mellrichstadt. Er soll in seiner Grube Verbindung haben mit weitentlegenen mächtigen Gewässern, und ein ungeheuer großer Fisch sei einst darin gefangen worden. Einem liebenden Jüngling, der aus Gram und Verzweiflung, daß er sein geliebtes Mädchen nicht sein nennen sollte, sich einst in diesen See stürzen wollte, erschien warnend und in Verklärung über dem Wasser schwebend „unsre liebe Frau" (= die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, sk), so daß er zurückschrak, und allenthalben die Erscheinung verkündete. Darauf wurde die Erkorne (= die Auserwählte, sk) sein, und der See erhielt den schönen bedeutungsvollen Namen. (S. 135)

FSS Nr. 3.8: Amalbergs Schloß
Auf dem sogenannten Hammelburger Berg in der Nähe der alten Stadt Hammelburg stand ehemals ein Schloß, welches Amalberga, die Thüringer Königin, erbaut haben soll, von der denn auch die nahe Stadt den Namen getragen. Dieser Berg liegt der Saale aufwärts, nach Westheim zu, und es sind von dem Schlosse noch einige Trümmer zu gewahren. Bei diesen Trümmern hütete einst ein Knabe die Schaafe, und da es ein sehr heißer Tag war, so schlief er vor Ermattung ein. Da erblickte er im Traum ein wunderschönes/ Frauenbild, das winkte ihm still, zu folgen, und er folgte ihm. Beide kamen in ein prächtiges Schloß, und die schöne Frau winkte ihm von Zimmer zu Zimmer, so daß sie alle Prachträume durchwandelten; dabei zeigte sie ihm Truhen voll Goldes, Silbers und köstlicher Edelsteine, von denen zu nehmen, die Frau dem Knaben durch Zeichen gebot. Es reizte ihn aber nichts, als eine schöne natürliche Blume, welche er auf einem Marmortische liegen sah, die Frau reichte ihm dieselbe, seinen Hut damit zu schmücken, und dann gingen sie aus dem Schloß. Jetzt plötzlich erwachte der Knabe, und nahm wahr, daß er alles nur geträumt, und dennoch – war auf seinem Hut die Blume befestigt, und als er sie ansah, war sie von lauter purem Golde.
Dieß hat eine alte brave Frau erzählt, von der noch Enkel leben, und sie hatte jenen Hirten gut gekannt, der auch ihr und Andern oft die Blume gezeigt. Auch viele andere unheimliche Mähr erzählt man sich noch von dem alten Schloß. (S. 137/8)

FSS Nr. 3.9: Der Thurm auf Burg Saaleck
Auf den Burgruinen Saaleck über Hammelburg, wo man einer entzückenden Aussicht genießt, steht noch ein großer, runder Thurm, von welchem die Sage geht, daß Amalberga ihn auch erbaut, wie denn Manche behaupten, Saaleck sei die eigentliche Hammelburger Veste gewesen. In diesen Thurm sperrte die schöne arglistige Königin/ manchen jungen edlen Ritter, den sie an sich gelockt zu frevler (= verbotener, sündiger, sk) Lust, nachdem sie diese gebüßt, und ließ ihn darin dann elendiglich umkommen. Darum ist es auch droben nicht geheuer, und man erblickt des Nachts um den Thurm irrende Flämmchen, oder plötzlich auflodernde Feuer. (S. 138/9)

FSS Nr. 3.14: Der Guckenberg
Bei Gemünden liegt der Guckenberg; von diesem geht die Sage, ähnlich der vom Barbarossa im Kyffhäuser, daß vor langen langen Zeiten ein Kaiser mit seinem ganzen Heere in ihn versunken sein soll. Nun sitzt er darin an einem steinernen Tische, und wenn sein Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist, so wird der Kaiser mit all' seinen Wappnern (= Bewaffneten, Rittern, sk) wieder hervortreten. Einstmals kam ein armer Knabe auf den Berg, welcher in der Gegend Semmeln zum Verkaufe trug, und traf daselbst einen steinalten Mann an, der sprach freundlich mit dem Knaben; dieser klagte ihm sein Leid, daß er so wenig verkaufen könne, und sein Verdienst gering sei. Da sprach der Alte: „Höre Kleiner, ich will Dir wohl einen Ort zeigen, wo Du alle Tage so viel Wecke verkaufen kannst, als Du zu tragen im Stande bist; aber Du darfst bei Leibe Niemandem etwas davon offenbaren." Darauf führte der alte Mann den Buben in den Berg hinein, und es war im Berg wie in einer großen Stadt, und gar ein reges Leben darin. Viele Leute trieben Handel und Wandel, andere gingen in die Kirche, noch andere hielten einen Bittgang. Und an einem Tische saß der Kaiser gewaltig, und sein langer Bart war schon zweimal um den Tisch gewachsen. Dahin brachte nun tagtäglich der Knabe seine Semmelwecke, und empfing dafür uraltes Geld. Da aber nun in seinem Orte dessen bald zu viel umlief, wurden die Leute stutzig, mochten es nicht mehr annehmen, und drangen endlich in den/ Jungen, zu sagen, wo er dieses alte Geld bekäme. Da offenbarte er seinen ganzen Handel. Ein junger Freund von ihm drang sich ihm nun beim nächsten Berggang zum Begleiter auf, um des Guckenberges innere Herrlichkeit auch wahrzunehmen; allein der Semmelbube fand nicht nur den Eingang nicht wieder, sondern nicht einmal den Berg, und kam ihm die ganze Gegend anders und schier verwandelt vor. (S. 143/4)

FSS Nr. 3.15: Seifriedsburg
Es war ein Hirtenjunge, Fritz mit Namen, den seine Genossen Sau-Fritz nannten, weil er die Schweine hütete. Einst schwemmte er seine Heerde im klaren Wasser der fränkischen Saale. Da fand er einen Stein, womit er sich rieb, und der machte ihn fest gegen Hieb und Stich. Er ging in den Krieg und that, zumal er unverwundbar war, Thaten der Tapferkeit, und erwarb Rang und Reichthum. Vom Herrn des Gaues empfing er Erlaubniß, sich eine Burg zu erbauen, und wählte die Stätte seiner Heimath, wo er unterhalb seines Geburtsortes auf demselben Berg eine Burg aufführen ließ, die nun nach seinem Jugendspitznamen sammt dem Dorfe Säufritzburg benannt ward, daraus später die Schreibart Seifriedsburg geworden.
Lange stand die Burg, als einst ein schweres Unwetter heranzog, wie gerade das Burggesinde im Heuen/ war. Alles eilte hastvoll nach Hause, eine kecke Magd aber blieb und rief:
„Ei, es mag donnern oder blitzen,
So muß ich meinen Heuhaufen spitzen!"

Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug, und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Thal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort. (S. 144/5)

FSS Nr. 3.16: Lindwurm
Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde. Es wird hier ein überraschendes Zusammentreffen mit jener urdeutschen Sage vom hörnenen Siegfried wahrgenommen. Auch dort erst niederer Stand, dann Drachentödtung, Unverwundbarkeit, große Thaten, reicher Hort. Auch die Sage schreitet in mannichfacher Verwandlung durch die Jahrhunderte, wie sie einst durch die Länder schritt; aber ihr Leben ist ein unsterbliches, und sie selbst ein unverwundbarer Siegfried, den weder der Speer falscher Aufklärung, die gegen die Sage als wahnvolle Fabelei ankämpfen zu müssen glaubt, noch die polirte Dolchspitze des Hohns zu fällen vermag. (S. 145)

FSS Nr. 3.22: Vom Götzen Lollus
Im Bereich der sogenannten alten Stadt bei Schweinfurt, und zwar nicht weit von den langen Schranken, ist ein Platz gelegen, welchen das Volk Lollus oder Lollo nennt; ein andrer aber, näher gegen die jetzige Stadt zu, in der Nähe des Stroms, wo vor Alters ein Wald gestanden haben soll, wird das kleine Löllein oder das Lölle genannt. In diesem Hain soll einst in einer Umzäunung ein ehern Götzenbild gestanden haben, welches von den Einwohnern verehrt wurde und blutlose Opfer an Wein und Feldfrüchten empfing. Dieses Bild hieß Lollus und war gestaltet als ein nackter, geschürzter Jüngling; trug auf dem Haupte gelbes Lockenhaar, einen Kranz von Mohnsamen um den Hals und über die Brust, hob die rechte Hand zum Munde, faßte mit dem Daumen und Zeigefinger die Zunge, und hielt in der Linken einen Pokal empor, in welchem Kornähren standen. Ueber diesen Lollus haben die Gelehrten viel geschrieben, das Bild selbst aber ist hinweggekommen, Niemand weiß, wohin? Man vermuthet, es sei in den Main versenkt worden. (S. 151)

FSS Nr. 3.27: Die goldgekrönte Schlange
Auf der Petersstirn ist schon oftmals eine Schlange erblickt worden, die trägt auf ihrem Haupte ein goldenes Krönlein. Einst ging ein Häcker (Weinbergsmann) den Berg hinauf, wo noch die geringen Mauerschädel des alten Klosters liegen; da rauschte mit raschem Ringeln ihm eine große und glänzende Schlange entgegen, die trug auf dem Haupt eine goldene Krone und im Maul ein großes Bund Schlüssel, die glitzerten und klingelten wie Silber. Der Häcker entsetzte sich, hob seinen Karst (= eine spezielle Hacke, sk), um nach der Schlange zu schlagen, da sah ihn die Schlange wehmüthig an, und bezauberte ihn mit ihrem Blick, daß er regungslos stand, und da sah er denn, daß sie weinte wie ein Kind. Als das einige Minuten gedauert, schwand die Schlange in die Erde, und war ihm aus den Augen und hinweg und war nirgends im Boden ein Loch zu sehen. (S. 158)

FSS Nr. 3.35: Auferstandene Frau
Auf dem Schweinfurter Gottesacker (= Friedhof, sk) ist ein alter Grabstein mit dem lebensgroßen Bildniß einer vornehmen Frau zu sehen, welche ein eingewickeltes Kind zu ihren Füßen liegen hat. Diese war die Frau eines Syndikus Albert. Man sagt von ihr, daß sie sehr schnell und plötzlich gestorben sei, und als ihr Tod erfolgt war, wurde sie unter einem Schwibbogen, in welchem sich ihr Familienbegräbniß befand, beigesetzt. Ihr zurückgelassener Gatte betrauerte sie sehr aufrichtig. Der Todtengräber, ein habgieriger Mann, hatte jedoch an dem Finger der Leiche einen kostbaren Ring bemerkt, den er der Todten nicht lassen wollte; er machte sich daher des Nachts heimlich auf, hob den Sargdeckel ab, und wollte der Leiche den Ring vom Finger ziehen; da richtete sich diese plötzlich auf. Entsetzt lief der Todtengräber davon; die Frau im weißen Todtengewande entstieg ihrem Sarg, wandelte ihm nach, und kam ruhigen Ganges vor ihr Haus, wo sie anläutete. Eine Magd sieht zum Fenster hinaus: „Wer da?" „„Ich bin's, die Frau! Oeffne!"" Schreiend stürzt die Dienerin zu ihrem Herrn: „Die Frau ist unten an der Thüre, ich habe sie an der Stimme erkannt!" – Der Herr schüttelt ungläubig den Kopf, und läßt seinen Diener hinaus sehen. „Oeffne mir um Gotteswillen! Ich komme um vor Kälte!" Da eilt auch der Diener rasch zum Herrn: „Es ist die Frau, ich erkenne sie an ihrer Stimme." – Der Herr aber sagte: „Ihr seid Thoren und dümmer wie das/ Vieh! Wenn meine Pferde zum Fenster hinaussähen, würden sie gescheidter antworten, als ihr!" Kaum ist das Wort gesprochen, so kommt es mit Gelärm und Gepolter die Treppe herauf, und stampft und trappt und wiehert, – die Pferde sind‘s – zur Stube herein, und sie stecken die Köpfe durch die Fenster, daß die Scheiben klirren und die Flügelbänder brechen, und beide sehen vom Vorsaal hinab zum Fenster hinaus und wiehern. Nun läßt der Herr, erschrocken, schleunig öffnen, und die halberstarrte Frau wird zu Bette gebracht und geneset bald darauf eines Töchterleins (= bringt eine Tochter zur Welt, sk). Doch Mutter und Kind lebten nicht lange mehr, und die erste wurde zum zweiten Male begraben, und beiden dieser Grabstein zum Andenken gesetzt. – Alle Jahre am ersten Ostertage ist eine wahre Wallfahrt nach dem Gottesacker, der dann prächtig mit herrlichen Blumen geschmückt ist, aber das Erste, was man den Kindern zeigt und was sie alle gerne sehen wollen, ist die auferstandene Frau mit ihrem Kinde. (S. 166/7)

FSS Nr. 3.47: Kloster Theres
Da wo später das Kloster Theres errichtet wurde, zwischen Haßfurt und Schweinfurt, lag vor alten Zeiten ein stattliches Schloß, welches dem Babenberger Grafen Adalbert gehörte, das führte den Namen Sonderishus/ und dort habe Adalbert ein Kloster gegründet. Alte Geschichtschreiber haben ausgesagt, daß Graf Adalbert, der durch des Mainzer Bischofs Hatto schändlichen Verrath in seines Feindes Gewalt gekommen war, dort in seinem eigenen Hause enthauptet worden sei. Dieses verneinen Andere und sagen, Adalbert sei im Feldlager unterhalb der Babenburg enthauptet und sein Leichnam nach der Enthauptung in die Fluthen des Mains geworfen worden. Die Bewohner des Schlosses aber hatten Kunde von der Unthat, zogen den Leichnam, den die Wellen trugen, aus dem Wasser und riefen weinend: „Der is, der is!" (dieser ist es!) und darnach sei der Ort Theris, später Theres genannt worden. In der Klosterkirche wurde Adalbert feierlich beerdigt und ihm ein stattliches Epitaphium (reich dekoriertes Grabmal, sk) errichtet; es stand an der Wand, linker Hand gegen den Hochaltar, und der Graf war darauf abgebildet in seinem Harnisch und lebensgroß, stehend auf einem liegenden Löwen, und darum oder darunter die Worte: Anno Domini DCCCCVIII obiit nobilis Albertus comes de Babenberg qui hic jacet incinneratus monasterii hujus fundator opum quantam dator, cujus anima requiescit cum sanctis. Amen.*) Nach der Zeit ist die Kirche sammt dem Kloster neu gebaut worden, und man weiß nicht, wohin das Epitaphium gekommen.
*) Im Jahr des Herrn 908 starb der edle Albert, Graf von Babenberg, dessen Asche hier beigesetzt wurde, dieses Klosters Gründer, ein Geber reicher Güter, dessen Seele ruhe mit den Heiligen. Amen. (S. 180/1)

FSS Nr. 3.48: Adalberts, des Babenbergers Grab
Von Adalberts Grab hat sich die Sage erhalten, daß dasselbe ein kostbares, reich mit Schätzen gefülltes, und noch nicht wieder aufgefunden sei. Alte Leute geben an, wenn man im Thore des Klosterhofes gestanden, und zwischen zwei Säulen, die einen Betstock (= Bildstock, kleines Andachtsbild unter freiem Himmel, sk) gebildet, hindurchgeschaut habe, so habe man die Linie der Richtung gehabt, in welcher sich das Grab befinde. Noch ist der alte doppeltsäulige Bildstock ohnweit des ehemaligen Klosters vorhanden; man weiß aber nicht mehr recht, ob er noch auf der alten Stelle steht, und so wird Adalberts Grab wohl für immer unaufgefunden bleiben. (S. 182)

FSS Nr. 3.52: Der Kirchenbau zu Königsberg
An der schönen neuen Pfarrkirche zu Unser lieben Frauen in Königsberg, erblickt man außen zwei Steingebilde in lächerlicher Gestalt. Davon wird Folgendes erzählt. Der Kirchenbau, bereits 1397 begonnen, schritt äußerst langsam vorwärts und verzögerte sich an siebenundsechzig Jahre. Man hatte den Bau einem fremden Meister übertragen, dieser aber zog von dannen, arbeitete anderswo, und ließ sich lange mahnen und drängen, den Bau doch zu vollenden; darüber entstand viel Unwillen in der Stadt und üble Nachreden des Meisters, und besonders konnten zwei Bürger und Rathsherrn, die der Kirche gegenüberwohnten, kein Ende ihres Scheltens über den Steinmetzen finden. Eines Tages erblickten die Wächter eine große Männerschaar, die von Haßfurt her herannahte, und stießen in die Lärmhörner, denn es dünkte ihnen ein feindliches Heer, das einen Ueberfall versuchen/ wollte. Die Bürgerschaft griff zu den Waffen, schickte sich an, den Feind abzuwehren, und sandte einen Abgeordneten entgegen mit der Frage, was des Haufens Begehren sei? Da war es der bestellte Steinmetz mit nicht weniger als vierhundert Gesellen, die er allesammt herbeiführte. Und nun ging die Arbeit rüstig und wacker von Statten; da aber dem Baumeister zu Ohren kam, daß die beiden Bürger so übel von ihm gesprochen, brachte er ihre beiden Gestalten an der Kirche auf lächerliche Weise an. (S. 186/7)

FSS Nr. 3.54: Die kühne Magd
Vor vielen Jahren ist am Breitenweg zu Königsberg, wo man auf Altershausen ins Roth oder auf den Pappelsee zugeht, rechter Hand am Fahrwege gegen die Warte zu, eine Kapelle zur Ehre Unser lieben Frauen (= der Madonna, sk) erbaut worden. Schon im vierzehnten Jahrhundert wird ihrer gedacht. Im Jahre 1535 wurde sie bei einer Kirchenvisitation vom Stadtrath den Kastenpflegern zum Aufbau einer Hofstätte bewilligt und deßhalb abgebrochen.
Von vielen Leuten wird für gewiß ausgegeben, daß bei dieser Kirche eine denkwürdige Geschichte sich ereignet habe. Was die Zeit betrifft, so läßt sich aus der Erzählung der Leute vermuthen, daß es nach der Reformation, da die Kapelle ohne Gebrauch und ohne Kapellmann gewesen, geschehen sei. In der Vorstadt vor dem Haßfurter Thor hatten die jungen Dirnen (= Dienstmädchen, sk) eine Spinnstube. Nun kam das Gespräch auf die Kapelle, von der man immer sagte, daß es darin nicht geheuer sei, und das/ muthwillige Volk sprach: Wer zur Kapelle laufe und ein Wahrzeichen zurückbrächte, solle ein neues Kleid bekommen. Eine kühne Magd lief auch wirklich in der finstern Nacht zur Kapelle, da erblickt sie vor der Thüre ein Pferd mit einem Bündel und vernimmt aus der Kirche ein großes Gewinsel und Wehklagen, sie schneidet jedoch den Bündel vom Pferd und eilt heimwärts. Unterdessen kommt ein Reiter ihr stark nachgeritten, und die Magd verbirgt sich in der größten Angst hinter einem am breiten Weg liegenden Düngerhaufen. Als der Reiter vorbeigesprengt, eilt, vor Furcht am ganzen Leibe zitternd und schreckenbleich, die Magd in die Spinnstube, öffnet den Bündel, da finden sich darin allerlei Kostbarkeiten, Gold, Perlen u. dgl., wie auch Briefe, woraus sie denn ersehen, daß eine reiche Jungfrau verreisen wollte, aber von ihrem Gefährten, dem treulosen Knecht, in dieser Kapelle ermordet wurde. (S. 188/9)

FSS Nr. 3.57: Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck
Von den Trümmern des alten Bergschlosses Raueneck in Franken geht eine ganz gleiche Sage, wie von dem gleichnamigen Schloß bei Baden in Oesterreich. Es liegt dort noch ein großer Schatz vergraben, den bewacht ein ruheloser Geist, der ängstlich auf Erlösung hofft. Aber wer kann und soll diesen Schatz wohl heben und den Geist erlösen? Auf der Mauer steht ein Kirschbäumchen; das wird einst ein Baum werden, und der Baum wird abgehauen und daraus eine Wiege gemacht. Wer nun in dieser Wiege als ein Sonntagskind geschaukelt/ wird, wird erwachsen, aber nur, wenn er rein und jungfräulich geblieben, in einer Mittagsstunde den Geist befreien und den Schatz heben und über alle Maaßen reich werden, so daß er die Burg Raueneck und alle zerstörten Burgen in der Nähe wieder aufbauen kann. Wenn das Bäumchen verdorrt oder ein Sturm es bricht, dann muß der Geist wieder harren, bis abermals ein durch einen Vogel auf die hohe Mauer getragener Kirschkern aufkeimt und aufgrünt, und vielleicht zum Baume wird. (S. 191/2)

FSS Nr. 3.58: Altenstein
Unter den Burgtrümmern des östlichen Frankens ist die von Altenstein eine der berühmtesten und besuchtesten. Sie bildet mit den Burgen Lichtenstein und Raueneck einen Triangel (= Dreieck, sk). Hohes Alterthum und Schönheit der Lage zeichnen sie gleich sehr aus. Der gleichnamige Berg trug auf seinem nordöstlichen Abhang noch eine Feste, die Heidenburg, von der nur noch die Umwallung sichtbar ist und diese soll das eigentliche Stammhaus der weitverzweigten Familie von Stein zum Altenstein sein. Die spätere Burg war bischöflich-würzburgisches Eigenthum, welche Burgmänner darauf hielten. Die Ritter von Stein zum Altenstein führen in ihrem Wappen drei Hämmer im rothen Schild, und es haben schmeichlerische Genealogisten (= Abstammungsforscher, sk) die Sage ersonnen, daß die Familie vom scandinavischen Donnergotte, dem Asen Thor abstamme, und dessen Hammer Miölner zum Zeichen so hoher/ Abkunft im Schilde trügen. Vor solch kühnphantastischer Behauptung müssen freilich jene Adelshäuser weit zurückstehen, die ihren Ursprung nur bis zu Karl dem Großen hinaufführen zu können vermeinen. Das stattliche Haus, noch groß in seinen Trümmern, ward lange bewohnt. Im Bauernkriege fiel es durch Verrath, da der damalige Burgherr, Klaus Ludwig von Stein zum Altenstein, als Feldhauptmann am Rheine war.
Viele Bürger aus Ebern und Bauern aus Maroldsweisach waren bei der Plünderung und Zerstörung thätig, die im folgenden Jahre hart dafür gebüßt (= gestraft, sk) wurden. Doch ist von der Familie das Schloß noch bis zum Jahr 1703 bewohnt worden, worauf sie ihren Sitz nach Schloß Pfaffendorf verlegte, welches der genannte Klaus Ludwig zu bauen begonnen hatte, der den Bau jedoch nicht vollenden konnte, indem er von den Bauern zu Maroldsweisach hernachmals erschlagen wurde. (S. 192/3)

FSS Nr. 3.59: Die 12 Gerichteten
Zu den Zeiten, als Bischof Iring von Rheinstein auf dem Bischofssitze zu Würzburg thronte, saßen auf dem Schloße Altenstein dreizehn Ritter, Brüder des alten Geschlechtes, die, von kriegerischer Art, das bischöfliche Gebiet und dessen Insassen nicht immer in Ruhe ließen. Der Bischof, auch ein kriegslustiger Mann und heldenmüthig, sammelte seine Streitkräfte und zog vor den Altenstein. Hier sah er bald genug, daß die feste, schier/ unüberwindliche Burg ihm lange genug Trotz bieten würde, denn die zwölf Ritter, (der dreizehnte Bruder, Seifried, Johanniterritter, war im Fremdland) wehrten sich mannlich (= mannhaft, tapfer, sk) und schlugen jeglichen Angriff ab. Da griff der Bischof zum unrühmlichen Mittel schnöder List, denn er wollte um jeden Preis die Ritter bändigen und demüthigen; daher bot er den zwölf Brüdern friedlichen Vergleich an, und diese gewährten seinen Wunsch, öffneten dem Feind mit einigen seiner Mannen die sichere Felsenfeste und bewirtheten ihn köstlich. Nach der Mahlzeit ging der Bischof in sein Gemach und heischte da mit den Brüdern zu reden und gütlichen Vertrages zu pflegen; doch mit jedem besonders (= einzeln, sk). Sowie nun einer der Ritter von Stein eintrat in das Zimmer des Bischofs, ward er durch einen unversehenen Schwertstreich meuchlings gefällt. So waren eilf Brüder gefallen, als den letzten und mannlichsten der Ritter eine schwere Ahnung erfaßte; bewaffnet trat er ein, sah den fürchterlichen Bischof triumphirend über den Leichnamen der Gemordeten stehen und drang mit seinem Waidmesser (= Jagdmesser, sk) auf den Bischof ein; da packten ihn aber schon die Mordgesellen, und er behielt nur noch Kraft, das Waidmesser nach dem Bischof mit einem Fluche zu schleudern; doch traf es nicht des Mörders Hals oder Herz, sondern nur seine Nase, die davon um ein Kleines kürzer wurde. Dann sank auch der tapfere Herdegen (= Held, Kämpfer, sk) in sein Blut. Im Kloster Langheim wurden die zwölf Ritter beerdigt, andre sagen, nur die Häupter. Noch zeigt man in den Burgruinen das Gemach, darin die schauderhafte Unthat verübt worden. Der Platz, wo sie geschehen, wird Untereichelboden genannt.
Seifried von Altenstein kehrte aus der Fremde zurück,/ entbot dem Stift Fehde (= sagte dem Stift den Kampf an, sk), und ruhte nicht, bis er in das Erbe seiner ermordeten Brüder wieder eingesetzt war; er war es, von dem die spätern Altensteiner ihre Abkunft herleiten. Man sagt, Seifried habe eine Zeit lang sich unerkannt gehalten, und habe als Maurer gearbeitet, und davon sollen auch die drei Hämmer im Wappen herrühren. (S. 193-195)

FSS Nr. 3.60: Alte Reime von der Ermordung der 12 Ritter von Stein zum Altenstein
Eiring vom Reinstein vom Adel gut
Zum Bischof man erwehlen thut,
Danach der Geburt Christi man schreib
Zwölf hundert Jahr und fünfzig bleib.
Dieser wohl sechszehn ganze Jahr
Im bischöflichen Amt auch war.
Er hatt aber grimmig auferlegt,
Wie man den Ungehorsamen pflegt,
Würzburg und Rothenburg den Städten,
Gar große Geldbuß, sie es kaum hätten,
Dieser ohne alle Mittel war
Ein grausamer Tyrann für wahr.
Er konnt' auch seine Tyrannei
Treiben ohne alle Furcht und Scheu,
Weil damals im Reich, wie man ließ't,
Kein Haupt, noch Kaißer geweßen ist.
Auch die von Altenstein des seyn
Genug innen worden insgemein./
Ihr Zwölf aus ihrem Geschlecht er hat
Heimlich erwürgt an einer Stat.
Welches sich so zutrug, nun hör,
Hernach nicht unrecht judicir.
Als Eiring einsmahls auf ihr Schloß
(nach Altenstein genannt war dos)
Da zwischen ihnen viel Hader war,
Kam und sie hätt vertragen gar,
Und all's nun war im Vergessen gestellt
Bischof Eiring selbst bößlich hält,
Denn, als er war von ihnen tractirt
Aufs Beste, wie sichs denn gebührt,
Und ihm wurd alle Ehr erzeigt,
Kein Dank bei ihm sich doch neugt.
Sondern that wieder alle Lehr
Freundliche Wirthschaft schwächt die sehr,
Auch wieder seine Ehr' und Treu,
Die er Ihnen hat gelobet frey.
Da war das Abendmal vollend,
Einen jeden fodert er behend
In Sonderheit in sein Gemach,
Als wollt er mit ihm halten Sprach;
So bald aber einer zu ihm kam,
Ließ er denselben stracks fallen an,
Und niederhauen ohne Gnad.
Noch heut'ges Tages weiß man die Stat
Im schönen adeligen Hauß
Welches vor die Burg gebaut ist raus.
Also geschah den Eilfen all
Der Zwölfte aber merkt diesen Fall,
Herdegen mit Namen, der ein Ritter war,/
Der wehrt sich steif in dieser Gefahr,
Den Bischof er in Winkel trieb,
Und ihm im Grimm die Naß' abhieb.
Er mußt aber sobald gleichwohl
Erhalten als die Anderen oll (= alle, sk).
Und wurden die zwölf entleibten Herrn
Von Altenstein mit großem Trauern
Gen Langheim in das Kloster geführt,
Allda begraben wie sichs gebührt.
Wär nicht geweßen im fremden Lnad
Einer des Geschlechts Seyfried genannt,
So wäre der ganze Stamm für wahr
In einer Stund vertilget gar.
Es starb aber Bischof Eiring
Als Rudolph noch nicht allerding
Zum Kaißerthum bestätigt war
Welches ledig stand 17 Jahr
Als nach des Herrn Christi Geburt
Tausend 266 gezählet wurd. (S. 195-197)

FSS Nr. 3.63: Ruine Lichtenstein und ihr Herrengeschlecht
Ueber dem freundlichen Thale, das die Baunach durchfließt, liegt auf ziemlich hohem Plateau der Ebene das Dorf Lichtenstein, mit der wichtigen und merkwürdigen Ruine gleichen Namens. Sie besteht aus mehreren Gebäuden, deren eins zur Försterwohnung dient. Dort zeigt die Sage noch die Stätte eines Heidentempels und einer Folterkammer, darin sie von den Martern der ersten Christen des Landes aus grauer Urzeit erzählt. Ein hoher Wartthurm steht noch allda, und der tiefe Ziehbrunnen dient noch heute dem Bedarf der Bewohner. Ringsum lagern in den umherverstreuten Trümmern noch die Spuren starker Befestigung, und sogar das einer späteren Zeit angehörige Jägerhaus hat noch Umgänge für die Vertheidiger, und einen hohen Thurm. In diesem Thurme aber ist es traulich wohnlich, denn es bietet sich ein Gemach von dem Besitzer, Herrn Grafen von Rotenhahn, zu gastlichem Verweilen eingerichtet, und die Sessel zeigen die Wappen noch blühender, uralter hoher Geschlechter der Umgegend, wie die der Grafen von Ortenburg u.(nd) A.(nderer). Die Edeln von Lichtenstein waren gar/ reich begütert in Ober- und Unterfranken, und ihnen waren die Burgen und Orte Lichtenstein, Heiligersdorf, Wiesen, Geiersberg, Hohenstein, Lautersburg und Lahm. Reichlich begabten sie den Klosterhof Tambach. Schon 1080 kommt ein Lichtensteiner als turnierender Ritter vor und 1215 wird ein Lichtensteiner, Heinrich, in einer Tambacher Urkunde genannt. Thein von Lichtenstein schenkte 1304 den Zehnten zu Watzendorf an jenes Kloster. Johannes von Lichtenstein war um 1400 Pfarrer zu Meder, mit dessen Bewilligung die Aebtissin zu Kloster Weilsdorf „Laub und Gunst"*) gab, daß 1401 die Kirche zum heiligen Kreuz vor Koburg erbaut wurde. Michel von Lichtenstein war zu Wilhelm von Grumbachs Zeiten Domherr zu Würzburg, und brachte es bis zur Würde des Domprobstes in Bamberg. Denkmäler dieser Familie sind auf dem Schlosse Hohenstein bei Koburg, dessen Erneuer dieser Michel von Lichtenstein gewesen sein soll. So sind auch Lichtensteiner Denkmäler in den Kirchen zu Schottenstein und zu Seßlach.
*) Erlaubniß, noch im Worte Urlaub erhalten. (S. 199/200)

FSS Nr. 3.64: Die lichten Steine
Inmitten des Steinschuttes der Burgruine Lichtenstein erheben sich hochragend zwei Felsenblöcke über dem Boden, und es geht die Sage, daß dieselben seit undenklichen/ Zeiten in dieser Stellung gestanden, nämlich einer dicht über dem andern gelehnt und geneigt, ohne daß einer den andern berührt, und so dem Lichte zwischen sich freie Bahn lassend. Davon soll nun auch der Namen der Lichtensteiner, sowie ihr Wappen herrühren, welches zwei weiße gezackte Steine im rothen Felde, deren Spitzen sich nicht berühren, zeigt.
Man sagt, so lange diese Steine ständen, werde das Geschlecht nicht gänzlich erlöschen, und so lange sei der alten Burg Wiederaufbau zu hoffen. Noch ist auch das Geschlecht der Freiherren von Lichtenstein nicht erloschen; doch gingen die meisten der ehemaligen Besitzungen in fremde Hände über, und viele wurden Eigenthum der Grafen von Ortenburg, Rotenhahn u(nd) A(nderer). (S. 200/1)

FSS Nr. 3.96: Das Ackersteinkreuz
Nicht gar weit von den Ruinen der Burg Strauf und von Streufdorf ist eine Stelle im Waldgeheg, an welcher einst ein Jüngling seinen Tod fand und begraben wurde. Seine trauernde Geliebte wollte sein Andenken ehren durch ein bleibendes Gedächtnißmal; doch fehlten ihr dazu die Mittel. Da gab ihr die Liebe einen Gedanken ein, den sie auszuführen nicht säumte. Sie legte mit sorgsamer Hand ein Kreuz aus Ackersteinen auf die Trift (= Wiese, Weide, sk). Und wie oft es geschah, daß Bosheit oder Muthwille das Kreuz auseinander riß und zerstörte, die Hand der Liebe war rastlos thätig, das Kreuz fort und fort zu erneuen, bis das Mägdlein starb.
Darauf hat das Volk jenes Kreuzes Erhaltung wie ein stilles Vermächtniß übernommen, und immerdar die Lücken wieder ausgefüllt, die durch Menschenhand oder sonstigen Zufall in dem Steinkreuze entstanden. So hat das Kreuz lange am Wege gelegen, und ist zum frisch im Volksgedächtniß fortlebenden Sagenzeugen geworden. (S. 232)

FSS Nr. 3.109: Die scharfe Scheere
Außen an der Pfarrkirche zu Münnerstadt ersieht man einen Grabstein, auf welchem eine Scheere eingehauen ist. Der unter dem Grabstein Ruhende war ein andächtiger Schneider, welcher sich aber in seiner Andacht gar zu oft vom Teufel gestört sah. Dieser erschien ihm dann und flüsterte ihm zu, daß er recht viel Tuch in die Hölle werfen solle, und trieb auch sonst mit dem Schneider viele verfängliche Possen. Der Geplagte klagte seine Noth einem frommen Mann, und empfing von diesem den Rath, so der Teufel das nächste Mal sich wieder einstelle, solle er die Scheere nehmen, und ihm den Schwanz abschneiden. Diesem Rath beschloß der andächtige Schneider zu folgen; er schärfte seine Scheere, und als der Teufel wieder kam, schnitt er ihm den Schwanz, rups und kahl vom Leibe weg. Der Teufel schrie Mordjo!*) fuhr von dannen und ließ den Schneider fortan in Ruhe. Die Scheere blieb lange als Erbstück/ bei der Familie. Auf dem Grabstein grub man ihr Bild zum Gedächtniß ein. Seitdem sich das zu Münnerstadt begab, geht nun der Teufel ohne Schwanz unter den Leuten umher, und ist gar nicht mehr zu erkennen; daher kommt es auch, daß so Viele sagen, es gäbe keinen Teufel mehr. Nun kann man sich weit weniger vor ihm hüten, als früher, wo er den stattlichen Schwanz noch hatte. (S. 244/5)
*) Vgl. ,Zeter und Mordio schreien': Zu Hilfe, man will mich ermorden! Mit dieser Sage kann man das Märchen NDMB Nr.
16: Die scharfe Scheere vergleichen, s.d.) sk

FSS 3.132: Das Irrkraut auf dem Feldstein
Wenn man oberhalb des Dorfes Henfstedt, ohngefähr eine gute viertelstunde unter Thema, von der Chaussee abgeht, links über einen Wiesenpfad nach der Dachbachsmühle zu, so gelant man an einen Berg, worüber ein Weg nach dem drunten im Thal liegenden Dorfe Lengfeld führt. Geht man nun von diesem Weg, am jenseitigen Abhang, ab, und mehr links, so kommt man an einen Basaltfelsen, welcher der Feldstein genannt wird. Dieser Fels besteht aus schichtweise über einander aufrechtgestellten Basaltsäulen und soll, wie die Leute versichern, sonst so hoch gewesen sein, daß man auf seiner Höhe die Veste Coburg ganz genau sehen konnte; aber da zum Ueberschütten der Chausseen beständig Steine davon abgebrochen worden sind, so hat er an Höhe sehr/ bedeutend abgenommen, denn er mag höchstens noch 10 Schuh hoch sein. Der Felsen war von hinten her zu besteigen, weil er am Hang des Berges sich befindet und mit dem Gipfel desselben sonst gleiche Höhe hatte, an der Vorderseite aber ist er ganz senkrecht. Man erzählt von diesem Basaltfelsen, daß auf seiner Höhe in einer kleinen Telle (= Delle, Senke, sk) (zu der Zeit, wo er noch nicht ruinirt war), eine Pflanze gewachsen sei, die die Leute Irrkraut nannten, und daß diese Pflanze die wunderbare Eigenschaft gehabt habe, einen Jeden, der sie überschritten hatte, wirr und irr zu machen, so daß er sich nur mit Mühe und Noth, nach langem Irren, aus dem Felsen habe herausfinden können. Gar vielen ist es so begegnet, daß sie sich nicht zurecht finden konnten nach Ueberschreitung des Irrkrautes; und obwohl sie das Dorf Lengfeld im Thale liegen sahen und ganz genau wußten, wo sie waren und wo der Weg hinausgehe, dennoch mußten sie sich Stundenlang irr und wirr auf dem Felsen im Kreis herumdrehen, ehe sie den Ausgang wieder zu finden vermochten. (S. 268/9)

FSS Nr. 3.151: Der Otterkönig
An einem schönen Sommertage fuhr ein Mühlknecht einen mit Mehl beladenen Karren nach Queienfeld, das keine Mühle hat und deßhalb in andern Ortschaften mahlen läßt, und kam unterwegs an einem hellen und klaren Bach vorüber. Es war in der Mittagsstunde, und er sah den Otterkönig (= Schlangenkönig, sk), der schneeweiß war und eine goldene Krone auf dem Haupte trug, daherkommen, die Krone am Ufer ins Gras legen und zum Bade in das klare Wasser steigen. Er fuhr vorüber; aber da er noch mehrmals um die zwölfte Stunde hier vorbeikam, so sah er auch jedesmal des Otterkönigs Bad an; denn zur Sommerszeit badet sich der Otterkönig alle Tage in der Mittagsstunde. Endlich fiel dem Mühlknechte doch ein, sich den Besitz der goldenen Krone zu verschaffen. Eines Tages fuhr er etwas früher sein Mehl nach Queienfeld, belud dort seinen Karren wieder mit Korn (= Roggen, sk) und Waizen und fuhr zurück. Als er an den Bach kam, war der Otterkönig noch nicht da, darum zog er seinen weißen Kittel ab und breitete ihn ins Gras an der Stelle, wo der Otterkönig ins Bad zu steigen pflegte. Ueber eine Weile kam derselbe weiß und glänzend durchs grüne Gras dahergerauscht, legte die Krone auf den Kittel und begab sich ins Wasser. Schnell machte sich der Mühlknecht hinzu, schlug den Kittel zusammen, legte ihn auf den Karren und fuhr fort. Als er ein gutes Stück weiter gefahren war, stieg der Otterkönig aus dem Bad, und da er seine Krone nicht fand, schnellte er hinter dem/ Wagen drein. Er schlang sich um die Pferde, ringelte sich auf den Wagen, that den Rachen auf und zischte; aber der Knecht ließ die Krone nicht fahren. Endlich, als der Otterkönig sah, daß er so seine Krone nicht wieder erhalten würde, that er einen gellenden und durchdringenden Pfiff, den er einigemal wiederholte, und sogleich stellten sich alle Ottern und Schlangen im weiten Umkreis ein, raschelten heran, zischten, spieen Gift und krochen auf den Wagen, wühlten auf demselben herum und zerbissen alle Säcke, daß das Korn und der Waizen auf die Erde fielen. Wie aber der Mühlknecht sah, daß sie ihm seine ganze Ladung verdarben und auch Anstalt machten, über ihn selbst herzufallen, nahm er die Krone, die er in seinen Busen gesteckt hatte, und warf sie auf die Erde: flugs setzte der Otterkönig seine Krone wieder auf, kroch voraus, und die übrigen Schlangen und Ottern krochen hinterdrein, so daß in einigen Augenblicken alle fort waren, als wenn sie der Wind weggeweht hätte. (S. 290/1)

FSS Nr. 3.161: Schlitzöhrchen
Eine Strecke durch das nördliche Franken fließt ein schmales Wasser, die Streu, davon der Streugrund seinen Namen hat, der sich von Mälbers an, wo das Flüßchen entspringt, über Fladungen, Ostheim und/ Mellrichstadt bis nach Heustreu erstreckt, wo jenes in die fränkische Saale fällt. In diesem Flüßchen wohnt ein neckischer und boshafter Wassergeist, genannt Schlitzöhrchen, weil er geschlitzte Ohren hat. Dieser Nix treibt sein Wesen vornehmlich unter Mellrichstadt nach Oberstreu zu. Wer dort zu einer gewissen Zeit über die Streu geht, hat zu gewärtigen, daß Schlitzöhrchen herauffahre und ihn ins Wasser ziehe, tüchtig untertauche, oder gar ersäufe. Das ist nach alter Aussage gar Manchem widerfahren. (S. 301/2)


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  Impressum   Letzte Änderung: 3. März 2011