Akademischer Nachruf auf Prof. Dr. Jörg Schönert(1941-2026)
28. Mai 2026, von Webredaktion IfG
Jörg Schönert war ein Liebhaber der Literatur und des Theaters, ein begeisterter akademischer Lehrer, ein dem, wenn man so will, rationalistischen Paradigma verpflichteter Literaturwissenschaftler, ein Wissenschaftsmanager, Koordinator von Belangen dieses Instituts, DFG-Gutachter und Mitglied im Ausschuss für Sonderforschungsbereiche der DFG, außerdem ein ehemaliger Basketballspieler, für dessen Arbeit die Grundsätze von Teamfähigkeit und Fairness galten.
Zu Jörg Schönerts kindlichen Urerfahrungen gehörte der Blick auf die brennende Heimatstadt: Jena, auf das Grauen des Zweiten Weltkriegs, das ihn auch wissenschaftlich beschäftigen sollte. Er studierte Germanistik und Anglistik an der Universität München, in Reading (GB) und Zürich; er lehrte an den Universitäten München, Heidelberg, Aachen und fast 25 Jahre lang in Hamburg.
Jörg Schönerts Arbeitsschwerpunkte waren zeitgemäß und zugleich traditionsreich: Dissertation und die Habilitationsschrift widmete er der Satire und dem satirischen Schreiben im 18. Jahrhundert. In der Folge entwickelte er – sukzessive und parallel – eine Vielzahl von Schwerpunkten, der Reihe nach: Seine Befassung mit Carl Sternheim führte ihn an das Theater heran, oder umgekehrt, sein Interesse für das Theater leitete ihn in den 1970er-Jahren zu Carl Sternheim und zu einem – mehr oder minder – ausgeprägten Interesse für das Aufführen von Literatur, das sich in den 1990er-Jahren in Seminaren und Publikationen über George Tabori und dessen Inszenierungen ausdrückte. Gemeinsam mit Erika Fischer-Lichte publizierte er über den Kulturwandel des Theaters im 18. Jahrhundert.
Damals aktuellen Strömungen der Literaturwissenschaft folgend, befasste sich Jörg Schönert mit der Sozialgeschichte der Literatur. Mit dem Münchner Buchhistoriker Georg Jäger untersuchte Jörg Schönert die Leihbibliothek als Institution und begründete die Forschungsgruppe „Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1770−1900“ mit; gemeinsam mit Renate von Heydebrand, Dieter Pfau und anderen Mitgliedern der Münchner Forschungsgruppe entwickelte er in den 1980er-Jahren ein struktur-funktionalistisches Untersuchungsmodell für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 1986 gründete Jörg Schönert mit vielen Fachkollegen die Hamburger „Arbeitsstelle für Sozialgeschichte der Literatur“; 2005 wurde sie als „Arbeitsstelle für Geschichte des Wissens und der Literatur“ neu konzipiert.
Aus diesem methodischen und historischen Interesse entstand ein großer Schwerpunkt im Bereich der Kriminalliteratur in bezug auf die narrativen Strukturen des Strafrechts, den Jörg Schönert auch gemeinsam mit dem Juristen Joachim Linder und später mit Marianne Wünsch und Claus-Michael Ort verfolgte. Ein weiterer – historischer – Schwerpunkt lag auf der Moderne, der klassischen und weniger klassischen, dem Expressionismus etwa.
In den 1980er- und 1990er-Jahren, im Zusammenhang mit dem Methodenstreit innerhalb der Literaturwissenschaft, entstanden, gemeinsam mit Lutz Danneberg, Friedrich Vollhardt und Hartmut Böhme, einschlägige Publikationen über den Umgang mit Literaturgeschichte und die Internationalität der Literaturwissenschaft. Dieser Arbeitszusammenhang war so produktiv, dass er Jörg Schönert zum einen in die Praxeologie der Literaturwissenschaft, zum anderen in den Bereich der Wissenschaftsforschung und Wissenschaftsgeschichte führte.
Georg Jäger und Jörg Schönert widmeten sich der germanistischen Berufspraxis und loteten aus, in welchen Arbeitsfeldern sich seine Studierenden künftig finden würden. Kritisch untersuchte Jörg Schönert die praxisbezogenen Studiengänge im Feld der Literatur- und Kulturwissenschaft und reformierte, auch gemeinsam mit Hamburger Fachkolleginnen und -kollegen, immer wieder die Einführungskurse, um der jeweils neuen Studierendengeneration ein zeitgemäßes Fachwissen zu bieten.
Das Verhältnis der Literatur zu den Wissenschaften wurde Jörg Schönert zu einem Leitthema, das seine Tätigkeit über Dekaden bestimmen sollte: Mit Karl Richter und Michael Titzmann erforschte er Differenzierungs- und Adaptationsprozesse von Literatur und Wissenschaften in den Jahren von 1770 bis 1930. 1998 rief er ein großes DFG-Symposion über „Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung“ ins Leben, das allzu schlichte Muster der personenbezogenen Wissenschafts-geschichtserzählung ablösen und methodisch avancierte Tendenzen der Wissenschaftsforschung aufnehmen und weiterentwickeln sollte. Mit Lutz Danneberg, Friedrich Vollhardt und Sandra Richter arbeitete er Formen des Umgangs mit religiösen Deutungsmustern und Prozesse der Ablösung von denselben auf, die mit dem Stichwort der Säkularisierung nur grob bezeichnet sind. Das Nachdenken über die Hermeneutik und die textinterpretierenden Disziplinen stellte Jörg Schönert im Austausch mit Lutz Danneberg und Friedrich Vollhardt in den Mittelpunkt der fachhistorischen und -systematischen Aufmerksamkeit.
In seinen späten Jahren, bis weit nach der Pensionierung, führte Jörg Schönert das wissenschaftshistorische Interesse fort. Gemeinsam mit Ralf Klausnitzer und Wilhelm Schernus suchte er die akademische Persönlichkeit von Wilhelm Emrich zu modellieren, die auf problematische Weise in den Nationalsozialismus verstrickt war und später entschieden „Vergangenheitspolitik“ betrieb. Noch 2025 publizierten Jörg Schönert und Wihelm Schernus eine Monographie über den NS-Germanisten Franz Koch, der biologistischen Ansätze des Regimes in der Literaturanalyse beförderte.
Auch das Erzählen und seine Theoretisierung beschäftigten Jörg Schönert über die Pensionierungsgrenze hinaus. 1998 rief der Hamburger Slavist Wolf Schmid die Forschungsgruppe Narratologie ins Leben, Klaus Meyer-Minnemann, Peter Hühn, Hans-Harald Müller und Peter Hühn machten mit. Eine Buchreihe im Verlag Walter de Gruyter entstand, seit 2002 wurde die Forschungsgruppe von der DFG gefördert, 2004 wurde sie in „Interdisciplinary Center for Narratology“ umbenannt. Gemeinsam mit Peter Hühn reformierte Jörg Schönert dabei die Lyrikanalyse, indem er die in die Jahre gekommene Terminologie der Lyrikforschung mit der sich rasant und differenziert entwickelnden Erzählforschung konfrontierte.
Bei all dem verlor Jörg Schönert die Literatur selbst nicht aus dem Blick: Zu Beginn der 1970er-Jahre editierte er Lessing, 2013 bearbeitete er Band V der hanserschen Lessing-Ausgabe, der sich Lessings Literaturkritik, Poetik und Philologie widmete. 2013 gab er mit Hartmut Vinçon Frank Wedekinds Erzählungen und Romanwerk heraus. Wer Jörg Schönert kannte, wusste, dass er sehr skrupulös, zugleich aber auch ausgelassen sein konnte. Gern gebrauchte er einfache Anführungszeichen, um sich von allzu harschen oder pauschalen Begriffen zu distanzieren, beispielsweise hätte er das eingangs zitierte ‚rationalistische Paradigma‘ in solche Anführungszeichen gesetzt, die sein Schülerkreis entsprechend scherzhaft „Jörgls“ taufte. In der Zusammenarbeit konnte er aber auch resolut auftreten: „Schreiben Sie schon mal den Schluss“, hieß es einmal, als er gerade keine Zeit hatte, den Anfang eines gemeinsamen Beitrags für einen Sammelband über Tabori zu schreiben.
Gelebt hätte Jörg Schönert am liebsten zur Zeit des Expressionismus, als die Strenge des Kaiserreichs nicht mehr trug, Neues aufbrach, die Künstler miteinander publizierten und feierten. Denn auch das gehörte für ihn dazu: der Einführungskurs mit Blockseminar, wo man abends in der Jugendherberge zusammensaß, das Oberseminar, das in der Kneipe endete. Jörg Schönert war bescheiden, wollte dem Bild des Großordinarius etwas entgegensetzen – und dies mit Stil, denn Stil war ihm wichtig, vor allem natürlich: im Text, dem zu analysierenden wie dem selbst zu schreibenden. Was nicht im Bild blieb oder schlecht klang, führte zu Unmut des sich streng kontrollierenden Wissenschaftlers. „Ja, meine Dame, das mag der Sinn der Dichtung sein, den Tod zu beschwatzen und hinzuhalten“, sagt Schlomo Herzl, der Gegenspieler Hitlers, in George Taboris „Mein Kampf“. Jörg Schönert wäre es zu wünschen gewesen, dass die Literatur seinen Tod noch etwas länger aufgehalten hätte.
Mit Jörg Schönert verliert das Institut für Germanistik der Universität Hamburg einen engagierten, vielseitigen und umsichtigen Wissenschaftler, einen beeindruckenden akademischen Lehrer und einen Kollegen, der das Institut über viele Jahre mitgeleitet und geprägt hat.
Der akademische Nachlass von Jörg Schönert befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Sandra Richter
Hier finden Sie den akademischen Nachruf auf Prof. Dr. Schönert auch noch einmal als PDF zum Download.
