Serendipität: Mansisch
5. August 2025, von INEL-Webredaktion

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Serendipität ist ein Begriff aus der Wissenschaftssprache, der zufällige, glückliche Entdeckungen beschreibt. Unsere Wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen machen immer wieder Entdeckungen, auf die dieses Wort zutrifft. Hier können Sie von einigen ethnolinguistischen Besonderheiten der Mansen lesen:
- Typisch für die mansische Tradition ist die Vorstellung, dass ein Mensch mehrere Seelen besitzt. Ein Mann hat fünf, eine Frau nur vier Seelen. Seelen werden als Lebenskraft gedacht, die den menschlichen Körper z.B. während des Schlafes oder im Zusammenhang mit einer Ohnmacht kurzzeitig verlassen können. Auch können sich die Seelen auf unterschiedliche Art und Weise materialisieren, z.B. als sichtbarer Schatten, als Atemhauch, als Widerspiegelung im Wasser oder auch als Vogel. Nach dem Tode gehen einige Seelen in das Totenreich, andere wiederrum verweilen noch für einen gewissen Zeitraum auf der Erde, wo sie den Hinterbliebenen Schaden zufügen können.
- Die Mansen bewahren ihre Kleidung, Felle und Nahrungsvorräte nicht im Wohnhaus auf, sondern in kleinen, auf vier Stelzen errichteten hölzernen Speichern. Diese Speicher befinden sich sowohl in der Nähe ihres Hauses als auch weiter entfernt, z.B. in Gebieten, in denen sie zu bestimmten Jahreszeiten der Jagd nachgehen, so dass nicht immer alles mitgenommen werden muss, wenn sich die Familie an einem anderen Ort aufhält. Die erhöhte Bauweise dient dazu, die Besitztümer vor wilden Tieren zu schützen.
- In der mündlichen Überlieferung der Mansen wurde der Wolf vom Herrscher über die Unterwelt erschaffen. Der Wolf gilt somit als ein Unglück bringendes Tier, welches für rentierzüchtende Familien eine stetige Bedrohung darstellt. Diese negative Konnotation spiegelt sich auch auf sprachlicher Ebene wider, da der Wolf nach Möglichkeit nicht direkt benannt wird. Wenn man über ihn spricht, verwendet man zahlreiche Umschreibungen, wie z.B. ‘wildes Tier mit Zähnen’, ‘langer Schwanz’ und ‘wildes Tier der Rentiere’.
- Nach dem Tode eines Menschen haben die Mansen eine kleine Figur aus Holz oder Metall hergestellt, die den gesellschaftlichen Normen entsprechend gekleidet wurde: Figuren für verstorbene Frauen erhielten ein Kopftuch und Brustschmuck, während Figuren für Männer einen Gürtel bekamen. Die Figuren wurden in einer Birkenrindenbox aufbewahrt, die zu den Mahlzeiten hervorgeholt wurde und ebenfalls Essen und Trinken hingestellt bekam. Diese Gedenkfiguren für die Toten wurden im Falle von Männern fünf Jahre, bei Frauen vier Jahre aufbewahrt.
- Die besondere Interdependenz zwischen der mansischen Kultur und der sie umgebenden Natur wird auch in den Monatsnamen sichtbar, die sich zwar von Gruppe zu Gruppe unterscheiden, die aber dennoch eins gemeinsam haben – die Widerspiegelung natürlicher Phänomene in der Bezeichnung der Zeiteinheiten des Monats. So wird z.B. der April ‘große Schneekruste’ genannt, während der Mai als ‘Eis fortgehender Monat’ bezeichnet wird. Hier haben die Phänomene, des Auftauens und Wiedergefrierens der oberen Schneedecke bzw. das endgültige Schmelzen des Eises auf dem Fluss motivierend für die mansischen Monatsnamen April und Mai gewirkt.