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![]() Kritiken zu Ludwig Bechsteins Werk
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6.1. Reinhold Bechstein (L.B's ältester Sohn, Germanist an der Universität Jena):
Wie ernst er es auch mit seinen wissenschaftlichen Aufgaben nahm, so hörte er doch niemals auf, ihnen einen poetischen Inhalt abzugewinnen." Bechstein war weder ein zünftiger Fachgelehrter noch ein schulmäßiger Altertumsforscher, weder ein Historiker noch ein Germanist strengster Observanz, und er wollte es auch nicht sein, noch weniger scheinen ... Wie sehr bei ihm der Dichter das Zepter führte, ersehen wir aus Einzelheiten seiner wissenschaftlichen Werke."
(Ludwig Bechstein in seinem wissenschaftlichen Wirken, 1882)
6.2. Wilhelm Chezy:
„Die Art, in welcher Bechstein hervorbrachte, hatte ihre ganz absonderliche Eigenthümlichkeit. Seine Einbildungskraft schien in einer lateinischen Küche zu arbeiten, indem sie die bezogenen Stoffe und die daraus gewonnenen Präparate in wolgeordneten Büchsen, Flaschen, Kapseln und Schubladen bewahrte, um sie dann nach Recepten in nicht minder geordneter Reihenfolge zu mischen und mit sorgsam angefertigten Etiketten abzugeben. Eines Tages fand ich zufällig Gelegenheit, die vorbereiteten Handgriffe auf dem Receptiertische zu beobachten. Wir hatten mitsammen zu Mittag gegessen und er mich eingeladen, bei ihm Kaffee zu trinken. Unterwegs kaufte er in einer Handlung Papiere von verschiedenem Format und verschiedener Beschaffenheit, eine große Menge. Seine Stube schien einer alten Jungfer zu gehören, so ordentlich sah es da aus. Mit geübter Hand bereitete er in der Kaffeemaschine, was die Morgenländer „das schwarze Wasser der Weisheit" nennen: doch war die Schwärze von sächsischer Blässe angekränkelt. Während ich dampfend den Trank schlürfte und mit dem freundlichen Wirth plauderte, falzte dieser mit genauer Hand eine Anzahl von großen Bogen, schnitt jeden auseinander, bog jede Hälfte zu einem Quartbriefe, falzte wiederum an jeden Quartbrief einen Rand, bei einem ganz genau so breit wie beim anderen, und nachdem er die gewünschte Zahl beisammen hatte, fing er an den obern Rand eines jeden Bruches mit einer Etikette zu verzieren. Seine Handschrift war augenscheinlich sächsischen Ursprunges. In jenen Tagen nämlich erkannte man noch jeden Landsmann am Grundzuge seiner Schrift; damals schrieb man noch nicht mit der Metallfeder, welche zwar dem Einzelnen nicht seine Eigenthümlichkeit benimmt, wol aber den Handschriften aus aller Herren Ländern einen weltbürgerlichen Zug aufnöthigt, und zwar deshalb, weil man damit gar nicht schreiben kann, wenn man sie nicht bis zu einem gewissen Grade regelrecht führt. Wie Bechsteins Zug den Sachsen, verrieth die abgezirkelte Zierlichkeit und Feinheit die pharmaceutische Schule. Mit Erstaunen sah ich ihn schreiben: ,Das tolle Jahr.' Dann kam eine römische I, daneben eine arabische 1, obschon eine solche bereits ganz oben in der Ecke stand. Diese letztere wurde auf dem nächsten Bogen zur 2, auf dem dritten zur 3 und so fort; endlich aber kam unter der laufenden Zahl nach dem Titel ein ,II.1.' zum Vorschein. Jetzt konnte ich nimmer umhin, meinem wißbegierigen Erstaunen Worte zu leihen. Ich erhielt in voller Unbefangenheit die leutseligste Auskunft Das Papier war für einen Roman, „,das tolle Jahr' betitelt, vorgegeben, wie Hafer und Heu für ein Roß. Bechstein behandelte eben den Pegasus als Pferd. Ich wagte die Einwendung, daß doch hie und da der Raum zu eng oder zu weit werden könnte. Mit der Zuversicht eines bleichen Leinewebers in der Miene schüttelte Bechstein lächelnd den Kopf. Das habe ihn noch nie in Verlegenheit gebracht, betheuerte er. ,Wenn ich morgens aufgestanden bin', fügte er hinzu, ,mache ich ein Gedicht und hernach den Kaffee; dann folgen die andern Arbeiten nach ihrer Ordnung. Am nächsten Montag z.B. kommt das tolle Jahr an die Reihe, täglich zwei Quartseiten, macht für die Woche drei solche Halbbogen.'
Bechsteins Schrift gab aus. Er beschrieb, wie damals alle Welt, sein Papier auf beiden Seiten, und die drei Halbbogen wöchentlich waren ein ganz anständiges Stück; mir kamen sie gleichmäßig zu wenig und zu viel vor, weil ich in meiner Unerfahrenheit mir einbildete, daß der Dichter genau in derselben Weise arbeiten müsse wie der andere. Der bürgerlich geordnete Fleiß in der Dichtkunst war mir noch nicht vorgekommen; ich kannte nur die äußeren Gegensätze, den raschen Ungestüm hier, die süße Trägheit dort, die mit einander in einem und demselben Wesen abwechselten. Für Sturm und Drang des Schaffens war der tägliche Abschnitt zu wenig, für die Unlust zuviel."
(Erinnerungen aus meinem Leben S. 71-73)
„Dieses durch die Pietätlosigkeit des Verfassers gegen seine Mutter bekannte Werk spricht im 2. Buch: Helle und dunkle Zeitgenossen. 3. Bändchen. (Schaffhausen. 1864) S. 69-76 (Abschn. 12) von Bechstein im allgemeinen wie über sein Leben in München 1830 im besondern." (Linschmann Nachträge Nr. 14, S. 150)
„Was die meisten dieser Werke (= Bechsteins Prosa, sk), ebenso wie die Dichtungen, charakterisiert und auszeichnet, ist ihre grosse Volkstümlichkeit, die vor allem in der Wahl der Stoffe (überwiegend geschichtliche) beruht. Meist ist es wieder das liebe Heimatland Thüringen, das seinem treuen Sohne Ausbeute in Hülle und Fülle bietet. Hier hat Bechstein aus Chroniken und alten Schriften für seine Zwecke so viel zutage gefördert, dass man mit Bewunderung für den Bienenfleiss des Mannes erfüllt wird.
Was ihm bei der Abfassung dieser Werke zu gute kam und die vielen verschiedenen so abwechselungsreich gestaltet, dass man fast in jedem auf neue Kennntnisse des Autors stösst, ist die ganz ausserordentlich vielseitige Bildung, die er sich durch unermüdliches Studium angeeignet hat. Sein Lebensgang, trägt einen nicht unbedeutenden/ Anteil an dieser Vollkommenheit. Vor allem ist es die Botanik, in der seine Kenntnisse so sehr über das gewöhnliche Mass hinausgehen, dass es dem Leser häufig schwer wird, zu folgen. Immer wieder leuchtet seine kindlich-reine Lust an den göttlichen Wundern der Pflanzenwelt hervor; ganz ähnlich dem früher viel gelesenen Schriftsteller Weisflog bringt er, wo es nur immer angängig ist, seine botanische Liebhabereien an. […] Mit Astronomie muss er sich ebenfalls eingehend beschäftigt haben; ein Phantasiestück wie die „Vision“ lässt sich ohne tiefes Eindringen in diese schwierige Materie nicht schreiben.
Schon aus diesen flüchtigen Bemerkungen drängt sich uns die Ähnlichkeit Bechsteins mit zweien der genialsten Vertreter unserer Litteratur auf, mit Jean Paul und Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Was sich bei Jean Paul aber mehr als Ausfluss seiner Genialität darstellt, das Wissen auf den heterogensten Gebieten, und ihn infolgedessen häufig nur als einen schillernden, sinnverwirrenden Proteus erscheinen lässt, das finden wir bei Bechstein durch sorgfältiges Studium gefestigt. […] Mit dem grossen Amadeus aber verbindet ihn in erster Linie die Kenntnis der Musik und die Liebe zu ihr, deren Auffassung in den speciell musikalischen Romanen zu Staunen und Bewunderung hinreissen muss, und dann die blühende Phantasie, die in den „Nachtstücken“, den „Hexengeschichten“ und vielem andern Triumphe feiert. […]
Mit schwacher Feder haben wir die Früchte eines arbeitsreichen, stets dem guten und Edlen, der Kunst und Wissenschaft zugewandten Lebens vor unseren Lesern ausgebreitet, um eine Dankesschuld abzutragen an einem treuen Sohne des Vaterlandes. Wir erachten es für eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes, ihm dadurch ein Denkmal zu setzen, dass man eine Gesamt-Ausgabe seiner Werke veranstaltet. Die meisten Werke sind vollständig vergriffen, kommen in Antiquariats-Katalogen so gut wie niemals vor und sind äusserst schwer zu beschaffen. Ich sammle seit Jahren, und ich habe noch immer nicht alles erhalten können. […] Die Königliche Bibliothek zu Berlin besitzt relativ nur wenig, noch weniger aber auffälliger Weise die Grossherzogliche Bibliothek zu Meiningen, deren Vorsteher der Dichter selbst lange Jahre war. In alten Leihbibliotheken Thüringens dürfte sich noch am meisten aufstöbern lassen; bei den Original-Verlegern ist nichts mehr zu finden.
Ludwig Bechstein. Zu seinem hundertsten Geburtstage (24. November 1901). In: Zeitschrift für Bücherfreunde, hg. von Fedor v. Zobeltitz (1901), S. 262-354, hier S. 271/2+353)
6.10. Walther Killy:
„Verfasser und Sammler von Märchen u.(nd) Sagen. B.(echstein) wurde unehelich in Weimar geboren. Als Vater gab Johanna Karolina Dorothea Bechstein aus Altenburg den aus Fontenayle-Compte in der Vendée stammenden Emigranten Louis Hubert Dupontreau an. Da sie den Beweis, heimlich in Halle/Saale getraut zu sein, nicht erbringen konnte, zahlte sie ihre Strafe. Und da sie ohne Einkünfte war, gab sie das Kind einer Pflegemutter. Seine Kindheitsjahre erschienen B.(echstein) in der Erinnerung „wie ein schlimmer Traum"; seine Herkunft, die er als Makel empfand, suchte er gelegentlich durch falsche Angaben zu verschleiern.
1810 wurde B.(echstein) von seinem Oheim Johann Matthäus Bechstein, dem angesehenen Naturwissenschaftler u.(nd) Direktor der Forstakademie Dreißigacker bei Meiningen (einem früheren Lehrer im Salzmannschen Institut in Schnepfenthal), als Pflegekind aufgenommen. Die ehrgeizigen Erziehungspläne hatten freilich nicht den Erfolg, den der Oheim erhofft hatte. B.(echstein) mußte das Lyzeum in Meiningen vorzeitig verlassen. Statt Forstbeamter zu werden, trat der 17jährige die Apothekerlehre in Arnstadt an. Dafür hatte er im Umgang mit zwei schriftstellernden Lehrern die Lust, ja die Lesewut zur romant.(ischen) Literatur entwickelt. Zeugnisse der Vergangenheit, mündl.(iche) Überlieferung u.(nd) Volksbücher bestimmten seine literar.(ischen) Vorlieben. Erste Frucht waren die Thüringischen Volksmährchen (Sondershausen 1823) eher ein von Musäus beeinflußter Wildwuchs als literarisch gefaßte Überlieferung.
Geselliger Umgang mit jungen Leuten, Theaterspiel, Musizieren, Wandern u.(nd) Verseschmieden u.(nd) nicht zuletzt das Nachsinnen über sagenhafte Verbrechen u.(nd) sinnl. Schuldverstrikungen beschäftigten B.(echstein) weit mehr als sein Brotberuf. Da wurde der junge Herzog Bernhard Erich Freund von Sachsen-Meiningen auf B(echstein)s Sonettenkränze (Arnstadt 1828) aufmerksam u.(nd) gewährte ihm ein Stipendium (18291831), das ihm das Studium der Philosophie, Geschichte, Literatur u.(nd) Kunst in Leipzig u.(nd) München ermöglichte; den Rest des Stipendiums nutzte er zu einer längeren Wanderung durch Oberbayern sowie einem Aufenthalt in Salzburg. B.(echstein)s. Lehr- u.(nd) Studienjahre waren vom geselligen künstlerischen Umgang bestimmt: mit den Musikern Andreas Zöllner u.(nd) Friedrich Nohr u.(nd) dem Schriftsteller Ludwig Storch (mit dem er sich 1848 aus polit. Gründen überwarf), mit Wilhelm von Chézy, Karl Spindler, Eduard Duller, Moritz Gottlieb Saphir, Moritz von Schwind u.(nd) Hans Ferdinand Maßmann.
Inzwischen hatten ihn seine Volksstoffbearbeitungen berühmt gemacht. Literaturkritiker wie Wilhelm von Kotzebue, Garlieb Helwig Merkel u.(nd) Wolfgang Menzel lobten ihn u.(nd) bescheinigten ihm die Verwandtschaft mit Byron. Das galt v.a. für Die Weissagung der Libussa (2 Bde., Stgt. 1829), Die Haimons-Kinder (Lpz. 1830), Der Todtentanz (Lpz. 1831) u.(nd) sein Epos Luther (Ffm. 1834). Dabei ist B.(echstein)s Dichtung unverkennbar bis zu den Titelformulierungen an Vorbildern wie Musäus u.(nd) E.T.A. Hoffmann, der schwäb.(ischen) Dichterschule u.(nd) Heine, Scott u.(nd) Willibald Alexis orientiert. Carl Rosenkranz freilich setzte sich 1836 unnachsichtig mit B.(echstein)s epischen Versuchen auseinander. Er warf ihm v.a. ständigen Wechsel des Metrums, Reimgeklapper u.(nd) die Weitschweifigkeit des Reflektierens u.(nd) Ausmalens vor.
Von München heimgekehrt, wurde B.(echstein) 1831 zum herzogl.(ichen) Bibliothekar ernannt; die Übernahme des regionalen Archivs, eine ungeheure Sammeltätigkeit u.(nd) vielfältige schriftstellerische Unternehmungen schlossen sich an. 1832 heiratete B.(echstein); nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1836 noch einmal. Aus seinen Ehen gingen sechs Kinder hervor.
Über Thüringen hinaus wurde der volkstüml.(iche) Mann rasch zu einer allgemein anerkannten Autorität der Literaturkritik u.(nd) Altertumsforschung (vgl. etwa seine Chronik der Stadt Meiningen von 1676 bis 1834/35). Er trat der Meininger Loge bei, hielt enge Freundschaft mit dem Archidiakon der Stadtkirche, August Wilhelm Müller, u.(nd) baute mit herzogl.(icher) Unterstützung ein Haus, sein geliebtes, gastfreies Tuskulum (mit erlesenem Weinkeller). Die Zinslast, die Kosten für seine Sammelleidenschaft u.(nd) das gastfreie Leben machten ihm allerdings zunehmend zu schaffen. Ausgedehnte Wanderungen u.(nd) ausgiebige Vereinstätigkeit im Sängerbund, v.a. aber in dem von ihm 1832 gegründeten „Hennebergischen altertumsforschenden Verein“ erfüllten sein Leben.
Seine vielfältigen lyr.(ischen) u.(nd) epischen Produktionen, seine Biographien u.(nd) histor. Romane in der Tradition von Arnims Kronenwächter (z. B. Grimmenthal. Hildburghausen 1833), die Kunstmärchen, Sagenversifikationen, Reisebeschreibungen, Heimat u.(nd) Schauergeschichten nebst all dem volkskundl. Untersuchungen sind heute weitgehend vergessen, obgleich Nadler 1928 noch rühmte: „Bechstein war ein gottbegnadetes Gefäß des volkstümlichen Geistes dieser Landschaft, ein Erforscher altdeutscher Kulturzustände, dem die Türen der Vorzeit wie von selber aufsprangen." Die Edition mittelalterl.(icher) Dichtung, etwa Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben (Lpz. 1845) u.(nd) die Entdeckung u.(nd) Erstherausgabe von Heinrich Wittenweilers Ring (Stgt. 1851) waren wichtig für die Erschließung älterer Literaturdenkmäler. Heute noch Bestand haben B.(echstein)s reiche Sagensammlungen (mit rund 2300 Texten) u.(nd) seine beiden Märchensammlungen (mit etwa 150 Texten). Das gilt vornehmlich für das als fiktive Wanderung durch die Sagenlandschaften angelegte, 1000 Erzählungen umfassende, von Adolf Ehrhardt illustrierte Deutsche Sagenbuch (Lpz. 1853), eine Frucht früherer regionaler Sammlungen, u.(nd) das Deutsche Märchenbuch (Lpz. 1845. Ausg. Letzter Hand: 131857), das durch Ludwig Richters Illustrationen (seit der 12. Auflage 1853) zu einem Hausbuch wurde.
Während B.(echstein) sich viele Sagen auf seinen Fußwanderungen hatte erzählen lassen, stützte er sich bei den Märchenbrüdern auf Beiträger u.(nd) bereits Veröffentlichtes. Zwischen Auftragserteilung (durch seinen Verleger Wigand) u.(nd) Ablieferung waren ihm kaum mehr als drei Monate Zeit gegeben. Obgleich B.(echstein)s Märchen den Brüdern Grimm darin folgen, in naivem Tonfall das Wunderbare herauszuheben, sind auch deutl.(liche) Anklänge an Musäus festzustellen, wenn B.(echstein) fantast.(ische) oder zeitkrit.(ische) Momente integriert oder auch witziggroßsprecher.(ische) Figurenrollen ins Spiel bringt. Der für das Biedermeier charakteristische moralisierende, enterotisierende u.(nd) sentimentalisierende Grundzug gekennzeichnet auch B.(echstein)s Märchen; bei der Neuausgabe von 1853 ist B.(echstein) allerdings um eine eher nüchterne, wirklichkeitsgetreue Darstellung bemüht, wozu ihn die Kritik des schwäb.(ischen) Märchensammlers Ernst Meier veranlaßt hat, der „manches entschieden Unrechte und Selbsterfundene" rügte.
Noch über die Jahrhundertwende hinaus erreichten B.(echstein)s Märchensammlungen um ein Vielfaches höhere Auflagen als die Grimmschen Märchen. Das änderte sich erst, als die Jugendschriftenbewegung B.(echstein) vorwarf, er ergänze seine Texte skrupellos [...] durch völlig unmärchenhafte Züge" (Franz Heyden).
Über Thüringen hinaus wurde der volkstümliche Mann rasch zu einer allgemein anerkannten Autorität der Literaturkritik und Altertumsforschung." Seine vielfältigen lyrischen und epischen Produktionen, seine Biographien und historischen Romane in der Tradition von Arnims Kronenwächter (z.B. Grimmenthal, Hildburghausen 1833), die Kunstmärchen, Heimat- und Schauergeschichten nebst all den volkskundlichen Untersuchungen sind heute weitgehend vergessen ..." Die Edition mitteralterlicher Dichtung, etwa Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben (Leipzig 1845) und die Entdeckung und Erstherausgabe von Heinrich Wittenweilers Ring (Stuttgart 1851) waren wichtig für die Erschließung älterer Literaturdenkmäler. Heute noch Bestand haben Bechsteins reiche Sagensammlungen (mit rund 2300 Texten) und seine beiden Märchensammlungen (mit etwa 150 Texten)."
(Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache Bd 1, 1989, S. 368-370)
In der poetischen Wärme hat Bechstein viel Aehnlichkeit mit Spindler, doch zeichnet sich dieser liebenswürdige Dichter auch als Lyriker durch hinreißenden Wohlklang der Verse und durch die edelste Gesinnung aus (z.B. in seinem Gedicht „Luther“). Wie Van der Velde wählt er am liebsten Volkssagen zum Gegenstand seiner Romane und Romanzenfolgen.
(Die deutsche Literatur. Stuttgart (Hallberger) 1836. 2. vermehrte Auflage, 306)
6.12. Meyers Konversations-Lexikon (1888), s.v. Bechstein
Ludwig (Bechstein), Dichter und Schriftsteller […] geb. 24. Nov. 1801 zu Weimar, besuchte das Gymnasium zu Meiningen, widmete sich dann in Arnstadt der Pharmazie, erhielt aber nach Veröffentlichung seiner „Sonettenkränze“ (Arnstadt 1828) vom Herzog von Meiningen die Mittel gewährt, eine Universität beziehen zu können. Er studierte in Leipzig und seit Herbst 1830 in München Philosophie, Literatur und Geschichte und erhielt 1831 die Bibliothekarstelle an der herzoglichen öffentlichen Bibliothek in Meiningen. Hier begründete er 1832 den „Hennebergischen altertumsforschenden Verein“, der ihn zur Herausgabe des Sammelwerks „Deutsches Museum für Geschichte, Literatur, Kunst- und Altertumsforschung“ (Jena 1842-43, 2 Bde), der „Chronik der Stadt Meiningen von 1676 bis 1834“, des „Hennebergischen Urkundenbuches“ und ähnlicher Werke veranlaßte. Seit 1840 zum Hofrat ernannt, starb er am 14. Mai 1860 in Meiningen. B. war auf den verschiedensten Gebieten der Poesie, namentlich auf dem des Romans und der Novelle, überaus fruchtbar; die schnelle Produktion wirkte aber nicht immer wohltuend auf seine Leistungen ein. Ein starker Zug zur Nüchternheit konstrastierte mit seiner Vorliebe für romantische Stoffe; seine Formgewandtheit erhob sich selten zum Adel der Formvollendung. Erfreulicher wirken die lebendige Frische vieler Schilderungen und seine thüringische Heimatliebe.
Hoch Faustus! Hoch! Er lebe! so schallts im hellen Saal
Vom Munde froher Zecher, Pokal klingt an Pokal;
Gewandte Diener fliegen den Elfen gleich umher;
Süss rauscht von holden Klängen ein unsichtbares Meer.
So schön solche Einzelheiten sind, so ist doch in keiner etwas enthalten, das zu einem längeren Verweilen stimmte, weil sie immer zu allgemein und gewöhnlich ausfallen. Man kann sich kein getreueres Bild von dieser äusserlich blendenden Poesie machen, als die hinzugefügten Kupfer geben. Diese sind recht sauber und scharf gestochen, aber in der Zeichnung ist immer etwas Verfehltes, bald in den Gliedern, bald im Gesicht. Das Charakteristische des Momentes ist/ schwer zu enträthseln, weil die Bestimmtheit des Affectes mangelt; die Gestalten haben sämmtlich das Ansehen, nach Modellpuppen gefertigt zu sein; welche Missgestalt ist der die Helena um Liebe bittende Faust, wie gemacht erscheint das Entsetzen auf den Gesichtern bei Prästigiar, wie philisterhaft der von Helena, einer leblosen Statue, scheidende Faust und so durchgehends! Dagegen ist auf das Beiwerk, auf die Ausschmückung der umgebenden Scenerie eine übertriebene Sorgfalt verwandt, wodurch der Eindruck der Hauptgestalten, die Auffassung des individuell Hervorspringenden vollends verlöscht wird.
(Im oben erwähnten Abdruck des Volksbuchs sind einige dieser Entwürfe benutzt, aber besser ausgeführt.)
(Zur Geschichte der Deutschen Literatur. Königsberg, Gebrüder Bornträger, 1836. S. 152-156)
Bechstein, Ludwig, auch: C. Bechstein, eigentl.: Louis Clairant Hubert B.; *24.11.1801 Weimar, + 14.5. 1860 Meiningen; Grabstätte: ebd., Friedhof. Verfasser u.(nd) Sammler von Märchen u.(nd) Sagen.
B. wurde unehelich in Weimar geboren. Als Vater gab Johanna Karolina Dorothea Bechstein aus Altenburg den aus Fontenay-le-Comte in der Vendée stammenden Emigranten Louis Hubert Dupontreau an. Da sie den Beweis heimlich in Halle/ Saale getraut zu sein, nicht erbringen konnte, zahlte sie ihre Strafe. Und da sie ohne Einkünfte war, gab sie das Kind einer Pflegemutter. Seine Kindheitsjahre erschienen B. in der Erinnerung „wie ein schlimmer Traum"; seine Herkunft, die er als Makel empfand, suchte er gelegentlich durch falsche Angaben zu verschleiern.
1810 wurde B. von seinem Oheim Johann Matthäus Bechstein, dem angesehenen Naturwissenschaftler u.(nd) Direktor der Forstakademie Dreißigacker bei Meiningen (einem früheren Lehrer im Salzmannschen Institut in Schnepfenthal), als Pflegekind aufgenommen. Die ehrgeizigen Erziehungspläne hatten freilich nicht den Erfolg, den der Oheim sich erhofft hatte. B. mußte das Lyzeum in Meiningen vorzeitig verlassen. Statt Forstbeamter zu werden, trat der 17jährige die Apothekerlehre in Arnstadt an. Dafür hatte er im Umgang mit zwei schriftstellernden Lehrern die Lust, ja die Lesewut zur romant. Literatur entwickelt. Zeugnisse der Vergangenheit, mündl.(iche) Überlieferung u.(nd) Volksbücher bestimmen seine literar.(ischen) Vorlieben. Erste Frucht waren die Thüringischen Volksmährchen (Sondershausen 1823) eher ein von Musäus beeinflußter Wildwuchs als literarisch gefaßte Überlieferung.
Geselliger Umgang mit jungen Leuten, Theaterspiel, Musizieren, Wandern u.(nd) Verschmieden u.(nd) nicht zuletzt das Nachsinnen über sagenhafte Verbrechen u.(nd) sinnl.(iche) Schuldverstrickungen beschäftigten B. weit mehr als sein Brotberuf. Da wurde der junge Herzog Bernhard Erich Freund von Sachsen-Meiningen auf B.(echstein)s Sonettenkränze (Arnstadt 1828) aufmerksam u.(nd) gewährte ihm ein Stipendium (1829-1831), das ihm das Studium der Philosophie, Geschichte, Literatur u.(nd) Kunst in Leipzig u.(nd) München ermöglichte; den Rest des Stipendiums nutzte er zu einer längeren Wanderung durch Oberbayern sowie einem Aufenthalt in Salzburg. B.(echstein)s Lehr- u.(nd) Studienjahre waren vom geselligen künstlerischen Umgang bestimmt: mit den Musikern Andreas Zöllner u.(nd) Friedrich Nohr u.(nd) dem Schriftsteller Ludwig Storch (mit dem er sich 1848 aus polit. Gründen überwarf), mit Wilhelm von Chézy, Karl Spindler, Eduard Duller, Moritz Gottlieb Saphir, Moritz von Schwind u.(nd) Hans Ferdinand Maßmann.
Inzwischen hatten ihn seine Volksstoffbearbeitungen berühmt gemacht. Literaturkritiker wie Wilhelm von Kotzbue, Garlieb Helwig Merkel u.(nd) Wolfgang Menzel lobten ihn u.(nd) bescheinigten ihm die Verwandschaft mit Byron. Das galt v.a. für Die Weissagung der Libussa (2 Bde., Stgt. 1829), Die Haimons-Kinder (Lpz. 1830), Der Todtentanz (Lpz. 1831) u.(nd) sein Epos Luther (Ffm. 1838). Dabei ist B.s Dichtung unverkennbar bis zu den Titelformulierungen an Vorbildern wie Musäus u.(nd) E.T.A. Hoffmann, der schwäb.(ischen) Dichterschule u.(nd) Heine, Scott u.(nd) Willibald Alexis orientiert. Carl Rosenkranz freilich setzte sich 1836 unnachsichtig mit B.s. epischen Versuchen auseinander. Er warf ihm v.a. ständigen Wechsel des Metrums, Reimgeklapper u.(nd) die Weitschweifigkeit des Reflektierens u.(nd) Ausmahlens vor.
Von München heimgekehrt, wurde B. 1831 zum herzogl.(ichen) Bibliothekar ernannt; die Übernahme des regionalen Archivs, eine ungeheure Sammeltätigkeit u.(nd) vielfältige schriftstellerische Unternehmungen schlossen sich an. 1832 heiratete B.; nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1836 noch einmal. Aus seinen Ehen gingen sechs Kinder hervor.
Über Thüringen hinaus wurde der volkstüml.(iche) Mann rasch zu einer allgemein anerkannten Autorität der Literaturkritik u.(nd) Altertumsforschung (vgl. etwa seine Chronik der Stadt Meiningen von 1676 bis 1834. Meiningen 1834/35). Er trat der Meininger Loge bei, hielt enge Freundschaft mit dem Archidiakon der Stadtkirche, August Wilhelm Müller, u.(nd) baute mit herzogl.(icher) Unterstützung ein Haus, sein geliebtes, gastfreies Tuskulum (mit erlesenem Weinkeller). Die Zinslast, die Kosten für seine Sammelleidenschaft u.(nd) das gastfreie Leben machten ihm allerdings zunehmend zu schaffen. Ausgedehnte Wanderungen u.(nd) ausgiebige Vereinstätigkeit im Sängerbund, v.a. aber in dem von ihm 1832 gegründeten „Hennebergischen altertumsforschenden Verein" erfüllten sein Leben.
Seine vielfältigen lyr.(ischen) u.(nd) epischen Produktionen, seine Biographien u.(nd) histor.(ischen) Romane in der Tradition von Arnims Kronenwächter (z.B. Grimmenthal. Hildburghausen 1833), die Kunstmärchen, Sagenversifikationen, Reisebeschreibungen, Heimat- u.(nd) Schauergeschichten nebst all den volkskundl.(ichen) Untersuchungen sind heute weitgehend vergessen, obgleich Nadler 1928 noch rühmte: „Bechstein war ein gottbegnadetes Gefäß des volkstümlichen Geistes dieser Landschaft, ein Erforscher altdeutscher Kulturzustände, dem die Türen der Vorzeit wie von selber aufsprangen". Die Edition mittelalterl.(icher) Dichtung, etwa Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben (Lpz. 1845) u.(nd) die Entdeckung u.(nd) Erstherausgabe von Heinrich Wittenweilen Ring (Stg. 1851) waren wichtig für die Erschließung älterer Literaturdenkmäler. Heute noch Bestand haben B.s reiche Sagensammlungen (mit rund 2300 Texten) u.(nd) seine beiden Märchensammlungen (mit etwa 150 Texten). Das gilt vornehmlich für das als fiktive Wanderung durch die Sagenlandschaften angelegte, 1000 Erzählungen umfassende, von Adolf Ehrhardt illustrierte Deutsche Sagenbuch (Lpz. 1853), eine Frucht früherer regionaler Sammlungen, u.(nd) das Deutsche Märchenbuch (Lpz. 1845. Ausg. letzter Hand: 131857), das durch Ludwig Richters Illustrationen (seit der 12. Auflage 1853) zu einem Hausbuch wurde.
Während B. sich viele Sagen auf seinen Fußwanderungen hatte erzählen lassen, stützte er sich bei den Märchenbüchern auf Beiträger u.(nd) bereits Veröffentliches. Zwischen Auftragserteilung (durch seinen Verleger Wigand). u.(nd) Ablieferung waren ihn kaum mehr als drei Monate Zeit gegeben. Obgleich B.s Märchen den Brüdern Grimm darin folgen, in naivem Tonfall das Wunderbare herauszuheben, sind auch deutl.(iche) Anklänge an Musäus festzustellen, wenn B. fantast.(ische) oder zeitkrit.(ische) Momente integriert oder auch witzig-großsprecher.(ische) Figurenrollen ins Spiel bringt. Der für das Biedermeier charakteristische moralisierende, enterotisierende u.(nd) sentimentalisierende Grundzug kennzeichnet auch B.s Märchen; bei der Neuausgabe von 1853 ist B. allerdings um eine eher nüchterne, wirklichkeitsgetreue Darstellung bemüht, wozu ihn die Kritik des schwäb. Märchensammlers Ernst Meier veranlaßt hat, der „manches entschieden Unechte und Selbsterfundene" rügte.
Noch über die Jahrhundertwende hinaus erreichten B.s Märchensammlungen um ein Vielfaches höhere Auflagen als die Grimmschen Märchen. Das änderte sich erst, als die Jugendschriftenbewegung B. vorwarf, er ergänze seine Texte „skrupellos. [...] durch völlig unmärchenhafte Züge" (Franz Heyden)
13 WEITERE WERKE: Mährchenbilder u. Erzählungen. Lpz. 1829. Erzählungen u. Phantasiestücke. Stgt. 1831. Der Todtentanz. Lpz. 1831 (Ep.) Das tolle Jahr, 3 Bde., Stgt. 1933 (Histor. R.). Faustus. Lpz 1833 (Ep). Des Hasses u. der Liebe Kämpfe. Hildubrhausen 1835 (D.). Der Sagenschatz u. die Sagenkreise des Thüringer-landes. 4 Bde., Hildburghausen/Meiningen 1835-38. Die Reisetage. Aus meinem Leben. 2, 2 Bde., Mannh. 1836. Gedichte. Ffm. 1836. Fahrten eines Musikanten. 3 Bde., Schleusingen 1837. Ffm. 21854/55 (nacherzählte Lebenserinnerungen). Die Volkssagen, Mährchen u. Legenden des Kaiserstaates Oesterreich. 4 Bdel. Lpz 1840. Der Sagenschatz des Frankenlandes. Würzb. 1843. Berthold der Student oder Deutschlands erste Burschenschaft. 2 Bde., Halle 1850 (histor. R.). Hexengesch.n. Halle 1854. Dr. Johann Matthäus Bechstein u. die Forstacademie Dreißigacker. Meiningen 1855 (Biogr.). Mythe, Sage, Märe u. Fabel im Leben u. Bewusstsein des Dt. Volkes 3 Bde., Lp. 1854/55. Romant. Märchen u. Sagen. Altenburg 1855. Neues dt. Märchenbuch. Lpz./Pest 1856. Villa Carlotta. Poet. Reisebilder. Weimar 1857. Thüringens Sagenbuch. 2 Bde., Wien/ Lpz. 1858. Thüringens Königshaus, sein Fluch u. Fall. Lpz. 1865 (Ep.). Sämtl. Märchen (zus. Mit 'Thüring. Volksmährchen' u. 'Neues dt. Märchenbuch'). Hg. Walter Scherf. Mchn. 1965. 71983.Bearb. Neuausg. (Tb)., Mehn. 1988.
Literatur: Bibliographie: Theodor Linschmann: L.B. s. Schr.en Meiningen 1907. Neudr. Lpz. 1972. Weitere Titel: Kurt Wasserfall: L.B.s Märchenbücher. Diss. Heidelb. 1922. Franz Heyden: Volksmärchen u.d Volksmärchen-Erzähler. Hbg. 1922. Karl Boost: L.B. Diss. Würzb. 1925. Klaus Schmidt: Untersuchungen zu den Märchensammlungen v.L.B. Lpz. 1935. Alfred Fiedler: L.B. als Sagensammler u. Sagenpublizist. In: Dt. Jb. Für Volkskunde 12 (1966), S. 243-266. Werner Bellmann: L.B. In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 2, Bln./New York 1978, Sp. 15-19. Rolf-Rüdiger Schneider: B.s. 'Dt. Märchenbuch' Diss. Wuppertal 1980. Walter Scherf: Der vergessene Apotheker u. Bibliothekar aus Weimar. In: L.B. Kinder- u. Zaubermärchen. Mchn. 1984, S. 5-15 Walter Scherf
(Literaturlexikon. Gütersloh und München 1988. Bd II, S. 368)
(Sengle behandelt Bechstein bei den poetæ minores und schätzt speziell dessen Deutsches Märchenbuch.)
Besondere Beachtung verdient, unmittelbar an der Grenze der Biedermeierzeit, Ludwig Bechstein (Deutsches Märchenbuch, Leipzig: Wiegand 1846). Seine Märchen erschienen in vielen Auflagen, und dieser Erfolg ist verdient. Wieder ist es ein im Grunde recht sentimentalischer Dichter, ein Dichter von starkem Bewußtsein, der sich des naiven Tons mit Selbstverleugnung, mit zuchtvoller Kunst und daher überzeugend bedient. Die Vorübungen Bechsteins verdienen im Vergleich zu Hauffs etwa gleichzeitigen Märchen kaum Erwähnung (Märchenbilder und Erzählungen, Leipzig 1829). Erst im Deutschen Märchenbuch beginnt er Meister seiner Kunst zu werden. „Naiv“ ist sie noch nicht ganz. Betrachtet man etwa Aschenpüster mit der Wünschelgerte, so findet man genug ironische und empfindsame Elemente. Aschenpüster putzte die Stiefel des Prinzen „so schön, daß der Kater sich mit Wohlgefallen darin spiegelte und seinem Ich im Spiegel einen Kuß gab.“ Der „Kater Murr“ des sentimentalischen Hoffmann ist noch nicht ganz aus dem Märchen verdrängt. Es gibt auch Geheimrats- und Hofsatire im gleichen Märchen. Andrerseits wird die Sehnsucht des Prinzen nach Aschenpüster dicker aufgetragen als im Volksmärchen üblich: „Alles fehlte, weil sie fehlte.“ Stimmung macht Bechsteins Märchen inniger. Man kann verstehen, daß dieser Dichter zunächst zum empfindsamen und ironischen Erzählen neigte. aber er verzichtet um der Volkstümlichkeit willen mehr und mehr auf solche Subjektivität. Er mischt die alten Quellen, die er eifrig zusammensucht, immer behutsamer mit den modernen, sentimentalischen Ingredienzen, so daß sehr gut ausbalancierte, anmutig-naive Gebilde dabei herauskommen.
Frömmigkeit, etwas zurückhaltender als bei Marie Petersen oder Guido Gösses, bildet auch hier den Hintergrund des Fabulierens. Religiöse Didaktik wird nicht verschmäht, doch auch sie bleibt anmutig. Er bringt es fertig, in dem Märchen Drei Wünsche den Herrgott persönlich als didaktischen Geschichtenerzähler vorzuführen. Nachdem Gott dem Armen die drei Wünsche gewährt hat, läßt er ihn nicht gleich wünschen, sondern er erzählt ihm zur Warnung Geschichten von falscher Verwendung der Wünsche, so daß er nun das Richtige wünscht: Seligkeit, Gesundheit mit Zufriedenheit und das gehört noch zu den Menschenrechten ein besseres Haus. Das parodistische Nachspiel mit den drei Wünschen des Reichen ist ganz anders im Ton: schwankhaft, mimisch, drastisch. Schon dieses Märchen, in dem allerdings die Vorlage besonders frei behandelt wird, kann einen Eindruck vom Umfang/ der Mittel Bechsteins und von seiner volkstümlichen Darstellungskraft vermitteln. Die Sprache ist, vor allem in der ersten Auflage, nicht ängstlich naiv, sondern läßt ruhig ein wenig Rhetorik ins Märchen. Auf den zierlichen Türmen wehen hellschimmernde Fahnen. Die hohen Fenster blinken wie Flammenspiegel. Es gibt Liliennacken, umwallt von reichen Locken, zarte, holde Gestalten, aber auch Zähne, die knirschend aneinanderschlagen, abscheuliche Krallen, höllische Freude.
Bechstein hat in den 50er Jahren die Metaphorik, Weitschweifigkeit, Rührung und mit diesen Biedermeierelementen auch die Frömmigkeit, soweit es ihm möglich war, abgebaut, um dem neuen realistischeren Geschmack zu genügen. Den wichtigsten Anlaß dazu gab offenbar ein Angriff Ernst Meiers in der Vorrede zu seinen Deutschen Volksmärchen aus Schwaben (Stuttgart 1852). In der 12. Auflage seines Märchenbuches (Leipzig 1853) sie ist mit 174 Holzschnitten Ludwig Richters illustriert antwortet Bechstein mit einem Bekenntnis, das interessant ist. Er gibt zu, daß es in seinen Märchen „rhetorisches und kunstpoetisches Beiwerk“ gab; aber der Grund dafür ist, daß er ein Volksbuch geben wollte. Grundsätzlich ist auch er gegen solches Beiwerk.
Denken wir an die Rhetorik des Volksschriftstellers Gotthelf, so finden wir diese Rechtfertigung bestätigt. Auch der erfolgreiche Auerbach ist nicht ohne kunstpoetisches Beiwerk denkbar. Die absolute Naivität ist ein Ideal der Gebildeten, nicht des Volkes! Die Technik Andersens, seines Hauptkonkurrrenten, die Personifizierung von Gebrauchsgegenständen, die besonders leicht ins Kindische führt, hat Bechstein abgelehnt. Aber auch er bemüht sich intensiv von Auflage zu Auflage um eine überzeugendere Naivität. Glücklicherweise hat er zu viel Substanz, um sich selbst in seiner ironischen und empfindsamen Subjektivität völlig zu vernichten, und zu viel gesellschafltichen Takt, um läppisch oder primitiv zu werden. Man braucht daher die späteren Auflagen seines Märchenbuchs nicht zu scheuen. Doch behält auch der unverbesserte Biedermeier-Bechstein mit seinen Allegorien, Metaphern und Hyperbeln, mit seiner weniger filtrierten Naivität für den Leser, der den Vormärz ungeschminkt kennenleren will, seinen Reiz. Bechsteins Deutsches Märchenbuch von 1846 hat manches mit Stifters Urfassungen gemeinsam. Realistisch sind diese spätbiedermeierlichen Produkte so wenig wie die lyrischen Vormärzpredigten; aber sie trotzen der „großen Zeit“ von 1848 als Dichtungen. (Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 18151848. Bd II Die Formenwelt. Stuttgart, Metzler, 1972, S. 970/1)
6.18. Adolf Stern
Ludwig Bechstein, zu Weimar geboren, aber meiningischen Ursprungs, ein Neffe des Naturforschers Johann Matthias Bechstein, des Begründers der jetzt aufgehobnen, seiner Zeit berühmten Forstakademie zu Dreißigacker, war als Stipendiat Herzog Bernhard Erich Freunds aus der Apotheke zu Salzungen erlöst worden, hatte in Leipzig und München Philosophie und Geschichte studiert, war Kabinettsbibliothekar seines Landesherrn, Bibliothekar der öffentlichen Bibliothek zu Meiningen geworden. Er war ursprünglich eine wahrhaft dichterische Natur, und seine frühsten Gedichte, poetischen und prosaischen Erzählungen waren aus innerer Quelle geflossen, einfach, leicht, nicht ohne Gemüt, aber die Leichtigkeit, mit welcher er die Form handhabte, verleitete ihn zu einer raschen Produktion, deren Menge mit dem kleinen Talent nicht in richtigem Verhältnis blieb (Gödeke). Bechstein hatte es an Regsamkeit so wenig als am Bestreben fehlen lassen, sich durch neue Eindrücke und Bildungselemente neue Stoffe zu sichern, doch da er unablässig nur nach Erweiterung, nicht nach Vertiefung seines Anschauungskreises trachtete, so ward ein von Haus aus vorhandner Zug zur Trockenheit und nüchternen Äußerlichkeit allmählich herrschend. Von seinen Gedichten hatten Gevatter Tod und Die Haimonskinder, von seinen Romanen die Fahrten eines Musikanten mit ihrem Seitenstück die meiste Anerkennung gefunden, als Sagenforscher und Märchensammler bereitete er eben jetzt jenes Deutsche Märchenbuch vor, das auch im buchhändlerischen Sinne großes Glück machen sollte, und hatte seinen spätern Veröffentlichungen mittelalterlicher Dichtungen in diesem Jahre (1841) eine Skizze über den Minnesänger Otto von Botenlauben als Vorläufer vorangehen lassen. Als herzoglicher Hofrat und Bibliothekar, als Vorsitzender des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins, als rechte Hand des Herzogs in litterarischen Dingen war er für Ludwig, der seinem fürstlichen Gönner die Ändrung seines Lebensplans zu eröffnen und zu motivieren hatte, ebenso von Bedeutung wie als anerkanntester und verbindungsreichster Schriftsteller seines kleinen Vaterlandes.
(Otto Ludwigs Biographie in: Otto Ludwigs gesammelte Schriften. 1. Band, Leipzig, Friedrich Wilhelm Grunow, 1891, S. 187/8)
6.19. Kurt Wasserfall:
Man hat Bechstein einen Romantiker genannt, und als Kind seiner Zeit musste er zunächst mehr oder weniger unter dem Einfluss der Romantik stehen. Wir sahen, wie sich schon in dem Knaben unter der Einwirkung von Umgebung, Erlebnissen und Lektüre romantische Neigungen entwickelten, ein Hang zum Ungewöhnlichen und Wunderbaren, eine Vorliebe für die Sage und jede Art der Volksüberlieferung sich bildete. So wuchs Bechstein im eigentlichen Sinne des Wortes in die Romantik hinein. Die Wiederbelebung deutscher Vorzeit und alter Volksüberlieferungen, sowie die Freude daran, Fremdartiges, Wunderbares und Ungewöhnliches zu erzählen, blieben in der Tat für Bechstein die Grundlage seines Schaffens. Die Frage aber, ob Bechstein seiner inneren Anlage nach ein Romantiker war, ist zu verneinen. Er stand im Grunde viel zu fest auf dem Boden einer realen Wirklichkeit. Ausserdem lag dieser nüchterne Wirklichkeitssinn auch im Charakter der Zeit, der Bechsteins Hauptschaffen angehörte, im Charakter des jungen Deutschlands und der sich daran anschliessenden Epoche."
(Ludwig Bechsteins Märchenbücher unter Berücksichtigung seiner sonstigen Werke … Diss Heidelberg 1926, S. 24)
6.21. Oskar Ludwig Bernhard Wolff:
L.(udwig) Bechstein, eigenthümlicher als Lyriker, behandelt mit großer Vorliebe und patriotischer Pietät thüringische Stoffe; er zeichnet seine Charactere mit wohltuender Wärme, oft mit liebenswürdiger Naivetät und Innigkeit, aber nicht immer psychologsich consequent; für die Natur hat er einen geübten Blick und weiß seine Darstellungen derselben mit frischem Hauch zu beleben, dagegen fehlt es seinen Situationen hin und wieder an genügender Motivirung […] (592)
(Allgemeine Geschichte des Romans, von dessen Ursprung bis zur neuesten Zeit. 2. vermehrte Auflage Jena (Friedrich Mauke) 1850)
In: Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen Nr. 287 (20.10.1832), Sp. 3754/5
Literarische Anzeigen. Bei Dr. August Leo in Leipzig ist erschienen und in den Buchhandlungen Deutschlands zu haben: FAUSTUS. Ein Gedicht von Ludwig Bechstein. 4. (= Quartformat) Mit 8 contur.(ierten) Kupfern. Wie oft auch von andern Dichtern in Prosa oder dramatisirt, die schönste aller deutschen Sagen, die vom Zauberer Faust, bearbeitet worden, der Dichter des "Totentanzes" gibt sie in einer neuen Form, der lyrisch-epischen und einer Art der Behandlung wieder, wie noch keine dieses Stoffs vorhanden ist. Sein Faustus ist weder ein Bild eigner Phantasie, noch eine Copie nach einen (sic) neueren Meister, sondern der echte Faust der Sage, der Faust des Volksbuchs, nur gehoben durch die Reize der Sprache des Verfassers und der poetischen Gedankenfülle. Acht schöne und gelungene Kupferstiche in Conturen, nach Schwind von G. Pfau und J. Thäter, unter der Leitung des Herrn Prof. Frenzel, zieren das würdig ausgestattete Werk, das bald eine Lieblingslectüre des gebildeten Publicums werden dürfte.
Encyclopädie der Deutschen Nationalliteratur, oder biographisch-kritisches Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten seit den frühesten Zeiten; nebst Proben aus ihren Werken. Hg. von O.L.B. Wolff. Erster Band (A und B). Leipzig (Otto Wigand) 1835
Ludwig Bechstein
ward am 24. November 1801 geboren und erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung auf dem Gymnasium zu Meiningen. Das poetische Talent erwachte zwar frühzeitig in ihm, gedieh aber erst in spätern Jahren zur Reife; und da er sich auf der Schule gedrückt fühlte und sich selbst zum Studiren unbefähigt glaubte, so verließ er das Gymnasium im 17. Jahre und widmete sich der pharmazeutischen Laufbahn. Durch diese mit der Natur innig befreudet, pflegte er mit Liebe die Himmelsgabe der Poesie, von theilnehmenden Freunden ermuntert, fühlte aber auch bald genug die Fesseln, die sein selbstgewählter Stand dem Dichter nothwendig anlegen mußte. Immer mehr den schönwissenschaftlichen und Geschichtsstudien zugewandt, ohne doch seine Berufspflichten hintan zu setzen, arbeitete er an belletristischen und andern Journalen mit, soviel es seine Zeit gestattete, bis im Herbst 1828 der regirende Herzog von Meiningen aus eignem Antriebe den Dichter seinen beengenden Verhältnissen entriß und zu fernerer wissenschaftlicher Ausbildung großmüthig unterstützte. Hierauf ging B.(echstein) nach Leipzig, hörte Philosophie, Geschichte u.s.w. und schrieb und dichtete fröhlich fort. Hier wurde es ihm auch leicht, Verleger für seine Werke zu finden, die nun in rascher Aufeinanderfolge erschienen. Manches früher Vorbereitete wurde umgearbeitet und geordnet, z.B. die Haimonskinder, die Weissagung der Libussa u.a. Der Todtentanz wurde in Leipzig gedichtet, ebenso der Sonntag und die Hälfte des Faustus. Nach einem für den Dichter angenehmen, genuß- und lehrreichen Aufenthalt von 1 1/2 Jahren verließ er Leipzig und wandte sich nach München, wo Faustus vollendet und Luther gedichtet wurde. Mitten in der katholischen Stadt fühlte sich der Dichter so recht innig von dem Glück durchdrungen, Protestant zu seyn, fühlte Luther’s großes Verdienst um die Menschheit mehr als je, und so entstand das Gedicht. Im Herbst 1831 kehrte B.(echstein) nach/ Meiningen zurück, erhielt seine Anstellung als Cabinetsbibliothekar des Herzogs, zugleich als zweiter Bibliothkar an der herzogl.(ichen) öffentlichen Bibliothek, und im Jahr 1833 an dieser die erste Bibliothekarstelle. In demselben Jahr wurde er Gründer und Direktor des hennebegischen alterthumsforschenden Vereins.
Schriften:
Sonettenkränze. Arnstadt, 1828.
Mährchenbilder und Erzählungen. m.(it) K.(upfern). Leipzig, ohne Jahrzahl (1829, sk).
Die Weissagung der Libussa. Stuttgart, 1829. 2 Theile
Die Haimonskinder. Gedicht. Leipzig, 1830.
Erzählungen und Phantasiestücke. Stuttgart 1831. 4 Theile.
Die Darstellung der Tragödie Faust von Göthe. Stuttgart, 1831.
Der Todtentanz. Gedicht. m.(it) K.(upfern). Leipz.(ig) 1831.
Novellen und Phantasiegemälde. Hildburghausen, 1832. 2 Theile.
Der Sonntag. Gedicht. m.(it) K.(upfern). Leipzig. Quartfolio. ohne Jahrzahl. (1831, sk)
Arabesken. Stuttgart, 1832.
Faustus. Gedicht. m.(it) K.(upfern). Leipzig, 1833. 4.
Grimmenthal. Hildburghausen, 1833.
Luther. Gedicht. Frankfurt a.M. 1834.
Der Fürstentag. Frankfurt a.M. 1834. 2 Theile.
Des Hasses und der Liebe Kämpfe. Drama. Hildburghausen, 1834.
Phantasieblüthen. Leipzig, 1835. 2 Bände. (unter d. Presse.) (= Novellen und Phantasieblüthen, sk)
Mitarbeiter war B.(echstein) an der dolzischen Jugendzeitung, der Hebe, an Ziehnert’s Idunna, am Komet, an Spindler’s Damenzeitung und Zeitspiegel, an Meyer’s thüring.(ischen) Merkwürdigkeiten, Schneider’s Buchonia, und mehrern andern Journalen und Taschenbüchern.
Unabhängig, durch sich selbst gebildet und seinem reichen Naturell folgend, hat Bechstein in stets fortschreitender Stufenfolge, vorzüglich als lyrischer Dichter, schon von seinem ersten öffentlichen Erscheinen an zu den schönsten Erwartungen berechtigt und ist diesen mit jeder neuen Leistung immer mehr nachgekommen. Eine reiche Phantasie, Herrschaft über die Sprache, seltener Zauber des Vortrags, wahre, hohe Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne, Innigkeit und Tiefe der Empfindungen sind ihm eigenthümlich, vorzüglich da glänzend hervortretend, wo er bei seiner Neigung für das Mittelalter Stoffe, welche diesem entlehnt sind, behandelt. Durch sein Leben stets mehr auf sich selbst verwiesen, anfangs in beschränkten Verhältnissen sich bewegend, dann plötzlich in das Treiben des Tages hinaustretend, ohne sichere Erfahrung, ohne feste wissenschaftliche Vorbildung, die er erst später sich mühsam erwerben sollte, mußte es ihm unmöglich fallen, sich nicht in der Wahl und Anwendung der Mittel zu vergreifen, und so kam es, daß er in früheren Leistungen mitunter, von dem herrschenden Ton des Tages fortgerissen und diesem huldigend, unklar über seine eigentlichen Fähigkeiten, unwillkürlich copirte, wo er hätte Original seyn können. Sein gesunder Sinn führte ihn aber stets auf die rechte Bahn zurück, und wenn man mit wohlwollendem Blick, wie das eigentlich stets und bei Allen geschehn sollte, seine poetischen Arbeiten nur als Studien betrachtet, so wird man in jeder ein ernstes, schönes Streben wahrnehmen und gewiß keine ganz unbefriedigt, manche aber nach großem geistigem Genusse aus der Hand legen.
Wir theilen hier mehrere Gesänge aus seinem der Form nach vollendetsten Werke „Luther“ mit, verweisen aber den Leser, der sich näher mit ihm zu befreunden wünscht, auf seinen „Todtentanz“, den „Sonntag“ und seinen Roman: „das tolle Jahr“, so wie ferner auf mehrere seiner Lieder und Balladen, in denen er thüringische Stoffe behandelt, und welche mit Recht höchst ausgezeichnet zu nennen sind.
Als Proben folgen: Luthersbuche (Teil 14 aus dem Epos Luther), Wartburg (Teil 15 aus dem Epos Luther, wurde später berühmt unter dem Titel Luther auf Wartburg. Canzone), Die Schwärmer (Teil 16 aus dem Epos Luther) und Verbum Dei manet in aeternum (Teil 24 aus dem Epos Luther). (174-178)
Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon. 9. Aufl. Leipzig (Brockhaus) 1843, 2. Band, S. 146/7
Bechstein (Ludwig), Hofrath und Bibliothekar des Herzogs von Sachsen-Meiningen, der Neffe des Vorerwähnten (= Johann Matthäus B., sk), geb. am 24. Nov. 1801 im Meiningischen, widmete sich anfangs, sein Talent gänzlich verkennend und äußern Verhältnissen gehorchend, der Pharmacie und war längere Zeit Gehülfe in einer Apotheke in Arnstadt, bis er durch seine „Sonettenkränze“ (Arnstadt 1828) die Aufmerksamkeit des regierenden Herzogs Bernhard Erich Freund von/ Sachsen-Meiningen auf sich zog, der ihn in Stand setzte, in Leipzig Philosophie und Geschichte zu studiren und München zu besuchen. Im J.(ahre) 1831 wurde er Cabinetsbibliothekar des Herzogs und zugleich zweiter Bibliothekar der herzoglichen öffentlichen Bibliothek. In demselben Jahre gründete er den Hennebergischen alterthumsforschenden Verein, dessen Thätigkeit er mit großer Liebe und sehr erfreulichen Erfolgen leitete und der ihn wiederum zur Herausgabe des „Deutschen Museums für Geschichte, Literatur, Kunst und Alterthum „ (2 Bde., Jena 1842) veranlaßte. Hierauf wurde er 1833 erster Bibliothekar und 1841 zum Hofrath ernannt. B. ist ein fleißiger und ungemein in den verschiedensten Richtungen thätiger Schriftsteller, nur daß sein leichtflüssiges Talent der strengen Feile und seine literarische Wirksamkeit eines festen Mittelpunkts entbehrt. Daher ermangeln seine Productionen eines eigenthümlichen Charakters; doch machen sie im Allgemeinen einen anziehenden freundlichen Eindruck, namentlich bieten seine novellistischen Arbeiten mannichfachen Unterhaltungsstoff. Reinheit und Innigkeit der Empfindung, einfache Anmuth der Darstellung, Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne lassen sich bei ihm nirgend verkennen. Unter seinen Werken sind vorzugsweise zu nennen: (folgt Auswahl) Für das „Malerische und romantische Deutschland“ bearbeitete er die Section Thüringen, für die er, bei der gründlichen Kenntniß dieses interessanten Landestheils, vorzugsweise befähigt war.
Wigand’s Conversations-Lexikon. Für alle Stände. Von einer Gesellschaft deutscher Gelehrten bearbeitet. Leipzig (Otto Wigand) 1846. Zweiter Band, 165-167
Bechstein, Ludwig, einer unserer fruchtbarsten Dichter, wurde am 24. Nov. 1801 im Meiningischen geboren, und besuchte das Gymnasium in Meiningen. Er verließ dasselbe, um sich der Pharmacie zu widmen. Diese stille Beschäftigung, so hoffte er, würde seinem Wesen und seinem bisher nur bescheiden auftretenden Talente, das ihn nicht auf eine wissenschaftliche Laufbahn hinzuweisen schien, entsprechen. Aber bald fühlte er sich, als sein Wesen sich deutlicher ausprägte und sein Talent eine bestimmtere Richtung auf die Poesie erhielt, gedrückt. Doch vollendete er seine Lehrjahre zu Arnstadt, und trat als Gehilfe in eine Apotheke zu Salzungen. Da hatte er 1829 das seltene Glück, daß der Herzog von Meiningen, durch die Erstlinge seines Dichtertalents, die 1828 erschienenen „Sonettenkränze“, auf ihn aufmerksam gemacht, ihm die Mittel zu einer frei zu wählenden wissenschaftlichen Ausbildung gewährte. B. ließ die Apothekerbüchsen stehen, und ging frisch und frei nach Leipzig, und nach anderthalb Jahren, im Herbst 1830, noch für ein Jahr nach München. Er hörte geschichtliche und philosophische Collegien, und schwelgte in köstlicher Muße ion den Armen der Poesie. Als er 1831 nach Meiningen zurückkehrte, wurde er Kabinetsbibliothekar des Herzogs und bald darauf zweiter Bibliothekar der herzoglichen öffentlichen Bibliothek, welche Stelle er 1833 mit der eines ersten Bibliothekars vertauschte. Irren wir nicht, so konnte B. kein größeres Glück begegnen. Diese Stelle giebt ihm, ohne seine Zeit bedeutend in Anspruch zu nehmen, und ohne besondern Aufwand bibliographischer Kenntnisse und Mühseligkeiten zu erfordern, Gelegenheit und Veranlassung, sein zum größern Theile autodidaktisches Wissen zu ergänzen und zu erweitern,/ das bei dem verführerischen Mahnen des poetischen Talents leicht in Rückstand gerathen könnte, und bietet ihm, was noch wichtiger ist, die besten Mittel, in seinem Vaterlande immer einheimischer zu werden. Dazu fühlt er selbst den lebhaftesten Drang, und hat daher 1833 den henneberger alterthumsforschenden Verein gegründet. Dies zeigt auch zugleich, daß er sein Talent trotz aller Irrwege, die er in seiner literarischen Laufbahn betreten, doch richtig erkannte. Hier sind wir bei der Hauptbetrachtung angelangt, und haben hier sogleich von B.’s wichtigstem literarischen Werke zu sprechen. Stellen wir uns das schöne, romantische Thüringen vor, mit den Menschen und mit den Sagen, die darin leben, und bedenken wir B.’s entschieden zum Lyrischen hinneigendes Talent, seine Innigkeit, seine Einfachheit, wer konnte geeigneter sein, diese vaterländischen volksthümlichen Sagen in den Thälern aufzusuchen, dem Munde kindlicher Erzähler abzuhorchen und in alten Büchern nachzuschlagen, und einfach und rührend aufzuschreiben, daß wir es alle lesen können, wer als B.? Was konnte aber auch in der jetzigen Zeit, zu deren schönsten Zeichen es gehört, daß sie jene Schätze aus des Volkes Kindheit wieder werth zu halten gelernt hat, dankenswerther sein, als eine Sammlung gerade der reichen und schönen Sagen Thüringens? Dies ist B.’s Verdienst und entschieden das Hauptverdienst seiner bisherigen literarischen Thätigkeit. Das Werk, von dem 1838 der vierte Band erschienen ist, führt den Titel: „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes“ (Meiningen 183538) und ist einstimmig als gelungen bezeichnet worden. In dem letzten Bande hat er einige Sagen in der plattdeutschen Mundart des Volkes wiedergegeben. So ist es auch sehr erfreulich, daß die Section des „Malerischen und romantischen Deutschland“ (Lpz., G. Wigand), welche Thüringen behandelt, in B.’s Hände gegeben ist. Sie bildet die 3. Section des Werkes. Ueber B.’s übrige Werke können wir uns kürzer fassen. Es ist viel Unerfreuliches darunter, das nach Vielschreiberei schmeckt und von Verkennung des Talentes zeigt. B. hat ein schönes Talent, aber er ist kein Genie; als Dichter wird er, das ist unsere Ueberzeugung, immer nur untergeordnet bleiben. Es ist aber unrecht, seiner mißlungenen dichterischen Versuche wegen auf ihn zu schmähen und kürzere und längere Novellen, deren er schon als Apotheker mehrere für verschiedene Journale schrieb, historisch-romantische Gemälde und Dramen. Die Dichtungen sind: […] (165/6, folgt weitgehend unkommentierte Aufzählung, sk).
Brockhaus Conversations-Lexikon 13. Aufl. Leipzig (Brockhaus) 1882, Bd 2, S. 666
Bechstein, Ludwig, deutscher Dichter und Schriftsteller, Neffe des vorigen (= Johann Matthäus B., sk), geb. 24. Nov. 1801 in Weimar, widmete sich anfangs der Pharmazie, erregte aber durch seine „Sonettenkränze“ (Arnstadt 1828) die Aufmerksamkeit des Herzogs Bernhard von Meiningen, der ihn in den Stand setzte, 1829 in Leipzig und München Philosophie, Litteratur und Geschichte zu studieren, und ihn hierauf 1831 zum Kabinettsbibliothekar und zugleich auch zum zweiten Bibliothekar der herzogl.(ichen) öffentlichen Bibliothek zu Meiningen ernannte. Im folgenden Jahre gründete B. den Altertumsforschenden Verein für Henneberg, der ihn zur Herausgabe des „Deutschen Museum für Geschichte, Litteratur, Kunst und Altertum“ (2 Bde., Jena 184243) veranlaßte. Seit 1833 erster Bibliothekar und seit 1840 Hofrat, starb er 14. Mai 1860 zu mMeiningen. Besondere Hervorhebung verdienen unter seinen dichterischen Werken: „Die Haimonskinder“ (Leipzig 1830), „Der Totentanz“ (Leipzig 1831, „Luther“ (Frankfurt 1834, „Gedichte“ (Frankfurt 1836) und das nachgelassene Epos „Thüringens Königshaus“ (Leipzig 1865). Am bekanntesten unter seinen zahlreichen, meist histor.(ischen) Romanen und Novellen sind wohl die vortrefflichen „Fahrten eines Musikanten“ (3 Bde., Schleusingen 183637; 2. Aufl., 2 Bde., Frankfurt 1854) geworden. Sonst sind zu nennen: „Das tolle Jahr zu Erfurt“ (3 Bde., Stuttgart 1833), „Der Fürstentag“ (2 Bde., Frankfurt 1834), „Grumbach“ (3 Bde., Hildburghausen, 1839), „Philidor, Erzählungen aus dem Leben eines Landgeistlichen“ (Gotha 1842),“Wollen und Werden; Deutschlands Burschenschaft und Burschenleben“ (2 Bde., Halle 1850), „Berthold der Student, oder: Deutschlands erste Burschenschaft. Romantisches Zeitbild“ (2 Bde., Nürnberg 1850), „Der Dunkelgraf“ (Frankfurt 1854). Ein großes Verdienst erwarb sich B. um die deutsche Sagen- und Märchenpoesie, namentlich um die seiner thüring.(ischen) Heimat. Auf diesem Gebiete veröffentlichte er „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes“ (4 Bde., Meiningen 183538), „Deutsches Märchenbuch“ (Leipzig 1845, 29. Aufl. 1879), „Neues deutsches Märchenbuch“ (Wien 1856, 43. Aufl. 1882), „Mythe, Sage, Märchen und Fabel im Leben und Bewußtsein des deutschen Volks“ (3 Bde., Leipzig 1855), „Thüring.(isches) Sagenbuch“ (2 Bde., Wien 1858). Außerdem hat B. noch zahlreiche Schriften zur Geschichte und Topographie Thüringens sowie auch eine Prachtausgabe des Minnesängers Otto von Botenlauben (Leipzig 1845) und das altdeutsche Gedicht „Der Ring“ (Stuttgart 1851) veröffentlicht.
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| Impressum | Letzte Änderung: 03. März 2011 |