Universität Hamburg Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft Logo Fachbereich 07 SLM
Universität Hamburg
  UHH : Fachbereich 07 SLM : IfG II : KVV WiSe 02/03   Suche  
verlinkter Unterpunkt (a)Seminare Ib im Anschluß an den Besuch eines Seminars Ia oder zur Einführung / Vertiefung in einem Schwerpunktstudium
verlinkter Unterpunkt b)Seminare Ib im Übergang zum Hauptstudium

S e m i n a r e   I b

Anmeldeverfahren für Seminare Ib

Am IfG II besteht im Bereich des Grundstudiums für die Seminare Ib ein Anmeldeverfahren zum Ende des jeweils vorangehenden Semesters. Als Richtlinie gilt eine Beschränkung auf 40 TeilnehmerInnen. Die Studierenden werden dringend gebeten, von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, sich für die - voraussichtlich stark nachgefragten - Veranstaltungen frühzeitig anzumelden.
Daher schon jetzt der Hinweis:
Das Anmeldeverfahren für die Seminare Ib im Sommersemester 2003 wird in der Zeit vom 03. bis 07. Februar 2003 durchgeführt werden.

Die Mitglieder des Lehrkörpers des IfG II werden an zwei Terminen in der letzten Vorlesungswoche des Wintersemesters 2002/03 (03. bis 07. Februar 2003) die Anmeldungen zu ihren Veranstaltungen entgegennehmen. Bitte beachten Sie die entsprechenden Aushänge am Institut für Germanistik II und die Hinweise im Internet.

In Fällen, in denen eine persönliche Anmeldung durch die Lehrenden nicht möglich sein wird, werden bei der Bibliotheksaufsicht des IfG II entsprechende Anmeldelisten ausgelegt. Freibleibende Plätze werden in der ersten Seminarsitzung im Sommersemester vergeben.

Die Anmeldung für Seminare Ib, die von Lehrbeauftragten durchgeführt werden, findet ausschließlich über Anmeldelisten statt. Diese Listen liegen vom 03. bis 07. Februar 2003 bei der Bibliotheksaufsicht des IfG II aus.

(a) Seminare Ib im Anschluß an den Besuch eines Seminars Ia oder zur Einführung/Vertiefung in einem Schwerpunktstudium


07.290 Simone Winko:
Barock. Aspekte einer Epoche
2st. Mi 12-14 Phil 1203 Beginn: 23.10.

Das Seminar soll einen Überblick über wichtige Themen und Texte der deutschsprachigen Literatur des 17. Jahrhunderts geben. Wie können wir heute sinnvoll mit den Texten umgehen, die durch Genieästhetik, Subjektautonomie und deren postmoderne Kritik von uns getrennt sind? 'Verständlich' werden die Texte vor allem dann, wenn wir sie in ihrem kulturgeschichtlichen Zusammenhang betrachten. Daher wollen wir im Seminar den einen Schwerpunkt auf die Rekonstruktion kulturhistorischer Sachverhalte, religiöser und philosophischer Debatten, auf zeitgenössische Musik und Bildende Kunst legen. Vor diesem Hintergrund sollen literarische Texte verschiedener Gattungen interpretiert werden. Gelesen werden Gedichte von Weckherlin, Fleming, Gerhardt, Gryphius, Logau, Hofmannswaldau u.a.; Daniel Casper v. Lohenstein: Sophonisbe (1680); Hans Jacob Christoffel v. Grimmelshausen: Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche (1670); sowie als wichtiger poetologischer Text Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey (1624). Die mit Titel genannten Texte sind bei Reclam erhältlich. Die Gedichte werden zu Seminarbeginn in Kopie verteilt.
Zur Einführung lesen Sie bitte: Dirk Niefanger: Barock. Stuttgart, Weimar 2000.
Teilnehmen können Sie, wenn Sie eine Textkenntnisklausur bestehen und im Seminar ein Kurzreferat übernehmen. Die Klausur bezieht sich nur auf das Drama und den Roman und wird in der ersten Seminarsitzung geschrieben. Einen Seminarschein erhalten Sie für das Verfassen einer Hausarbeit. Eine Literaturliste finden Sie zu Semesterbeginn unter: www.simonewinko.de

07.291 Christine Künzel:
Das dramatische Werk Heinrich von Kleists
2st. Mo 11-13 Phil 1331 Beginn: 21.10.

Das Seminar wird mit einem kurzen Einblick in die Dramentheorie beginnen, um das dramatische Werk Kleists literaturgeschichtlich und -wissenschaftlich entsprechend verorten zu können. Ziel des Seminars soll es sein, die Besonderheiten der Kleistschen Dramatik herauszuarbeiten: es gilt u.a., Formen der Kleistschen Sprachskepsis bzw. Sprachkritik nachzuspüren, die sich in den Dramen einerseits in den berühmten Interjektionen ("ach" etc.) und andererseits in einer ganz eigenen Performanz des Schweigens bemerkbar macht. Andere Texte Kleists – insbesondere "Über das Marionettentheater" – sollen herangezogen werden, um mögliche Ansätze einer Dramentheorie bzw. einer bestimmten Theaterprogrammatik zu entdecken. Ferner soll anhand der Einbeziehung älterer und aktueller Inszenierungen (evtl. durch einen gemeinsamen Theaterbesuch, aber auch durch Videoaufzeichnungen unterschiedlicher Inszenierungen) auch der Vorwurf überprüft werden, ob es sich bei Kleists Dramen vorwiegend um sogenannte "Lesedramen" handele, die für die Bühne nur bedingt geeignet seien. Auch bestimmte, in der Kleistschen Prosa angelegte Motive sollen in der Dramatik weiterverfolgt werden: Kritik an den Strukturen der Familie, an unterschiedlichen Formen und Strukturen von Gewalt in Form von Macht und Herrschaft (im Militär, im Recht, zwischen den Geschlechtern etc.). Die beiden von Kleist explizit aufeinander bezogenen Dramen "Penthesilea" und "Das Käthchen von Heilbronn..." (von Ruth Klüger als "die andere Hündin" gelesen) – von Kleist als "das Plus und Minus der Algebra" bezeichnet – entfalten den Geschlechterdiskurs auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Da es nicht möglich sein wird, alle Kleist-Dramen in einem Semester sinnvoll zu diskutieren, wird sich die Lektüre des Seminars auf die Dramen "Die Familie Schroffenstein", "Das Käthchen von Heilbronn", "Penthesilea", "Die Hermannsschlacht" und "Der zerbrochne Krug" beschränken.
Die einzelnen Seminarsitzungen sollen durch Arbeitsgruppen vorbereitet und unterstützt werden, die sich mit ganz bestimmten Aspekten eines Dramas bzw. mit einer Inszenierung auseinandersetzen.
Bedingung für die Teilnahme an diesem Seminar ist die Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe.
Ca. 4 Wochen vor Semesterbeginn wird im Geschäftszimmer eine Liste mit den Themen der Arbeitsgruppen ausliegen, in die sich interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer eintragen können.
Literatur:
Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe, Helmut Sembdner (Hg.), zweibändige Ausgabe in einem Band, München 2001 bzw. die Reclam-Ausgaben der jeweiligen Stücke.

07.292 Bettina Knauer:
Geselligkeit und Literatur: Novellistik im 19. Jahrhundert
2st. Mo 9-11 Phil 708 Beginn: 21.10.

Das 19. war ein Jahrhundert der Novelle. Was aber eigentlich eine Novelle sei, darüber ist man sich bis heute nicht einig. Mehrere Begriffe, darunter so berühmte wie die unerhörte Begebenheit (Goethe), der Wendepunkt (A. W. Schlegel, Tieck), der Falke (Heyse), sind von der Literaturwissenschaft erprobt worden, ohne daß eine verbindliche Definition daraus gewonnen werden konnte. Das Seminar gibt zunächst einen Überblick über die Theorien zur Novelle, um dann die Vorbildfunktion Boccaccios und Goethes für die Novellistik im 19. Jahrhundert zu beschreiben und davon ausgehend zwei divergente Linien resp. Problemkonstanten zu skizzieren:
(1) Bei der Orientierung am Novellenmodell Boccaccios bleibt besonders der durch den Novellenrahmen festgelegte konstitutive Geselligkeits- und Gesellschaftsbezug wichtig. Für die Novellistik zwischen Revolution und Restauration bedeutet dies eine der Prosa der bürgerlichen Verhältnisse entsprechende Neugestaltung des Rahmens. Die situativen (Rahmen)bedingungen des alteuropäischen Vorbildes müssen neu verortet werden, soll die Novelle ihren ursprünglichen gesellig-gesellschaftlichen und politischen Horizont nicht verlieren.
(2) Ausgehend von Goethes 'konservativer' Abwandlung (Volker Klotz) des alteuropäischen Novellenmodells in den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" entwickelt sich im 19. Jahrhundert ein Sonderbereich der Novelle: die Künstlernovelle, in der die Rahmengesellschaft eine nur noch rudimentäre Bedeutung erfüllt resp. allein auf das schöne Gespräch verwiesen ist. Genie, Isolation und Wahnsinn sind ein vorherrschender Themenbereich dieser Künstlernovellen.
An ausgewählten Texten wird beiden Entwicklungslinien nachgegangen. Die spannungsreiche Zusammenführung beider, die sich thematisch insbesondere auf die Interrelation von künstlerischem Ingenium und sozialer Welt konzentriert, werden wir an Werken E. T. A. Hoffmanns, Clemens Brentanos, Eduard Mörikes, Jeremias Gotthelfs u. a. untersuchen.
Das Seminar vermeidet strikt die Front, die mitunter zwischen historischer Betrachtung und normativ orientierter Auffassung in der Novellendiskussion bemerkbar ist. Detaillierte Textlektüre und Theorie sollen sich die Waage halten und den Teilnehmer/innen ermöglichen, auch bei so prominenten und oft interpretierten Texten eine eigene Fragestellung zu entwickeln.
Literatur:
Giovanni di Boccaccio, Decamerone. It./dt. übers. und hrsg. von Peter Brockmeier. Stuttgart 1988; J. W. von Goethe, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten; Achim von Arnim, Die Majoratsherren; Clemens Brentano, Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter; E. T. A. Hoffmann, Das öde Haus, Des Vetters Eckfenster; Ludwig Tieck, Des Lebens Überfluß; Eduard Mörike, Mozart auf der Reise nach Prag; Franz Grillparzer, Der arme Spielmann; Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne; Adalbert Stifter, Brigitta.
Zur Einführung wird empfohlen: Hannelore Schlaffer, Poetik der Novelle. Stuttgart, Weimar 1993.

07.293 Udo Köster:
Die "schöne Jüdin". Zu Struktur, Funktion und kulturellem Umfeld eines literarischen Typus im Vormärz
2st. Di 13-15 Phil 1373 Beginn: 22.10.

Habgierige Männer – faszinierende Frauen: Das Klischee bildet durchgängig den Hintergrund unseres Themas in Texten der "Biedermeierzeit". Aber das ethnische Klischee dient auch als Folie eines allgemeineren Diskurses über das sexuelle Begehren und seine gesellschaftliche Disziplinierung: Die vermeintlich nicht sozialisierte Fremde - "das Weib als solches, nichts als sein Geschlecht" (Grillparzer) – erscheint als Bedrohung und als verlockende Alternative zur eigenen Sozialisation, die als deformierend empfunden und kritisiert wird. Dabei ist das Fremde bedrohlich nicht, weil es fremd ist, sondern weil in ihm die unterdrückten eigenen Wünsche Gestalt annehmen.
Wilhelm Hauffs "Jud Süss", Gutzkows "Sadduzäer von Amsterdam", "Uriel Acosta" und "Wally, die Zweiflerin", "Grillparzers "Jüdin von Toledo", und Stifters "Abdias" zeigen die wichtigsten Varianten des Themas. In der Kultur der Berliner Salons finden wir den wichtigsten sozialen Bezugskontext.
Literaturhinweise:
Deborah Hertz: Die jüdischen Salons im alten Berlin, Frankfurt/M. 1991; Florian Krobb: Die schöne Jüdin. Jüdische Frauengestalten in der deutschsprachigen Erzählliteratur vom 17. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Tübingen 1993. [Conditio Judaica 4; Studien und Quellen zur deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte]

07.294 Joachim Schöberl:
Die Romane Karl Mays
2st. Di 14-16 Phil 708 Beginn: 22.10.

Das Seminar gilt dem Gesamtwerk Karl Mays, wobei freilich nicht daran gedacht ist, jeden der außerordentlich zahlreichen und in der Mehrzahl recht umfangreichen Texte, die dieser Autor veröffentlicht hat, zu berücksichtigen.
Die Lektürebasis wird eine sinnvolle Werkauswahl sein, die das Œuvre in seiner vollen Breite präsentiert. Dabei ist es wichtig, daß neben den allgemein bekannten, im Orient bzw. in Nordamerika angesiedelten Abenteuer- und Reiseromanen auch jene Texte Beachtung finden, die zeitlich vor und nach diesen 'Bestsellern' entstanden sind.
Hier wären als frühe Arbeiten des Autors die Lieferungswerke wie "Das Waldröschen" oder "Der verlorene Sohn" zu nennen, während für die späte, 'symbolische' Phase Texte wie "Im Reiche des silbernen Löwen", "Ardistan und Dschinnistan", "Und Friede auf Erden" und "Winnetou IV" repräsentativ sind.
Das Seminar wird anhand ausgewählter Romane zunächst das Repertoire konstitutiver thematischer und formaler Elemente erarbeiten, die Karl Mays Gesamtwerk in charakteristischer Weise prägen. Sodann geht es darum, das Phänomen einer nahezu ununterbrochenen "Hochkonjunktur" der Abenteuer- und Reiseromane seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart der Klärung zuzuführen.
Unter Einbeziehung der autobiographischen Abhandlung "Mein Leben und Streben" ("Ich") und der Wiener Rede, die vor allem im Zusammenhang mit den Rehabilitierungsversuchen des Autors vor der Öffentlichkeit zu werten ist, soll die Selbstdeutung Karl Mays einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Hier geht es besonders um die umstrittene These des "symbolischen" Abenteuerromans.
Diese Aspekte führen unmittelbar in das Umfeld der neueren Karl-May-Forschung, die deutliche Akzente auf das Spätwerk des Autors legt.
Nähere Erläuterungen zum Plan und zur Organisation des Seminars erfolgen in der ersten Sitzung am 22.10.2002.

07.295 Marianne Schuller:
Else Lasker-Schüler: Lyrik
2st. Do 9-11 Phil 1373 Beginn: 24.10.

Dieses Seminar ist nicht nur formal, sondern auch inhaltlich als Fortsetzungsseminar des Einführungskurses vom Sommersemester 2002 gedacht. Hatten wir uns im Einführungskurs mit der Prosa und der Dramatik von Else Lasker-Schüler beschäftigt, so wollen wir uns nun der Lyrik zuwenden.
Das Seminar verfolgt zwei grundsätzliche Zielsetzungen: Zum einen soll exemplarisch in die Interpretation lyrischer Texte eingeführt, zum anderen soll die Dichtungsweise Else Lasker-Schülers in ihrer Singularität herausgearbeitet werden.
Ein Reader, der ab 15. September im "ABC Copy Team" (Grindelhof 19) deponiert ist, wird den Grundbestand an Gedichten sowie an einführender Literatur enthalten.

07.296 Hans-Harald Müller:
Lyrik der Weimarer Republik
2st. Mo 16-18 Phil 708 Beginn: 21.10.

Das Seminar Ib stellt eine Fortsetzung des Ia-Seminars aus dem Sommersemester 2002 dar. Studierende, die hinzukommen wollen, sind willkommen, sie sollten sich entweder beim Seminarleiter oder bei Studierenden, die am Seminar Ia teilgenommen haben, über den Stoff des Sommersemesters informieren.
Die Auswahl der behandelten Autor(inn)en wird erst am Ende des Sommersemesters vorgenommen (Wünsche auch der hinzukommenden Studierenden können berücksichtigt werden), so daß ein genauerer Seminarplan erst in den Semesterferien ausgehängt werden kann. Im Zentrum des Seminars dürfte eine Anzahl klassischer Autor(inn)en der Moderne von Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und Naturlyrik stehen.
Neben der Lyrikanalyse wird die Konzeption und Anfertigung von Hausarbeiten geübt.
Zur Lektüre sei empfohlen:
Deutsche Gedichte zwischen 1918 und 1933. In Zusammenarbeit mit Ingrid Kreuzer herausgegeben von Helmut Kreuzer. Stuttgart: Reclam 1999; Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: Metzler 21997.

07.297 Theresia Birkenhauer:
Dramaturgie exemplarisch: "Ariadne auf Naxos" im Fokus zeitgenössischer Inszenierungspraxis (T)
2st. Mi 16-18 Phil 1331 Beginn: 23.10.

Was genau meint dramaturgische Arbeit? Welche Ansprüche verbinden sich mit der dramaturgischen Funktion? Was unterscheidet das Lesen eines Textes von einer dramaturgischen Analyse? - diesen Fragen, die sich nicht allgemein und generalisierend beantworten lassen, soll in der Analyse eines Werks nachgegangen werden, das selbst eine äußerst verdichtete Auseinandersetzung mit den Dramaturgien heterogener Genres und Theatertraditionen ist: der Oper von Strauss/Hofmannsthal "Ariadne auf Naxos" (1912/1916). Aufgespannt zwischen Melodram und Commedia dell' Arte, lyrischem Drama und klassischer Komödie, gemessener Deklamation und körperlichem Spiel, hoher Dichtung und musikalischer Unterhaltung, ist die Zumutung, die die Verknüpfung der Gattungen, der Figuren, der Stile, der Ausdrucksmittel und der Diktionen bedeutet, nicht nur Thema dieses Werks, sie prägt ebenso dessen Form. Und eben dies ist eine der Herausforderungen, die auch gegenwärtig mit dieser Oper verbunden ist, findet sich hier doch nahezu das gesamte Repertoire der Oppositionen, in denen die Geschichte der Kunst geordnet wurde: die des Tragischen und des Komischen, des Ernsten und des Unterhaltenden, des Seriösen und des Trivialen, des Elitären und des Populären.
Aufgabe des Seminars ist es, die komplexe Struktur dieses Werks zu lesen, sie theaterhistorisch zu situieren, ihre vielfältigen Bezüge zu entfalten und dabei Kategorien dramaturgischer Analyse zu entwickeln. Dies betrifft sowohl die komplizierte Entstehungsgeschichte wie die Rezeption des Werks auf der Bühne. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Interpretationen, die in zeitgenössichen Inszenierungen dieser Oper zum Ausdruck kommen. Geplant sind darüber hinaus Gespräche mit Regisseuren und Dramaturgen, die sich aktuell mit "Ariadne auf Naxos" beschäftigen.
Zur Vorbereitung:
Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke, Bd. XXIV, Operndichtungen 2, Hg. von Manfred Hoppe, Frankfurt/M. 1985, (ausführliche Erläuterungen); Hugo von Hofmannsthal, Gesammelte Werke, Dramen V: Operndichtungen, Hg. von Bernd Schoeller, Frankfurt/M. 1979 (Fischer TB 2163); Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal: Briefwechsel. Gesamtausgabe. Hg. von Willi Schuh. 5. erg. Aufl. Zürich, Frankfurt 1978; Hermann Broch: Hofmannsthal und seine Zeit, in: ders.: Schriften zur Literatur 1, Frankfurt/M. 1975 (st 246).

07.298 Kathrin Tiedemann:
Publikumspartizipation und Interaktion im zeitgenössischen Theater (T)
2st. Mo 18-20 Phil 708 und Blockseminare Beginn: 21.10.

"In den vergangenen 50 Jahren wurde die Entwicklung innerhalb der ästhetischen Praxis ausschließlich von dem Künstler als Produzenten bestimmt. In den nächsten 50 Jahren wird nach Ansicht von Bazon Brock die Geschichte der ästhetischen Praxis von der Rezeption bestimmt, von Rezeptionbetreibenden, vom jetzigen Betrachter, Zuschauer, Zeugen, Mitspieler usw." (Bazon Brock: Für den Ernstfall – Spielanleitungen zur Lebensinszenierung, 1967. In: Ders. Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten. Köln 1977.)
Das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum war einer der zentralen Aspekte der Theaterreformen am Beginn des 20. Jahrhunderts und in den 60er Jahren. Die Aktivierung und Beteiligung des Publikums bezweckte die Transformation des Verhältnisses zwischen Produzenten und Rezipienten in dessen traditioneller Variante der Werk-Betrachter-Beziehung. Es ging um Selbstkritik der Kunst und um die Infragestellung des Autors.
Erwin Piscator beispielsweise entwarf Ende der 20er Jahre das Modell eines "Totaltheaters", das die Aufhebung der traditionellen Aufteilung in Bühne, Parkett, Ränge und Logen vorsah, so dass es möglich sein sollte, rund um den Zuschauerraum zu spielen. Jerzy Grotowski machte die Beziehung zwischen Bühne und Publikum zum Schwerpunkt seiner Theaterarbeit, indem er das Publikum inmitten des dramatischen Geschehens platzierte. Bertolt Brechts Lehrstück-Theorie verneinte das Vorhandensein des Zuschauers, indem sie alle bei der Aufführung anwesenden Personen als Spieler betrachtete.
Die Aktionskunst der 50er und 60er Jahre verband mit der Partizipation der Zuschauer als Akteure den Anspruch auf eine Demokratisierung der Kunst und die Forderung nach Entgrenzung von Kunst in Leben. Verbunden mit geringerem politischen Gehalt, geht es um spielerische und/oder didaktische, wahrnehmungs- und bewusstseinsveränderte Ansprüche. Im zeitgenössischen Tanz und Theater erhält die Infragestellung der Kommunikationsstrukturen häufig in Abgrenzung zu und/oder unter Bezug auf Modelle der Interaktion in den neuen Medien eine erneute Aktualität.
Das Seminar wird den Versuch unternehmen, ausgehend von aktuellen Inszenierungsbeispielen heutige Modelle der Publikumspartizipation und Interaktion zwischen Darstellern und Zuschauern zu beschreiben und im theaterhistorischen und -theoretischen Kontext kritisch zu betrachten.
Von den Seminarteilnehmern wird die Bereitschaft zum gemeinsamen Theaterbesuch und die Übernahme eines Referats (mit schriftlicher Ausarbeitung) erwartet. Eine ausführliche Vorstellung des Seminarplans erfolgt zum Beginn des Semesters: 21.10., 18:00 bis 20:00 Uhr.
Literatur zur Einführung:
Manfred Brauneck: Theater im 20. Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden, Reformmodelle. Reinbek bei Hamburg, 1986 [rowohlts enzyklopädie 433]; Walter Benjamin: "Der Autor als Produzent", in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. II. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991.

07.404 Christian Maintz:
Filmanalyse (M)
2st. Mo 10-12 Med.Zentr. Beginn: 21.10.

Ziel des Seminars ist die Vermittlung (bzw. Erweiterung oder Auffrischung) elementarer Basiskenntnisse im analytischen Umgang mit bewegten Bildern – und damit eine Vorbereitung auf die filmwissenschaftliche Arbeit in Hauptseminaren. Die verschiedenen Gestaltungskomponenten bzw. "Codes" des Films (Dramaturgie, Mise en scéne, Kameraarbeit, Montage, Licht, Raum, Musik etc.) sollen jeweils ausführlich erörtert, ihr strukturfunktionales Bedeutungsspektrum anhand ausgewählter Filmsequenzen demonstriert werden. Im Mittelpunkt wird dabei die Frage nach den Spezifika audiovisuellen Erzählens stehen; zudem will das Seminar auch Einblicke in filmhistorische Zusammenhänge vermitteln (filmische 'Stilepochen', Genese einzelner Genres, filmtechnische Entwicklungen etc.).
Hauptarbeitsform des Seminars wird die durch Kurzreferate ergänzte Plenumsdiskussion sein. Arbeitskopien der wichtigsten behandelten Filme können im Büro des Medienzentrums entliehen werden. Zeitplan und Bibliographie sind dem Seminarordner zu entnehmen, der kurz vor Semesterbeginn im Copy-shop "Copy Team" (Grindelhof 19) bereitstehen wird. Als vorbereitende Lektüre empfehle ich Knut Hickethiers "Film- und Fernsehanalyse" (Stuttgart/Weimar 2001; Sammlung Metzler Bd. 277; das Buch ist im Geschäftszimmer Medienkultur, Phil 412, zu erwerben).

07.406 Oliver Möbert:
Im Labyrinth der "Stoffe": Intermedialität und Variation bei
Friedrich Dürrenmatt (M)
(in Verbindung mit Sichttermin 07.426)
2st. Mi 12-14 Med.Zentr. Beginn: 23.10.

Das Multitalent Friedrich Dürrenmatt war ein Maler und Zeichner von skurril-makabren Bildern, ein fesselnder Erzähler, ein naturwissenschaftlich fundierter Essayist, und er hat neunzehn Bühnenstücke geschrieben. Sein Weltruhm aber beruht auf vier Komödien: "Die Ehe des Herrn Mississippi", "Der Besuch der alten Dame", "Die Physiker" und "Der Meteor". Jedem dieser Stücke liegt eine höchst originelle Idee zugrunde, die das Ergebnis von Theaterpraxis und Welt-Anschauung ist. In Dürrenmatts Theater steht die Welt auf dem Kopf. Er führt seinem Publikum und seinen Lesern ihren sukzessiven Zusammenbruch vor, mit einem schaurigen Humor und Witz. Sein Werk: Apokalyptische Visionen in verschiedensten Abarten und Ausgestaltungen.
Darüber hinaus verfaßt Dürrenmatt Film-Treatments und Drehbücher, schreibt Hörspiele. In den 50er Jahren legt er sich dann eine Gewohnheit zu, die für ihn bestimmend wird. Halbfertiges, vermeintlich oder tatsächlich Mißratenes, aber auch bereits Veröffentlichtes wird teils wiederholt umgearbeitet und mit neuen Schlüssen versehen; teils wird es vernichtet oder kommt für Jahrzehnte ins Archiv. Dieses oder jenes bleibt schließlich in Fassungen bestehen, die voneinander abweichen. Schon 1955 entsteht beispielsweise "Die Panne" zunächst als Hörspiel. Im Jahr darauf erscheint sie, mit einem ganz anderen Schluß, auch als Erzählung und wächst sich sehr viel später, Ende der 70er Jahre, noch zum Stück aus. Fast zur gleichen Zeit nimmt "Grieche sucht Griechin" erste Gestalt an, der 1955 als Roman mit zwei Schlüssen herauskommt: Auf ein "Ende I" folgt ein "Ende II", das 'für Leihbibliotheken' gedacht ist. Das Theater erfährt eine ähnliche Behandlung wie die Prosa. So wird nur vier Jahre nach der Premiere, 1956, "Die Ehe des Herrn Mississippi" revidiert.
Was aus dieser Übung erwächst, ist der Hang, den Stoffen so etwas wie ein Eigenleben zu verleihen (oder zu gewähren): um nicht von einer Biographie zu reden, die ihnen zukäme. Dürrenmatt selbst hat es immer abgelehnt, sein eigenes Leben zu beschreiben: "Ich habe keine Biographie." Und die sollen auch seine Werke nicht besitzen dürfen.
Im Seminar soll am Beispiel der erwähnten und auch weiterer Werke exemplarisch dargestellt werden, wie Dürrenmatt denselben Stoff zeitgleich für verschiedene Medien entwickelt, denselben Stoff später für ein anderes Medium bearbeitet oder denselben Stoff mit zeitlichem Abstand erneut aufgreift und ohne Medienwechsel verändert.
Neben einem tieferen Verständnis des bedeutenden deutschsprachigen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts und seines Weltbildes sowie seiner spezifischen Rezeption und Transformation des Weltgeschehens stellt vor allem auch das Erfassen von bei Dürrenmatt stattfindenden literarischen Prozessen ein entscheidendes Seminarziel dar. Es wird zu untersuchen sein, wie sich der Umstand, eine Geschichte bereits bis zu ihrem Ende durchdacht und fixiert zu haben, auf nachfolgende Ausgestaltungen desselben Stoffes auswirkt. Und es wird diskutiert werden, wie diese neuerliche Ausgestaltung des altbekannten Textes durch einen Medienwechsel sinnvoll unterstützt werden kann bzw. einen Medienwechsel überhaupt erst nötig macht.
Von den Seminarteilnehmern wird zu Seminarbeginn die Kenntnis der Dürrenmatt-Biografie von Heinrich Goertz (Rowohlts Monographien 380) erwartet. Eine vorausgehende Lektüre der Hauptwerke Dürrenmatts ist sicherlich sinnvoll. Kenntnisse der Film- und Fernsehanalyse wären wünschenswert, stellen aber keine Voraussetzung für die Seminarteilnahme dar.

07.409 Hans-Ulrich Wagner:
Rundfunk und Literatur 1945-1960. Anhand ausgewählter Beispiele
aus der NWDR-Hörfunkgeschichte (M)
2st. Mo 12-14 Med.Zentr. Beginn: 21.10.

Die Rolle des Rundfunks als Produzent und als Vermittler von Literatur ist speziell in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kaum zu überschätzen. Speziell der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) als der größte Sender in Deutschland konnte eine Vielzahl von namhaften Schriftstellern für sein Programm gewinnen.
Im Seminar soll anhand ausgewählter Beispiele aus der norddeutschen Rundfunkgeschichte den vielfältigen Beziehungen von Radio und Literatur nachgegangen werden, von politisch umkämpfter Institution und künstlerischem Anliegen, von technischem Medium und literarischer Kreativität. Dazu werden rundfunkliterarische Arbeiten u.a. der Autoren Wolfgang Borchert, Günter Eich, Fred von Hoerschelmann, Ernst Schnabel und Siegfried Lenz analysiert, indem Strategien im Umgang der Schriftsteller mit dem Rundfunk aufgezeigt sowie Fragen des Medienwechsels behandelt werden. Fragestellungen wie die nach den finanziellen Aspekten des Schreibens für den Hörfunk werden ebenso zur Sprache kommen wie die nach der Rolle des Rundfunks im literarischen Feld der Nachkriegszeit.
In den Referaten, die sich gelegentlich auch auf ungedrucktes Archivmaterial werden stützen müssen, kann so gleichzeitig methodische Vielfalt eingeübt werden, die philologische, literaturwissenschaftlich-hermeneutische, zeitgeschichtliche und rundfunkhistorische Aspekte berücksichtigt.
Zur Lektüre empfohlen:
Immer noch anregend zum Einstieg ist der Aufsatz von Reinhard Döhl: Hörspielphilologie? In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 26 (1982), 489-511.

(b) Seminare Ib im Übergang zum Hauptstudium



07.305 Hans-Gerd Winter:
Autobiographie und Roman
2st. Mo 14-16 Phil 1373 Beginn: 21.10.

Die Autobiographie gilt als ein Zwitter: zum einen verspricht sie Einblicke in wirklich gelebtes Leben, zum anderen ist sie eine Konstruktion aus subjektiver Perspektive. Sie wird geprägt durch die Spannung einer doppelten Perspektive, da der Autor oder die Autorin Subjekt und Objekt der Darstellung ist. Die von der Autobiographie beanspruchte "Glaubwürdigkeit" kann trügen, da historische Wahrheit und subjektive Wahrheit kollidieren können; allein schon auf Grund der Orientierung an der letzteren enthalten autobiographische Texte fiktionale Elemente; man kann auch einen Schritt weiter gehen und sagen, sie seien insgesamt Fiktionen. Damit nähern sich die Autobiographie und der Roman an, bei dem Fiktionalität vorausgesetzt wird. Dies ergab sich schon in der ersten großen Blütezeit der Autobiographie, im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung. Es gilt aber auch für unsere Gegenwart. Heute sind Lebensbericht und Roman oft nicht zu unterscheiden; sie werden bewusst vermischt zu "Autofiktionen". Dabei spielt eine Rolle, dass die Erfahrungen des Autors ohnehin häufig das wichtigste Material für seine literarischen Konstruktionen darstellen. In der Eingangsphase des Seminars sollen auf der Basis einschlägiger Texte der Forschung Probleme der Gattung und Schreibweise angesprochen werden wie deren Zuordnung zu hermeneutischen Konzepten des "Lebens", die Kriterien von "Wahrheit" und "Wahrhaftigkeit", das autobiographische Gedächtnis, die Autobiographie als Konstruktion von Lebensgeschichte, die problematische Präsentation des Ich, der Rekurs auf bestimmte Leseerwartungen. Dabei geht es immer auch um die Nähe und die Abgrenzung zum Roman. Anschließend sollen die erarbeiteten Fragestellungen an Beispieltexten diskutiert werden. Hierbei handelt es sich um autobiographische Texte von Schriftstellern, die einen Ausschnitt aus dem eigenen Entwicklungsprozeß mit der Darstellung einer (unterschiedlich begründeten) Außenseiterproblematik verbinden. Im Vordergrund steht zunächst die Erneuerung der Autobiographie im Zeitalter der Aufklärung aus einem neuen Bewußtsein von Subjektivität heraus. Dieses Interesse wird diskutiert am Beispiel von Karl Philipp Moritz' Projekt einer "Erfahrungsseelenkunde". Als Beispieltext soll Moritz' "Anton Reiser" (1785-90) analysiert werden, bei dem sich auch die Frage nach der Zuordnung zu Roman und/oder Autobiographie stellt. Dem "autobiographischen Roman" in der Gegenwart soll am Beispiel von Georges Arthur Goldschmidts Erzählung "Ein Garten in Deutschland" (1988) nachgegangen werden, die Goldschmidts Autobiographie "Über die Flüsse" (2001) gegenübergestellt werden soll. Dabei geht es um die unterschiedliche Konstruktion "gleicher" Lebenserfahrung. Abschließend wird Thomas Bernhards autobiographischer Text "Der Atem" (1978) einbezogen.
Literatur:
Martina Wagner-Egelhaaf: Autobiographie. Stuttgart, Weimar: Metzler 2000.

07.306 Günter Dammann:
Komödien der Aufklärung
2st. Mi 10-12 Phil 708 Beginn: 23.10.

Dieses Seminar wird für alle angeboten, die einen konzentrierten Einblick in die Literatur des 18. Jahrhunderts gewinnen möchten. Nicht ganz so berühmt wie die benachbarte Gattung des Trauerspiels in Aufklärung und Sturm und Drang, kann die Komödie doch auch mit dem einen oder anderen bekannten Namen aufwarten. Unter den vorgesehenen Stücken sind bei Reclam greifbar L. A. V. Gottsched: Die Pietisterey im Fischbein-Rocke (UB 8579), Ch. F. Gellert: Die zärtlichen Schwestern (UB 8973) und G. E. Lessing: Minna von Barnhelm (UB 10). Diese Werke sollten zu Seminarbeginn auf jeden Fall gelesen sein. Über weitere Autoren bzw. Titel müßte ich, auch nach Prüfung der Beschaffungsmöglichkeiten für Kopiervorlagen, in den kommenden Wochen entscheiden. In der engeren Wahl sind noch J. U. König, Th. J. Quistorp, Ch. F. Weiße, Ph. Hafner und J. K. Wezel. Methodische Fragen der Dramenanalyse werden im Seminar eine größere Rolle spielen; die zeitgenössische Komödientheorie dagegen, deutlich weniger elaboriert als die Trauerspieltheorie, soll uns kaum interessieren. Zur orientierenden Einführung ist immer noch nützlich das ursprünglich 1966 erschienene und mehrfach neu aufgelegte, aber nicht mehr am Markt erhältliche Büchlein von Horst Steinmetz: Die Komödie der Aufklärung (Sammlung Metzler 47).

07.307 Martin Schäfer:
Die Arbeit des Schriftstellers. Literaturästhetik nach Hegel
2st. Di 11-13 Phil 1373 Beginn: nicht 22.10., sondern 29.10.

Georg Wilhelm Friedrich Hegels Texte zur Ästhetik haben Literaturgeschichtsschreibung und Literaturästhetik mitbegründet. Aber auch der Rest seines weitverzweigten philosophischen Systems liefert Theorie und Literatur bis heute wichtige Anstöße wie auch Motive. Eins von deren prominentesten und einflussreichsten steht im Mittelpunkt des Seminars: das Verhältnis von Faulheit und Arbeit, von Herrschaft und Knechtschaft. Nicht nur hat die so genannte "Herr/Knecht-Dialektik" tiefe Spuren in der Literatur und Philosophie der Moderne hinterlassen. Mit ihr lässt sich auch die Verfasstheit von Literatur problematisieren, denn wobei handelt es sich bei literarischer Produktivität? Liegt hier eine spezifische Weise von Arbeit vor? Oder schleicht sich in diese Tätigkeit auch eine genießerische Faulheit ein? Das Seminar folgt dieser Fragestellung ausgehend von den einschlägigen Passagen aus Hegels "Phänomenologie des Geistes". Weitere Stationen werden vor allem die romantische Theorie des Müßiggangs in Friedrich Schlegels "Lucinde" und das Echo Hegels in der ästhetischen Theorie des 20. Jahrhunderts bei Jacques Derrida sein ("Von der beschränkten zur allgemeinen Ökonomie. Ein rückhaltloser Hegelianismus", in: Die Schrift und die Differenz).
Zur Vorbereitung:
Alexandre Kojève, Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. Frankfurt a.M. 1975.

07.308 Tom Kindt:
Entwicklungsromane der klassischen Moderne
2st. Mi 15-17 Phil 708 Beginn: 23.10.

Zur Erklärung der literarischen Entwicklungen zwischen 1880 und 1930 wird zumeist recht pauschal auf die grundlegende Erosion hingewiesen, der hergebrachte Vorstellungen vom Menschen durch die soziokulturelle Modernisierung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesetzt waren. So zutreffend ein solcher Hinweis grundsätzlich sein mag, so wenig ist mit ihm für ein wirkliches Verständnis jener Entwicklungen gewonnen. Denn mit der Formel von der "Krise des Ich" wird auf eine Vielzahl von Phänomenen und ihre Thematisierungen in der Dichtung Bezug genommen.
Das Seminar will einige zentrale Typen der "Ich-Krise" und damit der "literarischen Moderne" insgesamt herausarbeiten, indem es die Formen in den Blick nimmt, in denen die Gattung des Entwicklungsromans seit 1900 weiterentwickelt oder – wie es Thomas Mann beschrieb – "zersetzt" wurde. "Die Problematik des Persönlichkeitsbegriffs", so stellte Robert Musil 1934 mit Blick auf das Romanschaffen der Zwischenkriegszeit fest, "ist recht eigentlich die des Bildungsromans geworden". Im Seminar soll diesem Problemzusammenhang anhand einiger Entwicklungsromane der klassischen Moderne nachgegangen werden.
Die Veranstaltung gliedert sich in drei Arbeitsschritte:
Die beiden ersten Sitzungen werden durch die Diskussion allgemeiner theoretischer Probleme die Grundlage für die Interpretation und den Vergleich der Romane zu schaffen versuchen. Es soll zum einen in die Analyseinstrumentarien der Narratologie, zum anderen in die Geschichte und den Streit um den Begriff des "Entwicklungsromans" eingeführt werden.
Nach diesen Vorarbeiten sollen dann in jeweils zwei oder drei Sitzungen die folgenden vier Romane untersucht werden: Franz Kafka "Der Verschollene" (1911-14/1927), Thomas Mann "Der Zauberberg" (1924), Alfred Döblin "Berlin Alexanderplatz" (1929) und Ernst Weiß "Georg Letham, Arzt und Mörder" (1931).
Den Abschluß des Seminars wird der vorsichtige Versuch einer typologischen Bilanz der Einzelinterpretationen bilden.
Eine ausführliche Liste mit Lektürehinweisen wird zu Semesterbeginn am "Schwarzen Brett" des IfG II ausgehängt werden. Zur Vorbereitung sei empfohlen:
Helga Esselborn-Krumbiegel: Der "Held" im Roman. Formen des deutschen Entwicklungsromans im frühen 20. Jahrhundert. Darmstadt 1983; Jürgen Jacobs, Markus Krause: Der deutsche Bildungsroman. Gattungsgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. München 1989; Matías Martínez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München 22000.

07.309 Hans-Harald Müller:
Die deutsche Ballade von Bürger bis Gernhardt. Exemplarische Interpretationen
2st. Mo 9-11 Phil 1373 Beginn: 21.10.

Die Ballade galt Goethe als "Urei", aus dem sich die drei Gattungen Epik, Lyrik und Drama entwickelt hätten. Bis heute hat die Forschung sich mit der gattungsmäßigen Zuordnung der Ballade – die gern auch als "Erzählgedicht" bezeichnet wird – eher schwergetan, da sie in der Tat lyrische, epische und – vor allem in den dialogischen Partien – dramatische Elemente enthält. Im Seminar soll es aber es weniger um die Entscheidung der Gattungsfrage gehen, als vielmehr um die Anwendung des narratologischen Untersuchungsinstrumentariums auf die Ballade. Neben der narratologischen Analyse und Interpretation werden die Theorie und Geschichte der Ballade im Vordergrund stehen.
Untersucht werden sollen im Seminar klassische und 'klassisch-moderne' Balladen; besonders empfehlenswert ist die folgende Anthologie, die fast alle im Seminar zu behandelnden Balladen enthält:
Deutsche Balladen. Herausgegeben von Hartmut Laufhütte. Stuttgart: Reclam 1995 u.ö. Vorausgesetzt wird die Kenntnis von Matías Martínez / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München 22000. Zur Vorbereitung empfehlenswert ist: Gottfried Weissert, Ballade. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993 (= Sammlung Metzler 192).
Die vollständige Liste der im Seminar behandelten Balladen kann bei http://www.uniseminare.de eingesehen und heruntergeladen werden. Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar ist die vor Seminarbeginn vereinbarte verbindliche Übernahme eines mündlichen Vortrags über eine der Balladen. Anfragen und Beratung in der Sprechstunde (Mo 18-19); Anfragen auch unter harrym@uni-hamburg.de

07.310 Kerstin von Schwerin:
Robert Walsers mikrographische Entwürfe "Aus dem Bleistiftgebiet"
2st. Do 13-15 Phil 1203 Beginn: 24.10.

Bei den Mikrogrammen handelt es sich um Texte von Robert Walser aus den Jahren 1924-33, die in einer winzigen, mit bloßem Auge unlesbaren Schrift verfaßt wurden. Die Dechiffrierung der Mikrogramme setzte erst in den siebziger Jahren ein. Das gesamte Corpus dieser Aufzeichnungen enthält eine Vielzahl bislang unbekannter, dramatischer, prosaischer wie auch lyrischer Texte. Es handelt sich dabei um eine Sammlung höchst disparater Texte, die von Walser weder redigiert noch geordnet sind.
Die Thematisierung des Schreibprozesses, des Schreibens über das Schreiben und die Dominanz der bloßen (physischen) Schreibbedingungen gegenüber den erzählerischen Gegenständen sind wohl die auffälligsten Merkmale der Walserschen Modernität. Gerade in den Mikrogrammen scheint Walser über das bloße Konstatieren des Sachverhaltes nicht mehr hinauszukommen. Die Selbstreferentialität des Schreibprozesses rückt bei Walser derart in den Vordergrund, daß die inhaltlichen Zusammenhänge in den Mikrogrammen und der Berner Prosa immer kryptischer werden.
Das Seminar soll im biographischen, gesellschaftlichen und literaturhistorischen Kontext und gemeinsamer, genauer Textarbeit in die Mikrogramme von Walser einführen. Das Seminar konzentriert sich auf drei Aspekte. Zum einen gibt es einen Einblick in Walsers mikrographische Werkstatt. Die Produktion und das Produkt, das Schreiben und das Werk gehören bei Walser zusammen. Betrachtet man die Manuskripte mit der verschwindend kleinen Schrift, jenem "Tarnzauber der Mikrographie", so stellt sich die Frage, welche Konsequenz die Verkleinerung der Schrift auf den kleinen Schreibvorlagen für die Mikrogramm-Texte hat. Ausserdem erweisen sich die kleinen Stücke für Walser als geeignete Möglichkeit, sich schreibend zu äußern. Deshalb soll die radikale Mitthematisierung des Schreibens untersucht werden, die Walsers Prozeß des Schreibens bestimmt. Es scheint, als benutze Walser eine Erzähltechnik, die man nach Kleist als "allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben" bezeichnen könnte. Doch wie hängen Walsers Texte von den Schreibbedingungen ab? Wie reagiert Walser auf Momente der Außenwelt, auf sich selbst und seine Empfindungen, Stimmungen?
Als zweiter Aspekt der Seminararbeit wird die praktische Reichweite der Konzepte überprüft. Walser hat einen großen Teil der Mikrogramme ins Reine geschrieben. In der Verquickung von "Bleistiftsystem" und "Abschreibesystem" soll an exemplarischen Texten das Verhältnis des Schreibprozesses zum endgültigen Werk verfolgt werden. Dabei werden die Mikrogramme in den Zusammenhang von Intertextualität gestellt. Intertextualität erweist sich hier als eine besondere Art der Kombination, die Walser in der Berner Prosa zum Stilprinzip erhebt. Zu diesen intertextuellen Verfahren gehören auch das Plagiat und die Anspielung. Diese Verfahren werden an ausgewählten Texten untersucht und sollen zeigen, wie sich der einzelne Text immer neu re-arrangiert, collagiert, kombiniert und dekonstruiert. Gerade hier läßt sich Benjamins "Sprachverwilderung" beobachten.
Im dritten Aspekt wird der destruktive Charakter der Mikrogramme weiter herausgearbeitet. Die Mikrogramme erscheinen als ein vieldimensionales Puzzle mit unzähligen Verknüpfungen, welches zu immer neuen, überraschenden Perspektiven führt. Aus dieser Logik des Puzzle entsteht der destruktive Charakter der Mikrogramme, der inhaltliche Konsequenzen hat. Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt in den lyrischen Texten. Gerade Walsers Lyrikproduktion stellt eine Destruktion, oder vielleicht besser Dekonstruktion, des lyrisch "Bedeutenden" seiner Epoche dar und läßt sich durchaus als praktische Kritik an der poetologischen Ideologie des "Formvollendeten" und des "Gültigen" verstehen.
In der Schlußdiskussion wird die Frage - Wohin geht die Literatur? - erörtert, ausgehend von Blanchots Kritik an der modernen Literatur, wenn man Walsers Mikrogramme als Zeichen für ein Verschwinden der Literatur betrachten möchte.
Literatur zur Vorbereitung:
Robert Walser, Aus dem Bleistiftgebiet, hrsg. v. B. Echte u. W. Morlang, Bd. 1-6, Frankfurt/M. 1985-2000; Robert Walser, Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. v. J. Greven, Bd. 13, 17-20, Frankfurt/M. 1985-86; Robert Walser, Briefe, hrsg. v. J. Schäfer, Frankfurt/M. 1979.

07.312 Bernd Stenzig:
Erzählungen von Franz Kafka (IntLit)
2st. Fr 14-16 Phil 1350 Beginn: 25.10.

Franz Kafka (1883-1924) hat so klar geschrieben wie kaum ein anderer und ist doch zugleich so rätselhaft geblieben wie kaum ein anderer. Schon in den siebziger Jahren hat man mehr als 11000 publizierte Experten-Meinungen zu Kafka gezählt, die sich allesamt – mehr oder weniger – den Anspruch kompetenter Deutung streitig machten. Seitdem und vielleicht auch ein wenig unter dem Eindruck einer solchen Bilanz hat sich die Attitüde vieler Interpreten geändert. Die offensichtliche Resistenz von Kafkas Werken gegen eine eindeutige Sinnfixierung hat dazu geführt, in ihnen eher die gewissermaßen vorgelagerte grundsätzlichere Frage nach der Möglichkeit von Sinn thematisiert zu sehen. Dass es bei Kafka nichts endgültiger Bestimmtes zu finden gibt – obschon die Texte gerade solchen Erkenntnisdrang immer wieder provozieren -, muss nicht im Widerspruch stehen zum traditionellen Ansatz und zur konventionellen Vorgehensweise dieses Seminars. Zwei Selbstaussagen Kafkas bilden das erste Motto. "Meine Geschichten sind ich" hat er 1913 in einem Brief geschrieben und 1916 in einem anderen davon gesprochen, dass das 'Peinliche' in seinen Texten mit dem 'Peinlichen' seiner Texte zusammenhänge. Das Seminar will also weder das individuelle Subjekt des Autors noch den historischen Kontext ausklammern und vielmehr verfolgen, wie Kafka eigene Existenzprobleme literarisch so ins Allgemeine stilisiert, dass nicht nur das 'Peinliche' seiner Zeit zur Sprache kommt, sondern – wie die Rezeptionsgeschichte zeigt – auch und gerade spätere Generationen Anknüpfungspunkte für ihre Erfahrungen finden konnten. Und noch ein zweites Motto: Elias Canetti hat Kafka als "den größten Experten der Macht" unter den Dichtern bezeichnet, und bei aller Deutungsoffenheit von Kafkas Werk liegt doch auf der Hand, dass es zu weiten Teilen Beschreibung eines Kampfes ist – eines Kampfes in Familie, Bürokratie und Gesellschaft, in dem der einzelne der Willkür der Macht ausgeliefert wird, ihr zum Opfer fällt oder sich selbst der verinnerlichten Macht zum Opfer bringt. Die Abfolge der im Seminar behandelten Erzählungen wird sich an der Chronologie der Entstehung orientieren, beginnend mit dem 'Urteil' (1912) und schließend mit der für Kafkas Kunstverständnis wichtigen 'Josefine'-Erzählung (1924).
Für Studierende des Schwerpunkts "IntLit" besteht nach Absprache die Möglichkeit einer Bearbeitung entsprechend akzentuierter Themen.
Literaturhinweise:
Textgrundlage: Franz Kafka: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Hrsg. von Roger Hermes. Frankfurt/Main 1996 u.ö. (Fischer Taschenbuch 13270). Zur Einführung empfohlen: Thomas Anz: Franz Kafka. Zweite Aufl. München 1992.

07.313 Christina Pareigis:
Konstellationen einer Poetik der Erinnerung in der Dichtung jiddischschreibender Lyriker der Jahre 1939-1945
2st. Mo 10-12 Phil 1203 Beginn: 21.10.

Kadye Molodovsky, Mordechaj Gebirtig und Jizchak Katzenelson verbindet das unmittelbare Erleben der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden in Osteuropa während der Jahre 1939 - 1945. Ob als Emigranten an ihrem Fluchtort in New York, ob als Eingeschlossene in den Ghettos von Warschau und Krakau oder im Konzentrations- und Vernichtungslager – gemeinsam ist ihnen der Versuch, das Erfahrene durch unterschiedliche poetische Formen in ihrer Lyrik sichtbar zu machen. Und alle drei schreiben in Jiddisch, der Sprache der osteuropäischen Juden und des Kontinuums ihrer Herkunft und Tradition.
Ziel des Seminars ist, sich durch textnahe Lektüren auf Spuren einer Poetik zu begeben, die womöglich aus der Koinzidenz eines spezifischen Verständnisses jüdischen Gedächtnisses, Vorstellungen des Zusammenhangs von Geschichte und Interpretation, wie sie in der jüdischen Tradition gründen und der Tradierungsdynamik der jiddischen Sprache selbst konstituiert wird. Im Zentrum steht dabei die poetische Transformation von "Zachor!" - dem jüdischen religiösen Imperativ "Gedenke!" – und die Frage nach der Übersetzbarkeit der geschichtlichen Rezeptionskultur des jüdischen Kollektivs in literarische Produktivität, wie diese jiddische Lyrik sie in Konfrontation mit der drohenden Total-Vernichtung der Menschen m i t s a m t ihrer Geschichte und ihrer erzählenden Zeugnisse entfaltet hat.
In der Beschäftigung mit dem lyrischen Œuvre Molodovskys, Gebirtigs und Katzenelsons der Jahre 1939 – 1945 sollen besonders die in ihnen verarbeiteten Beziehungen zwischen kollektiver Gedächtniskultur als Reflexionsort religiöser Überlieferung (Bibel und Talmud) und individueller und kollektiver geschichtlicher Erfahrung der Ostjuden debattiert werden, sowie damit zusammenhängende Aspekte einer "Poetik der Erinnerung", die den historischen Entstehungsumständen der Gedichte standzuhalten vermag. Anstatt ästhetische Fragen vor Problemen des Funktionsgehalts und der Thematisierung des Vernichtungsfaktums in den Hintergrund zu drängen, wie es oftmals auf dem Forschungsgebiet der 'Holocaust-Literature' geschieht, soll im Seminar die jiddische Lyrik aus Ghetto und Lager aus der Perspektive einer Kontextualisierung von Sozialgeschichte u n d Textstrukturen kennen und verstehen gelernt werden.
Weil eine "Poetik der Erinnerung" Formen des Erinnerns abseits ritualisierter Gedenkgesten eröffnet, wird sich das Seminar über die Beschäftigung mit den individuell unterschiedlichen Poetik-Charakteristika hinaus mit der für diese Lyrik grundlegenden Frage nach Möglichkeiten des gedenkenden Sprechens im Angesicht der Shoah befassen. Die an den Schnittstellen von kultureller und religiöser Gedenk-Tradition der Ostjuden und dem historischen Vernichtungsereignis der Shoah entstehenden Einzelfragen finden womöglich ihren Zusammenhalt nicht allein für die Subjektivität der zu lesenden Texte, sondern auch für unsere Gedenkkultur selber. Die Frage nach der Erinnerung im Text kann gleichsam der Versuch sein, das (jiddisch-) sprachliche Gedenken in seinem Verhältnis zur Geschichte, zu ihrer u n d unserer, lesbar zu machen.
Die in hebräischen Buchstaben geschriebenen Gedichte werden in lateinischer Umschrift und mit Glossaren versehen für die Seminarlektüre zugänglich gemacht. Das Seminar richtet sich damit ausdrücklich an Studierende mit und ohne Jiddischkenntnisse. Vorraussetzung für die Erlangung eines Seminarscheins sind die Anfertigung einer Hausarbeit und regelmäßige Teilnahme.
Literatur zur Vorbereitung:
Gebirtig, Mordechaj: Jiddische Lieder. Hrsg. von Manfred Lemm. Wuppertal 1994; Funkenstein, Amos: Jüdische Geschichte und ihre Deutungen. Frankfurt a. M. 1995; Katzenelson, Jizchak: Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk / Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Hrsg. und nachgedichtet von Wolf Biermann. Köln 1996; Kofman, Sarah: Erstickte Worte. Wien 1988; Ouaknin, Marc-Alain: Das verbrannte Buch. Den Talmud lesen. Berlin 1990; Siegert, Bernhard: "Kartographien der Zerstreuung". In Kittler, Wolf & Neumann, Gerhard (Hrsg.): Franz Kafka. Schriftverkehr. Freiburg 1990, S.222-227; Yerushalmi, Yosef Hayim: Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und Gedächtnis. Berlin 1988.

07.314 Oliver Wieters:
Paul Celans Lyrik zwischen Hermetik und Offenheit
2st. Do 16-18 Phil 1373 Beginn: 24.10.

Paul Celan (1920-1970) hat nachdrücklich bestritten, daß seine Lyrik entsprechend einer weitverbreiteten Annahme "hermetisch" ist. Er selbst bezeichnete seine Gedichte als "ganz und gar nicht hermetisch", und betonte, daß seine Verse nicht kodiert sind, sondern jedes Wort mit direktem Wirklichkeitsbezug geschrieben wurde: "Ich bin für Verständlichkeit, sogar Gemeinverständlichkeit; nur wollen auch diese präparierten Druckplatten, französisch ‘cliché’ genannt, kein Klischee sein…" In Anlehnung an ein Wort Rainer Maria Rilkes nannte er seine Gedichte "Einfriedungen um das grenzenlos Wortlose". Als ihn sein späterer Biograph Israel Chalfen um die Interpretation eines Gedichtes bat, antwortete Celan "sanft und melodisch": "Lesen Sie! Immerzu nur lesen, das Verständnis kommt von selbst". Allerdings ist Celans Selbst-Auskunft nur schwer vereinbar mit der Erfahrung der Rezipienten, deren Erkenntnisdrang vom Gedicht immer wieder in die Schranken gewiesen wird. Die daraus entstehende Frustration provoziert beinahe zwangsläufig Etiketten wie "unverständlich", "dunkel", "kryptisch" oder eben "hermetisch". Hans–Georg Gadamer hat diese Erfahrung als Prozeß von "Sinn und Sinnverhüllung" beschrieben: "Man fühlt die Attraktion eines genauen Sinnes und hat zugleich das Bewußtsein, daß dieser Sinn sich zurückhält, wenn nicht gar kunstvoll verhüllt ist." Aber noch die Rede vom kunstvoll verhüllten Sinn hält die Hoffnung wach, die Bedeutung des Gedichts vollständig zu verstehen. Celan selbst hat das Werk des russischen Dichters Ossip Mandelstamm, dem er sich tief verbunden fühlte, als "offen und hermetisch zugleich" bezeichnet. In welchem Sinne trifft zu, daß sich auch Celans eigene Gedichte zwischen diesen beiden Polen bewegen? Welche Erscheinungsformen "hermetischer" Lyrik finden sich in Celans Werk? Wie läßt sich der Topos des "Schweigens" vom Begriff der Hermetik abgrenzen? Welche Verbindungen gibt es von der Hermetik zu ästhetischen, theologischen, philosophischen, historischen und politischen Problemkonstellationen nach 1945? Welche Auswirkungen haben die Erkenntnisse auf unser Leseverhalten gegenüber "schwierigen" literarischen Texten?
Die komparatistisch angelegte Lehrveranstaltung wendet sich an Studenten aller Fächer, die einen ersten oder vertieften Zugang zum Werk eines der faszinierendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts suchen. Die Diskussion inhaltlicher und methodischer Probleme wird sich dabei die Waage halten. Voraussetzung für die Vergabe des Seminarscheins ist regelmäßiges Erscheinen, ein Referat und eine Hausarbeit. Rückfragen per E-Mail an: Wieters@Hansenet.de
Lektüre-Empfehlungen:
Paul Celan. Ausgewählte Gedichte. Zwei Reden, Frankfurt am Main 1968; Chalfen, Israel, Paul Celan. Eine Biographie seiner Jugend, Frankfurt am Main 1979; Fritz, Horst, "Hermetismus", in: Moderne Literatur in Grundbegriffen, hrsg. v. Dieter Borchmeyer/Viktor Zmegac, Tübingen 1994 (2., neu bearb. Aufl.), pp. 189–191; Wolfgang Emmerich, Paul Celan, Rowohlt TB-V.: Reinbek bei Hamburg 1998; Gadamer, Hans–Georg, Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans 'Atemkristall', Frankfurt am Main 1986.

07.315 Ludwig Fischer:
Anfangsgründe der Literatur- und Kultursoziologie Pierre Bourdieus
2st. Fr 10-12 Phil 1203 Beginn: 25.10.

Achtung: Aus technischen Gründen muß diese Veranstaltung an drei Terminen von Fr 10-12 Phil 1203 auf Mi 9-11 Phil 1203 vorverlegt werden:
Statt Fr 13.12 auf Mi 11.12, statt Fr 20.12. auf Mi 18.12., statt Fr 10.01.03 auf Mi 08.01.03.

Die Lehrveranstaltung soll einen ersten Zugang zu einem theoriegeleiteten 'Blick auf die literarische Welt' eröffnen, der die herkömmlichen normativen Setzungen in Literatur und Literaturwissenschaft zur Diskussion stellt. Die Formungen literarischer Praktiken – der Produzenten, der Instanzen, der 'idealen' und der 'abhängigen' Leser – als Konkretisationen der Strukturierungen des literarischen Feldes zu verstehen, bedeutet auch, von einem weithin verinnerlichten Modell literarischen Verstehens Abschied zu nehmen: der Generierung von Bedeutung 'aus der Substanz des Werks' und der 'sozialen Unschuld des ästhetischen Urteils'.
Um den provokativen Gehalt von Bourdieus Kulturanalysen und Theorieentwürfen zu verstehen, ist die Erarbeitung der grundlegenden Begrifflichkeiten und Modellbildungen nötig. Dazu gibt es inzwischen hilfreiche Darstellungen, die die Lektüre von zentralen Ausschnitten aus 'Zur Soziologie der symbolischen Formen', 'Die feinen Unterschiede', 'Sozialer Raum und Klassen' und vor allem 'Die Regeln der Kunst' begleiten und unterstützen können.
Bourdieu selbst hat dem Verstehen des 'literarischen Feldes' entscheidende Bedeutung für die Ausformulierung und Konkretisierung seines kultursoziologischen Ansatzes beigemessen. Dennoch wird sich die Seminararbeit nicht auf die Erschließung dieses einen Praxisfeldes beschränken können. Vielmehr ist eine Beschäftigung mit den allgemeineren soziologischen / kulturanalytischen Theoremen Bourdieus notwendig.
Am Ende des Seminars könnte der Versuch einer exemplarischen Konkretisierung der erarbeiteten analytischen Zugangsweisen stehen, etwa an einem besonders illustrativen 'Fall' aus der neueren deutschen Literatur.
Hinweis zur vorbereitenden Lektüre:
Markus Schwingel: Bourdieu zur Einführung. Hamburg: Junius 1995.

07.316 Katharina Baisch, Susanne Gerhards:
Grundlagen der Gender Studies: 'Cause what you get ist what you see?'
Sehen -Wissen - Geschlecht. Zu Erzählungen von Erica Pedretti und Yoko Tawada
2st. Di 18-20 Phil 708 Beginn: 22.10.

Im Seminar werden wir den Verfahren der Konstitution von Körper und Geschlecht im Modus des Sehens bzw. des Blicks nachgehen.
Der Körper als erblickter Körper erscheint geschlechtlich markiert und zugleich künstlich hervorgebracht. Dabei wird der Körper immer schon als sterbender und toter Körper in die Betrachtung genommen.
Es werden Techniken des Sehens herauszuarbeiten sein: Was konstituiert sich im Blick? Und: Was wird lesbar im Blick, wenn er zum Forschungsgegenstand gemacht wird?
Diese Frage wird im Horizont verschiedener literarischer Texte aufgespannt. Im Mittelpunkt stehen die Erzählungen "Valerie oder das unerzogene Auge" von Erica Pedretti und "Das Bad" von Yoko Tawada.
Die Arbeit an diesen Texten wird von der gemeinsamen Lektüre zweier Passagen aus dem 10. Buch der "Metamorphosen" von Ovid – "Orpheus und Eurydice" sowie "Pygmalion" und E.A. Poes Erzählung "Das ovale Porträt" vorbereitet. Hier wird das problematische Verhältnis von Kunst/Künstlichkeit – Blick – Leben/Tod in Bezug auf die Frage nach der Geschlechterdifferenz lesbar.
Die Erzählung "Valerie oder das unerzogene Auge" von 1986 entfaltet die Problematik, wie sich Subjekt und Geschlecht im Blick des Anderen (der Kunst, der anderen Person, der Medizin) konstituieren. Es geht insofern auch um eine kunsttheoretische Auseinandersetzung, als die Protagonistin Valerie Geliebte und Modell des Malers Franz ist, der sich ausdrücklich in der Nachfolge des Schweizer Malers Ferdinand Hodler begreift. Valerie versucht sich im künstlerischen Gegenentwurf des "unerzogenen Auges". Im Seminar ist die Möglichkeit eines "weiblichen Blicks" zu diskutieren.
Daran soll die Lektüre von Yoko Tawadas "Das Bad" (1993) anschließen. Die Erzählung setzt ein mit dem morgendlichen Blick in den Spiegel: "Mein Tag begann damit, daß ich beim Vergleich des Spiegelbilds mit der Photographie Unterschiede entdeckte, die ich dann mit Schminke korrigierte." Diese Prozedur setzt Erschütterungen von Wahrnehmungsweisen und Metamorphosen des eigenen Körpers in Gang, die zu einer Sprachnot führen.
Mit der Verschränkung von Sehen und Schreiben wird die Problematik der Darstellungsmodi virulent, die sich mit der Frage nach Formen des Wissens verknüpft.
Literatur:
Pedretti, Erica: Valerie oder das unerzogene Auge. Frankfurt a. Main 1986;
Tawada, Yoko: Das Bad. 3. Auflage. Tübingen 1993;
Ovid: Metamorphosen. Hrsg. von Michael von Albrecht. München 1981; Poe, E.A.: Das ovale Porträt. In: Werke. Band I. Hrsg. von Kuno Schuhmann und Hans Dietrich Müller. Olten und Freiburg i.Br. 1996. S. 684 – 688; Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a. Main 1991; Dies.: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin 1995; Lacan, Jacques: Vom Blick als Objekt klein a. In: Das Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Hrsg. von Norbert Haas und Hans-Joachim Metzger. 3. Auflage. Weinheim, Berlin 1987. S. 73-126; Schuller, Marianne: Sehen/Wissen und das “Rätsel der Weiblichkeit”. In: Wie es ihr gefällt. Künste, Wissenschaft & alles andere. Hrsg. von Silvia Henke und Sabina Mohler. Freiburg i.Br. 1991. S. 31-45.

07.317 Meike Mattick:
Das Seminar entfällt leider
„Rubinsteins Versteigerung“ und „Der Musterjude“ –
deutsch-jüdische Gegenwartsromane Rafael Seligmanns
2st. Do 17-19 Phil 1203 Beginn: 24.10.
Studierende, die sich für dieses Seminar Ib angemeldet hatten, werden in andere Seminare Ib aufgenommen (ausgenommen Veranstaltungen, die nur für
Studierende der Medienkultur geöffnet sind). Bitte setzen Sie sich mit den
SeminarleiterInnen in Verbindung.
Im Zentrum des Seminars stehen zwei Gegenwartsromane des deutsch-jüdischen Schriftstellers, Politologen und Journalisten Rafael Seligmann: "Rubinsteins Versteigerung" und "Der Musterjude". Sie thematisieren das Selbstverständnis der jungen, nachgeborenen jüdischen Generation, die nur noch 'mittelbar' von der nationalsozialistischen Judenverfolgung geprägt ist und einen neuen Zugang zu dem Schicksal ihrer Vorfahren versucht. Die hier ausgewählten Romane Seligmanns sollen den TeilnehmerInnen einen ersten Einblick in die literarische Verarbeitung dieser Problematik eröffnen und als Erscheinungsform der Standortbestimmung und Vergangenheitsbewältigung junger jüdischer Kultur in Deutschland untersucht werden. Einen Schwerpunkt der Seminararbeit werden Komiktheorien bzw. komisierende Verarbeitungstechniken von Wirklichkeit und katastrophaler Vergangenheit bilden, die Seligmanns Romane so umstritten machen.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Seminarteilnahme sind die Lektüre der Texte vor Kursbeginn, die kontinuierliche, aktive Teilnahme an den Sitzungen, (Gruppen-) Referat, das Erstellen einer 15seitigen Hausarbeit.
Literaturhinweise: Rafael Seligmann: Rubinsteins Versteigerung. München: dtv, 1989; ders.: Der Musterjude. München: dtv, 1998.

07.318 Kay Sokolowsky:
Satirisches Reden in den Medien der 90er Jahre. Bewegungen von der Neuen Frankfurter Schule zur Stand-up-Comedy
2st. Mo 18-20 Phil 256/258 Beginn: 21.10.

Die historischen Wendungen seit dem Fall der Mauer 1989 haben tiefe Spuren auch in der Selbstdefinition und Produktion satirischer Texte hinterlassen. Was die Neue Frankfurter Schule (NFS) um Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein an formalen Subversionen und poetischen Mitteln erarbeitet hat, um den politisch-kulturellen Widersprüchen der 60er bis 80er Jahre beizukommen, scheint nach dem Ende der alten Bundesrepublik nicht mehr zu genügen. Obwohl die Komik dieser Literatur ungebrochen ist, hat sie an öffentlicher Wirkung beträchtlich verloren.
Eine neue Generation von Satirikern bedient sich inzwischen nach Belieben aus dem tradierten, klassischen Kanon der NFS und erweitert ihn um die Verfahrensweisen und Techniken englischer und amerikanischer Vorbilder. Gleichwie die öffentliche Aufmerksamkeit immer weniger qualitative, moralisch wertende Unterschiede macht zwischen Print- und elektronisch-visuellen Medien, erkennt diese neue Satirikerschule die Bühne des Fernsehens als die ihr adäquateste. Genau dort, wo Meinungen heute produziert und verbreitet werden, stehen diese Satiriker und können in höchstmöglicher Schnelligkeit reagieren und hineinreden.
Die Bewegungen der NFS hin zu dem, was vor allem der Kabarettist und TV-Entertainer Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show vorführt, sind das Thema des Seminars. Um diese Bewegungen nachzuzeichnen, ist eine Analyse der satirischen Innovationen der NFS ebenso notwendig wie eine der Mediengeschichte der letzten Jahrzehnte sowie eine detaillierte Untersuchung der Mittel, die in "Stand-up-Comedy" und aktueller Fernsehsatire angewandt bzw. neu erfunden werden. Ein Seminarplan sowie eine ausführliche Literaturliste werden zu Beginn des Semesters vorgelegt.
Zur Vorbereitung dringend empfohlen: F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, F. K. Waechter: "Welt im Spiegel" (Zweitausendeins); Eckhard Henscheid: "Helmut Kohl. Biographie einer Jugend" (Haffmans); "Die Harald-Schmidt-Show" (Montags bis Donnerstags, 23 Uhr 15, Sat 1).

07.412 Jan Distelmeyer:
Das postklassische Hollywood-Kino (M)
(in Verbindung mit Sichttermin 07.427)
2st. Mi 16-18 Med.Zentr. Beginn: 23.10.

Der Diskurs zum postklassischen Kino – seit Mitte der 90er Jahre in der englischsprachigen Filmwissenschaft etabliert – unternimmt den Versuch, das jüngste Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte zu erschließen. Er fragt danach, mit was für einer Form des populären Kinos wir es heute eigentlich zu tun haben und untersucht die Entwicklung Hollywoods, die zum heutigen 'Blockbuster'- und 'High-Concept'-Kino geführt hat. Wie kommt es zu Märkte übergreifenden Phänomenen wie der "Star Wars"-Saga und wie erklärt sich die hybride Struktur von Filmen wie "Matrix"?
Das Aufbrechen von Genregrenzen, das hohe Maß an Selbstreferentialität, die Hinwendung zu einem "Kino der Attraktionen" und die Aufwertung von Schauwerten gegenüber Parametern wie narrativer Geschlossenheit oder kausal-psychologischer Motivation – dies sind einige Merkmale des postklassischen Kinos, dessen Erfolgsgeschichte Mitte der 70er Jahre mit Produktionen wie Steven Spielbergs "Der weiße Hai" und George Lucas‘ "Star Wars" begann. Gleichwohl bezieht sich der Begriff der Postklassik nicht auf einen vollständigen Bruch in der amerikanischen Filmgeschichte, den das beliebte Präfix "post" nahelegen könnte. Vielmehr soll der Begriff darauf aufmerksam machen, dass Hollywood trotz der fortgesetzten stilistischen und institutionellen Kontinuitäten eine Reihe von fundamentalen Veränderungen erfahren hat, die kritische Aufmerksamkeit verdienen.
Das Ziel des Seminars ist es, diese stilistischen und institutionellen Veränderungen zu diskutieren. Es gilt, die Zusammenhänge zu entdecken zwischen dem Zerfall des Studiosystems in den 60er Jahren, der Entstehung des 'Blockbuster'-Kinos in den 70er Jahren und der zunehmenden Bedeutung von Design, Oberflächen und Selbstreflexivität im Hollywoodkino der 80er und 90er Jahre.
Voraussetzungen für den Erwerb eines Seminarscheins: Mündliche Teilnahme, Referat / bzw. Teilnahme an einer Arbeitsgruppe, schriftliche Hausarbeit.
Es wird ein Handapparat erstellt und eine Literaturliste in der ersten Sitzung verteilt.

07.413 Peter von Rüden:
Fernsehnachrichten: Die Geschichte der "Tagesschau" (M)
Das Seminar entfällt wegen Krankheit im gesamten WiSe 02/03.
2st. Di 9-11 Med.Zentr. Beginn: 22.10.

Mehr als 90% aller Personen über 14 Jahre geben an, regelmäßig Fernsehnachrichten zu nutzen, das entspricht ca. 57 Mio. Menschen in Deutschland. Innerhalb des Fernsehnachrichtenangebots ist es die "Tagesschau" der ARD, die unangefochten seit Jahrzehnten die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht.
Aufbau, Struktur und Präsentation der "Tagesschau" im Jahre 2002 unterscheiden sich wesentlich von den ersten Ausgaben der "Tagesschau" im Jahre 1952. In den Anfangsjahren bis 1957 war die "Tagesschau" keine tagesaktuelle Fernsehnachrichtensendung. Die "Tagesschau" wurde nicht im Sender selbst, sondern bei der "Neuen deutschen Wochenschau" für den NWDR bzw. die ARD auf der Basis des dort vorliegenden Filmmaterials produziert. Ganz im Stil der "Wochenschau" wurden die Berichte der "Tagesschau" zunächst ohne Verwendung von Originaltönen hergestellt, jeweils mit Musik unterlegt und ein Kommentar zu den Bildern von einem Sprecher gesprochen. Die tägliche Nachrichtenübersicht wird erst 1957 eingeführt. Die Texte für diese Nachrichten wurden vom Hörfunk zugeliefert. Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre entwickelt sich die "Tagesschau" zu einer tagesaktuellen Fernsehnachrichtensendung, die bis zum Sendebetrieb des ZDF in Deutschland ohne Konkurrenz war. Untersucht werden im Seminar folgende historische Abschnitte: Anfänge der "Tagesschau" als Wochenschau im Fernsehen (1952-1957), die Entwicklung der tagesaktuellen Fernsehnachrichtensendung 1957 bis Anfang der 60er Jahre, die Phase der Konkurrenz mit der ZDF-Nachrichtensendung "Heute" und die Veränderung der "Tagesschau" in der Konkurrenz mit den Nachrichtenangeboten der kommerziellen Anbieter. Leitfragen: wie hat sich die Produktion und Präsentation der "Tagesschau" entwickelt, welche Kriterien spielten bei der Auswahl, Platzierung und Präsentation von Nachrichten eine Rolle? Wie wurde die Informationsqualität der "Tagesschau" im Vergleich zu anderen Nachrichtenangeboten von den Zuschauern bewertet? Welche Strategien der Akzeptanzsicherung und mit welchen Auswirkungen auf Form und Inhalt der "Tagesschau" wurden im dualen Rundfunksystem entwickelt?
Einführende Literatur:
Karsten Rinckstorf: Nachrichtensendungen im Fernsehen (1) – Zur Wirkung von Darstellungsformen in Fernsehnachrichten. Berlin 1980; Karsten Rinckstorf: Nachrichtensendungen im Fernsehen (2) – Absichten, Interessen und Muster der Medienzuwendungskonturen des "aktiven Publikums". Berlin 1980; Karl-Friedrich Reimers/Monika Lerch-Stumpf/Rüdiger Steinmetz (Hrsg.): Von der Kinowochenschau zum aktuellen Fernsehen – Diskussion und Materialien. München 1983; Erich Straßner: Fernsehnachrichten – Eine Produktions-, Produkt- und Rezeptionsanalyse. Tübingen 1982; Wolfgang Darschin/Imme Horn: Die Informationsqualität von Fernsehnachrichten aus Zuschauersicht. In: Media-Perspektiven, 5/1997. S. 296 ff.; Klaus Kamps/Miriam Meckel (Hrsg.): Fernsehnachrichten. Opladen/Wiesbaden 1998; Ralph Bartel: Fernsehnachrichten im Wettbewerb – Die Strategien der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter. Mainz 1995; Peter Glotz (Hrsg.): Die Benachrichtigung der Deutschen. Aktuelle Fernsehberichterstattung zwischen Quoten- und Zeitzwang. Frankfurt/Main 1998.

07.433 Jens Eder:
Noel Carrolls Medientheorie: "A Philosophy of Mass Art" (M)
2st. Do 14-16 Phil 708 Beginn: 24.10.

In seinem Buch "A Philosophy of Mass Art" (1998) entwickelt der amerikanische Philosoph und Filmtheoretiker Noel Carroll nicht nur einen groß angelegten kritischen Überblick über klassische Positionen der Medientheorie von Adorno über McLuhan bis Fiske, er entwirft auch eine eigene Theorie massenmedialer Kulturprodukte. Unter dem Hilfsbegriff "Mass Art" fasst Carroll massenmediale Angebote aller Art zusammen: populäre Filme, Fernsehsendungen, kommerzielle Fotografie, Popmusik, Radiosendungen, Computerspiele, Comics, Websites und Trivialliteratur. Carroll will allgemeine Gesetzmäßigkeiten aufdecken, die solche Kulturprodukte prägen, dabei aber eine essentialistische und reduktionistische Wesensbestimmung der Massenkultur vermeiden. Sein Buch setzt sich mit Kritikern der "Kulturindustrie" auseinander, schlägt eine Definition der "Massenkunst" vor und untersucht ihren Zusammenhang mit Emotionen, Moral und Ideologie vor allem am Beispiel des Mainstreamfilms.
Carroll, der im englischsprachigen Raum vor allem durch seine Attacken gegen die poststrukturalistische und psychoanalytische Filmtheorie bekannt ist, argumentiert sehr klar und pointiert. Es stellt sich allerdings die Frage, ob er den von ihm angegriffenen Positionen tatsächlich gerecht wird und ob seine eigene Theorie haltbar ist. Das wird im Seminar zu diskutieren sein. Carrolls umfangreiches Buch bietet jedenfalls eine der besten Möglichkeiten, grundlegende Fragenkomplexe der Medientheorie kennenzulernen. Leider ist es noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Das Seminar wird deshalb als Lektürekurs eine genaue Auseinandersetzung mit seinen Thesen suchen. Geplant ist, dem Aufbau des Buches zu folgen und an den entsprechenden Stellen die Originaltexte der von Carroll angegriffenen Theoretiker heranzuziehen.
Zentrale Textgrundlage:
Carroll, Noel 1998: A Philosophy of Mass Art. Oxford.
Ergänzende Literatur:
Benjamin, Walter 1977: "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". In: Ders.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften I. Frankfurt (Main), S. 136-169; Collingwood, R.G. 1969: The Principles of Art. Oxford [EA: 1938]; Greenberg, Clement 1986: "Avant-garde and Kitsch". In: Clement Greenberg: The Collected Essays and Criticism, Bd. 1, hrsg. v. John O'Brien. Chicago, S. 5-22; Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W. 1988: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt (Main) [EA: 1944]; MacDonald, Dwight 1957: "A Theory of Mass Culture". In: Bernard Rosenberg / David Manning (Hrsg.): Mass Culture: the Popular Arts in America. New York, S. 59-73; McLuhan, Marshall 1994: Understanding Media: The Extensions of Man. Cambridge [EA: 1964]; Novitz, David 1989: "Ways of Artmaking: The High and the Popular in Art". In: British Journal of Aesthetics 29/3, S. 213-229.


  Impressum   Letzte Änderung: 08.11.2002