Projektberichte und Ergebnisse
Das Projekt startete am 01.01.2025. Momentan erstellen wir das Korpus und besprechen das weitere Vorgehen. Wir konnten allein in den Korpora des Digitalen Wörterbuchs des Deutschen bereits über 100.000 Belege für verschiedene Varianten der Kurzwörter finden.
In den letzten Monaten konnten einige Fortschritte erzielt werden. Nach der Implementierung der aus dem DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache) gewonnenen Daten in die DATS (Discourse Analysis Tool Suite) des HCDS (Hub of Computing & Data Science) wurden bereits 8147 Dokumente vollständig annotiert. Erste Analysen zeigen, dass in den annotierten Daten 11.302 Belege für Kurzwörter vorkommen, zudem 1.175 Auflösungen und 82 Verweise.
Außerdem wurden verschiedene Formen der Kurzwörter sowie deren Auflösungen auf (queeren) Websites, in Satzungen von politischen Parteien und queeren Vereinen und in Glossaren erhoben. In den nächsten Monaten sollen möglichst viele Dokumente von der studentischen Hilfskraft annotiert werden. Damit soll eine breite Datengrundlage geschaffen werden, sodass weitere Daten ggf. mit KI-Unterstützung – inklusive manueller Kontrolle – annotiert werden können.
Die Sommermonate waren sehr ertragreich, denn es konnten insgesamt 24.739 Dokumente annotiert werden. In den annotierten Daten kommen 33.139 Belege für Kurzwörter vor, zudem 2.430 Auflösungen und 297 Verweise. In den nächsten Wochen erfolgen die Auswertungen, damit die Ergebnisse auf einer geplanten Abschlussveranstaltung im Dezember vorgestellt werden können. Weitere Informationen folgen.
Projektergebnisse
Das von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld geförderte Projekt „L, S, B, T, I, Q, A und */+? – Sprachliche Sichtbarkeit von queeren Menschen“ hat untersucht, wie verkürzte Personenbezeichnungen wie LGBT, LGBTQ oder LSBTIQ* im Deutschen verwendet werden und welche Bedeutung sie für die sprachliche Sichtbarkeit queerer Menschen haben. Ziel war es, erstmals umfassende empirische Daten zu diesen Kurzwörtern zu analysieren und ihre Formen, Häufigkeiten und Bedeutungen systematisch zu erfassen.
Grundlage der Untersuchung war ein großes Korpus aus dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) mit 84.186 Belegen aus Onlinequellen. Ergänzend wurden Definitionen und Verwendungen aus Wörterbüchern sowie von queeren Organisationen analysiert. Ein Teil der Daten wurde manuell annotiert und quantitativ wie qualitativ ausgewertet.
Ergebnisse auf einen Blick
Insgesamt wurden 30.453 Kurzwörter annotiert und analysiert. Dabei konnten 169 unterschiedliche Formen identifiziert werden. Ein Großteil dieser Varianten tritt selten auf: 55 Formen kommen nur einmal vor, 114 Formen erscheinen mehrfach. Trotz dieser Vielfalt konzentriert sich der tatsächliche Sprachgebrauch stark auf wenige Varianten. Am häufigsten finden sich LGBT, LGBTQ und LSBTIQ*. Fasst man Grundformen und Varianten mit Sonderzeichen (+ und *) zusammen, dominiert LGBT- deutlich gegenüber allen anderen Formen.
Ein weiteres Ergebnis betrifft den Einsatz von Sonderzeichen. Rund 16 % der Belege enthalten einen Asterisk (*), etwa 14 % ein Pluszeichen (+). Dabei zeigen sich Präferenzen: Kurzwörter mit LS- treten häufiger mit Asterisk auf, Kurzwörter mit LG- tendieren stärker zum Pluszeichen.
Entgegen verbreiteter Annahmen zeigt die Analyse, dass Kurzwörter nicht unbegrenzt länger werden. 99 % der untersuchten Formen bestehen aus vier bis acht Elementen. Sehr lange Varianten bleiben eine Ausnahme. Dies spricht gegen die These eines unkontrollierten „Wucherns“ der Kurzwörter und deutet stattdessen auf relativ stabile Konventionen im Sprachgebrauch hin.
Auffällig ist auch die uneinheitliche Auflösung bestimmter Elemente: Für T (z. B. trans, transgeschlechtlich, transident), und I (z. B. inter, intergeschlechtlich, intersexuell). Diese Variation betrifft sowohl die verwendeten Begriffe als auch deren Häufigkeit. Andere Elemente wie L, G oder B werden dagegen einheitlich aufgelöst. In vielen Fällen enthält das Kurzwort ein Q (für queer), ohne dass queer in der ausgeschriebenen Form tatsächlich erscheint. Ähnliche Inkongruenzen finden sich teilweise auch bei I. Neben direkten Auflösungen wurden auch indirekte Definitionen identifiziert. Diese können: einschränkend sein (z. B. „Homosexuellenverband LGBT“), oder ausweitend (z. B. „nicht heterosexuelle Menschen“). Darüber hinaus existieren implizite Verwendungen, bei denen Kurzwörter nicht primär auf Personen, sondern auf abstrakte Konzepte oder Politikfelder verweisen (z. B. „Diversität der Gesundheitspolitik (LGBTQIA+)“).
Die Ergebnisse wurden einer öffentlichen Abschlussveranstaltung am 18.12.2025 an der Universität Hamburg mit dem Titel „Queere Sichtbarkeit“ vorgestellt und diskutiert. In Weiterführung des Projekts findet zurzeit eine Umfrage statt (Link: https://umfragen.uni-hamburg.de/index.php/349914?lang=de). Die umfassenden Projektergebnisse werden in der nächsten Zeit veröffentlicht.