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Universität Hamburg Institut für Germanistik I
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Kritiken zu Ludwig Bechsteins Werk



Ludwig Bechstein


(*24.11.1801 Weimar +14.05.1860 Meiningen)











6. Inhaltsverzeichnis:
Kritiker des 19. und 20. Jahrhunderts über Ludwig Bechsteins Werk

6.1. Bechstein, Reinhold (L.B's ältester Sohn, Germanist an der Universität Jena)
6.2. Chezy, Wilhelm: Erinnerungen aus meinem Leben
6.3. Elschenbroich, Adalbert
6.4. Goedecke, Karl
6.5. Gutzkow, Karl (politischer Publizist und Schriftsteller 1811–1878)
6.6. Heine, Heinrich
6.7. Hillebrand, Joseph (Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Gießen)
6.8. Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich
6.9. Hirschberg, Leopold
6.10. Killy, Walther
6.11. Menzel, Wolfgang
6.12. Meyers Konversations-Lexikon
6.13. Nachrufe
6.14. Nadler, Josef
6.15. Rosencranz, Carl
6.16. Scherf, Walter in Literaturlexikon
6.17. Sengle, Friedrich
6.18.
Stern, Adolf
6.19. Wasserfall, Kurt
6.20. Wilpert, Gero von
6.21. Wolff, Oskar Ludwig Bernhard
6.22. Faustus Rezension
6.23 Weitere Konversationslexika

6. Kritiken

6.1. Reinhold Bechstein (L.B's ältester Sohn, Germanist an der Universität Jena):
„Wie ernst er es auch mit seinen wissenschaftlichen Aufgaben nahm, so hörte er doch niemals auf, ihnen einen poetischen Inhalt abzugewinnen." „Bechstein war weder ein zünftiger Fachgelehrter noch ein schulmäßiger Altertumsforscher, weder ein Historiker noch ein Germanist strengster Observanz, und er wollte es auch nicht sein, noch weniger scheinen ... Wie sehr bei ihm der Dichter das Zepter führte, ersehen wir aus Einzelheiten seiner wissenschaftlichen Werke."


(Ludwig Bechstein in seinem wissenschaftlichen Wirken, 1882)

6.2. Wilhelm Chezy:
„Die Art, in welcher Bechstein hervorbrachte, hatte ihre ganz absonderliche Eigenthümlichkeit. Seine Einbildungskraft schien in einer lateinischen Küche zu arbeiten, indem sie die bezogenen Stoffe und die daraus gewonnenen Präparate in wolgeordneten Büchsen, Flaschen, Kapseln und Schubladen bewahrte, um sie dann nach Recepten in nicht minder geordneter Reihenfolge zu mischen und mit sorgsam angefertigten Etiketten abzugeben. Eines Tages fand ich zufällig Gelegenheit, die vorbereiteten Handgriffe auf dem Receptiertische zu beobachten. Wir hatten mitsammen zu Mittag gegessen und er mich eingeladen, bei ihm Kaffee zu trinken. Unterwegs kaufte er in einer Handlung Papiere von verschiedenem Format und verschiedener Beschaffenheit, eine große Menge. Seine Stube schien einer alten Jungfer zu gehören, so ordentlich sah es da aus. Mit geübter Hand bereitete er in der Kaffeemaschine, was die Morgenländer „das schwarze Wasser der Weisheit" nennen: doch war die Schwärze von sächsischer Blässe angekränkelt. Während ich dampfend den Trank schlürfte und mit dem freundlichen Wirth plauderte, falzte dieser mit genauer Hand eine Anzahl von großen Bogen, schnitt jeden auseinander, bog jede Hälfte zu einem Quartbriefe, falzte wiederum an jeden Quartbrief einen Rand, bei einem ganz genau so breit wie beim anderen, und nachdem er die gewünschte Zahl beisammen hatte, fing er an den obern Rand eines jeden Bruches mit einer Etikette zu verzieren. Seine Handschrift war augenscheinlich sächsischen Ursprunges. In jenen Tagen nämlich erkannte man noch jeden Landsmann am Grundzuge seiner Schrift; damals schrieb man noch nicht mit der Metallfeder, welche zwar dem Einzelnen nicht seine Eigenthümlichkeit benimmt, wol aber den Handschriften aus aller Herren Ländern einen weltbürgerlichen Zug aufnöthigt, und zwar deshalb, weil man damit gar nicht schreiben kann, wenn man sie nicht bis zu einem gewissen Grade regelrecht führt. Wie Bechsteins Zug den Sachsen, verrieth die abgezirkelte Zierlichkeit und Feinheit die pharmaceutische Schule. Mit Erstaunen sah ich ihn schreiben: ,Das tolle Jahr.' Dann kam eine römische I, daneben eine arabische 1, obschon eine solche bereits ganz oben in der Ecke stand. Diese letztere wurde auf dem nächsten Bogen zur 2, auf dem dritten zur 3 und so fort; endlich aber kam unter der laufenden Zahl nach dem Titel ein ,II.1.' zum Vorschein. Jetzt konnte ich nimmer umhin, meinem wißbegierigen Erstaunen Worte zu leihen. Ich erhielt in voller Unbefangenheit die leutseligste Auskunft Das Papier war für einen Roman, „,das tolle Jahr' betitelt, vorgegeben, wie Hafer und Heu für ein Roß. Bechstein behandelte eben den Pegasus als Pferd. Ich wagte die Einwendung, daß doch hie und da der Raum zu eng oder zu weit werden könnte. Mit der Zuversicht eines bleichen Leinewebers in der Miene schüttelte Bechstein lächelnd den Kopf. Das habe ihn noch nie in Verlegenheit gebracht, betheuerte er. ,Wenn ich morgens aufgestanden bin', fügte er hinzu, ,mache ich ein Gedicht und hernach den Kaffee; dann folgen die andern Arbeiten nach ihrer Ordnung. Am nächsten Montag z.B. kommt das tolle Jahr an die Reihe, täglich zwei Quartseiten, macht für die Woche drei solche Halbbogen.'
Bechsteins Schrift gab aus. Er beschrieb, wie damals alle Welt, sein Papier auf beiden Seiten, und die drei Halbbogen wöchentlich waren ein ganz anständiges Stück; mir kamen sie gleichmäßig zu wenig und zu viel vor, weil ich in meiner Unerfahrenheit mir einbildete, daß der Dichter genau in derselben Weise arbeiten müsse wie der andere. Der bürgerlich geordnete Fleiß in der Dichtkunst war mir noch nicht vorgekommen; ich kannte nur die äußeren Gegensätze, den raschen Ungestüm hier, die süße Trägheit dort, die mit einander in einem und demselben Wesen abwechselten. Für Sturm und Drang des Schaffens war der tägliche Abschnitt zu wenig, für die Unlust zuviel."


(Erinnerungen aus meinem Leben S. 71-73)

„Dieses durch die Pietätlosigkeit des Verfassers gegen seine Mutter bekannte Werk spricht im 2. Buch: Helle und dunkle Zeitgenossen. 3. Bändchen. (Schaffhausen. 1864) S. 69-76 (Abschn. 12) von Bechstein im allgemeinen wie über sein Leben in München 1830 im besondern." (Linschmann Nachträge Nr. 14, S. 150)

6.3. Adalbert Elschenbroich:
„B.(echstein) hat seinen Vater wohl niemals kennengelernt. Die Mutter überließ das uneheliche Kind in Weimar fremder Erziehung. Erst nach neun in Armut und Gedrücktheit verbrachten Jahren nahm sich ein Verwandter, der Forst/rat Johann Matthäus B.(echstein), seiner an. Er schickte ihn auf das Gymnasium nach Meiningen und danach in die Apothekerlehre nach Arnstadt. Sein früh entwickeltes dichterisches Talent machte den Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen auf ihn aufmerksam, der ihm ein dreijähriges Studienstipendium gewährte. Nach seiner Rückkehr wurde B.(echstein) Bibliothekar an der herzoglichen Bibliothek, gründete den Henneb.(ergischen) altertumsforschenden Verein und übernahm 1848 auch die Leitung des Archivs. Seine beruflichen Pflichten ließen ihm genügend Zeit zur Entfaltung einer umfangreichen literarischen Tätigkeit. Als Sammler und Dichter setzte er die volkstümlichen Tendenzen der jüngeren Romantik fort, wobei jedoch seine historisch-antiquarische Beschäftigung mit dem Mittelalter eine eingeschränkte heimatkundliche Prägung erhielt und die romantischen Themen seiner Dichtungen ins Biedermeierliche transponiert wurden. Er schrieb Phantasiestücke und Volkserzählungen, entwickelte in zahlreichen Prosawerken den historischen Roman in der seit Arnims ,Kronenwächtern' charakteristischen Mischung von Sage und Geschichte weiter und bearbeitete Stoffe der Volksbücher in lyrisch-epischer Form. Die pädagogischen Tendenzen seiner Schriftstellerei sind besonders deutlich zu erkennen durch einen Vergleich seines ,Deutschen Märchenbuchs' mit den ,Kinder- und Hausmärchen' der Brüder Grimm. Bechsteins Absicht war, ein wirkliches Kinderbuch zu schaffen. Daraus lassen sich alle seine Eingriffe in die Überlieferung erklären. Er hatte den Plan, das gesamte deutsche volkstümliche Erzählgut zu sammeln. Dem Märchenbuch trat das ,Deutsche Sagenbuch' zur Seite, ein ,Deutsches Mythenbuch' aber blieb Versprechen. B.(echstein)s theoretische Arbieten über Volkspoesie und mittelalterliche Literatur haben seinen Sohn Reinhold zur wissenschaftlichen Germanistik geführt."


(Neue deutsche Biographie Bd 1, 1953, S. 692-693)

6.4. Karl Goedecke:
„Bechsteins schriftstellerisches Werk ist auf engste mit seiner Heimat verbunden. Thüringens Geschichte bot ihm die meisten Stoffe für seine Romane, Novelle und erzählenden Gedichte. Er sammelte Märchen, Sagen und Altertümer seiner Heimat und suchte dafür weiteres Interesse zu wecken. Sein Schaffen ging aber mehr in die Breite als in die Tiefe. So sind seine volkskundlichen Sammlungen wenig kritisch zusammengestellt, durch die Fülle des Materials aber heute noch von höchstem Wert. Von seinen Dichtungen sind die der Frühzeit die besten. Da ist ihm noch manches gefällige, formvolle Gedicht gelungen, während die später eilig zusammengeschriebenen Gedichte vielfach nur versifizierte Prosa sind. Seine Romane haben, da sie arm an Spannung sind, wenig Erfolg gehabt, zeichnen sich aber durch gutes historisches Kolorit und warmes Heimatgefühl aus. Sein Gesamtwerk zeigt eine feine, liebenswürdige und gemütvolle Künstler- und Gelehrtenpersönlichkeit, die nur zu rasch und zu viel arbeitete und so nirgends Vollkommenes leistete.“


(Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung. 2. ganz neu bearbeitete Auflage 13. Bd, 6. Abteilung. Dresden 1934, S. 163. Folgt ausführliches Gesamtwerk-Verzeichnis bis S. 176)

6.5. Karl Gutzkow (politischer Publizist und Schriftsteller 1811–1878):
„Wenn ich im Ganzen von Bechstein’s Romanendichtungen acht Bände gelesen habe, so möchte ich vielleicht im Stande sein, über sie ein gegründetes Urtheil zu fällen. Er gibt liebe Erfindungen, einfache Motive, natürliche Behandlung, zuweilen etwas gezirkelte und gezierte Sprache, aber immer gemütliche Anschauung, keine Ausschweifung ohne Versöhnung; kurz er ist ein Autor, der die Ermattung auffrischen und ein verwundetes Herz heilen kann. Wenige deutsche Novellisten haben ein so bestimmtes Gepräge. Die Kreise, in denen wir uns bei Bechstein bewegen, sind klein, aber reinlich und wohnhaft. Auch seine Charaktere mögen zuweilen outriren (= übertreiben, sk), aber sie haben eine Folie der Wirklichkeit, auf welcher der Leser sie mit Muße betrachten und ihrem Treiben mit Besonnenheit folgen kann. Es ist hier nichts so versteckt und unheimlich, nichts so mittelalterlich und unwahr, daß nicht ein wenig Blau des Himmels übrig/ bliebe, dem Auge zur Erquickung, nicht ein leiser Zug von Bergesluft, welcher bei Bechstein immer aus dem Thüringer Wald kommt. Die violettblauen Konturen der deutschen Binnengebirge winken und grüßen in allen Erfindungen Bechsteins: Fuhrleute im blauen Hemde fahren ihre knackenden Frachtwägen durch die großen, im Herzen Deutschlands sich durchkreuzenden Straßen; Vogelfänger ziehen mit ihren großen Papagenokästen aus in alle Welt, die an einem Kanarienvogel noch Freude hat; Sagen und Märchen flattern von einer Ruine zur andern und zeigen oft bedeutungsvoll in die blauen Gebirgsströme, welche im tiefsten Bette Goldsand führen sollen; und wenn man sein Auge anstrengt, erblickt man durch diese ganze Herrlichkeit einen mäßig gebauten Wanderer mit einer grünen Kapsel auf der Schulter und einem Stabe, womit er die Kräuter sondiert, welche er für sein Herbarium sammelt – dieser Wanderer selbst ist/ Bechstein.
Die Botanik ist sein Realismus, seine Göthische Objectivität, der Hintergrund für viele seiner Erzählungen, von denen wir bezeugen, daß sie immer die besten sind. –
Man konnte den früheren Erzeugnissen dieses Dichters vorwerfen, daß ihre Form oft allzu unsicher, ja die Erfindung alltäglich war. Die Darstellung verlor sich zuweilen in die redseligste Weitläufigkeit, und gefiel sich in einer Schilderung von Umständen, die für das Ganze nicht immer wesentlich sind. Auf die einfachsten Dinge legte die Erzählung Nachdruck, wie ich mich z.B. erinnere, bei Bechstein die Vorbereitung zu einem Schwure gelesen zu haben, die darum so entsetzlich lästig war, weil sie sich in nichts von den uns Allen wohlbekannten Zurüstungen zu einer feierlichen Scene dieser Art unterschied. –
Doch versöhnt man sich bald mit der Armuth der/ Erfindung, wenn man sieht, wie es Bechstein versteht, jeder derselben eine wohlthuende, die Empfindung erwärmende Richtung zu geben. Von falschen Romantugenden, genialen Unsittlichkeiten, von lügenhaften Gefühls-Affektationen wird der naturgetreue, unverdorbene Sinn hier niemals beleidigt; in den Leidenschaften, die Bechstein schildert, herrscht Wahrheit, Einfachheit und jene Wärme der Theilnahme, die von der gleichgestimmten Empfindung des Erzählers immer auf seinen Gegenstand übergeht.
Bechstein scheint sich ein bestimmtes Feld von Erzählungen abgesteckt zu haben, traumartige Phantasien, und tragische Catastrophen, die allerdings seinem Genius am meisten zusagen. Nirgends ist dabei das Pathos gereizt, es sind nicht Verbrechen, die sich über einen Unglücklichen häufen, nicht die Furien der Reue und Verzweiflung, die dem Uebelthäter auf der Ferse sitzen, sondern meist unvorher/gesehene Schläge des blinden Schicksals, die den eingeleiteten Fiktionen eine plötzliche Wendung geben, und den Leser weniger mit Schrecken, als mit Wehmuth erfüllen. Ueber solche einfache Darstellungen weiß Bechstein einen so unwiderstehlichen Zauber der Sprache und des Gefühls zu verbreiten, daß es schwer hält, die hervorquellende Rührung zu bemeistern."


(Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur, Band 2, Stuttgart 1836, 221-225)

6.6. Heinrich Heine:
„Ein junger deutscher Dichter, Herr Bechstein, welcher sich freundlichst in Deutschland daran erinnert, daß, als ich ihn in Paris bei seinem Freunde Wolff sah, jene alten fliegenden Blätter das Thema unserer Unterhaltung bildeten, hat dieser Tage eines derselben, betitelt ,das Lied von dem Danheuser' zugeschickt ..."


(Elementargeister, 1836)

6.7. Joseph Hillebrand (Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Gießen):
„Bechsteins sächsische und thüringische Gemälde, in denen jedenfalls ein frischer Hauch aus heimatlichen Bergen weht und treue Wahrheit (wie auch in anderen Dichtungen des Verfassers) und durch ungesuchte einfache Ansprache über den Mangel an Erfindung tröstet"


(Die deutsche Nationalliteratur, Hamburg und Gotha 1846)

6.8. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben:
„25. April (1842). Wir besuchen Ludwig Bechstein.
Er ist ein angenehmer Gesellschafter, der lebendig und ergötzlich zu unterhalten weiß. Er scheint mit seinem Schicksale zufrieden: er hat Haus, Frau und Kinder, eine hübsche Bibliothek und Curiositäten-Sammlung, und als Hofbibliothekar einen kleinen Gehalt und denselben Titel, der einst von hier aus Schiller'n zu Theil ward. Von seiner fruchtbaren Schriftstellerei hatte ich am liebsten Fahrten eines Musikanten. Merkwürdig, daß gerade dies seiner Bücher nur die eigene Aufzeichnung seines Freundes, des Musikers Elster ist, die er zugestutzt hat und vielleicht nicht einmal immer glücklich. Seine Vielschreiberei scheint nicht allein aus einem unwiderstehlichen Triebe zu dichten und zu erzählen hervorgegangen zu sein, sondern auch aus der Nothwendigkeit das was ihm zur Erhaltung seines Hausstandes und seiner Liebhabereien fehlte, durch Honorare einzubringen. Leider läßt sich auch von seiner Schriftstellerei sagen: ,Etwas weniger wäre mehr gewesen.' "


(Mein Leben. Berlin 1892, S. 312/3)

6.9. Hirschberg, Leopold

„Was die meisten dieser Werke (= Bechsteins Prosa, sk), ebenso wie die Dichtungen, charakterisiert und auszeichnet, ist ihre grosse Volkstümlichkeit, die vor allem in der Wahl der Stoffe (überwiegend geschichtliche) beruht. Meist ist es wieder das liebe Heimatland Thüringen, das seinem treuen Sohne Ausbeute in Hülle und Fülle bietet. Hier hat Bechstein aus Chroniken und alten Schriften für seine Zwecke so viel zutage gefördert, dass man mit Bewunderung für den Bienenfleiss des Mannes erfüllt wird.

Was ihm bei der Abfassung dieser Werke zu gute kam und die vielen verschiedenen so abwechselungsreich gestaltet, dass man fast in jedem auf neue Kennntnisse des Autors stösst, ist die ganz ausserordentlich vielseitige Bildung, die er sich durch unermüdliches Studium angeeignet hat. Sein Lebensgang,  trägt einen nicht unbedeutenden/ Anteil an dieser Vollkommenheit. Vor allem ist es die Botanik, in der seine Kenntnisse so sehr über das gewöhnliche Mass hinausgehen, dass es dem Leser häufig schwer wird, zu folgen. Immer wieder leuchtet seine kindlich-reine Lust an den göttlichen Wundern der Pflanzenwelt hervor; ganz ähnlich dem früher viel gelesenen Schriftsteller Weisflog bringt er, wo es nur immer angängig ist, seine botanische Liebhabereien an. […] Mit Astronomie muss er sich ebenfalls eingehend beschäftigt haben; ein Phantasiestück wie die „Vision“ lässt sich ohne tiefes Eindringen in diese schwierige Materie nicht schreiben.

Schon aus diesen flüchtigen Bemerkungen drängt sich uns die Ähnlichkeit Bechsteins mit zweien der genialsten Vertreter unserer Litteratur auf, mit Jean Paul und Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Was sich bei Jean Paul aber mehr als Ausfluss seiner Genialität darstellt, das Wissen auf den heterogensten Gebieten, und ihn infolgedessen häufig nur als einen schillernden, sinnverwirrenden Proteus erscheinen lässt, das finden wir bei Bechstein durch sorgfältiges Studium gefestigt. […] Mit dem grossen Amadeus aber verbindet ihn in erster Linie die Kenntnis der Musik und die Liebe zu ihr, deren Auffassung in den speciell musikalischen Romanen zu Staunen und Bewunderung hinreissen muss, und dann die blühende Phantasie, die in den „Nachtstücken“, den „Hexengeschichten“ und vielem andern Triumphe feiert. […]

Mit schwacher Feder haben wir die Früchte eines arbeitsreichen, stets dem guten und Edlen, der Kunst und Wissenschaft zugewandten Lebens vor unseren Lesern ausgebreitet, um eine Dankesschuld abzutragen an einem treuen Sohne des Vaterlandes. Wir erachten es für eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes, ihm dadurch ein Denkmal zu setzen, dass man eine Gesamt-Ausgabe seiner Werke veranstaltet. Die meisten Werke sind vollständig vergriffen, kommen in Antiquariats-Katalogen so gut wie niemals vor und sind äusserst schwer zu beschaffen. Ich sammle seit Jahren, und ich habe noch immer nicht alles erhalten können. […] Die Königliche Bibliothek zu Berlin besitzt relativ nur wenig, noch weniger aber auffälliger Weise die Grossherzogliche Bibliothek zu Meiningen, deren Vorsteher der Dichter selbst lange Jahre war. In alten Leihbibliotheken Thüringens dürfte sich noch am meisten aufstöbern lassen; bei den Original-Verlegern ist nichts mehr zu finden.

Ludwig Bechstein. Zu seinem hundertsten Geburtstage (24. November 1901). In: Zeitschrift für Bücherfreunde, hg. von Fedor v. Zobeltitz (1901), S. 262-354, hier S. 271/2+353)

6.10. Walther Killy:
„Verfasser und Sammler von Märchen u.(nd) Sagen. – B.(echstein) wurde unehelich in Weimar geboren. Als Vater gab Johanna Karolina Dorothea Bechstein aus Altenburg den aus Fontenayle-Compte in der Vendée stammenden Emigranten Louis Hubert Dupontreau an. Da sie den Beweis, heimlich in Halle/Saale getraut zu sein, nicht erbringen konnte, zahlte sie ihre Strafe. Und da sie ohne Einkünfte war, gab sie das Kind einer Pflegemutter. Seine Kindheitsjahre erschienen B.(echstein) in der Erinnerung „wie ein schlimmer Traum"; seine Herkunft, die er als Makel empfand, suchte er gelegentlich durch falsche Angaben zu verschleiern.
1810 wurde B.(echstein) von seinem Oheim Johann Matthäus Bechstein, dem angesehenen Naturwissenschaftler u.(nd) Direktor der Forstakademie Dreißigacker bei Meiningen (einem früheren Lehrer im Salzmannschen Institut in Schnepfenthal), als Pflegekind aufgenommen. Die ehrgeizigen Erziehungspläne hatten freilich nicht den Erfolg, den der Oheim erhofft hatte. B.(echstein) mußte das Lyzeum in Meiningen vorzeitig verlassen. Statt Forstbeamter zu werden, trat der 17jährige die Apothekerlehre in Arnstadt an. Dafür hatte er im Umgang mit zwei schriftstellernden Lehrern die Lust, ja die Lesewut zur romant.(ischen) Literatur entwickelt. Zeugnisse der Vergangenheit, mündl.(iche) Überlieferung u.(nd) Volksbücher bestimmten seine literar.(ischen) Vorlieben. Erste Frucht waren die Thüringischen Volksmährchen (Sondershausen 1823) – eher ein von Musäus beeinflußter Wildwuchs als literarisch gefaßte Überlieferung.
Geselliger Umgang mit jungen Leuten, Theaterspiel, Musizieren, Wandern u.(nd) Verseschmieden u.(nd) nicht zuletzt das Nachsinnen über sagenhafte Verbrechen u.(nd) sinnl. Schuldverstrikungen beschäftigten B.(echstein) weit mehr als sein Brotberuf. Da wurde der junge Herzog Bernhard Erich Freund von Sachsen-Meiningen auf B(echstein)s Sonettenkränze (Arnstadt 1828) aufmerksam u.(nd) gewährte ihm ein Stipendium (1829–1831), das ihm das Studium der Philosophie, Geschichte, Literatur u.(nd) Kunst in Leipzig u.(nd) München ermöglichte; den Rest des Stipendiums nutzte er zu einer längeren Wanderung durch Oberbayern sowie einem Aufenthalt in Salzburg. B.(echstein)s. Lehr- u.(nd) Studienjahre waren vom geselligen künstlerischen Umgang bestimmt: mit den Musikern Andreas Zöllner u.(nd) Friedrich Nohr u.(nd) dem Schriftsteller Ludwig Storch (mit dem er sich 1848 aus polit. Gründen überwarf), mit Wilhelm von Chézy, Karl Spindler, Eduard Duller, Moritz Gottlieb Saphir, Moritz von Schwind u.(nd) Hans Ferdinand Maßmann.
Inzwischen hatten ihn seine Volksstoffbearbeitungen berühmt gemacht. Literaturkritiker wie Wilhelm von Kotzebue, Garlieb Helwig Merkel u.(nd) Wolfgang Menzel lobten ihn u.(nd) bescheinigten ihm die Verwandtschaft mit Byron. Das galt v.a. für Die Weissagung der Libussa (2 Bde., Stgt. 1829), Die Haimons-Kinder (Lpz. 1830), Der Todtentanz (Lpz. 1831) u.(nd) sein Epos Luther (Ffm. 1834). Dabei ist B.(echstein)s Dichtung unverkennbar – bis zu den Titelformulierungen – an Vorbildern wie Musäus u.(nd) E.T.A. Hoffmann, der schwäb.(ischen) Dichterschule u.(nd) Heine, Scott u.(nd) Willibald Alexis orientiert. Carl Rosenkranz freilich setzte sich 1836 unnachsichtig mit B.(echstein)s epischen Versuchen auseinander. Er warf ihm v.a. ständigen Wechsel des Metrums, Reimgeklapper u.(nd) die Weitschweifigkeit des Reflektierens u.(nd) Ausmalens vor.
Von München heimgekehrt, wurde B.(echstein) 1831 zum herzogl.(ichen) Bibliothekar ernannt; die Übernahme des regionalen Archivs, eine ungeheure Sammeltätigkeit u.(nd) vielfältige schriftstellerische Unternehmungen schlossen sich an. 1832 heiratete B.(echstein); nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1836 noch einmal. Aus seinen Ehen gingen sechs Kinder hervor.
Über Thüringen hinaus wurde der volkstüml.(iche) Mann rasch zu einer allgemein anerkannten Autorität der Literaturkritik u.(nd) Altertumsforschung (vgl. etwa seine Chronik der Stadt Meiningen von 1676 bis 1834/35). Er trat der Meininger Loge bei, hielt enge Freundschaft mit dem Archidiakon der Stadtkirche, August Wilhelm Müller, u.(nd) baute mit herzogl.(icher) Unterstützung ein Haus, sein geliebtes, gastfreies Tuskulum (mit erlesenem Weinkeller). Die Zinslast, die Kosten für seine Sammelleidenschaft u.(nd) das gastfreie Leben machten ihm allerdings zunehmend zu schaffen. Ausgedehnte Wanderungen u.(nd) ausgiebige Vereinstätigkeit im Sängerbund, v.a. aber in dem von ihm 1832 gegründeten „Hennebergischen altertumsforschenden Verein“ erfüllten sein Leben.
Seine vielfältigen lyr.(ischen) u.(nd) epischen Produktionen, seine Biographien u.(nd) histor. Romane in der Tradition von Arnims Kronenwächter (z. B. Grimmenthal. Hildburghausen 1833), die Kunstmärchen, Sagenversifikationen, Reisebeschreibungen, Heimat u.(nd) Schauergeschichten nebst all dem volkskundl. Untersuchungen sind heute weitgehend vergessen, obgleich Nadler 1928 noch rühmte: „Bechstein war ein gottbegnadetes Gefäß des volkstümlichen Geistes dieser Landschaft, ein Erforscher altdeutscher Kulturzustände, dem die Türen der Vorzeit wie von selber aufsprangen." Die Edition mittelalterl.(icher) Dichtung, etwa Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben (Lpz. 1845) u.(nd) die Entdeckung u.(nd) Erstherausgabe von Heinrich Wittenweilers Ring (Stgt. 1851) waren wichtig für die Erschließung älterer Literaturdenkmäler. Heute noch Bestand haben B.(echstein)s reiche Sagensammlungen (mit rund 2300 Texten) u.(nd) seine beiden Märchensammlungen (mit etwa 150 Texten). Das gilt vornehmlich für das als fiktive Wanderung durch die Sagenlandschaften angelegte, 1000 Erzählungen umfassende, von Adolf Ehrhardt illustrierte Deutsche Sagenbuch (Lpz. 1853), eine Frucht früherer regionaler Sammlungen, u.(nd) das Deutsche Märchenbuch (Lpz. 1845. Ausg. Letzter Hand: 131857), das durch Ludwig Richters Illustrationen (seit der 12. Auflage 1853) zu einem Hausbuch wurde.
Während B.(echstein) sich viele Sagen auf seinen Fußwanderungen hatte erzählen lassen, stützte er sich bei den Märchenbrüdern auf Beiträger u.(nd) bereits Veröffentlichtes. Zwischen Auftragserteilung (durch seinen Verleger Wigand) u.(nd) Ablieferung waren ihm kaum mehr als drei Monate Zeit gegeben. Obgleich B.(echstein)s Märchen den Brüdern Grimm darin folgen, in naivem Tonfall das Wunderbare herauszuheben, sind auch deutl.(liche) Anklänge an Musäus festzustellen, wenn B.(echstein) fantast.(ische) oder zeitkrit.(ische) Momente integriert oder auch witziggroßsprecher.(ische) Figurenrollen ins Spiel bringt. Der für das Biedermeier charakteristische moralisierende, enterotisierende u.(nd) sentimentalisierende Grundzug gekennzeichnet auch B.(echstein)s Märchen; bei der Neuausgabe von 1853 ist B.(echstein) allerdings um eine eher nüchterne, wirklichkeitsgetreue Darstellung bemüht, wozu ihn die Kritik des schwäb.(ischen) Märchensammlers Ernst Meier veranlaßt hat, der „manches entschieden Unrechte und Selbsterfundene" rügte.
Noch über die Jahrhundertwende hinaus erreichten B.(echstein)s Märchensammlungen um ein Vielfaches höhere Auflagen als die Grimmschen Märchen. Das änderte sich erst, als die Jugendschriftenbewegung B.(echstein) vorwarf, er ergänze seine Texte „skrupellos [...] durch völlig unmärchenhafte Züge" (Franz Heyden).
„Über Thüringen hinaus wurde der volkstümliche Mann rasch zu einer allgemein anerkannten Autorität der Literaturkritik und Altertumsforschung." „Seine vielfältigen lyrischen und epischen Produktionen, seine Biographien und historischen Romane in der Tradition von Arnims Kronenwächter (z.B. Grimmenthal, Hildburghausen 1833), die Kunstmärchen, Heimat- und Schauergeschichten nebst all den volkskundlichen Untersuchungen sind heute weitgehend vergessen ..." „Die Edition mitteralterlicher Dichtung, etwa Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben (Leipzig 1845) und die Entdeckung und Erstherausgabe von Heinrich Wittenweilers Ring (Stuttgart 1851) waren wichtig für die Erschließung älterer Literaturdenkmäler. Heute noch Bestand haben Bechsteins reiche Sagensammlungen (mit rund 2300 Texten) und seine beiden Märchensammlungen (mit etwa 150 Texten)."


(Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache Bd 1, 1989, S. 368-370)

6.11. Wolfgang Menzel:

In der poetischen Wärme hat Bechstein viel Aehnlichkeit mit Spindler, doch zeichnet sich dieser liebenswürdige Dichter auch als Lyriker durch hinreißenden Wohlklang der Verse und durch die edelste Gesinnung aus (z.B. in seinem Gedicht „Luther“). Wie Van der Velde wählt er am liebsten Volkssagen zum Gegenstand seiner Romane und Romanzenfolgen.

(Die deutsche Literatur. Stuttgart (Hallberger) 1836. 2. vermehrte Auflage, 306)

6.12. Meyers Konversations-Lexikon (1888), s.v. Bechstein

Ludwig (Bechstein), Dichter und Schriftsteller […] geb. 24. Nov. 1801 zu Weimar, besuchte das Gymnasium zu Meiningen, widmete sich dann in Arnstadt der Pharmazie, erhielt aber nach Veröffentlichung seiner „Sonettenkränze“ (Arnstadt 1828) vom Herzog von Meiningen die Mittel gewährt, eine Universität beziehen zu können. Er studierte in Leipzig und seit Herbst 1830 in München Philosophie, Literatur und Geschichte und erhielt 1831 die Bibliothekarstelle an der herzoglichen öffentlichen Bibliothek in Meiningen. Hier begründete er 1832 den „Hennebergischen altertumsforschenden Verein“, der ihn zur Herausgabe des Sammelwerks „Deutsches Museum für Geschichte, Literatur, Kunst- und Altertumsforschung“ (Jena 1842-43, 2 Bde), der „Chronik der Stadt Meiningen von 1676 bis 1834“, des „Hennebergischen Urkundenbuches“ und ähnlicher Werke veranlaßte. Seit 1840 zum Hofrat ernannt, starb er am 14. Mai 1860 in Meiningen. B. war auf den verschiedensten Gebieten der Poesie, namentlich auf dem des Romans und der Novelle, überaus fruchtbar; die schnelle Produktion wirkte aber nicht immer wohltuend auf seine Leistungen ein. Ein starker Zug zur Nüchternheit konstrastierte mit seiner Vorliebe für romantische Stoffe; seine Formgewandtheit erhob sich selten zum Adel der Formvollendung. Erfreulicher wirken die lebendige Frische vieler Schilderungen und seine thüringische Heimatliebe.

6.13. Nachrufe:
„Sein bestes und schönstes Streben war unstreitig auf dem Gebiete der Lyrik und metrischen Epik zu suchen. Er zeigte hier, neben großer Meisterschaft in der Form, einen reichen und tiefgemüthlichen Inhalt. [...] Am stärksten ist sein Name in dem Gebiete des Romans und der Novelle vertreten. Die Romanbibliothek, die er geliefert hat, umfaßt 50 Bände. [...] Ein offenes, warmes, treues Herz, mit einem heiteren frohen Sinn, das war Bechsteins Hauptschatz, der ihn Allen, welche ihm nahe kamen, so lieb und theuer machte. Und aus diesem guten Schatze seines Herzens gingen, gleich Blüthen und Früchten eines edeln Baumes, wie von selbst hervor, jene redlich offene Denk- und Handlungsweise, die Falschheit und Verstellung nicht kannte, jener rege Sinn für alles Schöne in Natur und Kunst, der ihn so hoch beglückte, jene innige, sich immer gleiche zärtliche Liebe, mit der er an Gattin und Kindern hing [...], ebenso jene unwandelbare, zu Opfern gern bereits Treue, mit der er der Freund seiner Freunde war, und vor allem jene herzliche, seelenvolle Güte, mit der er allen, die ihm nahe standen, gefällig zu sein und Freude zu machen suchte."


(Meininger Tageblatt Nr. 75 vom 16.5.1860, ohne Verfasserangabe)

„Thüringens treuester Sänger, Ist heimgegangen – ist todt!" (Meininger Tageblatt Nr. 80 vom 25.5.1860, Müller von der Werra)

6.14. Josef Nadler:
„Bechsteins Werk ist kaum zu übersehen. Aus rühmenswerter Formanlage pflegte er die lyrisch-epische Versdichtung der Zeit – ein Faustus 1833 und ein Luther 1834 –, er pflegte in erstaunlicher Fülle die „historisch-romantische" Prosaerzählung, zum Teil in mehrbändigen Romanen. Doch der unsterbliche Bechstein ist ein anderer. Er hat [...] in kostbaren Sammlungen, in treuer schlichter Prosa die Sagenschätze Thüringens, Ostfrankens, Österreichs gehoben und mit zwei so schönen Werken wie Deutsches Märchenbuch 1845 und Deutsches Sagenbuch 1853 gekrönt. Bechstein war ein gottbegnadetes Gefäß des volkstümlichen Geistes dieser Landschaft, ein Erforscher altdeutscher Kulturzustände, dem die Türen der Vorzeit wie von selber aufsprangen."


(Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften Bd 4: Der deutsche Staat. Regensburg 1928)

6.15. Carl Rosencranz:

Die Haimonskinder
Hr. (= Herr) Bechstein hat uns eine neue Bearbeitung des Gegenstandes, den wir gewiss Alle lieb gewonnen haben, in Reimen gegeben. Denn für ein Gedicht, obwohl dies Wort auf dem Titel steht, können wir sein Machwerk nicht halten. Es ist wenig Gutes, desto mehr Schlechtes davon zu sagen, und die Vergleichung sowohl mit Tieck als mit dem alten Volksbuch, die sich so nahe aufdrängt, lässt nicht das geringste Lob aufkommen, was man etwa für die gut gemeinte Mühe noch geben könnte. Selbst die elenden Vignetten des Buches gehen auf eine Caricatur der alten Holzschnitte in ähnlicher Weise aus, wie Hr. (= Herr) Thormod Legis in seiner Alkuna Bilder der nordischen Götter geliefert hat, welche nichts als die widerlichsten Verzerrungen antiker Ideale des Zeus, der Here, des Poseidon u.s.w. mit Verbrämung einiger nordischen Attribute sind.
Hrn. (= Herrn) Bechstein’s Reimerei theilt sich in vier/ Gesänge, deren jeder zwölf Abtheilungen umfasst. Das Metrum wechselt unaufhörlich, wie in Tegners Frithiofssage. Aber wo ist eine Spur der schöpferischen, erfindsamen Kraft und Individualität Tegners in dieser Hinsicht? Im Gegentheil, ein ermüdender, leiernder Ton, wie in schlechten Kirchenliedern, z.B.

Es führt mit Heldenmuthe
Ob ihm das Herz auch blute,
Graf Haimon seine Schaar.
Die Brüder seh‘n beklommen,
Die Menge näher kommen,
Und Reinold sinnbenommen
Nimmt ihre Noth nicht wahr.

Und Ritsart ruft mit Schrecken:
„O Mutter, wo verstecken
Wir uns vor jenem? Ach,
Der Bruder liegt hier, trunken
Zu Boden hingesunken,
In ihm kein Lebensfunken,
Der Starke – bleich und schwach!“

Gegen diese bänkelsängerische Weise ist der Ton des alten Volksbuches in seiner naiven, epischen Breite überaus anmuthig. Um dem Leser einen kleinen Begriff des Unterschiedes zwischen beiden zu geben, will ich dieselbe Stelle aus einem jungen Cölnischen Druck anführen. Es heisst da S. 78: „Da zogen sie ihre Waffen an und gingen mit Haimon vor den Saal, der Meinung, er wolle sie ergreifen. Als Adelhard darin war, seufzt er zu Gott und sagte: Nun wolle uns Gott und seine liebe Mutter beistehen, denn wir stehen allhier in grossen Sorgen, ich sehe meinen Vater kommen mit einer Menge Volks; lief zu der Mutter und sagte: Mutter wisset ihr/ uns keinen Rath zu geben, dass wir unserm Vater mögen entrinnen? Reinold liegt fast todt in Ohnmacht. Da sagte die Mutter: Ich weis keinen Rath u.s.w.“
Von den Misshandlungen, welche das Nibelungenmetrum durch den Verf.(asser) erlitten, so wie von manchem Anderen, schweigen wir und wünschen, dass er zu der Einsicht gelangen möge, wie eine lebendige Gestaltung des Vergangenen ohne die innigste Hingabe, an dasselbe, unmöglich ist. Wäre davon etwas in ihm, so wäre z.B. nothwendig gewesen, den komischen Zug der alten Sage mit ihrem tragischen contrastiren zu lassen, wovon sich aber nirgends eine Ahnung zeigt. Die poetische Productivität unserer Tage scheint so erschlafft zu sein, dass sie, auf eigenen Füssen zu stehen unfähig, aus matter Bequemlichkeit immer an ein Fremdes sich anlehnen will. Der Orient, alte Novellen und Gedichte, pittoreske Historiker, Reisebeschreibungen sollen den Versemacher stützen, der die Erfindung umgehen will. Aber gerade die Leichtigkeit, welche er damit erzielt, bringt ihn vollends zum Fall und verdirbt die Poesie, deren er vielleicht noch fähig wäre, ganz. Denn nun hat er, seiner Meinung nach, einen Stoff, den er nur zu gestalten braucht. Dieser Wahn hintergeht ihn, und die Sucht, einerseits mühelos zu schaffen, d.h. Verse zu machen, was ja so Viele vermögen, und anderseits doch recht gross und bedeutend zu scheinen, bestraft sich an der inneren Gehaltlosikeit der Production. Wir können dies Dichten am füglichsten dem Illuminiren von Kupferstichen vergleichen, was ein Bemalen und Bepinseln, aber noch lange kein Ma/len ist, worin Zeichnung und Colorit mit einander selbstständig geboren werden. Wo ist in Bechstein's hölzernem Reimgeklapper auch nur eine Spur von selbstbildender Phantasie? Vielmehr ist die eben so grossartige als zarte Sage – Görres hat sie mit der Ilias verglichen und die Parallele an der Oekonomie beider Gedichte durchgeführt – verhunzt und unter die fadeste Prosa heruntergebracht. Wir sind der Hoffnung, dass Hrn. (Herrn) Bechstein’s Arbeit nur wenig Beifall finden wird; denn das Gegentheil wäre ein sehr niederschlagendes Zeichen der Zeit. Bei dem literarischen Anhang, über welchen er selbst um Schonung bittet, wollen wir ihm diese angedeihen lassen, und nicht weiter davon reden, obwohl er recht in seinen Sinn blicken lässt und seine geringe Kenntniss des Mittelalters mehr als einmal verräth, z.B. wenn er die Legende vom heiligen Reinold mystisch abenteuerlich und frömmelnd nennt.
Hr. (Herr) Bechstein versichert S. 247, dass ihm Tieck's Bearbeitung nächst dem alten Volksbuche bei seiner Arbeit beständig zur Seite gelegen habe, was einem unwillkürlich die Reflexion abnöthigt, wie er dessen ungeachtet nichts Besseres geleistet habe. Aehnlich verhält es sich mit seiner Bearbeitung des Holbeinschen Todtentanzes, welche jedoch mehr Phantasie, Geschmack und Gefühl verräth. Da nun aber der Verfasser die Holbein’schein Zeichnungen zur Grundlage gemacht hat, woran er seine Poesie anknüpft, so ist eine Vergleichung zwischen dem Dichter und Maler unausweichlich. Der Gegenstand, um welchen es sich hier handelt, ist so wichtig für/ die moderne Kunstgeschichte, dass wir weitläuftiger davon reden müssen.
Der Todtentanz ist die Vorstellung, dass der Tod mit jedem Menschen ohne Ausnahme von der Bühne des Lebens in das Grab tanze; der Tanz ist das Ironische der Vorstellung, welche bei den Deutschen uralt ist, weil sie den Tod weniger als andere Völker gefürchtet haben, wie Tacitus von ihnen sagt, securi adversus deos, securi adversus homines. Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert wurde diese Idee durch die Kunst mannigfach ausgebildet; auch die Franzosen machten im Danse des Macabres einige Versuche darin, an welche Jacob Bibliophile in seinem danse macabre jüngst wieder erinnert hat. Holbein’s Zeichnungen können von Seiten der Malerei als eine vollendete Erscheinung dieses Gedankens angesehen werden, weil sie alle Beziehungen, welche derselbe umfasst, in sich versammelt haben. Wir wollen diese mit einigen Worten näher andeuten. – Gott der Vater schafft den Menschen als Mann und Weib. Auf dem zweiten Blatt kosten sie von der verbotenen Frucht. Auf dem dritten vertreibt sie der strafende Engel aus den Grenzen des Paradieses, und hier nun, an seinem Ausgang, tritt als Folge der Sünde, vortanzend und Zither spielend, der Tod zum erstenmal auf, die Gefallenen als unzertrennlicher Mitgenosse in die Welt zu begleiten. Jedem einzelnen Leben ist er gewiss, im Leben schon lebt er mit ihm, und das Ende des Lebens lässt ihn nur, wie ein sicheres Resultat, offenbar und völlig hervortreten. Auf dem vierten Blatt sehen wir, wie er in öder Felsengegend, wo Eva ihr Kind/ säugt, dem Adam arbeiten hilft, weil die Arbeit im Schweiss des Angesichts die Kraft des Menschen verzehrt. Hierauf erscheinen auf dem fünften Blatt, wo zerstreutes Gebein nach unserer Auslegung, den erschlagenen Abel bezeichnet, alle Todesengel mit Pauken und Posaunen, und jubeln um den ersten Todten. Was die ersten vier Blätter im Werden zeigen, ist hier nun wirklich da; das Leben ist gestorben. Von hier an zeiht sich in den folgenden Blättern durch alle Stände und Alter der Widerspruch des Lebens mit dem Tode in den verschiedensten Situationen fort. Unversehens ergreift es der Tod gewöhnlich, wie es con amore mit der Entwickelung eitler Weltlichkeit beschäftigt ist. Der geistliche, adliche und bürgerliche Stand bis zum feisten Narren herab, werden vom Tode auf solche Weise hinweggerafft. Hiervon sind drei Ausnahmen. Dem Greis und der Greisin ist der Tod willkommen; mit dem Spiele des Hackebretes geleitet er die Lebensmüden in die Gruft. – Ferner auf dem Blatt der Spieler kämpft der Tod mit dem Teufel, nach dem Sprichwort, dass der Teufel den Erzbösewicht bei lebendigem Leibe hole. Der eine Spieler streicht sein Geld ruhig ein; der andere ruft den Teufel an; der dritte sitzt mit übergebogenem Haupt zwischen Tod und Teufel verzweifelnd in der Mitte, während Beide, wem er eigentlich angehöre, mit Wuth sich streitig machen. Hier lässt Bechstein den Tod die Seele nehmen, und den Spieler unter moralischen Reflexionen umkommen, während die Pointe der Scene gerade in der Unentschiedenheit zwischen Tod und Teufel beruht. – Endlich das Bild eines/ Elenden auf dem Strohlager, aussen am Eingang eines Stadtthores; das bärtige, kummervolle Antlitz, die um Vernichtung flehenden Blicke, die nach Ruhe müden Arme aufwärts hebend. Es ist der den bisherigen Bildern ganz entgegengesetzte Widerspruch: Das Leben, das nicht sterben kann, dem der Tod nicht erlösend nahe tritt; es ist, wie Bechstein meint, wie aber in der Zeichnung an sich, eigentlich noch nicht begründet liegt, der es mehr nur darum zu thun scheint, einen einsam Hülflosen, einen Ausgestossenen, einen Lazarus, einen Hiob auf einem Misthaufen zu zeigen, es ist also nach ihm der von Gott zum Leben verdammte Ahasverus. Nachdem dies Bild das Wünschenwerthe und Nothwendige des Todes für den Menschen anschaulich macht, schliesst das Ganze mit dem Anblick der Auferstehung der Todten. Der Himmel ist eröffnet; der Todtengewältiger Christus sitzt in der Herrlichkeit des Richters, und die Auferstandenen gehen ein in das ewige Leben, über welches der Tod keine Macht hat.
So hat der grosse Maler sinnreich die Entstehung des Todes aus dem Leben; die vielfachen Formen seines Erscheinens und die Allgewalt desselben über alles irdische Dasein vorgeführt, bis sich am Schluss der Mensch mit dem Tode versöhnt, indem er ihn selbst in der geistigen Auferstehung als das Nichtige erkennt. Ueber das Leben herrscht er, nicht über den Geist. Das ist der oberflächliche Umriss des tiefen Holbein’schen Gedankens. Wundervoll ist derselbe von ihm in seinen verschiedenen Seiten ausgeführt. Wie hat er z.B. dem Todtengerippe eine so unendliche/ Mannigfaltigkeit zu geben gewusst, dass es jedesmal als individueller Charakter auftritt, dass der kahle Schädel jedesmal eine andere Physiognomie zeigt, dass die Knochen, das Spiel der Muskeln, Wohlbehagen, Anstrengung u.s.f. ausdrücken! Mit dem Behang einiger Kleidungsstücke, mit der Veränderung der Kinnladen, welche bald grinsen, bald lächeln, bald drohen, mit der Ausstattung des Craniums durch einige Haare hat er die höchsten Effecte erreicht. Interessant ist besonders, wie er den Tod zur Parodie des Lebendigen, den er abfordert, zu machen gewusst hat; z.B. der Tod, der dem Wucherer das Geld, und ihm damit seine Seele nimmt; der, welcher vor dem Weltgeistlichen, der mit pfäffischer Salbung die Monstranz trägt, mit Glocke und Laterne als Diener einhergeht; der, welcher in reisiger Rüstung mit dem Grafen kämpft u.s.f. alle diese drücken das aus, was an den Lebenden das Nichtige ist. […]
Die Holbein‘schen Zeichnungen sind so reiche Compositionen, dass auch eine mittelmässige Phantasie dadurch erregt werden muss. Wir wollen Herrn Bechstein zugestehen, dass er den ernstlichen Willen gehabt hat, dieses Kunstwerk zu durchdringen und poetisch zu reproduciren. Er hat vielerlei Gedanken über den Tod aufgetischt, die allerdings auch auf die Bilder Anwendung leiden, weil diese den Tod darstellen, die aber die specifische Originalität derselben nicht erreichen, um die es doch zu thun sein muss. Er hat Krieg, Pest, Eifersucht und vieles Andere mit der herkömmlichen dichterischen Phraseologie hergezählt; er hat die Schrecken und Verwüstungen des Todes mit dem Reiz des Lebens, mit Blüthen und freundlichem Sonnenlicht, mit sehnsüchtigen Herzen und leidenschaftlich unruhigen Wünsche gehörig contrastiren lassen; er hat hier und da sogar eine epische Individualisierung versucht – aber bei alle dem hat er kein Gedicht geliefert, am wenigsten eines, was den Sinn der Holbein’schen Dichtung wiedergäbe.
Der Fehler, welche der Verf.(asser) nach unserer Meinung begangen hat, sind unzählige. Wir wo/len nur einige hervorheben. Zuvörderst ist die scenische Malerei bei diese Sujet am unrechten Ort; es fordert eine sententiöse Haltung, die am besten durch einen kurzen Dialog erreicht wird, wie schon die älteren deutschen Dichter in der Behandlung dieses Stoffs verfahren sind: Hr. (= Herr) Bechstein ist dagegen durch sein Reflectiren und pittoreskes Schildern zu ganz wiedersagenden Weitschweifigkeiten getrieben. Wie fällt z.B. die Schilderung der Wassersnoth bei dem schlemmenden Könige so ganz aus der Luft, wie gekünstelt ist der sentimentale Anfang beim Bilde des Räubers u.s.w. – Dazu gesellt sich die metrische Unbestimmtheit des Vortrags. Wir würden gar nichts dagegen haben, dass der Verf.(asser) Bild vor Bild mit dem Metrum wechselte, da jedes in eine eigenthümliche Welt einführt. Hier lag ihm so gut wie dem Maler die grösste Freiheit vor. Aber dies zufällige Wogen des Reimes und gar zu bequeme Sichgehenlassen des Rhythmus ist bei einem Gegenstande nicht angewandt, der eine präcise Behandlung fordert, weil der Tod ein Mann von wenig Umständen ist. Der Verf.(asser) werfe uns nicht etwa den plattdeutschen Lübecker Todtentanz ein, der in freien Reimen gedichtet ist. Es ist ein so bestimmter Schlag der Reime und eine so feste Modulation des Rhythmus darin, dass er bei der Vergleichung sehr zu kurz kommen würde. Bei ihm sieht man den Schlendrian nur zu deutlich. Um ihn davon zu überzeugen, wollen wir die erste, beste Seite aufschlagen. S. 74. No. 18, der Richter; beginnt so:

Der Wandrer weilt in Kerkereinsamkeit,
Wo das Verbrechen sass bei der Verworfenheit;/
Durch Unschuld, oft verachtet und verhöhnt,
Ihr ungehörtes Flehn in Klagen ausgestöhnt.
Ihm war es wohl in diesen Schauerhöhlen,
Die Grausamkeit erfand, die Tyrannei gebaut,
Die Marterkammern hat er angeschaut,
Bestimmt, unmenschlich abzuquälen.
Die schrecklichen Geräthe waren voll
Von Blut befleckt der Opfer, ungereinigt,
Es war, als zitt‘re sterbend mancher Hall
Von Seufzern derer u.s.w.

Was ist das für eine lockre ungelenke Sprache, als wäre sie die schülerhaft mühsame Uebersetzung aus einer andern! – Mehre der eingestreuten kleinen Lieder, z.B. was der Narr singt, sind besser gerathen. Aber auch hier fehlt es nicht an grossen Mängeln, z.B. wenn es im Liede vom Tod des Kindes einmal heisst:

„Mutter, trockne die Thrän‘ dir ab,
Niemals ein Kind gehabt ich hab‘ “

Welch eine Construction! Von dem unpassenden Gedanken, der nur einem so humanen Tod, wie der Bechstein’sche ist, in den Sinn kommen kann, will ich nicht einmal etwas sagen.
So viel über die Sprache. Was nun die Auffassung der einzelnen Situationen angeht, so ist der Verf.(asser) mitunter auf dem Wege zum Glück gewesen, wie bei dem Bilde der Gräfin. Im Durchschnitt hat er aber darin einen Missgriff gethan, dass er, statt sich zu beschränken, statt dem Genius des grossen Meisters sich zu fügen und sein getreuer Interpret zu sein, die Individualität der Scenen durch eine Menge seiner modernen moralischen Ingredienzen und durch eine überall und nirgends, bald in Zion, bald in Sichara, bald auf den Gletschern umherpromenirende Phantasie gänz/lich verwischt hat. Nun schwimmt man in dunstig unbestimmten Gemälden umher, die sich zu keiner rechten Anschauung abschliessen, während Holbein’s Bilder zum Nachtheil jener, mit der grössten äusseren Klarheit und geistigen Durchsichtigkeit daneben stehen. Was für eine unbegreifliche Verirrung – über welche der Verf.(asser) wahrscheinlich als über etwas recht Prächtiges stolz sein mag – ist es nicht, den Commentar zum zwanzigsten Bilde vom Rathsherren mit Reflexionen über St. Helena und Napoleon, wie wir sie nun schon bis zum Ueberdruss gehört haben, anzufüllen und mit den im Munde Herrn Bechstein’s vielleicht recht hübsch, aus dem des Todes aber lächerlich klingenden Worten zu schliessen:

„Singe! Sinke! Sei mein! – Und dann
Will ich auf diesem Felsen sitzen
Und trauern über den grossen Mann!“ –

Als wenn der Tod der Trauer fähig wäre! Konnte der Verf.(asser) einmal nicht unterdrücken, auch über Napoleon ein Wort zu sagen, warum wählte er nicht ein schicklicheres Bild, etwa das des Kaisers? Aber da hat er individualisiren wollen, und die Ermordung Albrechts durch Johann von Schwaben auf eine sehr verfehlte Weise angebracht.
Wir wollen dem Leser die Entzweiung der Holbein’schen Phantasie mit der Bechstein’schen wenigstens an Einem Bilde ausführlicher zeigen, und wählen dazu das der Nonne, wo der Contrast mit am grellsten erscheint. Hier hat Holbein ausdrücken wollen, wie ein liebliches, üppiges Nönnchen ihr Gelübde mit einem mannhaften Ritter zu brechen im Begriff ist. Der Ritter sitzt mit ei/ner Theorbe auf dem Bett des Mädchens und blickt die zarte Gestalt verlangend an. Sie knieet, den schönen Nacken zeigend, vor einem Altar, und erwiedert süss und zärtlich den Minneblick, während sie den Rosenkranz lässig in den gefaltenen Händen niederhangen lässt. Auf dem Altar steht nicht etwa ein Crucifix, oder eine mater dolorosa, sondern ein Paar fleischige Venusbilder mit dicken Bäuchen, das eine mit Eva‘s verführerischem Apfel, sind zu schauen. Der Tod, eine alte Vettel andeutend, mit Fetzen und Tüchern eingelumpt, mit schlaffen, ekeln Brüsten, schleicht hinter dem brünstigen Mägdlein, was eben in die sündliche, todtbringende Begier willigt, und löscht die Lichter des Altars mit hämisch froher Hand aus. Was bedarf sie zu ihren Werken der Finsterniss, des Kerzenscheines? – Diese angegebenen Züge sind so schlagend ausgedrückt, dass man meinen sollte, Jeder müsse sie erkennen. Was hat Herrn Bechstein’s angenehme Phantasie daraus gemacht? Eine ordinäre Geschichte. Eine fromme Schwester Agathe, die in der stillen Zelle um einen verlorenen schönen und geliebten Ritter Adolar trauert, für ihre Sehnsucht Trost im Gebet sucht, und, gegen die Worte der Schrift, dass man droben weder freiet noch sich freien lässt, ihren Liebling jenseit des Grabes zu umhalsen hofft.

„Der stille Freund der Müden, Schmerzgequälten,
Tritt näher, löschend ihres Lebens Licht.
Agathe sinkt, ihr mattes Auge bricht,
Und droben fand sie wieder den Erwählten!“

Ueberhaupt, und hiermit wollen wir unsere Bemerkungen beschliessen, hat der Verf.(asser) vom Tode, wie Holbein, wie das ganze Mittelalter ihn/ nahm, kein rechtes Verständniss. ich will hier nicht wiederholen, was ich in meiner Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter, im Abschnitt von der verkehrten Welt, darüber gesagt habe, besonders was die innere Zusammengehörigkeit der Narrheit mit dem Tode betrifft, und den Verf.(asser) nur darauf noch aufmerksam machen, das er den Hauptpunct, welchen der Maler so schön vorstellt, den Uebergang des Lebens durch sich selbst zum Tode, also, um sich schroff, aber richtig auszudrücken, den Selbstmord, den es begeht, nicht gefasst hat. Das Mittelalter hing darin an der Schrift: der Tod ist der Sünde Sold. Das gerade, was dem Menschen seine Lust ist, ein beschränktes Element seines Daseins, Spiel, Handel, Liebe, Krieg, Macht u. dgl. m., diese Einseitigkeiten tödten den Menschen. Wie Gott das Leben, so bringt er selbst den Tod hervor. Daher erscheint der Tod als die unausbleibliche Nemesis des Unmaasses, als die Vernichtung alles Bösen, an dessen Wahnsinn in ihm selbst der Wurm nagt, der es verschwinden macht. Diesen Widerspuch hat Holbein ganz einzig charakterisirt. Man fühlt die Lust, mit welcher der Tod den Mast des Schiffs zerknickt, womit er die Kriegstrommel wirbelt, vor dem Fürsten und der Fürstin die lächerlich kleine Freudenpauke schlägt, bocksbeinig tanzend dem geilen Narren den Dudelsack vorpfeift, den Bischof vertraulich bei Seite nimmt, an einem kühlen Ort ihm ein Wörtchen schweren Inhaltes in das Ohr zu flüstern – und so durchgehends. Von dieser Lust des Vernichtens, von der bacchantischen Raserei, die es mit kalter Gluth entzündet, hat der düstere Pilger, der greise Wanderer, wie/ Hr. (= Herr) Bechstein den Tod euphemistisch betitelt, nur eine schwache Ahnung. Die Milde und Barmherzigkeit Gottes müssen immer die Oberhand behalten, Gott kann nicht zürnen; er kann nur lieben; er verlässt den schwachen Menschen nicht, und wie die weichherzigen und sentimentalen Gemeinplätze weiter lauten. Diese glatte und vertuschende Sanftheit hebt aber das Grauen des Todes wirklich nicht so auf, wie Holbein’s Humor, und sein letztes Bild von der Auferstehung. Durch diese falsche Weichmüthigkeit sind die schönsten poetischen Stoffe verwässert. Was soll man dazu sagen, wenn in diesem Buche, was hie und da eine gute Schilderung bietet, der ewige Jude durch die Bitten einer schuldlosen Thorwächter-Tochter von seiner Qual erlöst wird? Hat der Verf.(asser) die schauerliche Sage, die ja oft genug aufgefrischt ist, so wenig gekannt, und hat er bei dem Holbein’schen Bilde so wenig bemerkt, dass der Tod mit Absicht nirgend zu sehen ist, wie ersehnt er auch dem Lebenssatten wäre, dass er sagen kann:

Die Bitten frommer Unschuld trug
Ein Seraph hin zum Quell der Gnade,
Und ihre Thränen löschten in dem dunkeln Buch
Des Sünders Schuld; er stand am Markstein seiner Pfade.
Der Pilger trat ihm nah und seine Stunde schlug. (S. 196, sk)

Herr Bechstein hat sich dem Publicum der Leihbibliotheken durch eine Menge anziehender Geschichten, deren Scene mehr oder weniger in das Mittelalter fällt, mit Recht beliebt gemacht. Das Verdienst, was er sich dadurch erworben, wollen wir ihm nicht im Mindesten streitig machen. Allein ein ganz anderer Massstab, als der/ der blossen Unterhaltung, die uns über einige müssige Stunden im leichtbewimpelten Nachen eilig forttragen soll, ist da anzulegen, wo es auf wahrhafte Poesie ankommt. Hier muss die Kritik rücksichtslos sein, denn der Dichter fordert sie selbst dazu auf. Unser Urtheil ist daher zwar streng, aber es ist gerecht. Hr. (= Herr) Bechstein ist ein sinniger und geschickter Mann, dessen Darstellung es wohl verräth, dass er in Thüringens Thälern und Wäldern den Offenbarungen der Natur und dem Nachhall alter Sagen lauscht. Er hat einmal ein Büchlein Arabesken geschrieben, worin er das, was wir als das Sinnige an ihm loben, recht anmuthig aussprach. Allein mit solchen Gedichten, wie der Todtentanz, Faustus u.a., überschreitet er die ihm angewiesene Sphäre. Er wird dann mehr von dem formellen Auspinseln, als von der inhaltsvollen Energie des Darzustellenden gefesselt; daher das Declamatorische der Reflexion und die mehr als behagliche Breite der Scenerie. Manche Kritiker haben ihn durch unüberlegten Preis in seiner Verworrenheit bestärkt. Ist es z.B. nicht höchst unangemessen, den Deutschen Luther in Italienischer Canzonenform zu besingen? Der Gegenstand gebietet Ehrfurcht; der Wille des Dichters ist rein und warm; darf dies aber über die poetische Leerheit des Panegyricus blenden? Die Rhetorik ist ein Moment der Dichtkunst, aber sie ist nicht die Poesie. (S. 21-36)

Faustus, ein Gedicht von Ludw.(ig) Bechstein. Leipzig 1833. Mit Kupfern. 195 S.

Nachdem Faust’s Geschichte so oft dramatisch behandelt wurde, konnte eine epische Auffassung derselben eine neue Anschauung dieses unsterblichen Thema‘s darzubieten scheinen. Nur fragt sich, ob nicht in dem Stoffe selbst eine unmittelbare Anlage sei, welche ihn bei weitem mehr für die dramatische, als für die epische Gestaltung eigne. Widmann’s weitschweifige Erzählung, der schlichte Ton des aus ihm excerpirten Volksbuches und Klingers Faust sind die einzigen uns bekannten prosaischen Darstellungen. Indessen wollen wir einmal von der Majorität der dramatischen Behandlung von dem Puppenspiel an, durch Marlow, Maler Müller, Göthe, Klingemann, Holtei u.A. hindurch bis auf Grabbe’s Faust und Don Juan absehen; es könnte in der geschichtlichen Entwickelung der Poesie das Gesetz enthalten/ Sein, dass ein Stoff, der ursprünglich episch war, die dramatische Form überginge, und, nachdem er in derselben sich vollendet, noch einmal in höherer Verklärung zur epischen Form sich erhöbe, allein ohne dass der Stoff selbst zur epischen Breite sich hinneigte, werden wir diesen Gang nicht finden. Er ist da z.B. in der Sage des Fortunatus; diese wurde schon im sechszehnten Jahrhunderte dramatisirt; Tieck erhob sie in dieser Gestalt auf den Gipfel der Vollendung; Uhland endlich hat eine epische Gestaltung in der heiteren Weise des Ariostischen Tons begonnen. Dass die Geschichte des Faust in Göthe’s Bearbeitung die Vollendung erreicht habe, ist wohl kein Zweifel mehr. Herr Bechstein hat zum Volksbuche zurückkehren müssen, um Beziehungen vor sich zu haben, welche noch nicht von Anderen ergriffen und erschöpft wären. Er hat daher vorzüglich die Schwänke zum Gegenstande gewählt, welche das Volksbuch von dem grossen Zauberer erzählt, der bald artig und galant, wie gegen die Gräfin von Anhalt, bald burschicos, wie in Auerbach’s Keller, bald mit phantastischer Pracht, wie bei dem Kaiser Maximilian, sich geberdete. Es wäre nun gegen eine Ausführung dieses Stoffes nichts zu sagen, wenn sie malerisch, individuell vollbracht wäre, wie dies z.B. von Marlow geschehen ist, der alle diese Spässe behandelt und doch den strengen finsteren Geist der Sage festhält. Allein der Vf. (= Verfasser) hat aus Faust einen sentimentalen Träumer gemacht, der in Schwermuth versunken, eine kraftlose Sehnsucht nach Wissenschaft, Genuss und Ruhm hegt; es ist so gar kein Zusammenhalt der einzelnen Begebenheiten in diesem unbestimmten Charakter,/ dass sie, jede für sich, selbstständig erscheinen und Faust nur das äussere Band ist, welches der Dichter um sie herumgewunden hat.
Worin sich der Mangel an poetischer Individualisirung kund gibt, ist der Hang des Vfs. (= Verfassers) zu allegorischen Figuren. Wenn die Allegorie wirkliche Allegorie ist, so hat sie ihre vollkommene Berechtigung in der Kunst; wenn aber das Allegorische die Ohnmacht des Dichters verräth, mit frischer Lebendigkeit das unmittelbare und wirkliche Dasein zu schildern, so wird es lästig. Im Epischen können wohl Götter, Teufel und Engel auftreten; allegorische Personen aber wie in Voltaire’s Henriade, in den Amadisromanen, verschwimmen in das Nebulose; die Personification des Begriffs ist darin einem untergeordneten Standpuncte angehörig, welchen die Europäische Kunst während des Mittelalters in zahllosen und weitschweifigen Allegorieen überwunden hat. Unsere Kunst fordert die Darstellung der Idee in der Wirklichkeit; schon ein Marquis Posa ist ihr zu flach und allgemein, zu wenig ein wahrer Mensch, nur die geistreiche Repräsentation der Menschheit, in welcher Beziehung ihn Jean Paul treffend mit einem Leuchtthurm verglich. Für sich mag nun das Allegorische noch bestehen; aber so bald es, wie in der Aeneis, in der Henriade u.s.w. und, als Reue, Furcht, Gewissen, Schwermuth u. dergl. wie bei unserem Vf. (= Verfasser), auftritt, wird es trocken und ungeniessbar.
Hr. (= Herr) Bechstein hat die Faustische Sage, was wir ihm auch früher in Bezug auf die Heimonskinder und den Todtentanz vorwarfen, nicht teif genug genommen; er hat sich an die äusseren/ Contraste, Einsamkeit und Weltgewühl, Unschuld und Verdammniss, Liebe und sinnliche Lust u.s.f. gehalten, ohne uns die innere Entzweiung dieser Zustände zu entfalten. Als epischer Dichter konnte er das freilich nicht in dem Maasse, als der dramatische; indem er aber mehr die Erscheinung malte, musste er doch den Zusammenhang der einzelnen Momente, genauer als von ihm geschehen, begründen, und das Eigenthümliche einer jeden Situation localer, sinnlicher, bestimmter veranschaulichen; Faust musste in trüben, verzweifelnden Augenblicken nicht bloss die Stirn schlagen u.s.w. Der Verf.(asser) kann sehr leicht täuschen, indem jeder einzelne Vers, jede einzelne Strophe, selbst einzelne Romanzen, befriedigend dünken; jedoch im Ganzen angesehen, verschwindet dieser Schimmer, der durch das Blühende der Diction und Klingende des Metrums über das Einzelne hingegossen wird, z.B. S. 44:

„Hoch Faustus! Hoch! Er lebe!“ so schallt’s im hellen Saal
Vom Munde froher Zecher, Pokal klingt an Pokal;
Gewandte Diener fliegen den Elfen gleich umher;
Süss rauscht von holden Klängen ein unsichtbares Meer.

So schön solche Einzelheiten sind, so ist doch in keiner etwas enthalten, das zu einem längeren Verweilen stimmte, weil sie immer zu allgemein und gewöhnlich ausfallen. Man kann sich kein getreueres Bild von dieser äusserlich blendenden Poesie machen, als die hinzugefügten Kupfer geben. Diese sind recht sauber und scharf gestochen, aber in der Zeichnung ist immer etwas Verfehltes, bald in den Gliedern, bald im Gesicht. Das Charakteristische des Momentes ist/ schwer zu enträthseln, weil die Bestimmtheit des Affectes mangelt; die Gestalten haben sämmtlich das Ansehen, nach Modellpuppen gefertigt zu sein; welche Missgestalt ist der die Helena um Liebe bittende Faust, wie gemacht erscheint das Entsetzen auf den Gesichtern bei Prästigiar, wie philisterhaft der von Helena, einer leblosen Statue, scheidende Faust und so durchgehends! Dagegen ist auf das Beiwerk, auf die Ausschmückung der umgebenden Scenerie eine übertriebene Sorgfalt verwandt, wodurch der Eindruck der Hauptgestalten, die Auffassung des individuell Hervorspringenden vollends verlöscht wird.

(Im oben erwähnten Abdruck des Volksbuchs sind einige dieser Entwürfe benutzt, aber besser ausgeführt.)

(Zur Geschichte der Deutschen Literatur. Königsberg, Gebrüder Bornträger, 1836. S. 152-156)

6.16. Walter Scherf

Bechstein, Ludwig, auch: C. Bechstein, eigentl.: Louis Clairant Hubert B.; *24.11.1801 Weimar, + 14.5. 1860 Meiningen; Grabstätte: ebd., Friedhof. – Verfasser u.(nd) Sammler von Märchen u.(nd) Sagen.

B. wurde unehelich in Weimar geboren. Als Vater gab Johanna Karolina Dorothea Bechstein aus Altenburg den aus Fontenay-le-Comte in der Vendée stammenden Emigranten Louis Hubert Dupontreau an.  Da sie den Beweis heimlich in Halle/ Saale getraut zu sein, nicht erbringen konnte, zahlte sie ihre Strafe. Und da sie ohne Einkünfte war, gab sie das Kind einer Pflegemutter. Seine Kindheitsjahre erschienen B. in der Erinnerung „wie ein schlimmer Traum"; seine Herkunft, die er als Makel empfand, suchte er gelegentlich durch falsche Angaben zu verschleiern.

1810 wurde B. von seinem Oheim Johann Matthäus Bechstein, dem angesehenen Naturwissenschaftler u.(nd) Direktor der Forstakademie Dreißigacker bei Meiningen (einem früheren Lehrer im Salzmannschen Institut in Schnepfenthal), als Pflegekind aufgenommen. Die ehrgeizigen Erziehungspläne hatten freilich nicht den Erfolg, den der Oheim sich erhofft hatte. B. mußte das Lyzeum in Meiningen vorzeitig verlassen. Statt Forstbeamter zu werden, trat der 17jährige die Apothekerlehre in Arnstadt an. Dafür hatte er im Umgang mit zwei schriftstellernden Lehrern die Lust, ja die Lesewut zur romant. Literatur entwickelt. Zeugnisse der Vergangenheit, mündl.(iche) Überlieferung u.(nd) Volksbücher bestimmen seine literar.(ischen) Vorlieben. Erste Frucht waren die Thüringischen Volksmährchen (Sondershausen 1823) – eher ein von Musäus beeinflußter Wildwuchs als literarisch gefaßte Überlieferung.

Geselliger Umgang mit jungen Leuten, Theaterspiel, Musizieren, Wandern u.(nd) Verschmieden u.(nd) nicht zuletzt das Nachsinnen über sagenhafte Verbrechen u.(nd) sinnl.(iche) Schuldverstrickungen beschäftigten B. weit mehr als sein Brotberuf. Da wurde der junge Herzog Bernhard Erich Freund von Sachsen-Meiningen auf B.(echstein)s Sonettenkränze (Arnstadt 1828) aufmerksam u.(nd) gewährte ihm ein Stipendium (1829-1831), das ihm das Studium der Philosophie, Geschichte, Literatur u.(nd) Kunst in Leipzig u.(nd) München ermöglichte; den Rest des Stipendiums nutzte er zu einer längeren Wanderung durch Oberbayern sowie einem Aufenthalt in Salzburg. B.(echstein)s Lehr- u.(nd) Studienjahre waren vom geselligen künstlerischen Umgang bestimmt: mit den Musikern Andreas Zöllner u.(nd) Friedrich Nohr u.(nd) dem Schriftsteller Ludwig Storch (mit dem er sich 1848 aus polit. Gründen überwarf), mit Wilhelm von Chézy, Karl Spindler, Eduard Duller, Moritz Gottlieb Saphir, Moritz von Schwind u.(nd) Hans Ferdinand Maßmann.

Inzwischen hatten ihn seine Volksstoffbearbeitungen berühmt gemacht. Literaturkritiker wie Wilhelm von Kotzbue, Garlieb Helwig Merkel u.(nd) Wolfgang Menzel lobten ihn u.(nd) bescheinigten ihm die Verwandschaft mit Byron. Das galt v.a. für Die Weissagung der Libussa (2 Bde., Stgt. 1829), Die Haimons-Kinder (Lpz. 1830), Der Todtentanz (Lpz. 1831) u.(nd) sein Epos Luther (Ffm. 1838). Dabei ist B.s Dichtung unverkennbar – bis zu den Titelformulierungen – an Vorbildern wie Musäus u.(nd) E.T.A. Hoffmann, der schwäb.(ischen) Dichterschule u.(nd) Heine, Scott u.(nd) Willibald Alexis orientiert. Carl Rosenkranz freilich setzte sich 1836 unnachsichtig mit B.s. epischen Versuchen auseinander. Er warf ihm v.a. ständigen Wechsel des Metrums, Reimgeklapper u.(nd) die Weitschweifigkeit des Reflektierens u.(nd) Ausmahlens vor.

Von München heimgekehrt, wurde B. 1831 zum herzogl.(ichen) Bibliothekar ernannt; die Übernahme des regionalen Archivs, eine ungeheure Sammeltätigkeit u.(nd) vielfältige schriftstellerische Unternehmungen schlossen sich an. 1832 heiratete B.; nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1836 noch einmal. Aus seinen Ehen gingen sechs Kinder hervor.

Über Thüringen hinaus wurde der volkstüml.(iche) Mann rasch zu einer allgemein anerkannten Autorität der Literaturkritik u.(nd) Altertumsforschung (vgl. etwa seine Chronik der Stadt Meiningen von 1676 bis 1834. Meiningen 1834/35). Er trat der Meininger Loge bei, hielt enge Freundschaft mit dem Archidiakon der Stadtkirche, August Wilhelm Müller, u.(nd) baute mit herzogl.(icher) Unterstützung ein Haus, sein geliebtes, gastfreies Tuskulum (mit erlesenem Weinkeller). Die Zinslast, die Kosten für seine Sammelleidenschaft u.(nd) das gastfreie Leben machten ihm allerdings zunehmend zu schaffen. Ausgedehnte Wanderungen u.(nd) ausgiebige Vereinstätigkeit im Sängerbund, v.a. aber in dem von ihm 1832 gegründeten „Hennebergischen altertumsforschenden Verein" erfüllten sein Leben.

Seine vielfältigen lyr.(ischen) u.(nd) epischen Produktionen, seine Biographien u.(nd) histor.(ischen) Romane in der Tradition von Arnims Kronenwächter (z.B. Grimmenthal. Hildburghausen 1833), die Kunstmärchen, Sagenversifikationen, Reisebeschreibungen, Heimat- u.(nd) Schauergeschichten nebst all den volkskundl.(ichen) Untersuchungen sind heute weitgehend vergessen, obgleich Nadler 1928 noch rühmte: „Bechstein war ein gottbegnadetes Gefäß des volkstümlichen Geistes dieser Landschaft, ein Erforscher altdeutscher Kulturzustände, dem die Türen der Vorzeit wie von selber aufsprangen". Die Edition mittelalterl.(icher) Dichtung, etwa Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben (Lpz. 1845) u.(nd) die Entdeckung u.(nd) Erstherausgabe von Heinrich Wittenweilen Ring (Stg. 1851) waren wichtig für die Erschließung älterer Literaturdenkmäler. Heute noch Bestand haben B.s reiche Sagensammlungen (mit rund 2300 Texten) u.(nd) seine beiden Märchensammlungen (mit etwa 150 Texten).  Das gilt vornehmlich für das als fiktive Wanderung durch die Sagenlandschaften angelegte, 1000 Erzählungen umfassende, von Adolf Ehrhardt illustrierte Deutsche Sagenbuch (Lpz. 1853), eine Frucht früherer regionaler Sammlungen, u.(nd) das Deutsche Märchenbuch (Lpz. 1845. Ausg. letzter Hand: 131857), das durch Ludwig Richters Illustrationen (seit der 12. Auflage 1853) zu einem Hausbuch wurde.

Während B. sich viele Sagen auf seinen Fußwanderungen hatte erzählen lassen, stützte er sich bei den Märchenbüchern auf Beiträger u.(nd) bereits Veröffentliches. Zwischen Auftragserteilung (durch seinen Verleger Wigand). u.(nd) Ablieferung waren ihn kaum mehr als drei Monate Zeit gegeben. Obgleich B.s Märchen den Brüdern Grimm darin folgen, in naivem Tonfall das Wunderbare herauszuheben, sind auch deutl.(iche) Anklänge an Musäus festzustellen, wenn B. fantast.(ische) oder zeitkrit.(ische) Momente integriert oder auch witzig-großsprecher.(ische) Figurenrollen ins Spiel bringt. Der für das Biedermeier charakteristische moralisierende, enterotisierende u.(nd) sentimentalisierende Grundzug kennzeichnet auch B.s Märchen; bei der Neuausgabe von  1853 ist B. allerdings um eine eher nüchterne, wirklichkeitsgetreue Darstellung bemüht, wozu ihn die Kritik  des schwäb. Märchensammlers Ernst Meier veranlaßt hat, der „manches entschieden Unechte und Selbsterfundene" rügte.

Noch über die Jahrhundertwende hinaus erreichten B.s Märchensammlungen um ein Vielfaches höhere Auflagen als die Grimmschen Märchen. Das änderte sich erst, als die Jugendschriftenbewegung B. vorwarf, er ergänze seine Texte „skrupellos. [...] durch völlig unmärchenhafte Züge" (Franz Heyden)


13 WEITERE WERKE: Mährchenbilder u. Erzählungen. Lpz. 1829. – Erzählungen u. Phantasiestücke. Stgt. 1831. – Der Todtentanz. Lpz. 1831 (Ep.) – Das tolle Jahr, 3 Bde., Stgt. 1933 (Histor. R.). – Faustus. Lpz 1833 (Ep). – Des Hasses u. der Liebe Kämpfe. Hildubrhausen 1835 (D.). – Der Sagenschatz u. die Sagenkreise des Thüringer-landes. 4 Bde., Hildburghausen/Meiningen 1835-38. – Die Reisetage. Aus meinem Leben. 2, 2 Bde., Mannh. 1836. – Gedichte. Ffm. 1836. – Fahrten eines Musikanten. 3 Bde., Schleusingen 1837. Ffm. 21854/55 (nacherzählte Lebenserinnerungen). – Die Volkssagen, Mährchen u. Legenden des Kaiserstaates Oesterreich. 4 Bdel. Lpz 1840. – Der Sagenschatz des Frankenlandes. Würzb. 1843. – Berthold der Student oder Deutschlands erste Burschenschaft. 2 Bde., Halle 1850 (histor. R.). – Hexengesch.n. Halle 1854. – Dr. Johann Matthäus Bechstein u. die Forstacademie Dreißigacker. Meiningen 1855 (Biogr.). – Mythe, Sage, Märe u. Fabel im Leben u. Bewusstsein des Dt. Volkes 3 Bde., Lp. 1854/55. – Romant. Märchen u. Sagen. Altenburg 1855. – Neues dt. Märchenbuch. Lpz./Pest 1856. – Villa Carlotta. Poet. Reisebilder. Weimar 1857. – Thüringens Sagenbuch. 2 Bde., Wien/ Lpz. 1858. – Thüringens Königshaus, sein Fluch u. Fall. Lpz. 1865 (Ep.). – Sämtl. Märchen (zus. Mit 'Thüring. Volksmährchen' u. 'Neues dt. Märchenbuch'). Hg. Walter Scherf. Mchn. 1965. 71983.Bearb. Neuausg. (Tb)., Mehn. 1988.

Literatur: Bibliographie: Theodor Linschmann: L.B. s. Schr.en Meiningen 1907. Neudr. Lpz. 1972. – Weitere Titel: Kurt Wasserfall: L.B.s Märchenbücher. Diss. Heidelb. 1922. – Franz Heyden: Volksmärchen u.d Volksmärchen-Erzähler. Hbg. 1922. – Karl Boost: L.B. Diss. Würzb. 1925. – Klaus Schmidt: Untersuchungen zu den Märchensammlungen  v.L.B. Lpz. 1935. – Alfred Fiedler: L.B. als Sagensammler u. Sagenpublizist. In: Dt. Jb. Für Volkskunde 12 (1966), S. 243-266. – Werner Bellmann: L.B. In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 2, Bln./New York 1978, Sp. 15-19. – Rolf-Rüdiger Schneider: B.s. 'Dt. Märchenbuch' Diss. Wuppertal 1980. – Walter Scherf: Der vergessene Apotheker u. Bibliothekar aus Weimar. In: L.B. Kinder- u. Zaubermärchen. Mchn. 1984, S. 5-15 Walter Scherf

(Literaturlexikon. Gütersloh und München 1988. Bd II, S. 368)

6.17. Friedrich Sengle:

(Sengle behandelt Bechstein bei den poetæ minores und schätzt speziell dessen Deutsches Märchenbuch.)

Besondere Beachtung verdient, unmittelbar an der Grenze der Biedermeierzeit, Ludwig Bechstein (Deutsches Märchenbuch, Leipzig: Wiegand 1846). Seine Märchen erschienen in vielen Auflagen, und dieser Erfolg ist verdient. Wieder ist es ein im Grunde recht sentimentalischer Dichter, ein Dichter von starkem Bewußtsein, der sich des naiven Tons mit Selbstverleugnung, mit zuchtvoller Kunst und daher überzeugend bedient. Die Vorübungen Bechsteins verdienen im Vergleich zu Hauffs etwa gleichzeitigen Märchen kaum Erwähnung (Märchenbilder und Erzählungen, Leipzig 1829). Erst im Deutschen Märchenbuch beginnt er Meister seiner Kunst zu werden. „Naiv“ ist sie noch nicht ganz. Betrachtet man etwa Aschenpüster mit der Wünschelgerte, so findet man genug ironische und empfindsame Elemente. Aschenpüster putzte die Stiefel des Prinzen „so schön, daß der Kater sich mit Wohlgefallen darin spiegelte und seinem Ich im Spiegel einen Kuß gab.“ Der „Kater Murr“ des sentimentalischen Hoffmann ist noch nicht ganz aus dem Märchen verdrängt. Es gibt auch Geheimrats- und Hofsatire im gleichen Märchen. Andrerseits wird die Sehnsucht des Prinzen nach Aschenpüster dicker aufgetragen als im Volksmärchen üblich: „Alles fehlte, weil sie fehlte.“ Stimmung macht Bechsteins Märchen inniger. Man kann verstehen, daß dieser Dichter zunächst zum empfindsamen und ironischen Erzählen neigte. aber er verzichtet um der Volkstümlichkeit willen mehr und mehr auf solche Subjektivität. Er mischt die alten Quellen, die er eifrig zusammensucht, immer behutsamer mit den modernen, sentimentalischen Ingredienzen, so daß sehr gut ausbalancierte, anmutig-naive Gebilde dabei herauskommen.

Frömmigkeit, etwas zurückhaltender als bei Marie Petersen oder Guido Gösses, bildet auch hier den Hintergrund des Fabulierens. Religiöse Didaktik wird nicht verschmäht, doch auch sie bleibt anmutig. Er bringt es fertig, in dem Märchen Drei Wünsche den Herrgott persönlich als didaktischen Geschichtenerzähler vorzuführen. Nachdem Gott dem Armen die drei Wünsche gewährt hat, läßt er ihn nicht gleich wünschen, sondern er erzählt ihm zur Warnung Geschichten von falscher Verwendung der Wünsche, so daß er nun das Richtige wünscht: Seligkeit, Gesundheit mit Zufriedenheit und – das gehört noch zu den Menschenrechten – ein besseres Haus. Das parodistische Nachspiel mit den drei Wünschen des Reichen ist ganz anders im Ton: schwankhaft, mimisch, drastisch. Schon dieses Märchen, in dem allerdings die Vorlage besonders frei behandelt wird, kann einen Eindruck vom Umfang/ der Mittel Bechsteins und von seiner volkstümlichen Darstellungskraft vermitteln. Die Sprache ist, vor allem in der ersten Auflage, nicht ängstlich naiv, sondern läßt ruhig ein wenig Rhetorik ins Märchen. Auf den zierlichen Türmen wehen hellschimmernde Fahnen. Die hohen Fenster blinken wie Flammenspiegel. Es gibt Liliennacken, umwallt von reichen Locken, zarte, holde Gestalten, aber auch Zähne, die knirschend aneinanderschlagen, abscheuliche Krallen, höllische Freude.

Bechstein hat in den 50er Jahren die Metaphorik, Weitschweifigkeit, Rührung und mit diesen Biedermeierelementen auch die Frömmigkeit, soweit es ihm möglich war, abgebaut, um dem neuen realistischeren Geschmack zu genügen. Den wichtigsten Anlaß dazu gab offenbar ein Angriff Ernst Meiers in der Vorrede zu seinen Deutschen Volksmärchen aus Schwaben (Stuttgart 1852). In der 12. Auflage seines Märchenbuches (Leipzig 1853) – sie ist mit 174 Holzschnitten Ludwig Richters illustriert – antwortet Bechstein mit einem Bekenntnis, das interessant ist. Er gibt zu, daß es in seinen Märchen „rhetorisches und kunstpoetisches Beiwerk“ gab; aber der Grund dafür ist, daß er ein Volksbuch geben wollte. Grundsätzlich ist auch er gegen solches Beiwerk.

Denken wir an die Rhetorik des Volksschriftstellers Gotthelf, so finden wir diese Rechtfertigung bestätigt. Auch der erfolgreiche Auerbach ist nicht ohne kunstpoetisches Beiwerk denkbar. Die absolute Naivität ist ein Ideal der Gebildeten, nicht des Volkes! Die Technik Andersens, seines Hauptkonkurrrenten, die Personifizierung von Gebrauchsgegenständen, die besonders leicht ins Kindische führt, hat Bechstein abgelehnt. Aber auch er bemüht sich intensiv von Auflage zu Auflage um eine überzeugendere Naivität. Glücklicherweise hat er zu viel Substanz, um sich selbst in seiner ironischen und empfindsamen Subjektivität völlig zu vernichten, und zu viel gesellschafltichen Takt, um läppisch oder primitiv zu werden. Man braucht daher die späteren Auflagen seines Märchenbuchs nicht zu scheuen. Doch behält auch der unverbesserte Biedermeier-Bechstein mit seinen Allegorien, Metaphern und Hyperbeln, mit seiner weniger filtrierten Naivität für den Leser, der den Vormärz ungeschminkt kennenleren will, seinen Reiz. Bechsteins Deutsches Märchenbuch von 1846 hat manches mit Stifters Urfassungen gemeinsam. Realistisch sind diese spätbiedermeierlichen Produkte so wenig wie die lyrischen Vormärzpredigten; aber sie trotzen der „großen Zeit“ von 1848 als Dichtungen. (Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815–1848. Bd II Die Formenwelt. Stuttgart, Metzler, 1972, S. 970/1)

6.18. Adolf Stern
Ludwig Bechstein, zu Weimar geboren, aber meiningischen Ursprungs, ein Neffe des Naturforschers Johann Matthias Bechstein, des Begründers der jetzt aufgehobnen, seiner Zeit berühmten Forstakademie zu Dreißigacker, war als Stipendiat Herzog Bernhard Erich Freunds aus der Apotheke zu Salzungen erlöst worden, hatte in Leipzig und München Philosophie und Geschichte studiert, war Kabinettsbibliothekar seines Landesherrn, Bibliothekar der öffentlichen Bibliothek zu Meiningen geworden. Er war ursprünglich eine wahrhaft dichterische Natur, und seine frühsten Gedichte, poetischen und prosaischen Erzählungen waren „aus innerer Quelle geflossen, einfach, leicht, nicht ohne Gemüt, aber die Leichtigkeit, mit welcher er die Form handhabte, verleitete ihn zu einer raschen Produktion, deren Menge mit dem kleinen Talent nicht in richtigem Verhältnis blieb“ (Gödeke). Bechstein hatte es an Regsamkeit so wenig als am Bestreben fehlen lassen, sich durch neue Eindrücke und Bildungselemente neue Stoffe zu sichern, doch da er unablässig nur nach Erweiterung, nicht nach Vertiefung seines Anschauungskreises trachtete, so ward ein von Haus aus vorhandner Zug zur Trockenheit und nüchternen Äußerlichkeit allmählich herrschend. Von seinen Gedichten hatten „Gevatter Tod“ und „Die Haimonskinder“, von seinen Romanen die „Fahrten eines Musikanten“ mit ihrem Seitenstück die meiste Anerkennung gefunden, als Sagenforscher und Märchensammler bereitete er eben jetzt jenes „Deutsche Märchenbuch“ vor, das auch im buchhändlerischen Sinne großes Glück machen sollte, und hatte seinen spätern Veröffentlichungen mittelalterlicher Dichtungen in diesem Jahre (1841) eine Skizze über den Minnesänger Otto von Botenlauben als „Vorläufer“ vorangehen lassen. Als herzoglicher Hofrat und Bibliothekar, als Vorsitzender des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins, als rechte Hand des Herzogs in litterarischen Dingen war er für Ludwig, der seinem fürstlichen Gönner die Ändrung seines Lebensplans zu eröffnen und zu motivieren hatte, ebenso von Bedeutung wie als anerkanntester und verbindungsreichster Schriftsteller seines kleinen Vaterlandes.

(Otto Ludwigs Biographie in: Otto Ludwigs gesammelte Schriften. 1. Band, Leipzig, Friedrich Wilhelm Grunow, 1891, S. 187/8)

6.19. Kurt Wasserfall:
„Man hat Bechstein einen Romantiker genannt, und als Kind seiner Zeit musste er zunächst mehr oder weniger unter dem Einfluss der Romantik stehen. Wir sahen, wie sich schon in dem Knaben unter der Einwirkung von Umgebung, Erlebnissen und Lektüre romantische Neigungen entwickelten, ein Hang zum Ungewöhnlichen und Wunderbaren, eine Vorliebe für die Sage und jede Art der Volksüberlieferung sich bildete. So wuchs Bechstein – im eigentlichen Sinne des Wortes – in die Romantik hinein. Die Wiederbelebung deutscher Vorzeit und alter Volksüberlieferungen, sowie die Freude daran, Fremdartiges, Wunderbares und Ungewöhnliches zu erzählen, blieben in der Tat für Bechstein die Grundlage seines Schaffens. Die Frage aber, ob Bechstein seiner inneren Anlage nach ein Romantiker war, ist zu verneinen. Er stand im Grunde viel zu fest auf dem Boden einer realen Wirklichkeit. Ausserdem lag dieser nüchterne Wirklichkeitssinn auch im Charakter der Zeit, der Bechsteins Hauptschaffen angehörte, im Charakter des jungen Deutschlands und der sich daran anschliessenden Epoche."


(Ludwig Bechsteins Märchenbücher unter Berücksichtigung seiner sonstigen Werke … Diss Heidelberg 1926, S. 24)

6.20. Gero von Wilpert:
„Leidenschaftsloser, z.T. trivialer Lyriker und Erzähler aus Thüringens Land und Geschichte; breite, spannungsarme Romane; später Massenproduktion. Bedeutend als Sammler heimischer Märchen und Sagen in echtem Märchenton und als Herausgeber."


(Lexikon der Weltliteratur. 3. neu bearb. Aufl. 1997, S. 132)

6.21. Oskar Ludwig Bernhard Wolff:

L.(udwig) Bechstein, eigenthümlicher als Lyriker, behandelt mit großer Vorliebe und patriotischer Pietät thüringische Stoffe; er zeichnet seine Charactere mit wohltuender Wärme, oft mit liebenswürdiger Naivetät und Innigkeit, aber nicht immer psychologsich consequent;  für die Natur hat er einen geübten Blick und weiß seine Darstellungen derselben mit frischem Hauch zu beleben, dagegen fehlt es seinen Situationen  hin und wieder an genügender Motivirung […] (592)

(Allgemeine Geschichte des Romans, von dessen Ursprung bis zur neuesten Zeit. 2. vermehrte Auflage Jena (Friedrich Mauke) 1850)

6.22. Faustus Rezension:

In: Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen Nr. 287 (20.10.1832), Sp. 3754/5

Literarische Anzeigen. Bei Dr. August Leo in Leipzig ist erschienen und in den Buchhandlungen Deutschlands zu haben: FAUSTUS. Ein Gedicht von Ludwig Bechstein. 4. (= Quartformat) Mit 8 contur.(ierten) Kupfern. Wie oft auch von andern Dichtern in Prosa oder dramatisirt, die schönste aller deutschen Sagen, die vom Zauberer Faust, bearbeitet worden, der Dichter des "Totentanzes" gibt sie in einer neuen Form, der lyrisch-epischen und einer Art der Behandlung wieder, wie noch keine dieses Stoffs vorhanden ist. Sein Faustus ist weder ein Bild eigner Phantasie, noch eine Copie nach einen (sic) neueren Meister, sondern der echte Faust der Sage, der Faust des Volksbuchs, nur gehoben durch die Reize der Sprache des Verfassers und der poetischen Gedankenfülle. Acht schöne und gelungene Kupferstiche in Conturen, nach Schwind von G. Pfau und J. Thäter, unter der Leitung des Herrn Prof. Frenzel, zieren das würdig ausgestattete Werk, das bald eine Lieblingslectüre des gebildeten Publicums werden dürfte.

6.23. Weitere Lexika:

Encyclopädie der Deutschen Nationalliteratur, oder biographisch-kritisches Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten seit den frühesten Zeiten; nebst Proben aus ihren Werken. Hg. von O.L.B. Wolff. Erster Band (A und B). Leipzig (Otto Wigand) 1835

Ludwig Bechstein

ward am 24. November 1801 geboren und erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung auf dem Gymnasium zu Meiningen. Das poetische Talent erwachte zwar frühzeitig in ihm, gedieh aber erst in spätern Jahren zur Reife; und da er sich auf der Schule gedrückt fühlte und sich selbst zum Studiren unbefähigt glaubte, so verließ er das Gymnasium im 17. Jahre und widmete sich der pharmazeutischen Laufbahn. Durch diese mit der Natur innig befreudet, pflegte er mit Liebe die Himmelsgabe der Poesie, von theilnehmenden Freunden ermuntert, fühlte aber auch bald genug die Fesseln, die sein selbstgewählter Stand dem Dichter nothwendig anlegen mußte. Immer mehr den schönwissenschaftlichen und Geschichtsstudien zugewandt, ohne doch seine Berufspflichten hintan zu setzen, arbeitete er an belletristischen und andern Journalen mit, soviel es seine Zeit gestattete, bis im Herbst 1828 der regirende Herzog von Meiningen aus eignem Antriebe den Dichter seinen beengenden Verhältnissen entriß und zu fernerer wissenschaftlicher Ausbildung großmüthig unterstützte. Hierauf ging B.(echstein) nach Leipzig, hörte Philosophie, Geschichte u.s.w. und schrieb und dichtete fröhlich fort. Hier wurde es ihm auch leicht, Verleger für seine Werke zu finden, die nun in rascher Aufeinanderfolge erschienen. Manches früher Vorbereitete wurde umgearbeitet und geordnet, z.B. die Haimonskinder, die Weissagung der Libussa u.a. Der Todtentanz wurde in Leipzig gedichtet, ebenso der Sonntag und die Hälfte des Faustus. Nach einem für den Dichter angenehmen, genuß- und lehrreichen Aufenthalt von 1 1/2 Jahren verließ er Leipzig und wandte sich nach München, wo Faustus vollendet und Luther gedichtet wurde. Mitten in der katholischen Stadt fühlte sich der Dichter so recht innig von dem Glück durchdrungen, Protestant zu seyn, fühlte Luther’s großes Verdienst um die Menschheit mehr als je, und so entstand das Gedicht. Im Herbst 1831 kehrte B.(echstein) nach/ Meiningen zurück, erhielt seine Anstellung als Cabinetsbibliothekar des Herzogs, zugleich als zweiter Bibliothkar an der herzogl.(ichen) öffentlichen Bibliothek, und im Jahr 1833 an dieser die erste Bibliothekarstelle. In demselben Jahr wurde er Gründer und Direktor des hennebegischen alterthumsforschenden Vereins.

Schriften:

Sonettenkränze. Arnstadt, 1828.
Mährchenbilder und Erzählungen. m.(it) K.(upfern). Leipzig, ohne Jahrzahl (1829, sk).
Die Weissagung der Libussa.
Stuttgart, 1829. 2 Theile
Die Haimonskinder. Gedicht. Leipzig, 1830.
Erzählungen und Phantasiestücke. Stuttgart 1831. 4 Theile.
Die Darstellung der Tragödie Faust von Göthe. Stuttgart, 1831.
Der Todtentanz. Gedicht. m.(it) K.(upfern). Leipz.(ig) 1831.
Novellen und Phantasiegemälde. Hildburghausen, 1832. 2 Theile.
Der Sonntag. Gedicht. m.(it) K.(upfern). Leipzig. Quartfolio. ohne Jahrzahl. (1831, sk)
Arabesken. Stuttgart, 1832.
Faustus. Gedicht. m.(it) K.(upfern). Leipzig, 1833. 4.
Grimmenthal. Hildburghausen, 1833.
Luther. Gedicht. Frankfurt a.M. 1834.
Der Fürstentag. Frankfurt a.M. 1834. 2 Theile.
Des Hasses und der Liebe Kämpfe. Drama. Hildburghausen, 1834.
Phantasieblüthen. Leipzig, 1835. 2 Bände. (unter d. Presse.) (= Novellen und Phantasieblüthen, sk)

Mitarbeiter war B.(echstein) an der dolzischen Jugendzeitung, der Hebe, an Ziehnert’s Idunna, am Komet, an Spindler’s Damenzeitung und Zeitspiegel, an Meyer’s thüring.(ischen) Merkwürdigkeiten, Schneider’s Buchonia, und mehrern andern Journalen und Taschenbüchern.

Unabhängig, durch sich selbst gebildet und seinem reichen Naturell folgend, hat Bechstein in stets fortschreitender Stufenfolge, vorzüglich als lyrischer Dichter, schon von seinem ersten öffentlichen Erscheinen an zu den schönsten Erwartungen berechtigt und ist diesen mit jeder neuen Leistung immer mehr nachgekommen. Eine reiche Phantasie, Herrschaft über die Sprache, seltener Zauber des Vortrags, wahre, hohe Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne, Innigkeit und Tiefe der Empfindungen sind ihm eigenthümlich, vorzüglich da glänzend hervortretend, wo er bei seiner Neigung für das Mittelalter Stoffe, welche diesem entlehnt sind, behandelt. Durch sein Leben stets mehr auf sich selbst verwiesen, anfangs in beschränkten Verhältnissen sich bewegend, dann plötzlich in das Treiben des Tages hinaustretend, ohne sichere Erfahrung, ohne feste wissenschaftliche Vorbildung, die er erst später sich mühsam erwerben sollte, mußte es ihm unmöglich fallen, sich nicht in der Wahl und Anwendung der Mittel zu vergreifen, und so kam es, daß er in früheren Leistungen mitunter, von dem herrschenden Ton des Tages fortgerissen und diesem huldigend, unklar über seine eigentlichen Fähigkeiten, unwillkürlich copirte, wo er hätte Original seyn können. – Sein gesunder Sinn führte ihn aber stets auf die rechte Bahn zurück, und wenn man mit wohlwollendem Blick, wie das eigentlich stets und bei Allen geschehn sollte, seine poetischen Arbeiten nur als Studien betrachtet, so wird man in jeder ein ernstes, schönes Streben wahrnehmen und gewiß keine ganz unbefriedigt, manche aber nach großem geistigem Genusse aus der Hand legen.

Wir theilen hier mehrere Gesänge aus seinem der Form nach vollendetsten Werke „Luther“ mit, verweisen aber den Leser, der sich näher mit ihm zu befreunden wünscht, auf seinen „Todtentanz“, den „Sonntag“ und seinen Roman: „das tolle Jahr“, so wie ferner auf mehrere seiner Lieder und Balladen, in denen er thüringische Stoffe behandelt, und welche mit Recht höchst ausgezeichnet zu nennen sind. –

Als Proben folgen: Luthersbuche (Teil 14 aus dem Epos Luther), Wartburg (Teil 15 aus dem Epos Luther, wurde später berühmt unter dem Titel Luther auf Wartburg. Canzone), Die Schwärmer (Teil 16 aus dem Epos Luther) und Verbum Dei manet in aeternum (Teil 24 aus dem Epos Luther). (174-178)

Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon. 9. Aufl. Leipzig (Brockhaus) 1843, 2. Band, S. 146/7

Bechstein (Ludwig), Hofrath und Bibliothekar des Herzogs von Sachsen-Meiningen, der Neffe des  Vorerwähnten (= Johann Matthäus B., sk), geb. am 24. Nov. 1801 im Meiningischen, widmete sich anfangs, sein Talent gänzlich verkennend und äußern Verhältnissen gehorchend, der Pharmacie und war längere Zeit Gehülfe in einer Apotheke in Arnstadt, bis er durch seine „Sonettenkränze“ (Arnstadt 1828) die Aufmerksamkeit des regierenden Herzogs Bernhard Erich Freund von/ Sachsen-Meiningen auf sich zog, der ihn in Stand setzte, in Leipzig Philosophie und Geschichte zu studiren und München zu besuchen. Im J.(ahre) 1831 wurde er Cabinetsbibliothekar des Herzogs und zugleich zweiter Bibliothekar der herzoglichen öffentlichen Bibliothek. In demselben Jahre gründete er den Hennebergischen alterthumsforschenden Verein, dessen Thätigkeit er mit großer Liebe und sehr erfreulichen Erfolgen leitete und der ihn wiederum zur Herausgabe des „Deutschen Museums für Geschichte, Literatur, Kunst und Alterthum „ (2 Bde., Jena 1842) veranlaßte. Hierauf wurde er 1833 erster Bibliothekar und 1841 zum Hofrath ernannt. B. ist ein fleißiger und ungemein in den verschiedensten Richtungen thätiger Schriftsteller, nur daß sein leichtflüssiges Talent der strengen Feile und seine literarische Wirksamkeit eines festen Mittelpunkts entbehrt. Daher ermangeln seine Productionen eines eigenthümlichen Charakters; doch machen sie im Allgemeinen einen anziehenden freundlichen Eindruck, namentlich bieten seine novellistischen Arbeiten mannichfachen Unterhaltungsstoff. Reinheit und Innigkeit der Empfindung, einfache Anmuth der Darstellung, Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne lassen sich bei ihm nirgend verkennen. Unter seinen Werken sind vorzugsweise zu nennen: (folgt Auswahl) Für das „Malerische und romantische Deutschland“ bearbeitete er die Section Thüringen, für die er, bei der gründlichen Kenntniß dieses interessanten Landestheils, vorzugsweise befähigt war.

Wigand’s Conversations-Lexikon. Für alle Stände. Von einer Gesellschaft deutscher Gelehrten bearbeitet. Leipzig (Otto Wigand) 1846. Zweiter Band, 165-167

Bechstein, Ludwig, einer unserer fruchtbarsten Dichter, wurde am 24. Nov. 1801 im Meiningischen geboren, und besuchte das Gymnasium in Meiningen. Er verließ dasselbe, um sich der Pharmacie zu widmen. Diese stille Beschäftigung, so hoffte er, würde seinem Wesen und seinem bisher nur bescheiden auftretenden Talente, das ihn nicht auf eine wissenschaftliche Laufbahn hinzuweisen schien, entsprechen. Aber bald fühlte er sich, als sein Wesen sich deutlicher ausprägte und sein Talent eine bestimmtere Richtung auf die Poesie erhielt, gedrückt. Doch vollendete er seine Lehrjahre zu Arnstadt, und trat als Gehilfe in eine Apotheke zu Salzungen. Da hatte er 1829 das seltene Glück, daß der Herzog von Meiningen, durch die Erstlinge seines Dichtertalents, die 1828 erschienenen „Sonettenkränze“, auf ihn aufmerksam gemacht, ihm die Mittel zu einer frei zu wählenden wissenschaftlichen Ausbildung gewährte. B. ließ die Apothekerbüchsen stehen, und ging frisch und frei nach Leipzig, und nach anderthalb Jahren, im Herbst 1830, noch für ein Jahr nach München. Er hörte geschichtliche und philosophische Collegien, und schwelgte in köstlicher Muße ion den Armen der Poesie. Als er 1831 nach Meiningen zurückkehrte, wurde er Kabinetsbibliothekar des Herzogs und bald darauf zweiter Bibliothekar der herzoglichen öffentlichen Bibliothek, welche Stelle er 1833 mit der eines ersten Bibliothekars vertauschte. Irren wir nicht, so konnte B. kein größeres Glück begegnen. Diese Stelle giebt ihm, ohne seine Zeit bedeutend in Anspruch zu nehmen, und ohne besondern Aufwand bibliographischer Kenntnisse und Mühseligkeiten zu erfordern, Gelegenheit und Veranlassung, sein zum größern Theile autodidaktisches Wissen zu ergänzen und zu erweitern,/ das bei dem verführerischen Mahnen des poetischen Talents leicht in Rückstand gerathen könnte, und bietet ihm, was noch wichtiger ist, die besten Mittel, in seinem Vaterlande immer einheimischer zu werden. Dazu fühlt er selbst den lebhaftesten Drang, und hat daher 1833 den henneberger alterthumsforschenden Verein gegründet. Dies zeigt auch zugleich, daß er sein Talent trotz aller Irrwege, die er in seiner literarischen Laufbahn betreten, doch richtig erkannte. Hier sind wir bei der Hauptbetrachtung angelangt, und haben hier sogleich von B.’s wichtigstem literarischen Werke zu sprechen. Stellen wir uns das schöne, romantische Thüringen vor, mit den Menschen und mit den Sagen, die darin leben, und bedenken wir B.’s entschieden zum Lyrischen hinneigendes Talent, seine Innigkeit, seine Einfachheit, wer konnte geeigneter sein, diese vaterländischen volksthümlichen Sagen in den Thälern aufzusuchen, dem Munde kindlicher Erzähler abzuhorchen und in alten Büchern nachzuschlagen, und einfach und rührend aufzuschreiben, daß wir es alle lesen können, wer als B.? Was konnte aber auch in der jetzigen Zeit, zu deren schönsten Zeichen es gehört, daß sie jene Schätze aus des Volkes Kindheit wieder werth zu halten gelernt hat, dankenswerther sein, als eine Sammlung gerade der reichen und schönen Sagen Thüringens? Dies ist B.’s Verdienst und entschieden das Hauptverdienst seiner bisherigen literarischen Thätigkeit. Das Werk, von dem 1838 der vierte Band erschienen ist, führt den Titel: „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes“ (Meiningen 1835–38) und ist einstimmig als gelungen bezeichnet worden. In dem letzten Bande hat er einige Sagen in der plattdeutschen Mundart des Volkes wiedergegeben. So ist es auch sehr erfreulich, daß die Section des „Malerischen und romantischen Deutschland“ (Lpz., G. Wigand), welche Thüringen behandelt, in B.’s Hände gegeben ist. Sie bildet die 3. Section des Werkes. Ueber B.’s übrige Werke können wir uns kürzer fassen. Es ist viel Unerfreuliches darunter, das nach Vielschreiberei schmeckt und von Verkennung des Talentes zeigt. B. hat ein schönes Talent, aber er ist kein Genie; als Dichter wird er, das ist unsere Ueberzeugung, immer nur untergeordnet bleiben. Es ist aber unrecht, seiner mißlungenen dichterischen Versuche wegen auf ihn zu schmähen und kürzere und längere Novellen, deren er schon als Apotheker mehrere für verschiedene Journale schrieb, historisch-romantische Gemälde und Dramen. Die  Dichtungen sind: […] (165/6, folgt weitgehend unkommentierte Aufzählung, sk).

Brockhaus Conversations-Lexikon 13. Aufl. Leipzig (Brockhaus) 1882, Bd 2, S. 666

Bechstein, Ludwig, deutscher Dichter und Schriftsteller, Neffe des vorigen (= Johann Matthäus B., sk), geb. 24. Nov. 1801 in Weimar, widmete sich anfangs der Pharmazie, erregte aber durch seine „Sonettenkränze“ (Arnstadt 1828) die Aufmerksamkeit des Herzogs Bernhard von Meiningen, der ihn in den Stand setzte, 1829 in Leipzig und München Philosophie, Litteratur und Geschichte zu studieren, und ihn hierauf 1831 zum Kabinettsbibliothekar und zugleich auch zum zweiten Bibliothekar der herzogl.(ichen) öffentlichen Bibliothek zu Meiningen ernannte. Im folgenden Jahre gründete B. den Altertumsforschenden Verein für Henneberg, der ihn zur Herausgabe des „Deutschen Museum für Geschichte, Litteratur, Kunst und Altertum“ (2 Bde., Jena 1842–43) veranlaßte. Seit 1833 erster Bibliothekar und seit 1840 Hofrat, starb er 14. Mai 1860 zu mMeiningen. Besondere Hervorhebung verdienen unter seinen dichterischen Werken: „Die Haimonskinder“ (Leipzig 1830), „Der Totentanz“ (Leipzig 1831, „Luther“ (Frankfurt 1834, „Gedichte“ (Frankfurt 1836) und das nachgelassene Epos „Thüringens Königshaus“ (Leipzig 1865). Am bekanntesten unter seinen zahlreichen, meist histor.(ischen) Romanen und Novellen sind wohl die vortrefflichen „Fahrten eines Musikanten“ (3 Bde., Schleusingen 1836–37; 2. Aufl., 2 Bde., Frankfurt 1854) geworden. Sonst sind zu nennen: „Das tolle Jahr zu Erfurt“ (3 Bde., Stuttgart 1833), „Der Fürstentag“ (2 Bde., Frankfurt 1834), „Grumbach“ (3 Bde., Hildburghausen, 1839), „Philidor, Erzählungen aus dem Leben eines Landgeistlichen“ (Gotha 1842),“Wollen und Werden; Deutschlands Burschenschaft und Burschenleben“ (2 Bde., Halle 1850), „Berthold der Student, oder: Deutschlands erste Burschenschaft. Romantisches Zeitbild“ (2 Bde., Nürnberg 1850), „Der Dunkelgraf“ (Frankfurt 1854). Ein großes Verdienst erwarb sich B. um die deutsche Sagen- und Märchenpoesie, namentlich um die seiner thüring.(ischen) Heimat. Auf diesem Gebiete veröffentlichte er „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes“ (4 Bde., Meiningen 1835–38), „Deutsches Märchenbuch“ (Leipzig 1845, 29. Aufl. 1879), „Neues deutsches Märchenbuch“ (Wien 1856, 43.  Aufl. 1882), „Mythe, Sage, Märchen und Fabel im Leben und Bewußtsein des deutschen Volks“ (3 Bde., Leipzig 1855), „Thüring.(isches) Sagenbuch“ (2 Bde., Wien 1858). Außerdem hat B. noch zahlreiche Schriften zur Geschichte und Topographie Thüringens sowie auch eine Prachtausgabe des Minnesängers Otto von Botenlauben (Leipzig 1845) und das altdeutsche Gedicht „Der Ring“ (Stuttgart 1851) veröffentlicht.

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  Impressum   Letzte Änderung: 03. März 2011