V o r l e s u n g e n
07.401 Ringvorlesung:
Mediale Mobilmachung. Das Dritte Reich und der Film (M)
(in Verbindung mit Sichttermin 07.424)
Koordination: Knut Hickethier, Harro Segeberg
2st. Di 18-20 Phil D Beginn: 22.10
Hinweis: Der zugehörige Sichttermin (siehe Vorl. Nr. 07.424) beginnt bereits am Montag, 21.10.!
Der nationalsozialistische 'Filmminister Goebbels' (F. Moeller 1998) hatte verfügt, daß Propaganda, die wirkt, "niemals als gewollt in Erscheinung treten" dürfe (5.3.1933), und die Forschung zum Film im Dritten Reich hat sich dementsprechend lange darauf verpflichten lassen, die von Goebbels verhängte Tarnkappe nationalsozialistischer Ideologieproduktion zu lüften. Im Medialen wurde Ideologisches wiedergefunden, wodurch die mediale Verwandlung des Ideologischen - mit viel Aufwand und Erfolg - ins Ideologische zurückübersetzt wurde.
Mediale Mobilmachung meint aber weit mehr als die filmische Veranschaulichung einer mehr oder weniger gut versteckten ideologischen Botschaft. Sie verlangt (so einer, der es wissen mußte), "zu elementaren Konfliktstellungen zu kommen, die mit den natürlichen Sinnen, den Augen und Ohren, ohne komplizierte Denkprozesse aufgenommen, das heißt unmittelbar erlebt werden können" (J. Goebbels 14./15.2.1941). In diesem Sinne sollte sogar Goebbels totaler Krieg am Ende ein Krieg sein, in dem man - so Goebbels - einzig für den "schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage, die wir durchleben" (17.4.1945), das eigene Leben noch einsetzt. Wir würden dies heute - mit unserem Medien-Schreckensmann Jean Beaudrillard - die mediale "Liquidierung aller Referentiale" nennen.
Die kritische Diskussion der These, daß im Dritten Reich ein vergleichbares Unternehmen vorerprobt wurde, kann nur dann gelingen, wenn beachtet wird, daß die Realität des Films im Dritten Reich neben dem Spielfilm den Dokumentarfilm, die Wochenschau, den Kulturfilm, den Unterrichtsfilm, den Werbefilm sowie den Trickfilm einschloß. Insofern kommt es darauf an, in einem ersten Schritt die hier jeweils verfolgten Strategien einer filmischen Realitätstransformation zu erhellen, um daraus dann in einem weiteren Schritt die Konturen einer das Zusammenwirken dieser Filmangebote regulierenden Programmästhetik abzuleiten; dazu sollen Filmvorführungen im "Metropolis"-Kino, die die Vorlesungsreihe begleiten werden, das notwendige Anschauungsmaterial bereitstellen. Und, neben den Erfolgen des Modells wäre weiter zu überprüfen, warum und worin es am wachsenden Selbstbewußtsein seines medial geschulten Publikums durchaus auch scheitern konnte. Der Goebbels-Frage "Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen?" (17.4.1945) mußte man ja keineswegs immer und überall zustimmen.
Kinoprogramm und Vorlesungsplan erscheinen im Vorlesungsverzeichnis des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg sowie als Aushang am "Schwarzen Brett".
07.270 Ringvorlesung:
Literarität und Digitalität. Zur Geschichte und Zukunft der Literatur
Koordination: Harro Segeberg, Simone Winko
2st. Mi 18-20 Phil D Beginn: 23.10.
Schwanengesänge sind publikumswirksam, Ankündigungen revolutionärer Umbrüche nicht minder. Beide 'Textsorten' prägen seit jeher das Bild der öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Literatur im Medien- Zeitalter: Obwohl trotz anderslautender Prophezeiungen die Gutenberg-Galaxie noch immer nicht am Ende ist, wird jetzt erneut das Sterben der Literatur eingeläutet. Dieses Mal sind es nicht der Film oder das Fernsehen, sondern es sind die ganz neuen Medien, die für ihr Verschwinden sorgen werden. Dem gegenüber stehen die seit den 1980ern wiederholten kulturrevolutionären Utopien, die in einer neuen Form digitaler Literatur, der Hyperfiction, die Befreiung von Beschränkungen durch das lineare Medium traditioneller Literatur feiern. Solchen pessimistischen und euphorischen Extremen setzen diejenigen, die mit Literatur und den neuen Medien arbeiten, in der Regel eine gelassenere und pragmatischere Sicht auf die Dinge entgegen. Ein solcher dritter Weg soll in dieser Vorlesung verfolgt werden: der Weg zukunftsorientierter Bestandsaufnahmen.
Welchen Status hat die Literatur (oder: haben die Literaturen) heute unter dem Vorzeichen des digitalen Mediums, und wie könnte ihre Zukunft aussehen? Antworten auf diese Fragen sollen in drei Bereichen gesucht werden.
1. Digitalisierte Literatur/Literatur im Internet:
Literatur, die als lineare entstanden ist und nachträglich digitalisiert wurde, ist für Literatur- und Medienwissenschaftler ebenso interessant, wie es die neuen Möglichkeiten sind, literaturbezogenes Wissen elektronisch zu präsentieren. Was sind virtuelle Bibliotheken, was elektronische Archive, und wie können sie sinnvoll genutzt werden? Welche auf Literatur bezogenen elektronischen Recherche-Möglichkeiten gibt es? Wird 'print on demand' die herkömmlichen, kostenintensiveren Publikationsformen ablösen? Welche Institutionen zur Förderung von Literatur gibt es im Internet?
2. Literatur als Hypertext:
Hypertext, als elektronische Textform, die an ein spezifisches Speichermedium, ein Lesegerät und an Lesesoftware gebunden ist und link-Struktur aufweist, wird seit den 1980ern verstärkt für literarische Produktionen verwendet. Ist mit den literarischen Hypertexten eine neue Präsentationsform von Literatur entstanden, ein weiteres literarisches Genre oder gar ein neuer Typ von Literatur? Wie wirkt sich diese Literatur auf die traditionelle lineare Literatur aus? Fordert das zunehmend starke multimediale Element in Hyperfictions eine Neubestimmung des Literaturbegriffs? Ist Hypertext-Literatur tatsächlich etwas 'ganz Neues' oder gibt es über zufällige Ähnlichkeiten hinausgehende literarische Vorläufer? In welchem Maße weicht die Interaktion, die von den Lesern/Usern der meisten Hyperfictions gefordert wird, von der Interaktion ab, die 'Normallesern' linearer Literatur im Prozeß der Textverarbeitung abverlangt wird? Was ist das Literarische an Computerspielen, vor allem Adventure Games?
3. Netzliteratur:
Literatur, die Hypertext-Struktur aufweist und für das Internet produziert wurde, bildet nicht nur angesichts der Verbreitung des WWW eine wichtige einige Forscher meinen: die zukunftsträchtigste Gruppe. Wie wirkt sich das Internet auf Form, Inhalt und Rezeption literarischer Texte aus? Welche literaturbezogene Wirkung haben die neuen Arten der vernetzten Literaturvermittlung, der vernetzten Kommunikation, die Reaktion in annähernder 'Echtzeit' ermöglicht und bereits eigene Stile ausgeprägt hat? Welche Arten literarischer Netz-Kommunikation gibt es überhaupt? Wie sieht es im WWW mit der Grenze zwischen 'facts' und 'fiction' aus?
Und schließlich: Welche Folgen ergeben sich aus diesen drei Bereichen für die Wissenschaft von der Literatur?
Den Vorlesungsplan finden Sie im Vorlesungsverzeichnis des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg sowie als Aushang zu Semesterbeginn.
07.271 Marianne Schuller:
Wahn. Theorie. Literatur (Teil II)
2st. Di 18-20 Phil A Beginn: 22.10.
Vorbemerkung: Die Vorlesung erstreckt sich über zwei Semester.
Am Ende seiner Analyse des Schreberschen Wahns schreibt Sigmund Freud: "Es bleibt der Zukunft überlassen, zu entscheiden, ob in der Theorie mehr Wahn enthalten ist, als ich möchte, oder in dem Wahn mehr Wahrheit, als andere heute glaublich finden." Wenn Freud die Frage nach der Grenze zwischen Theoriebildung und Wahn aufwirft, so kehrt diese im Hinblick auf die eigene Deutungsarbeit wieder: In seinem späten Text "Konstruktionen in der Analyse" heißt es: "Die Wahnbildungen der Kranken erscheinen mir als Äquivalente der Konstruktionen, die wir in den analytischen Behandlungen aufbauen."
Die in Rücksicht auf die eigene wissenschaftliche Arbeit aufgeworfene Frage nach der Entscheidbarkeit, bzw. Unentscheidbarkeit von Wissen und Wahn, von Wahrnehmung und Wahnnehmung, bildet den Ausgangspunkt der Vorlesung. Muß diese Frage in ihren epistemologischen, diskursiven, disziplinären und medialen Dimensionen entfaltet werden, so soll sie im Bereich der Klinik, der Philosophie, der Wissenschaftsgeschichte, der Politik sowie im Hinblick auf Literatur/Kunst/Medien zur Anwendung kommen.
Wenn in der Vorlesung die Frage nach der strukturellen Ähnlichkeit von Wahn und Wissen aufgeworfen wird, wird der Begriff der 'Konstruktion', bzw. 'Fiktion' zentral. Als Bildung von Theorie untersteht die 'Konstruktion' den formalen Forderungen nach Systematizität, Kohärenz sowie Ökonomie. Durch genau diese Erfordernisse ist aber auch der Wahn in seinen unterschiedlichen Schattierungen ausgezeichnet. Ob als totalisiertes Weltwissen (Schreber), ob als zur Magie sich schließende experimentelle Naturwissenschaft (Staudenmaier), ob als politischer Wahn (Carl Schmitt): stets handelt es sich um 'Konstruktionen/Fiktionen', die durch ihre Theoriehaftigkeit im Sinne von Systematizität, Kohärenz und Ökonomie imponieren.
Unterhält 'Fiktion' in der Bedeutung von 'eine Masse formen oder in einer Masse formen, gestalten, bilden, bildend schaffen' eine Nähe zur Kunst und zum Künstlichen, so ist, wie die Vorlesung zeigen will, auch Forschung ohne Fiktion nicht möglich.
Die Frage nach den Relationen von 'Wissen' und 'Wahn' muß sich einer Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse nach Freud und Lacan stellen. Mit Freuds Erfindung des Unbewußten wird ein dem Wissen inhärentes Nicht-Wissen artikuliert, das Lacan signifikantentheoretisch, d.h. in bezug auf den symbolischen Anderen reformuliert hat. Das hat Auswirkungen auf die Konzeptualisierung der Psychose. In dem Maße, wie die Psychose nach Lacan nicht durch Verdrängung, sondern durch Verwerfung ('forclusion') des symbolischen Anderen gekennzeichnet ist, kehrt das Verworfene im Realen wieder. Die Frage nach der Relation von Theorie - Wahn Politik soll anhand einer Lektüre von Carl Schmitt unter folgendem Gesichtspunkt entfaltet werden: Handelt es sich um eine paranoische Theorie und/oder kann sie für eine Theorie der Paranoia fruchtbar gemacht werden?
Im Herzen der Vorlesung steht die Frage, ob sich in der Moderne eine Literatur ausbildet, die einen irritierenden Bezug zum Wahn zu unterhalten scheint. Sind im Sommersemester 2002 Lektüren von von Texten Franz Kafkas, Kleists, sowie des berühmten Buches von Daniel Paul Schreber "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" vorgetragen worden, so soll im Wintersemester 2002/03 der Frage nach der Struktur der Psychose sowie nach deren Produktionen in Literatur und Kunst weiter nachgegangen werden.
Weder geht es um eine Austreibung des 'Wahns', noch um eine gelegentlich zu beobachtende theoretische Idealisierung von 'Wahn', sondern darum, Überschneidungen und Überblendungen von Wahn und Wissen und Kunst/Literatur zu rekonstruieren und als Herausforderung für Theoriebildungen, Wissenschaften, Politik und Kunst zu begreifen.
07.272 Ulrich Wergin:
Musik als Paradigma der Literatur
2st. Fr 15-17 Phil G Beginn: 25.10.
Die Musik ist seit jeher ein zentrales Motiv der Literatur gewesen. Spätestens seit der Frühromantik aber ist sie wesentlich mehr als nur ein Gegenstand oder ein Thema, rückt sie doch in die Rolle eines Paradigmas für die Gestaltung der Werke, nicht zuletzt aber auch der poetischen Sprache. Hier wird daher auch der historische Einsatzpunkt der Vorlesung liegen. Es soll also in einer ersten Phase um die Problemlogik gehen, die dazu führte, daß dem Musikalischen innerhalb der romantischen Literaturkonzeption eine Schlüsselrolle zugewiesen worden ist, ferner um die spezifischen Entwürfe und Bilder des Musikalischen, die sie hervorgetrieben hat, nicht zuletzt natürlich auch um die ästhetischen Prozesse, die mit den Reflexionen und Projekten in Verbindung gestanden haben.
Das bedeutet, daß die Thematik sowohl auf der theoretischen als auch auf der innerliterarischen Ebene zu verfolgen ist, wobei es gilt, beide so eng wie möglich miteinander zu verknüpfen. Was erstere betrifft, so können hier die Fragmente des Novalis, speziell "Das Allgemeine Brouillon" die Hauptachse bilden. Was die Seite der Dichtung angeht, so dürfte an folgenden Autoren kein Weg vorbeiführen: Wackenroder, Tieck (Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, Phantasien über die Kunst, Franz Sternbalds Wanderungen) und Novalis (Die Lehrlinge zu Sais). In welchem Ausmaß und in welcher Weise die Frühromantik der nachfolgenden Problemarbeit den Rahmen vorgegeben hat, wäre anschließend an exemplarisch ausgewählten Stationen der Geschichte einer musikalischen Poetik nachzuzeichnen. Den Anfang müßte man hier mit der kritischen Reflexion des frühromantischen Projekts in Kleists Erzählung "Die heilige Cäcilie" sowie in E.T.A. Hoffmans "Kreisleriana" machen. Von da aus wäre der Bogen zu Wagner (Oper und Drama, Die Meistersinger) und Nietzsche (Die Geburt der Tragödie, Zarathustra) zu schlagen, von wo dann wiederum die Linie bis zu Thomas Manns Roman "Doktor Faustus" auszuziehen wäre, der die in der Vorlesung behandelte Tradition unter das Vorzeichen der Zäsur, die der Nationalsozialismus bedeutet, gerückt hat, die eminenten heuristischen Potentiale von Adornos Philosophie für die Erschließung der darin steckenden Problemzusammenhänge ausschöpfend und so zugleich mittelbar auch unter Beweis stellend. Adornos Überlegungen zur Musikästhetik und zur musikalischen Poetik sollen daher auch den theoretischen Rahmen der Vorlesung abgeben. Zur Einarbeitung sind dabei zwei Aufsätze hilfreich: "Musik, Sprache und ihr Verhältnis im gegenwärtigen Komponieren", "Über einige Relationen zwischen Musik und Malerei" (Gesammelte Schriften, Bd. 16).
Literatur:
Th. W. Adorno: Philosophie der neuen Musik. Frankfurt a.M. 1958; C. Dahlhaus: Die Idee der absoluten Musik. München 1978; F. A. Kittler: Aufschreibesysteme 1800 &Mac215; 1900. 3. Aufl. München 1995; Chr. Lubkoll: Mythos Musik. Poetische Entwürfe des Musikalischen in der Literatur um 1800. Freiburg i.B. 1995; B. Menke: Prosopopoiia. Stimme und Text bei Brentano, Hoffmann, Kleist und Kafka. München 2000; B. Naumann: Musikalisches Ideeninstrument. Das Musikalische in Poetik und Sprachtheorie der Frühromantik. Stuttgart 1990.
07.273 Heinz Hillmann, Peter Hühn:
Europäische Lyrik von der Antike bis zur Gegenwart
2st. Do 16-18 Phil D Beginn: 24.10.
Ausgangspunkt und Bezugsrahmen des vergleichenden Überblicks über die europäische Lyrik, den diese Vorlesung vermitteln möchte, sind die deutsche und die englische Dichtung. Die beiden Veranstalter stellen jeweils in insgesamt vier Sitzungen (nicht direkt hintereinander, sondern über das Semester verteilt) die Entwicklung der deutschen bzw. der englischen Lyrik vom Beginn der Neuzeit bis zur Gegenwart dar. Diese beiden nationalen Reihen werden jedoch - darauf richtet sich der konzeptuelle Blick dieser Vorlesung - durch weitere europäische und außereuropäische Lyriktraditionen ergänzt und kontrastiert, und zwar jeweils in einer Sitzung. Im einzelnen handelt es sich hierbei um die lyrische Dichtung der römisch-griechischen Antike und des Alten Testaments sowie Rußlands und der spanisch-sprachigen Länder Südamerikas und schließlich, zum Kontrast und als Blick auf das Andere und Fremde, Chinas und des arabischen Kulturraums. Die Veranstaltungen sollen es somit ermöglichen, die europäische Lyrik in ihrer Vielfalt sowohl von innen als auch von außen zu betrachten.
Die Vorlesung ist so konzipiert, daß die Darstellungen jeweils anhand von konkreten Beispielen vorführen, mit welchen Gegenständen und Themen Gedichte sich beschäftigen und was sie eigentlich vermitteln - mit anderen Worten, welche Rolle Lyrik in der jeweiligen Epoche und/oder der jeweiligen Kultur übernimmt. Hierzu werden die Vortragenden immer wieder Kategorien nutzen, die für die Untersuchung von Erzählliteratur entwickelt wurden und sich dort praktisch gut bewährt haben. D. h. es wird danach gefragt, inwiefern die lyrischen Gedichte "Geschichten" erzählen und was für Geschichten sie erzählen, wer die Erzähler sind und worin sich diese Geschichten und ihre Erzählung von denen in Romanen und Prosaerzählungen unterscheiden. Die Einheitlichkeit dieser Kategorien erleichtert auch den Vergleich über die Kulturen und Epochen hinweg.
07.274 Ortrud Gutjahr:
Epochendiskurse vom Barock bis zur Gegenwart
1st. Fr 12-13 Phil A Beginn: 25.10.
Diese Vorlesung ist als Ergänzung meiner Einführungsveranstaltung konzipiert, kann aber selbstverständlich auch von Studierenden besucht werden, die nicht an der Einführung teilnehmen. Nach einer Einführung zu Formen und Verfahren der Literaturgeschichtsschreibung werden Kriterien der Epocheneinteilung vorgestellt. Ich werde dabei unterschiedliche Modelle der Literaturgeschichtsschreibung erläutern und meinen eigenen Ansatz, der von Epochendiskursen ausgeht, vorstellen. In jeder Stunde soll nach diesem Ansatz eine Epoche skizziert werden. Die Frage, wie sich ein literarischer Text literarhistorisch kontextualisieren lässt und unter welchen Fragestellungen die epochenspezifischen Einschreibungen in einem Text les- und deutbar werden, wird jeweils anhand eines Textbeispiels (Gedicht, Szene aus einem Drama oder Passage aus einem Prosatext) exemplarisch erläutert.
07.275 Günter Dammann:
Geschichte der neueren deutschen Literatur.
Teil II: 18. Jahrhundert
2st. Di 10-12 Phil A Beginn: 22.10.
Der zweite Teil der auf etwa acht Teile berechneten Vorlesungsreihe aus der Arbeitsstelle für Sozialgeschichte der Literatur wird sich einem entscheidenden Abschnitt im Formationsprozeß der Moderne widmen, der 'Aufklärung' einschließlich der mentalitätshistorisch besonders wirkungsmächtigen 'Empfindsamkeit'. Die Aufklärung als Epoche ist hinsichtlich ihrer Datierungsgrenzen diffuser als wohl alle anderen Epochen der (deutschen) Literaturgeschichte, die im übrigen ja oft über nicht-literarische, nämlich politische Markierungen konstituiert werden. Rechnet man den Paradigmenwechsel der Naturwissenschaften und die Philosophie des Rationalismus in die Frühgeschichte der Aufklärung, dann wird man den Beginn der Epoche weit ins 17. Jahrhundert zurückverlegen und sieht sich zugleich vor der Konsequenz, ihr Ende als offenes nehmen zu müssen. Aber selbst wenn man, was in der Vorlesung natürlich geschehen soll, von engeren literarhistorischen Strukturbezügen ausgeht und damit den Anfang in die Jahre um 1720 setzt, wird man zwar, was die im Sommersemester 2003 folgende Vorlesung übernimmt, 'Sturm und Drang', 'Weimarer Klassik' und 'Romantik' im halben Jahrhundert 1775-1825 anschließen können, aber doch zur Kenntnis nehmen müssen, daß etliche Protagonisten der (Spät-)Aufklärung weiterhin über eine beträchtliche publizistische Macht verfügen und daß etwa im Streit um die 'Symbolik' in den 1820er Jahren jedenfalls der Aufklärer den Sieg davonträgt. Das alles ist hier eher gesagt, um das Problembewußtsein offenzuhalten, nicht um die Leitlinie der Vorlesung anzukündigen. Die wird derjenigen ähnlich sein, die für den vorhergehenden Teil über die 'Barock'-Epoche gewählt wurde. Die Organisation des Materials erfolgt demnach entscheidend über die Gattungstrias. Eine einleitende Vorlesungsstunde soll einige sozialhistorische Orientierungen vermitteln. Der Einblick in die Literatur der Epoche wird wieder über längere und genauere Befassung mit exemplarischen Werken (und Autoren) gegeben. Einige problemorientierte Themenschwerpunkte ('Ende der Autorität', 'Verstellung und Aufrichtigkeit' u.ä.) sollen große Linien bündeln. Als neuere literaturgeschichtliche Gesamtdarstellungen bzw. Einführungen sind zu nennen Sven-Aage Jorgensen, Klaus Bohnen, Per Ohrgaard: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik. 1740-1789. München 1990 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart 6); Peter-André Alt: Aufklärung. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart, Weimar 1996.
07.276 Hans-Harald Müller:
Kurt Tucholsky
2st. DiMi 16-17 Phil B Beginn: 22.10.
Das Ziel der Vorlesung ist es, mit dem (meist nur in Pröbchen bekannten) Werk Tucholskys vertraut zu machen und es vor dem Hintergrund des Wilhelminischen Kaiserreichs, des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik zu charakterisieren.
Mit der Tucholsky-Biographie von Michael Hepp ist ein Forschungsstand erreicht, der es ermöglicht, das Werk Tucholskys im Kontext einer Mentalitätsgeschichte des Wilhelminischen Bildungsbürgertums zu untersuchen. Dabei geht es insbesondere darum, konstante Muster und wechselnde Einstellungen in Tucholskys Verhältnis zur Politik zu beschreiben und zu erklären. Tucholskys Prosa und Lyrik wird anhand von einschlägigen Beispielen betrachtet, die es gestatten, seine Einstellung zur literarischen Moderne und zur Literatur der Weimarer Republik genauer zu bestimmen.
Interessent(inn)en sei neben den verschiedenen Werkausgaben im Rowohlt-Verlag und den Briefbänden die Lektüre der Biographie von Michael Hepp (Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen. Rowohlt 1993 u.ö.) empfohlen.
07.277 Horst Ohde:
Literatur und Radio. Mediengeschichte in Beispielen
2st. Mi 10-12 Phil E Beginn: 30.10.
Was hat Literatur und ihre Geschichte mit dem Massenmedium Rundfunk zu tun? Welche Formen haben sich in der bald 80jährigen Geschichte entwickelt? An ausgewählten Beispielen von Radio-Produktionen von 1923 bis heute sollen die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen literarischer Produktion und dem Distributionsmedium Radio gezeigt werden. Daran lassen sich zugleich Konstanten und Veränderungen auf einem der wirkungsvollsten Öffentlichkeitsfelder des vorigen Jahrhunderts ablesen.
Ziel der Darstellung ist die mediengeschichtlich akzentuierte Bestimmung eines Begriffs der "Radioliteratur" und der spezifischen Öffentlichkeit, die sich dazu entwickelt hat. Gerade die Geschichte des Hörspiels (aber nicht nur diese) kann zeigen, wie das Radio Wahrnehmungsweisen und gesellschaftliche Funktion von Literatur beeinflußt und verändert hat und wie dies wiederum auf die literarische Produktion selber zurückgewirkt hat.
Weitere Hinweise s. Aushang am "Schwarzen Brett".
07.278 Harro Segeberg:
Film und Lektüre. Zum Crossover zwischen Literatur und Film (M)
(in Verbindung mit Sichttermin 07.355)
2st. Mo 11-13 Phil B Beginn: 21.10.
Ziel der Vorlesung ist es nicht, die Übertragbarkeit literaturwissenschaftlicher Interpretationsverfahren auf die Filmanalyse nachzuweisen. Statt dessen geht es darum, die Produktivität wechselseitiger Anregungen und Überkreuzungen anhand ausgewählter Beispiele darzulegen. Die Beispiele werden reichen von den ersten Filmen um 1900 bis zum Hollywood-Kino am Ausgang des 20. Jahrhunderts.
Die Vorlesung wird (voraussichtlich) wie folgt gegliedert sein: Einführung in den Problemkomplex 'Germanistik' und Film; Literatur im Zeitalter des (Vor-)Films; Text- und Filmbeispiele zur Geschichte literarischen und filmischen Sehens seit der Aufklärung; Film als 'Text'; Film-Zeichen/Lese-Zeichen; "Lebende Photographien" um 1895; Konstellationen der Kino-Debatte (1909-1913); Weimarer Kino als "Gesamtkunstwerk der Effekte" (S. Kracauer); Literatur im Film (u.a. Theodor Fontane, Friedrich Schiller); Literatur und Hollywood-Kino ("Speed" 1994; "Titanic" 1997).
Als Einführung und als vertiefende Begleitlektüre können hilfreich sein:
Sabine Groß: Lese-Zeichen. Kognition, Medium und Materialität im Leseprozeß (1994); Knut Hickethier: Film und Fernsehanalyse (1999, 2. Aufl.); Hans H. Hiebel, Heinz Hiebler (u.a.): Kleine Medienchronik (1997); dies.: Die Medien (1998); dies.: Große Medienchronik (1999); Wolfgang Jacobsen u.a.: Geschichte des deutschen Films (1993); James Monaco: Film verstehen. Kunst, Technik. Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Medien (Neuausgabe 1996); H. Segeberg (Hg.:) Mediengeschichte des Films, Teil I: Die Mobilisierung des Sehens (1996, 2. Aufl. 2000); Teil II (zus. mit Corinna Müller): Die Modellierung des Kinofilms (1998); Teil III: Die Perfektionierung des Scheins (1999).