Universität Hamburg Institut für Germanistik I
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Volkssagen von Ludwig Bechstein


Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes.
4 Bände. Hildburghausen (Kesselring) 1835–1838




Ludwig Bechstein


(*24.11.1801 Weimar +14.05.1860 Meiningen)






Anmerkungen
Bechstein hat fünf große Sagensammlungen herausgegeben. Auch hier ist die Sagensammlung der Brüder Grimm (Deutsche Sagen 1816/18) eine der wichtigsten Quellen. Die nachfolgenden Bechstein-Sagen sind Beispiele für das, was André Jolles die Einfachheit und Max Lüthi die Einebigkeit der Volkssage genannt hat. Die Materialien sind nach den Erscheinungsdaten der Anthologien geordnet.

(Zu den Anmerkungen: Copyright bei Prof. Dr. Susanne Schmidt-Knaebel 2002)


2. Volkssagen

2.1. Inhaltsverzeichnis
Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes

TSS Nr. 1.1.1: Wartburg wird erbaut
TSS Nr. 1.1.3: Von der Seele des eisernen Landgrafen
TSS Nr. 1.1.4: Von Ludwig dem Milden
TSS Nr. 1.1.5: Der Sängerkrieg auf Wartburg
TSS Nr. 1.1.6: Von dem Meister Klinsor
TSS Nr. 1.1.7: Der Meister Klinsor weissagt aus den Sternen und versöhnt die Sänger
TSS Nr. 1.1.8: Landgraf Herrmann sendet Boten nach Ungarn und wirbt für seinen Sohn um des Königs Tochter
TSS Nr. 1.1.9: Die Jugendjahre Elisabeths und Ludwigs
TSS Nr. 1.1.10: Elisabeths Demuth und Erhöhung
TSS Nr. 1.1.11: Das erste Wunder an der Landgräfin Elisabeth
TSS Nr. 1.1.13: Von dem armen Eli
TSS Nr. 1.1.14: Elisabeths Rosen
TSS Nr. 1.1.15: Landgraf Ludwig und der Krämer
TSS Nr. 1.1.16: Elisabethen-Brunnen und Garten
TSS Nr. 1.1.17: Von Landgraf Ludwigs Treue
TSS Nr. 1.1.18: Elisabeths Handschuh
TSS Nr. 1.1.19: Landgraf Ludwig und der Löwe
TSS Nr. 1.1.20: Landgraf Ludwig fährt über Meer
TSS Nr. 1.1.21: Wie Elisabeth ihres Gemahls Tod erfährt
TSS Nr. 1.1.22: Elisabeth wird von der Wartburg ausgetrieben
TSS Nr. 1.1.23: Das Kind von Brabant
TSS Nr. 1.1.24: Der Landgraf Albrecht will sein Weib ermorden lassen
TSS Nr. 1.1.25: Margaretha, Landgräfin von Thüringen, entflieht von der Wartburg
TSS Nr. 1.1.26: Von Friedrich, dem Gebissenen
TSS Nr. 1.1.27: Friedrich der Freudige erwirbt sich eine Braut
TSS Nr. 1.1.30a: Wie der Landgraf seine Tochter von der belagerten Wartburg führte
TSS Nr. 1.1.32: Die geistliche Comödie und von des freudigen Landgrafen Ende
TSS Nr. 1.1.34: Von Johannes Hilten, dem Propheten
TSS Nr. 1.1.35: Junker Görg
TSS Nr. 1.1.36: Die verfluchte Jungfer
TSS Nr. 1.1.37: Die verfluchte Jungfer erscheint einer Hirtin und schützt ein Kind
TSS Nr. 1.1.39: Mönch und Nonne
TSS Nr. 1.2.1: Königin Reinsweig
TSS Nr. 1.2.2: Der treue Eckart und der wilde Jäger
TSS Nr. 1.2.3: Die Mähr von dem Ritter Tanhäuser (fliegendes Blatt)
TSS Nr. 1.2.4: Das Lied von dem Danheüser
TSS Nr. 1.3.2: Von Ludwig des Bärtigen Geschlecht
TSS Nr. 1.3.4: Graf Ludwig ermordet den Pfalzgrafen zu Sachsen
TSS Nr. 1.3.5: Das alte Lied von der Frau von Weißenburg
TSS Nr. 1.3.7: Wie Graf Ludwig von der Veste Giebichenstein entspringt
TSS Nr. 1.3.8: Ludwig der Springer und sein Weib bereuen ihre Sünde
TSS Nr. 1.3.9: Wie Reinhardsbrunn erbaut wurde
TSS Nr. 1.3.11: Ludwig der Heilige hilft den Mönchen zu Reinhardsbrunn
TSS Nr. 2.1.8: Wie die Königin Amalberga ihres Gemahls Tisch nur halb deckte
TSS Nr. 2.2.3: Bonifacius kommt an die Ohra
TSS Nr. 2.2.4: Ein Adler speist den Bonifacius
TSS Nr. 2.2.5: Die Sanct Johannis-Kirche bei Altenberga
TSS Nr. 2.2.6: St. Johannis-Kirche will nicht im Thal stehen
TSS Nr. 2.2.14: Asolverod
TSS Nr. 2.2.15: Der letzte Graf von Käfernburg wird in Georgenthal begraben
TSS Nr. 2.2.20: Der Luthersbrunnen bei Tambach
TSS Nr. 2.2.21: Doctor Luther in Tambach

TSS Nr. 2.2.22: Alte Schlösser um Tambach und Diethharz
TSS Nr. 2.2.23: Blutnelken am Falkenstein
TSS Nr. 2.2.24: Das Kind am Falkenstein
TSS Nr. 2.3.4: Der Venetianer
TSS Nr. 2.3.10: Die Funn von Karles quintes
TSS Nr. 2.3.11: Die Flitterbraut
TSS Nr. 2.3.12: Der beleidigte Hausgeist
TSS Nr. 2.3.13: Hausgeister ziehen davon
TSS Nr. 2.3.21: Ludwig der Eiserne wird hart geschmiedet
TSS Nr. 2.3.31: Der Rabenbrunnen
TSS Nr. 2.3.39: Die Kuh aus dem Felsen
TSS Nr. 2.3.40: Musikanten bringen eine Nachtmusik
TSS Nr. 2.3.44: Vom Scharfenberg
TSS Nr. 2.3.45: Hannsen von Frymars Treue
TSS Nr. 2.3.47: Das Geisbeinsloch
TSS Nr. 2.3.48: Der Schlangen-Beschwörer
TSS Nr. 2.3.52: Wo Stutzel, der Hund begraben liegt
TSS Nr. 2.3.59: Die falsche Königin von England auf Tenneberg
TSS Nr. 2.3.60: Eine weiße Frau auf Tenneberg
TSS Nr. 3.1.8: St. Georgs Pannier
TSS Nr. 3.1.10: Der Kinder-Kreuzzug
TSS Nr. 3.1.20: Die Geißelfahrer
TSS Nr. 3.1.22: Die Flegler
TSS Nr. 3.2.2: Der schwarze Ritter
TSS Nr. 3.2.4: Die Gleichische Doppelehe
TSS Nr. 3.2.5: Die Doppelehe, eine abweichende Sage
TSS Nr. 3.2.9: Der Mordgarten
TSS Nr. 3.2.18: Die Böhlersmännchen
TSS Nr. 3.2.19: Der Jungfernsprung
TSS Nr. 3.2.20: Der Kindertanz
TSS Nr. 3.3.1: Teufelsbad und Teufelskreise
TSS Nr. 3.3.3: Der Jägerstein
TSS Nr. 3.3.8: Zigeunerkind
TSS Nr. 3.3.16: Die Jungfrau am rothen Stein
TSS Nr. 3.3.21: Von der Steinsburg bei Heinrichs (2. Episode)
TSS Nr. 3.3.25: Die Jungfrauen auf dem Rupberg
TSS Nr. 3.3.26: Drei Viertel für ein Pfund
TSS Nr. 3.3.28: Von em Bergkmo
TSS Nr. 3.3.29: Die Brout en Garte
TSS Nr. 3.3.34: Frau Holle und der treue Eck(a)rt
TSS Nr. 3.3.57: Vom Grimmenthal
TSS Nr. 3.3.63: Vom Gertles
TSS Nr. 3.3.64: Im Gertles zwölf schlagen hören
TSS Nr. 3.3.72: Die Nixe der Todtenlache
TSS Nr. 3.3.74: Schleusingens Ursprung und Name
TSS Nr. 3.3.76: Die Glocke vom Gottesfeld
TSS Nr. 4.1.2: Der verlorne Kaiser Friederich
TSS Nr. 4.1.4: Der Schäfer
TSS Nr. 4.1.5: Die Glücksblume
TSS Nr. 4.1.6: Die große Heerde
TSS Nr. 4.1.7: Der Kornfuhrmann aus Reblingen
TSS Nr. 4.1.11: Das Brautpaar aus Tilleda
TSS Nr. 4.1.18: Die goldnen Haare
TSS Nr. 4.1.21: Der Venetianer
TSS Nr. 4.1.24: Der Schmied von Jüterbogk
TSS Nr. 4.1.40: Bonifaz(c)iusburg und (-)Pfennige
TSS Nr. 4.1.44: Der heilige Günther in Göllingen
TSS Nr. 4.1.47: Der Schlachtberg und das Eulengeschrei
TSS Nr. 4.1.53: Der heilige Jodute
TSS Nr. 4.1.54: St. Ulrich wird eine Kirche gelobt
TSS Nr. 4.1.63: Neun Kinder auf einmal
TSS Nr. 4.1.64: Die eisernen Schuhe
TSS Nr. 4.1.65: St. Bruno und die Eselswiese
TSS Nr. 4.1.67: Das Nonnengespenst zu Gehofen
TSS Nr. 4.2.16: Der Jungfernstein
TSS Nr. 4.2.17: Der Mönch und die Nonne
TSS Nr. 4.2.28: Die Teufelskutte
TSS Nr. 4.2.30: Die Fräulein in der Kutsche
TSS Nr. 4.3.2: Die Teufelsmahten
TSS Nr. 4.3.14: Die Zigeuner

TSS Nr. 4.3.28: Bonifaciusfels
TSS Nr. 4.3.30: Die Hunde von Wenkheim
TSS Nr. 4.4.37: Der Landgrafenacker
TSS Nr. 4.4.38: Die Luitterschbuche, der Luitterbuirn u der Luitterschfuß
TSS Nr. 4.4.45: Der Flohsbergk
TSS Nr. 4.4.46: Dri Männer im Flohsbergk


TSS Nr. 1.1.1: Wartburg wird erbaut
Es war Graf Ludwig, zubenamt der Springer, ein mächtiger Herr in Thüringen. Als derselbe einstmals am Inselberge jagte, traf er ein Stück Wildes, das er eifrig verfolgte, und ihm nachritt bis an das Flüßchen Hörsel, und bis gen Nieder-Eisenach, und von dannen wieder bis an den Berg, darauf jetzt die Wartburg steht. Dort blieb er und wollte warten, wo das Wild aus dem Walde lief, betrachtete derweil die schöne Gegend und vornehmlich den steilen Felsenberg, und dachte bei sich selbst und sagte: „Wart' Berg, Du sollt mir eine Burg werden!" So mit großer Lust, auf den Berg zu bauen, trachtete er auf Mittel und Wege, es füglich zu beginnen, denn der Berg gehörte den Herren von Frankenstein, welche nahe dabei schon eine Burg besaßen, der Mittelstein genannt, (und war dieß vor der Wartburg die beste Burg in Thüringen,) aber jenseit des Waldes bei Salzungen dicht über der Werra ihr Stammschloß hatten.
Und der Graf hatte bei sich zwölf Ritter, tapfre freie Mannen, mit denen berieth er sich heimlich,/ als sie sich zu ihm gefunden hatten, wie er den Berg an sich brächte, und es ward also gehandelt, daß des Nachts vom Schaumberg, der dem Grafen eigen war, Erde in Körben auf den Wartberg getragen wurde und darauf gestreut, und der Graf schlug dann eine Burgfriede mit Gewalt auf, hinter der er sich vertheidigen konnte. Bald kamen die Herren von Mittel- und Frankenstein, konnten aber dem Grafen auf seiner Felsenveste nichts anhaben, verklagten ihn daher bei Kaiser und Reich, daß er sich des Ihrigen mit Gewalt freventlich anmaße. Auf des Reiches Befragen entgegnete der Graf: Er habe die Burg auf das Seine gebaut, wolle sie auch nach Urthel und Recht, seines Verhoffens, wohl behalten. Darauf erkannte das Reich, so er mit zwölf redlichen Männern beweisen und beschwören könne, mit leiblichem Eid, daß das Land, worauf er gebaut, sein wäre, solle er es behalten. Da erkor der Graf seine zwölf Ritter zu Eideshelfern, trat mit ihnen auf den Berg, steckten ihre Schwerter in die zuvor hinaufgetragene Erde und schwuren, daß ihr Herr, Graf Ludwig, auf dem Seinen stände, und schon vor Alters dieser Boden (nehmlich der hinaufgetragene) zum Lande und zur Herrschaft von Thüringen gehört habe. Damit behielt er den Berg.
Es war aber dazumal im Thüringerland, ja aller Orten, große Hungersnoth und großes Sterben, und erhielt durch den Burgbau das arme Volk sein Brod, um das allein es arbeitete. Der Graf/ ließ die Steine im Seeberg bei Gotha brechen und herführen, baute das Haus und Kemnaten und Thürme, wollte auch gar die Burg mit Kupfer decken und übergülden lassen, das Reich war aber dagegen, so ließ er sie mit Blei decken. Und als das Schloß gar köstlich gebaut war, baute der Graf auch die Ringmauer, darin das jetzige Eisenach liegt, denn zuvor war diese Stadt viel weiter von der Wartburg gelegen, und war ein offner Flecken am St. Petersberg, zwischen der Hörsel und Nesse. Es mußte zu diesem Mauerbau ein jedes Dorf im Thüringerland helfen mit Fuhren und Handreichung, und jedes ein Stück Mauer machen, von welcher verschiedenen Arbeit noch die Spuren ersichtlich sind.
Also ward die Wartburg erbaut und das jetzige Eisenach begründet und mit Mauern umgeben. (TSS I S. 25-27)

TSS Nr. 1.1.3: Von der Seele des eisernen Landgrafen
Der eiserne Landgraf Ludwig hinterließ einen Sohn, der war der vierte dieses Namens, und der dritte Fürst von Thüringen, den nannte man Ludwig den Milden. Dieser hätte gern erfahren, wie es um seines Vaters Seele beschaffen sey; das hörte ein Ritter an seinem Hofe, der einen Bruder hatte, welcher zu Paris studiert, und die schwarze Kunst konnte. Zu diesem sprach der Ritter: Lieber Bruder, erforsche mir, wie es um die Seele des Vaters unsers Herrn beschaffen ist. Drauf beschwur der Schüler den Teufel, daß er ihm sagen solle, was der Ritter gefragt. Der Teufel sprach: Willst Du mit mir fahren, so zeige ich Dir die Seele; der weise Schüler sprach: das wollte ich wohl gern thun, könnte ich es nur ohne Schaden vollbringen; worauf der Teufel erwiederte: Ich schwöre es Dir bei dem allerhöchsten Gott und bei seinem schrecklichen Gericht, daß ich Dich hin und zurück ohne Schaden bringen will. Da setzte sich der Zauberschüler auf des Teufels Hals und fuhr in einer kurzen Zeit hin, wo die Seele des Landgrafen litt, und hörte und sah allda unaussprechlichen großen Jammer. Und ein anderer Teufel rief dem ersten zu: Wer ist der, den Du füh/rest? Drauf antwortete dieser: Es ist unser Freund, dem habe ich geschworen, daß er unverletzt bleiben soll, und ich soll ihm zeigen des Landgrafen Seele. Da warfen sie von einer Grube einen glühenden Deckel, und der Teufel steckte eine Posaune hinein, und blies, daß dem Schüler deuchte, Himmel und Erde erbebeten. Danach schlug eine helle Flamme aus der Grube mit großem Gestank und glühenden Funken, darin schwebte des Landgrafen Seele und sprach zu dem Schüler: Siehe, hier bin ich nun gegenwärtig, ich armer unseliger Landgraf, ehemals Dein Herr! Der Schüler erschrak, daß er lange nicht sprechen konnte.
Als er wieder zu sich selber kam, sprach er: Ach lieber Herr, mir ist so leid Euer großes Leiden, ich bin zu Euch gesandt von Eurem Sohne, daß ich ihm erfahre und offenbare, wie es um Eure Seele gethan, ob er Euch irgend rathen oder helfen möge. Der Landgraf antwortete: Meine Gelegenheit und Pein hast Du gesehen; wisse, wollte mir mein Sohn daraus helfen, und wollte das Gut und das Erbe, das ich den Stiftern zu Mainz, Fulda und Hersfeld heimlich und offenbar abgezogen habe, und zu meiner Herrschaft gebracht, (er nannte ihm jegliches Stück besonders) zurückgeben, so hoffte ich zeitige Erlösung; so dies aber nicht geschieht, so muß ich in dieser Grube leiden bis an den jüngsten Tag, und dann liegt es in Gottes Barmherzigkeit, was er mit mir beginnen will. Der Schüler sprach: Herr, saget mir ein Wahr/zeichen, daß er mir glaube. Und der Geist sagte ihm viele Dinge, die niemand wußte, denn er und sein Sohn. Dann ward des armen Landgrafen Seele wieder in die grundlose Grube gesenkt, und der Teufel führte den Schüler wieder zurück. Und ob derselbe wohl das sichre Geleite des Lebens und der Seele nicht verlor, so blieb er doch all seine Tage gelb und von jämmerlichem Aussehen. Er verkündigte dem Landgrafen Ludwig dem Milden diese Geschichte, der hätte seinem Vater gern geholfen, aber seine Gewaltigen, die jene Stiftsgüter inne hatten, wollten es ihm nicht gestatten; sie sprachen, daß er behalten müsse, was ihm zugestorben sei; wenn er Almosen für die Seele gebe und Messe lesen lasse, so würde wohl Rath zu ihrer Erlösung.
Der Schüler aber thät sich ab seiner Nekromantie, büssete, und ward ein Mönch im Kloster Volkenrode. (TSS I S. 30-32)

TSS Nr. 1.1.4: Von Ludwig dem Milden
Landgraf Ludwig war ein gar erlauchter frommer Fürst, männlich und wacker im Streit, vorsichtig und weise in den Rechten, geduldig und sanftmüthig in Widerwärtigkeiten, gegen die Armen gütig und barmherzig, er ertrug ihr Geschrei und hörte/ die Klagen, die sie ihm vorbrachten, gleich als ob er ihnen die Almosen von Rechtswegen schuldig wäre. Er nährte sie, er kleidete und vertheidigte sie, er war so ein frommer Christ, daß man ihn von seiner Demuth und seines Betens wegen mehr für einen Mönch hielt, als für einen Ritter. Er war gegen alle Leute also gütig, daß man ihn den milden Landgrafen nannte. Einstmals, in dem großen Krieg gegen Herzog Heinrich den Löwen, da der Kaiser ihn mit seinem Bruder Herrmann gen Goslar geschickt, gewann er einen Streit mit dem Herzog von Braunschweig auf offenem Feld, wo er nur wenige Mannen bei sich führte, und sahe, daß er schwerlich wegen des Feindes Uebermacht der Verstrickung entrinnen werde. Da gelobte er Gott, wenn er obsiege, zur Ehre St. Georgs eine Kirche zu bauen, und der Herr half ihm von dem Feinde.
Darnach ließ er die St. Georgenkirche zu Eisenach bauen, sah aber ihre Vollendung nimmer. Denn zu dieser Zeit sandte der Papst einen Bischof gen Mainz, der predigte das Kreuz zu Hülfe dem heiligen Grabe, daß man das wieder gewänne. Und es wurden mit dem Kreuze gezeichnet Kaiser Friedrich, Landgraf Ludwig von Thüringen und Hessen, des Kaisers Schwestersohn; Graf Poppo von Henneberg, und gar viele Bischöfe, Aebte, Grafen und Herren, Ritter und Knechte, und gemeines Volk ohne Zahl./
Ludwig der Milde vollbrachte manche tapfre That, doch er erkrankte, reiste zurück, und starb auf der Insel Cypern. Die Seinen begruben sein Fleisch, seine Gebeine aber führten sie in das Vaterland und gen Reinhardsbrunn, da wurde er neben seinen Eltern herrlich bestattet. Und da er von der Tochter des Herzogs von Oesterreich, Frau Margarethen, seiner dritten Gemahlin, keine Leibeserben hatte, so fiel das Land auf seinen ältesten Bruder Herrmann, den der Kaiser zu einem Pfalzgrafen von Sachsen gemacht hatte. (TSS I S. 32-34)

TSS Nr. 1.1.5: Der Sängerkrieg auf Wartburg
Am Hofe des Landgrafen Herrmann von Thüringen fanden sich sechs edle und tugendsame Männer zusammen, die konnten hübsche Lieder dichten. Sie erfanden neue Gesänge, mit denen sie gegeneinander sangen und kriegten, welche Lieder daher noch den Namen haben: Der Krieg zu Wartburg, weil es auf der Wartburg über Eisenach geschah. Der erste Sänger hieß Heinrich Schreiber, war ein guter Ritter; der zweite Walther von der Vogelweide; der dritte Reinhart von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt; der vierte Wolfram von/ Eschenbach, diese waren alle rittermäßige Mannen und gute Wappner; Bitterolf, der fünfte, gehörte zur Dienerschaft der Landgräfin, und der sechste, Heinrich von Afterdingen oder Ofterdingen war ein Bürger der Stadt Eisenach, von einem frommen Geschlechte. Von diesen sechs Dichtern sagt und singt ein altes Gedicht:

Die Sechse waren Meister, zu dichten,
Manch Liedlein sie ausrichten,
Mit gar vernünftigen Sinnen
Konnten sie dar beginnen,
Geistlich und auch weltlich,
Behendiglich und auch zärtlich.

In ihrem Wettkampfe priesen sie laut das Lob guter Fürsten und vornehmlich das des gastlichen und kunstsinnigen Landgrafen Herrmann, nur der einzige Ofterdingen stritt gegen sie alle, und pries in seinem Gesange den Herzog von Oestreich, hob ihn hoch über alle Fürsten, und zuletzt wurden die Dichter so eifrig und der Liederkampf so ernst, daß beschlossen wurde, es solle der Unterliegende auf der Stelle sich durch den Scharfrichter, Meister Stempfel, das Haupt abschlagen lassen, oder an einen Baum aufgehenkt werden, wozu auch der Landgraf, der dieß an seinem Hofe sonst nicht gestattet hätte, um ihres kunstreichen Gesanges willen, seine Bewilligung gab. Nun sangen alle in künstlichen Weisen gegen Ofterdingen, denn sie haßten ihn, und waren neidisch auf seine Kunst, hätten ihn gern fort gehabt vom Hofe. Ofterdingen verglich/ seinen Helden mit der Sonne, und gestand allen andern Fürsten nur Sternenglanz zu; während die übrigen den Thüringer Herrn über Alles erhoben, und ihn den Tag nannten, dem die Sonne erst nachfolge. Die Worte und Bilder, deren sich die Sänger bedienten, waren nicht abgewogen und nicht schonend, vielmehr derb und verletzend und leidenschaftlich; endlich schien die Mehrzahl zu siegen, fünf gegen einen, und Ofterdingen mußte klagen, daß man ihm in Thüringen falsche Würfel vorlege, und er rief sehnsuchtsvoll aus: O, Dich entbiet ich her, Klinsor von Ungarland! Und wärst Du über See! Auf Dich beruf ich mich, Dich darf ich auserwählen, Deine Meisterschaft ist auserkoren vor allen Sängern, und solltest Du den Gries des Meeres zählen, und alle Sterne einzeln nennen, hilfst Du, so bin ich unverloren! Klinsor muß her, ihm ist des Oesterreichers Tugend wohl bekannt. Vier von den Meistern wollten seinen Tod; oft ward Stempfel aufgerufen, sich bereit zu halten, und schon wollten sie ihn ergreifen, aber er entfloh zu den Füßen der Landgräfin Sophia, die mit ihren Frauen dem Wettkampf beiwohnte, und er barg sich in ihrem Faltenmantel. Die Landgräfin erhob sich, hielt schirmend ihre Rechte über den Sänger und sprach zu seinen Verfolgern: Bin ich jemals einem unter Euch Abwehr seines Kummers und Zuflucht gewesen, so laßt mir Euern Zorn! Wem von Euch ich je die Hand bot, der läßt diesen wohl genesen. Darauf spra/chen gleich die Kampfrichter: Euer Wille geschehe, Euch gehorchen wir gern, mag er den Klinsor bringen, es wird wohl lange dauern, ehe der kommt. Nun wurde die Frist eines Jahres festgesetzt, in dieser Zeit sollte Ofterdingen den Klinsor rufen, und dessen Urtheilsspruch wolle man sich fügen, da er in allen Landen großen Ruhm habe. Und Ofterdingen beurlaubte sich von dem landgräflichen Hofe und fuhr gen Oesterreich zum Herzog Leopold, der ihm vordem wohl viel Gutes erzeigt haben mochte, daß Heinrich ihn also hoch prieß; er ward auch wieder gütig aufgenommen, und empfing Briefe und reichliche Zehrung, damit er nun weiter gen Ungarn zog, wo der große Meister Klinsor weilte. (TSS I S. 34-37)

TSS Nr. 1.1.6: Von dem Meister Klinsor
Es herrschte in Ungarn ein König Namens Andreas, ein mildthätiger Fürst, der mit den Ungläubigen in stetem Kampf begriffen war. Er rüstete jeden mit Gold und Gaben aus, der sein Schwert zur Ehre des christlichen Glaubens ziehen wollte; er war reich und mächtig und hatte sehr ergiebige Bergwerke, und Gott fügte es, daß des Königs Schatz nicht abnahm, wieviel auch für dessen statt/liche Hofhaltung aufging. Einst hatten die Bergleute in einen neuen Schacht eingeschlagen, fanden aber kein Wahrzeichen edlen Metalles, und wie sie fast alle Steine um und umgewendet, wollten sie muthlos wieder von dannen gehen, als ihnen eine Geisterstimme zurief: Habt gemach mit euerm Suchen! Ein unaussprechlicher Schatz von goldnem Erz liegt in diesem Berg verborgen, den suchet, denn Gott ist euerm König hold und gnädig, und er soll zu seinem Seelenheil den Armen davon desto reichlicher geben. Wir haben lange des Schatzes gehütet, nun ist uns geboten, ihn euch zu überlassen, darum arbeitet und findet ihn; solches offenbaret euch der König des Himmels, und nun schlaget ein sonder Furcht!
Die Bergleute, als sie das hörten, schritten von Stund an wieder zur Arbeit, und entboten's dem Könige, der lobte Gott und sandte aus nach guten Werkleuten, die den Bergbau verständen und richtig betreiben könnten. Da war ein Meister, der hieß Klinsor, wohlerfahren in den sieben freien Künsten, den hielt der König hoch, und er ging in dessen Rath, empfing alljährlich dreitausend Mark Silbers, dazu Kleider und köstliche Speise und war berühmt in allen Landen. Er war nicht nur im Bergwesen wohl erfahren, konnte die verborgenen Schätze finden, sondern er war auch der größten Sangesmeister einer, besaß die Gabe der Weissagung aus den Sternen, und verstand die Zau/berkunst trefflich wohl. Starke und mächtige Geister waren ihm dienstbar.
Zu diesem Meister Klinsor nun kam Herr Heinrich von Ofterdingen und offenbarte dem, wie es ihm zu Wartburg ergangen, gab ihm auch die Briefe des Herzogs von Oesterreich. Wie der Meister die Briefe las und des Sängers Erzählung hörte, tröstete er ihn freundlich und sprach: Sei getrost Geselle, wir wollen Dein Unglück wohl von Dir wenden. Ich will selbst mit Dir fahren, ihre Lieder hören, und die Zwietracht ausgleichen, doch sage mir auch Deine Gedichte. Ofterdingen sang dem Meister alle seine Lieder, die jenem ohne Maaßen behagten, dann mußte der Sänger noch viel von seinen Feinden erzählen. So blieb nun Heinrich vonn Ofterdingen bei dem Meister Klinsor; sie vergnügten sich mit mancher Kurzweil, und unvermerkt verging das Jahr, ohne daß der große Meister Anstalt zur Reise gen Thüringen machte. Ja er verzögerte die Abfahrt bis der Tag herbeikam, an welchem die Frist zu Ende war, und am andern Tage Ofterdingen hätte in Eisenach sein müssen. Das war dem jungen Meister mächtig leid, und er klagte, daß er nun müsse als wortloser Mann landflüchtig bleiben und die edle Sangeskunst nicht mehr ausüben dürfe. Ach lieber Meister, sprach er: lasset mich nicht von euch scheiden so jämmerlich; ich kann und will es nicht glauben, daß Ihr mich ohne Hülfe ziehen laßt. Klinsor tröstete den Klagenden mildiglich und sprach: Geruhige/ Dich nur, mein Sohn, wir kommen wohl noch hin, wir werden nicht lange fahren, wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen. Und er ließ ihn Abends bei sich essen, und als er einen Trunk gethan, sank er in tiefen Schlaf. Darauf ließ ihn der Meister auf eine lederne Decke legen, legte sich dazu, hüllte sich und Heinrich ein, und gebot seinen Geistern, sie beide gen Eisenach zu führen und in das beste Wirthshaus.
Sanft und wohl kamen sie dahin in derselben Nacht, in Heinrichs Hellgrafen Hof, eines Mannes, der der Gastung pflegte, und der gelegen war nahe am St. Georgenthor, zur linken Hand, wenn man aus der Stadt ging. Ofterdingen erwachte, wie der Thürmer den Tag anblies, und hörte verwundert von der St. Georgenkirche die Meßglocke. Er sprach: hab ich nicht oft schon diese Glocke gehört? Dünkt mich doch, ich sei dort zu Eisenach. Lächelnd sprach Klinsor: Dir träumet vielleicht. Ofterdingen wußte nicht wie ihm geschah; er sah die Häuser, die Gassen an, er rief verwundert aus: Ich sehe das St. Georgenthor, sehe die Leute hinaus zum Feld gehen! Gelobt sei Gott, daß wir hier sind, und dieß ist ja des Hellgrafen Haus.
Gar bald gelangte zur Wartburg hinauf die Mähr, daß Ofterdingen zurückgekehrt sei und den fremden Meister mitgebracht habe. Da gingen die Sänger herunter von dem Schlosse, empfingen den Meister ehrlich, entboten ihm große Geschenke und/ fragten, wo beide den Abend zuvor gewesen wären und Nachtrast gehalten hätten? Da sprach Ofterdingen: Wir sind in Siebenbürgen schlafen gegangen und zur Mettenzeit waren wir hier. Wie das zugegangen, weiß ich nicht und vermag es nicht zu sagen.
Also gingen nun alle hinauf zum Landgrafenschloß, und wurden die fremden Gäste von dem Fürsten und seinem Hofstaat herrlich empfangen. (TSS I S. 37-41)

TSS Nr. 1.1.7: Der Meister Klinsor weissagt aus den Sternen und versöhnt die Sänger
Wenige Tage nach seiner Ankunft zu Eisenach, und ehe der erneuerte und entscheidende Liederkampf begonnen wurde, saß eines Abends Meister Klinsor im Garten seines Wirthes, um ihn waren viele ehrbare Leute von des Fürsten Hofe, auch viele Bürger aus der Stadt, und sie tranken ihren Abendtrunk, und baten ihn, er möge ihnen etwas Neues sagen, wie er bisher immer gethan, daher sie auch so gern um ihn waren. Da stand er auf, ging eine kleine Strecke von ihnen, und sah mit großem Fleiß eine lange Weile die Gestirne an, dann sprach er: „Ich will euch neue/ und fröhliche Mähr sagen. Heute in dieser Nacht wird meinem Herrn, dem König von Ungarn, eine Tochter geboren, die soll heilig werden, und dem Sohn des Thüringerfürsten zur Ehe vertraut, und sie wird durch ihre Heiligkeit die Freude und der Trost der ganzen Christenheit sein.
Dasselbe verkündigte er am andern Tage mit großer Freude auf der Wartburg auch dem Landgrafen Herrmann und der Landgräfin, da ward unter dem Hofgesinde starker Zusammenlauf und viel Gesprächs über diese fröhliche neue Mähr, auch wurde ein schönes Gastmahl dem Meister Klinsor zu Ehren gehalten, und die Kunde von seiner Weissagung ging durch das ganze Thüringerland.
Darnach begehrte Landgraf Herrmann von dem Meister Klinsor, daß er den Krieg, um deßwillen er hergekommen war, mit den Sängern richten wolle. Das geschah zu Wartburg auf dem Ritterhaus, und der Meister sprach es aus in Gegenwart des genannten Fürsten und seiner Grafen und Herren, deren viele zu dieser Zeit zu Hofe gekommen waren, daß der Tag von der Sonne komme, und wenn die Sonne die Erde nicht beleuchte, so wäre kein Tag, und legte mit vielen schönen Reden den Sängerkieg also bei, daß Herr Heinrich von Ofterdingen Recht behielt, und sühnete gütlich ihren Streit.
Nur Wolfram von Eschenbach war zumeist noch wider ihn, da er am meisten gegen Ofterdingen gesungen, und da Klinsor diesen mit seinen Reden/ nicht überwinden konnte, trat er aus dem Ritterhause und rief einen Geist. Dieser kam alsbald in Gestalt eines Jünglings, und Klinsor brachte ihn zu Wolfram in Gegenwart des Fürsten und seiner Mannen und sprach: Wolfram, ich bin etwas müde geworden, dieser mein Knecht soll für mich eine Weile mit Dir reden. Da hoben sie an, schön und herrlich gegeneinander zu sprechen vom Anbeginn der Welt, bis auf die Zeit der Gnaden, da Christus geboren ward. Nun begann Wolfram zu reden von dem ewigen Wort, wie das aus dem Vaterherzen Gottes geflossen wäre, und zu Fleisch worden, wie sich das gebe in dem Sacrament des Abendmahls. Und wie er dahin kam zu sprechen von der heiligen Wandlung des Brodes in den Leib Christi, vermochte der Geist nicht mehr zu antworten.
Klinsor verwunderte sich über des Sängers hohe Reden, und glaubte, dieser sei sehr gelehrt, strebe aber das vor ihm zu verbergen, und gebot seinem Geist, er möge erproben, ob Wolfram ein Gelehrter sei, oder ein Laie. Nun wohnte Wolfram bei einem Bürger zu Eisenach, der hieß Titzel Gottschalk, auf dem Brodmarkt nah dem Sulzenborn, und schlief sammt seinem Knecht in einer steinernen Kammer mitten im Haus, die keine Fenster hatte; dahinein kam Nachts der Geist, dessen Angesicht also feurig und grausig war, daß der Knecht vor Aengsten fast verging, und legte Wolfram Fragen vor von der Natur des Himmels,/ vom Lauf der Sterne, von der Bewegung der sieben Planeten durch die Räume des Himmels, von ihrer Kraft und Wirkung, und warum sie bisweilen einander nahe, bisweilen fern ständen? Auf alles dieses vermochte der fromme Sänger keine Antwort zu geben, drauf der Geist unter großem Lachen mit seinem Finger in einen Stein der Mauerwand schrieb: Du bist ein Laie Snippin Snap! und von dannen fuhr. Die Schrift aber blieb feurig in der Wand stehen, und war, als sei sie in den Stein wie in einen weichen Teig gedrückt. Alles lief hinzu, sie zu sehen, darüber viel Licht verbrannt wurde, und der Wirth sich erzürnte, und ließ den Stein ausbrechen und in die Hörsel werfen, daß niemand ihn berühre. Als das Alles nun vom Meister Klinsor ausgerichtet war, nahm er Urlaub von dem Grafen Herrmann und den andern Herren, und ward begabt mit köstlichen Kleinoden, schied ab mit großem Danke. Er kam hinweg, niemand wußte, wie. (TSS I S. 41-44)

TSS Nr. 1.1.8: Landgraf Herrmann sendet Boten nach Ungarn und wirbt für seinen Sohn um des Königs Tochter
Landgraf Herrmann gedachte fort und fort der Prophezeihung Meister Klinsors, und nach mehr als/ drei Jahren ließ er Briefe schreiben an den König von Ungarland Andreas, darin er für seinen lieben Sohn Ludwig um des Königs inniges Töchterlein Elisabeth warb, und rüstete eine stattliche Gesandtschaft aus. Männer und Frauen, vornehmlich die edlen und wohlberedten Ritter Reinhard von Mühlberg, und Walter Schenk von Vargula, und Frau Bertha, die züchtige und tugendsame Wittwe des Ritters Egelolf von Bendeleben, mit drei edeln und schönen Jungfrauen und einem dienenden Weibe; viel anderer Herren, Diener und Knechte nicht zu gedenken. Es waren vier Wagen und dreißig bis vierzig Pferde. Große Ehre ward ihnen auf der Wegfahrt aller Orten erwiesen. So kamen sie nach Ungarn gen Preßburg, wo der König Hof hielt, und fanden ihn mit der Königin und dem Kind Elisabeth, und wurden herrlich empfangen. Sie thaten sich nicht wenig hervor mit Glanz und Prunk, und wurden mächtig angestaunt, als sie nun am andern Tage ihre Botschaft brachten und ihre Werbung thaten, wie ihnen befohlen war. Der König lächelte und sprach, er wolle sich mit den Seinen berathen und ihnen dann gütliche Antwort geben. Er sandte auch nach allen seinen Räthen, und vornehmlich nach dem Meister Klinsor. Dieser sprach viel zum Lob des Landgrafen, rühmte die Menge seiner Edeln und die Fruchtbarkeit des Landes; sprechend: Es trägt Waizen und Wein, bringt Stahl, Eisen, Kupfer und Salz, ist reich an Fischen und Wild, hat große Wälder und Teiche, gute Dörfer,/ volkreiche Städte, zwölf Grafschaften, viele freie Herren, Vasallen des Landgrafen, ohne die andern Ritter und großen Geschlechter. Das Land ist in der Mitte eben, aber umgeben von Bergen und Wäldern, hat der festen Burgen viele. Der Fürst selbst ist menschlich, schön und weise, und sein Sohn ist an Allem, was man an jemand in kurzer Zeit gewahren kann, wie ich gewahrte, preißenswerth; darum ist mein Rath, ihm Elisabeth zu vertrauen.
Auf diesen Rath und diese Rede Klinsors achtete der König wohl, und gab den ehrbaren Gesandten günstigen Bescheid. Es ward nun gleich ein großes Fest zugerichtet, schöne Frauen und stolze Ritter kamen zu Hof und dauerte die Lust drei Tage lang, bis die Boten zur Heimkehr sich zu schicken begehrten. Viel reiche Gabe wurde von dem König und der Königin ihnen dargereicht, an Gold und Silber und Gewanden, an Schmuck und Waffen. Der jungen Prinzessin, welche damals erst vier Jahre alt war, wurde ein großer Schatz mitgegeben als Geschenk an ihren künftigen Schwiegervater, goldne und silberne Becher, Kreuze und Kronen, dem Kinde selbst eine silberne Badewanne und eine silberne Wiege, seidne Betten und sammtne Decken; auch bat der König die Gesandten, sie möchten selbst den Brautschatz bestimmen, den er nach der Hochzeit seiner Tochter senden wolle. Nie zuvor ward in Thüringen Herrlicheres gesehen, wie dieser Zug. Mit vier Wagen waren die Boten herausgefahren und mit dreizehn fuhren sie wieder/ herein ins Land. Jeder Knecht führte neben seinem Roß noch einen Hengst mit köstlichem Gezeug, und keiner war, der nicht ein neues schönes Gewand erhalten hätte. Neun Rosse zogen den Wagen, welcher die Kleider und das Geräthe der kleinen Königstochter trug.
Spät kamen sie nach Eisenach und kehrten ein im Hellgrafen-Hof, der besten Herberge jener Zeit, wo ihnen allen der Wirth gütlich that; der Landgraf und die Landgräfin Sophia prießen Gott und begaben sich selbst herab in die Stadt, die lieben Gäste und ihre Boten zu empfangen, und die Landgräfin blieb mit ihren Frauen über Nacht bei dem Kinde, das bei seiner Amme schlief, der Landgraf aber ritt wieder hinauf zur Wartburg, und am andern Morgen früh zog Alles hinauf, auch wurden die Edelsten und Besten der Stadt Eisenach auf das Schloß geladen, das Kind zu sehen. Da wurde im Scherz Hochzeit gehalten, und mancherlei Kurzweil getrieben; die Boten konnten nicht genug erzählen, wie wohl sie aufgenommen worden, und was der König und die Königin von Ungarn sich Alles noch zu thun verheißen, wenn die Kinder zu ihren Jahren kämen, denn Elisabeth war damals, wie schon gesagt, erst vier, Ludwig aber elf Jahre alt. Und das Kind Elisabeth wurde nun auf der Wartburg sittiglich und tugendsam erzogen, gleichsam wie eine Schwester des Landgrafensohnes. (TSS I S. 44-47)

TSS Nr. 1.1.9: Die Jugendjahre Elisabeths und Ludwigs
Elisabeth wohnte während ihrer Kinderjahre bei der Landgräfin Sophia und der Schwester des ihr zugedachten und verlobten Gemahls, Jungfrau Agnes, auf Schloß Wartburg, wo allezeit der Fürsten Wohnung war. Sie war ein tugendsames Kind, dessen Sinn sich früh dem Himmel zuwandte; gern lernte sie Gebete und liebte jeden, der ihr etwas von Gott lehren wollte. Ihr kindliches Herz mußte bald einen großen Schmerz ertragen lernen, denn es begab sich im zwölfhundert und zwölften Jahr, da Elisabeth erst sieben Jahre zählte, daß Frau Gertrud, die Königin von Ungarn, ihre Mutter, von den ungarischen Herren fälschlich angeklagt und verläumdet wurde bei ihrem Herrn und Gemahl, weil einer dieser Herren eine Tochter hatte, die er gern als Königin gesehen, und der König Andreas wurde also verblendet, daß er seiner treuen und unschuldigen Gemahlin das Haupt abschlagen ließ. Darauf soll die Königin dem Kind Elisabeth im Traum erschienen sein, und zu ihr gesprochen haben: Liebes Kind, ich bin gestorben und leide Pein um die versäumte Zeit, die mir nicht vergönnt war, meine Sünden abzubüßen. Bitte Du/ Gott für mich, daß er meine Pein kürze, das vermagst Du wohl, und daß er meinen unverschuldeten Tod, den ich schmählich empfangen habe, mir als Strafe meiner Sünden anrechne. – Als das Kind erwachte, weinte es sehr, erzählte seinen Traum, und betete heiß und lange für seiner Mutter Seele, bis diese wieder erschien, ihm dankte, und ihm sagte, sie sei nun erlöst und auf dem Weg zu dem ewigen Leben.
Um diese Zeit träumte dem Landgrafen Herrmann, er stehe auf der Stätte des Vehmgerichts vor Eisenach, und sähe alle die verfehmten Toden, und diese seien allzumal zu Jungfrauen geworden. Und es käme zu ihm unsre liebe Frau und St. Katharina, die er besonders verehrte, und sprachen zu ihm: Hier sollst Du uns ein Haus bauen, daß wir diese Jungfrauen darin behalten, so wollen wir Dich auch in Kurzem zu uns nehmen. Dieser Traum bewegte den Landgrafen, das Vehmgericht von dem Kreuzweg vor der Stadt hinwegzunehmen, und die Stätte vor das Nicolaithor zu verlegen, und an jene Stätte ein Kloster zu Ehren der heiligen Katharina zu erbauen. Dieses erfuhr die Herzogin Imagina von Brabant, eine junge Witwe, da kam sie, und verlobte sich und all ihr Gut dem Herrn, half das Kloster bauen und begaben, und wurde dessen erste Aebtissin. Bei der Weihe des Klosters durch den Abt vom Kloster Pforte bei Naumburg war auch die junge Elisabeth zugegen. Und bald darauf starb der Land/graf Herrmann und ward im St. Katharinenkloster begraben.
Das Landgrafenthum und die Herrschaft fiel nun auf den jungen Ludwig, Herrmanns erstgebornen Sohn, Elisabeths Verlobten; dieser hatte noch zwei Brüder, Heinrich und Conrad, welche sich mit geringer Hofhaltung begnügen mußten; zu dieser Zeit war Elisabeth neun Jahre alt. Ludwig, ihr Herr und Verlobter war ein lieblicher Jüngling, ein reiner junger Fürst, von sittlichem Wandel und heiligem Leben. Als er aus der blühenden Kindheit in ein verständiges Alter trat, ward er immer gütiger gegen einen Jeglichen, und alle Tugenden leuchteten in ihm. Er war am Leibe schön und wohlgestaltet, mit fürstlichen Geberden, voll gnädiger Zuversicht, sein Aussehen war fröhlich, zart sein Antlitz; wer ihn sah, war ihm gut und günstig; er war verschämter Rede, züchtig in Geberden, rein und keusch mit seinem Leibe, wahrhaftig in seinen Worten, getreu in seiner Freundschaft, tröstlich mit seinem Rathe, männlich in seinen Vorsätzen, vorbedacht in seinen Versprechungen, gerecht in seinem Gericht, mild im Belohnen, welcherlei Tugend man nennen kann, keine gebrach ihm.
In ihrem zehnten Jahr wollte sich schon Elisabeth, nach frommer Christen Beispiel, einen Apostel erkiesen, an den sie sich besonders mit ihrem Gebet wendete, und erwählte in ihrem Herzen St. Johannes zu ihrem Schutzpatron, den Jünger, dem Christus am Kreuze seine Mutter befahl. Weil/ nun das Mägdlein in so jungen Jahren eine allzugroße Frömmigkeit und Demuth an den Tag legte, so fanden sich bald Mehrere an dem Fürstenhofe, die sie deshalb verspotteten, ja haßten, und sich nicht entblödeten, ihr zu sagen, sie scheine mehr eines Bauern, denn eines Königs Kind. Ja selbst ihre künftige Schwiegermutter und Schwägerin zeigten sich unzufrieden mit ihrer allzugroßen Demuth, aber sie ließ weder von dieser, noch von ihrem innigen Gebet. Sie haßte allen Schmuck, alle Kleinodien, und war nicht zu bewegen, dergleichen zu tragen. Sie hielt sich freundlich zu den Armen, darüber sie viele Schmähung erdulden mußte. Manche riethen, sie ihrem Vater wieder heimzusenden, er habe ihr ja so nicht viel mitgegeben, sie passe nicht für den Landgrafen, er finde wohl noch seines Gleichen, eine Befreundete; denn das beste Sprüchwort sei: man müsse nahe freunden und ferne heeren. Von seinem Schwiegervater könne er, wenn ihm ein Feind ins Land falle, keine Hülfe haben wegen der großen Entfernung. Das Alles, und noch mehr dergleichen liebloses Urtheil wurde auch der armen Elisabeth zum Anhören gegeben, und zwar tagtäglich. Die Landgräfin hoffte Grund zu finden, Elisabeth in ein Kloster zu thun, und Jungfrau Agnes schämte sich ihrer, und sprach, es wäre eine Dienstmagd an ihr verdorben, sie wollte, daß Elisabeth früher gestorben sei, oder doch zu Hause wäre; ihr Bruder habe keine Ehre von ihr, denn es sei weder in Worten noch Sitten etwas/ an ihr, wie es Fürstenkindern geziemte. Elisabeth flüchtete sich in ihrem tiefen Kummer zu dem Trost des Gebets; sie war im Unglück, und wußte nicht wie. Fern von der Heimath, fern vom Vater, die Mutter todt, verachtet und verspottet von Allen, die sie umgaben, gab sie ihren Willen in Gottes Willen, vertraute auf ihn, und der ewige Helfer sah auch ihren Kummer, und fügte es, daß der junge Landgraf immer mehr und mehr sie recht herzlich lieb gewann. Ludwig sprach immer gütlich mit ihr, wenn er sie allein traf, tröstete sie so gut er vermochte, und wenn er über Land zog, kam er nie zurück, ohne ihr etwas mitzubringen, etwa einen Rosenkranz aus Korallen, oder ein Kreuzlein, oder sonst ein Kleinod, das sie noch nicht besaß und sie erfreuen mochte. Wenn er dann nach Hause kam, nahm er sie an seinen Arm, und ging und sprach mit ihr, und gab ihr, was er ihr mitgebracht.
Eines Tages ritt Herr Walter, der Schenk von Vargula, mit dem Landgrafen, derselbe Ritter, den Landgraf Herrmann mit nach Ungarn gesandt; dem war die Betrübung und Verachtung, die Elisabeth erfahren mußte, sehr leid, ritt heimlich heran, und bat Ludwig, eine Frage zu erlauben, was dieser gern gewährte. Darauf sprach der Schenk: Lieber Herr, lasset mich wissen, was mit Jungfrau Elisabeth geschehen soll, die ich einst für Euch hergebracht. Ob Ihr sie zur Ehe nehmen, oder wieder nach Hause zu ihrem Vater senden wollt, Euch/ schämend ihrer Demuth, und das alte Versprechen auflösend? Ludwig zeigte nach dem Inselberg, der vor ihnen lag, und antwortete: Siehst Du jenen großen Berg? Wäre der auch von Grund aus Gold, ich wollte es lieber verschmähen, als Elisabeth missen. Sie kehre sich an kein böses Wort, ich gebe sie nicht auf. Der Ritter sprach: Mein Herr, darf ich ihr ein Verkünder dieser Eurer Antwort sein? und gütig antwortete der Fürst: Immerhin sag' ihr das, und zum Wahrzeichen, daß ich nimmer über sie verhängen will, was mir gerathen wird, bring' ihr dieses. Dabei gab er dem Ritter einen in Elfenbein gefaßten kleinen Handspiegel, dessen eine Seite blank war, und auf der andern ein zierlich gearbeitetes Crucifix. Wie der Schenk an die Jungfrau die Gabe brachte, und die tröstlichen Worte, lächelte sie mild und gütig, und nannte ihn dankbar ihren Freund und Vater. (TSS I S. 48-53)

TSS Nr. 1.1.10: Elisabeths Demuth und Erhöhung
Es geschah einst am Tage von Maria Himmelfahrt, daß die Landgräfin Sophia zu ihrer Tochter und Schnur Agnes und Elisabeth freundlich sprach: Laßt uns heute hinunter nach Eisenach ge/hen in unsrer lieben Frauen Kirche, die Messe singen zu hören von den deutschen Herren, und die Predigt zu vernehmen, schmücket euch beide des hohen Festes würdig mit euern Kränzen, und kleidet euch in Sammt und Seide. Als dies geschehen war, ging die hohe Frau den Wartberg herunter, vor ihr her die beiden Töchter, und hinter ihr das weibliche Gesinde, und in der Kirche nahmen sie einen Stand ein, dem gegenüber ein Crucifix stand. Wie das Elisabeth erblickte, nestelte sie den reichen kostbaren Kranz aus ihrem Haar, legte ihn neben sich auf die Bank, und fiel im bloßen Haar auf die Knie nieder. Darüber sprach zürnend die Landgräfin: Jungfrau Elisabeth, was fällt Euch ein? Wollt Ihr eine neue Regel aufbringen zum Gelächter der Leute? Jungfrauen sollen aufrecht stehen und nicht niederfallen wie eine Unsinnige, oder wie die alten Nonnen, die so faul sind, daß sie nicht stehen wollen! Welche Ungezogenheit beginnt Ihr? Könnt Ihr nicht so lange mit uns stehen, bis wir uns setzen, oder auch niederknieen? Was richtet Ihr Euch nach bösen Sitten, und gehabt Euch wie ein thörichtes ungezogenes Kind? Ist Euch der Kranz zu schwer worden, oder was soll's mit Eurer wunderlichen Art? – Demüthig richtete sich Elisabeth auf und sprach zu ihrer Schwiegermutter: Verargt es mir nicht zu sehr, liebe Frau, denn seht, hier steht zum Erbarmen anzusehen das Christusbild, mit Dornen gekrönt, der süße und milde Heiland. Höhnt ihn nicht meine/ Edelstein- und Perlenkrone, wenn ich so üppiglich ihm gegenüber stehe? Und sie begann so heftig zu weinen, daß sie den Mantel mit ihren Zähren begoß, knieete wieder nieder, ließ Mutter und Tochter reden, und sprach mit Innigkeit ihr Gebet fort. Halb, um kein Aufsehen zu erregen, und halb aus eigner Rührung knieeten nun auch jene nieder und mußten mit weinen; auch reute bald der Landgräfin die strafende Rede, nur hätte sie gewünscht, es wäre nicht geschehen vor den Leuten, und auch, daß ihr Sohn ein Weib nehmen möchte, das sich gern schmücke, und nicht vor allen Augen so schmucklos immer erscheinen wolle; denn ihr Wille war, daß ihre Schnur gelobt und nicht verspottet werden sollte.
Aber Ludwig wollte sie nicht verstoßen, ja schon dazu war sie ihm zu lieb, sie ob ihrer Demuth mit einem Wort zu strafen; gern ertrug er das an ihr, daß sie eitle Hoffarth mied, und Gott so freudig diente, und als er danach in der St. Georgenkirche zum Ritter geschlagen worden war, und eine Fehde mit dem Bischof von Mainz ausgekämpft hatte, hielt er mit seiner tugendsamen Jungfrau Elisabeth fürstliches Beilager. Da wurden alle Grafen und Herren in Thüringen und Hessen eingeladen, und ward eine große Hochzeit ausgerüstet mit Gastmahlen und Turnieren. Festlich wallte der Zug von der Wartburg herab nach Eisenach in die Kirche; im schönsten Schmuck ging da die Braut, und es führten sie, die sich diese Ehre nicht nehmen ließen, Graf Reinhard von/ Mühlberg und Ritter Walter von Vargula, die sie einst aus Ungarn geführt, und meinten, nun erst sei jene Reise ganz vollbracht. Eine schöne Messe ward gesungen, dann ging es wieder hinauf zur Wartburg, wo sich alle Gäste höchlich vergnügten. Die jungen Ritter brachen mit einander manchen Speer, und die Braut mit andern Jungfrauen theilten Preise aus. Drei Tage währte die Hochzeit, dann schieden fröhlich die Gäste, Ritter und Damen von dannen und zogen wieder ihrer Heimath zu. (TSS I S. 53-56)

TSS Nr. 1.1.11: Das erste Wunder an der Landgräfin Elisabeth
Inniglich liebte Elisabeth ihren Herrn und Gemahl, und wurde so von ihm wieder geliebt, doch vergaß sie darüber nicht Gottes Liebe und Gottes Dienst. Allnächtlich verließ sie ihr Lager, knieete davor und betete inbrünstig, gern gestattete das ihr tugendsamer Herr. Unter ihren schönen Kleidern trug sie stets ein härenes Hemde; den Armen that sie unaussprechlich viel Gutes, und übte sich fort und fort in den Werken der Barmherzig/keit. Sie verfertigte Kleider für die Armen, untersuchte ihre Gebrechen und heilte sie, wo und wie sie konnte.
Da ihr Vater erfahren hatte, daß sie Hochzeit gehalten, wollte er gern wissen, wie es ihr ergehe, beauftragte deßhalb vier edle Männer, die zufällig mit andern Ungarn beschlossen hatten, eine Betfahrt gen Achen zu unternehmen, und diese beschlossen, ihren Weg durch Franken hin und durch Thüringen zurückzunehmen. Da sie nun auf der Heimfahrt waren, kamen sie zur Wartburg, zu schauen, wie es der Tochter ihres Königs ergehe, ob ihr Leben gering, oder ob ihre Herrschaft groß und sie nicht arm sei an Land und Leuten. Gütig wurden die Gäste empfangen, aber in allzugeringen Kleidern erschien Elisabeth vor ihrem Herrn, um mit ihm die Ritter vor sich zu lassen, denn sie trug sich stets einfach, besaß kein schönes Kleid, hatte selbst ihre Brautkleider zerschnitten, einfach gemacht, oder verschenkt. Nun sprach der Landgraf: Ach liebe Schwester, wie schäme ich mich, daß Du nun vor diesen Gästen mit Deinen Kleidern so ärmlich erscheinst, und Dich so sehr um die Armen bekümmerst, daß Du Dein selbst vergißt; jene wollen Dich beschauen als Landgräfin, und Du kommst in so jämmerlichen Gewanden vor sie getreten, daß sie daheim sagen werden, ich ließe es Dir an Kleidern gebrechen; und nun ist nicht einmal Zeit, Dir neue herzustellen, die Dir zu unser beider Ehren zu tragen ziemten. Darauf/ erwiederte sie: Lieber Bruder, beruhige Dich, ich will mich schon entschuldigen bei meinen Landsleuten, und meine Sachen so gut machen, daß ich ihnen gefallen werde, als ob ich die schönsten Kleider trüge.
Und es traten die Gäste vor das Fürstenpaar, freundlich lächelnd empfing sie Elisabeth, herrlich schien sie vor ihren Augen zu stehen, gleich der reichsten Königin, bunte seidne Gewande schienen die Herrin zu umfließen, Perlen schmückten sie, und manche goldne Zier. Die Gäste freuten sich deß, trefflich wohl gefiel ihnen der Landgraf, seine Frau, sein Schloß und sein Land, zufrieden zogen sie von dannen. Verwundert fragte der Landgraf seine Elisabeth, wie sich das also wundergleich zugetragen mit ihren Kleidern? und sie antwortete: Wie an mir geschehen, ist zu bewirken Gott ein Kleines. Wer ihm vertraut, dem hilft er, dieß war das erste Zeichen, das Gott an mir gethan.
Nicht lange danach zog der Landgraf mit seinem lieben Gemahl und ehrenmäßiger Begleitung vieler Ritter selbst nach Ungarn, mit ihm waren die Grafen Heinrich von Schwarzburg, Günther von Käfernburg, Heinrich von Stolberg, Gottfried von Ziegenhain, Reinhard von Mühlberg, Herr Walter, der Schenk von Vargula, und andere gute Ritter mehr, auch viele Frauen der Genannten, nebst edeln Jungfrauen im Gefolge der Landgräfin. Derselbe richtete noch einmal Hoch/zeit aus, und übergab seinen Kindern einen überaus großen Schatz an Gold, Silber, Edelgesteinen und Kleinoden, begabte auch herrlich alle Mitgekommenen; und mußte wieder ein neuer Wagen gebaut werden, den Schatz zu tragen, den der König seinem Eidam mitgab. Fröhlich zogen Alle wieder nach Hause, und Herr und Herrin theilten dort manches mitgebrachte Roß, manches Kleinod an die Ihrigen aus. (TSS I S. 56-59)

TSS Nr. 1.1.13: Von dem armen Eli
In traulicher Waldstille in der Nähe Eisenachs liegt eine kleine Höhle, in welcher vor Zeiten ein frommer Einsiedel lebte. Es geschah in dem Jahre, als Elisabeth, die Landgräfin, ihre Tochter Sophia geboren hatte, daß Landgraf Ludwig genöthigt war, einen Ritt nach der Neuenburg zu machen; während nun der Herr fern weilte, übte sich die demüthige Fürstin in Werken der Mildthätigkeit, speiste und tränkte die Armen, pflegte die Kranken, und nähte ihnen Kleider, wie sehr auch ihre Schwiegermutter dazu scheel sah, sie mußte es leiden. Nun war ein armer Mann, Namens Elias, den man kurzweg Eli nannte, dieser war krank und nicht von sauberm Aussehen, aber Elisabeth pflegte sein, wusch und zwagte ihn säuberlich, ja sie trug kein Bedenken, ihn nach dem Bad in das Bette legen zu lassen, in welchem sie mit ihrem Gemahl schlief. Am selben Tag, da das geschehen war, kam der Landgraf zurück. Seine Mutter ging ihm gleich entgegen, und begann spöttiglich: Lieber Sohn, komm mit mir, ich will Dir ein Wunder zeigen, das Deine Elisabeth gethan, die sich's von mir nicht wehren läßt, faßte ihn bei der Hand, zog ihn fort hin zum Bette und rief: Nun/ sieh her lieber Sohn, auf daß Du der Wahrheit näher kommst; einen Aussätzigen legt sie in Euer Bette, was mich sehr ängstigt, weil Du dadurch vergiftet werden wirst. Darüber billig etwas erzürnt, riß er rasch die Decke ab, da that Gott seine innern Augen auf, daß er im Bette nichts fand, als ein gekreuzigt Christusbild. Wie er das sah, weinte er, sprach kein Wort, und wandte sich um; da begegnete er seiner Elisabeth, welche ihm nachgeschritten war, ihn zu versöhnen, daß er den armen Siechen schone. Er umarmte sie und sprach: Meine liebe Schwester, halte fest an Deinen Tugenden, und laß Dich durch Niemand irren, ich werde Deine Milde nie an Dir rächen und tadeln.
Danach ließ sie am Bergesfuß ein Spital bauen an die Stelle, wo später das Barfüßer-Kloster erbaut wurde, in welchem wohl zu jener Zeit an dreißig Sieche lebten, die nicht im Stande waren, sich den steilen Wartberg zum Schloß hinauf zu schleppen, zu denen ging alle Tage die milde Herrin herab und brachte ihnen Trank und Speise. Jener arme Eli aber genas und wurde ein frommer Klausner, der lange in jener noch heute nach ihm benannten Grotte wohnte, und die Menge, die zu ihm, als einem heiligen Mann, wallfahrete, zur Gottesfurcht ermahnte, im Unglück tröstete und vor Sünden warnte. Gott schuf durch die Frömmigkeit der Menschen, daß es ihm nie an dem gebrach, was bescheidenes Bedürfniß erheischte. (TSS I S. 61/2)

TSS Nr. 1.1.14: Elisabeths Rosen
Es kam über das Thüringerland eine Zeit großer Hungersnoth, daß sich die armen bedürftigen Leute genöthigt sahen, sich von Kräutern, Wurzeln und wilden Früchten zu nähren, und das Fleisch von Pferden und Eseln zu essen, diese mochten geschlachtet oder gefallen sein, an Brod dazu war nicht zu denken. Viele starben Hungers, da sie nicht einmal jene Kost haben konnten. Das nahm sich die milde Elisabeth gar sehr zu Herzen, sie ließ mahlen und backen, und das Brod von der Wartburg heruntertragen, und gab in dieser Zeit so reichliche Almosen, daß man hätte meinen sollen, sie verschenke den Werth ganzer Burgen und Städte. So barmherzig war sie, daß sie Tag und Nacht nicht ruhte, die Hungrigen zu speisen, aber es fehlte wieder nicht an Leuten, die den Landgrafen gegen die Freigebigkeit seiner Gemahlin aufzubringen suchten, und er mochte ihr wohl verboten haben, allzureichliche Spenden auszutheilen. Nun traf sich's eines Tages, daß der Fürst in der Stadt war, und die fromme Herrin von der Burg herunter ging nach der Stelle, wo sich die Armen und Kranken, die in ihr die liebreichste Mutter ehrten, versammelten, um ihre Gaben in Empfang/ zu nehmen, welche Stelle noch bis heute Armeruh genannt wird. Ihr folgte eine ihrer liebsten Jungfrauen, und beide trugen unter ihren Mänteln Körbe voll Fleisch und Brod und Eier. Da trat ihnen plötzlich der Landgraf in den Weg und fragte: Was traget ihr? Lasset sehen! Dabei deckte er den Mantel seiner Gemahlin auf und sah – den ganzen Korb voll duftender Rosen. Sie aber war so sehr erschrocken, daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte; das dauerte ihn, und er begann ihr freundlich zuzusprechen; da nahm er mit Erstaunen wahr, was er zuvor nie gesehen, daß über ihrer reinen Stirne wie ein Diademschmuck ein wunderbares Crucifix erschien. Ungehindert ließ er sie gehen, daß sie der Kranken fürder pflege und Almosen spende, nach ihrem Gefallen. Am Weg stand ein Baum, in den ein Kreuz gehauen war, der wurde später abgehauen, und zum Zeichen jenes hohen Wunders ein steinern Bild an die Stelle gesetzt, wo es sich begab, zum ewigen Gedächtniß. Und auf der Wartburg ist die fromme und heilige Elisabeth so abgebildet, wie sie damals ihrem Herrn erschien.
Dreihundert Arme speiste Elisabeth täglich in jener theuern Zeit, und als nun der Landgraf von einer Reise zurückkam, und die Amtleute und Schösser ihm klagten, daß seine Gemahlin alles verschenke, sprach er: Seid ihr deßhalb nicht gram, lasset sie Almosen geben um Gottes Willen und seid ihr selbst dazu förderlich. Wenn wir nur die Wart/burg, Eisenach und die Neuenburg behalten. Gott kann uns Alles ersetzen, wenn es ihm gefällt. (TSS I S. 63-65)

TSS Nr. 1.1.15: Landgraf Ludwig und der Krämer
So mild und gütig war auch der Landgraf Ludwig, daß alle armen Leute Trost und Hülfe bei ihm hatten, und wäre von seiner Tugend viel zu erzählen. Eines Tages war Jahrmarkt zu Eisenach, den besuchte er zur Kurzweil, und besah die Buden der Kaufleute, und was sie zum Verkauf ausgelegt hatten. Nun fand er einen armen Krämer, der hatte einen kleinen Handel mit Nadeln, Fingerhüten, Kindertrommeln und Flöten u. dgl. Den fragte der Fürst, ob er sich auch ernähren könne mit diesem Handel, und jener antwortete: Ach gnädiger Fürst, ich schäme mich, nach Brod zu gehen, und bin nicht stark genug, daß ich um Tagelohn arbeiten könnte, gern möchte ich von einer Stadt zur andern ziehen, und wollte mich mit Gottes Hülfe wohl durch diesen Kram ernähren, mich auch nach einem Jahr um eins so gut stehen, hätte ich nur freies Geleite. Da wurde der Landgraf von Barmherzigkeit gegen den Krämer erfüllt und sprach: Wohlan, Du sollst mein Geleite haben, und in allen meinen Gebieten zoll/frei sein; wie hoch an Werth achtest Du Deinen Kram? Zehn Schillinge, Herr, erwiederte der Krämer. Der Fürst wandte sich zu seinem Kämmerer und sagte: gieb ihm zehn Schillinge und schicke ihm meinem Geleitsbrief, und zum Krämer sprach er: Ich will Dein Theilhaber werden bei der Krämerei, gelobe mir treue Gesellschaft und ich will Dich schadlos halten.
Der Arme war froh, zog weit und breit handelnd umher, und brachte am neuen Jahre seinem Herrn und Handelsgenossen säuberliche Kleinode, legte seinen Kram aus, der Herr nahm davon, was ihm gefiel, und kleidete jenen dann in die Tracht seiner Hofdiener. Von Jahr zu Jahr mehrte sich der Handel, und die Menge köstlicher Waaren wurde so groß, daß sie der Krämer nicht mehr selbst tragen konnte; er kaufte sich einen Esel, belud diesen mit zwei Körben, und zog mit ihm kaufend und verkaufend von Land zu Land.
So geschah es, daß der Krämer bis nach Venedig gezogen war und hatte dort köstliche und seltene Kleinode eingekauft, gute Ringe, güldne Spangen, Bänder, Kränze, Edelsteine, Trinkgefäße, Elfenbeinspiegel, Messer, Natterzungen und Korallen, Paternoster und dergleichen mehr, und kam nach Würzburg, legte dort alles zum Verkauf aus, um wieder Zehrung zu gewinnen, damit er zum neuen Jahr nach Eisenach ziehen könnte zu seinem gnädigen Herrn und Genossen wie immer bisher seine Gewohnheit gewesen. Da waren et/liche fränkische Ritter, denen behagten die Kleinodien wohl, hätten sie gern ihren Weibern und Geliebten gegeben, hatten aber kein Geld, sie zu bezahlen. Darum lauerten sie auf den Krämer, als er von dannen zog, nahmen ihm den Esel sammt den Waaren und kehrten sich gar nicht an den Geleitsbrief des Landgrafen, den er ihnen vorzeigte, ja sie wollten ihn selbst gefangen nehmen, doch er entlief und kam traurig zu seinem Herrn auf die Wartburg, klagend, daß er den Kram verloren habe. Ihm aber antwortete der milde Fürst lachend: mein lieber Geselle, betrübe Dich nicht um unsern Kram, auch ziehe nicht weiter. Dann aber ließ er seine Grafen, Herren, Ritter, Knechte und Landleute entbieten zu einer Heerfahrt, und zog von Stund an gen Franken, suchte seinen Esel bis nach Würzburg, verbrannte und verdarb Feld und Orte und that großen Schaden. Deß erschrak der Bischof von Würzburg mächtig sehr und ließ ihn fragen, was er damit meinte? Der Landgraf ließ antworten, er suche seinen Esel, den ihm des Bischofs Mannen genommen hätten, da mußten jene den Esel wieder schaffen und den ganzen Kram zurückerstatten, wie er gewesen war. (TSS I S. 65-67)

TSS Nr. 1.1.16: Elisabethen-Brunnen und Garten
Den Brunnen der heiligen Elisabeth zeigt in Eisenach dem Wandrer jedes Kind. Eine klare, reine, frische Quelle sprudelt er am Fuß der Wartburg, selbst ein lebendiger Sagenborn, und in ihrem Garten nahe dabei blühen ewig, wenn auch nicht sichtbar für einen jeglichen, jene Wunderrosen fort.
Die mildthätige Fürstin Elisabeth weilte oft und gern an dem Brunnen, der noch heute ihren Namen führt, in seiner Nähe legte sie einen Garten an, in seiner Nähe erbaute sie das Siechenhaus für Arme und Preßhafte. Sie wusch am Brunnen mit eigner hoher Hand die Kleider ihrer Pfleglinge, sie schöpfte Fische daraus für ihre Kranken und niemand wußte, wie Fische in den Felsenquell kamen. Einst sandte sie eine Magd mit dem Eimer, um für Leidende Fische zu holen, zu dem Brunnen. Ungläubig ging die Dienerin, aber der Glaube kam ihr durch Schauen, voll Fische zog sie den Eimer aus der Krystallfluth des Bergquells. Dort gelangen der milden Fürstin jene hohen Wunder durch die Kraft des Glaubens und des Gebets, wegen welcher die fromme Vorzeit sie heilig sprach und prieß. Sie brachte so Vielen das Heil; nicht sie that Wunder, sondern Gott that diese an/ ihr und segnete ihr Thun. Als sie irdene Waaren, Töpfe, Tiegel und Teller auf dem Markt zu Eisenach gekauft hatte für ihr Hospital, und der Kärner auf dem steilen Weg ungeschickt den Karn umwarf, daß er gegen die Felswand fiel, zerbrach kein einziges Stück. Sie heilte die Lahmen, machte Blinde sehend, und in ihrem Schooße mehrten sich wunderbar die Gaben, wenn sie dort saß, Almosen spendend den Armen, die sie in ganzen Schaaren umdrängten. Engel schützten und schirmten sie vor allen Gefahren, der Regen näßte ihr Gewand nicht, und hatte sie den Armen ihre Kleider gegeben, sich mit den geringsten begnügend, so fand sie in ihren Gemächern wohl andere und schönere wieder, die dahin gekommen waren, sie wußte nicht wie. (TSS I S. 68/9)

TSS Nr. 1.1.17: Von Landgraf Ludwigs Treue
Seiner lieben Gemahlin Elisabeth war der fromme Ludwig so treu wie Gold. Einstmals war zu Eisenach auf offenem Plan ein Tanz, und der Landgraf stand an seinem Fenster und sah zu. Da trat einer seiner Diener heran und sprach: Herr, seht Ihr dort das stattliche Weib, das da tanzt, und zeigte ihm eine stolze, wohlgeschmückte Frau: die wollte ich Euch wohl in Euren Arm schicken, wenn/ Ihr ihrer begehrt, die Euch zu Willen sein würde. Aber hierauf wurde der tugendhafte Fürst schnell erzürnt, sah den Diener voll Ernst an und erwiderte: Schweig, und wage nie wieder vor meinen Ohren solche Reden, so werth dir meine Gnade und Huld ist; bringe deine Worte bei denen an, die mit solcher Untugend umgehen, ich will den Meinen kein solches Beispiel geben, über die ich ja richten muß, wenn sie darüber verklagt werden.
So war es auch geschehen in demselben Jahr, eben da der Landgraf von einem Zug gen Apulien heimkehrte, wo er mit dem Kaiser gewesen war, daß er am Hofe eines Fürsten, seines besonderen Freundes, über Nacht herbergte, der ihn über die Maaßen wohl hielt, und ihm alle Liebe und Güte erwieß. Und des Abends nach köstlicher Tafel und anderer fürstlicher Lustbarkeit mit Tanz und Saitenspiel ließ ihm der Gastfreund ein herrliches Nachtlager bereiten und schaffte ihm auch eine junge und schöne Bettgenossin, die der Landgraf in seiner Kammer fand. Als er aber derselben ansichtig wurde, rief er den edlen Schenken Ritter Walter von Vargula und sprach heimlich zu ihm: Das Weibchen dort in meinem Bette, das schaffe fort und bringe es heimlich weg. Gieb ihr einer löthigen Mark Silbers an Geld, da mag sie sich einen neuen Rock kaufen, und sage ihr, daß sie dem, der mir sie zugeschickt, danke und von allem schweige. Ich sage Dir aber in vollem Ernst: wäre auch Ehebrechen keine Sünde gegen Gott/ und keine Schande vor den Leuten, so wollte ich es doch nicht thun, meiner lieben Elisabeth zu Liebe und sie damit nie betrüben oder in ihrem Gemüthe irre machen. – So ward ohne Aufsehen die Bettgenossin von dannen gebracht und mit Dank erfüllt gegen den guten, milden Fürsten.
Gleiche Tugend zeigte der Landgraf auch gegen einen Ritter, dessen Schloß vor dem Walde lag, der etwas schwächlichen und gebrechlichen Leibes war und keinen Erben hatte, den er doch gar gern gehabt hätte. Er bewegte sein Weib mit Mühe, sich dem Landgrafen zu vertrauen, der ihre Ehre bewahren würde, ritt zum Fürsten und stellte diesem seinen ungewöhnlichen Antrag. Dieser verhieß ihm Hülfe, versprach ihn zu besuchen und berief sogleich seine Aerzte, von denen er ein kräftigendes Medicament begehrte. Als er solches in Gestalt einer Latwerge empfangen, stellte er ein Jagen an und sonderte sich darauf von den Seinen, daß keiner wußte, wo er hingekommen; kam zum Ritter auf dessen Schloß, ward wohl empfangen und trefflich bewirthet, gab dem Ritter aus seiner Kraftbüchse und lachte herzlich, als jener verlegen bat, er möge nicht begehren, zu thun, um was er, der Ritter gebeten. Der keusche Fürst sprach: Ich bin nicht um Deines Weibes willen hierher gekommen, sondern Dich von Deiner Schwäche zu erlösen und Deine Ehre unbefleckt zu erhalten. Und zog wieder fröhlich von dannen. (TSS I S. 69-71)

TSS Nr. 1.1.18: Elisabeths Handschuh
Oft besuchte die fromme Landgräfin die Kirche in Eisenach, da versammelten sich vor dem Kirchenportal stets sehr viele Arme und Gebrechliche; sie wußten, daß die Herrin jedem eine Gabe spendete, so geschah es auch an einem Heiligentage, daß die Zahl der Bettler besonders groß war, als die Fürstin mit ihrem dienenden Gefolge heranschritt zum Gottesdienst. Sie spendete Almosen, so viel sie konnte und bald war ihr Metschger erschöpft, doch waren auch alle befriedigt, nur ein halbblinder Greis hatte noch keine Gabe empfangen und drängte sich ihr flehend nach, bis in die Kirche hinein. Elisabeth hatte nichts mehr zu geben, doch jammerte sie der arme alte Mann, und sie besann sich nicht lange, sondern zog einen ihrer reich mit Silber gestickten Handschuhe aus und reichte diesen dem armen Greis. Das sahe nicht sobald ein Ritter, der zugegen war, als er hinzutrat und von dem Alten den Handschuh gegen eine Summe baaren Geldes eintauschte. Als ein Kleinod seltener Art befestigte dieser Ritter den Handschuh an seinem Helm und zog bald darauf in das heilige Land. Dort kämpfte er wacker gegen die wilden Söhne der Wüste, doch in jedem Gefecht mit den Sara/zenen war es, als sei ihm die Helmzier ein schützender Talisman. Er kehrte glücklich in die Heimath zurück und setzte freudig und seinen Nachkommen zu dankbarer Erinnerung, das Bild von Elisabeths Handschuh in seinen Wappenschild. Sterbend küßte er noch die schöne Reliquie von der heiligen Dulderin. (TSS I S.72/3)

TSS Nr. 1.1.19: Landgraf Ludwig und der Löwe
Der Schwager des Landgrafen Ludwig, Herzog von Oestreich, hatte diesem aus Freundschaft und der Seltenheit wegen einen großen Löwen geschenkt, den der tugendsame Fürst in einem Kasten mit doppeltem Gitter verschließen ließ. Da geschah es in demselben Jahr, ehe er über Meer zog, daß er eines Morgens früh aufstand und in leichter Tracht nur einen Mantel übergeworfen, hinab und über den Burghof ging, vielleicht um im Freien sein Frühgebet zu verrichten. Und der Knecht, dem oblag, dem Löwen die Speise zu bringen und seinen Käfig zu reinigen, hatte versäumt, die kleine Thüre im Gitter fest zu verschließen. Plötzlich stand der Löwe in seiner furchtbaren Majestät vor dem Landgrafen, der ganz allein und ohne Waffen/ war, aber der Fürst reckte die Faust auf gegen den Löwen und schrie ihn hart an, da ließ dieser ab von seiner Schrecklichkeit und warf sich auf die Erde nieder vor des Fürsten Füße und wedelte mit dem Schweif, als ob er den Herrn anflehe. Der Thürmer hatte des Grafen Geschrei gehört, trat auf die Zinne und sah den Herrn und den Löwen; er machte Lärm und rief das Gesinde und den Löwenwärter herbei, der das Thier bald wieder hinter sein Gitter brachte. Doch schalt der Landgraf den Wärter sehr ernstlich und hätte ihn fast vom Hofe geschickt, wenn nicht für ihn gebeten worden wäre.
Alle meinten, daß Gott ihren Herrn nur um seiner und seiner Hausfrauen Elisabeths Tugend willen also wunderbar vor dem Löwen behütet und errettet. Zum Gedächtnißzeichen ward am Burgthor ein mit einem Löwen kämpfender Mann in Stein gehauen, der noch heute allda zu sehen ist. (TSS I S. 73/4)

TSS Nr. 1.1.20: Landgraf Ludwig fährt über Meer
In diesen Zeiten war unter andern Bischöfen, Aebten und Priestern, die auf des Papstes Willen und Geheiß (so weit war also damals die heilige Christenheit,) predigten, daß man über Meer mit dem Kaiser ziehen sollte und Jerusalem gewinnen, auch der höfische und wohlgelahrte Pfaff, Meister Konrad von Marburg, der mit seiner Predigt und Lehre in deutschen Landen als der Morgenstern vor anderen Pfaffen leuchtete. Ihm folgten Pfaffen und Laien; er war ein Späher nach Ketzern, ein Beschirmer des Glaubens und ihn hatten Landgraf Ludwig und Elisabeth besonders lieb um seiner guten Lehre, seines Wandels und reinen Lebens willen, hielten ihn in großen Ehren, und der Landgraf würdigte ihn so sehr, daß er ihm alle seine Lehen mit verlieh, das wurde stets gehalten und waren darüber die Briefe mit des Landgrafen, wie mit seiner Brüder Heinrichs und Konrads Siegeln versehen, denn er, der Pfaff, hatte ihnen zugesagt, daß sie größere Sünde thäten, wenn sie einem unwürdigen und unverständigen Pfaffen eine Kirche oder einen Altar überließen, als wenn sie in einem Streit funfzig oder sechzig Menschen mit eigener Hand erschlügen. Diesem Meister Conrad war auch Elisabeth mit Wissen ihres Gemahls in allen guten, geistlichen und ziemlichen Dingen gehorsam; er war ihr Beichtiger, ihr Prediger, ihr Vorsteher in den Geboten und Gesetzen Gottes; sehr hing sie an ihm nach ihres Herrn Tode, er half ihr auch das Hospital zu Marburg bauen und pflegte sie bis an ihr Ende.
So war es um das Jahr eintausend zweihundert und siebenundzwanzig, daß eine gemeine Heerfahrt und Meerfahrt in der ganzen Christen/heit begonnen ward; der Kaiser Friedrich und mit ihm viele Fürsten, Grafen und Herren ließen sich auf Geheiß des Papstes mit dem Kreuze bezeichnen. Und der Landgraf empfing es von dem Bischof Konrad von Hildesheim im Namen des Heilandes, hielt es aber eine Zeitlang den Augen Elisabeths verborgen, daß sie es nicht gewahr und dadurch betrübt werde. Als aber die Zeit heran kam, daß er es ihr nicht länger verhehlen konnte, tröstete er sie mit süßen Worten und stellte ihr vor, daß er das thäte in der Liebe zu unserm Herrn Jesus Christus und sie sollte ihn daran nicht hindern. Er besetzte sein Land mit redlichen Amtleuten, bestellte in den Städten weise Bürger zu Schultheißen, verordnete den Klöstern treue und gottesfürchtige Vormünder und befahl sich einem jeglichen Kloster besonders in sein Gebet. Dann zog er, begleitet von seiner Mutter, seiner Elisabeth und seinen Brüdern, über Reinhardsbrunn nach Schmalkalden, wo er von allen rührenden Abschied nahm. Viele edle Herren aus Thüringen und Hessenland zogen mit ihm; die Grafen Günther von Käfernburg, Burkart von Brandenburg, Meinhard von Mühlberg, Heinrich von Stollberg, Lutze von Wartberg, alle Ludwigs Vasallen, dann Herrmann von Heldrungen, Rudolph, der Schenk von Vargula, Heinrich, der Marschalk von Ebersberg, Herrmann, der Truchses von Schlotheim, Friedrich von Treffurt, Hartung von Erfa, der Hofmeister, und Herr Heinrich von Banner, diese sieben/ Freiherren und Edle waren auch Ludwigs Mannen. So folgten ihm ferner der Graf Ernst von Gleichen, der ein gar wunderbares Abentheuer bestand in dem heiligen Lande,*) einige Grafen von Schwarzburg und viele andre edle Ritter mit dem Troß ihrer Knappen und Knechte. Auch fünf fromme Priester folgten ihm, um in geistlichen Dingen mit Messelesen und Beichte hören ihm und den Seinen beizustehen. Fußknechte liefen wenige mit, da die Reise zu weit ging.

*) Siehe den Sagenkreis: Die drei Gleichen. (TSS I S. 74-77)

TSS Nr. 1.1.21: Wie Elisabeth ihres Gemahls Tod erfährt
Auf der Meerfahrt verschied zu Otranto der edle Landgraf. Was für Klage und Weinen um ihn von den Seinen geschah, das ist nicht zu sagen. Als er sich zu Schmalkalden mit seiner lieben Elisabeth letzte, hatte er ihr einen kleinen Siegelring gezeigt, in dessen Stein ein Agnus Dei gegraben war, und gesagt: Allerliebste Schwester, dies Fingerlein soll Dir eine wahre Botschaft meines gesunden Lebens oder meines Todes sein, wenn Dir das jemand bringen wird./
Ein Bote ward gesandt nach Thüringen, daß er des Landgrafen Tod seiner Frau, seiner Mutter und seinen Brüdern verkünde. Nun gingen die Verwandten zu Rathe, wie sie die Nachricht vor die fromme Elisabeth bringen möchten, und die betrübte Mutter sprach weise zu ihren Kindern: Ihr sollt allen unserm Gesinde bei Leib und Leben verbieten, weder mit Worten noch mit Werken Zeichen zu geben von dieser Botschaft, daß Elisabeth (die ihrer Entbindung nahe war), nichts davon erfahre und dadurch in jähen, schädlichen Schrecken versetzt werde. So geschah es, daß des Fürsten Tod ihr verschwiegen blieb, bis sie aus den Sechswochen kam, dann überlegte Frau Sophie, daß es ihr niemand besser kund thun werde, als sie selbst, ihre Schwiegermutter, nahm mit sich einige ihrer Frauen, ging auf das Mußhaus und sandte nach Elisabeth, daß sie zu ihr käme. Als Elisabeth eingetreten war und sich gesetzt hatte, hob die Schwiegermutter an: Liebe Tochter, Du sollst eines starken Gemüthes sein und Dich nicht zu heftig betrüben über das, was Deinem Herrn, meinem Sohne, Widerwärtiges oder Ungemachs widerfährt, der sich und alle die Seinen in Gott ergeben hat. Damit glaubte Elisabeth zu vernehmen, daß er gefangen, nicht daß er todt sei, weil jene es nicht ohne Thränen sagen konnte, und antwortete der Schwiegermutter: Ist es so, daß mein Bruder gefangen ist, so mag er mit Gottes und seiner Freunde Hülfe wohl/ wieder ledig werden. Auch mein Vater soll dazu helfen. Da sprach aber die Schwiegermutter: Sei geduldig, Du allerliebste Tochter, und nimm zu Dir dieses Ringlein, daß er Dir gesandt hat, denn er ist leider gestorben. Elisabeth wurde bleich und roth, sprang auf ganz trostlos und lief eiligen Schrittes durch den Saal, rufend: Gestorben! gestorben! gestorben! Die Frauen gingen ihr nach, setzten sie nieder, suchten sie zu trösten, und sie begann bitterlich zu weinen und zu klagen: Ach, Herre Gott, Herre Gott! Ach, mir armen, trostlosen Wittwen! Ach, mir elenden Frauen! Nun tröste mich der, der Wittwen und Waisen mit seiner Gnade nicht verläßt. Da erwachte auch in dem Herzen der Mutter von Neuem der Schmerz und sie erhub mit dem ganzen Hofgesinde ein trauervolles Jammern und Wehklagen. (TSS I S. 77-79)

TSS Nr. 1.1.22: Elisabeth wird von der Wartburg ausgetrieben
Nachdem nun der fromme Ludwig so fern von seiner Heimath verstorben war, suchte sein ältester Bruder, Heinrich, Rath, was er beginnen sollte. Gar bösen und untugendlichen Rath empfing er, der weder nach Gott und Recht, noch nach Zucht/ und Ehre war: er sollte, obgleich sein Bruder einen Sohn, Herrmann, hinterlassen, dem das Land zugestorben war, Wartburg und Eisenach für sich selbst nehmen und des Landes beste Schlösser, aber die Fürstin Elisabeth mit ihren Kindern, weil diese noch jung waren, von der Wartburg weisen, so behielte er doch die Besitzung; er sollte auch selbst freien und Erben gewinnen. Wäre endlich Herrmann, seines Bruders Sohn, herangewachsen, wenn er das ja erlebe, so würde er froh sein und sich genügen lassen, wenn man ihm eins oder einige Schlösser überließe. Durch diesen Rath wurde der frommen Elisabeth zu ihrem großen Schmerz, eine neue tiefe Wunde geschlagen, denn Landgraf Heinrich folgte ihm und sandte alsbald seine Boten, die edle Frau mit ihren Kindern auszutreiben, ließ auch zugleich in Eisenach jedermänniglich warnen, wem an seinen, als des neuen Landesherrn, Hulden gelegen, sie nicht aufzunehmen und zu beherbergen. Entrüstet sprach zu den Vollstreckern dieser grausamen Befehle die betagte Fürstin Sophia: Elisabeth soll mit ihren Kindern und Hofgesinde bei mir unausgetrieben bleiben, bis ich selbst mit meinem Sohne gesprochen! Aber es kehrte sich keiner daran, sondern sie sprachen: Sie soll und muß davon.
Da erhob sich ein jämmerliches Geschrei von den Kindern, den Frauen und ihrer Dienerschaft, des sich Gott im Himmel hätte erbarmen sollen; kaum gestatteten die Knechte des Landgrafen, daß/ die Vertriebenen ihr eigenes Geräthe mit sich tragen durften; in ihre Arme schloß Frau Sophia ihre Schnur und weinte übermäßig über sie und ihres Sohnes Kinder, die kleinen, unmündigen Waisen. Ihre Söhne wollten nicht vor die Mutter kommen, daß diese für Elisabeth hätte bitten können. Mit Jammer und unaussprechlichem Leide schieden die beiden Frauen. So wurde das Weh des Abschieds vom tugendsamen Landgrafen Ludwig auf die schmerzlichste Art erneuert; ach damals hätte keine gedacht, daß die beiden Fürsten ihres Bruders Kindern solches Leid anthun würden. Aus dem Thore der Wartburg schritt die hohe und doch so demüthige Herrin, die Tochter eines Königs, die Mutter der Armen, die Hülfe und der Trost der Kranken; sie trug auf ihren Armen ihr jüngstgebornes Kind, und ihre treuen Jungfrauen Irmengard, Jutta und Isentrud trugen oder führten die anderen Kinder und nur die nöthigsten Kleider und Bettgewande. Es war ein Anblick, daß es ein steinernes Herz hätte rühren müssen. Als sie herunter kamen in die Stadt, wurden sie von den Leuten angesehen wie Arme, die um Almosen betteln. Der Hellgrafenhof, der sie einst so freudig aufgenommen, blieb ihr jetzt verschlossen, wie jede andere Herberge, kein Wirth wollte sich der Ungnade des neuen Herrn aussetzen. Sie, die so viele begabt, gespeist, gekleidet, geherbergt hatte, fand kaum eine Stelle, wo sie ihr müdes Haupt hätte hinlegen können. Endlich kam/ sie in eine gemeine Taberne (= ein einfaches Gasthaus, sk), wo jedermann einkehrte und wo man Bier und Wein schenkte, auf der Rolle genannt, dieser Wirth nahm sie aus Mitleid auf, daß sie des Tages über dort weilte und auch des Nachts wollte der Mann sie nicht austreiben; da blieb sie ruhig und geduldig, weinte und betete viel die Nacht über und als sie früh am andern Morgen die Barfüßermesse singen hörte, ging sie mit ihren Kindern hinaus, prieß unterwegs den Herrn für ihre Verschmähung und ließ bei ihrem auf den Tod verwundeten und zerrissenen Herzen von den Brüdern das Te Deum laudamus (= Choral: Dich Gott loben wir, sk) singen. Da kein Bürger sie beherbergen wollte und durfte, blieb sie im Kloster der Barfüßer. Manchem Bürger aber jammerte ihrer und viele beweinten im Stillen ihr hartes Schicksal. Bei den Barfüßern, die getrost den Zorn des Herrn wagten, versetzte sie ihr Geschmeide, sich und die Kinder zu ernähren, und spann und arbeitete, so viel sie konnte. Zu derselben Zeit geschah es, daß die gottselige Frau an dem Markte, da wo man von der Rolle nach der Badstube ging, beim Eingang in die Messerschmiedegasse, über die hohen Schrittsteine wandelte, welche dort über den Löbersbach, einen kothigen Graben, gesetzt waren, da begegnete ihr recht in der Mitte ein altes Bettelweib, der Elisabeth oft und viel Almosen gegeben hatte, und stieß die unglückliche Fürstin, da sie ihr nicht ausweichen konnte, in den tiefen Koth, daß sie alle ihre Kleider danach waschen mußte. Auch diese Schmach trug/ sie in Geduld, und dankte Gott lächelnden Mundes, daß sie um seinetwillen also gedemüthiget werde.
Von ihrem tiefen Leid erfuhr endlich die Frau Aebtissin Sophia zu Kitzingen, sandte ihr gleich einen Wagen und ließ sie holen, dann ließ sie auch der Bischof zu Bamberg kommen, und hielt sie dort gar ehrbarlich mit ihren Kindern und Jungfrauen, Frauen, dazu mit zwei Mägden, zwei Dienern und einem eignen Pfaffen, zusammen zwölf Personen und sie wohnte ruhig auf dem Schloß Bodenstein.
Der eine Bruder des Landgrafen Ludwig, Konrad, trat in den Deutschherrenorden und blieb folglich ehelos, der zweite Bruder, Heinrich Raspo, nahm nach einander drei Gemahlinnen und blieb dennoch kinderlos, so strafte Gott an ihm die Grausamkeit, die er an seiner frommen und schuldlosen Schwägerin Elisabeth verübte. (TSS I S. 79-83)

TSS Nr. 1.1.23: Das Kind von Brabant
Als nun Heinrich Raspo erbenlos gestorben war, erhob sich um das Thüringerland und was von Hessen dazu gehörte, ein großes Streiten und viel/seitiger Anspruch. Heinrich der Erlauchte, Markgraf von Meißen, ein Sohn Jutta's, der ältern Schwester Heinrich Raspo's, hatte bereits Land und Leben zum größern Theil im Besitz, als es ihm von Sophia, der ältesten Tochter Ludwigs und der heiligen Elisabeth (deren Sohn Herrmann war schon todt), und der Wittwe eines Herzogs von Brabant, streitig gemacht wurde, indem sie es für ihr Kind in Anspruch nahm, anderer Bewerber hier nicht zu gedenken. Sophia zog mit ihrem Kind nach Hessen, viele der Thüringischen und Hessischen Ritter und Herren fielen ihr zu und wollten dem kleinen Heinrich, dem Kinde von Brabant, Elisabeths Enkel, die Herrschaft gönnen. Und bei diesem Zwiespalt war nicht einmal ein Kaiser in Deutschland, der ihn hätte schlichten können, daher wuchs großer Unfriede auch unter den Rittern des Landes. Sie wollten niemandes Freund sein und keinen Herrn über sich haben; so waren die Ritter Herbig von Hörselgau und Hans Atze, die führten vor zwei Thoren von Eisenach und in allen Dörfern das Vieh hinweg und trieben es den Hörselgrund aufwärts. Bald folgten die Eisenacher und die von Crenzburg nach, sandten auch Boten an den Burgvogt auf Schloß Tenneberg, der sammelte ihnen zu Hülfe viel Waldvolk, dabei wurden aber viele Eisenacher erschlagen und der Vogt gefangen. Dazumal wurden viele Burgen im Lande erbaut, jeder Ritter hätte gern ein eignes Schloß gehabt, so setzten die von Wangenheim ein Haus auf den/ Kalenberg, hinter Fischbach gelegen, die von Tulstedt eins auf den Berg, welcher der Steinforst genannt ist, ein Ritter Herrmann Stranz baute eine Burg, die Straßenaue genannt, die von Lupnitz bauten Burg Lichtenwald, die von Kopstedt den Scharfenberg, die von Frankenstein die Wallenburg, einige Ritter an der Werra thaten sich zusammen und erbauten Brandenfels. Um Eisenach erhob sich in diesen Zeiten der Fehde mehr als eine Burg, denn die Bürger schlugen sich zu der Parthei des Kindes von Brabant, wozu sie der Rathsherr, Heinrich von Velsbach bewegte. Der Markgraf hatte zwar die Wartburg gut besetzt und bemannt, aber die Eisenacher besetzten den Mittelstein und verbauten die Wartburg mit noch zwei Burgen an der entgegengesetzten Seite, der Frauenburg und der Eisenacherburg und besetzten sie mit Kriegsvolk, so daß der Wartburg alle Zufuhr abgeschnitten wurde. Zudem rief die Herzogin von Brabant ihren Stiefsohn, Herzog Heinrich, und den Herzog Albrecht von Braunschweig zu Hülfe. Dagegen half der Markgraf den Kalenberg befestigen, unterstützte seinen Freund Rudolph von Vargula beim Bau des Rudolphsteins, davon noch das Holz der Rudolphsgarten und der Brunnen, der unter dem Schlosse entsprang, der Rudolphsborn genannt wird, gegen die Eisenacherburg, damit den Eisenachern die Straße nach Franken über den gehauenen Stein versperrt sei.
Bevor der Krieg um die Erbfolge zwischen den feindlichen Partheien lichterloh entbrannte, hatte/ Frau Sophia mit dem Markgrafen Heinrich zu Eisenach einen Tag um gütlichen Vergleichs willen. Die, welche der Herzogin zustunden, erkannten für Recht und sprachen, daß der Tocher Sohn, das Kind von Brabant, ein näheres Erbrecht habe, wie der Schwester Sohn, der Markgraf. So reichte der Markgraf Frau Sophien die Hand und sprach: Gern, allerliebste Base, meine getreue Hand soll Dir und Deinem Sohne unbeschlossen sein, bis ein Kaiser gewählt ist, der über diese Sachen entscheidet. Doch wie er also redete, traten der Marschall Helwig von Schlotheim und andere hinzu, zogen ihn zurück und der Marschall sprach: Herr, was wollt Ihr verheißen? Wär' es möglich, daß Ihr mit einem Fuß im Himmel stündet und mit dem andern auf der Wartburg, so solltet Ihr viel eher den aus dem Himmel ziehen und zu dem auf Wartburg setzen. Darauf wandte sich der Fürst wieder zu seiner Base und sprach: Liebe Base, ich muß mich in diesen Dingen bedenken und den Rath meiner Getreuen hören, und schied von ihr, ohne ihrem Recht zu willfahren. Beschwur auch auf eine Ribbe der heil.(igen) Elisabeth sein Recht auf Thüringen und zwanzig Eideshelfer schwuren mit ihm. Da wurde die Herzogin äußerst betrübt, hub an, bitterlich zu weinen, zog den Handschuh, den schon die Hand des Markgrafen berührt hatte, von der Hand und rief: O Du, der aller Gerechtigkeit Feind ist, ich meine Dich, Teufel! nimm diesen Handschuh zusammt den falschen Rathgebern!/ – und warf ihn in die Luft, und siehe, der Handschuh ward hinweggeführt, daß er nimmermehr wiedergesehen wurde. Jene Räthe sollen hernachmals auch keines guten Todes gestorben sein.
Da einstmals die Herzogin in die Stadt Eisenach wollte und das Thor ihr nicht aufgethan wurde, ergriff sie eine Axt und hieb mit solcher Gewalt in das St. Görgenthor, daß man noch nach zweihundert Jahren in dem Eichenholz das Wahrzeichen sah.
In einer Nacht, in der vom Sturm und Regen großes Unwetter war, sammelte Markgraf Heinrich seine Freunde auf der Wartburg und zogen mit Sturmleitern heimlich herab, durch den Hain, nach dem Mittelstein zu, den sie an der hintern Seite des Berges, wo er am steilsten ist und wo die hohen Felsen Mönch und Nonne stehen, erstiegen, gewannen die Burg, fingen die darin waren, stießen die Burg mit Feuer an und zerstörten sie von Grund aus, um der Wartburg willen, der sie allzu nahe lag; so fand das gute, wohlgebaute, feste Schloß, desgleichen im ganzen Thüringerland kein zweites stand, seinen Untergang. Mit leichter Mühe gewann und zerstörte hernach der Markgraf auch die zwei naheliegenden hölzernen Schlösser, die Eisenacher- und die Frauenburg.
In derselben Nacht, es war die von St. Pauls Bekehrung, in welcher der Mittelstein erstiegen wurde, berannte der Markgraf die Stadt Eisenach;/ er hatte sich Gönner gewonnen in der Gemeinde und kam an die Mauer gegen dem Barfüßerkloster. Da sprachen die Bürger, die dort wachen sollten: Steiget her in Gottes Namen, wie lange sollen wir dieß Ungemach mit Euch haben! So gewann er die Stadt, tödtete etliche Rathsherrn, die ihm abhold waren und sein Recht nicht anerkannten, und den vornehmsten von ihnen, den rechtskundigsten, Herrn Heinrich Velsbach, der ihm am allermeisten entgegen war, ließ er auf eine Blide*) legen, die vor der Wartburg stand und hinab nach der Stadt schleudern. Todesmuthig und der Herrin, die er anerkannt, bis zum Ende treu, rief der Mann, als er durch die Lüfte fuhr, mit lauter Stimme aus: Thüringen gehört doch dem Kinde von Brabant!

*) Wurfgeschoß, Steinschleuder, ein altes Belagerungsgeschoß. (TSS I S. 83-88)

TSS Nr. 1.1.24: Der Landgraf Albrecht will sein Weib ermorden lassen
Neun Jahre hatten Krieg und Zwiespalt um die thüringische Erbfolge gedauert und das Land verdorben, bis sich endlich so verglichen ward, daß/ Thüringen und Hessen gänzlich von einander gesondert wurden. Der Markgraf Heinrich behielt Thüringen und gab die Herrschaft darüber in die Hände seines Sohnes Albrecht, während sein andrer Sohn, Diezmann, das Osterland erhielt, er selbst behielt bloß Meißen. Albrecht nahm zur Frau die Tochter Kaiser Friedrichs, Margarethe. Er war mächtig in Thüringen und war auch ein Pfalzgraf zu Sachsen und erwarb seine Ritterschaft in dem Jahre zwölfhundert achtundsechzig in einem Heereszug gegen die heidnischen Preußen, viele junge und edle Ritter zogen mit ihm. Frau Margaretha gebar ihm zwei Söhne, Friedrich und Diezmann, auch eine Tochter, welche dem Sohn des Herzogs Albrecht später zur Ehe gegeben wurde. Landgraf Albrecht aber gewann heimliche Liebe zu einer der Jungfrauen seiner Gemahlin, Kunigunde von Eisenberg geheißen, so sehr und heftig, daß er seine Hausfrau gern mit Gift vergeben hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, dieß zu vollbringen, so sehr hatte die falsche Buhlerin sein Herz umstrickt. Da stellte er es heimlich an mit einem armen Knecht, welcher mit zwei Eseln Fleisch und Holz aus der Stadt auf die Wartburg zu schaffen pflegte, daß dieser des Nachts über Frau Margarethen kommen sollte, als ob er der Teufel wäre, sollte sie erwürgen und ihr das Genick brechen, und gelobte ihm dafür großen Lohn, auch mußte der Knecht zur Stund dem Landgrafen schwören, niemals einem Menschen von diesen Dingen zu sa/gen. Dem armen Knecht wurde das bald leid und war ihm sehr bange, da er niemanden um Rath fragen durfte. Er dachte und überlegte bei sich selbst also: Tödtest du deine Herrin und Frau, die dir immer so gütig zuspricht, so thust du als ein Schalk und wirst nimmermehr wieder froh. Sind deine Aeltern gleich arme Leute gewesen, so waren es doch fromme Leute; Gott könnte solche That dir nicht vergeben. Entläufst du aber, so wird dein Herr fürchten, du verrathest ihn, wird dir nachsetzen und dich erschlagen lassen; spricht dann vielleicht, du habest gestohlen, so daß deine Freunde und Verwandte durch dich zu Schimpf kommen. Und weigerst du dich, die That nicht zu thun, so läßt er dich auch tödten, und gleichwohl wird deine gnädige Frau dem Willen seiner Bosheit nicht lange entgehen, sie muß dennoch sterben. Durch solche Bedenkniß in großen Sorgen hatte der arme Mann Tag und Nacht keine Rast, einmal wollte er die That vollbringen, dann kam ihm wieder anderes zu Sinnen, und trieb es so gegen vierzehn Tag lang an. (TSS I S. 88-90)

TSS Nr. 1.1.25: Margaretha, Landgräfin von Thüringen, entflieht von der Wartburg
Der Landgraf Albrecht merkte gar wohl, daß der arme Knecht, dem er die Ermordung seiner Haus/frau anbefohlen, die That unschlüssig hinzögerte, und sprach ihn deßhalb an mit der ernstlichen Frage: Hast du die Aernte geworben, die ich dir befohlen habe? Da antwortete der Knecht: Herr, ich will sie werben, und dachte, nun kannst du es länger nicht verziehen.
Des Nachts kam er in die Schlafkammer der Landgräfin, fiel auf ihre Decke und sprach leise: Liebe, gnädige Frau, gnadet mir des Leibes! Sie fragte erschrocken: Wer bist du? Er nannte sich und sie fragte weiter: Warum fliehst du denn zu mir und bittest um Gnade? Darauf antwortete er: Frau, ich soll es noch thun, um das ich Gnade bitte. Sie sprach: Du bist trunken oder verrückt. Er erwiederte darauf: Wie dem auch sei, so gnadet meiner und auch Eurer und hört mich an mit Ruhe und Geduld, sonst – müssen wir beide sterben. – Ei wie das, warum? fragte die Landgräfin, darauf sprach er: Mein Herr hat mir befohlen, Euch zu tödten, das will und mag ich nicht thun; lieber will ich mit Euch sterben, wüßtet Ihr aber Rath, daß wir beide am Leben bleiben, wäre es uns noch besser. Da schickte ihn die bestürzte Frau zu ihrem Haushofmeister, dem Schenken Rudolph von Vargula, und ließ diesen zu sich entbieten. Wie er kam, bat sie ihn heftig weinend um seinen Rath. Er rieth ihr, was sie an Kleinodien, Geld und den unentbehrlichsten Kleidern hätte, zusammen zu packen, so wolle er ihr helfen, heimlich von der Wartburg zu entkommen, das wäre für sie/ das Beste. Schnell und heimlich wurde eine ihrer Jungfrauen und ihre Haushofmeisterin geweckt, die ihr beistanden, dann ging sie auf das gemalte Haus bei dem Thurm, wo ihre zwei Söhne schliefen, einer anderthalb Jahre, der andere drei Jahre alt, und fiel nieder auf den ältesten mit großer schmerzlicher Betrübniß und biß ihn in seinen Backen, fiel nachher auch auf den zweiten und wollte ihn ebenso beißen, doch wehrte ihr der Schenk, da sprach sie unter Thränen: Ich will sie zeichnen, daß sie an dieses Scheiden gedenken, so lange sie leben.
Im Ritterhause zu Wartburg drehten und schnitten indeß die beiden Frauen der Landgräfin Seile und Bänder und ließen mit Hülfe des Schenken ihre Herrin, den Knecht, der diese hatte tödten sollen, dann sich selbst aus einem Fenster in der Wohnung des Knechts auf dem Gange über der Mauer hinab, und dann stiegen sie den hohen Felsberg hinunter in das tiefe Thal und gingen im Dunkel der Nacht durch den finstern Wald in großer Betrübniß mit einander fort.
Als nun die Landgräfin entkommen war und am andern Morgen vermißt wurde, wurde auch zu Landgraf Diezmann ein reitender Bote gesendet, ihm dieses Ereigniß zu offenbaren. Diezmann hatte seinen Hof zu Landsberg im Osterlande, reiste aber gleich zu seinem Bruder nach Thüringen, denn er fürchtete, jener möge zuletzt gar um seiner Kebsin willen die Kinder verderben lassen, wie er es mit seiner Frau im Sinne gehabt. Er sprach zu/ ihm: Lieber Bruder, ich habe wohl vernommen, daß Euch Eure Hausfrau entgangen sei, wie kommt Ihr dazu? Darauf antwortete der Landgraf Albrecht: Sie hat lange Zeit mit einem Buben zugehalten, als sie nun glaubte, daß ich es entdeckt hätte, ist sie mit ihrem Buben hinweg. Der Markgraf Diezmann sagte hierauf: laßt sie fahren, sehnet Euch nicht darum, und die Kinder thut zu mir, so gedenket Ihr desto minder daran. Also führte er die Kinder mit sich heim, denn er selbst hatte keine. (TSS I S. 90-93)

TSS Nr. 1.1.26: Von Friedrich, dem Gebissenen
Als die beiden Söhne Albrechts, den die Geschichtsscheiber den Unartigen nennen, zu ihren Jahren kamen, daß Friedrich sechzehn, Diezmann aber vierzehn und ein halbes Jahr alt war, kamen sie zu streiten mit ihrem Vater, um des Unrechts willen, das er an ihrer Mutter gethan, die des Nachts sich mit Seilen von der Wartburg lassen mußte und um seiner Buhlerin Kunigunde von Eisenberg aus dem Lande fliehen, während er jene stattlich bei sich hielt, gleich einer Landesherrin, mit Jungfrauen und Dienern. Viele Grafen und Ritter hielten zu den jungen Herren, andre aber,/ so die Grafen von Käfernburg, Mühlberg, Gleichen und andre zu dem Grafen Albrecht. In diesem Streit nahmen die jungen Herren den besten und vertrauten Rath des Landgrafen, einen Bischof des Teutschherrenordens zusammt seinem Gesinde und seinen Wappnern gefangen und führten sie auf das Schloß der beiden Junker von Schlotheim, die zu Friedrich und Diezmann hielten. Nun hätte Albrecht gern auch einen seiner Söhne in seine Gewalt bekommen, wo nicht beide, stellte das an mit dem Grafen von Käfernburg und in einem Streiten bei Weimar wurde der junge Landgraf Friedrich gefangen, auf das Schloß Wartburg gebracht und in einen tiefen Thurm geworfen. Sein Vater war keines andern Sinnes, als ihn darin verhungern zu lassen, aber es fanden sich treue Hände, die ihn mit Nahrung versorgten; ein ganzes Jahr lang lag Friedrich der Gebissene im Kerkerthurm und grub ein Kruzifix mit seinen Nägeln ins harte Gestein. Endlich wurde es angestellt, daß etliche seiner Freunde heimlich auf das Schloß kamen, die befreiten ihn und führten ihn mit sich hinweg. Im Jahre darauf starb der Oheim Friedrichs und Diezmanns, Markgraf Dietrich, und sein Sohn, auch Friedrich genannt, überlebte ihn nicht lange; dieser ließ noch bei seinem Leben das Osterland seinen beiden Vettern, mit denen er auferzogen war, huldigen. Das wurmte nun gar sehr den Landgrafen Albrecht, daß seine Söhne das Land besaßen, welches sonst ihm von seinem Bru/der zugestorben wäre. Noch ein Jahr später starb der alte Markgraf von Meißen, Heinrich der Erlauchte, Albrechts Vater, und keck und schnell nahm Friedrich auch dessen Land in Besitz, da ihm sein Bruder und die Edeln des Osterlandes, auch viele Thüringer Herren, die ihm günstig worden, beistanden, darüber wurde des Vaters Haß gegen seine Söhne noch größer, als er früher war.
Mehrere Jahre währte der Krieg, als der römische König Rudolph in das Land kam, der sandte nach Albrechts Söhnen und versöhnte sie mit dem Vater, daß keine Parthei der andern mehr schaden sollte. Friedrich sollte Meißen und Diezmann das Osterland behalten, und sollten gegen ihren Vater unterthänig sein, wie es frommen Kindern ziemt, wo sie nur könnten. Da sprach Friedrich der Gebissene: Das alles könnte ich wohl thun, gedächte ich nicht an den Biß, den mir meine betrübte Mutter in diesen Backen biß, da sie zuletzt von mir schied und davon ich noch die Narbe trage; das kann und will ich nie vergessen. Und daher half auch der Friede nicht viel, den der König stiftete, denn auch Landgraf Albrecht mochte seinen Kindern weder Gunst noch Treue halten, vielmehr hätte er sie gern um Land und Leute gebracht und alles dem Sohne Apitz, den er von Kunigunde von Eisenberg hatte, obwohl seine eheliche Gemahlin Margarethe noch lebte, zugewandt, was weder die rechtmäßigen Söhne leiden wollten, noch wollten die Edeln und die Städte jenem Folge/ leisten und ihn für ihren Herrn halten. Endlich ließ Albrecht durch den König Rudolph den Sohn seiner Kebsin für ehelich erklären, der gab ihm an seinen Schild den bunten thüringischen Löwen mit einem Helm über das Haupt gestürzt, zu einem Unterschied der unehelichen Geburt. Albrecht aber verkaufte oder versetzte ein Schloß nach dem andern, wandte das Geld der Kunigunde und ihrem Sohne zu, räumte diesem das Schloß Tenneberg ein und verkaufte sogar, da Kaiser Rudolph mit Tode abgegangen, dem neuen Kaiser Adolph von Nassau, dem es sehr an Land gebrach, seine Macht zu behaupten, das ganze Land Thüringen für zwölftausend Mark Silbers. Das that er alles gegen den Willen seiner ältern Söhne, denen er über alle Maßen gram war; zuvor schon hatte er das Land den benachbarten Fürsten zum Kauf angeboten, aber keiner mochte es annehmen, weil sie sich nicht getrauten, es gegen die rechtmäßigen Erben behaupten und behalten zu können. Auch jenem Kauf widersprachen die Markgrafen Friedrich und Diezmann, und die meisten der Grafen und Ritter sprachen, sie wollten niemandem hulden und zuschwören, so lange sie noch lebende Erbherren hätten, desgleichen auch die Städte, daher sich wieder neuer und verderblicher Krieg erhob. Der Kaiser zog mit Heeresmacht heran, in dem Rheingau und seinen eignen Erblanden gesammelt, verdarb Land und Leute, sein Volk beraubte Kirchen und Klöster, schändete Jungfrauen und trieb gott/losen Unfug. Viele feste Schlösser und Städte in Thüringen gewann und zerbrach Kaiser Adolph. Er wollte alles erobern, nur Wartburg sollte der Landgraf behalten bis zu seinem Tode, dann sollte es dem Kaiser auch zufallen.
Tapfer und ritterlich wehrten sich die jungen Markgrafen gegen des Kaisers Uebermacht und schlugen öfter seine Mannen in die Flucht; Friedrich der Gebissene war immer voran und bewieß in allen Heerritten und Kämpfen solchen Muth, daß man ihn hernachmals noch öfter den Freudigen, als den Gebissenen nannte. (TSS Nr. 1.1.26, S. 93-97)

TSS Nr. 1.1.27: Friedrich der Freudige erwirbt sich eine Braut
Während dieser Kriegshändel starb auf Wartburg Kunigunde von Eisenberg, welche die Schuld dieser ganzen unseligen Fehden zwischen dem Vater und seinen Söhnen trug, darüber das arme Thüringerland verwüstet wurde. Sie hatte im Kloster zu St. Katharinen vor Eisenach begraben zu sein verordnet und diesem Kloster zu einem ewigen Seelgeräthe das Dorf Langenhahn vermacht. Vor ihrem Ende ward sie eine große Büßerin und bereute ihre Sünden. In demselben Jahre starb/ auch Kunigundens und Albrechts Sohn, Apitz, und wurde bei seiner Mutter begraben. So hätte billig nun alle Fehde ein Ende haben können, aber Albrecht der Unartige nahm seinen Söhnen zum Trotz ein anderes Weib, das war Frau Adelheid, eine fromme Frau, die reiche Wittwe eines Grafen von Arnshaugk, welche nur eine Tochter von vierzehn Jahren, Elisabeth, hatte; diese war eine holdselige, schöne Maid und aller Anmuth voll. Albrecht hielt auf der Wartburg Hochzeit mit seiner neuen Landgräfin, da besuchten ihn die Grafen und Herren, die zu ihm hielten, doch waren ihrer nicht viele, und er richtete ein stattliches Gastmahl aus; die Wittwe brachte ihm viel an Geld und Kleinoden zu. Bald genug vernahmen das Albrechts Söhne, die nicht allzu fern waren, denn Friedrich hatte Gotha gewonnen und befand sich dort. Da trug sich's zu, daß die Jungfrau Elisabeth von der Wartburg, wohin sie ihre Mutter begleitet hatte, mit ihren Jungfrauen nach ihrem heimathlichen Schloß Arnshaugk nahe bei Neustadt an der Orla gelegen, zurückzog, wobei Friedrich sie sah und in Minne gegen sie entbrannte. Er zog ihr nach mit einigen Getreuen und legte sich in den Hain, einem Gehölz unter der Burg, auf die Lauer. Es war an einem Heiligentag, das Burgfräulein trat aus dem Schloß mit wenigen Dienern und Jungfrauen, um in Neustadt die Messe zu hören, da brachen die Versteckten hervor, Friedrich hob Elisabeth auf seinen Hengst,/ seine Begleiter ergriffen ihre Dienerinnen und so ging es von dannen; Elisabeth wußte nicht, wie ihr geschah, doch wußte der herrliche Ritter sie bald zu beruhigen. Sie sah sich zwar gefangen, aber doch auf dem Schlosse Grimmenstein auf das ehrerbietigste behandelt und von ihren vertrauten Dienerinnen nicht getrennt. Friedrich der Freudige ließ sogleich seiner Stiefmutter heimlich einen freundlichen Brief schreiben, daß er sie wegen ihrer Frömmigkeit und Tugend gern zu einer Mutter haben möchte und daß er ihre Tochter nach Gotha entführt habe, nicht aus Untugend, sondern um sich ehelich mit ihr zu verbinden. Er fürchte, daß sein ihm so sehr feindlich gesinnter Vater, wenn dieser seinen Wunsch zuerst erführe, ihm aus aller Macht hinderlich sein werde, weshalb er seine Werbung gleich mit der Hinwegführung der Erkorenen begonnen.
Die Mutter Elisabeths fand in dem, was vorgegangen, Gründe genug, ihre Einwilligung nicht zu versagen, und nach St. Batholomäustage richtete Friedrich eine herrliche Hochzeit aus, wobei alle zugegen waren, die es mit ihm und seinem Bruder hielten und der Abt von Reinhardsbrunn gab ihn mit seiner Erwählten ehelich zusammen. (TSS Nr. 1.1.27, S. 97-99)

TSS Nr. 1.1.30a: Wie der Landgraf seine Tochter von der belagerten Wartburg führte
Als der römische König vernahm, daß die Wartburg in des Landgrafen Friedrich Händen war, sandte er gen Mühlhausen und Nordhausen, auch gen Erfurt und forderte die Städte zur Hülfe gegen Wartburg auf. Da erhob sich ringsum großes Getümmel von Kriegsvolk. Mit des Königs Streitern zog heran der Graf von Willnau, der könig/liche Hauptmann über Thüringen, und besetzte die Eisenacherburg, schlug auch mitten auf dem Berge eine hölzerne Burgfriede auf, auf steinernem Fundament, einer Lanze hoch, darin die Küche sich befand, dann kamen die von Eisenach zu ihm und hieben in das harte Gestein eine Stätte zu einer Blide (große Wurfschleuder, sk), welche zwischen der Eisenacher und der Sophienburg aufgestellt wurde und womit sie Steine auf die Wartburg schleuderten; diese bauten auch eine Feldküche. Die Hülfsvölker von Erfurt lagerten sich hinter die von Eisenach, etwa dem Rudolphsbrunnen gegenüber, die von Mühlhausen lagerten sich vorn an den Berg, nahe bei der Burgfriede des Königs, und die von Nordhausen schlugen ihr Lager im Gilgenthal, in der Nähe der St. Egidienklause unterhalb der Wartburg auf. Von allen diesen Lagern und Küchen findet man noch die Wahrzeichen. Auch der zerstörte Mittelstein wurde besetzt, und die Eisenacher waren Tag und Nacht rege und setzten mit dem Volk des Königs der Wartburg mit Stürmen sehr hart zu, konnten ihr aber nichts anhaben, als durch Blidenwerfen und die strenge Bewachung, durch welche alle Zufuhr abgeschnitten wurde.
In so bedrohlichen Kriegsläuften gebar Frau Elisabeth ihrem Gatten eine junge Tochter; es war aber kein Pfaffe auf der Burg, der das Kind hätte taufen können. Da ward zur Nacht das Wartburgthor aufgethan und es ritt muthig heraus der freudige Friedrich, mit ihm zwölf feste/ Kampfgesellen, die hatten in ihrer Mitte auch zu Roß die Amme mit dem acht Tage alten Kind. Still ritten sie den Berg herab, an der Stadt vorbei über den Gaulanger und über den Sengelbach, da erst machten die Wächter Lärm in der Stadt. Scharf ritten Friedrich und seine Gefährten in der Richtung nach Schloß Tenneberg zu, doch wie sie eine Strecke geritten waren, merkten sie, daß sie von vielen verfolgt wurden. Eiliger ging die Flucht über Höhen, durch Thäler, als das Kind heftig zu schreien begann, da ließ die Amme ihr Zelterlein ruhig traben und die Ritter an sich vorbeireiten, nur Friedrich blieb hinter ihr und fragte besorgt: Was fehlt dem Kind? – Herr, sprach die Amme, es schweiget nicht, es sauge denn. Halt! donnerte dann des Landgrafen Stimme den Seinen zu: Meine Tochter soll wegen dieser Jagd nichts entbehren und kostet' es das Thüringerland! Nun schaarten sich alle um die Amme her, die mit dem Kinde hielt und es stillte. Auch glückte es dem treuen Vater, daß ihn die Feinde so lange nicht irrten, wiewohl sie ihm so nahe waren, daß er immer den Hufschlag ihrer Pferde vernehmen konnte, doch da sie ihn zwei Meilen Wegs verfolgt hatten, kehrten sie wieder um und er kam noch vor Tagesanbruch nach Tenneberg. Dort ließ er durch den Abt von Reinhardsbrunn das Kind taufen, auch Elisabeth nennen und verordnete, daß es mit seiner Amme auf Tenneberg bis auf eine bessere Zeit bliebe. Der Landgraf aber, damit er die/ edle Wartburg nicht verliere und sein Weib mit ihrer Mutter und ihrem Gesinde nicht Mangel und Hunger litten, zog zu seinem Schwager, dem Herzog von Braunschweig, und bat ihn, daß er ihm Hülfe leiste. (TSS Nr. 1.1.30a, S. 103-106)

TSS Nr. 1.1.32: Die geistliche Comödie und von des freudigen Landgrafen Ende
Landgraf Friedrich hatte alle seine Feinde überwunden und seine großen Kriege in Thüringen, Meißen und dem Osterland zu einem guten Ende gebracht, so daß er in allen seinen Landen keinen krieg mehr hatte, sondern es war überall Friede geworden. Daher wurden in dem Jahre, als man Eintausend dreihundert und zweiundzwanzig schrieb, die Leute alle gar froh, sowohl auf dem Lande, als in den Städten, und ergötzten sich nach so langem Ungemach, das sie durch den Krieg erlitten hatten. So machten die von Eisenach am Abend vor Misericordiuas, da sich der Prediger-Ablaß an/hob, ein schönes Spiel auf der Rolle zwischen St. Görgen und dem Barfüßerkloster, von den fünf klugen und fünf thörigten Jungfrauen, nach dem Evangelium, wie es Christus der Herr gepredigt. Da war auch Landgraf Friedrich der Freudige gegenwärtig, sah und hörte das Schauspiel an. Wie nun aber die fünf thörigten Jungfrauen sich also säumig zeigten, daß ihre Lampen erloschen und nun aus dem ewigen Leben von Gott verstoßen werden sollten und Maria mit allen Heiligen für sie bat, das alles aber nichts half und Gottes Gericht nicht ändern konnte, da überfiel ein trostloser Zweifel den edlen Landgrafen und er ward von großem Zorne so mächtig bewegt, daß er laut rief: Was ist dann der Christen Glaube, wenn sich Gott bei Mariens und aller Heiligen Bitten nicht über uns erbarmen will? – Verließ deßhalb sogleich in seinem Zorn das Haus und ging hinauf auf die Wartburg und blieb so zornig fünf Tage lang, daß ihn die Gelehrten kaum besänftigen und ihm das Evangelium ausdeuten konnten. Und am sechsten Tage rührte ihn in Folge seiner großen Kümmerniß und zornigen Aufreizung seines edeln und tapfern Gemüthes der Schlag an einer Seite und lähmte ihm zugleich die Sprache, daß man ihn schwer verstand. Tief- und trübsinnig lebte er noch bis ins vierte Jahr, dann erlöste ihn Gott, als er siebenundsechzig Jahre alt war. In der St. Johanneskapelle im Katharinenkloster ruhen seine Gebeine. (TSS I S. 111/2)

TSS Nr. 1.1.34: Von Johannes Hilten, dem Propheten
Zu Eisenach im Barfüßerkloster war ein gelahrter und frommer Bruder, Johannes Hilten, welcher die Gabe der Weissagung besaß und die großen Mißbräuche und Irrthümer erkannte, die sich in der Kirche eingeschlichen hatten. Er war auch so kühn, auf öffentlicher Kanzel darüber zu predigen, wodurch er sich den bittern Haß der Pfaffen und Mönche zuzog. Manches prophetische Wort ging aus seinem Munde, welches sich im Laufe der Zeit erfüllte. Er weissagte, daß das Barfüßerkloster zu Eisenach dereinst zur Stätte eines Lustgartens werden würde, das zu Weimar ein Zeughaus, das zu Magdeburg eine Schule, das zu Wittenberg ein Kornhaus; desgleichen sagte er die weit später erfolgte Zerstörung des festen Schlosses Grimmenstein in Gotha vorher.
Oft sprach er diese Worte: Es wird im Zeichen des Löwen ein Eremit aufstehen, der mächtig am Stuhl zu Rom rütteln wird. Darüber und über seine freieren Lehrsätze überhaupt, ward er endlich von seinen Obern in das unreinlichste und schrecklichste Gefängnis des Klosters geworfen, um ihn zu einem Widerruf zu zwingen, doch Hilten blieb standhaft, obschon ihn die verpestete Kerkerluft krank machte. Er ließ den Guardian seines Klosters rufen und bat ihn um einen bessern, erträglichern Aufenthalt, aber dieser ließ ihn mit harten Worten an, und zeigte kein Erbarmen. Da sprach der Kranke mit fester Stimme dieses Wort: in fünfzehn Jahren wird sich ein Held erheben, der euch Mönche scharf anfassen wird, den Ihr nicht fesseln und nicht binden werdet! Darauf starb der fromme, zuversichtliche Mann.
Als dies geschah, ging ein armer Knabe zu Eisenach in die Schule und ersang sein Brot in der Currende vor den Thüren. Und als fünfzehn Jahre vergangen waren, trat aus dem Augustinerkloster zu Wittenberg ein Bruder Eremit, wie man die Augustinermönche auch zu nennen pflegte und schlug zweiundneunzig Sätze gegen den Ablaß an die Thüre der dortigen Schloßkirche. Das war der Knabe, der in Eisenach gesungen, das war der Held, von welchem Johannes Hilten prophezeite, und der Löwe war Papst Leo X.
Noch ist in Eisenach des Propheten Denkmal zu sehen. (TSS I S. 115/6)

TSS Nr. 1.1.35: Junker Görg
Das Wahrzeichen der alten Wartburg ist ein steinerner Drache, welcher einen kaiserlichen Boten/ verschlingt und ist noch zu sehen über dem Eingang in das alte Ritterhaus, so sollte auch der Wartburg ihr sieghafter Drachentödter St. Görg nicht fehlen. Es wurde ein gefangener Ritter spät Abends in die Burg gebracht, ermüdet von langem Reiten, doch ward ihm ein ehrlich Gemach angewiesen und zwei Edelknaben wurden zu seiner Bedienung beordert. Er wurde Junker Görg genannt und so verwahrt gehalten, daß ihn nicht Jedermann sehen konnte, sogar ein Herzog, der mit hohen Frauen auf die Wartburg kam, bekam ihn nicht zu sehen und zu hören. Zuweilen doch ritt oder ging dieser fromme Ritter auch aus dem Schloß, stets in Begleitung eines treuen, reisigen Knechts, der ihn nimmer aus den Augen ließ. Der Ritter las und schrieb sehr viel, das schien ihm mehr Freude zu machen, als reiten und jagen. Oft schlug er den Weg in das freundliche, sonniggrüne Hellthal ein, und wenn der Knecht meinte, Junker Görg werde sein Geschoß nach einem Vogel oder nach einem Hasen oder Reh richten, setzte sich der Junker an eine schöne Stelle, zog ein Buch hervor und las, oder er sang mit lauter, fröhlicher Stimme ein selbst gedichtetes deutsches, frommes Lied, da hörte der Begleiter still und andächtig zu. Gern lauschte er dem Gesang der Vögel auf Büschen und Bäumen, denn es war anmuthige Frühlings- und Sommerzeit und um die ganze Wartburg herum grünte und blühte es; die Burg stand wie eine Mauerkrone in einem Eichenkranz. Wenn Junker/ Görg mit dem Burghauptmann Hans von Berlepsch zur Jagd zog, kamen ihm trübe Gedanken, und die Thiere, die erlegt wurden, dauerten ihn, so weich war sein Gemüth und doch war es so ernst und männlichkräftig. Später, als er sich weniger verborgen halten durfte, ritt er sogar in die benachbarten Stätte und Orte Eisenach, Gotha, Erfurt, Jena, Marksuhl und Reinhardsbrunn, immer aber in Begleitung seines ehrbaren Knechtes, der gar treu war und verschwiegen und auf den Junker Acht hatte, daß dieser nicht durch seinen Eifer und seine Gelehrsamkeit offenbarte, wer er eigentlich war, denn er hatte öfter Lust, sein Schwert abzulegen und sich über die Bücher zu setzen.
Gar fleißig saß dieser fromme, treue Ritter und tapfre Vorfechter einer neuen geläuterten Glaubenslehre über den Büchern und arbeitete wacker, darüber störte ihn oft unheimliches Gepolter und Rumpeln, zu Nacht rasaunte es auch in einem Sack Nüsse, den man ihm geschenkt, so daß der muthige Ritter merkte, es sei der Teufel, der ihn irren wollte, kehrte ihm aber den Rücken zu und rief muthig: Bist du's, so sei es! Da nun zumal der gelahrte Ritter über dem heiligen Bibelbuch saß und es in gutes Deutsch übersetzte, ärgerte sich der Teufel darüber, schnurrte in Gestalt einer großen Fliege ihm um den Kopf, oder machte sonst ein Geplärr, so daß endlich Junker Görg nicht faul das Tintenfaß ergriff, und es nach dem Teufelsgespenst warf, worauf er Ruhe hatte./
Wer der Junker Görg auf der Wartburg war, weiß bei uns in Thüringen jedes Kind; seine Stube, seinen Stuhl und Tisch zeigt man noch daselbst und auch den Fleck an der Wand, wohin das Tintenfaß geflogen. (TSS I S 116-119)

TSS Nr. 1.1.36: Die verfluchte Jungfer
In dem Marienthal bei Eisenach, am Abhang des Berges, auf welchem vor Zeiten die Frauenburg gestanden hat, findet sich im Felsen eine Höhle, zu der ein schmaler Eingang über bemoostes Gestein führt. Die Höhle ist ziemlich rund, nicht allzugeräumig und geht aus ihr eine Kluft wie ein Schornstein in die Höhe, sie wird das verfluchte Jungfernloch genannt. Darüber erzählen sich die Leute diese Sage: Es war zu Eisenach eine Jungfrau von großer Schönheit, mit goldgelben Haaren geziert, und auf diese, wie überhaupt, sehr stolz und eingebildet, so daß sie nicht müde wurde, sich zu putzen und ihr Haar mit einer güldnen Bürste zu strählen und darüber alle Frömmigkeit, Gebet und Gottesdienst vergaß. Da alle Bitten und Ermahnungen ihrer frommen Mutter sie nicht davon abzubringen vermochten, so verwünschte sie in ihrem Eifer ihr Kind in diese Höhle./
Alle sieben Jahre einmal in der Mittagsstunde erscheint die so verfluchte Jungfrau; da sieht man sie sitzen in prächtigen seidnen Gewanden, von dem goldgelben Haar umwallt und dabei weinend, wehklagend und auf Erlösung harrend. Ein Fuhrmann zog einst die Straße zum gehauenen Stein, hörte oben jemand nießen und sprach: Helf Gott! Es nießte abermals und so noch neunmal hintereinander, und immer sprach treuherzig der Fuhrmann sein Helf Gott, als es aber zum zwölftenmale oben nießte, ward er unwillig, that einen Fluch und rief: Ei so Dir Gott nicht hilft, so helfe Dir ein Anderer! Da erseufzte oben die Jungfrau tief und schwand wieder in ihre Höhle, hätte der Fuhrmann nur noch das einemal Helf Gott gesagt, so wäre sie erlöst worden. Vor der Höhle ist ein Platz, darauf wächst nimmermehr Gras, darum weil sich dort die verfluchte Jungfer hinsetzt und es ist an diesem Ort niemals geheuer. Auch hört man es in der Höhle rauschen, wie ferne Wasser. Einst hütete oben auf dem Berge ein Schäfer, da kam am hellen Tage den Schafen ein Schrecken an, obwohl er keinen Hund bei sich hatte, der sie gejagt hätte, daß sie ganz rasend auf dem Berg herumliefen und sich verstreuten, und vierundzwanzig davon sprangen von der höchsten Klippe herunter, daß sie theils durch den jähen Fall geborsten, theils noch im Gesträuch hängen blieben, die der Schäfer mit Lebensgefahr herunter holte.
Alte Leute wollen die verfluchte Jungfer mit/ ihren langen seideweichen Haaren gesehen haben, und ein rothes Hündlein neben ihr, das hat vielleicht die Schafe gejagt. (TSS I S. 119-121)

TSS Nr. 1.1.37: Die verfluchte Jungfer erscheint einer Hirtin und schützt ein Kind
Einstmals war auch ein Hirte, der seine Heerde in der Nähe des verrufenen Lochs weidete, dem trug seine Frau das Mittagessen hinaus. Drauf erscheint ihr die verfluchte Jungfer und redet sie bittend an, sie möge ihr doch mit der goldnen Bürste, die sie ihr reicht, die Haare strählen, verheißt ihr auch guten, ehrlichen Lohn, Als die Frau dieser Bitte willfahrt hat, führt die Jungfer die Hirtin mit sich in ihre Höhle, bedeutet sie aber, daß sie keinen Laut von sich geben solle und giebt ihr an Geld einen reichen Schatz. Wie nun die Frau sich umwendet, wieder hinaus zu gehen, liegt am Eingang der Höhle ein großer schwarzer Hund, da erschrickt sie sehr, schreit O weh! und läßt den Schatz fallen, der alsobald verschwindet. Leer und mit Grausen eilte die Hirtin Hals über Kopf aus der Höhle und nach Hause.
Eine arme Frau ging mit einem kleinen Knaben, ihrem Sohn, in den Wald bei der Wartburg,/ Holz zu lesen. Das Kind spielt im Walde, da hüpft und flattert ihm ein buntes Vöglein nah, der Knabe will es fangen, aber es fliegt nun immer weiter und weiter, setzt sich und fliegt wieder, der Knabe immer nach, bis er der Mutter ganz aus den Augen ist, durch Busch und Dorn, bis zur Höhle hinein. Vergebens sucht und ruft die Mutter ihr Kind durch den ganzen Wald.
Acht Tage vergingen so, das Kind blieb verloren; eines Morgens hört ein Hirte auf dem Berg eine rufende Kinderstimme, da ist der Knabe wieder, aber vom Gebüsch umstrickt und gefangen, der Hirte hilft ihm heraus und bringt ihn zur bekümmerten Mutter, die fragt: Wo warst du, wer hat dir zu essen gegeben? Ei, spricht das Kind: eine schöne Jungfrau hat mir zu essen gegeben und hat mich des Nachts warm zugedeckt. (TSS I S. 121/2)

TSS Nr. 1.1.39: Mönch und Nonne
Gleich unter dem öden Burgplatz, auf welchem einst Schloß Mädel- oder Mittelstein stand, erhebt sich eine wunderliche Felsenbildung, Mönch und Nonne geheißen. Jeder Mann und jede Frau zu Eisenach wissen die alte Sage davon. In zwei Eisenachischen Klöstern lebten, in einem ein junger Mönch, in dem andern eine junge Nonne, die sich kannten und – liebten. Die strengen Klosterregeln begünstigten solche irdische Liebe nicht und hielten die Liebenden weit voneinander. Doch fand ihre heiße Zuneigung Mittel und Wege, sich zu verständigen und eines Abends enteilten beiden den dumpfern düsten Mauern ihrer Klöster und erstiegen den Berg, darauf noch die Trümmer des Mittelsteins lagen. An geheimer traulicher Stelle, wo kein Auge sie sah und suchte, grüßten und fanden sie sich. Sie standen bei einander wohl eine lange Zeit und stehen noch immer bei einander, denn ein Wunder geschah an ihnen, die warmen Herzen erkalteten und erhärteten, Mönche und Nonne wurden in zwei Felsenkolosse verwandelt, zur Strafe ihres gebrochenen Geblübdes, zur Warnung für andere. Immer noch, betrachtet man sie von weitem, scheinen sie sich zum Wechselkuß gegen einander zu neigen, und mancher Scherz, manches schöne Lied feierte schon dieses altergraue, steinerne Liebespaar. (TSS I S. 123/4)

TSS Nr. 1.2.1: Königin Reinsweig
In dem fernen England lebte eine fromme Königin, Reinswig oder Reinsweig genannt, in Freude und Frieden mit ihrem Gemahl, den sie herzlich und aufrichtig liebte. Aber es starb ihr königlicher Herr und sie ward darüber betrübt bis in den Tod, denn der König hatte sie aus einem geringen Geschlecht um ihrer Tugenden willen erwählt und also hoch erhoben, und sie wollte nun der Treue an ihm nicht vergessen, sondern sie gab nach seinem Tode reichliche Almosen, ließ für seine Seele viele Messen lesen und Gebete thun, und vermeinte damit ihren Herrn etwa aus der Pein des Fegefeuers zu erlösen, er leide sie auch, wo er immer wolle, so fern es möglich. Als sie das eine Zeitlang mit großer Andacht getrieben hatte, erschien ihr des Nachts ein Gesicht, wie der Schatten ihres Gemahls, und sie hörte eine Stimme gleich wie die Stimme des verstorbenen Königs, die rief ihr zu, daß in dem Land Thüringen ein Berg wäre, eine Meile Weges von Eisenach gelegen, darin würde mit andern auch die Seele des Königs gequält und hätte von den Almosen und den Seelenmessen der guten Königin/ weder völlige Erlösung, noch auch nur Erleichterung der Fegefeuerpein zu hoffen. Deß erschrak die fromme Königin über die Maßen, berief ihre Jungfrauen und ihre Diener, nahm all ihr Gold und Gut, verließ England und schiffte über Meer nach Deutschland herüber. So kam sie zu dem berufenen Berg und wählte einen freundlichen Platz an seinem Fuß, baute eine kleine Kirche und ein klösterliches Haus, darin sie mit den Ihrigen wohnen und beten konnte, und nannte die Stelle Satansstätte, darum weil oft die bösen Geister unter Anführung des Satans aus dem Hör-Seelen-Berg erschienen und sich merken ließen, wie auch in benachbarten Orten Kälberfeld, Mechterstätt, Burla und andern. Als aber sich auch andere redliche Leute dort anbauten, wurde der Ortsname allmählig verändert und wurde aus Satansstätte Sattelstätte und endlich Sättelstätt.
Die fromme Königin Reinswig nahm noch andere heilige und fromme Jungfrauen und Weiber zu sich, diente Gott bis an ihr Ende und durch ihr großes Gebet, Almosen und gute Werke gelang es ihr, die Seele ihres Gemahls aus dem Hörseelberg zu erlösen, und als sie diese selige Gewißheit erlangt, starb sie und hinterließ ihren Jungfrauen viel Geld und Gut, eine stattliche Habe. Damals nun hatte Jungfrau Adelheit, des dritten Ludwigs von Thüringen Tochter, das Nikolaikloster zu Eisenach erbaut, dorthin begaben sich die Jungfrauen und Frauen der Königin von Eng/land und nahmen die Ordensregel des heiligen Benedict an.
Auch zu Mechterstett, zu Burla und zu Kälberfeld soll die fromme Reinsweig Kapellen erbaut und den Grund zu diesen Orten gelegt haben, wie noch die Sage geht. (TSS I S. 133-135)

TSS Nr. 1.2.2: Der treue Eckart und der wilde Jäger
Der wilde Jäger fährt oft in sturmvollen Winternächten über den Wald, wenn Frau Holle ihr Bett ausschüttelt, daß die Schneeflocken wie Flaumfedern vom Himmel fallen und die Frau Holle fährt auch mit ihm.*) Mit einer großen Zahl verdammter Geister wohnt er im Schoos des Hörseelberges, aber zu seiner Zeit kommt das Gelichter der Hölle heraus mit lautem Halloh und tobendem Jagdlärm. Da sieht man Gestalten zu Fuß und Roß, theils hoch in den Lüften, theils auf der Erde hin, im schnellen Jagen ziehen. Zuweilen erkennt man darunter Leute, die noch leben, auch andere, die schon verstorben sind. Mancher reitet auf einem dreibeinigen Pferd, mancher hat seinen Kopf/ unter den Arm genommen, ein anderer ist an ein Rad gebunden und das Rad läuft mit ihm um und um; der hat das Gesicht auf dem Rücken, ein anderer hat seine Beine auf die Achsel gehockt und kommt doch mit fort. Solch Gespenst zeigte sich in vielen Landen, in Thüringen hat es aber seinen vornehmlichen Sitz im Hörseelberg. Es ist immer nicht gut, wenn es einem begegnet, daß er es sieht oder hört, aber mancher Jäger und mancher Hirte oder Holzhauer wissen davon zu reden. Wenn nun der wilde Jäger mit seinem wüthenden Heer herauszieht aus dem Zauberberg, so geht ihm jederzeit ein alter Mann voran, in der Richtung, in welcher das Höllengelichter ziehen will, ein alter Mann mit weißem Haar, der trägt einen weißen Stab in seiner Hand und das ist der treue Eckart. Wer diesem nun begegnen mag, der wird von ihm gewarnt, daß er zur Seite gehe oder sich niederwerfe und den Spuk nicht sehe, wenn er ihn auch hören muß. Das ist schon manchem begegnet mit dem treuen Eckart, und daher ist ein Sprichwort im Volke entstanden, das lautet: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Wenn der Tag graut und der Hahn kräht, fährt alle der tolle Spuk wieder zum Hörseelberg hinein, den läßt der alte, treue Warner an sich vorüberziehn und setzt sich innen in die düstere Felsenspalte, wo er harrt und wacht, so Tag wie Nacht und jeden warnt, der hinein will zu dem Venushof, um für irdische Freude die ewige Seligkeit zu opfern./
Man hat in den frühern Zeiten oft den Boden vor der Höhle des Hörseelberges glatt gekehrt und dann am andern Tag Fußstapfen von Menschen und Thieren in großer Menge davor gefunden. (TSS I S. 135-137)

*) S. den Sagenkreis: Das thüringische Henneberg.


TSS Nr. 1.2.3: Die Mähr von dem Ritter Tanhäuser (fliegendes Blatt)
Es war einmal ein edler Rittersmann aus dem Frankenland, zugleich Minnesänger von großen Gaben, der zu jener schönen Zeit lebte, als der edle Landgraf Herrmann von Thüringen an seinen Hof auf der Wartburg so viele Dichter versammelte, die in stolzen Liederwettkämpfen um hohe Preise rangen. Er war trefflich bewandert in der Kunde der Geschichte der frühen Zeiten und hatte nach kühnen Abentheuern hin und her die Welt durchfahren, fast alle Lande durchreist. Da kam er am Hörseelberg vorbei und hoffte noch vor Abends die Wartburg zu erreichen, dahin er wohl auch von dem Landgrafen geladen war, dessen er in einem seiner Lieder mit den Worten gedachte:

Grave Hermann o we der Zit
Das der nicht wart gekroenet,
Des mus ich in von schulden klagen
Got gebe im dort zu lone
Nach seiner würde muze er tragen
Im Himelrich die krone./

Als er nun recht in den Bereich des Zauberberges kam, sah er ein wunderliebliches Frauenbild in der Felsenpforte stehen, die hinab führte, von so unsaglichen Reizen, wie er noch nie gesehen, das war nach heidnischer Weise nur leicht und lockend gekleidet, winkte ihm und zugleich drang ein Schall süßer Lieder aus der klingenden Bergestiefe herauf. Und dieses war die Frau Venus, deren holder Liebeslockung der Ritter folgte. Ein ganzes Jahr lang blieb er bei ihr im Genuß aller Freuden, die den Sinnen schmeicheln, aber endlich trat auch bei ihm das Gefühl der Uebersättigung ein, er fühlte sich nicht mehr angezogen von den Reizen der Zauberfei und der Gesellschaft in dem unterirdischen Minnehof und es wurde in ihm eine unbezwingliche Sehnsucht rege, diesen Ort der Sünde zu verlassen; dagegen sträubte sich Frau Venus gar sehr, als er ihr den Entschluß kund that, daß er sich wieder hinwegbegeben und versuchen wolle, ob er nicht Vergebung seiner großen Versündigung erlangen möge; endlich gelobte er ihr an, fest und unverbrüchlich, zu ihr zurückzukehren, wenn sein Wunsch nicht in Erfüllung gehe und er keine Gnade finde, und dann ewiglich bei ihr zu bleiben. So entließ sie ihn traurig und betrübt und der Ritter trat wieder aus dem Berge. Damals lebte zu Rom ein Papst, der hieß Urban, ein strenger Mann, zu diesem zog der edle Tanhäuser, weil es so gebräuchlich war, daß große Sünder in das heilige Land oder doch wenigstens/ nach Rom wallfahrten mußten, um den Himmel zu versöhnen und von den Qualen ihrer Schuld freigesprochen zu werden. Zum Papst Urban trat der Tanhäuser, fiel vor ihm nieder, küßte ihm die Füße und beichtete die schwere Schuld, daß er ein Jahr lang in Frau Venus Berge gewesen sei. Darüber erzürnte sich Urban über die Maßen, ließ den aufrichtig Bereuenden sehr hart an und zeigte auf den weißen Kreuzesstab, den er hatte, indem er ausrief: So wenig dieser dürre Stab grünet und jemals wieder grünen wird und kann, eben so wenig hast Du zu hoffen, daß Dir jemals bei Gott und mir Verzeihung und Gnade werden kann und wird!
Solches harte Wort bewegte den edlen Tanhäuser tief. Er bat und flehte, ihm doch nur ein Jahr Zeit für Reue und Buße zu lassen, aber es war alles vergebens.
Traurig und tief bekümmert und verzweifelnd an seinem Gott und Heiland zog der arme Ritter wieder zurück den weiten Weg, und kam zu seiner Frau Venus, die ihn freundlich und minniglich empfing. Er ging hinein in den Venusberg und ist nie wieder herausgekommen. Nach dreien Tagen aber hob der Stab des Papstes an zu grünen durch ein göttliches Wunder der ewigen verzeihenden Liebe, und der Papst sah erschüttert, daß bei Gott möglich sei, was ihm, dem Menschen, unmöglich geschienen. Da sandte er Boten hinaus in alle Lande, nach allen Richtungen hin, den Ritter zu su/chen, ihn zurückzurufen und ihm die Gnade des Himmels zu verkünden, aber er war nicht zu finden und muß nun in dem Berge bleiben bis an der Welt Ende. Später wurde ein Lied auf den Tanhäuser gedichtet und gesungen in allen deutschen Landen; es war ein fliegendes Blatt vom blätterreichen Baum der Poesie und nahm sich in seiner alten Gestalt so aus, wie es hier folgt. (TSS I S. 137-140)

TSS Nr. 1.2.4: Das lied von dem Danheüser
Nun will ichs heben an
Von dem Danheüser zu singen
Vnnd was er hat wunders gethan
Mit seyner fraüwen Venusinnen/
Danheüser was ein ritter gut
Wann er wolt wunder schaüwen
Er wollt in frauw Venus bergk
Zu andern schönen frawen
Herr danheüser jr seyt mir lieb
Daran solt jr mir gedencken
Ir habt mir eynen eydt geschworen
Ir wölt von mir nit wencken
Frauw Venus das enthab ich nit
Ich wil das widersprechen
Wann redt das yemant mehr dann jr
Gott helff mirs an jm rechen
Herr danheüser wie redt jr nun
Ir solt bey mir beleyben
Ich will eüch mein gespilen geben
Zu eynem steeren weybe
Vnnd nem ich nun ein ander weyb
Ich hab in meynen sinnen
So müst ich in der helle glut
Auch ewigklich verbrinnen
Ir sagt mir viel von der helle glut
Unnd habt es nye empfunden
Gedenck an meynen roten mundt
Der lachet zu allen stunden
Was hilffet mich eüwer rotter mundt
Er ist mir gar vnmere
Nun gebt mir urlaub freüwlin zart
Durch aller fraüwen eren
Herr danheüser wölt jr urlaub han
Ich wil eüch keynen geben –/
Nun beleybent edler danheüser
Vnnd fristet eüwer leben
Mein leben das ist worden kranck
Ich mag nit lenger beleyben
Nun gebt mir urlaub freüwlin zart
Von eüwerem stolzem leybe
Herr danheüser nu redet also
Ir thunt eüch nit wol besinnen
So gendt wir in ein kemerlein
Vnnd spilen der edlen minne
Gebraüch ich nun ein fremdes weyb
Ich hab in meynem sinne
Frauw Venus edle frauwe zart
Ir seyt ein teüfflerinne
Herr danheüser was redt jr nun
das jr mich gunnet schelten
Nun solt jr lenger herinne sein
Ir müstent sein dick entgelten
Fraüw venus vnd das wil ich nit
Ich mag nit lenger bleyben
Maria mutter reyne magdt
Nun hilff mir von den weyben
Herr danheüser jr solt vrlaub han
Meyn lob das solt jr preysen
Wo jr do in dem landt vmbfarr
Nempt vrlaub von dem greysen
Do scherdt er wider auf dem bergk
In jamer vnd in reüwen
Ich wil gen Rom wol in die statt
Auff eynes Babstes träuwe/
Nun far ich frölich wol auff die ban
Gott müß sein ymer walten
Zu eynem bapst der heyst Vrban
Ob er mich möcht behalten
Ach bapst lieber herre mein
Ich klag eüch meyne sünde
Die ich meine tag begangen hab
Als ich eüch wil verkünden
Ich bis gewessen auch ein jar
Bey venus eyner frauwen
So wolt ich beycht und buß empfahen
Ob ich möcht got anschauwen
Der bapst her ein stäblein in d'hant
Das was sich also dürre
Als wenig es gegrünen mag
Kumbst du zu gottes hulde
Nun solt ich leben nur ein jar
Eyn jar auff diesser erden
So wolt ich beicht vnd buß empfahen
Vnnd gottes trost erwerben
Do zoch er wider auß der statt
In jamer vnd in leyden
Maria mutter reyne magdt
Muß ich nun von dir scheyden
Er zoch do wider in den berck
Vnnd ewiglich on ende
Ich wil zu Venus meiner frawen zart
Wo mich got wil hyn sende
Seyt got wilkumen danheüser
Ich hab eüwer lang emboren/
Seyt wilkumen mein lieber herr
Zu eynem bulen außerkoren
Das weter biß an den dritten tag
Der stab hub an zu grunen
Der bapst schicket auß in alle lande
Wo der danheüser wet hyn kumen
Do was er wider in dem bergk
Vnnd het sein lieb erkoren
Des must der vierde bapst Vrban
Auch ewiglich sein verloren.*)

*) Dieß Gedicht ist mitgetheilt nach einem alten Druck ohne Ort und Jahrzahl den ich besitze. D. H. (der Herausgeber, sk) (TSS I S. 141-145)

TSS Nr. 1.3.2: Von Ludwig des Bärtigen Geschlecht
Ludwig, der Bärtige genannt, nachdem er mit seiner jungen, tugendlichen und reichen Gemahlin Hochzeit gehalten und sie heimgeführt auf sein/ neues Schloß Schauenburg, erbaute in dem nahen Altenberga, wo der heilige Bonifacius die erste christliche Kapelle in dem Lande Thüringen gegründet hatte*), eine schöne Pfarrkirche; und als ihm der erste Sohn geboren wurde, schrieb er einen Brief an Bardo, den Erzbischof zu Mainz und bat diesen mit großem Fleiß, daß er zu ihm auf seine Burg kommen möge. Das that der Bischof, kam, weihete die neue Kirche in die Ehre St. Johannes ein und taufte auch zugleich in ihr den jungen Grafensohn, in Gegenwart des Herzogs von Braunschweig, der Grafen Günther von Schwarzburg, Heinrich von Mühlberg, Günther von Käfernburg, Bußo von Gleichen und vielen andern edlen Herren aus Thüringen, Hessen und Franken. Das Kind wurde auch Ludwig genannt und der Vater hielt voller Freude Kirchweihe und Kindtaufe mit einander mit großer Pracht und Herrlichkeit, die nicht beschrieben werden kann.
Dann bekam Graf Ludwig wenige Jahre hinter einander noch zwei Söhne und drei Töchter. Der erste Sohn erhielt nach seines Vaters Tode die Veste Schauenburg und was dazu gehörte, auch alles Land, was vor dem Walde gelegen war, an der Hörsel, bis dorthin, wo die Hörsel in die Werra fällt. Der zweite Sohn, genannt Beringer, empfing Sangerhausen und was dazu gehörte, starb aber wenige Jahre nach dem Vater und zwar an/ dessen Todestag, hinterließ aber einen Sohn Namens Konrad, welcher Hohenstein baute und der Ahnherr der Grafen von Hohenstein wurde. Der dritte Sohn des Grafen Ludwig mit dem Barte, hieß Heinrich; diesem gaben die Leute einen Zunamen, weil er so still und ruhig war, sie nannten ihn Heinrich Raspe. Er baute ein Schloß, das er nach seinem Zunamen Raspenberg nannte und darauf er wohnte. Die erste Tochter des Grafen Ludwig hieß Hildegart und wurde mit einem Grafen Poppo von Henneberg vermählt, die zweite hieß Jutta, nach andern Ute, die bekam einen Grafen von Leuterbeck, und die dritte Adelheid, blieb im jungfräulichen Stand.
Es begab sich aber im Jahre eintausend und sechsundfünfzig, daß Kaiser Heinrich starb und zu Speier begraben ward. Zu diesem Begräbniß kam der Papst Victor mit seinen Kardinälen und Bischöfen, und alle deutsche Fürsten und die meisten Grafen. Diese letztern kamen nicht allein des kaiserlichen Begräbnisses wegen, sondern aus Gehorsam und Ehrerbietung gegen den Papst, auch wegen der Kur eines neuen Kaisers. Auch Graf Ludwig mit dem Bart war gen Speier gefahren, als er aber wieder auf dem Heimritt begriffen war, überfiel ihn zu Mainz eine große Krankheit, von der ihn die Aerzte nicht zu erledigen vermochten, vielmehr riethen sie ihm, sein Seelenheil zu bedenken. Darauf beichtete er, bereute seine Sünden, empfing mit großer Innigkeit die heiligen Sakra/mente und erkor zu seinem Begräbnißort selbst die Kirche St. Alban, die damals auf dem Berge vor Mainz lag. Dann starb er und wurde dort mit großen Ehren begraben in Gegenwart des Mainzer Bischofs und vieler andern, auch vieler Fürsten, Grafen und Herren, die mit ihm auf der Reise waren. Er hatte dreißig Jahre im Lande Thüringen gewohnt und ihm ehrbar und wacker vorgestanden. Am Nicolaithor zu Eisenach steht aus uralter Zeit sein steinern Bild mit einem langen Bart (TSS I S. 164-167)

*) Siehe den Sagenkreis von Ordruff etc.

TSS Nr. 1.3.4: Graf Ludwig ermordet den Pfalzgrafen zu Sachsen
Der junge Graf Ludwig zog umher nach rittermäßigen Abentheuern; nun hatte damals der Graf Friedrich, Pfalzgraf zu Sachsen, seinen Hofhalt auf der Weißenburg bei dem Dorfe Scheiplitz und hatte ein über die Maßen schönes Weib, Adelheid, die Tochter eines Markgrafen von Stade. Als nun einmal Mezelin, der Graf zu Nebra, ein Gastmahl anstellte, lud er auch den Pfalzgrafen mit seiner Gemahlin ein, wie nicht minder den Grafen Ludwig. Es wurde ein treffliches Banket gehalten und Ludwig tanzte oft und viel mit der schönen Pfalzgräfin, ja er gewann sie sehr lieb und litt große Noth um dieser Liebe willen. Auch ihr war der schöne Mann nicht gleichgültig, und als er ihr später, da ihr Gemahl abwesend war, einen Boten mit der Bitte um Erlaubniß, sie besuchen zu dürfen, zusandte, willigte sie gern ein und nahm den Freund freudig auf. Da wurde ein Rath gepflogen, welcher nicht gut war. Als bald darauf eines Tages der Pfalzgraf Friedrich im Bade saß, vernahm er lauten Hörnerschall und Rüdengebell in der Nähe seines Schlosses und fragte entrüstet, wer also freventlich in seinen/ Wildbann breche? Nun lief Adelheid, sein Weib, stürmisch in das Zimmer und rief: Du sitzest und suchst Deines Leibes Gemächlichkeit und Wollust, während Du Deine Ehre, Dein Recht und Deiner Herrschaft Freiheit einbüßest und Dir andere jagen läßt bis unter Deine Nase! Auf solche Reden fuhr der Pfalzgraf stracks aus dem Bade, warf nur einen Mantel über sein Badehemde, stürmte in den Hof hinab, warf sich auf einen Hengst und sprengte mit Geschrei dem fliehenden Jäger nach, der kein anderer war, als Graf Ludwig von Thüringen. In einem Gehölz, die Reuse genannt, holte er ihn ein und strafte ihn mit heftigen Worten; darauf schien der Jäger nur gewartet zu haben, denn er wandte sich plötzlich um und stach mit seinem Jagdspies den Pfalzgrafen todt vom Roß. –
Von dieser sehr untreuen That wurde in spätern Jahren ein Lied gedichtet, daß nun aber schon sehr alt ist und von dem Volk fleißig gesungen wurde, welches sammt seiner Melodie hier folgen soll. (TSS I S. 169/70)

TSS Nr. 1.3.5: Das alte Lied von der Frau von Weißenburg
(Hier zwei Notenzeilen)
1.
Was wollen wir aber singen, was?
Wollen wir heben an ein Lied
Von der Frauen zu Weißenburg,
Wie sie ihren Herrn verrieth?

2.
Sie ließ ein Brieflein schreiben
Gar fern ins Thüringer Land,
Zu ihrem Ludwig Buhlen,
Daß er käme zur Hand./

3.
Er sprach zu seinem Knechte:
Sattel Du mir mein Pferd,
Wir wollen gen der Weißenburg reiten,
Es ist wohl reitenswerth.

4.
Gott grüß Frau Adelheit schöne!
Wünsch Euch ein'n guten Tag!
Wo ist Euer edler Herre,
Mit dem ich kämpfen mag?

5.
Die Frau läugnet ihren Herren
Im Schein falschen Gemüths,
Er reit't nächten spate
Mit Hunden auf die Jagd.

6.
Do Ludwig unter die Linden kam,
Wohl unter die Linden so grüne,
Do kam der Herr von der Weißenburg
Mit seinen Winden so kühne.

7.
Willkommen Herr von der Weißenburg.
Gott geb' Euch guten Muth!
Ihr sollt nicht länger leben,
Denn heut diesen halben Tag./

8.
Soll ich nicht länger leben,
Als heut diesen halben Tag,
So klag ich's Christ vom Himmel,
Der alle Ding' wenden mag.

9.
Sie kamen hart zusammen,
Mit Worten, Zorn so groß,
Daß einer zu dem Andern
Sein Armbrost abschoß.

10.
Er sprach zu seinem Knechte:
Nu spann Dein Armbrost ein!
Und scheuß den Herrn zur Weißenburg
Zur linken Seiten h'nein.

11.
Warum sollt ich ihn schießen
Und morden uff dem Plan?
Hat er mir doch sein Lebenlang
Noch nie kein Leid gethan!

12.
Do nahm Ludwig sein'n Jägerspieß
Selber in seine Hand;
Durchrannt den Pfalzgraf Friedrich
Unter der Linden zu todt./

13.
Er sprach zu seinem Knechte:
Reit mit zur Weißenburg,
Da seind wir wohl gehalten
Nach unserm Herz und Muth.

14.
Do er nun geg'n der Weißenburg kam
Wohl unter das hohe Haus,
Do sahe die falsche Fraue
Mit Freuden zum Fenster aus.

15.
Gott grüß Euch edle Fraue!
Und bescher Euch Glück und Heil:
Euer Will ist ergangen,
Todt habt Ihr Euern Gemahl!

16.
Ist mein Will ergangen,
Mein edler Herre todt,
So will ichs nicht eher glauben,
Ich seh denn sein Blut so roth.

17.
Er zog aus seiner Scheiden
Ein Schwert, vom Blut so roth:
Siehe do Du edle Fraue
Ein Zeichen Deines Herren Tod!/

18.
Sie rang ihre weißen Hände,
Rauft aus ihr gelbes Haar,
Hilf reicher Christ vom Himmel!
Was hab ich nun gethan!

19.
Sie zog von ihrem Finger
Ein Ringlein, von Golde so roth,
Siehe do du Ludwig Buhle,
Meiner dabei gedenk!

20.
Was soll mir doch das Fingerlein,
Das unrecht gewonnen Gold?
Wann ich daran gedenke,
Mein Herz wird nimmer froh!

21.
Deß erschrak die Frau von der Weißenburg,
Fasset ein traurigen Muth.
Verlaß mich holder Fürste nicht,
Mein edler Herr ist todt! (TSS I S. 171-175 )

TSS Nr. 1.3.7: Wie Graf Ludwig von der Veste Giebichenstein entspringt
Trotz aller Vorsicht des Thüringischen Grafen geschah es doch, daß er unversehens in die Gewalt der kaiserlichen Dienstmannen kam, die aller Orten heimlich auf ihn lauerten. Da wurde er nach dem Bergschloß Giebichenstein bei Halle geführt und dort in enge und lange Haft gelegt, denn der Kaiser war außer Landes gezogen und der Gefan/gene sollte sein Urtheil bis zu dessen Rückkehr erwarten und durfte sich auch zu dem Richterspruch des Kaisers nichts Guten getrösten. Zwei Jahre und acht Monate saß er gefesselt in dem Kerkergemach und hatte Zeit genug, seine Sünden zu bereuen. Traurig sah er hinab auf die Saale, die damals näher wie jetzt an dem Burgberg vorbeifloß und hinüber in die grüne freundliche Aue. Entkommen schien unmöglich, denn nächstdem, daß er an einen Stock gefesselt war, wurde er auch noch täglich von sechs Rittern bewacht und dennoch sann er Tag und Nacht auf Flucht, zumal die Kunde von des Kaisers naher Rückkehr zu ihm gelangte, und es hatte allen Anschein, daß des Kaisers Gericht ihm das Leben absprechen würde. Da forderte der Gefangene, daß man seinen Schreiber zu ihm lasse, damit er sein Zeitliches ordne, sein Haus bestelle, und seiner Diener einen, den er mit Botschaft an Frau Adelheid senden wolle. Als dieses ihm verstattet worden war, gebot er dem Diener heimlich, seinen weißen Hengst, den er nur den Schwan nannte, herbei zu bringen, an einem Tag, den er ihm bestimmte und zu einer besondern Stunde am Ufer der Saale zu halten, auch das Roß in den Fluß wie zur Schwemme zu reiten.
Hierauf ließ Graf Ludwig sich äußerst betrübt schauen über sein nahe gefürchtetes Ende, er aß nicht und trank nicht, der Schlaf floh ihn auch, und er klagte nun denen, die ihn bewachten, seine ernstliche Krankheit. Dadurch erlangte er, daß sie/ ihn der Fesseln erledigten; er aber verhielt sich ganz wie ein Sterbender, ordnete sein Seelgeräthe und ließ sich ein Sterbehemde bereiten. Auch klagte er über Frost, ließ sich noch einige Mäntel bringen, um sich damit zuzudecken, und erwartete so, auf dem Lager liegend, seine Zeit und Stunde. Dabei gelobte er im heimlichen Gebet seinem Schutzpatron St. Ulrich eine neue Kirche, wenn er ihm aus der Haft hülfe. Unterdeß richteten seine Diener alles getreulich aus, wie er ihnen befohlen; am bestimmten Tag hielt der Knecht mit dem Schwan der Burg gegenüber, einige Fischer fuhren mit zwei Kähnen den Saalstrom auf und ab, und hatten fleißig Acht, ob sich oben im Mußhaus das große Fenster, das gerade herab auf die Saale sah, nicht öffnen werde. Die sechs Hüter des Grafen hatten wie immer das Haus gut und fest verschlossen, sie saßen bei einander und spielten im Bret; der Kranke fühlte einige Besserung und wollte probieren, ob er wieder ein wenig gehen könnte, ließ sich deshalb einen Stab reichen und versuchte einige Gänge im Zimmer gemächlich auf und ab, doch war er noch gar schwach und fror, weshalb er auch seine Mäntel umbehielt. In dem steinernen Zimmer war es noch kühl, draußen aber schien die Sommersonne (es war im Monat August) warm und freundlich, daher öffnete der frierende Mann das große Fenster, um sich von ihren Strahlen erwärmen zu lassen. Ein Zeichen – ein Ruf: Hilf deinem Knecht, Jungfrau Maria! und ein/ Mantel sank, der Stab rollte in das Gemach, die eifrigen Bretspieler fuhren auf, wo war der Gefangene? – Thurmhoch herab trugen die von den Lüften geschwellten Mäntel den kühnen Springer, rasch waren die Ruderer unten zur Hand, der Schwan schwamm in der Fluth; der Gefangene war frei, die Wächter oben hatten das Nachsehen wie er die nassen Mäntel abwarf, sich auf sein gutes Roß schwang und in der Richtung nach seiner Stadt Sangerhausen hin verschwand. Dort erfüllte er sein Gelübde, baute St. Ulrich eine stattliche Kirche und erhielt von dieser Zeit an den Zunamen: Der Springer. (TSS I S. 177-180)

TSS Nr. 1.3.8: Ludwig der Springer und sein Weib bereuen ihre Sünde
Wie nun der Graf von Thüringen wieder frei war und sein Gelübde erfüllt hatte, indem er den Kirchenbau angeordnet, kehrte er in die Arme seines ihn sehnlichst erwartenden Weibes nach der Schauenburg zurück. Dort aber fügte es Gott durch seine Gnade, die er in beider Gatten Herzen goß, daß sie Reue und Leid über das empfanden, was sie gethan hatten. Es war an einem Charfreitag, daß Frau Adelheid Wildpret und mancherlei Fische und Fleisch kochen und auftragen ließ und ihren/ Herrn und Gemahl sehr bat und nöthigte, davon zu essen. Darüber verwunderte er sich, erschrak und sprach: Frau, was soll das sein? Sollen wir Fleisch essen am guten Freitag, da Christus der Herr seine Marter für uns litt? Wie gar unziemlich wäre das einem Christen! Darauf erwiederte Frau Adelheid: Ist uns unziemlich, heute von dieser Speise zu essen, die uns vom Papst verboten ist, warum bleiben wir zu solcher heiligen Zeit ohne den Genuß des Leichnams Gottes und ohne Reue über unsere Sünde, die so groß ist, daß sie bis in den Himmel gestiegen und gewachsen ist; das ist Christen noch unziemlicher, als wenn sie am heutigen Tage Fleisch essen. Oft und viel ermahnt uns Gott zur Buße, der uns das Leben bisher erhielt und noch erhält und auch Dir aus Kerker und Fesseln half, wir aber veralten in unsern Sünden und werden ein Spott vor Gott und frommen Leuten.
Wie der Graf Ludwig diese Rede vernahm, schlug er die Augen zu Boden und begann heftig zu weinen und Frau Adelheid weinte mit ihm, so daß eine Weile keins ein Wort zu reden vermochte, bis einer der Diener in das Zimmer trat. Dem gebot alsbald der Graf, die noch unberührten Speisen hinwegzutragen und sprach dann zu seiner Hausfrau: Ich will Gott geloben und auch Dir, daß ich, sobald ich kann, gen Rom zum Papst ziehen und Buße für unsere Sünden von ihm mir auferlegen lassen will. Dann standen beide vom Ti/sche auf und blieben den ganzen Tag über betrübt und ohne Speise. Gleich nach den Ostertagen stattete Graf Ludwig seine Kinder aus, ordnete sein ganzes Land und bestellte sein Haus, sandte auch nach dem Bischof von Halberstadt, einem gar frommen und weisen Mann, seinem besondern Freunde, und sie kamen mit einander überein, daß sie zusammen nach Rom ziehen wollten; bald darauf traten sie die Fahrt an. Zu Rom empfing Graf Ludwig der Springer von dem Papst Stephan, dem er seine Sünde beichtete, Absolution, unter der Bedingung, daß er ein Kloster stifte, wo es ihm am bequemsten scheine und sich selbst hinein begebe und seine That lebenslang bereue. Damit werde er Gott versöhnen, auch dem Kaiser, den Verwandten des ermordeten Pfalzgrafen und seiner eigenen Seele genügen. Seiner Gemahlin aber sollte er ein Gleiches zu thun anrathen, daß auch sie in einem Frauenkloster ihr Vergehen abbüße. Das Kloster aber sollte er in die Ehre St. Johannes, des Evangelisten, weihen lassen. So zog er seiner Heimath wieder getröstet zu. (TSS I S. 180-182)

TSS Nr. 1.3.9: Wie Reinhardsbrunn erbaut wurde
Als Graf Ludwig der Springer wieder in sein Land gekommen war, suchte er hin und her nach/ einer bequemen Stätte, die sich zum Bau eines Klosters eigne. Nun hatte nicht weit von der Schauenburg und von Friedrichrode, in dem Thal, durch das man ziehen mußte, wenn man von dort gen Gotha oder Eisenach wollte, ein Töpfer seine Wohnung, welcher Reinhard hieß. Dessen Haus war nahe an einem starkausfließenden Brunnen gelegen. Es begab sich aber, daß seit einiger Zeit dieser Töpfer jede Nacht an einer gewissen Stelle in der Nähe des Brunnens zwei Lichter mit hellem Kerzenglanze brennen sah. Darüber verwunderte er sich über die Maßen; wenn er hin zu diesen wunderbaren Lichtern ging, so sah er sie nicht mehr und fand keine Spur von ihnen, entfernte er sich aber von der Stelle, so erschienen sie wieder. Dieses erzählte der Töpfer vielen Leuten, die sich im Wald beschäftigten und zeigte ihnen die räthselhafte Erscheinung. Bald ward auch dem Grafen von dem Wunder gesagt und da er eines Tages von der Schauenburg nach Wartburg reiten wollte, hielt er sein Roß bei des Töpfers Haus an und erkundigte sich näher nach der Sache. Offen erzählte ihm Reinhard, was er gesehen, und auch der Landgraf sah, als es Nacht geworden war, die seltsamen Flämmchen leuchten, eines an der Stätte, wo das alte Kloster lag, das andere da, wo St. Johannes Kapelle hin erbaut wurde. Der Graf dachte sehr ernst über diese Erscheinung nach. Es fiel ihm ein, wie sehr er sich bekümmert und weit umher gesonnen, wohin er wohl das Klo/ster bauen solle und keine recht gelegene Stätte in seinen Gedanken gefunden habe und ob nicht Gott selbst diese Stelle möge erwählt haben? In diesem Glauben sich selbst bestärkend, ließ er alsbald die Stätte räumen, die Bäume fällen und sandte zu dem Freund, dem Bischof von Halberstadt, auch dessen Meinung zu vernehmen, der des Grafen Ansicht bestätigte. So entstand das Kloster, welches nach dem Namen des armen Töpfers, der am Brunnen wohnte, Reinhardsbrunn genannt wurde. Dann begab sich der Graf selbst hinein als ein büßender Mönch, nachdem er noch zuvor das Haus Schauenburg mit allen Zugehörungen dem Kloster Reinhardsbrunn geschenkt hatte. Frau Adelheid aber zog nach Oldisleben, ihrem Leibgedinge vom ersten Mann und verwandelte die Burg Scheiplitz, wo sie mit Pfalzgraf Friedrich gelebt hatte, in ein Jungfrauenkloster, welches sie reich begabte und dessen erste Aebtissin sie wurde. So lebten die beiden Gatten, die eine sündige, heftige Leidenschaft und eine blutige That vereinigt hatten, in freiwilliger Scheidung und in einem büßenden, bereuenden Leben bis an das Ende ihrer Tage. Und als im Jahr eintausend und sechsundneunzig der Gründer des Klosters, der ehemalige Graf, und nun ein frommer Benediktinermönch, im dreiundsiebzigsten Jahre seines Lebens starb, wurde er hinter dem Hochaltar begraben, und es kamen seine Kinder mit vielen Grafen, Rittern und Freien, und hielten ihm ein fürstlliches Begängniß. (TSS I S. 182-184)

TSS Nr. 1.3.11: Ludwig der Heilige hilft den Mönchen zu Reinhardsbrunn
Zur Zeit als Landgraf Ludwig der Heilige auf Schloß Wartburg residirte und zumal während seiner langen Abwesenheit in Apulien mit Kaiser Friedrich hatte sich ein Herr von Salza unterfangen, im Klostergebiete von Reinhardsbrunn, auf dem Altenberge eine Burgfriede aufzuschlagen. Der Abt des Klosters und der ganze Convent hatten ihn sehr gebeten, dieses nicht zu thun, allein er/ kehrte sich nicht daran, sondern ließ vielmehr das Haus fertig bauen und stark und fest mit Steinen mauern. Wie nun der Landgraf wieder nach Hause kam, reiste er auch nach Reinhardsbrunn, wo ihm den sogleich der Abt klagte, wie sehr er und sein Kloster von der Gewalt des von Salza bedrängt würden, der auf des Klosters Grund und Boden baue und nicht ablassen wollte von seinem Vorhaben. Das geschah an einem Sonnabend. Sogleich entsendete der Landgraf Boten an seine nächstwohnenden Vögte und Dienstmannen und entbot sie, vor Tagesanbruch in Reinhardsbrunn zu erscheinen. Ehe noch das Licht des Morgens in den stillen Thalgrund fiel, wimmelte es darin von Gewappneten, Herren und reisgein Knechten. Und bei Kerzenglanz hörten sie in der Klosterkirche eine Frühmesse; als diese beendigt war, gebot der Landgraf dem Abt, er solle das Crucifix nicht erheben und das Hochamt nicht eher beginnen, bis er, der Herr zurück sei. Hierauf ritt er aus dem Kloster, dichtgeschaart folgten ihm seine Mannen, still durch den wie im Sabbathschweigen ruhenden Wald; ein Haufe der Seinen stieß noch zu ihm, versehen mit Leitern und Tartschen und mancherlei Sturmgeräth. Der Herr von Salza saß schon wohlgemuth in seiner neuen Burg und mochte wohl, sich nichts Arges versehend, noch der Ruhe pflegen, während der Frühstrahl des Sonntagmorgens die Kronen der Waldberge vergoldete und alle Arbeit ruhte; da stürmte plötzlich der Landgraf mit seiner/ Schaar den Altenberg hinan, berannten die schwachbemannte Burg mit aller Macht und fingen den Burgherrn mit allen seinen Mannen. Zu Fuße und an einer Kette, nach andern Kunden aber auf ein Pferd gebunden, wurde der Herr von Salza von dem Sieger gen Reinhardsbrunn geführt, die Seinen hinter ihm drein und nun gebot der Landgraf dem Abt, die Procession mit vorgetragenem Crucifix zu beginnen. Vor dem Crucifix aber mußten die Gefangenen hergehen und dann ewige Urfede schwören, weder dieser Strafe rächend gedenken zu wollen, noch je den mindesten Anspruch an das Schloß auf dem Altenberg oder dessen Boden zu machen. Am andern Tag wurde das neue Schlß von Grund aus zerstört und abgebrochen und der Abt ließ Holz und Steine zum Verbauen nach dem Kloster schaffen. Als das Mittagsmahl vorbei war und sich der Herr zum Aufbruch schickte, gebot er seinem Haushofmeister, dem Abt die Kost für ihn und seine Mannen zu zahlen, doch weigerte jener die Annahme, indem er sprach: Nicht also, mein gnädiger Herr, es ist ja alles geschehen zu Nutz und Frommen unsers Klosters, darum wollen wir keine Bezahlung haben oder nehmen; aber der Landgraf that es nicht anders und ließ die Zehrung bezahlen, denn er wollte kein Gotteshaus beschweren und beschweren lassen. (TSS I S. 166-168)

TSS 2.1.8: Wie die Königin Amalberga ihres Gemahls Tisch nur halb deckte
Amalberga sah mit großer Mißgunst auf die Länder, welche die beiden Brüder Irminfrieds beherrschten, und hätte gern gehabt, daß Alles zu dessen Reich gehöre. Sie lag ihrem Gemahl viel und oft an mit listigen Reden, sich seiner Brüder zu entledigen, damit ihre Lande an ihn fielen, doch widerstand er ihr eine Zeitlang. So deckte sie einst seinen Tisch nur zur Hälfte, und da er um die Ursach fragte, war ihre Antwort: Wer nur ein halbes Reich sein nennt und beherrscht, dem ziemt, daß er sich auch mit einem halb gedeckten Tisch genügen lasse.
Dieser Rede sann Irminfried tief und lange mit bösen Gedanken nach und beschloß, sich seiner Brüder zu entledigen. Zuerst gelang es ihm, sich Bertharichs zu bemächtigen; dieser verschwand aus dem Reiche der Lebendigen durch seines Bruders Hand. Nun wollte Irminfried auch seinen andern Bruder des Reichs, wie des Lebens, berauben, getraute sich aber nicht, dieß mit eigner Macht/ zu vollbringen, sandte daher zu Theoderich, bat ihn um Beistand und verhieß ihm dafür die Hälfte seines Reiches. Darauf rüstete jener ein großes Heer, zog in Thüringen ein, und Baderich wurde mit vereinter Macht überfallen. Dessen Streitkräfte waren zu gering, er unterlag und fand seinen Tod. Jetzt war nun Irminfried Alleinbeherrscher Thüringens, aber an sein Versprechen, das Reich mit Theoderich zu theilen, dachte er nicht, damit sein Weib ihm den Tisch nicht wieder halb decke. Das brachte großes Unheil über das ganze Land. (TSS II 18/9)

TSS Nr. 2.2.3: Bonifacius kommt an die Ohra
Der Heidenbekehrer Bonifacius nahm seinen Zug aus Hessen zum zweiten Mal in das Thüringer Land; dort hatte er die Donnereiche bei Hofgeismar gefällt, im Eichsfeld das Bild des Götzen Stuffo zerstört, und den Dienst des Biel, der Ostara, Lahra und Jecha ausgerottet; nun gelangte er in die Gegend an der Ohra und predigte auch hier das Christenthum. Die Sage nennt zwei reiche Dynasten des Landes, Herrn Haug oder Hugo, einen Grafen von Käfernburg, und einen Ritter Albolt, die zu den ersten seiner Neubekehrten gehörten. Sie schenkten ihm ein großes Theil/ vom Land, und er blieb längere Zeit daselbst, lehrte und taufte und bekehrte viele Heiden. Eines Abends übernachtete er unter einem Gezelte am Ufer der Ohra, da erblickte er plötzlich eine überirdische Helle, der Himmel öffnete sich, und es floß ein wunderbarer Lichtstrom herab. In diesem großen Glanze, der alles ringsum erleuchtete, erschien der Erzengel Michael, sprach dem frommen Mann Muth ein zur Verfolgung seines heiligen Werkes und stärkte ihn zum unerschütterlichen Glauben. Als es Tag geworden war, brachte Bonifacius dem Herrn für dieses Gesicht sein Dankgebet und fromme Gelübde dar. (TSS II S. 52/3)

TSS Nr. 2.2.4: Ein Adler speist den Bonifacius
Es geschah, daß Bonifacius seinem Diener gebot, Speise zuzurichten, und dieser kleinmüthig klagte, wie der ganze Vorrath aufgezehrt sei, und er nicht wisse, woher etwas zu bekommen. Dem antwortete der Fromme: Lieber, meinst Du, daß der, welcher in der Wüste ein ganzes Volk vierzig Jahre lang mit dem Brode des Himmels speiste, nicht auch mir und Dir Speise verleihen werde? Decke getrost den Tisch.
Als Bonifacius so gesprochen und der Diener/ nach seinem Geheiß gethan, siehe, da schwebte ein Adler her, der hatte in seinem Schnabel einen starken Fisch und ließ den auf den Tisch fallen. Der fromme Mann prieß dankend den Herrn, ließ den Fisch zurichten, sättigte sich mit seinem Diener und ließ die Reste der Mahlzeit in die Ohra werfen. (TSS II S. 53/4)

TSS Nr. 2.2.5: Die Sanct Johannis-Kirche bei Altenberga
Hoch oben auf dem Gipfel eines Berges erbaute Bonifacius die erste Kirche und weihte sie ein in die Ehre St. Johannis des Täufers. Unzähliges Volk strömte dorthin und vernahm aus dem Munde des Lehrers das göttliche Wort. Da geschah es oft, daß das Kirchlein die Menge nicht faßte, und Bonifacius im Freien predigen mußte, doch waren ihm ganze Schaaren von Raben, Dohlen und Krähen hinderlich, die auf dem umwaldeten Berggipfel sich versammelt hatten und allzulaut schrieen, so daß die Predigt nicht wohl vernommen werden konnte. Der Bischof, als er sich so gehemmt sah, erhob die Hände zum Himmel und rief Gott an, die Vögel zu zerstreuen. Und siehe, da hoben sich mit einem Male die Schaaren von dannen und kehrten nicht mehr auf den Berg zurück, so lange das Kirchlein oben stand, das nachmals öfter erweitert und erneuert wurde. Große Wallfahrten sind dorthin in den alten Zeiten geschehen. (TSS II S. 54/5)

TSS Nr. 2.2.6: St. Johannis-Kirche will nicht im Thal stehen
Die Sage geht, daß, als St. Johannis-Kirche, um welche auch ein ummauerter Friedhof sich zog, wo die Todten der nahen Dörfer begraben wurden, alt und baufällig geworden war, sie verlassen werden sollte, weil manchem Bewohner der Gegend das Steigen des hohen Berges zu schwer wurde, auch das Hinaufbringen der Leichen zur Beerdigung und der Kinder zur Taufe im Winter lebensgefährlich erschien. Es wurde daher beschlossen, die Kirche oben abzubrechen und an den Fuß des Berges zu setzen. Es begab sich aber zu verschiedenen Malen, daß ein Anfang mit dem Abbrechen gemacht und das Baumaterial herunter in die Nähe der Dörfer geschafft wurde, gleichwohl war am andern Morgen immer wieder das, was Tags zuvor abgebrochen und herunter gekommen, wieder oben und wurde an der Kirche in seiner alten Ordnung gefunden, so daß man von dem/ Vorhaben abstehen mußte. Das Kirchlein auf der Höhe hat darnach noch lange gestanden, als schon die neue Immanuelskirche am Fuße des Berges erbaut war, bis es mehr und mehr verfallen. Im Fundament ist hernach einmal ein geschnitzter Kopf Johannis des Täufers von Holz, und in neuerer Zeit ein alter wunderlicher Schlüssel an einem Baum hängend gefunden worden. (TSS II S. 55/6)

TSS Nr. 2.2.14: Asolverod
Es war ein frommer Graf von Käfernburg, Sizzo geheißen, der baute auf der Höhe des Waldes hinter der St. Johanniskirche auch ein Kirchlein, und ließ es in die Ehre des heil.(igen) Georgs einweihen, die Stelle, wo es gestanden hat, wird noch von den Waldleuten Sinngörgen (Sankt Görgen) genannt. Doch da Graf Sizzo und seine Gemahlin Gisela im Einverständniß mit ihren Söhnen Heinrich und Günther beschlossen, dieß gottgefällige Werk zu erweitern, so suchten sie einen günstigeren Ort, und fanden ihn in dem nahen Thal, wo schon einer, Asolv/ mit Namen, den Wald gerodet und urbar gemacht, dorthin erbauten sie nun die Kirche und das Kloster, und nannten es Asolverod. Weil aber die frühere Kirche auf einem Berge gelegen war, so hatte man diesen Georgenberg genannt, und nun nannte man Kirche und Kloster, da beides im Thal lag, Georgenthal, welcher Name bis auf den heutigen Tag blieb, und den alten schon früh verdrängte. Das Kloster wurde mit Mönchen Cisterzienser-Ordens besetzt und überaus reich begabt mit Wäldern, Feldern, Aeckern, Wiesen, Flüssen, Bächen, Höfen und Ortschaften in der Nähe und Ferne, so daß es eines der reichsten des Thüringerlandes war. Sein erster Abt war Eberhard, ein geborner Graf von der Mark, der, seine Sünden zu büßen, erst ein Schweinehirt wurde, und dann in das Kloster Morimont in der Champagne trat, dieser begann die lange Reihe der Aebte zu Georgenthal. (TSS II S. 64/5)

TSS Nr. 2.2.15: Der letzte Graf von Käfernburg wird in Georgenthal begraben
Graf Günther von der Käfernburg sah sich ohne Erben, und schied von seiner Hausfrau Mechtildis, eine Bußfahrt zum heiligen Grabe zu thun, viel/leicht daß sein Gebet an jenen geweihten Stätten ihm erringe, was beide Gatten so heiß ersehnten. Dieß war im Jahre 1385. Glücklich langte er in Jerusalem an, sah alle die heiligen Stellen, wo der Erlöser auf Erden gewandelt, und trat dann auch eine Wallfahrt zum Berge Sinai an. Dort auf dem St. Katharinenberge, der einen Theil des mächtigen Sinai bildet, überfiel plötzlich der Tod den frommen Grafen. Alle sein Land daheim fiel an den Landgrafen Balthasar von Thüringen; seine Gebeine wurden von den treuen Begleitern der schmerzenreichen Wittwe gebracht, und dann, nach seinem und ihrem Willen, nach Kloster Georgenthal abgeführt. Es war ein trauriger Zug, der sich von der Käfernburg herab, durch Arnstadt und durch Ohrdruf an diesen Ort bewegte, überall läuteten die Glocken, und alles Volk beklagte das Erlöschen des alten Stammes. Der Leichnam Günthers wurde an der Seite seiner Aeltern, die auch dort ruhten, beigesetzt. und so – singt ein vaterländischer lebender Sänger dem längst abgeschiedenen Pilger nach:
Und so ging von jenen Grafen,
Die Jahrhunderte hindurch
Herrschten – hier der letzte schlafen
Aus der alten Käfernburg. (TSS II S. 65/6)

TSS Nr. 2.2.20: Der Luthersbrunnen bei Tambach
Es geht die allgemeine Sage und ist auch in alten Schriften als wahr bestätigt, daß Doctor Luther/ auf dem großen Fürstentage zu Schmalkalden im Jahr 1537 schwer und tödtlich erkrankte und darauf bestand, in seine Heimath zu reisen, worauf ihn der Churfürst von Sachsen in seinem eigenen Wagen unter gutem Geleite von dannen fahren ließ, daß Luther auf dem alten Wege über den Rosengarten fuhr, großen Durst empfand und unterwegs ausstieg, um seinen Durst an einer ohnweit der Fahrstraße entspringenden frischen Bergquelle zu stillen. Dieser frische Trunk wirkte also heilsam auf den Gottesmann, daß er sich schon merklich erleichtert fühlte und mit besserm Vertrauen und guter Getröstung in Tambach einfuhr. Hernach ist der Brunnen mit Steinen gefaßt und zum ehrenden Andenken bis auf diesen Tag der Lutherbrunnen genannt worden. (TSS II S. 71/2)

TSS Nr. 2.2.21: Doctor Luther in Tambach
In Tambach war es, wo Doctor Luther von seinen großen und unerträglichen Schmerzen, die er zwölf Tage lang erlitten, zuerst große Erleichterung fand, und sie der wohlthätigen Wirkung des nach ihm genannten Brunnens zuschrieb. Deßhalb nannte er diesen Ort eine Stätte der Segnung und der Linderung, und sein Capernaum das/ Haus, in dem er gewesen war. In der Stube, in welcher er übernachtete, schrieb er im dankbaren Gefühl der wiederkehrenden Gesundheit mit Kohle in lateinischer Sprache die Worte an die Wand: Tambach ist mein Pniel, hier offenbarte sich mir der Herr.
Lange haben diese Worte in jenem Hause gestanden, ebenso an einem Pfeiler der alten Kirche, welche nach dunkler Sage von einer Jungfrau erbaut worden ist, neben der Kanzel, bis im Jahr 1684 ganz Tambach im Feuer untergegangen. Doch ist Luthers Gedächtniß weder damals, noch in den Gräueln des dreißigjährigen Kriegs, die Tambach hart betrafen, vertilgt worden. (TSS II S. 72/3)

TSS Nr. 2.2.22: Alte Schlösser um Tambach und Diethharz
Viele Sagen gehen noch von alten Schlössern um Tambach. Bei Diethharz liegt ein wüster Platz, die Schloßgrube genannt, dort stand die Krachenburg, von der man nichts mehr weiß. Dem Schmalwassergrund entlang kommt man zu einem hohen und steilen Felsen, den die Einwohner den Ahlen-Filsch (alten Fels) nennen, darauf hat das Schloß Waldenfels gestanden, dessen Bewohnern/ die ganze Gegend mit Tambach und Diethharz zugehörte. Es ist aber nur ein ganz kleiner Raum auf dem alten Fels, wo kaum ein Thurm gestanden haben kann, um den geht ein schmaler Gang wenige Fuß breit rund herum. Von Mauerwerk und Mörtel, wie sich sonst noch auf alten Burgplätzen vorfindet, ist hier keine Spur. Doch haben die Herren von Milding, die auf Waldenfels saßen, Diethharz und Tambach dem Kloster Georgenthal verkauft.
Das Schloß (vielleicht auch nur eine Warte) auf dem Falkenstein, von den Edlen gleiches Namens besessen, auch die Bezeichnung eines vom Thal der Apfelstadt aufsteigenden Berges „Hohewarte", wo jetzt die Pirrschhäuser stehen, deutet auf das ehemalige Vorhandensein eines Wartthurms hin. TSS II S. 73/4)

TSS Nr. 2.2.23: Blutnelken am Falkenstein
Von dem nun ganz zerstörten und spurlos verschwundenen Schlosse Falkenstein auf dem hohen Felsen, der nach demselben noch seinen Namen trägt, geht eine dunkle Sage. Es saß ein Ritter darauf, der die Reisenden beraubte, die durch den Thalgrund ihres Wegs fürbaß zogen, denn damals/ führte eine Landstraße dicht unten vorbei und dem Schmalwassergrund entlang gen Diethharz. Dieser Ritter stürzte die Gefangenen, die sich nicht durch ein reichliches Lösegeld loskaufen konnten, den steilen Felsen herab, und aus dem Blute der unschuldigen Ermordeten, das an den Felsen spritzte, sproßten die vielen Blutnelken auf, die noch immer so häufig am Falkenstein wachsen und blühen. Nach andern soll es ein Ritter selbst gewesen sein, der auf dem Falkenstein ermordet wurde, und aus dessn Blut die rothen Nelken dann erwuchsen. (TSS II S. 74/5)



TSS Nr. 2.2.24: Das Kind am Falkenstein
Eine arme Frau stieg einst hoch am Falkenstein hinauf, Waldgras einzusammeln und mancherlei Kräuter, die nur an solchen selten betretenen Stellen wachsen und blühn. Sie hatte ihr ganz kleines Kind bei sich, und setzte dieses, da es ihr bei der Arbeit hinderlich war, an eine sichere Stelle, hieß es allda ruhig bleiben und mit den Steinchen spielen, die umher lagen; sie selbst ging hierauf ihrer Arbeit nach. Das Kind spielte eine Zeit lang, und es wurde ihm die Zeit lang, es rutschte weiter und immer weiter vor bis an den jähen Felsenabhang. Und auf einmal war es der/ Mutter, als höre sie einen Schrei. Es fiel ihr centnerschwer auf's Herz, rasch ließ sie Korb und Sichel und eilte nach der Stelle, wo sie ihr Kind gelassen, da war es nicht mehr dort und war den steilen Fels hinuntergefallen. Auf einem großen Umweg und außer sich vor Angst und Schreck eilte nun die arme Frau in die Thaltiefe, wo sie gewiß war, ihr Kind zerschmettert, blutend und tot zu finden. Wie sie aber hinunter kam an den Fuß des mehr als thurmhohen Falkensteins, so saß ihr Kindlein ruhig dort und spielte mit drei rothen Nelken, wie sie oben auf dem Felsengipfel blühen. Die Engel hatten das Kind behütet. (TSS II S. 75/6)

TSS Nr. 2.3.4: Der Venetianer
Sehr häufig hört man noch erzählen, daß in den frühern Zeiten fremde Männer das Gebirge durchzogen haben, die bald da, bald dort in den Höhlen im Inselberg graben, an der Schönleite, am Bärenbruch, im ungeheuern Grund und anderwärts haußten, die nennt das Volk Erzmännerchen, Venetianerchen. Sie gruben Gold und Silber, und wuschen auch aus den Waldbächen diese Metalle heraus. Einstmals hielt sich ein solcher lange in dem Thal der Laucha auf, die nach Kabarz und Tabarz fließt, der wußte, wie wahr das alte Sprichwort sei, daß mancher Hirt am Inselberg einen Stein nach der Kuh werfe, der mehr werth sei, als die Kuh selbst. Dieser Venetianer schöpfte aus der Laucha vielen Sand und sammelte viele Steine, dabei diente ihm ein junger Bursche als Führer in den Waldwegen und zu den schwer zugänglichen Gebirgsschluchten und Klippen, bis der/ Sommer vorbei war, und der Venetianer hinweg kam, Niemand wußte, wohin. Nun trug sich's zu, daß jener Bursche aus Kabarz, wie viele seines Gleichen, ein Straßenfuhrmann wurde, der weit in der Welt herum kam, und auch einstmals in die reiche Handelsstadt Venedig. Wie er dort an einem prächtigen Laden, der von Gold und Silberwaaren und edeln geschliffenen Steinen glänzte, mit offenem Maule stand, weil er solchen Glast noch nie gesehen, erblickte ihn der reiche Kaufherr und redete ihn freundlich in deutscher Sprache an. Das war aber eben kein anderer, als der Venetianer, mit dem der Bursche bergauf und thalab durch das thüringische Gebirge gestiegen war. Der reiche Mann zeigte nun dem Erstaunten seine großen Schätze und sagte zu ihm: Siehe, dieß alles danke ich Deinem Vaterland; die Steine, die hier glänzen, wachsen dort, das Gold und Silber, das du hier siehst, fand ich dort. Und reich beschenkt entließ er den armen Thüringer Landsmann. (TSS II S. 89-90)

TSS Nr. 2.3.10: Die Funn von Karles quintes
Kaiser Karolus V. Gemahlin hielt, wie die Sage geht, zu Broterode ihre Niederkunft und wurde von der Gemeinde trefflich bewirthet und gehalten, daher erwieß sich der Kaiser dankbar und schenkte/ derselben viele Freiheiten, so die große Gemeindewaldung, das Blutgericht und das Fahnenrecht, das an eine Fahne geknüpft ist, welche der gemeine Mann die Funn von Karles quintes nennt und sehr hoch hält. In dieser Fahne, (die öfter schon erneuert worden) ist das Bergwappen, Keil und Schlageisen, darüber eine Krone, eingestickt. Zur Zeit der Kirchweihe, um Jacobi, wird sie nach altem Brauch an einem Montag unter dem Geläute aller Glocken am Kirchthurm ausgesteckt und bleibt so acht Tage lang, wie sie auch unter Glockengeläute wieder eingezogen wird. Während dieser acht Tage darf jeder Nachbar Bier schenken, selbstgebrautes oder auch fremdes, und in dem Bergbach fischen, der Broterode durchfließt. Dieser Bach heißt Braut, entspringt in der Brautküche, im Inselbergsgraben, nimmt dann den Namen die Lauter oder der Lauterbach an, weil er lauter und rein, und mit lautem Geräusch sich durch das Thal stürzt, und heißt zuletzt die Druse vom Drusenthal und dem Dorfe Drusen. Um die Funn von Karles quintes hat es schon manchen Streit und manchen ernsten Tanz gegeben, und der Name ihres Gebers ist hier mystisch geworden, wie an vielen andern Orten. Es wollen auch einige wissen, daß die Fahne von Rudolph von Habsburg herrühre, es ist und bleibt aber die Funn von Karles quintes. (TSS II S. 95/6)

TSS Nr. 2.3.11: Die Flitterbraut
In dem alten Gemeindewirthshaus zu Broterode zeigte sich gar oft den Wirthsleuten ein Geist in Gestalt einer Flitterbraut*) im Keller, während eine Brautjungfer (Züchterin) sich in der Küche sehen ließ. Ein Mann erblickte oft die Letztere, wie sie hastig nach etwas zu greifen schien, er rief sie scheltend an, ohne daß sie auf ihn hörte und sich an ihn kehrte; endlich hatte er Acht auf die Stelle, wohin die Erscheinung immer griff, und da sah er aus einem Balken einige Fädchen heraushängen. Neugierig zupfte er an diesen Fädchen und zog nun aus dem morschen Balken ein uraltes Beutelchen von Leinwand, darein einige verschimmelte Silbergroschen gewickelt waren. Von der Zeit sah man die Züchterin nicht mehr. Aber nach wie vor erschien im Keller die Flitterbraut zu jeder Stunde des Tages, wie der Nacht,/ ging an den Wirthsleuten vorüber, wenn diese im Keller zu thun hatten, und fügte ihnen keinerlei Schaden zu, als daß sie etwa manchmal das Licht ausblies. Obgleich sich die Wirthsleute an die Erscheinung und den Anblick dieses Hausgeistes gewöhnt hatten, so wagte doch niemand, ihn anzureden, weil unter den Einwohnern der Glaube herrschte, daß das Erscheinen eines Geistes eben sowohl Glück als Unglück bringen und bedeuten könne, daß es aber eine, gewissen Schaden nach sich ziehende Vermessenheit sei, einen Geist etwas zu fragen oder ihn überhaupt anzureden. Jene Wirthsleute kamen in ihrem Geschäft zurück, starben und verdarben, und der Gasthof wurde anderweit verpachtet. Der neue Wirth war ein sehr thätiger und freundlicher Mann, der viel Einkehr bekam, er hatte auch eine rührige Frau und eine schöne Tochter. Eines Abends kam noch spät ein Fremder, und die Tochter ging hinunter in den Keller, ihm einen frischen Trunk zu holen. Da erschien ihr die Flitterbraut und näherte sich ihr freundlich. Die Wirthstochter dachte nichts Ar/ges, sondern glaubte, es sei eine ihrer Freundinnen, die an diesem Tage Hochzeit gemacht hatte und fragte: Was machst Du da?
Darauf sprach die Erscheinung: Wisse, daß ich ein seit vielen hundert Jahren an diesen Ort gebannter Geist bin und einen großen Schatz bewache, den Du heben sollst und geschwind von seiner Stelle rücken mußt, denn wenn die Glocke die Mitternachtstunde anschlägt und es ist nicht gethan, so bleibe ich ewig unerlöst. Darum habe ich die Züge Deiner Freundin angenommen, damit Du mich fragen solltest, denn ungefragt war mir nicht vergönnt, zu Dir zu reden. Eile und hebe den Schatz, der dort an jener Stelle ruht.
Mehr tod als lebendig eilte die Wirthstocher hinauf und sagte ihren Aeltern alles an, was sie gesehen und gehört; darauf ist gleich ihr Vater, (einige sagen, ihre Mutter) mit Hacke und Schaufel in den Keller gegangen und hat im Beisein der Tochter an der von dem Geist bezeichneten Stelle eingeschlagen, worauf bald ein mit Goldstücken gefüllter Kessel zum Vorschein kam. Der Wirth wurde dadurch zum reichen Mann, Segen war bei dem Golde, und der Geist war erlöst; noch sind des Wirthes Nachkommen grundreiche Leute. Aber die Tochter des Wirths fing von jener Zeit an zu siechen und zu kränkeln, zitterte stets am ganzen Leib und starb nicht lange hernach. Es geht im Volk die Rede, daß immer/ eines oder zwei von denen, die bei Hebung eines Schatzes zugegen sind, bald darauf sterben.

* So heißt dort eine Braut in ihrem Brautanzug. Rund um den Kopf ist ein breites dicht mit Goldflittern besetztes Band gewunden, so daß es scheint, als habe die Braut eine aus lauter Flittern bestehende Haube auf, über diese steht ein rothes Bänderhaid in Kranzform empor. Um den Hals trägt sie eine Schnur gediegener Silberkörner, daran vorn einen Dukaten, und im Nacken den rothen Ankenbusch (Nackenschleife). Sie hat das Zirkesmieder an, das köstliche großblumige Stickerei ziert, und über den bunten Brustlatz gehen die Schnürriemen von silberdurchwirktem Band. Das Kamisol ist von feinem schwarzen Tuch, und den grünen Zackenrock deckt eine schwarze Schürze über die von der rechten zur linken der silberne Gürtel niederhängt, an welchem ein feines weißes Tuch und ein rothseidenes Band befestigt ist, welches der Schleier heißt. Noch trugen die Flitterbräute sonst über den weißen Strümpfen keine Schuhe, sondern Pantoffeln mit hohen Absätzen. (TSS II S.97-100 )

TSS Nr. 2.3.12: Der beleidigte Hausgeist
Am sogenannten Mönch, einer großen Waldwiese von Broterode nach der Ruhl zu, stand vor Zeiten eine Schleifmühle, deren Besitzer in gutem Wohlstand lebte. Dieser hatte einen fleißigen Hausgeist, welcher die Ursache des Wohlstandes war, denn wenn der Schleifer nur Klingen in die Mühle that, so brauchte er sich dann nicht weiter darum zu bekümmern, blank geschliffen und polirt fand er sie wieder. Der Geist ließ sich bisweilen erblicken und war ein wunderlich gekleidetes kleines Männchen, das ein seltsam geformtes Mützchen trug, doch machte es der Mühlenbesitzer niemals irre. Nun hatte aber der Geist die Gewohnheit, bisweilen einen ganz eigenthümlichen Ton auszustoßen, und einmal, nachdem die Sache gar lange mit dem Hausgeist und dem Schleifmühler gut gethan hatte, wandelte dem Letzern die Laune an, jenen Ton, als der Hausgeist ihn wieder hören ließ, nachzuäffen. Von Stund an verstummte der Geist, ließ sich nicht mehr hören und sehen, die Messerklingen blieben ungeschliffen, die Mühle/ kam in großen Verfall, das Geschäft ging ein, der Mühler mußte in Armuth sterben, und jetzt ist selbst vom Haus keine Spur mehr zu finden. (TSS II S. 100/1)

TSS Nr. 2.3.13: Hausgeister ziehen davon
So saßen auch in einer Bergmühle, die da stand, wo man es noch die Schleifkothen nennt, ohnweit Broterode zwei Brüder, denen waren zwei Hausgeister auf alle Weise hülfreich und dienstfertig, so daß sich von Tage zu Tage der Reichthum dieser Brüder mehrte. Die Hausgeister aber trugen immer, wenn sie sich erblicken ließen, schlechte und geringe Kleidung, und darauf besprachen sich einmal die Brüder mit einander, daß sie doch den hülfreichen kleinen Gesellen, denen sie die Vermehrung ihres Gutes dankten, neue und schöne Kleider aus schuldiger Dankbarkeit wollten machen lassen; ließen deßhalb schöne rothe Jäckchen und blaue Höschen nach ohngefährem Maaß anfertigen und legten diese neben die Klingen, die die Geister zu schärfen gewohnt waren. Als die Geister die neue Kleidung fanden, sahen sie einander an und sprachen:
Da liegt nun unser Lohn,
Jetzt müssen wir auf und davon./
Sie nahmen die Kleider und fuhren von dannen. Niemals kamen sie wieder. (TSS II S. 101/2)

TSS Nr. 2.3.21: Ludwig der Eiserne wird hart geschmiedet
Es war Landgraf Ludwig des Springers Sohn in seiner Jugend gütig und demüthig gegen Edle und Unedle, und sanft und verträglich, aber darum fürchteten ihn seine Mannen nicht, und er gewann unter ihnen viel muthwillige Leute, die seine Bürger drückten und das Land schädigten. Deßhalb hielten ihn seine Edelleute für einen Thoren, und seine Bürger und Bauern fluchten ihm und gedachten seiner übel, darum, daß sie wegen seiner Geduld verarmten und verdarben. Die Edeln sahen und wußten das wohl, verschwiegen es aber dem Fürsten um ihres Genusses willen, und die Armen konnten nicht an ihn gelangen wegen jenen. Viele sprachen, es wäre schade, daß er ein Herr des Landes geworden, denn er taugte nicht dazu, aber nichts desto weniger waren die armen Leute, Bürger und Bauern, in steten Aengsten und Betrübnissen wegen großer Ungebühr, böser Gewalt,/ harten Diensten, ungerechtem Gericht, bösen Anschlägen, Räubereien von den Feinden und Bedrängnissen von den Freunden.
Nun geschah es, daß der Landgraf zu einer Zeit jagte, wie er oft zur Kurzweil that, und von den Seinen abkam, da schon die Nacht hereinbrach. als er lange den Forst durchirrt, leichtete ihm das Feuer einer Waldschmiede in der Ruhl hell entgegen. Da trat er hin zu dem Schmied in grauen Kleidern und mit seinem Jägerhorn und bat Herberge. Laut fragte ihn der Schmied, wer er wäre, und er sprach: Ich bin der Jägerknechte des Landgrafen Ludwig einer. So antwortete ihm der Schmied: Pfui, pfui des Kunzenherrn, wer seinen Namen nennt, sollte allweg den Mund danach wischen, und schalt übel auf ihn fortwährend, sprach dann: Ich will dich gern herbergen, aber nicht um seinetwillen; zieh Dein Pferd in den Schoppen, da findest Du Gras, und behilf Dich diese Nacht, denn hier ist kein Bettgewand vorhanden. Darauf that der Landgraf, wie ihm geheißen war, und der Schmied in der Ruhl pflegte in der Nacht großer und harter Arbeit, brannte und hitzte das Eisen, und schlug dann mit dem großen Hammer darauf, daß die Funken stoben, und fluchte und schalt dabei auf den Landgrafen also:
Landgraf Ludwig, werde hart, werde hart!
Du schmähliger unseliger Herr werde hart, werde hart! Deine Edelleute schmeicheln Dir ins/ Angesicht und beschatzen Dein Volk, sie unterwinden sich Deiner Macht, einer verunrechtet Dir die Deinen, ein anderer beraubt sie, sie werden von dem Deinen reich, und Du verarmst mit den Deinen! Landgraf Ludwig, werde hart, werde hart!
So nannte der Schmied alles her, wie es im Lande beschaffen war, und verfluchte den Landgrafen in die Hölle. Der hörte alles mit an, schlief gar wenig diese Nacht und dachte dem nach, was der Schmied gesprochen, und wurde nun in seinem Muthe also fest, als er jemals weich gewesen war. Und in der Frühe des Morgens ritt er von dannen. Hatte viel gelernt von dem Schmied in dieser einen Nacht und übte hernach gar ein streng Regiment; wurde hart und eisern, trug ein Kleid von Eisen und hieß der Eiserne Landgraf allezeit. Darauf ist ein Sprichwort in Thüringen entstanden, das sagt von jedem harten und strengen Mann: Der ist in der Landgrafen-Schmiede zu der Ruhl gehärtet worden. Lange hat die Schmiede gestanden, bis an ihre Stelle ein Zainhammer trat, aus dem später eine Schleifmühle wurde. Die Stelle wird noch gezeigt, wo die Schmiede stand, nah am Wasserfall in Malschens Garten und Hof, die nun den Herren Jacob Zimmermann und Johannes Ziegler gehören. (TSS II S. 110-112)

TSS Nr. 2.3.31: Der Rabenbrunnen
Ein Förster in der Ruhl hatte eine wunderschöne Tochter, in die sich ein Jüngling sterblich verliebte, und auch von ihr geliebt wurde. Verhältnisse nöthigten ihn, seine Heimath zu verlassen, und ein Zufall wollte, daß in die Ruhl die Nachricht seines Todes kam. Indessen hielt ein Anderer um die Försterstochter an, und sie hielt mit ihm ihre Verlobung. Da kam der früher Geliebte zurück und hörte verzweifelnd die Schreckensbotschaft, und die Gedanken der Rache erfaßten ihn; er ging zu einer alten weisen Frau, sich Raths zu erholen. Das böse Weib rieth ihm, zu einem Schlosser zu gehen, ein Schloß zu fordern und zu fragen, was es koste, dazu für sich zu sagen: In Gottes Namen! es dann ungehandelt zu bezahlen. Bei der Trauung solle er dann in die Kirche gehen, und wenn der Pfarrer die Verlobten zusammengebe, das Schloß zuschnappen und dazu sagen: In's Teufels Namen! Hierauf das Schloß in einen Brunnen werfen. Dieß alles that der bethörte Jüngling, und alsbald erfaßte die Neuvermählten eine unerklärliche Abneigung gegen einander. Sie konnten einander nicht freundlich mehr ansehen, und wenn sie fern/ von einander waren, fühlten sie doch eine Sehnsucht, sich nahe zu sein. So quälten sie sich beide hin. Als der grausame junge Mann das tiefe Elend sah in das sein Zauberstück jene gestürzt, bereute er seine That, ging wieder zu der Alten hin und fragte, ob sie nicht helfen könne. Ja, war ihre Antwort, wenn wir nur das Schloß wieder hätten. Aber vergebens suchte er das Schloß, der Brunnen ist allzutief, und seine Uebelthat allzugroß. Einige meinen auch, es habe eine feindliche Wasserfrau in dem Brunnen gewohnt, die habe das Schloß fest gehalten. Das ist es, was man sich von dem Rabenbrunnen in der Ruhl erzählt. (TSS II S. 122/3)

TSS Nr. 2.3.37: Der Wittgenstein
Zwischen den Dörfern Schönau und Farrnrode hängt über Erlen und Weidenbüschen ein scharfzackiger, viel zerklüfteter Fels, der Wittgenstein genannt, dicht unter ihm fließt dunkel der Thalbach hin. Mit vielen Sagen von ihm trägt sich das Volk. Ein Schloß soll vor alten Zeiten auf ihm gestanden haben, und eine Prinzessin ist in den Stein gebannt, die bisweilen erscheint. Viele alte Leute haben sie gesehen. Am Felsen, dem Ebertsberg gegenüber, ist ein steinernes Brückchen über das Wasser gelegt, dort brennt bisweilen am obern Ende dieses Steinstegs Nachts ein einsames Licht, ihn hell erleuchtend, daß nächtliche Wanderer ihn sehen und erkennen können; den bösen aber leuchtet solches Licht nicht, und mancher verfehlte schon den Steg und fiel in das Wasser. Alle sieben Jahre, so geht die Sage, tritt die Prinzessin aus dem Wittgenstein, wer dann ihrer ansichtig wird und sich nicht fürchtet, empfängt große Wohlthaten, denen aber, die sich vor ihr scheuen, oder sie wohl gar beleidigen, wird übel vergolten. Ein Taglöhner ging verdrießlich nach Farrnrode heim, sah durch stockfinstere Nacht das Licht am Steg, war mürrisch, weil er nur wenig verdient, und stieß mit dem Fuß an die Kerze, daß sie ins Wasser fiel und auslöschte, indem er ausrief: Licht/ gibst Du mir, das brauch ich nicht, Geld brauch ich, das gibst Du Andern. Kann den Weg auch finster finden. – Er hatte das kaum gesagt und war kaum zwei Schritte gegangen, so lag er schon im Wasser, und dieß geschah ihm noch mehrmals in derselben Nacht, so daß er ganz durchnäßt erst gegen Morgen nach Haus kam; er hatte weder Weg noch Steg finden können. Man hat Beispiele, daß sonst Leute sich unterstanden haben, am Wittgenstein laut die Prinzessin zu rufen, oder sie zu schelten und zu necken mit höhnender Rede, denen sind Steine um die Ohren geflogen, sie haben von unsichtbaren Händen Maulschellen erhalten, oder doch bald nachher bedenklichen Schaden erlitten. Eine unten am Fels grasende Magd sah in einer Kluft an demselben eine bleiche, ganz seltsam gekleidete Jungfrau stehen, die ihr freundlich winkte, aber es überkam sie ein Grausen, sie lief eiligst davon und auf die Rasenmühle, wo sie diente, und kehrte nur in Begleitung eines Mühlknechts zurück. Da war nichts mehr zu sehen, aber ihr Graskorb, den sie zurückgelassen, war zerfetzt und zerstückt. (TSS II S. 134/5)

TSS Nr. 2.3.39: Die Kuh aus dem Felsen
Nahe beim Wittgenstein weidete vor Jahren der Farrnröder Hirte und erblickte mehre Morgen eine überaus schöne Kuh, die sich seiner Herde zugesellt hatte, ohne daß er wußte, wem sie gehöre, noch woher sie gekommen. Eben so war Abends die Kuh wieder von der Heerde weg, ohne daß er gemerkt hatte, wohin sie sich verlief. Da gab er denn gegen den Spätherbst hin mit seinem Hütjungen endlich recht genau Acht, und erblickte eines Morgens die Kuh, wie sie aus den Erlenbüschen dicht unter dem Fels herauskam; dort ging sie auch Abends wieder hinein. Den Abend darauf wollte der Hirte noch genauer erfahren, was es mit dieser Kuh für eine Bewandniß habe, und lief ihr nach, als sie die Trift verließ. Die Kuh ging in eine Kluft des Berges hinein und verschwand. Der Hirte ging ihr nach, kam in einen hellen Gang und zuletzt an eine Thüre, an die er anklopfte. Da trat eine Jungfrau heraus und fragte ihn: Was willst Du? Das Hutgeld für die Kuh, die Ihr mir alle Tage heraus zur Weide schickt, antwortete der Hirte unerschrocken. Das Jungfräulein reichte ihm einen alten Thaler und sprach: Hättest Du nicht gefordert, hättest Du mehr bekommen! Ließ den Hirten stehen und verschwand. Dieser ging aus dem Felsen, nie kam wieder die/ Kuh zur Weide, nie fand er wieder die Kluft, den Bergeseingang. Von solcher Kuh eine ähnliche Sage wird auch vom Hausfeld erzählt. (TSS II S. 137/8)

TSS Nr. 2.3.40: Musikanten bringen eine Nachtmusik
Musikanten aus dem Dorfe Thal hatten in Farrnrode zum Tanze bei einer Hochzeit oder sonst aufgespielt und kehrten sehr vergnügt in der Mitternacht nach ihrem Dorf zurück. Als sie nahe an den Wittgenstein kamen, lenkte sich das Gespräch von ohngefähr auf die verzauberte Prinzessin, und einer rief, da sie dem Felsen gerade gegenüber waren: Wie wär' es, wenn wir der armen Prinzessin im Wittgenstein auch eine feine Nachtmusik brächten? Alle waren diesen Vorschlag zufrieden, sie gingen über die Wiese dem Felsen näher, unterwegs sagte ihnen der Meister, was für ein Stück sie spielen wollten, und wie sie sich aufgestellt hatten, hallte mit einem Male feierlich und prächtig die Musik durch die Nacht, brach sich am Stein und verklang sanft in die Thalkrümmen hinein. Kaum war das Stück geblasen, so war auch ein kleines graues Männchen bei den Musikanten, keiner wußte, wo es hergekommen, das fragte sie, wem doch die schöne Musik gegolten habe? – Ei, der Prinzessin im Wittgenstein, versetzte der Bursche, der den Gedanken dazu angeregt. So spielt nur lu/stig auf, sprach das Männlein und kam von ihnen weg. Hierauf spielten sie noch einige schöne Stücke, packten dann ihre Instrumente zusammen und gingen, da war das Männchen wieder da und reichte jedem einen frischen Eichenzweig. Die Musikanten achteten deß nicht sonderlich, warfen ihre Zweige weg, zerrupften oder verloren sie, und nur einer befestigte seinen Zweig am Hut. Am andern Morgen fragte diesen seine Frau, was er für einen gelben Flitter am Hut mit von Farrnrode gebracht habe? Siehe, da war der grüne Zweig in eitel Gold verwandelt. Stracks liefen nun die andern nach ihren Zweigen, doch keiner fand auch nur ein Blatt davon. (TSS II S. 138/9)

TSS Nr. 2.3.44: Vom Scharfenberg
In die sagenreichen Thalgründe schaut ernst herab die hohe graue Warte der Burgruine Scharfenberg; die Umwohner nennen den alten Thurm scherzweise das Löthtöpfchen. Dort oben stand erst die zum Kloster Weissenborn gehörige Kirche, die einzige in der ganzen Umgegend; jetzt ist keine Spur mehr/ von ihr zu finden. Das Schloß wurde im Bruderkriege zerstört, und in den Ruinen ist es, nach der Versicherung der Thalbewohner, nicht geheuer. Zu mancher Zeit rollt Mitternachts ein brennendes Faß vom Berg. Uebel ist es droben in dem alten Schloß zu den Ritterzeiten hergegangen, und die Geister mancher seiner Bewohner spuken noch. Unten, nahe bei Thal, steht am Weg im Zaun ein Stein, dort haben sich einmal zwei Brüder gegenseitig im Streit erstochen, zwei Messer sind auf den Stein zum Wahrzeichen ausgehauen, die Geister der Brüder gehen noch dort um. (TSS II S. 142/3)

TSS Nr. 2.3.45: Hannsen von Frymars Treue
Der thüringische Landgraf Friedrich, den man den Ernsthaften nannte, derselbe, welcher sich in England zum Ritter schlagen ließ, kam in heftige Fehde mit dem Grafen Heinrich von Henneberg, seines Sohnes Friedrich Schwiegervater, dem er die seinem Sohn angetraute Schwiegertocher wieder zusandte, weil jener die Herrschaft Koburg dem Sohn nicht abtrat, wie er doch verheißen hatte. Der Landgraf kaufte von den Herren von Salza Salzungen und Frankenstein, und das Schloß Altenstein; von wo aus er das Henneberger Land schädigte; der Henneberger aber kam über den Wald und besetzte das Schloß Scharfenberg mit seinem/ Volk, das täglich herausfiel und bis nach Gotha, Eisenach und Tenneberg streifte. Nun rüstete sich der Landgraf mit seinen Mannen und Städtern, legte sich vor Scharfenberg, rief die von Erfurt zu Hülfe, die fanden sich mit Bliden und anderm Sturmzeug wohl bereitet vor Scharfenberg ein, hätten es auch genommen, wenn das nicht die alte Fürstin, des Landgrafen Mutter, verhindert, indem sie sprach: Wird es genommen, so zerbrechen es die von Erfurt, weil es nicht in die Herrschaft zu Thüringen gehört, was Dich, Sohn, dann reuen würde, indem das Schloß sonst noch wohl Deinem Sohn Friedrich werden möchte.
Indeß sammelte nun der Graf ein großes Heer von Franken, seinen Freunden, kam daher gefahren über das Volk vor dem Scharfenberg, und da erhob sich ein großes Streiten. Viel guter Leute wurden erschlagen oder gefangen, und der Landgraf wär selbst umgekommen, wäre er nicht geritten als ein einfältiger gemeiner Ritter ohne Schmuck und Helmzier. Immerdar auch war ihm zur Seite der alte Hans von Frymar, ein Bürger von Eisenach, ein großer, starker hagerer Mann, der auf einem auch großen, hohen und starken Pferde saß, der beschützte den Landgrafen mit seiner gewaltigen Streitaxt allewege, hatte gar gute Acht auf seinen Herrn und wartete seiner besonders. – Der Landgraf Friedrich verlor die Schlacht, söhnte sich aber hernach mit dem Henneberger wieder aus um seines Sohnes willen, der die Hennebergerin/ wieder annahm, und es wurde getheidingt, daß nach des Hennebergers Tode das versprochene Heirathsgut, die Pflege Koburg mit Sonnenberg und andern Schlössern an Thüringen fallen sollte, was auch noch in demselben Jahr geschah; so kamen Coburg, Königsberg, Sonnenberg, Neustadt, Rodach und Ummerstadt an Thüringen, und die gefürstete Grafschaft Henneberg um die herrliche Pflege, und die Henne um das gute Ei. (TSS S. II 143-145)

TSS Nr. 2.3.47: Das Geisbeinsloch
Am großen Marktberg ist noch eine Höhle, die wundersamste von allen, denn sie ist ganz versetzt, und es kann sie keiner finden, der nicht besonders vom Glück und Schicksal dazu auserkoren ist. Die Venetianer kannten sie wohl, und sie sollen es auch sein, die diese Höhle so verzaubert haben, damit die Schätze in ihr ruhig fortwachsen, bis sie wiederkommen zur rechten Zeit und Stunde. Vor Zeiten ließ sich ein Mann auf den Wartberg führen, der schreibt davon also:
Am großen Wartberge.
Auf der Steinkoppen, da mich Hans Hirt hinführte, da sahe ich ein wenig zur Rechten für mich etwa zehn Lachter niederwärts einen Hollunderbusch blühen, noch zwei Lachter tiefer zwei Lindenbüsche nach einander stehen, und gleich dabei mitternachtswärts steht ein Steinfels, darunter ein/ Lachter gegen Mittag und ein Lachter unter dem zweiten Lindenbusch nach dem Dorfe Schmeerbach zu ist ein Punkt, von welchem fünf Lachter seitwärts zur Linken in einer Telle hinter einem Haselbusch das heimliche Loch ist, mit welchem es eine wunderbare Beschaffenheit hat, denn es allezeit über das dritte Jahr, das ist im 4ten Jahr, zwei Tage offen ist, und geschieht nehmlich auf Walpurgis- und Johannistag, Anno 63, 67, 71 u. s. w. 91, 95, 99 u. s. w. Darin ist ein großer Erzstock, der Centner giebt 30 Pfund Gold und 45 Pfund Silber. (TSS S. II 47/8)

TSS Nr. 2.3.48: Der Schlangen-Beschwörer
Um den Silberbrunnen, der auch am Wartberg springt, lagerte die Heerde des Schmeerbacher Hirten, und dieser selbst hielt seine Mittagsruhe. Es war der goldene Sonntag, welches der erste Sonntag nach Pfingsten ist, und alles grünte und blühte maientlich rings umher. Da rauschte es in den Büschen, und ein Mann in wunderlicher Kleidung, ein Kesselchen auf dem Rücken und sonst allerlei Geräth tragend, trat aus dem Wald heraus auf die sonnige Trifft. Scharf schien die Sonne an einen nahen Felsen, und an ihm erblickte nun der Hirt eine früher noch nie bemerkte Oeffnung. Der Fremde nickte dem Hirten freundlich zu, und begann/ sein Wesen zu haben, zündete ein Feuer an, holte aus einem Säckchen mancherlei, Büchschen und Tüchelchen, schnitt vom Hasel eine Gabelgerte, schöpfte Wasser aus der Quelle, hing den kleinen Kessel über dem Feuer auf, und als alles gethan war, winkte er den Hirten nahe zu sich herbei. Hierauf zog er drei magische Kreise mit dem weißen Stab, den er in seinen Händen trug, brachte ein Pfeifchen hervor und pfiff auf sonderbare Weise. Da kamen allerlei Schlangen und Würme in großer Menge aus dem Gehölz und Gebüsch, zuletzt kam auch der Lindwurm, der pflanzte sich vor den Zauberer hin mit aufgesperrtem Rachen, alle Würme regten und ringelten sich, und der Beschwörer, der auch ein Venetianer war, zitterte sehr. Auf einer der hohen Ulmen, die die Waldestrifft umstanden, sah der Hirte eine überaus schöne, schneeweiße Schlange mit einer goldnen Krone, die schlängelte sich von dem Baum herab, kroch hin auf das Tuch, das der Beschwörer auf den Rasenteppich gebreitet hatte, und rasch sprang dieser hinzu, schlug das Tuch zusammen, nahm die Krone, barg sie in seinen Busen, tödtete den Lindwurm und spießte ihn am Boden fest. Hierauf pfiff er wieder, und alle Schlangen krochen aus den Kreisen heraus. Es gab damals noch sehr große Schlangen am Insels- und Wartberg, die waren alle dabei. Die gefangene weiße Schlange war die Otterkönigin, der Venetianer tödtete und zerstückte sie, und kochte die Stücke in seinem Kesselchen über dem Feuer. Als diese gesotten waren, lud er den Hirten ein, an dem Mahl von Schlangensuppe Theil zu nehmen, doch dieser weigerte sich beharrlich, bis er endlich auf eindringliches Zureden einen Löffel voll genoß. Nun wurden ihm die Augen hell, daß er sah, wie die Berghöhle sich ganz aufthat, die eitel voll Gold und Silber war. Beide nahmen davon, daß sie genug hatten, dann sagte der Venetianer zu dem Hirten: Hättest Du von dem Wurm selbst gegessen, so hättest Du immer wieder nehmen können, so viel Du gewollt, nun aber nicht. Besuche mich einmal in meiner Heimath. – Damit schenkte er dem Hirten ein Wünschtüchlein, packte seinen Kram zusammen und ging mit Schätzen schwer beladen von dannen. Einstmals wünschte sich der Hirte zum Venetianer hin und schwebte flugs über den Thürmen Venedigs. In einem Palast, vor welchem Wache steht, findet er seinen Mann, dieser führt ihn in seine Prunkzimmer, bewirthet ihn köstlich und beschenkt ihn mit manchem seltenen Kunstwerke, unter andern giebt er ihm ein kleines Kütschchen mit 6 Pferden bespannt, alles von gediegenem Gold, das lange bei des Hirten Familie blieb, bis es hernachmals in die Kunstkammer nach Gotha gekommen ist. (TSS II S. 148-150)

TSS Nr. 2.3.52: Wo Stutzel, der Hund begraben liegt
In Winterstein, einem großen Dorfe am Fuß des Inselbergs, das früher auch von lauter Bergleuten/ bewohnt war, liegt ein zertrümmert Schloß, das die Herren von Wangenheim erbaut und lange besaßen, eine der ältesten Familien Thüringens, davon vornehmlich Fritz von Wangenheim mit großen Ritterehren genannt wurde, derselbe, der nie vor einem Feinde geflohen, und von dem sich dieserhalb der junge Landgraf Friedrich der Ernsthafte in England zum Ritter schlagen ließ.*)
Nahe bei der Ruine hinter einer Scheuer am Abhang eines Hügels ragt aus dem Rasen halb eingesunken ein niedriger Grabstein empor, mit fast verlöschter Schrift, Denkmal eines treuen Hundes. Diesen Besaß ein Jägermeister von Wangenheim, und nach ihm dessen Wittwe, im siebzehnten Jahrhundert; der Hund ging mit Briefen am Halsband ganz allein nach Friedenstein auf das Schloß zu der Landesherrschaft, und auch wieder zurück, und leistete durch seine Treue vielen Nutzen. Als er endlich starb, erhob die Frau großes Herzeleid, ließ den Hund in einen Sarg legen, kleidete ihre ganze Dienerschaft schwarz, und stellte ein feierliches Leichenbegängniß an. Man erzählt in Winterstein, sie habe es erzwungen, daß der Hund auf dem Gottesacker beerdigt worden sei, allein Pfarrer und Gemeinde hätten sich also sehr dawider gesetzt, daß er habe wieder ausgegraben werden müssen, worauf er an die Stelle verscharrt worden, wo er jetzt liegt. Scherzhaft hat sich im Ort/das Sprichwort gebildet: In Winterstein liegt der Hund begraben, und scherzhaft erzählen sich noch die Leute dort, es habe die Herrin des Hundes von ihrem Gesinde die größte Betrübniß, Weinen und Wehklagen um den Hund erheischt; eine Köchin aber sei nicht zu Thränen zu bringen gewesen**), deßhalb habe sie auch kein Trauerkleid empfangen. Als aber die Herrin in die Küche gekommen, wo eben die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen thränten, habe jenen gerührt gesprochen: Nicht wahr, nun weinst Du doch noch um den guten Stutzel! und ihr williglich ein Trauerkleid geschenkt. Die Grbschrift des Hundes ist zwar nicht sonderlich, doch mag sie hier aufgeführt werden, denn an Ort und Stelle mag sie kaum noch ein Wanderer entziffern:

(Bild des Hundes in Seitenansicht)
1650 WAR DER HVND BEGRABEN
DASS IHN NICHT SOLLEN FRESSEN DIE RABEN
STVTZEL WAR SEIN NAME GENANNT
BEI FVERSTEN VND HERREN WOL BEKANNT
WEGEN SEINER TREV VND MVNTERKEIT
SO ER SEINEN HERRN VND FRAVEN GEWEIHT
SCHICKT MAN IHN HIN NACH FRIEDENSTEIN
SO LIEF ER HVRTIGGANZ ALLEIN
GVT HAT ER SEIN SACH AVSGERICHT
DRVM HAT ER DIESEN STEIN GEKRIGT.

*) Vergl. Sagenkreis von Eisenach u.s.w. 33. Theil I. S. 113.
**)wie in der scandinavischen Mythe das Riesenweib Thock um Baldur weinen sollte, und sprach: Thock wird weinen
Mit trockenen Augen. (TSS II S. 153–156)

TSS Nr. 2.3.59: Die falsche Königin von England auf Tenneberg
Im Sommer des Jahres 1559 kam eine vornehme Dame unter fürstlichem Geleit und auf Befehl des Herzogs Johann Friedrich des Mittlern von Gotha nach dem Schloß Tenneberg, und es verbreitete sich das Gerücht, sie sei eine Königin von England, und zwar die geschiedene Gemahlin König Heinrichs VIII., Anna von Cleve, deren Tod zwar überall verkündet worden, die aber aus harter Gefangenschaft geflohen sei und sich in den Schutz des gütigen deutschen Fürsten begeben habe. Sie musste auf Tenneberg viel Hartes dulden, denn es war ruchbar geworden, daß sie nicht die sei, für die sie sich ausgegeben habe, und sie lebte auf Tenneberg nicht wie eine Freie, sondern wie eine Gefangene. In jedem Verhör sagte sie etwas anders aus, was ihre Lage sehr erschweren musste. Endlich wurde sie wahnsinnig und erlitt/ harte Anfechtungen, sie drohte sich selbst zu ermorden, und der Amtmann auf Tenneberg lebte der Ueberzeugung, daß der böse Feind sie versuche und ihr auf alle Weise zusetze. Deßhalb kam es so weit, daß der Scharfrichter von Jena nach Tenneberg verschrieben wurde, sie peinlich anzugreifen, wenn sie nicht bekenne. Nun bekannte sie manches und viel von dem Teufel, der ihr erschienen sei und ihr alles Unglück angedroht habe. Der Henker spannte sie auf die Leiter und streckte sie, doch blieb sie bei dem, was sie zuletzt ausgesagt, nehmlich, daß sie eine unehelich geborne Tochter des Herzogs von Cleve sei, und eine Vertraute der Königin Anna. Darauf blieb sie auch in nachfolgenden Verhören, „und wenn man sie in Stücken reißen ließe."
Sie saß auf Tenneberg in einem gemauerten Gewölbe, und trug ein langes weißes Kleid. Nie hat man späterhin von ihr gehört, noch gesehen, mit einem Mal war alles still. Keiner weiß, ob sie auf Tenneberg gestorben, oder ob sie von dort entkommen ist, halb verklungen und fast mythisch lebt nur noch das Andenken an sie im Volk. (TSS II S. 163/4)

TSS Nr. 2.3.60: Eine weiße Frau auf Tenneberg
Das sagen viele, daß sich auf dem Schloße Tenneberg, wie auf so vielen andern Schlössern, eine weiße Frau erblicken läßt. Sie erscheint aus ei/nemThurm und durchwandelt ruhelos die zahlreichen Gemächer und Säle des geräumigen Hauses. In jenem Thurm ist ihr Grab. Oft hat man auch zur Nachtzeit Licht in dem öden unbewohnten Flügel des Schlosses gesehen. Diese weiße Frau soll keine andere sein, als jene angebliche Königin von England, die auf Tenneberg, wie mit Wahrscheinlichkeit zu vermuthen steht, in ihrer Gefangenschaft starb. (TSS II S. 164/5)

TSS Nr. 3.1.8: St. Georgs Pannier
Es war zur Zeit, als Ludwig V., Landgraf von Thüringen, genannt der Milde, und Kaiser Friedrich Barbarossa mit vielen Fürsten zum zweitenmale eine Fahrt über Meer zu thun gedachten, um aus der Saracenen Hand das heilige Grab zu gewinnen, auf daß fernerhin ungehindert und ungeschädigt durch die Heiden jeder fromme, christliche Pilgrimm sich den Stätten nahen möge, wo einst der Heiland der Welt gelebt und gelitten./ Des Rothbarts Aufruf folgte auch Ludwig der Milde, gleich vielen andern Fürsten, und schaarte um sich seine Lehenträger und Vasallen. Da geschahe es, daß ein großes Wunder sich ereignete, denn um des edlen Fürsten Tugend und guter Werke Willen sandte Gott vom Himmel herab das Panner des heiligen Georg, der den Drachen ertödtet, und der Schutzheilige der Kreuzritter, wie auch der Stadt Eisenach war; unter diesem Panner kämpfte Ludwig der Milde gegen die Ungläubigen vor dem Kaiser vor, und siegte. Und als der Barbarossa aus dem Morgenlande nicht zurückgekehrt, und auch Ludwig auf Cypern verschieden war, brachten heimkehrende Ritter das Panner Georgs zurück, wo es auf Schloß Wartburg bewahrt wurde. Lange Zeit nachher aber wurde dieß Pannier nach Tharant, einem Schloß in Meißen, gebracht. Und als dieses Haus in Flammen aufging, sahen viele Leute mitten durch die Flammen das Pannier durch ein Fenster in die Luft auffahren, und Niemand sah es wieder und wußte, wohin es gekommen. (TSS III S. 50/1)

TSS Nr. 3.1.10: Der Kinder-Kreuzzug
In diesen Zeiten geschah es, daß unter die Kinder in ganz Deutschland, und namentlich in Thüringen, nicht minder auch unter die in Frankreich ein wunderbarer Trieb kam, das heilige Land zu erobern, das wieder in der Heiden Gewalt war. Und wollen Manche wissen, es habe ein unbekannter schöner Knabe die thüringischen Gaue durchzogen, überall die Knaben zum Mitzug aufgefordert und das Kreuzfahrerlied gesungen, daraus eine Strophe lautete:

Nu wallet hin geliche
Daz wir das Himmelriche/
Erwerben sicherliche
Bei duldiglicher Zehr.
Gott will mit Heldes Handen
Dort rächen seinen Anden
Sieh Schaar von manigen Landen
Den heilig Geist hehr!

Alle Knaben strömten da zusammen, und die Aeltern vermochten sie nicht zurückzuhalten, sie rissen sich los aus den Vater- und Mutterarmen, entflohen ihrer Haft und schaarten sich unter die Oriflamme des unbekannten jugendlichen Führers. So zogen sie aus Deutschland, an der Zahl zwanzigtausend, und aus Frankreich dreißigtausend fort. Die deutsche Knabenschaar kam über die Schweiz und wanderte über die Alpen. Da kamen ihrer unzählige um in den unwegsamen Gebirgen, wurden unter Lavinen begraben, oder starben vor Frost und Hunger; die andern kamen auf der Meerfahrt um, von den vielen Tausenden, die fortgezogen, hat keiner je die Heimath wieder gesehen. (TSS III S. 54/5)

TSS Nr. 3.1.20: Die Geißelfahrer
Als der schwarze Tod durch alle Lande wüthete, und die Juden verbrannt und erschlagen wurden, da kam viele Leute eine Reue an, und wollten Buße thun für ihre Sünden, die thaten sich zusammen zu großen Genossenschaften und trugen Geißeln, mit denen sie sich schlugen; deßhalb wurden sie Geißler, Flagellanten genannt, und weil sie auf ihrem Haupt Hüte mit rothen Kreuzen/ trugen und ihre Mäntel mit Kreuzen bezeichneten, nannte man sie auch Kreuzbrüder. Sie hielten sich in Haufen von zwei-, auch dreihundert Männern und noch mehr zusammen, und hatten diese Regel: Wer in ihre Brüderschaft treten wollte, der mußte geloben, dreißig, andre schreiben, vierundvierzig Tage darin zu bleiben, und mußte so viel Geld zur Zehrung haben, als er in dieser Zeit zur Nothdurft brauchte, denn keiner durfte um Almosen bitten. So zogen sie von einer Stadt zur andern, trugen Fahnen, Kreuze und Kerzen in den Händen, und wenn sie an eine Stadt kamen, da wurde ihnen mit allen Glocken entgegen und willkommen geläutet. Nun zogen sie hinein, paarweise bis an die Kirche, jeder trug seine Geißel voll Knoten mit eingeflochtenen Drathspitzen und Nägeln. Jetzt sangen sie allzumal und überlaut ihre Lieder, welche die Vorsänger, deren jeder Haufe zwei oder drei hatte, anstimmten. Sie sangen diese Lieder oder Laisen in einzelnen Gesetzen und Strophen. In den Kirchen thaten sie ihre Mäntel ab, zogen die Schuhe aus und zeigten sich nackt bis zum Gürtel, von dem ein leinen Tuch bis über die Schenkel hing, und begannen sich mit ihren dreistriemigen Geißeln blutig zu schlagen. Es lautete aber das Lied, welches sie auf der Betfahrt sangen, da sie wanderten, also:*)

Ist diese Betfahrt so here
Durch des milden Christus Ehre,
Er führte zu Jerusalem
Ein Kreuz in seiner Hand
Nun helfe uns der Heiland!

Nun ist die Straße also breit,
Die uns zu unser lieben Frauen treit (trägt)
In unsrer lieben Frauen Land,
Nun helfe uns der Heiland!

Nun ist die Betfahrt also gut,
Hilf uns durch dein heiliges Blut,
Daß Du am Kreuze vergossen hast,
Und uns in dem Elend gelassen hast.

Wir sollen die Buße an uns nehmen,
Daß wir Gott und Christus baß getzemen, (ziemen)
Das bitten wir sunder (besonders) alle gleich.
So bitten wir den heiligen Christ
Der aller Welt gnädig ist.

In den Kirchen schwenkten sie ihre schönen gestickten Fahnen von Goldstoff und Purpurseide, und zeigten und lasen einen Brief vor, den ein Engel vom Himmel herabgebracht haben sollte; darinne stand, daß Gott erzürnt sei über die Welt, und wollte sie untergehen lassen; aber seine Mutter Maria und die Engel haben ihn um Barmherzigkeit gebeten; und noch viele andere Dinge. Wenn nun die Pfaffen fragten: Wer hat euch den Brief besiegelt, so fragten die Geißler zurück: Wer hat euch die Evangelia besiegelt? denn sie kehrten sich nichts an die Klerisei, und thaten ihre Buße ohne Rath und Zuthun der Geistlichkeit und Kirche. Wenn sie sich so geißelten vor allem Volk, war großer Zulauf, es zu sehen, und das Volk schluchzte und weinte vor Andacht und Rührung. Und wenn das Blut in Strömen auf ihre Lenden floß, so sangen sie während der Procession:

Wer seine Seele will berathen,
Der soll entgelten und wiedergeben,
So wird seiner Seele Rath,
Dazu hilf uns lieber Herre Gott!

Nun tretet her, wer büßen welle! (will)
So fliehen wir die heiße Hölle;
Lucifer ist ein bößer Geselle!
Wen er hat, mit Pech er ihn labt.
Das fliehen wir, ob (wenn) wir haben Sinn!
Dazu hilf uns, Maria Königin.
Das wir Deines Kindes Huld gewinnen.

Jesus Christus ward gefangen,
An ein Kreuz ward er gehangen;
Das Kreuz ward vom Bluthe roth,
Wir klagen seine Marter und Tod.

Sünder womit willst Du mir lohnen
Drei Nägel und eine dornige Krone?
Das heilige Kreuz, ein Speer, ein Stich?
Sünder, das litt ich um Dich,
Was willst Du nun leiden um mich?

Nun rufen wir mit lautem Tone:
Unsern Dienst, den nimm zum Lohne!
Behüt uns vor der Hölle Noth.
Deß bitten wir Dich durch Deinen Tod!/
Für Gott vergießen wir unser Blut,
Das ist uns zu den Sünden gut.

Maria, Mutter, Königinne,
Um Deines lieben Kindes Minne,
All unsre Noth sei dir geklagt!
Deß hilf uns Mutter, reine Magd.

Die Erde bebet, auch klaffen die Steine,
Liebes Herze, du sollt weinen.
Wir weinen Thränen mit den Augen,
Und haben deß so guten Glauben,
Mit unsern Sinnen und mit Herzen,
Um uns litt Christ viel manche Schmerzen.

Maria stand in großen Nöthen,
Da sie ihr liebes Kind sah tödten,
Ein Schwerdt durch ihre Seele schneid't;
Sünder, das laß Dir sein Leid!

Wenn sie nun am Schluß der Procession an die Stelle kamen, wo das Lied lautete:

In kurzer Frist
Gott zornig ist:
Jesus ward gelabt mit Gallen,
Deß sollen wir an ein Kreuze fallen!

so knieten sie alle nieder, und schlugen kreuzweis mit ausgebreiteten Armen und Händen auf die Erde, und hatten sich besondere Zeichen ausgedacht, daß, welcher ein Ehebrecher war, der legte sich auf die Seite, und wer einen Mord begangen, legte sich auf den Rücken, und wer meineidig war, der streckte zwei Finger neben dem Daumen in die Höhe, wie ein Schwörender; so hatten sie der Zeichen viele für die Hauptlaster und Sünden. Wenn sie nun lagen, blieben sie so lange liegen, als man fünf Vaterunser spricht, dann kamen die zwei Meister, und gaben jedem einen Streich mit ihrer großen Geißel, sprechend: Steh auf, daß Dir Gott alle Deine Sünden vergebe! dann erhoben sie sich zu knien, und der Vorsänger begann den Gesang:

Nun recket auf eure Hände,
Daß sich solch Sterben wende!
Nun recket auf eure Arme,
Daß Gott sich über uns erbarme!

So reckten sie Alle ihre Arme kreuzweise empor, und schlugen drei oder viermal die Brust, singend:

Nun schlaget euch sehre,
Durch Christus Ehre!
Um Gott so laßt die Sünde nunmehre!
Durch Gott so laß die Hoffarth faren,
So will sich Gott über uns erbarmen!

Mittlerweile erhoben sie sich, und hielten ferner den dreimaligen Umgang und sangen, sich blutig geißelnd:

Jesus, durch deine Namen drei
Nun mach' uns hier von Sünden frei,
Jesus, durch deine Wunden roth,
Behüt uns vor dem jähen Tod!
Damit er sende seinen Geist,
Und uns das kärglich leist'!

Frau und Mann ihr Eh zerbrechen
Das will Gott selber an ihnen rächen,/
Schwefel, Pech und auch die Galle,
Das gießet der Teufel in sie alle:
Fürwahr, sie sind des Teufels Spott,
Dafür behüt uns, lieber Gott!
Die Eh', die ist ein reines Leben,
Die hat uns Gott selber gegeben.

Ich rath euch Frauen und Mannen,
Um Gottes Willen, ihr sollt Hoffarth bannen:
Darum bittet euch die arme Seele,
Um Gott, lasset Hoffarth nunmehre.

Christus rief im Himmelreich
Seinen Engeln allzugleich:
Darum will ich sie auch lassen vergehn;

Maria bat ihr Kind so sehr:
Liebes Kind laß sie dir büßen,
Das will ich schaffen, daß sie müssen
Bekehren sich, das bitt ich Dich!

Ihr Lügner ihr Meineidschwörer,
Beichtet rein und lasset die Sünde euch reuen,
So will sich Gott in euch verneuen!
O weh du armer Wucherer,
Du bringst ein Loth auf ein Pfund,
Das senkt dich in der Hölle Grund!

Ihr Mörder und ihr Straßenräuber,
Ihr seid dem lieben Gott zuwider,
Ihr wollt euch über Niemand erbarmen,
Darum seid ihr ewiglich verloren.

Wär' diese Buße nicht geworden,
Die Christenheit wäre gar verschwunden,
Der leidige Teufel hat sie gebunden,
Maria hat gelöst unsre Bande./

Sünder ich sage Dir liebe Mähr,
Sankt Peter ist Pförtner,
Wende Dich an ihn, er läßt Dich ein,
Er bringt Dich vor die Königin.

Lieber Herr Sankt Michael,
Du bist ein Pfleger aller Seel,
Behüt uns vor der Höllen-Noth
Das thu durch deines Schöpfers Tod!

Wenn nun der Umgang gehalten war, so drängten die Reichen und die ehrbaren Bürger hinzu und luden die Geißler zu sich, und nahm jeder auf, so viel er herbergen konnte, denn keiner von der Brüderschaft durfte Herberge bitten, noch ungeladen ein Haus betreten; keiner durfte auch mit einer Frau reden, wer das brach, der kniete vor dem Meister und beichtete ihm, und dieser hieb ihn mit der Geißel und sprach:

Steh auf durch der reinen Marter Ehre,
Und hüt' dich vor der Sünden mehre.

Unter den Geißlern waren Ritter, Bürger und Priester, aber kein Priester durfte ihr Meister sein. Zweimal des Tages nahmen sie die öffentliche Geißelung vor. Wenn sie einen Ort verließen, so zogen sie in Procession aus, wie sie gekommen waren, mit Kreuzen, Fahnen und Kerzen, und geißelten sich. Wieder wurde mit allen Glocken geläutet und die Geißler sangen:

O Herre Vater, Jesu Christ,
Wennt (welcher) Du allein ein Herre bist!
Der uns die Sünde mag vergeben,
Nun friste uns Herre auf besser Leben,
Daß wir beweinen Deinen Tod,
Wir klagen Dir, Herr, all unsre Noth.

Auch sangen sie unter vielen andern Liedern, die in der Geißelfahrt gedichtet wurden, und wieder verloren gegangen sind, eins, welches begann:

Es ging (erging) sich unsre Fraue,
Kyrieleis,
Des Morgens in dem Thaue,
Alleluja!
Gelobt sei Maria!
Da gegegnete ihr ein Junge,
Kyrieleis!
Sein Bart war ihm entsprungen,
Alleluja!
Gelobt sei Maria! etc.

Die Sektenschaaren der Geißelfahrer mehrten sich so, daß fast jede Woche ein oder zwei gezogen kamen; sie sprachen, die Geißelfahrt solle zweiunddreißig Jahre währen, nach dem Alter des Heilands, aber sie währte nur ein halbes Jahr. Auch in Thüringen fanden sie großen Anhang, doch in Erfurt wurden sie nicht eingelassen, da sie angezogen kamen dreitausend Köpfe stark, und wandten sich nach Ilversgehofen. Bald kamen sie in übeln Ruf, wurden der Unzucht und anderer Laster, die im Gefolge des Wallfahrerlebens noch immer sind, beschuldigt, zumal zuletzt auch Weiber und Kinder mitliefen, die aber auch für sich Geißelfahrten anstellten, und da sie Wunder thun, Todte erwecken wollten, da sie den Gottesdienst störten,/ die Geistlichkeit verachteten, sso that sie der Papst in den Bann, und verbot das anstößige und öffentliche Geißeln, es jedem freistellend, sich heimlich zu geißeln, so viel er wolle. Zuletzt wurden viele gehenkt, ehrlos gemacht, und verwiesen. Damals schrieb der Papst ein großes Jubeljahr aus, da verlief sich das müssige und liederliche Gesindlein, und wallte zum Theil nach Rom. Und die mit Geißeln gegangen, und die von Rom zurück kamen, waren schlimmer, als sie zuvor gewesen.
Und hernach, als das Sterben, die Judenschlächterei, Geißel- und Romfahrt ein Ende hatte, hub die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein.

*) Ich theile hier mit Absicht das überall nur fragmentarisch begegnende Geißlerlied so vollständig mit, als es mir möglich ist. (TSS III S. 68-77)

TSS Nr. 3.1.22: Die Flegler
Es war wirre und wilde Faustrechtzeit im ganzen deutschen Reich. Die Ritter und Edeln hat/ten mehr als ein Beispiel landschädlicher und aufrührerischer Zusammenrottung gegeben, es war kein Wunder, wenn auch das Volk hie und da Lust bekam, solchen Beispielen zu folgen. Da sammelte sich um das Jahr 1412 um einen Stegreifritter, Friedrich von Heldrungen, ein großer Haufe gemeinen Volkes, Bauern, Waldleute, u.a. aus den Harzgegenden, und zogen umher mit Aexten und Dreschflegeln, Mistgabeln und Schürbäumen, und wollten Befreiung von allen Lasten, Gütergemeinschaft und Herrenlosigkeit. Diese Rotte zog im Lande herum sengend und brennend, plündernd und raubend, und ihr Thun war, wie es in einem alten Gedicht von ihnen heißt:

– toben als rasend Hund
„Gemein! gemein!" schrien sie zu aller Stund.

Man nannte sie Flegler, und sie selbst nannten sich so, weil ihre Hauptwaffe ein Dreschflegel war. Sie brachen die Feste Hohnstein*), fingen einen Grafen, während der andre im Hemde entfloh, und vom Abt des Kloster Ilefeld mit Kleidern und einem Pferd versehen wurde, der nun in Thüringen Hülfe suchte und fand. Uebel erging es hierauf den Fleglern; viele, die nicht im Gefecht umkamen, wurden zu Tode gegeißelt, paarweise noch dazu zusammengekoppelt, wie Jagdhunde. Auch der Hauptmann dieser unritter/lichen Bande, Friedrich von Heldrungen, verlor sein Leben in dieser Fehde, ein Harzköhler erschlug ihn; seine Güter fielen an den Grafen Heinrich von Hohnstein, den er von seiner Burg vertrieben.

*) Siehe den Sagenkreis der Grafschaften Hohnstein, Stolberg und Kirchberg. (TSS III S. 80-82)

TSS Nr. 3.2.2: Der schwarze Ritter
So lautet eine andere Kunde: Ernest hatte einen Nachkommen, Namens Sieghart, dessen Sohn hieß Wittekind, zubenannt der schwarze Ritter, und lebte zu den Zeiten Pipins, des Frankenkönigs, und Karls des Großen. Er war berühmt als ein gewaltiger Kriegsmann, streng und tapfer, und diente als Feldherr dem Sachsenkönig Edelhart gegen die Franken. In einer großen Schlacht jenseits der Weser, nicht weit von Iburg, focht er wie ein grimmiger Löwe, erlegte manchen kühnen Franken, machte drei fremdländische Ritter, Thomas de Abbatia, Heribertus de Granada und Grimhold de Iberia, zu Gefangenen und schenkte sie seinen Befreundeten als Beutepfennig. Später aber geschah es, daß der schwarze Ritter von Kaiser Karls Genossen gefangen, nach Frankreich ge/führt und fünf Jahre lang in Haft gehalten wurde, weil er sich weigerte, das Christenthum anzunehmen. Endlich aber auf das Zureden des großen Kaiser Karl ließ er sich taufen. Kaiser Karl machte den tapfern Wittekind zum Feldherrn über das Heer, das er nach Spanien gegen die Saracenen sandte, und der Ritter bat ihn, daß er ihm gestatten möge, zuvor seine Söhne zu sehen und zu segnen. Die kamen dann mit 200 Rittern gen Worms, und da Karolus die zwei Jünglinge von trutzigem Antlitz und Gemüth sah, sprach er: Es ist wahr, daß ein Wolf kein Lamm erzeugt. Hierauf ließen sich auch diese beiden, Walprecht und Wittekind, taufen, welche die Namen Ludwig und Karl empfingen, und Kaiser Karl begnadigte sie mit einem großen Stück Landes am Thüringer Walde, und Ludwig wurde der Ahnherr der Grafen von Gleichen in Thüringen. Dieser baute seine Burg ohnweit dem Schlosse Mühlberg in ein heitres fruchtbares Gefilde, auf einem frei aufsteigenden hohen Berg, unter dem die Landstraße aus dem Walde nach Franken sich hinzog. (TSS III S. 107/8)

TSS Nr. 3.2.4: Die Gleichische Doppelehe
Es war im Jahr 1227, daß Kaiser Friedrich der zweite eine Meerfahrt gegen die Saracenen unternahm, ihnen das heilige Grab abzugewinnen. Da entbot Landgraf Ludwig der Fromme alle seine Vasallen und die Ritterschaft des ganzen Thüringer Landes, und ließ sich nebst ihnen mit dem Kreuze zeichnen.*)
Unter den Grafen und Herren, die ihn begleiteten, war der Besten einer Graf Ernst von Gleichen. Treulich folgte er seinem/ Lehensherrn, dem edlen Ludwig, und weinte mit an seinem Sterbebette zu Otrando, andre sagen, zu Hidrunt oder Brundus, wo der Landgraf an einem hitzigen Fieber starb. Der tapfre Graf von Gleichen blieb jedoch ferner im Heere des Kaisers und stritt mit großer Tapferkeit und Heldenmüthigkeit gegen die Heiden, nachdem der Kaiser glücklich zu Akkon oder Ptolemais angelangt war. Dieser schloß einen Waffenstillstand mit dem Sultan und kehrte zurück, den Grafen mit Andern zum Schutz der befestigten Stadt zurücklassend. Nun ritt Graf Ernst von Gleichen eines Tages mit nur zwei Dienern aus Akkon, um einen Streifzug zu machen, denn die Unthätigkeit mißhagte ihm; er entfernte sich aber allzuweit von der sichern Verschanzung, stieß auf einen großen Haufen Araber und wurde nach tapferer Gegenwehr gefangen genommen, als Gefangener nach Alkair geschleppt und dort an den Sultan verkauft. Grausam hart behandelt und wie ein gemeiner Sclave gehalten, brachte er mehre Jahre in der schwersten Dienstbarkeit zu. Da geschah es durch Gottes Fügung, daß die Tochter des Sultans, eine schöne, liebreizende Jungfrau, zärtliche Neigung zu dem Grafen gewann, dessen Knechtesgestalt seine männliche Schönheit nicht ganz verhüllen konnte, und dessen Biederkeit und Adel aus seinen treuen deutschen Augen sprach. Sie näherte sich ihm mit freundlicher Zusprache und suchte sein hartes Loos zu mildern; sein Diener hatte ihr seine Herkunft und/ seinen Stand vertraut. Die Neigung der Sultanstochter wuchs mehr und mehr und wurde starke Liebe, die sie so sehr überwältigte, daß sie selbst sich dem Grafen zum Weibe antrug und ihn frei zu machen verhieß. Wie lieb und wünschenswerth dem Grafen nun auch die Freiheit war, so sagte er der Sarazenenjungfrau doch offen und ehrlich, daß er bereits im Vaterlande eine Gattin und zwei Kinder habe, und daß sein Glaube ihm verbiete, mehr als eine Gemahlin, und noch dazu eine Heidin, zu besitzen. Sie erwiederte hierauf, daß sie gern Christin werden wolle, und konnte nicht begreifen, wie ein Glaube das verbieten könne, was im Orient allgemeine Sitte. Und die Liebe zur Freiheit besiegte endlich in dem Grafen die Bedenklichkeiten; er hoffte vom Papst Dispensation und von seiner Hausfrau Verzeihung, die ohne der Sultanstochter hülfreiches Erbieten zur Wittwe und Mutter vaterloser Waisen geworden wäre. Hierauf wurde durch vertraute Diener ein Schiff bestellt, darauf entflohen die Liebenden mit großen Schätzen, kamen nach Venedig und reisten nach Rom. Dort ward dem Papst die Sache vorgestellt, die schöne Sarazenin empfing die heilige Taufe, und der Graf die erflehte Erlaubniß, sich zu der einen Gemahlin in der Heimath hauch noch die zweite antrauen lassen zu dürfen. Und als dieß geschehen war, reisten die Glücklichen ohne Säumen nach Thüringen. Als sie noch zwei Tagereisen vom Schlosse Gleichen entfernt waren, eilte Graf/ Ernst voraus, seine Hausfrau vorzubereiten, die ihn alsobald erkannte und auf das zärtlichste willkommen hieß. Nun erzählte er ihr alles, seine Gefangennehmung, seine harte Sclaverei, seine endliche Erlösung durch die königliche Jungfrau, die Erhalterin seines Lebens, die Befreierin aus neunjähriger Knechtschaft, wie sie ihm zu Liebe gefolgt sei mit allen ihren Kleinodien und Schätzen, ihm zu Liebe den Christenglauben angenommen, in Rom getauft worden sei, und bewegte das Herz der edlen deutschen Frau so, daß sie gern und freudig in das willigte, was als einzigen Lohn ihrer großen Opfer die Sarazenin begehrte, wobei sie gelobte, ihr eine dankbare Freundin zu werden. Darauf gingen Graf und Gräfin von Gleichen mit großem Pomp und Gefolge der Fremden, welche des Weges nachgezogen kam, entgegen, und Gott fügte es, daß beide Frauen einander herzinniglich liebgewannen und in größter Eintracht mit einander lebten; auch ruhten die Drei so traut Verbundenen in einem Bette. Die Sarazenin, wie schön sie war, blieb mit Kindern ungesegnet, liebte aber desto mehr die Kinder der ersten Gemahlin und pflegte diese, wie wenn sie ihre eigenen gewesen wären. Und wie die beiden Frauen mit ihrem Gemahl ein Bette getheilt, so theilten sie auch mit ihm, als er ihnen, die vor ihm starben, bald nachgefolgt, ein Grab, auf dem Petersberge zu Erfurt, dem Gleichischen Erbbegräbniß.

*) Vergleiche Band I., Sage 20: Landgraf Ludwig fährt über Meer. (TSS III S. 109-112)

TSS Nr. 3.2.5: Die Doppelehe, eine abweichende Sage
Nach andern Kunden hieß jener Graf von Gleichen nicht Ernst, sondern Ludwig; er wurde in einem Treffen bei Ptolemais von den Sarazenen zum Gefangenen gemacht, nach Alkair gebracht und in einem wohlverwahrten Thurm eingekerkert. Dort sah die Sultanstochter am Fenstergitter des Thurms den schönen Gefangenen; sie erfuhr seinen Stand, und schenkte ihm ihre Liebe. Darauf nahm sie eines Freudenfestes wahr, warf sich zu ihres Vaters Füßen und erflehte von ihm die Gewährung einer Bitte. Als nun seine Liebe ihr diese unbedenklich zusagte, erbat sie die Freiheit des Gefangenen und seinen Besitz. Staunen und Bestürzung ergriff den Sultan, aber die Thränen und Bitten seines geliebten Kindes siegten, und er hielt sein Wort und erfüllte ihre Bitte. Mit Reichtümern und Schätzen aller Art ausgestattet, schifften sich die Liebenden nach Venedig ein, und alles begab sich, wie vorhin berichtet. Noch sagen Andre, es habe die Sarazenin dem Grafen vor ihrer Ankunft in Deutschland, da sie lange Zeit mit ihm traulich zusammengelebt, einen Sohn geboren, den beide in Blumenthal in Franken zurückgelassen. Der schöne Knabe sei einem reichen und angesehenen Mann/ zur Erziehung übergeben worden, der ihn zuletzt aus Liebe an Kindesstatt angenommen. Er wurde Landwirth, verheirathete sich später und ward Vater mehrer Kinder. Aus dieser Familie, so geht die Sage, wird Einer einst einen großen Schatz heben, wenn der rothe und gelbe Löwe aus der Mauer eines alten Schlosses wird weggeschafft worden sein. (TSS III S. 113/4)

TSS Nr. 3.2.9: Der Mordgarten
Am nordöstlichen Fuß des Burgberges Gleichen ist ein von Bäumen umschatteter Platz, den das Volk den Mordgarten nennt. Mancher Zweikampf ist dort vorgefallen. Vor hundert Jahren liebten ein Gothaischer Kammerjunker von Bose und ein hessischer Dragonerlieutenant von Buttler zugleich ein schönes Mädchen, das in Arnstadt wohnte und den Erstgenannten begünstigte. Sein unglücklicher Nebenbuhler sann darauf, sich zu rächen, suchte Händel, fand sie beim Spiel, und der einsame Baumgarten im Freudenthale wurde zum Kampfplatz erwählt. Pistolen waren die Waffe; auf den ersten Schuß v. Buttlers fiel v. Bose entseelt nieder. Die trostlose Geliebte des Gefallenen, der das Freudenthal auf immer zum Jammer- und Trauerthal wurde, und welche in banger Vorahnung dem Geliebten am Morgen sein Todtenhemd zugesandt hatte, darin er auch beerdigt wurde, ließ ihrem gefallenen Freund ein einfaches steinernes Kreuz nahe beim Mordgarten setzen, mit der Inschrift:/

Herr
CHRISTIAN FRIEDRICH CARL V. BOSE
wurde hier getödtet den 9. Maerz A.(nno) 1717.
Mein Blut hat mich befreit
Von der Höllen Rachen,
Mein Blut hier um Rache schreit,
Gott befehl ich meine Sachen. (TSS III S. 118/9)


TSS Nr. 3.2.18: Die Böhlersmännchen
Tief hinten im Jonasthale haben sich vor Zeiten oft, so geht die allgemeine Sage, kleine Zwerglein sehen lassen, die das Volk Böhlersmännchen nennt; sie kamen aus dem Böhlersloch, einer engen und schwer zugänglichen Bergschluft, und waren zwar gutartiger Natur, schadeten Niemand, übten aber doch an Manchem die dem Zwergenvolk eigne Tücke. Der ganze einsame Grund, der sich unter dem Namen des Götzenthales bis Espenfeld zieht, ist verrufen und wenig betreten. Manchem hat es sich dort schon aufgehockt, Manchen hat es irregeführt, es ist einmal dort nicht geheuer, ohne daß die Sage bestimmt Gestaltetes zu erzählen weiß. (TSS III S. 129/30)

TSS Nr. 3.2.19: Der Jungfernsprung
Aus dem Götzenthal gelangt man nach Arnstadt zu in das minder enge Jonasthal. Dort gipfelt sich eine wohl 100 Fuß hohe senkrechte Felsenwand empor, welche den Namen der Jungfernsprung führt. Einst verfolgte ein zügelloser Mann zu Roß ein unschuldiges Mägdlein, um sie zu seinem Willen zu zwingen. Die Jungfrau floh odemlos über das Feld, immer näher kam ihr der Verfolger, als sie sich mit einem Male an dem furchtbar tiefen Abhang und ohne weitern rettenden Ausweg sah. Vor ihr drohte gewisser Tod, hinter ihr gewisse Schande, und entschlossen wählte sie den ersten, indem sie ihre Seele Gott und seinen Engeln befahl. Sie sprang hinab, im Augenblick, als schon der Verfolger die bübische Hand nach seiner Beute ausstreckte. Als er sah, daß sie seinen Augen entschwand, spornte er wild sein sich entsetzt bäumendes Roß und sprengte ihr nach. Zerschmettert sammt seinem Roß hauchte er in der Thaltiefe die Seele aus; aber über der Jung/frau hatten schirmende Engel die rettenden Hände gehalten, sie war unverletzt und sanft niedergeschwebt und kniete zitternd und dem Himmel für ihre Rettung dankend im Grunde. Den Fels nannte man bis auf den heutigen Tag den Jungfernsprung, und der Schönebrunn am Eingang des Jonasthales ist früher der Jungfernbrunnen genannt worden. (TSS III S. 130/1)

TSS Nr. 3.2.20: Der Kindertanz
Im Jahr 1237, den 15. des Brachmonats, hat es sich zugetragen, daß zu Erfurt eine Schaar von mehr denn eintausend Kindern, Knaben und Mägdlein, von einer sonderbaren Tanzlust ergriffen wurden. Sie machten einen Tanz durch den Steigerwald, über Waltersleben und Eischleben, Ichtershausen und Rudisleben, und tanzten bis nach Arnstadt, vier Stunden weit, wo sie gegen den Abend ganz ermüdet ankamen. Darüber wunderten sich die Bürger von Arnstadt, nahmen die Kinder bei sich auf und gaben ihnen Herberge über Nacht, sandten auch Botschaft nach Erfurt, denn die Aeltern der Kinder wußten nicht, wohin sich diese gewendet hatten. Am andern Tage kamen die Erfurter Bürger mit Wagen gefahren, bedankten sich/ für erwiesene Gastfreundschaft bei den Arnstädtern, und führten ihre Kinder wieder heim. (TSS III S. 131/2)

TSS Nr. 3.3.1: Teufelsbad und Teufelskreise
Auf dem Schneekopf, der gleich der Schneekoppe des Riesengebirges seinen Namen von dem lange und am längsten darauf liegenbleibenden Schnee erhalten, nicht weit unter seinem Gipfel, sind weit und breit verrufene Sumpfstellen, welche die Teufelskreise genannt werden. Wer sich in diese sumpfigen Gebiete verirrt, vermag sich schwerlich wieder herauszufinden, zumal wenn der Geist des Gebirgs die ganze Gegend in Nebelschleier hüllt. Am schlimmsten und gefährlichsten ist aber das ausgedehnte Moorloch, welches das Teufelsbad heißt, denn das ist unergründlich; wer hineinfällt, kommt nie wieder an das Tageslicht. Doch hörten wir sagen, daß in einen der Kreise geworfene leichte Körper in einem Brunnen zu Arnstadt wieder erschienen wären, und als Einige droben Blut hineingegossen, sei dasselbe zu Mäbendorf, im Thale der Hasel, aus einem Felsbrunnen wieder hervorgequollen. Wer sich darin badet, sagt der Name. Mancher ist schon übel dort angekommen, Manchen hat es auch bloß geneckt. Vieles erzählt sich das Volk davon, wie die Geister sonst auf diesen waldigen und einsamen Höhen ihr Wesen getrieben. Vor Alters war auch am Schneetie/gel oben ohnweit der Teufelskreise ein Bergwerk; es konnte aber nicht weit fortgebaut werden, sondern mußte wegen des Gespensterspuks unbebaut liegen bleiben; so ist in alten Büchern davon geschrieben.
Ein armer Bergmann ging einst des Abends nach Hause, da begegnete ihm ein großer stattlicher Reitersmann, in einen rothen Mantel gehüllt, und fragte ihn, ob er ihm wohl gegen ein gutes Trinkgeld den Weg auf den Schneekopf und zu den Teufelskreisen zeigen wolle. Der Bergmann war sehr arm, der Mond schien hell und klar, und so entschloß sich jener zu dem Gang. Bei den Teufelskreisen angekommen, ließ sich der Reiter an den größten führen, stieg vom Roß, gab das dem Bergmann zu halten, breitete seinen Mantel auf die Erde, und hieß jenen harren, bis er wiederkomme, und Acht haben, ob das Wasser sich nicht blutroth färbe. Geschehe dieses, so werde er nicht zurückkehren, und dann solle er Mantel und Roß zum Lohn nehmen und nach Hause gehen. Und darauf stieg der Fremde in die Lache, welche man das Teufelsbad nennt, hinein und versank. Der Mond schien so hell, daß der Bergmann alles genau sehen konnte, dem ein großes Grauen ankam. Doch das Wasser blieb unverändert; der Fremde stieg wieder heraus, that seinen Mantel um, bestieg sein Roß und ließ sich von dem Bergmann durch den Wald wieder auf die Straße füh/ren. Dabei befahl er ihm, seinen Kober*) mit dem Laub von den Büschen zu füllen, die er am Wege finden würde, und ritt dann davon, ohne Dank und Lohn, und der Führer hatte vor mächtigem Grauen gar nicht den Muth, daran zu erinnern. Auf dem Heimweg wurde dem Bergmann bange vor der schmählichen Zunge seines Weibes, wie das ihn anlassen würde, wenn er so spät in der Nacht heimkomme und nichts bringe, als einen Kober voll Laub, schüttete daher dasselbe verächtlich aus und empfing daheim, als er erzählt, was ihm begegnet war, richtig seine Strafpredigt, die er mit gewohnter Geduld ertrug. Am andern Morgen wollte die Frau ihm das Essen in den Kober thun, da sich denn fand, daß jedes hängen gebliebene Blättlein Laubes sich in ein Goldstück verwandelt hatte. Nun merkten Beide erst mit großem Verdruß, was es mit dem so unklug weggeworfenen Laub für eine Bewandtniß gehabt.

*) Leichter Deckelkorb aus Flechtwerk. (TSS III S. 148-150)

TSS Nr. 3.3.3: Der Jägerstein
Eine Strecke unter den Teufelskreisen mitten im Walde steht ein einfacher Denkstein; derselbe hat eine Inschrift, welche aussagt, daß am 16. Sept./ 1690 an dieser Stelle der F. S. Förster zu Gräfenrode durch seinen Vetter und Schwestersohn unversehens erschossen worden sei, darüber im Volk Folgendes erzählt wird: Der Förster lebte mit dem Jägerburschen sehr uneinig und suchte Ursache, ihn zu turbiren. Nun ließ sich zum öftern ein großer Hirsch blicken, und dem Burschen ward Auftrag, den Hirsch zu schießen. Allein so oft dieser auch schoß, so oft fehlte er den Hirsch, darüber es denn der Förster an Hohn und Vorwürfen nicht fehlen ließ. Als nun der Jägerbursche, Johann Caspar Greiner, Einem sein Leid klagte, wurde ihm Etwas angerathen, was er auch that; er ging nämlich hin in die Glashütte auf den Gehlberg, und ließ sich eine gläserne Kugel machen, welche er in seine Büchse lud. Hierauf ging er an jenem Tage wieder auf den Anstand, und es währte gar nicht lange, so erschien auch der stattliche Hirsch. Der Jäger zielte, schoß – und der Hirsch stürzte augenblicklich zusammen; eilig lief der Schütze hinzu, da sah er mit Entsetzen, daß er keineswegs einen Hirsch, sondern seinen Herrn erschossen hatte. Die Kugel war ihm durch den Schlaf gegangen, und er zuckte nicht mehr. Selbst das Gräfenroder Kirchenbuch sagt aus, daß Jener erschossen worden sei: in Verblendung einer Hirschgestalt. (TSS III S. 151/2)

TSS Nr. 3.3.8: Zigeunerkind
Viel wird auch gesprochen von Zigeunern, die sich in den ausgedehnten Waldungen um den Schneekopf aufgehalten. Einst wurde auf Solche gestreift von Jägern und Kreisern, und ein Jäger fing ihrer etliche, dabei ein junges Kind war. Im Fortführen der Gefangenen erwischte das Kind ein Gewehr und schoß den Jäger nieder. Das that es mit einer gläsernen Kugel, die ihm in den Hals fuhr und im Kopfe stecken blieb. Die Zigeuner entwichen. (TSS III S. 158)

TSS Nr. 3.3.16: Die Jungfrau am rothen Stein
Rechts von der Hochstraße nach Oberhof, ehe man nach dem sogenannten Oberland kommt, liegt im nahen Felde am Wege ein rothfarbiger Porphyrfels, der rothe Stein genannt, darauf oben ein wilder Rosenstrauch wächst, und unten daneben entspringt ein kleines Bächlein, das rothe Bächel. Davon geht die allgemeine Sage, daß in dem Felsklumpen eine Jungfrau verzaubert ist; viele Leute wollen sie auf dem Stein haben sitzen sehen, Andre behaupten, sie gehe bisweilen, etwa alle 7 Jahre, herab, überschreite das Bächlein, oder wasche sich darin, und gehe dann zurück. Einst ging ein Mann des Wegs dahin, da hörte er es aus dem Stein nießen, sah aber nichts, doch rief er: Gott helf! Das geschah noch fünfmal hinter einander. Als es aber zum siebenten Mal nießte, da wurde er ungeduldig und rief ärgerlich: Ei Du verdammte Hexe laß mich in Frieden und/ habe ehrliche Leute nicht zum Narren! und ging davon. Da hörte er eine klagende Stimme aus dem Stein, rufend: O hättest Du mir doch auch das letzte Mal gewünscht, daß Gott mir helfe, so hätte er mir geholfen und Du mich erlöst, nun muß ich im Stein bleiben bis zum jüngsten Tag. – So ist es auch geschehen, daß eines Tages ein Hochzeitzug von dem Oberlande nach der Stadt ging, Musik voran, jubelnd und lärmend, am Stein und rothen Bächlein vorbei, da hörte man eine Stimme aus dem Stein rufen: Heute roth, übers Jahr todt! – Und ein Jahr darauf war die junge Frau todt. Seidem schweigt an jener berufenen Stelle jeder Hochzeitzug, er mag von oben nach der Stadt, oder aus der Stadt hinauf zum fröhlichen Mann, sich dort zu vergnügen, kommen, und wandelt dort still vorüber. (TSS III S. 167/8)

TSS Nr. 3.3.21: Von der Steinsburg bei Heinrichs. Zweite Episode
Auf der Steinsburg hat, der Sage nach, vor uralten Zeiten ein Schloß gestanden; man findet aber nichts mehr davon, als große Basaltstücke, welche eine Art Eingang in die Tiefe wie in einen Keller zu bilden scheinen. Große Schätze sollen dort im Bergesinnern noch vergraben liegen.
Ein Steinmetzmeister in Suhl hatte viel von diesen Schätzen reden hören, auch mannichfach nachgeforscht und oft geträumt, so daß er glaubte, bestimmt zu sein, sie zu heben. Er machte sich daher mit seinen sechs Gesellen auf und begannen nachzugraben. Nach langer Arbeit kamen sie auf eine eiserne Thüre, als es bereits dunkelte, und verschoben voll Hoffnung das Aufbrechen derselben und die fernere Arbeit auf den nächsten Tag. In aller Frühe machten sie sich wieder auf, allein als sie an Ort und Stelle kamen, war weder von der Thüre, noch von ihrer Arbeit eine Spur zu sehen; alles war, wie früher. Nun machten sie sich wieder frisch an die Arbeit, beschlossen aber, die Nacht auf dem Berge zuzubringen. Und als es dunkel wurde, waren sie wieder so weit, wie vorher, wieder an der eisernen Thüre. – Der Morgen schien ganz hell, wie sie aufwachten und einander staunend ansahen; es war wieder alles, wie zuvor, und sie waren allzumal von einem unwiderstehlichen Schlaf befallen worden. Daran nahmen sie wahr, daß ihre Arbeit vergeblich sein möchte, und gingen nach Hause.
So trieb der Urgroßvater des jetzigen Hirten zu Heinrichs einst seine Heerde hinauf auf den Hutrasen bei der Steinsburg. Der erblickte auf einmal eine weiße Lilie vor sich stehen, die ihm gar zu wohl gefiel, darum pflückte er sie und steckte sie auf seinen Hut. Alsbald erschien ihm eine weiße Gestalt, die ihm winkte. Er folgte ihr in das Gebüsch und erblickte bald eine zuvor nie gesehene eiserne Thüre, durch welche der Geist ihn in ein Gewölbe führte, darin Waffen und Schätze von Gold und Silber aufgehäuft waren. Schweigend bedeutete ihn die Erscheinung, davon zu nehmen, so viel er fortbringen könne. Er that's auch, füllte die Taschen, nahm den Hut ab, füllte auch den und ließ die Blume fallen. Als er sich nun zum Weggang wandte, rief ihm der Geist mit kläglicher Geberde nach: Vergiß das Beste nicht! – Der Hirte sah sich um, wußte nicht, was gemeint sei, dachte nicht an die Lilie, und da ihm ein großes Grauen ankam, enteilte er. Krachend schlug die Thüre hinter ihm zu und verletzte ihn schwer an der Ferse. Lange mußte er an der Wunde kuriren. Niemand hat seitdem wieder den Schlüssel zu den Schätzen gefunden, der liegt im Gewölbe begraben. Die Familie des Hirten aber wurde durch jenen Fund wohlhabend. (TSS III S. 171-173)

TSS Nr. 3.3.25: Die Jungfrauen auf dem Rupberg
Oft schon haben die Köhler am Rupberg bisweilen eine, bisweilen drei weiße Jungfrauen erscheinen sehen. Es sind verwünschte Fräulein aus der alten Ritterburg, die auf dem Berg stand; Niemand weiß, warum sie wandeln müssen. Einem Holzbauer ist es begegnet, daß er, wie er von Mehlis auf den Berg an sein Geschäft ging, im Walde ein Fräulein erblickte, das vor ihm herging. Auf einmal nießte es, und der Holzhauer sagte: Gott helf! aber das Fräulein drehte sich nicht um, dankte auch nicht. Nach einer Weile nießte es abermals, und der Holzmann sagte wieder: Gott helf Dir! Das Fräulein schwieg und ging weiter; bald nießte es zum dritten Mal, da lief dem Holzmann die Laus über die Leber, und er rief ärgerlich: Ei so helf Dir der Teufel, wenn Dir Gott nicht helfen will! Auf dieses Wort drehte sich das Mägdlein um, sah den Holzbauer traurig an und sprach mit beweglicher Stimme: Hättest Du noch einmal gesagt: Gott helf! so war ich erlöst und Dein Glück war gemacht. Hierauf verschwand sie vor seinen Augen an einem alten Buchenstock, der noch im Walde steht. (TSS III S. 180/1)

TSS Nr. 3.3.26: Drei Viertel für ein Pfund
Oben bei Mehlis, dem reissenden Stein (Reissigerstein in der Volkssprache) gegenüber, ist das sogenannte lange Thal gelegen. Dort ist eine Frau umgegangen mit einem Schlüsselbund. Die erschien den Leuten in der Mittagsstunde und schrie wehklagend: Drei Viertel für ein Pfund! Drei Quärtchen für eine Kanne! Das mußte sie thun, weil sie bei Lebzeiten einen Kram gehabt und die Käufer betrogen hatte. Jetzt sieht und hört sie keiner mehr, sie wird wohl endlich erlöst sein. (TSS III S. 181)

TSS Nr. 3.3.28: Von em Bergkmo. (Von einem Bergmann.) (Benshäuser Dialekt.)
Bei Benzzause senn vor aue1] Zeite ag Bergklöcher gewast, un es senn Bergleut da dehemm2] gewast. Von denne3] ging emal enner an en Sonnabed zer Beicht, u denn Sonntig drauf wolle zum Abendmoihl gäehe. Nu weiß mer abber von jeher, daß mer niß meh arbet sou4], bamme5] gebeicht hat, sonner me muß sei Gedoanke dahi richt u muß dehnk, bu me gewaßt iß. Der Bergkmo wott abber sei beßle Lueh6] nett verliehr, u fuhr doch nach der Beicht o. Abber e waer auererst7] in die Grube nei, aus8] mit aimail das Log verfällt und un begrabt, so daß ma von Bergklog niß meh hat gesäehe und net gewoßt hat, bus9]/ gewahst waer. – Nag honnert10] Jaeren komme un annere Bergkleut vonnere annere Grube hergegrabe u komme ag on die, die vor honnert Jaern versaue11] waer, u senne12] en Bergmo doe lenn13], der en lange große Bart hatt un thät, es banne14] schlief. Se weckenen auff, u bi he die Auge uffschläet, so fräegt e gleich: obs schn zesammegschlöh hett, e mößt zum heilige Abendmoihl gäehe. De Annern säche14] zu em, es eß kei Sonntig heut, sonnern Werkeltagk und kei Kerche, und da gett mer nett zum Abendmoihl. – Doch! sprecht he: nächte16] bin ich en der Beicht gewast, u heut mues ig zum Abendmoihl gäehe. – Se brengenen aus der Grube u nach sein Verlange en die Kerche un lasse den Pfarre ho17] un der gitten18] das heilige Abendmoihl, u bi ers empfange haet, da störzt e zesomme u is e Häuffle Aesche.

1] alten, 2] zu Hause, 3] diesen, 4] soll, 5] wenn man, 6] Lohn, 7] kaum, 8] als, 9] wo es, 10] hundert, 11] verfallen, 12] finden, 13] liegen, 14] als wenn er, 15] sagen, 16] gestern, 17] holen, 18] giebt ihm. (TSS III S. 183/4)

TSS Nr. 3.3.29: Die Brout en Garte. (Die Braut im Garten.)
In Benzzause waer ag eimoil e Brout, abber se waer net 1] glöcklich, weil se örn Bräutigöm net/ gern hät, u der ir oufgedrounge waer. Als se nu en der Kerche gekopelirt sou wär, läuts zum erstemoil, u beimme zweitemoil Läute es se fix u fertig ohgezöh2], flennt3] in sprecht: ig well ner nog e beßle naus in Garte geehe u fresche Luft schöpf, u widder komm, banns4] zesommeschläit; abber kä Mensch, ag ör Bräutigöm net, dorft mitter.5] Bi se in Garte ahgekomme waer, so heult se förchterlich übber örr Uglöck, u da stett mett eimoil e fremer Mo6] bei er, den se nog nie gesäie hat, un fräigt se öm irrn Kommer, u se sät en aues, bih's er öms Heerz waer. Da trüst se der Mo u fängt o, u lobt örn Garte gar sehr un sprecht von diesen und jenn, öm ner de Brout off annere Gedahnke ze brenge, un se zeigt en aues en örn Garte. Nachdem säit der Mo, se soll eg eimoil mit en seinn Garte gäche un sech ömsäieh; sei Garte lag abber ganz darnabe7] nahe örn, un doch hatten de Brout noch keimal gesäehe, wiwo8] er gar sehr schüi waer. Da waren auerhand schünne Blumme denn, Vögu9], die ihr noch keimal fürgekomme waren, pfefe denn,10] Alee u Gartelabe11] gabs, Sprengbrönn u Beer auerlei Aert, aues gar sehr schüi u prächtig; dazu sprach der Mo, der er den Garte wehs12], gar sehr freundlich u ohgenahm mit er, bis of aimoil/ zesomme schlugk; da nohm der Mo höflich u fei züchtig Abschied zweche örn un sein Garte, un die junge Brout ging nu widder eus Haus zeröck, öm zer Kopelation met örn Bräutigöm en de Kerche ze ziehn. Assa13] abber ens Haus kam, bleb er der Verstand stenn, denn da waren annere, ör ganz fremme Leut zegöh14] anners gekleidt, un von en Bräutigöm, un von Huizigäst, un von örn Geschwister, vo Vater un Moitter waer niß ze senn un ze höre. Nu forscht mer nag, un so fand sich's denn en Kerchebug, daß vor honnert Jarn emal e Brout vor dem Zesommeschlöinnn in den Garte gegange un nett widder gekomme waer.

1]nicht, 2]angezogen, 3]weint, 4]wenn es, 5]durfte mit ihr, 6]fremder Mann, 7]daneben, 8]wiewohl, 9]Vögel, 10]pfiffen darin, 11]Gartenlauben, 12]wieß (zeigte), 13]Als sie, 14]zugegen. (TSS III S. 184-186)

TSS Nr. 3.3.34: Frau Holle und der treue Eck(a)rt
In dem Flecken Schwarza ist es geschehen, daß an einem Weihnachtsabend Frau Holle mit ihrem wüthenden Heer durch den Ort zog. Vor dem Heere her ging der treue Eckart, und warnte die Leute, daß sie aus dem Wege gingen. Da fügte es sich, daß ihm zwei Knaben begegneten, die gerade aus dem nächsten Dorfe Bier geholt; diese gehorchten auch der Warnung des Alten, da sie Schatten ansichtig wurden, und versteckten sich in eine Ecke, das Heer vorüber zu lassen, aber einige Furien traten zu ihnen, ergriffen ihre Kannen, und tranken das Bier aus. Als der ganze Zug und Spuk vorbei war, kamen die Knaben aus ihrem Winkel hervor und gingen nach Hause, waren aber sehr bekümmert, und wußten nicht, was sie vorwenden sollten, wenn sie nun kein Bier mitbrächten. Wie sie darüber sich berathschlagten, trat der treue Eckart zu ihnen und sprach: Wohl habt ihr gethan, daß ihr das Bier freiwillig hergegeben, sonst wären euch von den wilden Weibern die Hälse umgedreht worden. Gehet nur getrost heim mit euren Kannen, und saget in dreien Tagen Keinem von dem, was ihr gehört und gesehen. Die Knaben thaten also, und wie sie heim kamen, brachten sie volle Kannen, und so oft daraus eingeschenkt wurde, wurden die Kannen nimmer leer, so lange sie schwiegen. Als sie aber das Stillschweigen brachen, war das Bier alle, und die Sache aus. (TSS III S. 190/1)

TSS Nr. 3.3.57: Vom Grimmenthal
Wo sich vom Dorf Einhausen das von der Hasel durchflossene Thal über Ellingshausen nach Schwarza hin zieht, nannte man es ehedem das grüne Thal, wegen seiner Grüne. Dort hat am Ausgang des grünen Thales in das Thal der Werra ein alter Bet- und Opferstock mit dem Bilde der Jungfrau Maria gestanden, unter einer mächtig großen Linde, vom Gestripp umwachsen und fast ganz vergessen. Nun trug sich's zu, daß ein Rittersmann, Heinz Teufel, der in Obermaßfeld wohnte, auf einem Jagdritt von schwerer Leibesschwachheit überfallen wurde, sich zu dem Bilde schleppte/ und dort um Hülfe flehte. Und da sein Geprest alsbald ein Ende nahm, schrieb er es dem Bilde zu, verkündete dessen Wunderkraft, machte eine fromme Stiftung und baute eine Kapelle über das Holzbild. Darauf erhob sich eine große Wallfahrt, und der Ruf des wunderthätigen Marienbildes breitete sich nach allen Seiten aus, so daß die Menschen aus allen Landen schaarenweise gezogen kamen, Lahme, Blinde, Taube, Preßhafte aller Art, davon es vielen im Traum vorgekommen war, sie würden im Grimmenthal, wie man die Wunderstätte im grünen Thal hernach nannte, Hülfe und Genesung finden. Und Vielen half der feste Glaube. Darum baute hernach der Fürstgraf Wilhelm von Henneberg an den Ort eine prächtige Wallfahrtkirche. Viele Wunder that die Mutter Gottes im Grimmenthal, davon nur eins: In Meiningen saßen drei Gefangene in harter Verstrickung im großen Burgthurm, die riefen die Maria vom Grimmenthal an, und siehe, sie erschien ihnen und erledigte sie ihres Gefängnisses, daß sie ohne menschliche Hilfe frei und ledig gingen, diese nahmen alsbald ihren Weg nach Grimmenthal, prießen und dankten. Es sind in Grimmenthal in einem Jahr 44,000 Waller gewesen, und es klingt wunderbar, wenn man ließt, daß 1503 zur Pfingstzeit auch gegen 300 mohrische Ritter, welche durch Schlesien hergezogen kamen, dort ihre Andacht verrichteten. Doctor Luther eiferte sehr gegen diese Wallfahrt, sprach und schrieb / von ihr: Daher ist kommen der große Betrug des Teufels mit dem Wallfahrten in das Grimmenthal, da die Leute verblendet, als wären sie toll und thöricht, Knechte und Mägde, Hirten, Weiber, ihren Beruf ließen anstehen und liefen dahin. Ist recht Grimmenthal, vallis furoris. – Und bald nach der Reformation nahm die Wallfahrt ein Ende. Jetzt steht an der alten Wallfahrtstätte ein schönes Hospital, und die Grimmenthalslinde, darunter das Muttergottesbild stand, grünt und blüht noch in jedem Sommer. Sie mißt 36 Fuß im Umfang.(TSS III S. 217-219)

TSS Nr. 3.3.63: Vom Gertles
Zwischen den drei Orten Themar, Marisfeld und Oberstadt, nahe bei Dachbach, liegt ein weites Feld, das Gertles (Gertlitz) oder Gätles genannt, dort hat vor Alters ein Dorf gestanden, und es ist darauf gar nicht geheuer. Ein Reisender wanderte über jenes Feld, da sah er plötzlich ein schönes Dorf vor sich liegen. Es war gerade Sonntag, und in dem Dorfe läutete es in die Kirche. Als er hinein kam, schritten die Leute auch ganz ernst nach derselben hin; ihre Tracht war aber auffällig alt und sonderbar, gar nicht wie heutzutage die Mode. Der Reisende fragte einige der Vorübergehenden nach dem Namen des Ortes, aber wen er auch fragte, der gab ihm keine Antwort, und alle wandelten so ruhig und still, ja lautlos, unhörbaren Trittes an ihm vorüber, als ob sie ihn gar nicht sähen. Dabei starrten ihre Augen ganz gläsern, und es kam den Reisenden ein übermächtiges Grauen an. Eilends verließ er den unheimlichen Ort, kam nach Themar und fragte gleich am Thor, was das für ein Dorf sei, und beschrieb es. Aber Niemand wollte es kennen. Seitdem hat es auch keiner wieder gesehen. (TSS III S. 225/6)

TSS Nr. 3.3.64: Im Gertles zwölf schlagen hören
Die Sage geht, wer es im Gertles zwölf schlagen hört, der kommt zu großem Glück; ein Solcher muß aber den Muth haben, jede der zwölf heiligen Nächte (vom Weihnachtsheiligabend bis zum h.(eiligen) Dreikönigtag) auf dem berufenen Felde zuzubringen. Ein Bauer aus Marisfeld war kühn genug zu diesem Wagniß, er ging jede Nacht in den Zwölften auf die öde Wüstung hinaus, und in einer derselben geschah, war er gewünscht, er hörte es plötzlich dich neben sich zwölf schlagen, aber es schlug mit einem so über alle Maßen entsetzlichen Ton, daß er bei den ersten Schlägen vor Schreck und Grauen zu Boden geschmettert wurde. Wie ein Todter blieb er in dumpfer Betäubung auf dem Felde liegen bis zum Morgen, wo er erwachte, sich mühsam aufraffte und bis in sein Dorf schleppte. Dort packte ihn ein heftiges Fieber und fesselte ihn ein Vierteljahr lang an das Krankenbett. Endlich/ besserte sich's mit ihm, und er fing wieder an zu arbeiten. Was er aber nun anfing, das glückte ihm und schlug ihm zum Nutzen aus, seine Scheuern füllten sich wie von selbst, seine Saaten blieben unverhagelt, seine Taschen wurden vom Geld nimmer leer, ja er durfte Steine säen, und es ging der schönste Waizen auf. Er wurde der reichste Mann des Ortes, das war seines Muthes Lohn. Darum ist in dieser Gegend das Sprichwort entstanden, wenn Einer schnell reich wird ohne sichtbare Ursache: Der hat es im Gertles zwölf schlagen hören. (TSS III S. 226/7 )

TSS Nr. 3.3.72: Die Nixe der Todtenlache
Einstmals geschah es, daß aus der Todtenlache eine Nixe herauskam, anzusehen, wie ein junges schlankes Mägdlein; um den Hals trug sie ein schwarzes Nüsterband*), um den Leib ein schuppiges Mieder, so seegrün, wie das Wasser der Lache, mit einem rothen Busentuch und vorgestecktem Perlenstrauß. Um die Lenden schlang sich ein scharlachrother Schurz, hintennach schleifte sie aber einen häßlichen Fischschwanz. Auf der Hudelburg, einem Wirthshaus ohnweit Rappelsdorf, wurde so eben ein Hochzeittanz gehalten, dorthin eilte flugs das Nixlein, setzte sich hinter den Tisch zu einem frischen Junggesellen, der lange Frieder geheißen, und trieb mancherlei Kurzweil mit ihm, der sie bald liebgewann, tanzte auch fröhlich mit ihm um die Linde. Dabei vertraute sie ihm Manches, unter anderm auch, daß sie gar zu gern seine Braut wäre, und herzte und küßte ihn. Darüber kam der Abend herbei und die Nacht, und nun sprach das Nixchen weinend zu ihrem Friedel: Nun muß ich mich von Dir scheiden und wieder in jenes Wasser hineingehen, wo ich wohne. Zu lange bin ich schon hier geblieben bei Dir, mein/ Geliebter, und da ich gegen meines Vaters Gebot hierher gekommen bin, werde ich wohl die hier und mit Dir genossene Lust mit dem Leben büßen müssen. Wie weh thut mir der Abschied. Lebe wohl und gehe morgen hin zur Lache, findest Du sie hell und grün, so lebe ich, findest Du sie bleich und todtenfarb, so ists vorbei mit mir. Und gab ihm einen Kuß und entwich. Am andern Morgen ging der Frieder eilend hin zu dem kleinen See, fand ihn bleich und blutig, und voll Sehnsucht und Liebesgram sprang er hinein in die Todtenlache, um sich durch den Tod mit der lieben Nixe zu vereinen.
Diese Sage hat ein begabter, aber früh geschiedener vaterländischer Dichter, Deckert in Schleusingen, in einem schönen Gedicht so scherz- als musterhaft in henneberger Mundart besungen, wie hernach folgt.

*) Nüster heißen im Hennebergischen alle Granaten und Korallen- oder dunkle Perlenhalsbänder; das Wort ist von den Küglein der Paternoster abzuleiten. (TSS III S. 236/7)

TSS Nr. 3.3.74: Schleusingens Ursprung und Name
Von dem Ursprung der Stadt Scheusingen haben wir eine Sage vernommen, die sich an das Wahrzeichen dieser Stadt, eine Sirene oder Wassernixe, knüpft, welches Wahrzeichen auf einem Schild am Rathhaus noch zu sehen ist. Ein reicher Graf jagte in den Waldungen dieser Gegend, lange vorher, ehe die Stadt vorhanden war, und verfolgte unablässig eine weisses Reh, ohne dieses doch erjagen zu können. Darüber brach die Nacht herein, und der Graf, welcher von seinen Begleitern ganz abgekommen war, mußte die Ruhe auf bloßer Erde des Waldbodens suchen. Schon hatte er sich am Fuß eines felsigen Berges niedergelegt, als er einen ungewöhnlichen Glanz gewahrte und eine funkelnde Grotte erblickte, in welcher sich ein krystallenes Becken befand; drei silberne Quellen ergossen sich hinein, und auf den lichten Wellen wiegte sich eine reizende Wasserfei. die um ihre Stirne ein blitzendes Band trug, darauf die Zeichen SLVS zu lesen waren. Diese Fei erhob einen süßen und erquickenden Gesang, und als sie geendet, winkte sie den Grafen zu sich hin und vertraute ihm, daß jenes weiße Reh, welches er verfolgte, ihre Tochter sei, die ein böser/ Zauberer verwandelt, der oben auf dem Berge über den Quellbrunnen in einem gewaltigen und festen Thurm wohne. Diesen Zauberer wolle sie in Schlaf singen und der Graf solle ihn überwältigen und tödten. Das werde ihm durch die Kraft der Worte gelingen, die ihr Stirnband zierten, welche bedeuteten: Sie (nämlich die Tochter der Wasserfei) Liebe Vnd Siege! – Das alles geschah nun auch wirklich, und als der böse Zauberer getödtet war, mußte der Graf das weiße Reh dreimal mit der Fluth des Krystallborns benetzen, dessen drei Quellen die drei vereinten Bergwasser, die Schleuse, die Erle und die Nahe, bedeuteten, worauf das Reh sich in ein wunderschönes Fräulein verwandelte. Mit diesem vermählte sich der Graf und nannte sich und sein Geschlecht von der Brunstätt, gründete das Schloß und die Stadt Schleusingen, deren Name aus den drei geheimnißvollen Buchstaben SLVS sich bildete, und welche zum Wahrzeichen die Sirene in ihrem Stadtwappen beibehielt. Die Wasserfei soll noch im Schloßbrunnen, dem klarsten und besten der Stadt, wohnen, das Geschlecht derer von Brunstätt aber artete aus, und soll von den Grafen von Henneberg aus dortiger Gegend vertrieben worden sein. (TSS III S. 242/3)

TSS Nr. 3.3.76: Die Glocke vom Gottesfeld
Am südlichen Abhang des hohen Adlerberges breitet sich eine einsame Wiesenfläche aus, das Gottesfeld genannt. Dort droben lag einst eine Stadt, gottlos und lasterhaft, welche die Hand des Herrn von der Erde tilgte. Mit allen Bewohnern/ ist sie versunken. Lange Zeit nachher wühlte ein wildes Schwein die Erde auf und wühlte eine Glocke an das Tageslicht. Ein Hirte fand sie und zeigte den Fund an. Darauf wurde die Glocke vollends erhoben und nach Schleusingen gefahren; im Thurm gab sie beim erstenmal Läuten einen entsetzlich schauerlichen Ton, und beim dritten Schlag zersprang sie. Hierauf wurde sie umgegossen, aber ihr Schall war wieder derselbe, und klang, als ob sie höhnend rief: Sau aus! Sau aus! dann zersprang sie wieder, und so dreimal, und jedesmal war der Ton gleich schauerlich und jedesmal zersprang sie, als ob sie, die dem Schoos der Nacht entstammte, und an der der Fluch Gottes haftete, nicht würdig sei, ihm zur Ehre zu erklingen. (TSS III S. 244/5)

TSS Nr. 4.1.2: Der verlorne Kaiser Friederich
Der Kaiser Friedrich ward vom Papst in den Bann gethan, alle Kirchen und Kapellen schlossen sich ihm, kein Priester las ihm die Messe. Da ritt der edle Held kurz vor der Osterzeit zur Jagd, darum, daß er Niemand an des Festes Feier hindere. Keiner seiner Leute wußte, was der Kaiser sann; er legte ein edles Gewand an, daß man ihm aus dem Lande India gesendet, nahm ein Fläschlein mit aromatischem Wasser zu sich, und bestieg ein edles Roß. Nur wenige Herren durften ihm folgen in den tiefen Wald. Da nahm er plötzlich ein wunderbares Fingerlein, drehte es, und verschwand alsbald aus ihrem Gesicht. Nimmermehr ward er gesehen seitdem und so war der hochgeborne Kaiser verloren. Alte Leute sagen, er lasse sich oft unter ihnen als ein Waller sehen, und habe es öffentlich ausgesagt, daß er noch auf römischer Erde gewaltig werden, und die Pfaffen stören wolle, und ehnder nicht ablassen, bis er das heilige Land wieder in die Gewalt der Christen/ gebracht. Dann werde er „seines Schildes Last hangen an den dürren Ast." (TSS IV S. 12/3)

TSS Nr. 4.1.4: Der Schäfer
Auf dem Kiffhäuserberge hütete einst ein junger Schäfer, der hatte auch viel gehört von dem Kaiser Friedrich und gedachte bei sich, daß er ihn wohl einmal sehen möchte, pfiff derohalb ein höfisches Liedlein auf seiner Schalmeie. Mit einemmale/ rauschte es nahe in den Büschen, und über einer Felsklippe ward ein ehrwürdiges Greisenhaupt sichtbar, das rief mit milder Stimme: Knabe sprich, wem Du mit Deinem Liedlein hofieret hast? Und der Junge besann sich nicht lange, sondern antwortete: Das hat Kaiser Friedrichen gegolten. – So komme mit mir, daß er Dir auch lohne, sprach die Gestalt, und der Hirte folgte ihr nicht ganz ohne Zagen. Es ging viele Stufen abwärts, bis an eine metallene Thüre, die mit hellem Krachen aufsprang, da sah nun der Schäfer eine große mächtige Halle voller Gold, Edelstein, Wehr und Waffen, und eine Schaar stattlich gerüsteter Ritter die sich alle tief vor seinem Führer neigten, da merkte der Schäfer, daß der alte Rothbart selbst sein Führer gewesen war, und erschrak. Doch der Kaiser sprach ihm Muth ein, und sagte zu seinem Hofgesinde: Dieser Knabe hat uns geehrt. Zeigte ihm darauf allen Glast und Pracht der Halle, kostbare Gewaffen und Truhen voll Gold; dann fragte er den Hirten: Welchen Lohn er begehre? Dieser erwiederte: Keinen! Da brach der Kaiser den Fuß von einem Handfaß, reichte diesen dem Jungen dar, und sprach: Nimm das, und gehe; sage auch droben, daß wenn die Zeit sich erfüllet hat, der Herr uns lösen wird aus diesem Bann, dann soll das deutsche Reich frei, und das heilige Grab aus des Türken Hand erlöst werden. Der Hirte kam hinauf und der Berg that sich zu. Der Fuß des Handfasses war von lauterm Gold. (TSS IV S. 14/5)

TSS Nr. 4.1.5: Die Glücksblume
Ein armer Hirte aus Sittendorf stand oben am alten Kaiser Friedrich,*) und gedachte mit Kummer seiner Armuth, die ihn hinderte, seine Geliebte zu heirathen. Siehe, da erblickte er eine wunderschöne blaue Blume, wie er noch nie eine geschaut, und er pflückte die Blume und steckte sie an seinen Hut, um sie der Braut mitzubringen. Auf einmal wird er in einer weiten Mauerspalte ein Zwerglein gewahr, das winkt und winkt ganz freundlich, und er faßt sich ein Herz, ihm zu folgen. Da geht es tief, tief hinunter, und in den Gängen des Berges ist eitel Glanz und Pracht von herrlichen Gesteinen zu schauen, auch sein Fuß tritt auf schöne Steine, und er hebt einige davon auf, im Bücken fällt ihm die Blume vom Hut, da überkommt ihn gleich ein Grausen, und er wendet sich eilend um, den Ausgang zu gewinnen. Eine Stimme schallt hinter ihm: Vergiß das Beßte nicht! Aber er eilt unaufhaltsam von dannen. Als er nun in den Ruinen steht, und noch nicht recht weiß, wo er ist, erscheint wieder der Zwerg, diesesmal/ aber mit zorniger Miene, und fragt: Wo hast Du die Blume? Ich habe sie verloren! antwortet furchtsam der Hirte. Du Thor! zürnt da der Zwerg: Die Blume war Dir bestimmt und mehr werth, als die Rothenburg und der Kiffhäuser! Riefs und verschwand. Traurig ging der Hirte heim, und erzählte am Abend seiner Geliebten, was ihm im Berge begegnet. Dabei fielen ihm die Steine ein, die er aufgelesen, und er warf sie ihr in den Schooß. Ei wie klangen sie so schön, und waren – eitel Gold. Nun konnten sich die Liebenden heirathen und miteinander glücklich seyn.

*) Der Wartthurm heißt in der ganzen Umgegend nur der Kaiser Friedrich. (TSS IV S. 16/7)

TSS Nr. 4.1.6: Die große Heerde
Einmal trieb auch ein Schäfer seine Heerde ziemlich weit herauf an das alte Kiffhäuserschloß und blies fröhlich auf seiner Schalmei, daß es weithin hallte und schallte. Plötzlich stand ein ganz kleines Männlein neben ihm, grüßt ihn artig und züchtiglich, und fragte: Möchtest Du wohl den alten Kaiser Friedrich sehen, und ihm auch solch ein fröhliches Stücklein aufspielen? Warum denn das nicht? erwiederte der Schäfer, folgte dem Männlein getrost in den Felsengang, der sich mit/ einemmale vor ihnen aufgethan. Nach ziemlich langer Wanderung kamen sie in eine weite Halle, wo der Barbarossa mit geneigtem Haupte und geschlossenen Augen zu schlummern schien. Beherzt ergriff der Schäfer nun seine Schalmei und blies. Da hob der alte Kaiser sein Haupt mit dem rothen Bart empor, der durch den Tisch gewachsen war, und fragte: Fliegen die Raben noch um die Burg? – Sie fliegen noch! erwiederte der Schäfer. Auf diese Antwort seufzte der Kaiser tief und schwer, und sprach kummervoll: So muß ich aufs neue hundert Jahre schlafen! Neigte wieder sein Haupt, und schien zu entschlummern. Der Zwerg führte hierauf den Schäfer wieder an das Tageslicht, und verschwand, ohne ihm eine Belohnung zuzustellen. Wie der Schäfer nach seiner Heerde sah, die zuvor klein war, erstaunte er, zählte und zählte, und fand, das hundert Stück darüber waren. Die waren nun sein Eigenthum, und er wurde durch sie reich. (TSS IV S. 17/8)

TSS Nr. 4.1.7: Der Kornfuhrmann aus Reblingen
Es war im Jahr 1669, daß ein Bauer aus dem Dorfe Reblingen im Rieth einen Wagen voll Korn/ nach Nordhausen zum Verkauf zu führen Willens war. Dem begegnete ein kleines Männchen und lag ihm an, die Frucht auf den Kiffhäuserberg zu liefern, und dafür so viel, aber nicht mehr Geld zu nehmen, als das Korn nach der damaligen theuern Zeit im Werth sei. Solches that denn auch der Bauer, kam hinauf und sah in der Bergeshalle den verzauberten Kaiser sitzen, aber stumm und unbeweglich schlafend. Das Geld, welches er für sein Getraide empfing, war uralten Gepräges, und darunter manches Stück, das auf der einen Seite ein Kaiser-Bildniß mit der Umschrift TIBERIVS trug, auf der andern die Aufschrift HALBER SECEL. (TSS IV S. 18/9)

TSS Nr. 4.1.11: Das Brautpaar aus Tilleda
In Tilleda wohnte ein armer, rechtschaffner Taglöhner, der hatte eine Tochter, die mit einem redlichen Jungen verlobt war, eben so arm, wie sie selbst. Zur Hochzeit, die am nächsten Tage bevor/stand, waren einige Gäste geladen, aber das Brautpaar nahm mit Schrecken wahr, daß die kleine Küche an Töpfen, Tellern und Schüsseln nicht mehr enthalte, als gerade für eine Familie, und stand in großer Betrübniß, wußte auch keinen Rath. Der Vater aber sprach: Wißt ihr was? Geht auf den Kiffhäuser, und borgt von der verzauberten Prinzessin. Es lag in diesen Worten eine trübe Wehmuth und ein bittrer Hohn über die drückende Armuth. Und die jungen Leutchen gingen wirklich miteinander auf den Kiffhäuser. Oben stand auch schon die Prinzessin, als hätte sie bereits gewartet, und grüßte freundlich. Nun waren sie auch gleich im Berg, sie wußten nicht wie, wurden gespeißt und getränkt, und empfingen eine Menge nützlichen Hausrathes, Teller, Schüsseln, Löffel, so viel sie nur tragen konnten, so daß sie ganz mühsam, als sie nun dankend die gütige Gabenspenderin verlassen hatten, wieder nach Tilleda mit ihren gefüllten Körben niederschritten. Sie waren so sehr mit sich selbst und ihrem nahen Glück beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, wie manches um sie her verändert war, bis sie im Orte selbst ankamen, und erschrocken standen, denn sie kannten ihn kaum wieder. Ihres Vaters Hütte war gar nicht mehr vorhanden, sondern an ihrer Stätte lag ein großer Ackerhof. Eine Menge Leute sammelten sich um das Paar, in ganz anderer Tracht, lauter unbekannte, fremde Gesichter, die es eben so verwundert anstaunten, als jene selbst verwundert um sich/ blickten. Da schritt der Prediger durch die Menge, sah die beiden Leute, und befragte sie mit Theilnahme, wer sie seien, und woher sie kämen? Sie sagten es ihm, daß sie ja erst vor wenigen Stunden auf den Kiffhäuser gegangen, und daß sie sich die Veränderung, die sie rings umher wahrnähmen, nicht zu erklären wüßten. Der Pastor nahm sie mit in seine Wohnung, und schlug im Kirchenbuch nach, da er den fand, daß vor zweihundert Jahren ein Brautpaar auf den Kiffhäuser gegangen und nicht wieder in den Ort zurückgekommen sei. Da weinten die so alt Gewordenen, und ließen sich von dem Pfarrer einsegnen, dann gingen sie auf den Kirchhof, wo die Genossen ihrer Zeit begraben lagen. Mit Scheu vermied das junge Geschlecht das greise Paar, und nach drei Tagen fand man auf dem Kirchhof ihre Leiber in Asche zerfallen. (TSS IV S. 23-25)

TSS Nr. 4.1.18: Die goldnen Haare
In einem Dorfe am Fuße des Kiffhäusers waren junge Mädchen und Bursche in der Spinnstube beisammen, es wurde erzählt, gesungen, gelacht und gescherzt, und endlich setzten die Mädchen ihre Rädchen bei Seite, um ein Pfänderspiel zu beginnen. Eins von den Mädchen war aber nicht recht beliebt, daher wurden ihr immer die schwersten Pfandauslösungen aufgegeben, weil der Inhaber der Pfänder allemal ein verabredetes Zeichen gab, wenn ein Pfand von jener an die Reihe kam. So geschah wieder die Frage: Was soll das Pfand thun, das ich in meiner Hand habe? – Antwort: Es soll auf das Kiffhäuserschloß gehen, und zum Zeichen, daß es oben war, Kaiser Friedrichen drei Haare aus seinem rothen Barte rupfen, und mitbringen. Das Mädchen mochte wohl merken, daß man sie aus der Gesellschaft los sein wolle, und/ ging; doch hatte sie ein Pfand gegeben, daß sie nicht im Stich lassen wollte. Niemand dachte mehr an sie, aber als eine gute Stunde vergangen war, so trat sie wieder in die Stube ein, und brachte – drei brennendrothe lange Haare. Staunend ward sie angeblickt, die Haare waren aus des Kaisers Bart, es war kein Zweifel. Das Mädchen hatte ihn gesehen, gesprochen, und die Haare nehmen dürfen, nur das war ihr anbefohlen worden, diese heilig aufzubewahren. Sie legte die Haare in ein großes Papier gewickelt in ihre Lade, und vergaß sie. Ein Jahr danach ohngefähr fiel ihr das Papier beim Räumen in die Augen, sie nahm es zur Hand, aber es war so schwer, daß sie es kaum heben konnte, die drei Haare aus des Barbarossa Bart waren in zolldicke Goldstangen verwandelt. (TSS IV S. 37/8)

TSS Nr. 4.1.21: Der Venetianer
Es ist allgemeine Sage unter dem Volke in der güldnen Aue, das oft Venetianer auf dem Kiffhäusergebirge umhergewandert, und noch umherwandern, dessen verborgene Schätze auszubeuten. Mancher soll zu Fuße gekommen, zu Pferde hinweggeritten sein; und mancher einem und dem andern Bewohner der Gegend die bekannte Rede anzuhören gegeben haben: Ihr lieben Deutschen werft oft einen Stein nach einer Kuh, der mehr werth ist, als die Kuh selbst. In Sondershausen lebte ein Müller, Namens Lau, ein großer und starker Mann, der unter der Potsdammer Garde gestanden hatte, dieser ließ in den Brüchen auf dem Kiffhäuser seine Mühlsteine brechen. Eines Tages fuhr er, wie er selbst erzählt hat, mit einem Knappen auf den Berg, ließ diesen den Rennweg fahren und schlug den Fußsteg ein, der ihn nahe zu dem alten Thurme führte. Auf einmal trat ihm, aus der Erde gezaubert, ein dicker stämmiger Bursche nahe, im Bergmannshabit, und bot ihm guten Abend. Nach einem Gespräch richtete der fremde Bursche an den Müller die Worte indem er auf eine nahe Kluft zeigte: Kriecht mit mir in diese/ Höhle hinein, und helft mir einen Stein losbrechen, der soll uns beide glücklich machen. – Solchem Verlangen Folge zu leisten, hatte aber der Müller ganz und gar keine Lust, und schlug das Begehren ab. Darauf drohte der Kleine mit Zwang, worauf der Müller ihm einen derben Schlag versetzte. Alsobald fühlte er sich aber auch gepackt, und mit solcher Heftigkeit zu Boden geworfen, daß ihm alle Rippen krachten, bald darauf wieder erhoben, und wieder niedergeworfen; bald lag der Kleine unter ihm, bald er unter dem Kleinen, der mit der Gewandheit eines Aals immer unter ihm hinwegschlüpfte, bis endlich der Knecht des Müllers seinem Herrn zu Hülfe kam, und mit einem Reitelstocke auf den Kleinen losschlug. Da ließ dieser ab, verschwand in ein enges und schmales Bergloch hinein, und kam nicht wieder zum Vorschein. Der Müller aber fuhr mit schmerzenden Gliedern und blauen Flecken nach Hause. Wahrscheinlich ist der Bergmann ein Venetianer gewesen. (TSS IV S. 42/3)

TSS Nr. 4.1.24: Der Schmied von Jüterbogk
Das Mährchen vom Jüterbogkischen Schmied ist fast allbekannt im deutschen Volk, und obwohl Jüterbogk weit abseit liegt von dem Kiffhäuser, so reiht das Mährchen sich doch den Sagen von diesem Berge an. Es war dieser Schmied erst ein junger Bursche, der einen sehr strengen Vater hatte, aber treulich Gottes Gebote hielt. Er that große Reisen und erlebte viele seltsame Abenteuer, dabei war er in seiner Kunst über alle Maßen geschickt und tüchtig. Er hatte eine Stahltinctur, die jeden Harnisch und Panzer undurchdringlich machte, der damit bestrichen wurde, und gesellte sich dem Heere Kaiser Friedrichs II. zu, wo er kaiserlicher Rüstmeister wurde und den Kriegszug nach Mailand und Apulien mitmachte. Dort eroberte er den Heer- und Pannerwagen der Stadt und kehre endlich, nachdem der Kaiser gestorben war, mit vielem Reichthum in seine Heimath zurück. Er sah gute Tage, dann wieder böse, und wurde über hundert Jahre alt. Einst saß er in seinem Garten unter dem alten Birnbaum, da kam ein altes Männchen auf einem Esel geritten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes Schutzgeist bewiesen hatte. Dieses Männchen herbergte bei dem Schmied und ließ den Esel beschlagen, was jener gern that, ohne Lohn zu heischen. Darauf sagte das Männlein zu Peter, er solle drei Wünsche thun, aber dabei das Beste nicht vergessen. Da wünschte der Schmied, weil die Diebe ihm oft die Birnen gestohlen, es soll keiner, der auf den Baum gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter können – und weil er auch in der Stube öfter bestohlen worden war, so wünschte er: es solle niemand ohne seine Erlaubniß in die Stube kommen können, es wäre denn durch das Schlüsselloch. Bei jedem dieser thörigten Wünsche warnte das Männlein: Vergiß das Beste nicht, und da that der Schmied den dritten Wunsch, sagend: Das Beste ist ein guter Schmaus, so wünsche ich, daß diese Bulle niemals leer werde! – Deine Wünsche sind gewährt, sprach das Männchen, strich noch über einige Stangen Eisen, die in der Schmiede lagen, mit der Hand, setzte sich auf seinen Esel, und ritt von dannen. Das Eisen war in blankes Silber verwandelt. Der vorher arm gewordene Schmied war wieder reich, und lebte fort und fort bei gutem Wohlsein, denn die nieversiegenden Magentropfen waren, ohne daß er es wußte, ein Lebenselixier. Endlich klopfte der Tod an, der ihn so lange vergessen zu haben schien; der Schmied war scheinbar auch gern bereitwillig, mit ihm zu gehen, und bat nur, ihm ein kleines Labsal zu vergönnen, und ein Paar Birnen von dem Baum zu holen, den er nicht selbst mehr besteigen könne aus großer Altersschwäche. Der Tod stieg auf den Baum, und der Schmied sprach: Bleib droben! Denn er hatte Lust noch länger zu leben. Der Tod fraß alle Birnen vom Baum, dann gingen seine Fasten an, und vor Hunger verzehrte er sich selbst mit Haut und Haar, daher er jetzt nur noch so ein scheußlich dürres Gerippe ist. Auf Erden aber starb Niemand mehr, weder Mensch noch Thier, darüber entstand viel Unheil, und endlich ging der Schmied hin zu den klappernden Tod und accordirte mit ihm, daß er ihn fürder in Ruhe lasse, dann ließ er ihn los. Wüthend floh der Tod von dannen, und begann nun auf Erden aufzuräumen. Da er sich an dem Schmied nicht rächen konnte so hetzte er ihm den Teufel auf den Hals, daß der ihn hole. Dieser machte sich flugs auf den Weg, aber der pfiffige Schmied roch den Schwefel voraus, schloß seine Thüre zu, hielt mit den Gesellen einen ledernen Sack an das Schlüsselloch, und wie Herr Urian hindurchfuhr, da er anders nicht in die Schmiede konnte, wurde der Sack zugebunden, zum Ambos getragen, und nun ganz unbarmherziglich mit den schwersten Hämmern auf den Teufel losgepocht, daß ihm Hören und Sehen verging, er ganz mürb wurde, und das Wiederkommen auf immer verschwur. Nun lebte der Schmied noch gar lange Zeit in Ruhe, bis er, wie alle Freunde und Bekannte ihm abgestorben waren, des Erdenlebens satt und müde wurde. Machte sich deshalb auf den Weg, und ging nach dem Himmel, wo er bescheidentlich am Thore anklopfte. Da schaute der heilige Petrus herfür, und Peter der Schmied erkannte in ihm seinen Schutzpatron und Schutzgeist, der ihn oft aus Noth und Gefahr sichtbarlich errettet, und ihm zuletzt die drei Wünsche gewährt hatte. Jetzt aber sprach Petrus: Hebe dich weg, der Himmel bleibt dir verschlossen, du hast das Beste zu erbitten vergessen: die Seligkeit. Auf diesen Bescheid wandte sich Peter, und gedachte sein Heil in der Hölle zu versuchen, und wanderte wieder abwärts, fand auch bald den rechten breiten und vielbegangenen Weg. Wie aber der Teufel erfuhr, daß der Schmied im Anzuge sei, schlug er das Höllenthor ihm vor der Nase zu, und setzte die Hölle gegen ihn in Vertheidigungsstand. Da nun der Schmied von Jüterbogk weder im Himmel noch in der Hölle seine Zuflucht fand, und auf Erden es ihm nimmer gefallen wollte, so ist er hinab in den Kiffhäuser gegangen zu Kaiser Friedrichen, dem er einst gedient. Der alte Kaiser freute sich, als Peter kam, und fragte ihn gleich, ob die Raben noch um den Thurm flögen? Und als der Peter das bejahte, so seufzte der Rothbart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der reitenden Fräulein beschlägt, bis des Kaisers Erlösungsstunde auch ihm schlagen wird. (TSS IV S. 46-50)

TSS Nr. 4.1.40: Bonifaz(c)iusburg und (-)Pfennige
Dicht über dem Dorfe Seega, zwischen Sonderhausen und Sachsenburg liegt die Trümmer der Arnsburg, auf hohem und steilem Waldberg, im Gebirge der Hainleite. Den Namen führte die Raubveste vom Aar, dem größten Raubvogel; unter ihr zog die Heerstraße von Erfurt durch die Hainleite nach dem Harzwalde. Die Zeit ihrer Erbauung liegt im Dunkel; die Herren von Arnsburg starben frühzeitig aus, die Burg kam an die Grafen von Hohnstein, dann an die von Beichlingen, endlich an das Haus Schwarzburg, unter dem das Schloß ein Amthaus ward, welches später auch einging. Das umwohnende Landvolk nennt die Ruine nur die Bonifaziusburg, und weiß viel und mancherlei von ihr zu erzählen. Es werden auf ihr die Bonifaziuspfennige gefunden, kleine runde und flache Steinchen, darüber man diese Sage hört: Als vor Zeiten der heilige Bonifazius vom Eichsfelde herüber auch in diese Gegend Thüringens kam, die christliche Lehre zu begründen und das Heidenthum auszurotten, fand er großen Widerstand, und das Volk weit mehr Verlangen tragend nach den irdischen, denn nach himmlischen Gütern. Die alten Bewohner verlang/ten von ihm und seinen Gehülfen Geld und Gut, und als sie dieses nicht erlangten, schalten sie die Bekehrer übel und warfen sie mit Steinen. Da verfluchte Bonifazius alles Geld im Lande, und augenblicklich schrumpfte jeder Pfennig zu einem kleinen Stein zusammen. Als die Heiden dieses Wunder sahen, erschraken sie und ließen sich taufen. Was aber zu Stein geworden war, blieb Stein, davon findet man noch bisweilen an der Arnsburg und an der ihr nahe gelegenen Sachsenburg, und nennt es Bonifaziuspfennige. (TSS IV S. 66/7)

TSS Nr. 4.1.44: Der heilige Günther in Göllingen
Im Thale der Wipper zwischen Sondershausen und Frankenhausen liegen noch die Stätten zweier/ im Alterthum berühmten Klöster: St. Gertrudis zu der Kapellen, insgemein Kapelle unter der Arnsburg, zwischen Seega und Günzerode und St. Wippert zu Göllingen im Orte gleichen Namens. Alte Nachrichten melden, daß im Jahr 1197 viele Fürsten im Kloster Kapelle zusammengetroffen, um die Wahl Philips von Schwaben zum deutschen Könige zu besprechen. Göllingen war eines der ältesten Benediktinermönchsklöster in Deutschland, und es lebte dort im elften Jahrhundert eine Zeitlang der heilige Günther. Dieser war ein reicher und angesehener thüringischer Gaugrav, den seine Jugendsünden heftig reuten. Deshalb pilgerte er nach Hersfeld, wo der heilige Gotthard Abt war, beichtete und büßte, kroch in die Kutte, und schenkte dem Patron des Stiftes, St. Wippert, sein ganzes Gebiet, wobei er sich nur Göllingen zum Unterhalt und zur Aufnahme ausbedingte. Zwar fürchtete der heilige Gotthard, Günther möge in der Einsamkeit des in damals noch sehr rauher Gegend und noch nicht lange begründeten Klosters sich wieder nach der Wollust sehnen, und suchte ihn zurückzuhalten, allein jener bestand auf seinem Sinn, und ging nach Göllingen. In jenen trüben Zeiten aber hatten die Mönche gar kein gemächliches Leben, sondern sie mußten sich von ihrer Hände Arbeit nähren, darüber fand Günther erst große Anfechtungen, und, weil er fast sich bezeigte, wieder weltlich zu werden, auch große Kämpfe mit dem heil.(igen) Gotthard aus, worauf er/ Göllingen verließ, sich wieder in das Kloster Altaha begab, und dort in der Heiligkeit seines Lebens zunahm. Er that ein Gelübde, kein Fleisch zu essen, und als ihm einst der König Stephanus von Ungarn, dessen Gast er war, nöthigen wollte, von einem gebratenen Pfau zu essen, rief der fromme Mönch Gott zu Hülfe. Siehe da bekam der Pfau Federn und flog davon. Später wurde Günther Eremit in einem böhmischen Walde, baute eine Zelle und Kapelle und nannte sie Rinchbach. Dort fand ihn der Böhmenherzog Brzetislav sterbend; sein Leichnam wurde in das Kloster zu Braunau gebracht, dort beigesetzt und that viele Wunder. Dann wurde der thüringische Mönch der Schaar der Heiligen zugestellt. Er soll ein Sohn des berühmten Markgrafen Eccard I. und ein Urahnherr der Grafen von Käfernburg und Schwarzburg gewesen sein, darum ist auch sein Name auf so Viele dieses Geschlechtes vererbt. Noch geht die Rede, daß die Mönche des Klosters Göllingen mit den Nonnen zu Kapelle in überaus gutem Vernehmen und großer Vertraulichkeit gestanden. Heimliche Gänge haben unter der Erde weg von einem Haus in das andre geführt. Am Thurme der ehemaligen Klosterkirche zu Göllingen war früher ein merklich Wahrzeichen, ein steinerner Mönchskopf, der nach der auf dem Michelsberge gelegenen Kapelle blickte, er ist aber aus Leichtfertigkeit herabgeschossen worden. (TSS IV S. 70-72)

TSS Nr. 4.1.47: Der Schlachtberg und das Eulengeschrei
Thomas Münzer zog mit seiner Bauernschaar und mit einer weißen Fahne, darauf ein Regenbogen gemalt war, gegen Frankenhausen, nachdem er zuvor dem Grafen Mansfeld die Bergknappen abwendig zu machen versucht hatte; die Bauern aber erhoben sich in der ganzen Gegend vor dem Harz, zerstörten, plünderten und verbrannten zum Theil die Klöster Ilefeld, Walkenrieth, Volkenrode, Kelbra, Oldisleben und viele andre. Auch die Bauern der Grafschaft Mansfeld standen auf, und wütheten vornehmlich gegen die Kirchengüter. Der Graf Albrecht von Mansfeld gab sich alle Mühe, das Bergvolk vom Abfall abzuhalten, ja er erbot sich sogar brieflich zu einem Tag mit der „christlichen Versammlung zu Frankenhausen," gütlich mit ihr zu handeln, aber er fand Abhaltung zu kommen. Darauf wurde er und Graf Ernst von/ Mansfeld, der auf Schloß Heldrungen Haus hielt, in Briefen schrecklich bedroht, in welchen der Anführer sich unterzeichnete: Thomas Münzer mit dem Schwert Gideonis. – Mittlerweile schlug der eine Ritter eine Rotte, die Kloster Sittichenbach verwüstete, aufs Haupt, darüber kam manchem Bäuerlein Furcht und Zagen an, und wär gern davon geblieben, aber die in Frankenhausen, die sich von Tage zu Tage mehr häuften, ließen den Furchtsamen ernstlich entbieten, sie möchten kommen, oder man würde sie holen, und ihnen gleich den Feinden mitspielen. Da ward allen mächtig bange vor den schwarzen Bauern, so nannten sich die Rotten, und ließen sich noch Viele aus Furcht zum Aufruhr bewegen; Weiber und Kinder geleiteten sie, und sahe man auf allen Straßen nach Frankenhausen wie sie sich mit einander zum Abschied letzten, manche mit Weinen und Seufzen, manche mit Frohlocken und Jauchzen, je nach ihrer Furcht oder Hoffnung. Dort schlugen nun die Bauern auf dem Berg über Frankenhausen ihr Lager auf und umschlossen sich mit einer starken Wagenburg. Nun zogen auch unversehens die Fürsten heran: Churfürst Johann und Herzog Georg zu Sachsen, Landgraf Philipp zu Hessen, Herzog Heinrich zu Braunschweig mit fünfzehnhundert Pferden und nur wenigem Fußvolk. Bevor es zum Schlagen kam, sandten die Fürsten den Bauern noch einmal gütliche Botschaft, und verhießen Gnade und Schonung, wenn sie den falschen Propheten Münzer sammt seinem nächsten Anhang lebend über/antworten wollten. Darauf hielt Thomas Münzer eine ernste und gewaltige Heerpredigt, darin er das Thun der Fürsten und des Adels, wie der Clerisei heftig schalt, zum Muth und zur Ausdauer ermunterte, die mit Wenigen über Viele gesiegt, und endlich verhieß, die feindlichen Büchsenkugeln mit seinem Aermel aufzufangen. – Und wie er noch redete, erschien am Himmel ein prächtiger Regenbogen, den deutete Münzer gleich als ein Zeichen des Sieges, da im Pannerfähnlein des Bauernheeres ein Regenbogen geführt wurde. Das bestärkte die Mehrzahl der Bauernschaft in ihrem Trotz, und Münzer ging soweit, die Abgesandten der Fürsten zu ermorden. Nun ward das Geschütz um den Berg her gerückt, aufgeblasen, und die Ordnung zum Angriff gemacht. Zuvor hielt der Landgraf Philipp von Hessen eine tapfere Anrede an alles Kriegsvolk. Dann fingen die Geschütze an auf die leichte Wagenburg zu spielen. Die Bauern sangen: Nun bitten wir den heiligen Geist, und hofften, daß nach Münzers Versicherung ein Wunder geschehen werde. Es geschah aber kein Wunder, vielmehr drangen die Kriegsvölker mit aller Macht durch die Wagenburg, trieben das fast wehrlose Bauernheer auseinander und ruhten nicht mit Schießen, Stechen und Einhauen, bis von dem Heere 7323 Mann erschlagen waren. Das geschah am Montag nach Cantate, den 15. Mai 1525. Der helle Haufen war in die Stadt geflohen, mit/ ihm auch Thomas Münzer, der verkroch sich nahe am Thore in ein Haus, lief auf den Boden, entkleidete sich, legte sich in ein Bett, als wäre er ein Kranker; er wurde aber bald entdeckt, denn die siegreichen Schaaren waren auch in die Stadt gedrungen. Er ward auf einen Wagen geschmiedet, nach Schloß Heldrungen abgeführt und dort in den Thurm geworfen. Dreihundert gefangene Bürger und Bauern wurden alsbald hingerichtet. Mit vielem Blute der Bürger und Bauern und großer Geldbuße der aufrührerischen Städte ward der Bauernkrieg gesühnt. Der Berg, darauf der Bauern Lagerstatt über Frankenhausen war, heißt heute noch der Schlachtberg, und ein Stück Wald nahe dabei nennt man das Eulengeschrei. Dort standen der Bauern Weiber, und sahen der Schlacht zu, und als sie wahrnahmen, wie ihre Väter, Männer und Söhne hingemetzelt wurden, erhoben sie ein furchtbar entsetzliches Wehklagen laut durch die Luft; davon hat man die Stätte das Geheul und Geschrei genannt, welcher Name in der Folge in Eulengeschrei verkehrt geworden ist. (TSS IV S. 75-78)

TSS Nr. 4.1.53: Der heilige Jodute
Als in der großen Schlacht am Welfesholz Kaiser Heinrich V. von Thüringern und Sachsen geschlagen, und der tapfere Graf Hoyer von Mansfeld durch die Hand des mannlichen und berühmten Grafen Wipprecht von Groitsch gefallen war, zerstreute sich das flüchtige Volk was noch am Leben, in den Gründen nach Mansfeld, Sangerhausen und Kiffhausen zu. Die Sachsen aber errichteten nicht lange hernach in dieser Gegend ein Siegeszeichen, nehmlich einen geharnischten gewappneten Mann auf einer Säule, so in der Hand einen stattlichen Streitkolben, gleich als zum Streit/ gezuckt, gehalten und auf beiden Seiten das alte Sächsische Wappen, nehmlich einen springenden weißen Hengst im rothen freien Felde neben sich gehabt. Dieses Bildniß sollte ein Gedeute oder Gemerke sein der Schlacht, so des Orts geschehen. Die Landleute gingen fleißig zu beten hin, auch die Priesterschaft ehrte es als ein heiliges Bild, und nannte es Signum Adjutorii, des Helfers Dankzeichen, woraus das Volk St. Jodute machte. Kaiser Rudolph, als er 1289 zu Erfurt Reichstag hielt, befahl, die Bildsäule hinwegzunehmen, weil man fast Abgötterei mit ihr trieb, und eine Kapelle an die Stätte zu bauen. Aber das Volk verehrte noch einen Weidenstock in dieser Kapelle, von dem die Priester sagten, er habe in jener Schlacht Jodute gerufen, und dadurch den Sieg zuwege gebracht. (TSS IV S. 83/4)

TSS Nr. 4.1.54: St. Ulrich wird eine Kirche gelobt
Als Ludwig der Springer sich durch den kühnen Sprung vom Giebichenstein rettete,*) gelobte er, so die Flucht gelänge, seinem Schutzpatron, dem heil.(igen) Ulrich, eine Kirche, und wagte den Sprung mit/ den Worten: Hilf deinem Knechte, Jungfrau Maria! Das Wagstück gelang und das treue Pferd, der weiße Schwan, trug den Entrinnenden eilend nach Sangerhausen, wo Ludwigs Gemahlin Adelheid weilte. Nachdem der Graf von seiner Bußfahrt nach Rom zurückgekehrt war, erfüllte er sein Gelübde, ließ in St. Ulrichs Ehre eine Kirche zu Sangerhausen erbauen, und zum Gedächtniß die obigen Worte in den Stein einhauen: Suscipe servum, virgo Maria! Die Kirche steht noch und ist an ihr St. Ulrichs Bild und das des Gründers neben einander zu sehen.

*) Siehe Theil 1. S. 177 (= TSS Nr. 1.3.7: Wie Graf Ludwig von der Veste Giebichenstein entspringt, sk) (TSS IV S. 84/5)

TSS Nr. 4.1.63: Neun Kinder auf einmal
Es war ein Graf in Querfurt, Gebhard genannt, des heiligen Bruno Bruder, ein ernster und gestrenger Herr, und hatte ein edel Gemahl aus Sachsen bürtig. Diese gebar in ihres Herrn Abwesenheit neun Kindlein auf dem Hause zu Querfurt, darüber sie und alle Weiber, die um sie waren, heftig erschraken, und nicht wußten, wie sie sich verhalten sollten, zumal ihr Herr gar wunderlich war, und sie besorgtern, daß er schwerlich glauben würde, daß dieses mit rechten Dingen zugehen könne, daß ein Weib von einem Mann so viele Kinder auf einmal haben könne. Denn er hatte schon zum öftern über Weiber, welche nur zwei oder drei Kinder auf einmal zur Welt gebracht, beschwerliche Gedanken und Reden laut werden lassen. Daher wurden die Frauen in ihrer Furcht einig, acht dieser jungen Kinderlein heimlich bei Seite zu schaffen, und nur das Neunte und Stärkste zu behalten, und wurde einer unter ihnen befohlen, diese achte in einem Kessel hinwegzutragen und in den Teich unter dem Schlosse, über der Mühle, mit Steinen beschwert zu versenken. Nun war damals der heilige Bruno zu Querfurt, und ging nach seiner Gewohnheit am/ frühen Morgen in das Freie, sein Gebet zu thun, und wandelte an einem schönen Quellbrunnen in frommen Betrachtungen auf und ab. Da kam das Weib, und wollte stracks ihres Wegs vorüber eilen, denn sie fürchtete sich, aber als sie nahe bei St. Bruno kam, winselten die Kleinen im Kessel unter dem Mantel, und er verwunderte sich, fragte das Weib, was es trage? Obwohl sie nun zur Antwort gab, es wären junge Wölflein oder Hündlein, so dünkte ihm doch, daß die Stimmen nicht aller Dinge lauteten, wie junger Hündlein Stimme, wollte sehen, was es Wunders sei, rückte ihr den Mantel auf, und sah, daß sie acht junge kleine Kinder trage. Darüber über alle Maßen entsetzt, drang St. Bruno in das vor Schrecken starre und stumme Weib, zu sagen, woher sie komme? wem die Kinder? und was sie mit diesen thun wolle? Darauf berichtete das Weib zitternd und zagend den ganzen Handel. So verbot nun Herr Bruno ihr ernstlich, keinem Menschen, auch der Mutter nicht, von dieser Sache zu sagen, und sollte sie auf dem Schloß nur ausreden, daß der Befehl vollzogen sei. Dann nahm er die Kindlein, taufte sie aus dem lieblichen Brunnen, nannte sie alle Bruno, und sorgte, daß dieselben da und dort als verlassene Waisen untergebracht und auferzogen wurden, eins in der Mühle und die andern anderswo. Denen er die Kindlein aufzuerziehen anbefahl, gab er Geld und ließ es heimlich halten. Wie aber die Zeit herankam, da er zum letztenmal aus Quer/furt in das Land Preußen ziehen mußte, und dachte, daß er wohl nimmer wiederkehren möchte, da offenbarte er vernünftiglich seinem Bruder Gebhard, was sich zugetragen, wie die Kinder geboren und lebendig erhalten worden, und wo sie anzutreffen wären. Zuvor aber nahm er ihm das Gelöbniß ab, daß er, was geschehen, seiner Gemahlin nicht unfreundlich entgelten lassen, sondern hierin Gottes Wunder und Gnadenwerk erkennen wolle. Darauf ging der heilige Mann auch zu der Gemahlin, entdeckte ihr alles, und strafte sie wegen ihrer unbedächtigen und unmütterlichen That ernstlich, doch da sie bereits etliche Jahre her ein bereuend und hochbetrübtes Weib durch ihr Gewissen gewesen war, so tröstete er sie auch. Da war beides, groß Leid und Freude bei einander, und rief nun St. Bruno die beiden Gatten zusammen, ließ die acht Knäblein, zuvor überein gekleidet, holen, und stellte sie gegen die Osterzeit den lieben Aeltern vor. Denen wallete, als sie die Kinder sahen, das väterliche und mütterliche Herz, und sie sahen gar bald an der Kinder Gestalt und Geberden, daß sie des Neunten rechte Brüderlein. Das aus Kupfer bereitete Becken, darin das Weib diese acht Kinderlein soll von der Burg getragen haben, und darin der Heilige sie taufte, zeigt man noch heutiges Tages zu Querfurt zum Gedächtniß dieser Geschichte in der Schloßkirche, oben vor dem Chor in dem steinernen Schwibbogen, mit einer eisernen Kette angeschmiedet. Den Teich, darin die Kinder sollten gleich jungen Wölfen ersäuft werden, heißt man noch den Wölferteich, und der schöne Quellbrunnen wurde zum ewigen Gedächtniß der Brunosbrunnen genannt. Er ist mit einer Mauer umfaßt und überbaut worden, und führt ein helles und gesundes Wasser. (TSS IV S. 93-96)

TSS Nr. 4.1.64: Die eisernen Schuhe
Manche sagen, daß Graf Gebhard dem heiligen Bruno kein Gelöbniß abgelegt, seiner Gemahlin die schändliche That an den acht Kindern zu vergeben, vielmehr habe er in seinem Zorne anbefohlen, ein Paar eiserne Schuhe zu fertigen, welche sein Weib habe an die bloßen Füße ziehen müssen, nachdem die Schuhe im Feuer glühend gemacht worden. Auch habe die Gräfin selbst das Urtheil und solche Strafe gerecht befunden, und ihr Vergehen abgebüßt. Zum Gedächtniß wurden diese Schuhe in der Schloßkirche aufbewahrt, sie sind ziemlich weit, und haben keine Sohlen. (TSS IV S. 96)

TSS Nr. 4.1.65: St. Bruno und die Eselswiese
Der fromme Heidenbekehrer Bruno ritt am Donnerstag in der Osterwoche nach gesprochenem Segen auf seinem Maulthier und mit wenigen Dienern von seinem Bruder Gebhard weg, abermals nach Preußen zu ziehen und die Heiden zu bekehren, deren zweiten Bonifacius man ihn nannte. Nun trug's sich zu, wie er auf den grünen Anger, hart vor Querfurt kam, daß ihm sein Esel stetig wurde, und weder hinter noch vor sich wollte, alles Antreibens mit Schlägen, Peitschen und Spornen ungeachtet. Daraus schloß nun Herr Gebhard und Andere, die ihm das Geleit gaben: es wäre dieses ein Zeichen und Offenbarung, daran zu erkennen, daß es nicht Gottes Wille sei, diesen Zug wiederum zu thun, und überredeten ihn, daß er wieder mit ihnen auf das Schloß zurückzog. Die Nacht bewegte Herrn Bruno die Sache mit großer Traurigkeit, er überlegte sie hin und wieder, trug sich noch etliche Tage mit Gedanken, konnte aber sein Herz nicht zufrieden stellen, bis er sich gänzlich darin ergab, seine vorgenommene Reise zu vollziehen. Zog in Gottes Namen nach Preußen, lehrte, predigte und bekehrte etliche, dann wurde er gefangen, grausam gepeinigt, verstümmelt und/ getödtet mit 18 Gefährten, im Jahre 1008 oder 1009 auf der Russen und Lithauer Grenzen. Und auf der Stelle, wo damals das Thier stetig wurde, baute man hernach ein Heilthum, genannt die Kapelle zu Eselstett, und theilte in spätrer Zeit, da der Ablaß aufkam, jeden Donnerstag nach Ostern sonderlichen Ablaß aus. Daher jährlich von allen Orten her vieles Volk dahin gelaufen, geritten und gefahren kam, und eine große Wallfahrt entstand. Daraus wurde ein freier Markt vom Morgen zum Abend, der aber später auf 3 Tage ausgedehnt wurde. Hat also St. Bruno's stehender Esel das ganze Volk umher gehend und laufend gemacht. (TSS IV S. 97/8)

TSS Nr. 4.1.67: Das Nonnengespenst zu Gehofen
Es ist eine bekannte Gespenstersage, daß zu Gehofen im Jahre 1683 die Frau Philippine Agnes von Eberstein vom Gespenst einer Nonne übel geplagt wurde. Das Leiden begann am 9. Oktober, und zwar damit, daß die Edelfrau an Händen und Armen ein schmerzhaftes Kneipen empfand, und ein Flüstern vernahm, sie möge Abends sechs Uhr hinab auf den Hof gehen, und da einen großen ihr bescherten Schatz heben. Die Dame gehorchte jedoch weder dieser, noch mancher spätern Aufforderung, wodurch das Kneipen immer ärger wurde. Am 12. Oktober erblickte sie zuerst den Geist in Gestalt einer kleinen weiß gekleideten Nonne, die mit einem rothen Kreuz auf dem Haupt gezeichnet war, ein Paternoster in der Hand trug, und ein weißes Vorstecktüchlein nach damals üblicher Tracht vor dem Munde hatte; diese Gestalt winkte ihr. Da die durch Nachtwachen bei ihrem kranken Ehegatten erschöpfte, und außerdem sehr bange Dame nichts hören und sehen wollte, so geschah nun Nacht für Nacht und Tag für Tag abwechselnd heftige Gewaltthätigkeit am Körper der Geisterseherin und dringendes Zureden zur Folge, um den Schatz zu heben. Der Geist erzählte förmlich/ seine Geschichte, er sei eine des Geschlechtes von Trebra, habe auf dem Edelhofe, der früher das Trebraische Gut geheissen, in Kriegsunruhen einen Schatz vergraben, da wo jetzt die Kapelle erbaut sei, die Dame von Eberstein solle und müsse diesen Schatz heben, sie möge nur ihren Beichtvater und die Hausgenossen dazu nehmen, dabei beten und singen; es solle ihr auch kein Leid wiederfahren, und den schwarzen Hund, der den Schatz hüte, wolle der Geist aus dem Thore führen, und nie wiederkommen. Es bedürfe nur, daß eine Schürze oder sonst etwas auf den Ort des Schatzes von ihr geworfen werde. Der Geist beschrieb sogar den Schatz, darunter waren drei Ringe, die dem Ebersteinischen Geschlechte beständiges Glück bringen sollten, ordnete auch dessen Verwendung an, und verhieß der Tochter der geängstigten Dame ebenfalls die Hebung eines Schatzes nach vier Jahren – alles erfolglos – die Edeldame folgte nicht, und wurde fortdauernd von dem Geist gepeinigt, so daß es nahe daran war, ihr Leben darüber zu verlassen. Bei einem Gang über den Hof in die Kapelle zeigte sich das Gespenst mit flehendlichen Gebehrden, und deutete auf einen Schutthaufen und unter einem großen Stein die Stelle des Schatzes an, hielt sie sogar am Rocke fest, und bat, etwas dorthin zu werfen, auch sah die Dame mit einem Blick den ganzen Schatz offen. Als über alle Schmerzen, die sie erdulden, und die schreckenden Erscheinungen, die sie sehen mußte, die Dame ganz/ schwermüthig wurde, ward ihr von dem Geist mit christlichem Trost zugesprochen, doch wich dieser wenig mehr von ihr und blieb ihr, aber auch nur ihr allein, sichtbar, während sie die heftigsten Convulsionen und Paroxysmen erlitt. Einmal erschien das Gespenst sehr zornig, und klagte, daß die bösen Schulknaben sein Bildniß in der Kirche mit Ruthen geschlagen. Das währte so bis in das folgende Jahr hinein, wo es so weit kam, daß die Edelfrau – als sie wieder etwas stärker, mit ihren Anverwandten nach Bachra am 19. Januar Schlitten fuhr, und der Geist an der Brücke stand – in heller Verzweiflung zweimal mit Pistolen nach ihm Feuer gab. Damit machte sie nun das Uebel nur über alle Maaßen ärger, der Geist plagte sie mehr und mehr, und wenn sie dem Schmerz erlag, betete er ihr, wie höhnend, Liederverse aus dem Gesangbuch vor. Weder geistlicher Zuspruch, noch sonstiges Zureden vermochten die Patientin zu überzeugen, daß sie keinen Geist sehe, obwohl sie laut und lebhaft wünschte, es möchte dem also sein. Allein sie sah ihn fort und fort, und ihr Töchterlein, das noch nicht reden konnte, zeigte nach der Stelle, wo er weilte. Der Geist schlug die Geplagte auf Mund und Wangen, wie auf die Brust, warf sie empor, hielt ihr den Mund zu, legte sich über sie wie eine Centnerlast, und endlich da er nichts ausrichtete, nahm er nach Ostern Abschied, und quälte sie fürder nicht mehr, und sie sah und empfand nichts mehr von ihm, wofür sie dem/ Herrn in öffentlicher Kirchenversammlung danken ließ. – Von dieser Geschichte ward zu ihrer Zeit sehr viel gesprochen und geschrieben, heutiges Tages spricht man in Gehofen kaum noch davon. Das aber sagt man, daß auf dem Edelhofe sich eine Nonne und ein Mönch bisweilen sehen ließen, und großes Rumoren in den Ställen und Gepolter auf den Böden verursachten, daß oft das Vieh davon scheu würde. (TSS IV S. 99-102)

TSS Nr. 4.2.16: Der Jungfernstein
Ueber dem Dorfe Helmers liegen auf einem steilen Berge die Trümmer des Schlosses Frankenberg. Wann dieses Schloß erbaut worden, ist eben so wenig geschichtlich zu erweisen, als wann dasselbe zerstört worden. Die alten Chronisten nennen diese Burg einen Sitz mehrer Frankenherzoge, und soll im Jahr 403 der Herzog der Ostfranken: Markomir I. und 423 Markomir II. auf dem Frankenberge gestorben, und jeder in der Nähe nach heidnischer Art begraben worden sein. Noch zeigt man den Platz, und nennt ihn: die Heidengräber. Unterhalb des Burgberges, nahe an dem sogenannten Kutschenweg, der von Helmers nach Breitungen führt, steht ein alter Stein, den man den Jungfernstein nennt, und darüber folgende Sage erzählt. Auf dem Frankenberge hauste ein Ritter mit einer einzigen geliebten Tochter zur Zeit, als die Hunnen in Thüringen einfielen. Bald war von ihrem verderblichen Schwarme auch der/ Frankenberg bedroht; der Ritter sammelte seine Mannen, setzte die Burg in Vertheidungsstand, legte seine beste Rüstung an, und sprach zu seiner Tochter, sie zärtlich umarmend: Wenn ich falle, so entfliehe Du durch den unterirdischen Gang, der in das Dickicht des Waldes führt, dort wirst Du wohl geborgen sein, und von den Feinden nicht entdeckt werden. Gott mit Dir! Darauf bestieg er sein Roß, und zog den Hunnen, die schon durch das Thal drangen, entgegen. Aber bald mußte er mit seinem Häuflein der Uebermacht weichen und sein Roß zur Flucht spornen, dicht hinter sich die wüthenden Feinde. Und als er zu seiner Burg kam, ließen die darin zurückgebliebenen Knechte die Zugbrücke nicht nieder, sondern aufgezogen, weil sie fürchteten, der Feind möchte gleich nachdringen, der Ritter aber spornte sein Roß zum wilden Sprung hinüber, wodurch er in den Felsengraben stürzte, und elendiglich den Hals brach. Seine Tochter vernahm in ihrem Gemach das Angstgeschrei der Knechte und das Wuthgebrüll der Feinde, und flüchtete mit ihrer treuen Zofe durch den unterirdischen Gang. Es lief auch ein Hündlein mit, das nicht von der Herrin lassen wollte. Die beiden Jungfrauen gelangten durch den dunkeln Gang in das Walddickigt, fürchteten sich sehr, und erstiegen einen Baum, denn sie vernahmen Stimmen der Feinde, die sie suchten. Der Baum hätte sie wohl geborgen, aber der Hund wurde ihr Verräther, der bellte laut, und sah hinauf auf en Baum,/ und wollte hinauf. Da fielen die armen Jungfrauen in die Hände der Feinde, die nach hunnischer Art mit ihnen verfuhren, darüber sei das Leben lassen mußten. An der Stelle soll später zum Gedächtniß der Jungferstein gesetzt worden sein. (TSS IV S. 132-34)

TSS Nr. 4.2.17: Der Mönch und die Nonne
Von dem Mönchskloster in Herrenbreitungen und von dem Nonnenkloster in Frauenbreitungen geht die allgemeine Sage, daß von einem Kloster zum andern unter dem Werrafluß hinweg, welcher die beiden Orte scheidet, ein tiefer Gang geführt habe, und noch führe. Einst liebte ein Mönch eine der Breitunger Klosterfrauen, und es wurde zwischen beiden Flucht verabredet. Der Mönch ging durch den Gang; drüben im Kloster harrte seiner die geliebte Nonne, und ward von ihm entführt. Die Liebenden flohen eilend in der frühen Morgenstunde, da es noch dämmerte, schifften über den See, um ihre Spur zu verbergen, und wanderten dem Walde zu. Es hatte aber ein andrer Mönch – dem es oblag, in einer kleinen Kapelle, deren Stätte man noch das Frühmeßchen nennt, allmorgentlich Messe zu lesen – irgendwo Kunde erhalten von jener/ Beider Liebe und dieser Flucht, liebte auch wohl selbst die schöne Nonne. Nun stand dort, wo jetzt Amtskastners Garten ist, ein großer Holzbirnbaum, hinter diesem versteckte sich der Mönch. Als jetzt das flüchtige Paar am Baum vorbeikam, stürzte er voll Haß und Wuth hervor, warf sich zwischen die Zwei, zuckte ein Messer und tödtete Beide, so fuhren sie in ihren Sünden und ohne Absolution dahin. Man sagt, daß noch im Abtswald die Nonne umgehe, und der Mönch beim Frühmeßchen, aber die Schatten können nicht zu einander kommen, denn zwischen Beiden steht mit drohenden Gebehrden die zürnende Gestalt ihres Mörders. (TSS IV S. 134/5)

TSS Nr. 4.2.28: Die Teufelskutte
Ganz nahe bei dem Salzunger See liegt in einer erdfallähnlichen, jetzt mit Anlagen geschmückten Felsenvertiefung ein unheimliches Wasser, der Sage nach unergründlich. Den Felsenkessel, darin dieses Wasser liegt, nennt man die Grube, den Namen Teufelskutte aber hat man ihm deshalb gegeben, weil man hat behaupten und wahrnehmen wollen, daß der fliegende Drache sich oft in diese Grube eingelassen, oder, wenn er darüber geflogen, vergangen und sein Licht verloren haben soll. Man sagt, daß einst ein Kutscher oben über der Grube hingefahren, da habe ein Gespenst die Rosse geschreckt und scheu gemacht, daß sie mit sammt der Kutsche in den tiefen Abgrund gestürzt, und von der Kutte, deren Umfang früher viel größer war, wie jetzt, verschlungen worden. (TSS IV S. 148)

TSS Nr. 4.2.30: Die Fräulein in der Kutsche
Ein Jäger im Schloß zu Wildprechtrode kehrte von der Schnepfenjagd heim, da fuhr ein ganz altmodischer Wagen mit vier Pferden bespannt, desselben Weges, in diesem Wagen saßen drei wunderschöne Fräulein. Der Jäger verwunderte sich schier über das alte Gefährts und die jungen Damen, doch da der Wagen seinen Weg auf Wildprechtrode zunahm, so dachte er, es werde wohl eine fremde Herrschaft sein, die seine Herrschaft besuchen wolle, und setzte sich, um schnell mit/ fortzukommen, hinten auf das Kutschbrett. Der Wagen aber fuhr gerade auf den Buchensee zu; plötzlich hörte der Jäger ein gewaltiges Rauschen vom Wasser, sprang schnell herab, und rettete sich mit Mühe, denn schon wollte ihn das Wasser erfassen. Wie er das Ufer gewann, und sich umblickte, war der Wagen verschwunden, die Wellen des Sees aber wogten noch bewegt. Ganz durchnäßt und zähneklappernd kam der Schnepfenjäger nach Hause. (TSS IV S. 150/1)

TSS Nr. 4.3.2: Die Teufelsmahten
Auf dem alten Schloß Liebenstein saß ein Ritter, der gar ein wilder und wüster Geselle war, und seine Seele dem Bösen verschrieben hatte, unter dem Beding, daß dieser ihm Zeitlebens diene, und jede Arbeit verrichte, die der Ritter ihm auferlege. Nun zieht sich rings um den alten Liebenstein nach Norden zu ein großes Feld, und da gebot/ der Ritter dem Teufel, in einer Nacht die sämmtliche darauf stehende Frucht abzumähen, deren so viel war, daß hundert Schnitter damit kaum in drei Tagen fertig werden mochten. Dem Teufel aber war diese Arbeit ein Leichtes. Er machte sich dran und mähte das ganze Getraide in wenigen Stunden in ungeheuren Mahten zusammen. Seit jener Zeit nun wächst alles Getraide auf dem dortigen Acker ein Theil rechts, ein Theil links – nach dem Schnitt, wie es damals der Teufel gemäht hat, so daß, es mag das Getraide noch stehen, oder blos noch die Stoppel vorhanden sein, es bis zum heutigen Tag, von fern betrachtet, aussieht, als läge das Getraide auf jenem Acker in ungeheuren Mahten zusammengemäht. (TSS IV S. 158/9)

TSS 4.3.14: Die Zigeuner
Vordessen, und noch bis vor etwa zwanzig Jahren kamen alle Jahre Sommerszeiten (= in der Sommerzeit, sk) Zigeunerbanden gezogen. Meistentheils, wenn sie nach Steinbach kamen, schlugen sie ihr Lager außerm Dorf auf, und kamen nur Einzelne hinein, sagten den Leuten wahr und bettelten, mausten aber auch, wenn sie etwas erwischen konnten, wie die Katzen und stahlen, wie die Raben. Die Leute fürchteten sich vor ihnen, und gaben, was sie geben konnten, damit sie sie nur wieder los würden, und keine Läuse von ihnen angemacht, oder sonst etwas angethan bekamen. Einmal spät im Herbst, wo schon alles ein/geärntet war, kam auch so eine Zigeunerbande gezogen. Es war wildes Wetter und grimmig kalt, so daß sich nicht mehr wohl im Freien aufzuhalten war. Da kam die ganze Bande in das Dorf und baten die Leute um Gottes Willen, sie möchten sie doch die Nacht über in einer Scheune bleiben lassen. Niemand wollte sie aufnehmen, endlich erbarmte sich aber das alte kleine Reeschen*), das bei der Linde daheim war, und machte ihnen seine Scheune auf. Wie nun die Zigeuner ein Weilchen in die Scheune hinein waren, und das Reeschen wieder in die Stube gegangen war, da wurde auf einmal ein Tumult vor seinem Haus, und liefen die Leute aus dem ganzen Dorf zusammen, und schrien, und wie das kleine Reeschen das Fenster aufmachte, herausguckte und fragte, was es denn eigentlich gäbe? schrien die Leute: die Zigeuner steckten seine Scheune an, und hätten ein Feuer darin angemacht, das bis in den Bärn (= Heuboden, sk) hinauf lodere. Da erschrack das Reeschen, machte sich hinaus und mit ein Paar Nachbarn in die Scheune, wo richtig die Zigeuner solch ein Feuer hatten, das bis hinauf schlug, wo alles Stroh von der ganzen Aernte lag – wusch sie an (= schalt sie aus, sk) und sagte, das wären ja dumme Narrenspossen mit ihrem Feuer, sie könnten ja das ganze Dorf anstecken, und gleich sollten sie ihr Feuer wieder ausmachen, oder sie müßten den Augenblick zur/ Scheune und zum Dorf hinaus! Ob das der Dank wäre, daß er sich ihrer erbarmt und sie aufgenommen hätte, daß sie wollten seine Scheune mit der ganzen Aernte ihm überm Kopf anstecken? Da saß so eine alte ururalte Zigeunersmutter beim Feuer, die nahm das Wort und sagte zu den Gekommenen: Nix Scheun, nix Haus, nix Dorf ansteck. Unsre Feuer nix ansteck, wir Gewalt hab über die Feuer. Und winkte einigen ihrer Leute und kalwatschte**) etwas in ihrer Sprache mit ihnen. Die, wie der Blitz die Scheuernleiter hinauf, und warfen ein Paar Schütten Stroh herab, steckten diese an die Heugabel, und hielten sie mitten in das Feuer hinein. Da erschrack das kleine Reeschen erst recht, und dachte, sie wollten nun die Scheune mit Fleiß anstecken. Aber wie die zwei Schütten Stroh so ein Weilchen ins Feuer gehalten worden waren, daß die Flammen hineinloderten, und man nicht anders dachte, als sie müßten über und über brennen, da thaten die Männer sie wieder heraus, und legten sie vor die Steinbacher hin, und da war auch kein Hälmchen versengt. Danach fing die alte Zigeunerin wieder an und sagte zu dem Reeschen und den Andern, ob sie nun gesehen hätten und glaubten, daß der Zigeuner Feuer nichts anbrenne und diese Gewalt darüber hätten? Sie möchten nur ganz ruhig nach Hause gehn, und unbesorgt sein. So lange die/ Zigeuner im Dorfe wären, könnte gar kein Feuer auskommen. – Da mußten jene wieder fortgehen und die Zigeuner mit ihrem Feuer gewähren lassen; das brannte fort und loderte empor bis zum Morgen, aber es brannte nichts davon an. Und als nun am andern Morgen die Zigeuner aufbrachen weiter zu ziehen, da kam die Alte hinein zum kleinen Reeschen in die Stube, bedankte sich für sich und ihre Leute, und ging zu ihm, und klopfte ihn auf die Achsel und sagte ihm: so lange sein Haus und seine Scheuer ständen, könnten sie nimmermehr abbrennen, und wenn auch rings darum das ganze Dorf abbrennte, sie hätten es für ewige Zeiten festgemacht, und das wäre der Dank dafür, daß er sich ihrer in dem wilden Wetter erbarmt, und sie in seine Scheune aufgenommen hätte.

*) Andreschen

**) rothwälschte (TSS IV S. 175-178)

TSS 4.3.28: Bonifaciusfels
Es ist eine uralte Sage, daß der Heidenbekehrer Winfried-Bonifacius, als er in den Marken Thüringens/ weilte, auch da, wo nachher das Schloß Markgrafenstein erbaut wurde, an dessen Stelle später Schloß Altenstein trat, eine Zeitlang lebte und lehrte. Da soll der fromme Mann dicht an einem Felsen einsiedlerisch eine Klause bewohnt haben, und vom Fels herab habe er dem Volke gepredigt. Vor hundert Jahren sah man noch an dem bis heute so genannten Bonifaciusfels eine hohe runde Mauer ohne Dach, als Ueberbleibsel einer Kapelle und nannte sie Bonifaciusthurm. Später ist an diese Stelle ein bedachtes kapellenähnliches Gemach erbaut worden, und die Benennung Bonifaciusthurm verschwunden. Am Felsen aber, der sich darüber aufgipfelt, blieb für alle Zeiten der Name des Bekehrers haften. (TSS IV S. 197/8)

TSS Nr. 4.3.30: Die Hunde von Wenkheim
Das Schloß Altenstein war geraume Zeit in dem Besitz einer jetzt ausgestorbenen adeligen Familie,/ welche sich die Hund von Wenkheim schrieb. Darüber wird noch von den Bewohnern der Umgegend folgende Geschlechtssage erzählt: Es wohnte auf dem Schloß eine gar sittenstrenge Edelfrau und da es sich einst zutrug, daß ein armes Weib mit Drillingen niederkam, so glaubte die Dame, jenes Weib habe sich arg vergangen, und ließ sie wegen Ehebruchs hinrichten. Auf der Richtstätte betheuerte das Weib noch seine Unschuld und sprach den Fluch aus: Mögest Du, daß ich unschuldig sterbe, an Dir selbst erfahren, und statt mit Dreien, mit dreizehn Kindern auf einmal vor Deinem richter stehen! – Bald darauf fühlte sich die Gräfin gesegneten Leibes, und gebar in Abwesenheit ihres Eheherrn dreizehn Knäblein, die zwar gar klein waren, aber doch lebend und wohlgestaltet. Nun schämte und entsetzte sich die Edelfrau, fürchtete ihres Gemahls Zorn und der Welt strenges Urtheil, und gebot ihrer Dienerin, zwölfe der Kinder heimlich in das Wasser zu tragen, und nur der Dreizehnte wurde behalten. Als nun aber die Magd das grausame Gebot zu vollsiehen ging, begegnete ihr der unversehens heimkehrende Ritter, und fragte, was sie trüge? Mit Beben erwiederte diese: Junge Hunde, der Ritter aber verlangte diese zu sehen, ob nicht vielleicht eines der Hündlein zur Aufzucht tauge, und entdeckte die Unthat.. Er gebot nun der Magd tiefes Schweigen und that die Kleinen zu einem Köhler, wo er sie erziehen ließ, bis sie das zwölfte Jahr er/reicht hatten. Als nun die Edeldame den Geburtstag ihres Sohnes festlich zu begehen gedachte, fragte sie der Graf: Welche Strafe verdient eine Mutter, die ihr neugebornes Knäblein gleich einem jungen Hund ins Wasser tragen und ersäufen läßt? – Die Frau erschrak, doch glaubte sie nicht, daß Ihre That entdeckt sei, und antwortete: Solche Frau müßte durch das Feuer vom Leben zum Tod gebracht werden. Weib! donnerte da der Ritter, indem er die Thüre öffnete und die überein gekleideten Knaben eintreten hieß: so muß man Dich zwölfmal verbrennen! Sieh hier Deine jungen Hunde! Wahrlich, das sol hinfort ihr Name sein! – Die Dame sank zu den Füßen ihres Gatten, der das selbstgefällte Urheil jedoch nicht an ihr vollziehen, sondern sie in einem Kloster bereuen und büßen ließ. So ist das Geschlecht derer von Hund entstanden. Der dreizehnte Knabe aber, welcher den Beinamen seiner Brüder nicht führte, soll erbenlos gestorben sein. (TSS IV S. 199-201)

TSS Nr. 4.4.37: Der Landgrafenacker
Duisse im Fell,1] glich öber der Buirnwiese, 2] da leit e Acker, den heißt me den Landgrafeacker, wihl en de Ehdellüht odder de Grafe emahl hun mutt erömer ähr.3]
Vör vill vill honnert Jaihrn, da is nemlich emahl e Landgraf gewahst, dahs is gair e guter Landgraf gewahst, u hats net gelehte, daß de Oengerthune geschonge4] u geplagt würn. Awwer der Landgraf wair wiht5] von hie dahein, u da hunn de hiesige Ehdellüht gekleit6] se wern sicher für en, un e derführ'sch7] nett, u hunn de Oengerthune8] gepeinigt u geplagt, bis offs Bluht, u hunn se unstatt der Oisse u Güll9] vörn Pfluhk gespannt, u hunn geairn10] nicht en, bih me mit Oisse u Gülle ärt. Das Deink das hunn se lang ungetrehbe, u hat's en kem11] Mensch konnt gewehr. Endlich awwer da ihs der Landgraf ehmal in die Gehnet12] gekomme, u hats derfairn,13] bihs de Ehdellüht mit sinn Oengerthune maichte. Da ihs e springbös gewuirn, u hat se all laß/ zesummekomm, u hat se au in Pfluhk gespannt, bi de Oisse u de Güll, u hat se laß den Acker erömmerähr, den ma noch hüttigstaihs14] den Landgrafenacker heißt. U der Landgraf ihs mit der Platzgeischel15] hinner en16] hergegangen, u hat off se geplatzt, bann se mühd gewahst sein u net richtig meh hunn konnt gezieh, gerad so bih sühs den Oengerthune gemaicht hatte. U bih se fertig sein gewahst, da hat en ugesuin, 17] daß e sich genau wühr laß derkundige,18] u bann e widder derführ, daß se de Oengerthune e so schönge u plagte, bih se's gemaicht hätte, u hätte kei Mitlihde19] mieht en gehatt, da wöll e widder komm, u wöll se widder in Pfluhk spann u wöll des ganz Fehld mit en erömmer ähr, u wöll off se platz, bis der letzt Mann sin Geist uffgegahn hätt.
U dernach hinte20] da hunn sich die Ehdellüht in Aicht genumme u hunn de Oengerthune net mehe e so geplagt u geschonge bi vördam. Awwer de Oengerthune, die hunn för örn gute Landgrafe gebatt21] öhr Lahte lang, u hätte Gut u Blut gern für en gelasse. U se hunn den Acker den Landgrafeacker geheiße, u hunn ümmer der Vahter sinn Kenge u Kengskenge22] die Geschichte von öhrn gute Landgrafe derzahlt,23] daß sie Ange/dehnke24] nümmermeh söll öngergeh,25] u hat sich au derhalle26] bis offen hüttige Tahk.

1]Draußen im Felde, 2]Bauernwiese, 3]herum ackern, 4]geschunden, 5]weit, 6]geglaubt, 7]erführe es, 8]Unterthanen, 9]Ochsen und Gäule, 10]geackert, 11]kein, 12]Gegend, 13]erfahren, 14]heutiges Tages, 15]Peitsche, 16]hinter ihnen, 17]angesagt, 18]erkundigen, 19]Mitleid, 20]nachher, 21]gebetet, 22]Kindern und Kindeskindern, 23]erzählt, 24]Andenken, 25]untergehen, 26]erhalten. (TSS IV S. 214-216)

TSS Nr. 4.4.38: Die Luitterschbuche, der Luitterbuirn u der Luitterschfuß
Bih1], vör allewih mehe ens2] dreihonnert Jairn, der Docter Luitter de Refermazion uhgefange hatt, da ihs e offen Richstahk nach Woirms gecitirt wuirn, u hat sollt si Laihr3] widderuff. Wihl4] e das awwer net gethunt5] hat, da sein de Kairtholische noch mehe off en uffstötzig6] gewuirn,7] ens8] se’s derfür schon wairn, u hunn en nach den Lahwe gestraht.9] Das hat der Kuirfürst von Sachse derfairn,10] u dermiht11] daß de Kairtholische sin’n Docter Luitter nüscht könne uh gehah,12] hat en, bih e von Woirms widder heigemaicht13] ihs, öngerwehs14] heimlich laß/ uffheh u in Sicherheit breng. Das ihs in der hiesige Gehnet15] geschiehn.
Der Docter Luitter ihs nehmlich von Mühr16] donge önger Gaumpelstaadt, gebürtig gewahst, u bih e dazemahl von Woirms gekomme ihs, da hat e sin‘n Brudder, der noch in Mühr ihs dehein gewahst, u den e lang Ziht net gesiehn hatt, off e Pair Tai17] besuicht. Dernach hinte hat e üwwern Wahld wollt witterscht18] widder enihn nach Wittebehrk mach.
Bih se awwer enuff zwischen Eselskoopf u de Mühlbehrk gekomme sein, dohwe19] öbern Katzestein, bu me’s allewihl bein Luitternbuirn heißt, da sein off eimah fönf Rütter20] uis en Deckicht eruis gesprengt gekomme, die sahche uis bih Raiber, u hun den Docter Luitter uisser Koitsche geresse, off sin’n Brudder awwer u de annere, die mieht en gemaicht wairn, u hatte en e Stöck üwwern Wahld wollt begleit, hun se schmesse,21] daß se uis geresse22] sein. Da hunn se die laß lauf, den Docter Luitter awwer hun se behalle.23]
Dadrüwwer, u wihl e net annersch gedaicht hat, ens daß das richtige Raiber, oder au Kairtholische wärn, die en uns Lahwe wölle, ihs der Docter Luitter sehr derschracke gewahst, u hat sich mutt e fleck önger e Buche, die dort gestanne/ hat, setz, bis e sich widder e wenk24] von sien Schrecke derholt hatt. Die Buche, önger die sich der Docter Luitter dazemahl gesatzt hat, steht noch bis offen hüttige Tahk. u heißt senner25] der Ziht die Luitterschbuche.
U da hat en au der Duirst üwwerfalle, u hat emahl uis den Buirn getraunke, der gliech önger der Buche quellt. Vill Lüht awwer spreche, der Buirn wär dazemahl noch net doirt gewahst. U bih nu der Docter Luitter önger der Buche gesesse hätt, u wär‘ e so sehr derschrocke gewahst, da hätt en e grausamer Duirst üwwerfalle. Da hätt e sin‘n Stecke genumme, u hätt‘ en in’n Erbode gestackt, u da wär‘ off eimah der Buirn eruis gespronge komme, der noch bis off de hüttig Stonn doirt sprengt, u den me den Luitterbuirn heißt.
Bih der Docter Luitter nu önger der Buche e wenk uisgerauht26] hatt, u hatt emah von dem Buirn getraunke, da sein nachhinte die Rütter witterscht miht en gezoin,27] ümmer duirch den Wahld eduircher,28] u hat nawet29] den Gülle30] mutt hergeh, bis enuff offs Glasbich.31] Bih se doirt hi gekomme sein, da hat e net wittersch gegeh; se söllen en sai, bas se miht en fürhätte,/ u bann sen nach den Lahwe strahte, odder wöllen en plönger,32] da söllen se’s allewih thu, bas se mit en thu wölle; awwer witterscht gihnk33] e net miht ün.34] U trat offen Granitstein, der doirt lahk, daß si Fußtapfe noch bis offen hüttige Tahk in dem Stein zu sinn ihs.
Da hunn die Rütter den Docter Luitter an off en Guil gesatzt, hunn sich awwer noch ummer net zu derkenne35] gegahn, behr sche36] wärn, u sein noch lang miht en in den Wall37] ünner de Krütz u de Quer eröm gezoin. Zeletzt hun se au den Gülle de Hufihse38] abgeresse, u hunn se verkaihrt widder uffgeschluin, daß juidweder hat mutt irr wehr, der öhr Spuihr hat wollt verfulg.
Endlich bih se den gahnze Tahk miht en in Wall erömgezoin wairn, hunn sich die Rütter, die zu Raibern sich nert verkleidt hatte, zu derkenne gegahn, ber sche wärn. Da seins de Retter39] von Allestein40] u vonner Wairtebuirk41] gewahst, u huns den Docter Luitter gesuin, daß sen off Befehl von Kuirfürste e so heimlich hätte mutt42] uffheh,43] wihl en de Kairtholische nach en Lahwe strahte, u söllen en off de Wairtebuirk in Sicherheit breng.
Die Luittersch-Buche ihs allewihl alt u moirsch44] u duirch e duirch45] hohl gewuirn,46] u wührd/ net lang meh stinn.47]Scho villmahl hat er48] der Oengergahnk49] gedräwt,50] awwer der liebe Gott hats ümmer gemaicht, daß e doch stinne51] bleiht. Mehe ens eimahl, zum letzte Mahl noch erst vör e Jairer zahn, hunn se de kairtholische Wallfaihrter, bann se doirt enuff gezoin sein, bu sust das all Kloster gestanne hat, bu von me noch allewihl de Gehnet öbern Luitterbuirn de Wallfaihrt heißt, uhgestackt, 52] u hunn se wollt abbörn.53] Awwer allemahl, bann se se hunn uhgestackt gehatt, hat der liebe Gott Lüht dehin gefuihrt, die’s sein gewaihr gewuirn, daß se brähnt, u hun se widder geläscht. Vör uhgefähr net gahnz honnert Jairn, bih gerad der Schlahk doirt in Mühlbherk gewahst ihs, da ess au emah scho uhgeweese54] gewahst, u hat sollt abgehackt u zu Hälz55] gemaicht wehr. Awwer da ihs e hieschiger Muhn,56] gerad bih se der Förster uhgeweese hat, derzugekomme, der hat se gekauft u bezahlt, bas se getaxirt wair, damit se nert der Förster net dörft laß obhack. Der Muhn hat Andreas Malsch, oder bih mehr hir sprecht, Malzersch Rees geheiße, u ihs au dazemahl öffetlich in Zihtinge57] drüwwer geloht wuirn*)58] daß e e Pair Thaler Geeld net hat uhgesiehe,59] u hatt das/ Dehnkmahl von Docter Luitter, die all Buche, von Oengergahnk derett.60] Si Nachkomme lahwe noch allewihl in Steinig,61] u dena gehört au eigetlich die Luitterschbuche, wihl se öhr Aellervater mit sinn Gell derkauft u bezahlt hat.

1]Wie, 2]als, 3]Lehre, 4]weil er, 5]gethan, 6]auf ihn aufsässig, 7]geworden, 8]als, 9]haben ihm nach dem Leben gestrebt (getrachtet, sk), 10]erfahren, 11]damit, 12]anhaben, 13]heim gereist (machen für reisen ist im ganzen Meininger-Unterlande volksüblicher Sprachgebrauch), 14]unterwegs, 15]Gegend, 16]Möhra, 17]Paar Tage, 18]weiter, 19]droben, 20]Reiter, 21]geschlagen, 22]ausgerissen, 23]behalten, 24]ein wenig, 25]seit, 26]ausgeruht, 27]gezogen, 28]hindurch, 29]neben, 30]Gäulen, 31]Glasbach (eine Wüstung.), 32]plündern, 33]ging, 34]ihnen, 35]erkennen, 36]wer sie, 37]Wald, 38]Hufeisen, 39]Ritter, 40]Altenstein, 41]Wartburg, 42]müssen, 43] aufheben, 44]morsch, 45]durch und durch, 46]geworden, 47]stehen, 48]ihr, 49]Untergang, 50]gedroht, 51]stehen, 52]angesteckt, 53]abbrennen, 54]angewiesen, 55]Holz, 56]Mann, 57]Zeitungen, 58]gelobt worden, 59]angesehen, 60]errettet, 61]Steinbach.

*) Nationalzeitung der Deutschen. Jahrgang 1817. 35 St. (TSS IV S. 216-221)

TSS Nr. 4.4.45: Der Flohsbergk
Dahinge in Flohsbehrk, i's sie Lahde net gehühr1] gewahßt; ümmer hats gespühkt, u es ist si Lebstag kei Mensch gern dehinge blebe, banns nert unfing u wuir dämmerig, geschwig banns gair erst Naicht wair. Ball krehte de Lüht Muischelln, ball zopftse's un Uihr2] odder unner Jache, u bann se sich eröm drahte, sahchen se nüscht; ball rief s'es bein Nume, odder brahl bi a klei Keind, u wimmert u bairmt e Stöckche für enn, u bann se dernach ginge, da wairs ümmer e Stöckche für en, awwer se kumme mi Lebstag net drun, u es hattse nur förn Nairrn, u fuihrt se irr.
Nach hinte hat au d's wüthig Heer sin Sibz dehinge in Flohsberg, das kömmt übern Gerberstein u übern Hirzbahlz dahergezoin u lät sich im Flohsberg dernidder, u behn3] das derwischt, der is verluirn, u dem drehts den Hahls erömmer. Awwer me muß sich, bamme's hürt komm in der Luft, off en Bug4] u offs Gesicht der Läng nach off en Erdbode leh, u muß e Vateronser baht, da zühts verüber, u kun en nüscht gethu, wils ömmer muß in der Luft blih, u kunn net ganz erabber off den Erdbode gereich.

1]geheuer, 2)]Ohr, 3]wen, 4]Bauch. (TSS IV S. 233/4)

TSS Nr. 4.4.46: Dri Männer im Flohsbergk
Der all Grönger1] Wirth, der hat ümmer de Lüht betroin. Bann se hunn Fleisch bei en gehollt, u e Pfoind2] wollt hah,3] da hat e ze licht Gewicht genumme, daß se ümmer nert drei Viertel gekreht hun; u bann se hunn Bier gehollt, da hat e so e klei Maas gehatt, daß se für e Kann allemal nert drei Kairtel4] gehatt hun.
Bih e nu gestuirbe wair, da gihnk e ömm, u wannert alle Naicht, da kum e ins Huis, u in de Fleischkommer u in Kehler, u pollert dinn eröm, u wuirf alles duirch enanner, u rief: „drei Kairtel für e Kann! drei Viertel für e Pfoind! Bih se's nun endlich net mieh konne uisgehall, miht en, da holte se den Jesewitter, u der bannt en, u stackt en in en Sahk, u truhk en ehenger ins Flohsloch. Nachhinte hatten se Rauh für en im Huis.
Nach is au e Grümmmiger5] Möller gewahßt, der hat de Lüht beim Mahln betreihut,6] u hat allemal zevill gemetzt, u hat au de Gränze verockt. Der hat au gewannert; bih e gestuirbe wair, u ihs in der Mölln7] eröm gepollert, u als füriger muhn off sin Aeckern u Wiese eröm gegange. U da hunn se au den Jesewitter geholt, der hat en mutt bann, u au ehinger ins Flohsloch trai 8].
Dernach is enner in Schwein gewahst, der hat au de Grenze verrockt, u si Aecker sein alle Jaihr größer gewuirn. Bih der gesturbe ihs, da hat e gewannert, u is offer Röth öbern breite Birnbaum ball als füriger Muhn ömgegange, ball hun de Lüht, bann se üwwer sin Acker gegange sein, Muischelln gekrecht, u hun doch kem Mensche gesiehn, so daß sich kei Mensch meh getraut hat, von Schein nach Steinig oder von Steinig nach Schwein ze ginn,9] zeball enn's nert ufihng,10] dämmerig zu wern. Da hunn se au den Jesewitter gehollt, u der hat en au gebannt, u hat en in en Sahk gestackt, u ins Flohsloch bein 11] alle Grönger Wirth u Grümmiger Möller getrauin.
Wihl e awwer in sin Lahbe so gern gekairt12] hat, u der all Grümmiger Möller u de Grönger Wirth au, ze hat en der Jesewitter e Kairte mitgegahnt, u nu setze die drei dehinge im Flohsloch, u kairte Solo; u wihl 13] betrieg, da wern se muine mah au ueins, u pommen 14] sich e Fleck, 15] u mache en Spektahkel, ärger ens des wüthening Heer. Genug ma, bann Lüht noch spät durch den Flohsberk gemutt hun, u sein bein Flohsloch verbeigekomme, da hun se gehuirt, bi se Traumpfais16] geruffe hun, u hun sich gezahnkt u geprügelt; awwerder all Grönger Wirth, der hat ümmer derzösche 17) geruffe: „drei Kairtel für e Kann, drei Viertel für e Pfoind!“

1]Gründer, 2]Pfund, 3]haben, 4]Kärtel, Quärtchen, ein halbes Maas, 5]Grumbacher, 6]betrogen, 7]Mühle, 8]tragen, 9]zu gehen, 10]anfing, 11]bei den, 12]gekartet, 13]weil, 14]pumpen sich, Provinzialismus für prügeln, puffen, 15]eine Weile, 16]„Trumpfaus!“, 17]dazwischen, 18]Wind. (TSS IV S. 234-237)


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  Impressum   Letzte Änderung: 24. Nov. 2011