
Universität - Fachbereich Sprachwissenschaften - Literaturwissenschaftliches Seminar - KVV Übersicht
Seminare Ic
07.229 Angelika Jacobs
Literaturwissenschaftliche Methoden
2st Do 9-11 Phil 1203 Beginn: 08.04.
Angesichts des in der Literaturwissenschaft herrschenden Methodenpluralismus möchte dieses Proseminar die Möglichkeit bieten, sich einen Überblick über gegenwärtig gebräuchliche Verfahren und deren historische Entwicklung zu verschaffen und damit ein Gespür für die theoretischen Implikationen und Voraussetzungen literaturwissenschaftlicher Interpretationspraxis zu entwickeln. In dieser Veranstaltung sollen, nach einem Einstieg in die Fachgeschichte der germanistischen Literaturwissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert, die neueren methodischen Ansätze präsentiert, erprobt und diskutiert werden. Als Ausgangspunkt eignen sich Modellanalysen, die einen Basistext aus unterschiedlichen Perspektiven wie Hermeneutik, Strukturalismus, Diskursanalyse, Literatursoziologie etc. untersuchen (s. den unten angegebenen Band von Wellbery, der durch weitere Verfahren ergänzt werden kann). Dabei sollen nicht nur bereits vorliegende Interpretationen auf ihr methodisches Prozedere hin untersucht und im Vergleich kritisch diskutiert werden; das Seminar möchte auch zum selbständigen methodischen Experimentieren anregen, das heißt, ausgewählte Verfahren können auf neue Texte übertragen und an ihnen erprobt werden.
vorbereitende Lektüre:
David E. Wellbery (Hg.), Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists Das Erdbeben in Chili, München 31993 (Kopiervorlage im Seminarordner)
Rainer Baasner/Maria Zens (Mitarb.), Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Eine Einführung, Berlin 1996
07 230 Anja Lemke
Heideggers Bedeutung für die Literaturtheorie
2st. Mo 12-14 Phil 1373 Beginn: 12.04.
Das Seminar will Heidegger auf seine Relevanz für die heutige Literaturtheorie hin befragen. Ausgangspunkt ist dabei der Umstand, daß Heideggers genuiner Beitrag zur Literaturkonzeption der Moderne, d.h. seine Hölderlin-Interpretationen, in der Forschung gemeinhin als prämodern gelten, umgekehrt aber mit der neueren Hermeneutik und der Dekonstruktion zwei moderne literaturtheoretische Ansätze in unterschiedlicher Weise auf Heideggers Denken bezug nehmen. Diesem Widerspruch zwischen Heideggers eigenen poetologischen Überlegungen und seiner Rolle als Bezugspunkt für die theoretische Auseinandersetzung mit Literatur soll im Seminar nachgegangen werden. Dabei konzentriert sich die Veranstaltung auf die detaillierte Lektüre zweier kunst- bzw. literaturtheoretischer Texte Heideggers, d.h. es handelt sich um einen einführenden Lektürekurs, dem es um eine erste Annäherung an die Heideggersche Begrifflichkeit und deren Anschließbarkeit an geläufigere Termini der neueren Literaturtheorie geht.
Den Einstieg bildet der Aufsatz über den Ursprung des Kunstwerks, da hier in relativ knapper Form der Grundriß des Kunstverständnisses entworfen wird, das für die Hölderlin-Interpretation leitend ist. Im Mittelpunkt steht dabei die Kennzeichnung des Kunstwerks als eines Streites zwischen Welt und Erde. Inwieweit werden hier klassische Kategorien der Ästhetik problematisiert und welche Anschlußmöglichkeiten an neuere zeichentheoretische Überlegungen bieten sich an?
Den Schwerpunkt des Seminars bildet im Anschluß an den Kunstwerkaufsatz Heideggers Vorlesung über Hölderlins Hymnen Germanien und der Rhein. Es geht dabei vor allem um die Frage nach dem Verhältnis von Antike und Moderne, das das Grundthema der Vorlesung bildet und ins Zentrum unserer Fragestellung weist. Wie charakterisiert Heidegger die Situation der Moderne und welche Rolle spricht er der Literatur innerhalb dieser Moderne zu, wenn er von der Dichtung als geschichtlicher Eröffnungs- und Sinnbildungsinstanz spricht? Es ist zu untersuchen, ob Heidegger hier die Deutungsleistung der Kunst überhöht, indem er ihr die Rolle einer sinnstiftenden Mitte innerhalb der Gesellschaft zuweist und damit einen Totalitätsanspruch wieder aufleben läßt, den die moderne Literatur in ihrem Wisse um Fiktionalität und Partialität gerade verabschiedet hat. Zur Beantwortung dieser Frage soll bei der Lektüre von Germanien und der Rhein vor allem der Rezeptionsaspekt im Auge behalten werden. Von zentralem Interesse ist dabei das Konzept der Stimmung und des Befremdens, das in der Germanienvorlesung entfaltet wird und dessen Gegenüber die Kategorie des Verstehens bildet, um die es in der Rheinvorlesung geht. Die beiden Momente der Stimmung und des Verstehens, die den Rezeptionsprozeß leiten, sollen abschließend in bezug gesetzt werden zu den zeichentheoretischen Momenten aus der Analyse des Kunstwerkaufsatzes. Zu fragen ist, ob sich auch auf der Rezipientenseite ein Spannungsfeld aufzeigen läßt, das dem inneren Streit des Kunstwerks entspricht und was eine solche Entsprechung für die Frage nach der Anwendbarkeit der Heideggerschen Theoreme auf moderne Literatur bedeutet.
Literatur zur Vorbereitung:
Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart: Reclam1990
Ders., Hölderlins Hymnen "Germanien" und "Der Rhein", GA 39, Frankfurt/M.1980
Günter Figal, Heidegger zur Einführung, Hamburg: Junius 1992
Christoph Menke, Die Souveränität der Kunst, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1991
07. 231 Barbara Naumann
Novellistik im europäischen Kontext
2st. Mi 9-11 Phil 1203 Beginn: 14.04.
Anhand der Formentwicklung der Novelle sollen grundlegende Aspekte einer allgemeinen Theorie des literarischen Erzählens diskutiert werden. Ausgehend vom tranditionsbildenden Erzählzyklus des Giovanni di Boccaccio, dem "Decamerone", werden die wesentlichen Problemstellungen und Orientierungen einer Poetik der Novelle vorgestellt. Zu den hier betrachteten Autoren sollen u. a. Goethe, Gotthelf, Stifter, Keller, Grillparzer, Maupassant und Henry James zählen.
Literatur zur Vorbereitung: Hannelore Schlaffer: Poetik der Novelle. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993. Giovanni di Boccaccio: Decamerone. it./dt., übers. und hrsg. von Peter Brockmeier. Stuttgart: Reclam (UB 8449), 1988. Johann Wolfgang Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Suttgart: Reclam (UB 6558). Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne. Stuttgart: Reclam (UB 6489), 1997. Dazu: Wolfgang Mieder (Hg.): Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam (UB 8161), 1991.
07.232 Horst Ohde
`Literatur ist autobiographisch oder sie ist keine`- Alfred Anderschs Kien-Geschichten
2st. Mi 18-20 Phil 1203 Beginn: 07.04.
Alfred Andersch (1914-1980) hat den `autobiographischen` Kien-Geschichten einen besonderen Rang innerhalb seines Werks zugesprochen wissen wollen. Sie begleiten und kontrapunktieren die gesamte Werkgeschichte dieses Autors, der sein Schreiben zwischen ästhetischer Anstrengung um eine Form modernen Realismus` und gesellschaftlichem Anspruch von `Empörung` gespannt gesehen hat. Von den frühen Skizzen bis zum ,Vater eines Mörders" wiederholt Alfred Andersch den Versuch, an der Figur Franz Kien Ereignis-Szenen als existentiellen Entscheidungsfokus im determinierenden Geschichtsfluß darzustellen. Die Texte zeigen darin ein repräsentatives Bild einer Intellektuellen-`Laufbahn` im zuendegehenden 20. Jahrhundert. Zugleich entfalten sie in einem mehr oder weniger verdeckten Netz von Intertextualitäten eine Rezeptionsgeschichte von Literatur und Medien dieser Jahre.
Roter Faden des Seminars soll der Versuch sein, Werkbiographie und Autorgeschichte entlang ausgewählter Texte `zusammenzulesen` und dabei einige neuere methodische Ansätze aus den Lagern der `Hermeneutiker` und der `Anti-Hermeneutiker` zu überprüfen. Wenn auch die Kien-Geschichten im Mittelpunkt genauer Textanalysen stehen, so sollen doch auch andere Texte aus dem Gesamtwerk des Autors einbezogen werden. Vor allem wird es darum gehen, die Geschichten und ihre Fiktionsgerüste vor dem zeitgeschichtlichen und biographischen Entstehungs-Hintergrund zu analysieren, um so den provozierenden Satz ,Literatur ist autobiographisch oder sie ist keine" in seiner schreibstrategischen Intention und Wirkung besser zu verstehen. `Autobiographisch` soll sich dabei als ein durch representatives Muster von literarischem Welt-und Lebensentwurf innerhalb der Geschichte der Bundesrepublik erweisen. Als Versuch zudem, die Vor-Geschichte dazu als Auseinandersetzung mit Vergangenheit und `Schuld` zu bearbeiten. Zum Franz-Kien-Zyklus gehören u.a. ,Alte Peripherie", ,Die Inseln unter dem Winde", ,Lin aus den Baracken", ,Brüder", ,Festschrift für Captain Fleischer", ,Vater eines Mörders".
Literaturhinweise:
Bogdal, Klaus-Michael (Hg.): Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. 1990.
Ders.(Hg.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. 1993.
Reinhardt, Stephan: Alfred Andersch. Eine Biographie. 1990.
Wehdeking, Volker: Alfred Andersch. 1983 (=Sammlung Metzler, Band 207).
07.233 Thomas Weitin
Intertextualität und Gewalt im Theater Heiner Müllers (T)
2st. Fr 13-15 Phil 1211 Beginn: 09.04.
Heiner Müller ist in seinen Arbeiten wie kein anderer Dramatiker ein Monteur gewesen. Unzählige intertextuelle Verweise sind in den Stücken verdichtet und bedeuten für den Leser stets eine große Herausforderung. Im Seminar wollen wir uns dieser Herausforderung stellen und Müllers intertextuelles Verfahren auf seine Funktionsmechanismen und Konsequenzen hin befragen. Offenkundig ist die Grenze zwischen Eigenem und Fremdem bei Müller porös. Genregrenzen verschwimmen. Und nicht zuletzt fällt auf, daß die Einverleibung fremden Materials einen gewaltsamen Zug besitzt. Der Zusammenhang zwischen Intertextualität und Gewalt steht deshalb im Mittelpunkt der im Seminar zu leistenden Auseinandersetzung. Es soll dabei vor allem um die Frage gehen, inwieweit Müllers Destruktion die Repräsentationspraxis des Theaters selbst verändert, wie diese Veränderungen sich beschreiben lassen und wohin sie führen. Mit dem Ziel eines adäquaten Zugangs zum 'Theorieleser Müller' wollen wir uns einige wichtige Begriffe und Denkfiguren der Repräsentationstheorie Jacques Derridas vergegenwärtigen, um sie anhand des Müllerschen Theaters zu erproben und ihr Erklärungspotential einzuschätzen.
Gegenstand des Seminars sollen die beiden zentralen und intertextuell am höchsten aufgeladenen Stücke Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei (1976) und Die Hamletmaschine (1977) sein. Von seiner Textgrundlage her nimmt das Seminar damit eine entscheidende Zäsur innerhalb des Müllerschen Werkzusammenhangs in den Blick: Mitte der siebziger Jahre verfaßt Müller mit der Verabschiedung des Lehrstücks einen Text, der nicht nur eine Abkehr von der an Brecht orientierten Theaterpraxis kenntlich macht, sondern zugleich einen grundsätzlichen Bruch mit der Tradition des dialogischen Figurentheaters initiiert. Ist das Gewaltkontinuum der Geschichte von Beginn an zentrales Thema der Stücke, richtet sich die Gewalt nun (auch) gegen die figurativen Voraussetzungen des Theaters selbst. In den um die Verabschiedung herum verfaßten Dramen Leben Gundlings und Die Hamletmaschine wird deutlich, wie diese (Selbst-)Destruktion das Theater verändert: Die Bühnenfiguren büßen ihre Identität als Handlungssubjekte ein, werden zu 'Zitiermaschinen' depraviert und sind Gegenstand eines fragmentierenden Verarbeitungsprozesses. Die Intertextualität dieses Prozesses dezentriert und veräußerlicht die entworfenen Figuren, was wiederum einen zunehmenden Verlust des Dialogs als der zentralen Struktur des Dramas evoziert. Ihren Höhepunkt findet diese Entwicklung in der Hamletmaschine, deren Figuren marionettenartig an 'intertextuellen Fäden' hängen und fast ausschließlich monologisieren.
Als theoretischer Orientierungsrahmen für die hinsichtlich der Problematik von Gewalt und Intertextualität sensible Analyse des Müllerschen Theaters soll die Repräsentationstheorie Derridas gelten, wie sie maßgeblich in der Grammatologie und der Postkarte dargelegt ist. Im Interesse der Leistbarkeit unseres Unternehmens wollen wir nicht 'Derrida an sich' verhandeln, sondern uns auf wesentliche Grundbegriffe (Supplement, Exteriorität, Bewegung in Trans-) und überschaubare Textabschnitte beschränken, die in Verbindung mit den beiden Stücken vom Seminar vorbereitet und diskutiert werden sollen. Theoretische Vorkenntnisse sind willkommen, aber keine notwendige Voraussetzung. Uni-Bluffer sind unerwünscht.
Zur Vorbereitung lesen Sie bitte die genannten Müller-Stücke (gern auch andere) und versuchen sich an den ersten beiden Kapiteln der Grammatologie. Eine wichtige Orientierung kann das Heiner Müller-Buch von Genia Schulz sein.
Literatur:
Jacques Derrida, Grammatologie, Ffm. 1994.
Ders., Die Postkarte, 2. Lieferung, Berlin 1987 (Abschnitt über 'Rezit' und 'Bewegung in Trans-', S. 135-153).
Heiner Müller, Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei, in: ders., Herzstück, Berlin 1994, S. 9-37.
Ders., Mauser, Berlin 1994.
Darin: - Die Hamletmaschine (S. 89-97)
Verabschiedung des Lehrstücks (S. 85)
Heinz Kimmerle, Derrida zur Einführung, Hamburg 1992.
Hans-Thies Lehmann, Raum-Zeit. Das Entgleiten der Geschichte in der Dramatik Heiner Müllers und im französischen Poststrukturalismus, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold, München 1982, Heft 73: Heiner Müller, S. 71-81.
Brunhild Neuland, "Arbeit an der Differenz" - Zu Heiner Müllers Dramaturgie von "Lessings Schlaf Traum Schrei", in: Krippendorf, Klaus (Hg.), Das zwanzigste Jahrhundert im Dialog mit dem Erbe, Jena 1990, S. 138-156.
Doris Perl, "A Document in Madness"?, Zu Heiner Müllers Umdeutung der klassischen Charaktere in der Hamletmaschine, in: Shakespeare Jahrbuch 1992, hrsg. von Günther Klotz, Weimar 1992, S. 157-170.
Genia Schulz, Abschied von morgen. Zu den Frauengestalten im Werk Heiner Müllers, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold, München 1982, Heft 73: Heiner Müller, S. 58-69.
Dies., Heiner Müller, Stuttgart 1980.
07.234 Mechthild Lange
Inszenierungsanalysen am Beispiel Hamburger Aufführungen (T)
2st. Di 16-18 Med.Zentr. Beginn: 06.04.
Es geht nicht um theoriegeleitete Inszenierungsanalysen aufgrund festgeschriebener Kriterien. Vielmehr soll aus der Anschauung heraus untersucht werden, wie sich die Bühnenversion eines Dramas zu dem Original verhält. Was haben der Regisseur und möglicherweise der Dramaturg und auch der Bühnenbildner verändert, wo setzen sie Akzente, in welcher Weise gewinnen sie der Spielvorlage neue oder ungewöhnliche Interpretationen ab? Und vor allem : Wie gestalten die Schauspieler Ihre Rollen?
Vorgesehen sind zwei Aufführungen des Thalia Theaters, William Shakespeare Der Kaufmann von Venedig (Premiere im April) und Ödön von Horváth Geschichten aus dem Wiener Wald (seit Oktober im Spielplan). Die Kenntnis der Stücktexte wird vorausgesetzt.
Videoaufzeichnungen anderer Inszenierungen sollen zum Vergleich herangezogen werden. Hierfür empfiehlt es sich, daß einige Sitzungen in Form von Block-Seminaren am Wochenende stattfinden.
Außerdem ist die Beschäftigung mit einem Marthaler-Projekt am Deutschen Schauspielhaus als Beispiel einer collagierten Textvorlage geplant - Premiere voraussichtlich im Februar. Mit Änderungen aufgrund der Theaterdispositionen muß gerechnet werden.
07.235 Joan Bleicher
Fernseherzählungen der neunziger Jahre. Fernsehfilme und Genres der
TV-Movies (M)
2st. Do 16-18 Med.Zentr. Beginn: 08.04.
Ökonomische Gründe führten in den sechziger Jahren im amerikanischen Fernsehen zur Erfindung einer Mischform zwischen Kino- und Fernsehnarration, dem Movie for Television. Erfolgsformate des Kinofilms wurden in das Fernsehen integriert. TV-Movies gelten als Geheimrezept der amerikanischer und deutscher Sendeanstalten, um einerseits Quoten zu erzielen, andererseits durch Programmereignisse etwas für das eigene Senderimage zu tun. In Amerika hat sich das Erfolgspotentials des damals neuen Genres erstmals 1978 gezeigt. Ein für das Fernsehen produzierter Film über das Leben von Elvis Presley hatte in direkter Konkurrenz zu "Gone With the Wind" und dem erstmals im Fernsehen gezeigten "Einer flog über das Kuckucksnest" die Quotennase vorn. Solche Erfolge führten zu verstärkten Plazierung dieses Genres. Mittlerweile hat sich in den amerikanischen Sendeanstalten ein breites Spektrum an TV-Movies-Genres herausgebildet, die auch Vorbild für deutsche Produktionen sind. TV Movies werden seit 1992 auch in Programmangebote kommmerzieller Anbieter integriert. In diesem Seminar sollen unterschiedliche Genres eigenproduzierter TV-Movies in ihrer spezifischen Erzählweise analysiert werden. Wo gibt es Unterschiede zum Kinofilm, wo zum klassischen Fernsehspiel der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten?
Geplante Sitzungen
8.4. Einführung, Organisation
15.4. Einführung in Formen und Geschichte des audiovisuellen Erzählens
22.4. Melodram
29.4. Die Krankheit der Woche
6.5. Literaturverfilmung
13.5. Thriller
20.5. Komödie
27.5. Schlagzeilenfilm
3.6. Frauen in Gefahr
10.6. Gerichtsdrama
17.6. Dokudrama
24.6. Mehrteiler
1.7. Remake
8.7. Roadmovie
15.7. Zusammenfassung
Literaturliste
Bleicher, Joan Kristin: TV-Movies - What's the Difference. In: epd Medien vom 5.4.1997. S.3-4.
Bleicher, Joan Kristin: Fernsehen als Mythos. Poetik eines narrativen Erkenntnissystems. Opladen 1999.
Edgerton, Gay: The American Made-for-TV Movie. In: Brian G. Rose (Hrsg.): TV Genres. A Handbook and Reference Guide. Westport 1985. S.151-180.
Hickethier, Knut: Das Fernsehspiel zwischen TV-Movie und Fernsehdramatik. Zur Situation einer Programmsparte Mitte der neunziger Jahre. In: Birgit Peulings, Rainer Maria Jacobs-Peulings (Hrsg.): Das Ende der Euphorie. Das deutsche Fernsehspiel nach der Einigung. Hamburg 1996. S.10-28.
Auszug aus der Sendungsliste: Ausgerechnet Zoé (ARD) - Der Stille Herr Gernardy (RTL 2.4.1997) - Vergewaltigt und andere Lügen (Pro Sieben 1996) - Buddies (SAT.1 1.4.1997) - Charleys Tante (SAT.1 1996) - Verfolgungsjagd - Mädchen auf der Autobahn (RTL 1998) - Der Fall Mc Martin (Pro Sieben 1998) - Der Amokläufer von Euskirchen (RTL) - Schlag weiter kleines Kinderherz (RTL)
07.236 Martin Schäfer
Literatur, Theorie und Politik: Einführung in Jean-Luc Nancy
2st. Do 13-15 Phil 1203 Beginn: 08.04.
Die Texte Jean-Luc Nancys sind im theoretischen Umfeld Jacques Derridas entstanden und haben seit den 70er Jahren die wandelnden Positionen Derridas beeinflußt, kritisiert und in einem eigenen Projekt überschritten. Die in den 80er Jahren aus den USA importierten Debatten um die mit Derrida identifizierte "Dekonstruktion" widmete sich zunächst deren Lektürestrategien und betonte die Literarizität philosophischer Texte wie überhaupt sämtlicher Zeichenverknüpfungen. Seit einer markanten Wende in der Ausrichtung von Derridas Texten werden mehr und mehr die Möglichkeiten einer "Politik" der "Dekonstruktion" diskutiert, wodurch die Frage nach dem Literaturbegriff der "Dekonstruktion" und dessen Tragweite in den Hintergrund tritt. Dabei wird kaum nach der Art des Bruches oder der Verbindung zwischen den beiden angeblichen Phasen der "Dekonstruktion" gefragt.
Verhältnismäßig wenig Beachtung finden in diesem Zusammenhang erstaunlicherweise die Texte Jean-Luc Nancys. Dabei waren es vor allem auch seine Arbeiten, die Anfang der 80er den `political turn` der "Dekonstruktion" auslösten und bis heute im Zeichen der Frage nach den Möglichkeiten von "Praxis" stehen. In dieser Bewegung rückt die Literatur jedoch nicht aus dem Blickfeld, sondern auf zweifache Art in den Mittelpunkt. Zum einen analysiert Nancy ein Grundmuster der Moderne, das den literarischen Akt als Schöpfung eines neuen Mythos politisiert und für Nancy in den Remythologisierungsversuch der Nationalsozialisten gipfelt. Nancy bringt diese Muster mit Theorie und Praxis moderner Subjektkonstitution insgesamt in Verbindung und sucht zu zeigen, wie dieser Sündenfall moderner Subjektivität an einem Widerstand innerhalb der Literatur scheitert: Literarizität "unterbricht" die Selbstermächtigung zur pseudomythischen Bedeutungsstiftung und richtet so die Subjektivität vor jeder Willensäußerung auf das Miteinander mit anderen aus.
Das Seminar soll eine Startmöglichkeit für die Bekanntschaft mit einem schwierigen Autor geben, richtet sich also nicht an Spezialisten. Die Relevanz der Texte Nancys für "literaturwissenschaftliches" Arbeiten soll in der Konfrontation mit literarischen Texten überprüft werden. So wird das Seminar Nancys Lektüre von Fragmenten der Frühromantiker nachvollziehen. Es wird überprüfen, inwieweit G oethes Märchen paradigmatisch für die von Nancy analysierte Tradition des sich selber generierenden Mythos steht. Das Seminar wird außerdem austesten, ob Nancys Kritik der Hermeneutik den Zugang zu Gedichten Paul Celans erleichtert, an welchen sich die hermeneutische Literaturwissenschaft bricht. Falls Zeit und Interesse reichen, ist die Konfrontation einer Arbeit Nancys zu Literatur und Körperlichkeit mit Elfriede Jelineks Roman Lust geplant.
Wir werden (Ausschnitte aus) folgende(n) Texte(n) von Jean Luc Nancy lesen (- wo keine deutsche Übersetzung vorliegt, bietet sich wahrscheinlich die englische Übersetzung an):
*Entstehung zur Gegenwart. in H. Nibbig (Hrsg.): Was heißt darstellen? edition suhrkamp 1669. Frankfurt a.M. 1994, S. 102-106.
*L`absolu littéraire, théorie de la littérature du romantisme allemand. (mit Philippe Lacoue-Labarthe) Paris 1978./ The Literary Absolute. The Theory of Literature in German Romanticism. Albany 1998.
*Le partage de voix. Paris 1982./ Sharing Voices. in: Ormiston, Gayle L. und Schrift, Alan D. (Hrsg.): Transforming the Hermeneutic Context. From Nietzsche to Nancy. New York 1990.
S. 211-259.
*Der unterbrochene Mythos. in: Die undarstellbare Gemeinschaft. Edition Patricia Schwarz. Stuttgart 1988. S. 93-148
*Corpus. Paris 1992./ Corpus in: The Birth to Presence. Stanford 1993, S. 189-207.
07.237 Jutta Rossellit
Feuilleton im Wandel. Aktuelle Aufgaben, Formen und Möglichkeiten des Kulturjournalismus (M)
2st. Mi 9-11 Phil 1350 Beginn: 07.04.
Der Kulturbereich, der den Alltag unserer Freizeitgesellschaft bis zu einem gewissen Grad prägt, verändert sich unübersehbar. Zwei Eckpunkte dieser Entwicklung: Die Zahl der Kinopaläste, die jeden Monat inGroß- und auch Mittelstädten eröffnet werden, ist hoch, weitere Großkinos befinden sich in der konkreten Planung. Die traditionelle Kultur dagegen verzeichnet seit längerem weder derartige Publikumszuwächse, noch stellt sie einen Investitionsbeeich dar. Im Gegenteil: Öffentlich finanzierte Kulturinstitutionen wie die etablierten Theater, Orchester, Ausstellungshäuser und Bibliotheken müssen empfindliche Mittelkürzungen verkraften oder werden, wie seit Anfang des Jahres 1999 in Hamburg die Museen, Stiftungen des Öffentlichen Rechts und kalkulieren ihre Gelder eigenverantwortlich, während im sogenannten alternativen Kulturbereich Schließungen zu verzeichnen sind.
Dieser divergenten Entwicklung tragen sowohl das Feuilleton als auch die anderen Formen des Kulturjournalismus in den Printmedien Rechnung - allerdings vor allem reaktiv: Anstatt die kulturelle Entwicklung als gesellschaftliche Erscheinung zu analysieren und ihr als Herausforderung zu begegnen, verliert die Kulturkritik an Profil. Die traditionellen Kulturthemen werden in den Hintergrund gedrängt, populären Themen gibt manRaum, das Service-Angebot steigt. Ist das publizistisches Konzept oder redaktionelle Hilflosigkeit?
Dies gilt es nachzuprüfen anhand wichtiger überregionaler Tageszeitungen und Zeitschriften. Aber auch regionale Zeitungen, Szeneblätter und Fachzeitschriften wie ,Theater heute" oder ,Musikexpress/Sounds" sollen auf ihren Kulturbegriff und seine journalistische Umsetzung untersucht werden. Die Lehrveranstaltung will auf diese Weise mehrere Ebenen zueinander inBeziehung setzen. An exemplarischen Texten thematisiert und analysiert, geht es um das aktuelle Selbstverständnis der Kulturkritik, um die gesellschaftspolitischen Implikate der Kritiken, um das Gesellschafts-, Menschen- und Publikumsbild. Die Ergebnisse sind zu systematisieren: einmal bezogen auf die jeweilige Sparte, zum anderen auf das jeweilige Printmedium und dessen Anspruch und Zielgruppe. Berücksichtigt werden muß dabei schließlich auch die Rolle des Autors in und zu seinem Text. Das Ergebnis des Seminars wird eine Teilantwort sein auf die Frage nach der Verantwortung, die der Medienmarkt innerhalb der Gesellschaft übernimmt.
Es ist vorgesehen, die Lehrveranstaltung mit einer Praxiseinheit abzurunden und eigene Kritiken zu verfassen und zu besprechen.
Für den Scheinerwerb wird neben der regelmäßigen Teilnahme ein Gruppenreferat sowie eine Hausarbeit erwartet.
Literatur zur Vorbereitung auf das Seminar:
Gunter Reus, Ressort: Feuilleton, Konstanz 1995
Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/New York 1993
Gernot Stegert, Filme rezensieren in Presse, Radio und Fernsehen, München 1993
Heinz-Helmut Lüger, Pressesprache, Tübingen 1995, 2. Auflage

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