Forschungsschwerpunkte
Filmwissenschaft
Die Filmwissenschaft mit ihren drei Säulen Filmanalyse, Filmtheorie und Filmgeschichte bildet in vielerlei Hinsicht die Grundlage und Hintergrundfolie der verschiedenen Forschungsschwerpunkte dieses Instituts. Das Institut geht von einem Konzept von Medienwissenschaft aus, das den Fokus auf das Audiovisuelle beibehält, dabei jedoch den klassischen Schwerpunkt von Film und Fernsehen erweitert auf das ganze Spektrum audiovisueller Medien, vom Short-Form-Content über Games bis hin zu Serien, Dokumentarfilmen und durchaus auch weiterhin Spielfilmen. Zu den klassischen Forschungsansätzen des Instituts gehören beispielsweise Formalanalysen von audiovisuellen Medienprodukten, Genreanalysen, populärkulturelle Analysen, aber auch filmhistorische Ansätze und film- und medientheoretische Arbeiten etwa zum Realismusbegriff oder zur Dispositivtheorie.
Fernsehwissenschaft
Die Fernsehwissenschaft ist ein langjähriger Forschungsschwerpunkt des Instituts. Neben der Beschäftigung mit den Charakteristika des Fernsehens im Bereich der Medialitätsforschung bildet die Rekonstruktion der Institutions- und Programmgeschichte des deutschen Fernsehens einen Schwerpunkt. Weitere medienhistorische Forschungsprojekte und Publikationen befassen sich mit der Rezeptionsgeschichte und dem Angebotsspektrum der Fernsehkritik. Auf Grundlage von Forschungsarbeiten zur Fernsehgeschichte erfolgt Begleitforschung zu aktuellen Angebotsentwicklungen, etwa im Bereich fiktionaler Sendeformen (Fernsehfilme, TV Movies, Serien) oder der Formatentwicklung des Unterhaltungsprogramms (Quizsendungen, Gameshows). Einen Fokus der Analysen verschiedener Erscheinungsformen von Grenzgängen zwischen Fakten und Fiktion bildet die Entwicklung von Reality-TV-Formaten. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt in historischen und aktuellen Wechselwirkungen zwischen dem traditionellen Fernsehen und den Erscheinungsformen des Internetfernsehens.
Interaktive audiovisuelle Medien und Wissen in digitalen Medienkulturen
Interaktive Praktiken des audiovisuellen Wissenstransfers bieten neue Möglichkeiten des Erfahrbarmachens und Erschließens von Wissen. Interaktionen mit dem Medienangebot und anderen User:innen, Nonlinearität, Multimedialität und datenbankbasierte Technologien können dazu beitragen, dass sich die klassischen Rollen von Autor:innen und Rezipierenden verändern und Polyphonie zum Ausdruck kommt. Rezipierende können selbst zu Produzierenden werden oder aber bei der Nutzung interaktiver Angebote neue Handlungsräume entdecken, indem ihnen z.B. ein mediales Probehandeln angeboten wird – oft in gamifizierter Form. Auf diese Weise lassen sich auch sonst nicht sichtbare Mechanismen simulieren. Die Erforschung interaktiver audiovisueller Medien, ihrer Strukturen und Dramaturgien zeigt einerseits, wie nonlineare Strukturen die Konstruktion komplexer Wissenswelten ermöglichen und Demokratisierungsprozesse fördern können. Andererseits mangelt es bei interaktiven Medienprojekten oft an Möglichkeiten einer intellektuellen Emanzipation der User:innen, sodass die Interaktivität häufig in Interpassivität umschlägt. Dieser Forschungsschwerpunkt setzt sich daher sowohl mit den Potenzialen als auch mit den Grenzen interaktiver audiovisueller Medien auseinander.
Mediale Erinnerungskulturen/Media Memory
Die Forschung zu medialen Erinnerungskulturen geht von einer sich beschleunigenden Transformation gesellschaftlichen Erinnerns aus, das wesentlich durch Medien geprägt, organisiert und verbreitet wird. Sie untersucht die Art und Weise, wie Medien zur Darstellung und Vermittlung kollektiver Erinnerung genutzt werden.
Mediale Erinnerungskulturen sind die historisch und kulturell unterschiedlichen Weisen, wie Gemeinschaften (z.B. Nationen, Gruppen, Generationen) ihre Vergangenheit mithilfe von Medien verhandeln, darstellen und für Gegenwartszwecke nutzbar machen. Medien fungieren dabei als Speicher, Vermittler und Bühne kollektiver Erinnerung – von TV-Dokus und Spielfilmen über Denkmäler und Ausstellungen bis zu Social-Media-Posts und Online-Archiven oder andere neue Medientechnologien und entsprechende mediale Ausdrucksformen wie i-Docs, XR-Documentaries, Serious Games u.a..
Bei der Forschung stehen nicht so sehr die Ereignisse der Vergangenheit im Mittelpunkt, als vielmehr die verschiedenen medialen Praktiken des Geschichtemachens und -rezipierens als spezifische Formen diskursiver Aushandlungsprozesse von Identität und Handlungsmacht.
Dokumentar(film)forschung
Die Dokumentarfilmforschung befasst sich mit der Geschichte, Theorie, Ästhetik sowie den spezifischen Praktiken des Dokumentarfilms bzw. genauer gesagt des dokumentarischen Films, der sich in zahlreiche mediale Ausdrucksformen und -formate ausdifferenziert hat, die längst nicht mehr allein auf Kino und Fernsehen beschränkt sind.
Eine besondere Rolle spielen dabei neue Technologien des Dokumentarischen wie z.B. I-Docs und XR-Documentaries, die neue dokumentarische Ausdrucksformen ermöglichen und mithin den Status des Dokumentarischen selbst verändern.
Dies gilt in besonderem Maße auch für KI-generierte Videos, die bisherige Vorstellungen von Glaubwürdigkeit des Dokumentarischen herauszufordern scheinen. Für eine Auseinandersetzung mit dem Dokumentarischen ist insbesondere eine Kenntnis seiner unterschiedlichen medialen Praktiken notwendig, um Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Rückverfolgbarkeit der dokumentarfilmischen Darstellung beurteilen zu können.
Im Rahmen des sogenannten dokART Labors werden sowohl die Zugänge zum dokumentarischen Material, Fragen der methodischen Erschließung wie auch der theoretischen Fundierung von Projekten bis hin zu medialen Praktiken des Dokumentarischen diskutiert. Darüber hinaus werden experimentelle und anwendungsbezogene Ansätze des Dokumentierens erprobt.
KI und audiovisuelle Medien
Künstliche Intelligenz hat die Schwelle zur nahezu fotorealistischen Generierung von Bildern und Filmen überschritten. Dieser Forschungsschwerpunkt untersucht, welche Konsequenzen der technologische Wandel für die Produktion, Ästhetik und Rezeption audiovisueller Medien hat. Wie verändert KI unser Verständnis von Wirklichkeit? Wie lässt sich der Übergang von ‚alten‘ Medien in das Zeitalter der KI-Medien zwischen Fortschrittseuphorie und Befürchtungen eines Realitätsverlusts verorten? Welche Erzählungen und Repräsentationen finden die ihrerseits zunehmend digitalen audiovisuellen Medien, um die rasende Entwicklung medial zu begleiten, zu inszenieren und zu reflektieren? Innerhalb der Trias von Ästhetik, Praxis und Ethik werden sowohl theoretische als auch anwendungsbezogene Erkenntnisse darüber gewonnen, wie KI in der Filmproduktion eingesetzt wird, wie KI unser Medienhandeln, unsere Wahrnehmung audiovisueller Medien und unser Verständnis von Wirklichkeit(en) verändert.
Nachhaltigkeit / Erzählungen und Weltentwürfe der Zukunft
Parallel zu den enttäuschenden Entwicklungen im Nachgang der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris wird kontinuierlich beklagt, dass Dystopien die Leinwände der Kinos und Bildschirme der TV- und Streaming-Anbieter dominieren. Mit positiven Zukunftsentwürfen tue man sich dagegen schwer. Dabei seien es doch gerade diese, die die Menschen vom Wissen zum Handeln bringen, wie die Umweltpsychologie herausgefunden hat. Dies gilt vor allem für Fiktionen zum Klimawandel und zur Biodiversität. Die deutsche Filmbranche muss zwar CO2-Emissionen einsparen (durch ökologische Standards), doch als filmisches Thema oder auch im TV gibt es weiterhin Widerstände. In dem Forschungsschwerpunkt werden die Praxis des Green Filming, Narrative von Zukunftsdarstellungen und -erzählungen (Dystopie, Utopie, Solarpunk, Hopepunk) und auch der Gegenwartserzählungen (Filme über Klimaaktivismus) in Film, TV, Internet und Games mit narratologischen, genreanalytischen, ikonologischen, diskursanalytischen, und kommunikationswissenschaftlichen Methoden sowie Ansätzen der Production Studies (Green Filming) erforscht.
Digitale Medien und gesellschaftliche Themen/politische Kommunikation
Eine zentrale Frage bei diesem Forschungsschwerpunkt lautet, inwiefern mediale Partizipation im Kontext audiovisueller Praktiken demokratische Teilhabe fördern kann. Hierfür werden interdisziplinäre Ansätze verfolgt (partizipations- und demokratietheoretische Ansätze aus der Politiktheorie, Kommunikationswissenschaft, Philosophie, Medien-, Literatur- und Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte). Ein besonderer Fokus liegt dabei auch auf der Frage, welche Potenziale und Risiken partizipativ organisierte und aktivistische Medienprojekte für Aushandlungsprozesse von postmigrantischer Teilhabe besitzen. Ähnliche Fragestellungen werden jedoch auch an den Aktivismus der politischen Rechten herangetragen. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Forschungsbereichs liegt daher in der historischen Analyse von Bildstrategien sowie visuellen Imaginären ausgewählter rechter Parteien in Deutschland, Frankreich und Italien. Diese Untersuchung erfolgt unter Rückgriff auf die Methoden der politischen Ikonologie sowie unter Nutzung des Bildarchivs des Bildindex für Politische Ikonologie, der im Warburg-Haus angesiedelt ist.
Practice Research
Unter dem Begriff der practice research werden eine Reihe von Forschungsansätzen zusammengefasst, die die Produktion medialer Artefakte (Filme, Webseiten, Ausstellungskonzepte) als Teil des Forschungsprozesses verstehen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen ein Zusammendenken von Theorie und Praxis: Praktisches Arbeiten wird hier als theoriegeleitet verstanden und ist selbst wiederum ein theoretisches Erkenntnisinstrument.
Themenfelder der medienwissenschaftlichen practice research umfassen beispielsweise
1. kuratorische, editorische und geschichtsvermittelnde Medienpraktiken von Museen, Gedenkstätten, Onlineausstellungen u.a., in denen die Medialität von Erinnerungskulturen untersucht wird.
2. das Zusammenspiel von Akteuren, Technik, Ästhetik und Handlung in Form von medialen Milieus etwa von basisdemokratischen Projekten, Stadtteilprojekten o.ä., das mit Hilfe von medienethnografischen und -soziologischen Ansätze untersucht werden kann.
3. medienästhetische Fragestellungen, die bild- und filmtheoretische Reflexionen mit der Umsetzung in Experimental-, Essay- und Dokumentarfilmen wie auch VR und AR untersuchen.